• Rafael Anton Irisarri – A Fragile Geography

    „Es sind zehn Jahre vergangen, seit A Fragile Geography in die Welt kam, und wenn ich jetzt zurückblicke, wird mir klar: Es war nicht nur ein Album – es war eine Lebenslinie.

    2014 verließ ich meine Heimat Seattle in Richtung New York und tauschte den vertrauten grauen Himmel des pazifischen Nordwestens gegen die dichten, unerbittlichen Impulse der Ostküste. Was eine einfache Veränderung der Umgebung hätte sein sollen, wurde zu etwas viel Tieferem. Nur wenige Tage vor dem Umzug geriet mein Leben völlig aus den Fugen – mein gesamtes Studio wurde gestohlen, direkt vor meinem Haus. Jeder Ausrüstungsgegenstand, jedes Kabel, jede Festplatte, jedes Teil meiner kreativen Welt – weg. Am Boden zerstört, verließ ich die andere Seite des Landes mit nichts. Keine Werkzeuge, kein Archiv – nur ein leerer Ausgangspunkt und die erschütternde Aufgabe, neu anzufangen.

    Dieses Album entstand aus diesem Verlust, aus einem Gefühl der Desorientierung und des Umbruchs. Es ist eine Reflexion über die emotionale Landschaft, durch die ich mich bewegte: Vertreibung, Instabilität und der langsame, schmerzhafte Prozess, ein Leben wieder zusammenzusetzen. Deshalb fühlt sich der Titel A Fragile Geography richtig an. Er bildet dieses innere Terrain ab – gezeichnet in Textur, Klang und roher Emotion.

    Ein Großteil dieser Musik nahm im Hudson Valley Gestalt an, umgeben von der stillen Natur. Nach dem Chaos des Umzugs und den Nachwirkungen des Diebstahls fand ich unerwarteten Frieden in der Einsamkeit. Diese Isolation erlaubte es mir, intuitiv zu arbeiten, zu improvisieren und Klänge organisch entstehen zu lassen – sie in Echtzeit zu schichten und eher emotional als intellektuell zu reagieren. Diese Unmittelbarkeit ist in den Aufnahmen spürbar – Momente, in denen Dinge kurz davor stehen, auseinanderzufallen oder sich im Nebel aufzulösen.

    Titel wie „Hiatus“, „Persistence“ und „Displacement“ spiegeln diese Momente wider. „Hiatus“ fängt die unheimliche Stille nach dem Verlust ein – den hohlen, ausgesetzten Atem zwischen dem, was war, und dem, was sein könnte. „Persistence“ handelt davon, sich durch das Trümmerfeld zu kämpfen und nach etwas zu suchen, woran man sich festhalten kann. Und „Displacement“ ist genau das: ungebunden, wurzellos, schwerelos und gefangen zwischen Welten, in denen sich nichts wirklich wie Zuhause anfühlt.

    Mit der Zeit wurde A Fragile Geography mehr als nur ein kreatives Statement. Dieses Album markierte einen Wendepunkt in meinem Leben. Ich baute Black Knoll Studio in genau dem Raum auf, in dem das Album entstand. Es wurde wieder ein Zuhause für meine Arbeit. Es wurde auch ein Ort für die Projekte vieler Künstler, mit denen ich zusammenarbeiten durfte – beim Produzieren, Mischen oder Mastern ihrer Musik.

    Die Verbindung zu meiner Herkunft verlieh der Zerbrechlichkeit des Albums eine weitere Bedeutungsebene – nicht nur im Zusammenhang mit persönlichem Verlust, sondern auch in den gewaltigen, tektonischen Verschiebungen von Identität, Erinnerung und Ort. In den Jahren seit seiner Veröffentlichung fühlte ich mich zunehmend zu der Heimat meiner Vorfahren hingezogen: Euskal Herria (das Baskenland). Als Teil der Diaspora in Amerika wurde diese Suche nach etwas Älterem, Tieferem und Ursprünglicherem zu einem beständigen Faden in meinem Leben. Es ist ein stiller Zug, der über Generationen hinweg nachhallt – eine Sehnsucht nach einem Ort, der sowohl real als auch mythisch ist, oft eher in Geschichten als in Gewissheit existiert.

    Das Coverbild, aufgenommen von Gatzelueta in der Nähe von Bermeo, spiegelt diese Verbindung wider. In der rauen Schönheit dieses Ortes liegt etwas – wo zerklüftete Klippen auf das Meer treffen, wo Geschichte in Stein eingraviert ist – das die emotionale Landschaft von A Fragile Geography widerspiegelt. Für mich fühlt es sich wie ein Ort an, an dem inneres und äußeres Terrain zusammenfließen.

