„Wanda“ (Barbara Loden, 1970)

Vogelfrei in Pennsylvania
Wanda: I don‘t have anything. Never did have anything. Never will have anything.
Mr. Dennis: You‘re stupid.
Wanda: I‘m stupid?
Mr. Dennis: You don‘t want anything? You won‘t have anything. You don‘t have nothing, you‘re nothing. You may as well be dead. You‘re not even a citizen of the United States.
Wanda: I guess I‘m dead.
Ein Sehnsuchtsfilm und Geheimtipp seit Jahrzehnten. Mehrmals verpasst auf großer Leinwand: zu New Hollywood Retrospektiven in Wien 1994 oder 10 Jahre später während der Berlinale, zuletzt zur Wiederaufführung der restaurierten Fassung in deutschen Kinos.
Gut, dass Absolut Medien dieses Meisterwerk des amerikanischen Independent Films als DVD jüngst herausgebracht hat. Eine Blu-ray Ausgabe von Criterion existiert in den USA.
Das New Hollywood Kino hat zwischen 1967 und 1976 das angestaubte Hollywood Kino der Sechziger mit realitätsnahen, oft politischen Geschichten und off-beat Inszenierungen aus der künstlerischen und kommerziellen Krise geführt, bevor es selbst abgelöst wurde vom Blockbuster Kino der Gipfelstürmer George Lucas, Steven Spielberg…
„Wanda“ ist in diesem Kontext als low budget Produktion ohne große Namen 1970 entstanden. Barbara Loden hat den Film geschrieben, inszeniert und die Hauptrolle gespielt. Er blieb leider ihr einziger. Angesiedelt in unwirtlichen Arbeiter- und Kleinstadtmilieus Pennsylvanias handelt er von der titelgebenden Frau, die nachdem sie Mann und Kinder verlassen hat (müssen), sich mittellos treiben lässt und schlimme Erfahrungen mit Männern macht. Es folgt eine bizarre Bonnie und Clyde Paraphrase, die so down to earth ist als würden wir Robert Johnson lauschen. Weder Drama noch Gangsterfilm ist dieser Film, eher ein Stück direct cinema und unsentimentales road movie über die Zustände am Rande der Gesellschaft, intensiv und spannend durch die Präsenz der beiden Protagonisten.
Loden spielt Wanda als passive aber resilliente Frau, die immer weitermacht und wie die Inkarnation von „das Sein bestimmt das Bewusstsein“ erscheint. Sie ist eine Prom Queen im Kohlenstaub des Lebens (in einer Szene stakst sie in weißer Kleidung über die Kohlenhalden). Von Ida Lupino über Barbara Loden bis zu Agnès Varda reicht die Verbindung starker Filmregisseurinnen: Vardas „Vogelfrei“ ist offensichtlich von Loden inspiriert.
Es gibt in dem Berlinale Band „New Hollywood 1967-1976 Trouble in Wonderland“ (2004) ein bemerkenswertes Porträt über Barbara Loden von Hans Schifferle:
„Es gebe keine Schönheit ohne einen Hauch von Traurigkeit, hat Baudelaire einmal gesagt. Auf Barbara Loden trifft dieser Gedanke ganz und gar zu. Auf ihr Äußeres, die zierliche Figur, die sanfte Stimme und das enigmatische Gesicht, das manchmal in japanischer Weise maskenhaft erscheint und doch kaum die inneren Konflikte verbergen kann. Aber auch ihre gesamte Karriere wirkt schmerzlich schön. Ihre Theaterarbeit ist stetig, eine Art fortwährender Workshop. Ihre Auftritte in Kinofilmen sind selten. Und nur einen Film hat sie realisiert als Autorin, Regisseurin und Darstellerin, einen einzigartigen, beinahe vergessenen Film, der wie kein anderer die condition humaine im Amerika von 1970 beschreibt. Vielleicht legt sich dieses Gefühl der Tristesse im nachhinein über Lodens Oeuvre, mit dem Wissen über ihren viel zu frühen Tod im Jahre 1980. Vielleicht kennzeichnet ihre Laufbahn aber von Anfang an eine seltsame, existenzgefährdende Kombination aus Exzeß und Disziplin, möglicherweise typisch für eine eigenständige Künstlerin in jener Zeit. Der Exzeß, das ist die totale Hingabe: sich verschwenden in den Rollen. Mit der Disziplin geht einher: sich aufzureiben in der künstlerischen Arbeit. Barbara Loden ist eine Überlebenskünstlerin gewesen gegen jede Chance.
