• Soulfood für‘s Wochenende

    Susumu Yokota – Sakura (1999): Japanische Elektronik zwischen Ambient, Minimalismus und Deep House – ein zeitloses Meisterwerk. Von Brian Eno empfohlen und von mir 😅 *****

    Fabio Orsi – In the Quiet of a Short Winter, Every Hidden Thing Finds a Voice Sharper Than Memory (2026): Wenn Erinnerungen verblassen: langsam, fragil, melancholisch. ****

    Love Is Yes – Ghost and More Ghosts (2026): Der Bandname der Holländer ist genauso eigenwillig wie die Musik: experimenteller, intimer Pop, wunderbar entrückt – die Geister der Liebe sind allgegenwärtig.****

    Startled Insects – The Antenna Years (2026): Großartige Bristol-Ausgrabung: Post-Punk, Synth-Pop, Dub und Avantgarde aus Mitte der Achtziger – zurück in die Zukunft postmoderner Popmusik. ****

  • Der Selbstheiler Joe Tossini und sein Opus Magnum: Lady of Mine

    “They say ‘when you are in the water, you better swim’. It looks like I have been swimming most of my life, and many times against the tide. The most important thing is to have no regrets.”

    — Joe Tossini

    Der Plattendealer meines Vertrauens in Wien empfahl mir dieses Album.

    1989 als Private Pressing erschienen, wurde es dreißig Jahre später von Jägern obskurer Schätze wiederentdeckt und schließlich zu einem kleinen Kultalbum.

    Die Musik ist Lo-Fi-Lounge, Do-it-yourself-Pop. Gesang und Instrumentierung sind eigentümlich „neben der Spur“. Entfernt erinnert das an den verschollenen Kalifornier Lewis.
    Tossinis Musik könnte auch wunderbar einen Kaurismäki-Film begleiten.

    Was das Album aber so ausdrucksstark und liebenswert macht, ist die Geschichte des Mannes dahinter. Das Was und das Wie verschränken sich hier unnachahmlich.

    Davon erzählen die Liner Notes, siehe Kommentar.

  • Ein paar Jahre noch

    Ich saß gestern in einer Bonner Weinstube, las „Flowworker“ und trank ein Glas Weißburgunder.

    Nach einiger Zeit setzte sich direkt neben mich ein älteres, gutaussehendes Paar, schätzungsweise Mitte 70. Die beiden unterhielten sich angeregt über ihre Reisen.

    Als die Dame die Waschräume aufsuchte, sprach mich der Herr an. Er bedauere, dass es in Bonn nur noch ein richtiges Weinlokal gebe. Am liebsten trinke er Riesling, erzählte er mir, doch leider lasse sich diese Rebsorte in Südafrika, wo er lebe, nicht anbauen.

    Gerade erst sei er mit seiner Partnerin auf der Queen Mary 2 von New York nach Hamburg gefahren. Im November wollten sie mit der Aida zurück nach Kapstadt reisen. Das sei doch viel schöner, als zu fliegen.

    Ich sagte: „Wow, Sie unternehmen aber viel.“

    Er: „Ja, ich habe nur noch ein paar Jahre zu leben. Ich bin schließlich 91 (!) Jahre alt.“

    Ich: „Das glaube ich Ihnen nicht. Sie sehen mindestens 15 Jahre jünger aus.“

    Er, sichtlich gerührt: „Das liegt an meiner Partnerin. Sie hält mich jung.“

    Ich musste an Leonard Cohen und das Cover Motiv von „Popular Problems“ denken. 

  • Ritual Groove Music (1): Flocks – Lagoon

    Wenn ich mich recht erinnere, hat Michael diesen Begriff vor Jahren aufgebracht, um Werke von The Necks, Nik Bärtsch‘s Ronin oder Joshua Abrams‘ Natural Information Society zu beschreiben.

    Liquid Music, rhythmisch, fliessend, repetitiv. 
    Lange Stücke mit sich aufbauender hypnotischer Wirkung.

