• Unter musikalischen Träumern

    Ich habe viele Konzerte besucht, aber es war keins dabei, bei dem ich mir wirklich die Augen und Ohren rieb – war das Wirklichkeit oder waren das Träumereien? Woher kamen diese Weltmusiker auf die kleine Insel am Ende der Welt? Mir fiel zu Beginn des Konzertes die halbrunde Positionierung der Instrumente auf. Dass Torsten de Winkel meist linksaußen Gitarre spielt, wusste ich. Aber bei diesem Konzert orchestrierte er als Zeremonienmeister aus dieser Position in einem kleinen Abstand zu den Musikern, die er immer im Auge behalten musste. Wenn sich Träumer zusammenfinden, Festivalname war „Ronda de Sõndores“, muss einer hellwach bleiben, in dieser launigen Spielrunde waren sie aber alle hellwach.

    Sie jammten mit kleinen gegenseitigen Signalen drauf los.Torsten gab den Ton zusammen mit den beiden etwas erhöhit sitzenden Schlagzeugern an. Gleich bei dem ersten Stück wusste man, dass hier eine „edle Soundkutsche“ abfahren würde. Da wurde auf Instrumenten gespielt, die einen jenseitigen Klang erzeugten. Die Gitarren wurden von Schlagwerken, Bandoneon, Kontrabass, Trommeln, Tastinstrument, Saxophon, Klarinette, Trompete, Sitar begleitet. Wahrscheinlich habe ich nicht alle Instrumente auf der Bühne entdeckt. Oder woher kamen die fernen, melancholischen Töne – vielleicht vom Mischpult?

    Und woher kamen die Musiker, die sie bespielten? Wo hatte sie Torsten gefunden und einladen können? Sie kamen aus Russland, Uruguay, Senegal, Venezuela, Italien und all den kanarischen Inseln. Zum Beispiel die Sängerin Luisa Machado, eine Göttin der kanarischen Folklore, die ausgezeichnet und bewundernswert den Jazz mit der hiesigen Folklore fusionierten konnte. Auch die zweite Sängerin, Almudena Viver, spanischer und venezuelanischer Herkunft, hatte einen sehr sinnlichen Auftritt. Mit ihrer starken Stimme sang sie auch amerikanische Klassiker und bewegte sich lasziv und minimalistisch dazu. Den Zustand von „Wohnzimmerträumereien“ lösten bei mir die Bandoneonklänge aus sowie „Cuccurrucuu“ – samtweich von dem wunderbaren jungen Senegalesen Ismail Ah gesungen. Dass gleich drei Bläser von höchster Qualität auftraten, war ein intelligenter Coup von Torsten, der damit seinen Jazz Club präsentierte.

    Das zahlreiche Publikum blieb begeistert bis zum Schluss des Konzertabends auf offener Bühne. Unbedingt erwähnenswert ist noch der „homegrown“ Fotograf Alexis W, der mit seinen sinnlichen Porträts von den Inselbewohnern das sehr hohe künstlerische Niveau ergänzte. Die Zugabe trieb nicht nur mir die Tränen in die Augen. Hier fand ein Event statt, das den Jazz auf El Hierro wieder salonfähig machte, und Begegnungen verschiedener Kulturen ermöglichte.

    An den Gitarren Torsten de Winkel und Santi Roque und Hector Quintana
    Am Schlagzeug Ramon Diaz und Anzog Miranda
    Sitar Amit Miskra
    Perkussion Sergey Saprychev(Russland)
    Saxophon Kike Perdonne
    Trompete Idafe Perez
    Klarinette Norberto Arteaga
    Bandoneon und Kontrabass Juan Carlos Baeza(Uruguay)
    Tastinstrument Gino Marcelli (Italien)

  • Flughäfen sind Inspirationsquellen

    Ich frage mich immer, wohin so viele Menschen reisen. An ihrer Kleidung kann man ihre Herkunft abschätzen, man weiß aber nicht, was ihr Ziel ist. Auf den Flughäfen gibt es keine Kleiderordnung, jeder trägt, was er will. Man sieht die Bermudashorts neben dem Smoking, das Minitop neben den langen Hippieröcken. Bei der herrschenden Hitze zur Zeit ist es nicht erstaunlich, dass manche junge Frauen viel Körper zeigen. Ich lese nie an Flughäfen, es ist viel zu interessant zu schauen, was da in den langen Laufstegen passiert. Welche Geschichten, welche Geheimnisse laufen da an mir vorbei? Es ist auch interessant, dass die Fliegerschwarmintelligenz immer nur zwei Richtungen kennt, Querläufer haben es schwer.