    Als ich begann, die visuelle Sprache des Albums mit meinem langjährigen Kollaborateur Daniel Castrejón in Mexiko zu entwickeln, vertiefte sich diese Verbindung weiter. Während wir Wege erforschten, Erinnerung und Ort zu vermitteln, wurde uns klar, wie stark der emotionale Kern des Albums erhalten bleiben und zugleich eine Tür zu neuen Möglichkeiten öffnen konnte. Daniels Auseinandersetzung mit Bildern – seine Fähigkeit, Fotografien in geisterhafte, zeitgetragene Artefakte zu verwandeln – passte perfekt zu dieser Ästhetik. Die Arbeit von Obscurys, sanft, aber stark gesättigt von Atmosphäre, brachte diese Fotografien in etwas, das dieselbe elementare Kraft trug – eine ständige, sich selbst erneuernde Verbindung aus Erinnerung, Vergangenheit und Gegenwart.

    Ein Jahrzehnt später höre ich dieses Album nicht mehr nur als Dokument von Trauer oder Überleben. Ich höre es als Zeugnis von Transformation. Es erinnert mich daran, dass selbst wenn alles auseinanderfällt und zusammenbricht, etwas Bedeutungsvolles, Ehrliches – und vielleicht sogar Schönes – entstehen kann.

    Danke fürs Zuhören. Damals, heute und immer.“

    — Rafael Anton Irisarri | New York, 15. April 2025

  • Die Lust an der Liste (1)

    Top 10 Electronic (IDM, Ambient Techno) Alben der Neunziger Jahre

    In den Neunziger begann meine musikalische Sozialisation, stark beeinflusst durch einen Studienfreund in Münster, Kinoerfahrungen und vor allem Michaels Klanghorizonten. Davor war alles willkürlich, zufällig. Im Wesentlichen hörte ich ECM, Krautrock, klassischen Vocal Jazz und Brian Eno & Friends. Unberührt blieb ich lange Zeit von den großen Erneuerungen, Weiterentwicklungen und Erfolgen im Pop und Rock des Jahrzehnts: Hip Hop, Grunge/ Alternative Rock, Britpop und Techno. Europop war für mich genauso schlimm wie die europäischen Großproduktionen im Kino dieser Tage. Dabei hat dieses Jahrzehnt so viel an guter Musik zu bieten, insbesondere in der Electronic. Die digitale Revolution machte es möglich: immer mehr kreative Leute konnten ohne großartige musikalische Ausbildung oder Produktionsaufwand Ihre Visionen umsetzen.

    Vor wenigen Tagen besuchte ich im 7. Bezirk Wiens einen kleinen Plattenladen, der sich auf elektronische Musik spezialisiert hat. Der sympathische Inhaber fragte mich nach meinen musikalischen Interessen und schwupp konnte ich mich durch zwei Dutzend LPs durchhören. Dabei kam mir die Idee, eine Liste meiner 10 liebsten Electronic Alben der 90er zu erstellen. Reine Ambient Alben habe ich nicht aufgeführt, hier wäre eine eigene Liste fällig.

    Aphex Twin – Selected Ambient Works Volume II (1994)

    Autechre – Incunabula (1993)

    Boards of Canada – Music Has The Right To Children (1998)

    Bowery Electric – Beat (1996)

    The Fires of Ork – The Fires of Ork (1993)

    Gas – Königsforst (1998)

    Robert Leiner – Visions of the Past (1994)

    LFO – Frequencies (1991)

    Peace Orchestra – Peace Orchestra (1999)

    Seefeel – Quique (1993)

    P.S. Drei Stücke haben es mir besonders angetan: Simon from Sydney (LFO), #7 (Aphex Twin) und 444 (Autechre).

  • Wien, Ida Lupino und Hermann Nitsch

    Wien ist ein Sehnsuchtsort. Ich kehre immer wieder in diese Stadt zurück – seit fast zwei Jahrzehnten.

    Das Provinzielle trifft auf das Erhabene, die Prunkbauten der Donaumonarchie auf die Mietskasernen, die nach dem Krieg entstanden sind, Geschichte auf Postmoderne, die steinerne Großstadt auf die naturbelassenen Donau-Auen oder die Weinberge oberhalb der Stadt.