    Das im Mai erschienene Album Lagoon des Berliner Klangexperimente Duos Flocks, Werner Durand und Uli Hohmann, würde ich dazu zählen. 

    Seit Monaten zieht mich das Titelstück in seinen Bann. 

    Eine schöne Besprechung liefert Vito Camarretta (chaindlk.com) aus der ich einige Passagen zitieren möchte:

    „The Berlin duo’s second album follows their self-titled 2023 debut, extending an approach based on Durand’s drones and winds, Hohmann’s percussion and strings, and an assortment of electronics. The palette is remarkably tactile: tenor saxophone, extended shakuhachi, pan-ney, circular water ney, frog horn, PVC clarinets and horns meet daf, kanjira, riq, ghatam, Tibetan bells, Venetian shells, bamboo-tube zither and other homemade devices. It is quite a list. One suspects that if you invited these two men round to assemble an IKEA shelf, they would return three hours later with a new species of flute. What makes „Lagoon“ compelling, however, is that the instruments never become curiosities for their own sake. Their unfamiliar timbres are absorbed into a remarkably coherent musical ecosystem. The stated reference points, Krautrock and Jon Hassell’s Fourth World, are certainly audible, but Flocks do not sound like a tribute act rummaging through somebody else’s record collection. The relationship between drone, breath and percussion is too organic for that. Contemporary descriptions of the album have similarly emphasised its long-form, immersive character and the way Durand and Hohmann create a kind of minimal orchestral density from their small arsenal of sounds. (…) FORTSETZUNG IN COMMENT 1

    (TP)

  • Periódico de Ayer ist kein Schnee von gestern

    Mexiko-Stadt ist eine krasse Metropole. Sie liegt in einem Hochtal auf rund 2.200 Metern, die Metropolregion zählt mehr als 20 Millionen Menschen. Durch die besondere Lage, den dichten Verkehr und Millionen Autos liegt oft eine Smogglocke über der Stadt. Der Verkehr nervt.

    Doch anders als Monterrey, wo wir zuvor waren, ist Mexiko-Stadt voller schöner Viertel, kulturell unglaublich abwechslungsreich und charaktervoll.

    Und wirklich überall schallt uns Musik entgegen: Straßenmusiker spielen in Cafés bereits zum Frühstück, Mariachi-Kapellen auf den Trajineras, den bunten Flachbooten auf den Kanälen von Xochimilco. Aus Bars und Restaurants strömt unentwegt Latin-Musik.

    Nie zuvor habe ich so viel Salsa, Merengue, Cumbia, Bachata und natürlich Mariachi gehört. Ich hatte keine Ahnung, wie schön diese Musik ist und wie sehr sie diesen Teil der Welt prägt.

    Mexiko erscheint mir wie ein musikalischer Schmelztiegel, in dem Einflüsse aus Kuba, Puerto Rico, der Dominikanischen Republik und Kolumbien auf die vielfältigen eigenen Traditionen des Landes treffen.

    Ich liebe es, Großstädte abseits der Touristenmeilen zu erkunden.

    Roma Norte, ein Viertel mit vielen Parks und von Bäumen gesäumten Straßen, die Schatten spenden und zumindest ein wenig gegen Hitze und schlechte Luft helfen, erinnert mich an die ruhigeren, grünen Ecken Barcelonas.

    Hier suche ich zwischen hübschen Geschäften zwei Record Stores auf: kleine Oasen für die Entdeckung verborgener Schätze. Im Gespräch mit den Inhabern erfahre ich einiges über Tropical Music – und nehme natürlich ein paar Platten mit.

    Eine besonders schöne Empfehlung ist der Mexikaner Gerardo Bátiz, Multiinstrumentalist, Komponist und Arrangeur. In der mexikanischen Jazz- und Fusion-Szene ist er eine Institution, in Europa dagegen kaum bekannt.

    Bátiz’ Album Arlequín von 1982 ist ein Meisterwerk, das Stück Amarillo ein Weltmusik-Juwel.