    Ich bin auf meinem Rückflug auf meine Insel mit Zwischenstopp auf Menorca. Der erste Eindruck lädt ein, wiederzukommen. Es herrscht ruhiges freundliches sauberes Mittelmeer Ambiente. Menorca hat das Glück, im Schatten von Mallorca zu liegen.

    Mein Abschiedsaufenthalt führte mich in einen Raum bei einem Freund, wo nur Musik als Ausstattung vorhanden war. Überall Kabel, Geräte, Schallplatten und CDs. Ich habe mal die herumliegenden CDs fotografiert, um Euch zu fragen, ob Ihr die Musik kennt und ggfs schätzt.

    Paul Bley, Gary Peacocks, Paul Motian: „Not two Not one“ // Freddy King: „Getting Ready“ // Franci Elt‘ok Jazz // Vintage Taj Mahal: „The complete 1971 performance” // Chubby Carrier and the Bayou Swamp Band: „WHO stole the HotSauce” // Travis: „12 Memories” // Hanna Paulsberg Concept // Magnus Pro: „Daughter of the sun” // Harald Haerter: „Cósmic”

  • Kate Wolf and Jesse Ballard

    Bei unserem kurzen, aber intensiven Austausch in Düsseldorf bat mich Michael darum, mal was über meine Zeit in San Francisco zu schreiben. 

    Ich lebte Ende der 70er Jahre in Haight Ashbury, also mitten im „Music Meltingpot of the 70‘s“. Neben den Maestros – Garcia und Weir – and singing beauty queens wie Grace Slick gab es scheue Musiker, die mich bis heute inspirieren, lebendig machen und zu den Werten des Daseins ein erfreuliches Bewusstsein verströmen. 

    KATE WOLF war eine Protagonistin der feinen Töne, leider mit 44 Jahren verstorben. Sie singt über die Liebe “First Love of my life” mit ruhiger Samtstimme und einfachen Gitarrenakkorden. Sie beschwört vollkommen kitschlos “Green Eyes”. Mit diesem Lied kam sie mir näher, aber tief erwischt hat sie mich mit “The Wind Blows Wild”. Sie singt mit ruhigem Timbre eine lange Ballade über den Abschied vom Leben. Es ist ihr letzter Song vor ihrem Tod. 

    JESSE BALLARD kam aus Santa Barbara, wo ich einige Vorträge an der Uni, auf dem Boden liegend, angehört habe. Jesse ist auch schon gestorben. Vor drei Jahren in Berlin. Jeder, der im „Rickenbakers“ verkehrte, kannte Jesse. Sein Song “Mac” wurde von allen leise mitgesummt. Er singt über seinen Freund Mac, der aus dem Vietnamkrieg in einem „dark green bag“ zurückkehrte. Jesse singt mit starker Stimme die berührenden Balladen aus unserer Zeit. Immer wieder kehrte er zurück nach Southern California. Den letzten Trip schaffte er nicht mehr lebend, seine Frau holte ihn in Berlin ab. Jesses Lieder, die er alle selbst geschrieben hat, und am Klavier oder an der Gitarre begleitet, sind beides, lebendig und schwermütig, kãmpferisch und friedliebend. Ich mochte ihn sehr. Traf ihn natürlich im Rickenbakers. 

    Es gibt einige Videos auf YouTube, die unser gemeinsamer Freund Paul Stutenbäumer gedreht hat, sehr sehenswert, weil alle kleine Geschichten aus dem Leben erzählen.

