• Let’s dance Samba

    Während in Deutschland die vier tollen Tage schon vorbei sind und die Sündigen nach Ablass suchen, steigen die Männer hier in Frauenkleider, schminken sich ungekonnt und kreisen um ihren nackt gehaltenen Nabel. Sie tanzen Samba, im Kreis, im Block, alleine. Vier Wochen lassen sich dagegen die Kanaren Zeit, um sich auszutoben und die schrecklichen Weltrealitäten zu vergessen. Ich gehe gern auf diese Streetpartys, um die Musik zu hören und den Tanzenden zuzusehen. Die Stimmung ist ausgelassen bis feurig. Ganz im Gegenteil zu den traditionellen Tänzen, die mich immer an den Jodler Bub dahoam erinnern und der einförmigen Musik, die die Achttonleiter rauf und runder flötet und trommelt. Ich hörte auf einem Karnevalsumzug von einem Brasilianer, der seit kurzem auf der Insel lebt und Webkurse anbietet. Da ich immer weben lernen wollte, machte ich mich auf die Suche nach dem Neuankömmling.Für mich ist es ohne Auto nicht leicht, abgelegene Gegenden aufzusuchen. Ich machte mich auf eine etwas längere Wanderung gefasst. Dass das Atelier aber so steil am Hang lag und die steilen Treppen ohne Geländer zu bewältigen sind, erforderte nun doch meine volle Konzentration. An der grünen Holztür angekommen, klopfte ich so lange, bis endlich jemand die Tür öffnete. Vor mir stand ein lächelnder etwa 60 jähriger Mann, mit einem weichen Gesicht, das mich sofort an das Baby auf dem Hipp Glas denken liess. Ich trat in die Stube ein, überall kleinere Webstühle neben einem grossen. An der Wand war Wolle auf Regalen gestapelt, in den wunderbarsten Farben, dass Goethe bei diesem Anblick sofort seine Farbenlehre hätte erweitern wollen. Der Weber, José Maria, fragte, ob ich einen Tee wolle und verschwand dann aus dem Raum.Jetzt erst hörte ich die leise Musik.

    Als er mit Keksen und Tee zurückkam, fragte ich ihn nach der Musik. Er sagte, das sei Samba aus Rio, er würde den ganzen Tag beim Weben Samba hören, die Musik gebe ihm Lebenskraft. Er stellte die Musik lauter und begann leicht seine Hüften zu bewegen. Ich fühlte mich sehr wohl in diesem Ambiente. Ich bat ihn, mir seine Lieblingsmusiker zu nennen. Er zeigte mir auf seinem iPhone zwei Musiker, die ihm mit ihrer ausgelassenen Musik Lebenskraft geben würden. Natürlich habe ich schon Sambamusik gehört. In meiner Bremerzeit, waren Sambaklänge auf jeder Demo zu hören. Als ich wieder in meiner casita war hörte ich mir einige Stücke von den beiden genannten Musikern an.

    MARTINHO DA VILA aus Rio de Janeiro singt, schreibt, musiziert. Mich hat ein Song allein schon wegen dem Titel angezogen.

    *** Aquarela Brasileira.***

    Seht Euch diese wunderbare Landschaft an!
    Es ist eine reliktartige Episode, die der Künstler in einem strahlenden Traum für diesen Karneval auserwählt hat
    Und der Asphalt als Laufsteg wird die Leinwand sein
    Brasilien in Aquarellform.
    Beim Spaziergang durch die Ausläufer des Amazonas entdeckte ich riesige Kautschukplantagen…

    ZÉCA PAGODINHO ebenfalls aus Rio, ebenfalls Sänger und Songwriter.

    Ich weiss nicht, wie oft ich das Lied ***Deixa a Vida me Levar*** angehört habe und dazu getanzt habe. Zum Relaxen ist dieser Song besser als jede Yogaübung.

    Ich habe in diesem Leben fast alles durchgemacht.
    Was Obdach betrifft, warte ich noch immer auf meine Chance.
    Ich gestehe, ich bin von bescheidener Herkunft,
    aber mein Herz ist edel, so hat mich Gott geschaffen.
    Und lass das Leben mich fortführen.
    Das Leben führt mich fort
    Das Leben führt mich fort…

    Es ist ein bekanntes Lied. Ich bin sicher, dass all die grandiosen Fußballstars, die leider schon bei Petrus spielen müssen, diese Melodie nicht mehr hinter einer religiösen Zeremonie verstecken müssen, sondern eher den Himmel zum Wackeln bringen.