    Hinter dem offensichtlichen K.u.K. Glamour und der Beschwingtheit des Walzerkönigs verbirgt sich ein Subtext des Geheimnisvollen, Morbiden, Verdrängten und Untergründigen. Nur folgerichtig, dass Freud in Wien die Psychoanalyse entwickelte. Oder dass Harry Lime in der beklemmenden Kanalisation verfolgt wurde.

    Wien ist eine Film- und Kinostadt. Klar, „The Third Man“ oder „Before Sunrise“ sind kulturelles Allgemeingut. Mein Wienfilm ist „Bad Timing“ von Nicolas Roeg, „der Vertigo des englischen Kinos“ (Joseph Lanza). Art Gartfunkel und Theresa Russell geraten in die Abgründe von Liebe, Leid und Leidenschaft in den düsteren, tristen Kulissen der Stadt um 1980 herum. Roeg ist sicherlich ein Vorbild von Julio Medem, über den hier zuletzt viel geschrieben wurde.

    Mit dem Filmmuseum hat Wien eine filmhistorische Institution, die in der Amtszeit von Alexander Horwath einen Reigen an sensationellen Werkschauen veranstaltete, derer ich regelmäßig Zeuge werden konnte.

    Filmmuseum Wien

    Zum Ethos des Filmmuseums gehört die Präsentation von analogen Originalfassungen in bestmöglicher Qualität. In 2013 sah ich dort in Anwesenheit der Regisseure Retrospektiven über Dominik Graf (er zeigte auch eine Handvoll seiner Lieblingsfilme wie Rohmers „Die Sammlerin“) und Joe Dante (ein überbordender Erzähler aus Hollywood) sowie eine Reihe über The Real Eighties (ich erinnere „At Close Range“ und „Something Wild“).

    Das Film Archiv Austria mit dem Metro Kinokulturhaus wenige hundert Meter weiter ist die andere Filminstitution, nicht minder aufregend.

    Film Archiv

    Ich sah dort in den letzten Tagen „They Drive by Night“ (1940) von Raoul Walsh mit George Raft, Humphrey Bogart und der im Mittelpunkt der Filmreihe „Filmgeschichte ist weiblich“ stehenden Schauspielerin Ida Lupino. Sie spielt in ihrer ersten Hauptrolle eine Verlorene zwischen dem Wunsch nach Reichtum, der sie nicht glücklich macht an der Seite ihres vulgären Mannes (Alan Hale) und dem sexuellen Verlangen nach dem geradlinigen Joe Fabrini (George Raft), der eine andere Frau (Ann Sheridan) liebt. Der erste Teil des Films ist ein Sozialdrama, das von der Mühsal der beiden Brüder Joe und Paul (Bogart) im harten Fernfahrer Geschäft handelt. Im plot point verliert Bogart seinen Arm nach einem Unfall. Danach setzt der Psychotriller ein. Lupino ist eine Getriebene, die alles versucht, um die Liebe von Raft zu erobern…

    Die Solidarität der Fernfahrer und deren Trotz gegen die widrigen Arbeitsbedingungen bleiben mir in Erinnerung. Und das facettenreiche Spiel von Ida Lupino. Das Wechselbad der Gefühle in Ihrem Gesicht in der Gerichtsszene ist meisterlich.

    Hermann Nitsch ist von anderem Schlag. Gegen den Wiener Aktionskünstler nehmen sich die Vorläufer des amerikanischen Action Painting wie Mürbchen aus. Nitsch ist neben Otto Muehl einer der bekanntesten Vertreter dieser eindringlichen Form von Live Art Performance, die radikal aufräumt mit der etablierten Kunst, der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus. Aktuell ist sein Frühwerk im Wiener Aktionismus Museum (WAM) zu sehen, welches jüngst ausgebaut wurde.

    WAM

    Im Mittelpunkt der Ausstellung steht sein übergroßes „Blutorgelbild“ von 1962. Es gehe bei Nitsch „um die sich niemals schließende Wunde Mensch“, sagt der WAM Direktor. Die Tabubrüche des Aktionskünstlers muss nicht nicht mögen oder schön finden. Als Ausdruck der Kampfes gegen alles Etablierte bleiben sie in Erinnerung.

    Nitsch hat später zu seinen Installationen auch Musik komponiert zwischen Klassik und Avantgarde. Die seltenen Tonträger sind mittlerweile hochpreisige Sammlerstücke.

    Das Bindeglied zwischen Wien, Ida Lupino und Hermann Nitsch scheint mir Siegmund Freud zu sein…der nächste Aufenthalt im Wiener Sommer wird andere Assoziationen hervorrufen.