  • Abschiedskonzert für Monika

    Sie war von der Jazzmusik begeistert.

    Immer wenn sie Swing hörte, war sie voller Lebensfreude. Sie hatte einen feinen, erlesenen Musikgeschmack. Sie sagte einmal,besonders der Swing vermittle ihr ein freies Lebensgefühl. 

    Ich habe ihr zu Ehren ein Konzert zusammengestellt, das ihr sicher gefallen hätte. 

    Weil sie so plötzlich von uns gegangen ist, möchte ich das sehr emotionale Stück von Keith Jarrett vom Kölner Konzert zuerst auflegen. Und zwar die ZUGABE. Keith war damals sehr erschöpft, auch von den widrigen Umständen, die das Konzert mit sich brachte. Trotzdem gab er diese zarte Abschiedsmelodie als Zugabe. Es ist ein sehr emotionales Stück, das unsere Abschiedsstimmung von Monika zulässt und trägt. 

    Ruby, oder soll ich liebevoll Monika sagen, my Dear, ist das zweite Stück, das ich für sie spiele. Rist von Thelonious Monk, den sie so sehr schätzte. Sie mochte den “ inneren Swing” von den Stücken BLUE MONK und BLUEHAWK. Sie meinte, diese Musik stärke sie. Ich spiele sie. Und gleich danach die tiefen, nachdenklich machenden Balladen, die ich auf dem Album “ Alone in San Francisco” finde. REFLECTIONS ist das stillste, tiefste Soloklavierstück von Monk. Mir bringt es warme Erinnerungen an sie zurück. 

    Monika war eine kluge, selbstbewusste Frau, immer authentisch. Sie hat sich von keinem vorschreiben lassen, wie sie ihr Leben gestalten soll. Sie stand auf den Straßen von El Hierro, das Palästinenser Tuch um den Kopf gewickelt und protestierte lauthals gegen die Gräueltaten an den palästinensischen Kindern. Deswegen habe ich das energetische, optimistische Stück ausgesucht: LONG AS YOU KNOW YOU RE LIVING YOURS

    Natürlich darf Billie Holiday nicht fehlen. Monika hatte einen guten Humor. Oft sprachen wir über das Bild der Frau in der heutigen Gesellschaft. Ich denke an  dem bittersüßen Song  LOVE ME OR LEAVE ME hätte sie ihre Freude gehabt. 

    Für den Konzertabschluss wàhlte ich noch einmal was aus der Swing Ära. IN THE MOOD von Glenn Miller, nicht den BigBand Sound sondern eine sanftere Version, die zum Abschiedslied ADIÓS passt. 

    Monika ist jetzt dort, wo der Swing niemals aufhört. Wir begleiten sie mit dieser musikalischen Reise. 

  • Das Kennenlernen bei Heimspielen

    Jeder Musikbegeisterte hat es schon mal  erlebt. Man steht unter wildfremden Konzertbesuchern und hat das Gefühl, eine große Familie zu sein. Am intensivsten hatte ich diese Vertrautheit auf Bob Dylan- und Grateful Dead-Konzerten. 

    Am Wochenende spielten die Toten Hosen in Düsseldorf. Sie sind bekanntlich aus Düsseldorf und ich bin zur Zeit in der Stadt. 100000 Fans aus der ganzen Welt ebenfalls. Campino machte Ansagen in der U Bahn, seine Bandmitglieder fuhren mit dem Fahrrad durch die Altstadt und begrüßten die Fans. Mehr Nähe geht nicht. Während meiner Arbeit im Goethe-Institut habe ich immer wieder die Texte der Toten Hosen besprochen. Das neue Abschiedslied “Düsseldorf” ist der Band von der Lyrik her nicht so gut gelungen, Köln und Bochum machten es besser. Aber keiner kann die Wehmut, die Liebe zu seiner Heimatstadt, gesanglich so rüberbringen wie Campino. Ich war nicht im Stadion, unterhielt mich aber mit einigen Fans, die in einer stundenlangen Warteschleife für ein T-Shirt anstanden. Sie waren von dem Auftritt begeistert: Campino hätte alles gegeben, er sei ja nicht immer so gut wegen Drogenkonsums dabei gewesen. Ich lernte einen Mann kennen, auf dessen T Shirt “Scheiss Wessi” stand. Ich fragte ihn, ob er die Toten Hosen aus DDR-Zeiten kennen würde. Er nickte. Sagte aber sonst nichts. Schade, dass anscheinend in der Musik und im Sport die Unterschiede immer noch groß sind. 