  • Am Sonntagnachmittag an den Meerespools

    Heute ist Bilderbuchwetter: wolkenloser blauer Himmel, ruhiges glitzerndes Meer, 28 Grad in der Luft, 20 Grad im Meer. Ich höre eine deutsche Frauenstimme sagen: hier ist es wie in einem Wellnesshotel, und alles eintrittsfrei. Ein Badegast fragt sie, was nimmst du mit von hier, wenn du wieder nach Deutschland zurückkehrst? Mojos verde und rosso, das gibt es nicht bei uns. Der Mann sagt, ich bin hier, um leer zu werden, ich will mit den Regenwürmern kommunizieren. Die Frau lacht. Wie kommst du denn da drauf?

    Ich sehe, dass er ein Buch von Byung Chul Han auf seinem Handtuch liegen hat. Ich kann den Titel nicht lesen. Das Cover zeigt einen grünen Fichtenhain, das Buch kenne ich noch nicht. Ich beschliesse, abzuwarten, bis die beiden ins Wasser gehen. Das letzte Buch, das ich von Han gelesen habe, ging über Hoffnung, davor das über seinen Garten. Sie gehen schwimmen. ich drehe das Buch so zurecht, damit ich den Titel erkennen kann. Ich erhasche nur Simone Weil. Sie nähern sich schon wieder, war ihnen wohl zu kalt im Atlantik. Als Studentin hatte ich ein Foto von Simone Weil auf meinem Schreibtisch stehen und ihre Cahiers lagen darunter. Ich frage den Mann, ob ich mal kurz in sein Buch sehen darf, er sagt, na klar. Es ist ein Buch über Gott, es ist ein Gespräch zwischen Byung und Simone über ihre Gedanken . Ob er schon darin gelesen hat, frage ich ihn. Er strahlt mich an: genau das richtige Buch für diese Insel: Stille, Leere, mit Gott und der Natur sprechen lernen. Ich sage nichts. Ich denke an die Torturen, die sich diese Philosophin auferlegt hat. (L.N.)

  • Me and Bobby Weir

    Jetzt ist my Angel gestorben. Von den Grateful Dead war er mein Hingucker, a very pretty young man. Neben dem gemütlichen, vollbärtigen Garcia wirkte Bob wie ein frisch entlassener Highschool Fellow, er war indeed der jüngste bei den Deads. Ich mochte seine Cowboy-, seine Countrysongs. Der Endlossong „Playing in the Band“ hat nicht nur mich ohne Joint high gemacht, ich habe den Genuss in Oakland im Sylvesterkonzert 1979 und dann irgendwann in den 80ern beim Konzert in Bremen voll ausgeschöpft. Wir waren eine grosse Gemeinde, wir Deadheads, tanzend wie in Trance. es waren meine schönsten Konzerte.Bob Weir stand meistens neben Garcia, manchmal trat er nach vorne, der hübsche Frontman an der R thythm Guitar. In seiner über 10 minutenlangen „Weather Report Suite“ Performance war kein Deadhead zu finden, der nicht „Let it grow, let it grow“ mitsang. Meine Lieblingssongs der Grateful Dead sind die Stücke, die von Bob Weir geprägt sind, like “ Looks like rain“, „Only a river“ „Hell in a bucket“, aus dem folgendes ,zu seinem Tod mit 78 Jahren passt: There May come a Day I will dance on your grave, if unable to dance, I will crawl across it. Ich werde in den nächsten Tagen ausschliesslich Grateful Dead hören. Morgen beginne ich mit „Don’t worry“, hier am Atlantik, phantasiere mich aber nach California.