    Es erinnert mich entfernt an die Grooves des Brasilianers Naná Vasconcelos. Die Bandbreite des Albums ist enorm: Piano- und Flötenmelodien von Bátiz, die wie ein Instrument eingesetzte Stimme von Cecilia Engelhart und das Schlagwerk von Fernando Toussaint. Das reicht von Latin Jazz über ECM-verwandte Weltmusik bis zu kammermusikalischen Passagen.

    Einige Straßen weiter genieße ich Tacos mit den verschiedensten Zutaten. Es gibt kaum etwas, was nicht als Füllung verwertet wird. Mein Highlight: blaue Maistortillas mit Spareribs.

    In dem Restaurant höre ich zum ersten Mal den Salsa-Klassiker Periódico de Ayer von Héctor Lavoe, dem El Cantante de los Cantantes. Seitdem bin ich on fire. Den Titel hat er sich verdient.

    Lavoe nahm diesen großartigen Feger 1976 für sein zweites Soloalbum De Ti Depende auf. Geschrieben wurde der Song von Tite Curet Alonso, arrangiert von Willie Colón – jenem Posaunisten, Komponisten und Arrangeur, mit dem Lavoe zuvor den New Yorker Salsa der Siebziger entscheidend geprägt hatte.

    Eine Jahrhundertverbindung wie Nelson Riddle und Frank Sinatra.

    Periódico de Ayer ist jedenfalls kein Schnee von gestern: Selten habe ich eine schönere Verbindung von Trompeten, Streichern, Percussion und Gesang gehört.

    Die musikalischen Entdeckungen von Gerardo Bátiz und Héctor Lavoe gehören für mich zu den Highlights von Mexiko-Stadt – genauso wie der Besuch im Blauen Haus, dem ehemaligen Wohnhaus der Künstlerin Frida Kahlo.

    Ihre bewegte Lebensgeschichte wird in diesem Idyll der Kontemplation beinahe greifbar. Die üppige Vegetation und die Intensität der Farben sind überwältigend. Überhaupt scheint Farbe in Mexiko allgegenwärtig zu sein: in der Musik, im Tanz, im Essen, an den Häusern und auf den Märkten. Manchmal habe ich das Gefühl, das ganze Land drehe die Sättigung ein paar Stufen höher.

    Wer mehr über das Leben von Frida Kahlo und ihrem Lebenspartner Diego Rivera erfahren möchte, dem empfehle ich den Spielfilm Frida (2002) mit Salma Hayek und Alfred Molina.

    Zum Abschluss ein Besuch im beeindruckenden Palacio de Bellas Artes.

    Wir schauen uns das Ballet Folklórico de México de Amalia Hernández an.

    Was soll ich sagen? Das Ensemble verfügt über ein Repertoire von mehr als 120 Originalchoreographien, in denen mexikanische Volkskultur monumental und hochprofessionell auf die Bühne gebracht wird. Kostüme, Tänze und Musik sind ein Rausch für die Sinne.

    Als hätten Vincente Minnelli und Baz Luhrmann gemeinsam Regie geführt.

    Nach diesem kulturellen Feuerwerk entschwinden wir Richtung Cancún – und springen in die Karibik.

  • Von einem Extrem ins andere in Ciudad de México

    Den Boden unter den Füßen zu verlieren gehört nicht zu meinen Stärken. Auch nicht, um vier Uhr morgens aufzustehen.

    Dennoch haben wir es getan, um die Sonnen- und Mondpyramide in der Ruinenstadt Teotihuacán nordöstlich von Mexiko-Stadt zu sehen. Das UNESCO-Weltkulturerbe aus hundert Metern Höhe zu erleben, ist ein Erlebnis, das man wohl nur einmal im Leben hat.

    In der Dämmerung starteten wir im Verbund von etwa 60 Heißluftballons. Der Startplatz ist immer derselbe, doch der Landeplatz ungewiss: The answer, my friend, is blowin’ in the wind. Aus den geplanten 45 Minuten wurden daher 70. Als Soundtrack hätte ich mir „On Land“ von Brian Eno gewünscht.