    Mich würde interessieren, ob die neuen Flowys, die ja viel jünger sind als ich, mit der Neuen Deutschen Welle, die ja wie die Toten Hosen im Ratingerhof gegründet wurden, etwas anfangen können. Oder ob sie begeisterte Kraftwerker sind. Ich würde Euch gern besser kennenlernen. Schreibt doch mal was. 

  • Die ELV

    Eigentlich wollte ich über den ESC schreiben. Jetzt ist ein Wunder dazwischen gekommen. Ein kleines Dorf im Saarland versetzt mich in meine frühe Jugend. Ich bin in Kaiserslautern aufgewachsen, Alsenborn liegt 20 Minuten Autofahrt entfernt. Wir hatten zum Glück einen alten Ford, denn, genau wie in Elversberg ,gibt es dort bis heute keinen Bahnhof. Aber in Alsenborn wohnte Fritz Walter unter 7500 anderen Dorfbewohnern. Als Alsenborn in die Oberliga aufstieg, war der Run auf das Dorf nicht mehr zu stoppen. Auch wir waren bei jedem Spiel dabei. Daran muss ich heute denken, als ich die Nachricht vom Aufstieg des SV Elversberg hörte. Der Durchlauf vom dörflichen Bolzplatz bis zur dritten, dann zweiten und jetzt ersten Liga ist eine spannende, bewundernswerte Fussballgeschichte. 12000 Einwohner, davon sind 7500 Mitglied in ihrem Verein. Das ist grandios. Dorthin beame ich mich heute, in das Stadion an der Kaiserlinde, in den Sound der Vereinshymne: Wir allen lieben Elversberg.

  • Valie Export R.I.P.

    In den 70er Jahren staunten Frau, Mann und Hund nicht schlecht in der Wiener Innenstadt.Dort spazierte Valie mit ihrem Peter an der Leine durch die Straßen. Peter Weibel war damals ihr Freund, später gehörte er dem geistig kreativen Dreigestirn an, zusammen mit Sloterdijk und Boris Groys in Karlsruhe. Auch Valie war sehr einfallsreich, mutig und die erste Frauenaktivistin, die sich künstlerisch gegen die Männerwelt ausdrückte. Berühmt wurde sie mit ihrer Kiste mit zwei Löchern, darunter ihr nackter Oberkörper. Peter schrie den Passanten zu, bitte anfassen. Valie erlaubte den Männern 33 Sekunden ihre Brüste zu betatschen und es waren nur Männer, die sich das nicht entgehenliessen. Valie Export wollte mit ihren spektakulären Körperaktionen auf die männliche Dominanz – auch in der Kunst – aufmerksam machen.Sie drehte zu diesem Thema Filme, die es in sich hatten. Ich besuchte zwei ihrer Ausstellungen und da hing kein Schild mit Triggerwarnung : “ Die Fotos könnten irritieren“ an der Museumstür. Auch in der Medienkunst war sie Protagonistin. Wenn man bedenkt, dass Baselitz der Meinung war, Frauen können nicht Kunst und Anzinger seinen Kunststudentinnen nach Lust und Laune unter das T-Shirt fasste und nicht suspendiert wurde, dann wird einem bewusst, wie wichtig die mutige, witzige Künstlerin war.