Geboren wurde die Loden in einem kleinen Ort in North Carolina. Das Image eines white trash girls hing ihr nach, obwohl sie sehr belesen war. In New York jobbte sie als Modell für die farbenprächtigen Umschläge von Pulp-Magazinen. Schließlich wurde sie Revuegirl im „Copacabana Night Club“, nebenher nahm sie Schauspielunterricht. Die Glamourfotos der Loden aus jener Zeit sind von einer bizarren Sinnlichkeit: Scharfe, rebellische Züge in einem weichen Gesicht deuten das Ende einer Ära an.
Ende der Fünfziger muß sie dann Elia Kazan kennengelernt haben. Sie wurde seine Geliebte und Vertraute, 1967 erst haben die beiden geheiratet. In zwei Kazan-Filmen hat sie mitgewirkt. In WILD RIVER, einem Film über die Eindämmung des Tennessee, spielt sie Monty Clifts einheimische Assistentin. Im passant bringt sie die Themen des Films auf einen Nenner: Hinter ihrer streng wirkenden Brille blitzen Augen auf wie wilde Strömungen hinter emotionalen Dämmen. Einen tragischen Flapper gibt sie in SPLENDOR IN THE GRASS, einem wunderbaren, beinahe hysterischen Melo über Sex und Kapital im Kansas der späten Zwanziger. Sie ist die verdorbene Tochter eines Ölmillionärs, die sich gegen den Größenwahn ihres Vaters und die Brüderie ihres Bruders (Warren Beatty) mit verzweifelten Sexeskapaden auflehnt. Obwohl von allen betrachtet, bleibt sie eine Unberührbare. Unter Kazans Regie hat sie auch erfolgreich die weibliche Hauptrolle in der Erstaufführung von „After the Fall“ gespielt, Arthur Millers Drama über seine Beziehung zu Marilyn Monroe.
Kazan und die Loden: Man könnte das Paar tatsächlich mit Miller und der Monroe vergleichen oder auch mit Romain Gary und Jean Seberg. Eine Geschichte deutet sich an bei diesen drei Paaren aus alternden Regisseuren/Autoren und jungen, natürlichen Aktricen/Musen, eine Geschichte, in der die Musen – nicht widerstandslos – zu selbständigen Künstlerinnen werden. Man sollte jedoch nicht den Fehler begehen – wie es manche feministische Kritik getan hat –, in der Beziehung Kazan und Loden nur das heilige Monster Kazan als Ausbeuter zu sehen. Auch die Loden hat in bestimmter Weise Kazan ausgenutzt. Sie hat die Kazan-Filme der frühen Sechziger, in denen schon das „New Hollywood“ schlummerte, weiterentwickelt und das Pathos in Lakonismus übersetzt. Man kann WANDA mit seiner Pygmalion-Story über einen intellektuell aussehenden Bankräuber, dessen Komplizin nach Drehbuch handeln muß, übrigens auch als Reflexion über Lodens Leben mit Kazan sehen.
WANDA ist also kein Film, der aus dem Nichts kommt, wie man auf den ersten Blick annehmen könnte. Da steckt nicht nur ein Touch von Kazan drin, da ist auch die Tradition des kontemplativen amerikanischen Kinos zu spüren, die bis auf Griffith zurückgeht. Da sind die Unmittelbarkeit und die Körperlichkeit der B-Movies zu bemerken, auch der Einfluß von Ida Lupinos Aktualitätenkino (die Idee zu WANDA basiert auf einer Zeitungsmeldung).
Ein kleines Team hat die Loden dann für die Dreharbeiten zusammengestellt, ihre ganz eigene Arbeitssituation hat sie sich geschaffen, in der lange Planung Spontaneität möglich machte. Wichtigster Mitarbeiter war der Kameramann Nick Proferes, der beim Dokumentaristen Richard Leacock in die Schule gegangen war. Proferes habe gewußt, so die Loden, wie man die häßliche Seite des Lebens zeigt, ohne daß sie häßlich wirkt. Barbara Loden selbst hat die Titelrolle übernommen: Ihre Wanda ist eine gealterte Babydoll, deren widerspenstiges Haar für die Unordnung ihrer Seele, auch für die Wut in ihrem Herzen steht.
WANDA gibt den Bankraub den Leuten zurück, denen er gehört: Keine opernhaften Figuren sind das wie in BONNIE AND CLYDE (1967), sondern Getriebene, Randexistenzen. Das Driften, hier vielleicht zum ersten Mal aus weiblicher Sicht gezeigt, hat etwas Abgründiges. WANDA präsentiert auch keinen neuen Frauentyp, was den Film eher zu einem Erfolg gemacht hätte, sondern zeigt eine authentische Frauenfigur voller Rätsel und Zwiespalt.“
(…)
2022 wurde „Wanda“ in der Sight and Sound-Umfrage des British Film Institute auf Platz 48 der 100 besten Filme aller Zeiten gewählt. Zurecht.
(TP)