    Der anschließende Besuch der Ruinenstadt war beeindruckend. Kaum zu glauben, dass hier einst hunderttausend Menschen gelebt haben. Ob Teotihuacán wohl schon einmal als Filmkulisse diente?

    Abends dann Brot und Spiele in der Arena México vor schätzungsweise 10.000 Zuschauern: Lucha Libre, die wilde Schwester des US-Wrestlings. Die muskulösen Luchadores in ihren zum Teil albernen, hautengen Kostümen hauten aufeinander ein, als gäbe es kein Morgen. Die Choreografie erschien mir wie eine Mischung aus Zirkus Maximus und Slapstick-Komödie.

    Die ersten drei Kämpfe waren unterhaltsam, danach wurde es monoton. Der Stimmung im Publikum tat das keinen Abbruch. Publikumsliebling war Blue Panther. Der Luchador ist 65 Jahre alt: Seine Bewegungen sind weniger geschmeidig, dafür hat er das Herz am rechten Fleck.

    Ich musste die ganze Zeit an Mickey Rourke in dem erbarmungslosen Drama „The Wrestler“ denken. Hoffentlich nimmt das Leben der Luchadores ein besseres Ende.

  • Luis Buñuel: México

    In Vorbereitung auf meinen Mexiko Trip bin ich an dem spanischen Exilmexikaner vorbeigekommen.Buñuel lebte von 1946 bis zu seinem Tod 1983 vorwiegend in Mexiko-Stadt. Seine mexikanische Periode bedeutet mir mehr als seine Filme, die er zuvor oder zwischendurch in Europa drehte.

    Los olvidados, Èl, Ensayo de un crimen, Susana – Carne y demonio und Abismos de pasión befinden sich auf der 2007 erschienenen wunderbaren DVD Box, die zumindest antiquarisch erhältlich ist.

    Los olvidados (1950) habe ich vor der Reise erneut gesehen: ein Drama unter Straßenkindern, welches einem die Schuhe auszieht, on locations gedreht im Stil des italienischen Neorealismus und auf Augenhöhe mit deren Meisterwerken.

    Weil mich Buñuel sehr fasziniert, lese ich nach dreißig Jahren erneut seine Autobiographie, die ich wärmstens empfehle. Zusammen mit dem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière hat er seine Erinnerungen höchst unterhaltsam zu Papier gebracht. Auf den Mexiko Teil freue ich mich besonders.

  • ¡Viva México!

    Drei Wochen lang sind wir erstmalig in Mexiko, zwei Wochen davon in Begleitung mexikanischer Freunde. Zunächst in Monterrey, danach in Mexiko-Stadt, zuletzt an der Karibik Küste. Es macht immer einen Unterschied mit Einheimischen ein Land zu entdecken.

    Mexiko ist ein Sehnsuchtsland in all seiner natürlichen Schönheit und Widersprüchlichkeit. Mich fasziniert das Land seit Jahrzehnten, stark geprägt durch den Filter der amerikanischen Unterhaltungsindustrie.

    Ich würde behaupten, dass ein nicht unwesentlicher Teil der US-Western in Mexiko spielt, viele überragende Werke wie The Magnificent Seven, Garden of Evil oder Vera Cruz. Sam Peckinpah hat diesem Land sozusagen sein Leben gewidmet und mit The Wild Bunch, Pat Garrett and Billy the Kid oder Bring Me the Head of Alfredo Garcia schmerzliche Meisterwerke abgeliefert. 

    Es geht um den Wunsch nach einem ursprünglichen Leben, der Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit und deren Ende durch Gewalt und Zivilisation. Die TV Serie Narcos: Mexico und Don Winslows Kartell-Trilogie haben unser aktuelles Bild von Mexiko als einem von korrupten Politikern und organisierter Kriminalität beherrschten Land weiter verdüstert.

    Ich werde in den nächsten Tagen versuchen einige andere Seiten Mexikos zu zeigen: Impressionen zur Schönheit der Natur, des Alltags und der Vielseitigkeit der mexikanischen Kultur.

    ¡Viva México!