  • Das Narrenschiff

    Eine schmale Straße führt über einen Walnussbaumhain hinunter zur halbverlassenen Fischersiedlung. Ein harter Steinschlag hatte in der letzten Woche die meisten Dächer der alten Fischerhäuschen zerstört. Der steile Weg hinunter zu der alten Siedlung ist gesperrt. Von oben kann man den Schaden sehen, ich kann also fotografieren. Ein paar Meter vor dem Abgrund steht ein einsames Hostel mit einem kleinen Café. Ich gehe hinein und komme mit dem jungen Betreiber ins Gespräch. Er ist Franzose, Er nimmt ein Buch von den Sprossen der Leiter und erzählt mir, dass er den Text von dem „NARRENSCHIFF“ aus dem Neuhochdeutschen ins Französische übersetzt hätte.

    „Quelle coïncidence! Je lis actuellement „DAS NARRENSCHIFF“ von Christoph Hein.“ Ich frage ihn, was es für eine Bewandtnis mit dem Buch auf sich habe, warum er sich die grosse Mühe gemacht hätte, dieses alte Buch von Sebastian Brant aus dem 16. Jhdt.. zu übertragen. “ Je suis un ancêtre de Sébastien Brant, mon nom est Thomas Brant.Ich kaufe das Buch, auch wegen der schönen Holzschnitte, die Sebastian Brant angeblich zusammen mit dem jungen Albrecht Dürer angefertigt hatte. In der Urfassung des Narrenschiffs geht es um Charaktere, die alle Narren sind und die Aufrufe zu Moralverhalten quasi als Spiegel vorgehalten bekommen. Ihr Vorhaben, ins Land Narragonien zu segeln, ist wegen ihrer Beschränktheit zum Scheitern verurteilt.

    Vater sag, wo ist der Projektor, ich spul den Film zurück

    DAS NARRENSCHIFF von Christoph Hein, erzählt vom Scheitern der DDR. Ihr Land „Narragonien“ war der Traum vom Sozialismus. Hein ist mit diesem Buch ein grosser Wurf gelungen. Ich habe einige Bücher über das Land hinter dem antifaschistischen Schutzwall gelesen, ich habe drei Jahre nach der Wende geholfen, unser Institut in Dresden aufzubauen und nie, wirklich nie habe ich diese Informationen erhalten, die ich jetzt in dieser Lektüre gefunden habe. In dem Buch stehen drei Männer: ein Ökonom, ein Ingenieur, ein Wissenschaftler stellvertretend für die Elite der DDR. Natürlich sind sie, ei ei ei, in der Partei. Und natürlich hat die Partei immer recht. Der Ökonom sitzt sogar im Zentralkommité, er hat mit seiner hohen Intelligenz den Überblick über den maroden Wirtschaftszustand, deutet auch seine Überlegungen an, wird aber nur belächelt. Der Ökonom ist auch Professor, er ist klug genug, fortan zu schweigen, um seine Professur nicht zu gefährden. Ähnlich verhalten sich der Ingenieur und der Geisteswissenschaftler, sie schweigen, um nicht den Strafen der Funktionäre ausgesetzt zu sein.

    Die Frage, die mich nach der Lektüre umtrieb, war, warum hat diese Elite, die den Absturz der DDR vorausgesehen hat, also die sich Gedanken über die Zukunft des Landes gemacht hatte, warum hat sie nicht mit der Treuhand zusammengearbeitet. An dem Überstülpen der sozialen Marktwirtschaft hätten sie sich doch mit den genauen Kenntnissen ihres Landes beteiligen können.Warum hat sie den Ausverkauf der DDR zugelassen? Ich finde selbst nur eine Antwort, die mich nicht zufrieden stellt. Sie waren augenscheinlich so resigniert, dass sie weiter geschwiegen haben. Die Narren Funktionäre, die zum Teil nicht einmal Schulabschluss hatten, brachten mit ihrem Traum vom Sozialismus – Mietwohnungen und gutes Essen für alle – diese Elite zum Verstummen.

    Wir segeln derzeit wieder auf einem NARRENSCHIFF. Der oberste Offizier ist ein Clown mit orangenem Gesicht. Halten wir uns den Spiegel vor und verteidigen wir unsere Werte.

  • Die Welt des Begehrens von Bodo Kirchhoff

    „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, so lautet der bemerkenswerte Titel , von dem ich sofort dachte, hoffentlich ist er nicht besser als der gesamte neue Roman von Kirchhoff. Der Einstieg war etwas schleppend, eher ungewohnt für seine Erzählweise, die mich ansonsten bei jedem Buch sofort sogartig ins Geschehen brachte. Vom Literarischen Quartett wurde sein neues Werk auch wegen dem holprigen Anfang schlecht bewertet, allein Thea Dorn sprach von Mut beim Schreiben übers Schreiben. Ja, so war die andere Kritik, es ist zu akademisch, zu intellektuell und zu detailverliebt. Dem würde ich nur dem „detailverliebt“ zustimmen und die beiden anderen Attribute mit der Welt von Bodo Kirchhoff erklären. Für das Arbeitermilieu, sagt man das überhaupt noch, ich mag den Ausdruck Prekariat nicht, hat er mal gekämpft, er war gegen den Krieg, sogar Pazifist, was Habermas nie war. Er hat sich mit den französischen Philosophen beschäftigt, da kennt er sich gut aus, mit der Psychoanalyse und dem aktuellen politischen Zeitgeschehen. Dieses Wissen benutzt er in seinem neuen Buch als „Isoliermasse“, um die eigentliche Erzählung: ein Ehemann verliert seine Frau und versucht sie zurückzugewinnen, zu polstern. Er begehrt sie immer noch, ob wohl sie mit anderen Männern unterwegs ist, vor allem sexuell.Bodo Kirchhoff ist für mich der deutsche Schriftsteller, der brillant über Sexualität schreiben kann.

    Nie geht ein Ausdruck ins Anrüchige oder Ordinäre, er beschreibt mit Sinnlichkeit, mit Erotik, mit Zartheit, mit Bedacht in der Wortwahl, das ist schon sehr gekonnt. Im Literarischen Quartett wurde eine Sexszene, sie will nicht, er will, als Vergewaltigung verstanden. Ich habe das nicht so gelesen. Es ist eine sehr erwachsene, reife Beziehung zwischen den Eheleuten, die sich schon lange in ihrer Sexualität auskennen, wo sich der Mann noch zuhause fühlt und die Ehefrau schon ausgezogen ist. Die erotischen Szenen, die seine Nochfrau mit einem Inder, der etwas Deutsch kann, weil seine Mutter ebenfalls aus dem Schwarzwald kommt, wie die Protagonistin, sind liebevoll, immer an der Liebe zweifelnd beschrieben. Aus der sich auflösenden Ehe gibt es eine Tochter, die sich ausgerechnet in einen Major verliebt. Das ist eventuell eine gelungene Idee, die den Bezug zu der Beschäftigung des Vaters mit dem Thema „eine Welt ohne Waffen“ herstellt. Diese Szenerie hat den Gestalten vom Literarischen Quartett gefallen, mir eher nicht, ich fand sie zu steif, zu bieder, fast konservativ. Dass sich die Mutter mit Phantasien über das Sexleben ihrer Tochter mit diesem Major Gedanken macht, fand ich unnötig, im Gegensatz zu dem analytischen Erzählen von Kirchhoff über die totale Kommunikation zwischen Liebe, Sex und Geist, die sie mit einem Liebhaber erlebt hat, das ist grossartig beschrieben. Der Tod ihres Liebhabers bringt die Eheleute noch einmal zusammen, sie weiss genau, das es zu Ende ist, während ihr Mann noch im Unbefreiten dümpelt. Solch ein Beziehungsauseinanderfallen nicht kitschig oder tränenreich beschreiben zu können, ist bei Kirchhoff wirklich meisterhaft geschrieben.

    Ich empfehle den Roman, auch weil er mein Wissen seit Studentenzeiten auffrischt.

  • Atlantische Entdeckungen: Die Insel Cies und die Musikerin Cristina Pato

    Im NW von Spanien liegt vor der galizischen Küste die Insel Cies im Atlantik.Um sie zu besuchen, braucht man eine Genehmigung, da sie ein naturbelassener Ort ist. Wir traten die Reise von Vigo aus, der Hauptstadt von Galizien, an. Es war mein zweiter Versuch, in das Paradies vorzudringen, der erste war an den hohen Atlantikwellen gescheitert. Von Vigo aus ist die Anreise über den Fluss Ria, der direkt in den Atlantik mündet, in ca 40 Minuten zu bewältigen. 2007 stand im The Guardian, dass Cies wegen seiner Strände weltweit die schönste Insel sei. Wenn man auf einer strandarmen Insel lebt, wie ich auf El Hierro, wo es nur Meerwasserschwimmbecken gibt, ist man schon besonders beeindruckt von dem grossen, sichelförmigen, weissen Strand, der einem zuerst auffällt. Das türkisgrüne Atlantikwasser besticht zudem. Es ist nicht nur der phantastische Strandanblick, der begeistert, es sind auch andere, alle Sinne weckende Eindrücke: die Zweiglimmergneise in den Granitblöcken glitzern in der Sonne, die Eukalyptusbäume tauchen uns in ein erfrischendes Waldbad, die von Wind und Wasser 300Millionen Jahre alten, erodierten, runden Blöcke lassen uns ehrfürchtig staunen und still werden. Wie unglaublich klar die Konturen sind, wie leuchtend die Farben. Auf diese Insel kann man nur in der Karwoche und von Mai bis September reisen. Es gibt keine Hotels, nur einen kleinen Campingplatz, wo man sich ein Bett in einem Zelt mieten kann. Es gibt ein Restaurant, wo ich den besten Fisch meines Lebens gegessen habe, eine Dorade und den frischesten Käsekuchen ever. Segler dürfen nur drei Tage andocken. Es geht die Legende auf der Insel, dass nachts Prozessionen über die Wege ziehen – wer sie sieht muss sterben.

    Es ist Ostersonntag, wir gehen in die Fischersiedlung von Vigo, um einer kleinen Prozession an der Fischerkirche aus dem 16. Jhdt. beizuwohnen. Vor mir steht eine Musikerin, sie hält ihr Instrument,eng unter ihrer Tracht fest, nur ein Rohr ragt über her Schultern heraus. Ich frage sie, wie das Instrument heisst, sie sagt, das sei eine Gaita, der galizische Dudelsack. Sie spiele heute für die Prozession und den anschliessenden Tänzen.Ich ging am nächsten Tag in eine Buchhandlung, um Bücher über die phantastische galizische Küche und über Musik anzusehen. Ich sah ein Buch, auf dem Cover war die Musikerin abgebildet, die ich vor dem Kirchlein angesprochen hatte. Sie heisst Cristina Pato, ist 45 Jahre alt und gilt als die Stimme von Galizien. Ich las in dem Buch, dass sie mit vier Jahren die Gaita erlernte, später kamen Akkordeon, Geige und Gitarre dazu und dann auch Piano. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die mit vielen berühmten Musikern zusammenspielte: mit Yo Yo Ma in seinem Silkroad Ensemble, mit den Chieftains, dem Chicago Orchestra, in Indien, in China, in Brasilien spielte sie jeweils in den grossen Musiktempeln. Sie brachte die Gaita fast in die ganze Welt und zeigte, dass dieses Instrument in alle Musikkompositionen einzureihen ist. Fantastisch.

    Jetzt will sie erstmal nicht mehr auftreten, sie will sich um ihre demente Mutter kümmern, nur bei kleineren Events holt sie ihre Gaita hervor und spielt. Ich hatte grosses Glück, so einer aussergewöhnlichen Musikerin zu begegnen,

    Ich empfehle zum Einstieg in ihr grosses Repertoire das Album Migration

    Songs of Joy and Peace von dem Silkroad Ensemble von Yo Yo Ma

    Cristina Pato mit ihrem Galician Connection Festival

    Rose of the winds mit dem Chicago Symphony Orchestra

    Das Afro Latin Jazz Orchester mit Arturo O‘ Farill