  • KI generierte Musik

    Gestern erhielt ich ein Musikvideo von einer Freundin, über das ich mich sehr freute, weil es einen Song über El Hierro enthielt. Es gibt kaum Lieder über die Insel, ausser natürlich die folkloristischen Melodien. Ich hörte mir den Song mehrmals an, weil er einen auffallend schönen Text über die Insel enthielt. Dann achtete ich auf die Filmaufnahmen, die aufgrund ihrer Farbigkeit die hiesigen Landschaften besonders attraktiv zeigen. Ich kenne alle Videos über El Hierro, aber einen so hervorragenden Film hatte ich bisher noch nicht gesehen. Ich hörte den Song mehrmals, weil ich nicht sicher wusste, ob es sich um einen Sänger oder eine Sängerin handelte. Ich fragte meine Freundin, wer der Interpret des Songs sei, sie schrieb zurück: Jorge Luis- Ich googelte, fand keinen Jorge Luis, aber einen José Luis, der über Hierro singt. Ich schaute mir seine Videoclips an, das war aber nicht der Sänger, der das wunderschöne Hierrolied sang. Meine letzte Hoffnung war Torsten de Winkel, der hier das jährliche Jazzfestival initiiert, er kennt sich in der lokalen Musikszene sehr gut aus. Er konnte sich auch nicht erklären, wer das sein könnte. Wir diskutierten zum ersten Mal die Frage, ob es sich hier um ein KI generiertes Musikstück handelt.

    Ich war wie gesagt begeistert von der Qualität des Musikfilms. Ich beschäftige mich schon länger mit KI und benutze auch Chatjpd. Ich lese die Antworten kritisch und bedachtsam. Die Begegnung in der Musik ist neu für mich, auch, dass sie mich so fasziniert. Natürlich kenne ich die Bedenken was das Urheberrecht betrifft und die Konkurrenz zu der menschlich gemachten Musik.

    Mich würde Eure Meinung zu diesem Thema sehr interessieren.

  • Bücher zum Neuen Jahr

    Mein Wunschzettel war nicht Zettel’s Traum, mein Buchstabenbegehren zielte auf reale Befriedigung.

    Als das Wünschen noch geholfen hat und Paare, Passanten von der schönen neuen Welt tuschelten, bat ich Kairos jetzt zu bestellen. Es kamen

    Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies (sehr unterhaltsam)

    Die Spielerin von Isabelle Lehn (wenn kluge Frauen über kluge Frauen schreiben, dann prechtalts)

    Die Frau an der Haltestelle von Peter Schneider ( wer die SDS Sprache nochmal auffrischen will, bitte lesen)

    Die Zeit der Verluste von Daniel Schreiber ( Nachruftrauer auf den Vater, aber schöne Passagen über Venedig)

    Barbara Bleisch: In der Mitte des Lebens

    Huch Josten: Die Gleichzeitigkeit der Dinge

    Botho Strauß: Das Schattengetuschel

    Die letzten 3 Wörterbündel liegen beim spanischen Zoll und warten auf die Reise um die Welt, wahrscheinlich dann in 80 Tagen lesebereit halten.

  • Wir sind alle eine Bettwurst

    Dietmar Kracht, isch liebe disch so unwahrscheinlisch, versank im Wannsee, tagelang ging ich durch den Grunewald, voll der Trauer um ihn. Der Film von Rosa von Praunheim “ DIE BETTWURST“ lief bei uns in der WG in Freiburg in den 70ern. Ich hatte Besuch von meinem besten Freund aus Saarbrücken. Er ist Cineast und damals Undergroundfilmspezialist. Er empfahl der WG den Film zusammen anzusehen. Es sei ein Higherlebnis ohne Drogen. Während des Films lagen wir lachend am Boden, ahmten den unverwechselbaren Mannheimer Dialekt nach und spielten in den nächsten Tagen die Staubsaugerszene durch. Mich interessierten die Filme von Rosa, die über das Thema Homosexualität gingen nur politisch, ich sah sie mir an, fand aber keinen Bezug dazu. Rosa bewunderte ich immer, traf ihn mehrmals. Er war (sic) ein schöner Mann, voller Energie und mit einem verführerischen Lächeln. Ich bewunderte seine hohe Produktivitätskraft und sein Brennen für die Rechte der Homosexuellen. Dass er doch noch geheiratet hat, mag ein Hochzeitsgeschenk an seinen langjährigen Partner gewesen sein bzw. , in meiner Denke, viceversa, die Bitte, ihn bei seinem Tod zu assistieren. In einem letzten Interview hörte ich Rosa sagen, dass er den Tod liebe, sich auf das lange Schlafen und das Träumen freue. Das wünsche ich ihm jetzt.

  • Lajlas Lieblingsgeräusche von 2025

    Man muss immer trunken sein, das ist die einzige Lösung, um nicht das furchtbare Joch der Zeit zu fühlen, das eure Schultern zerbricht und euch zur Erde beugt, müsset ihr euch berauschen. Doch womit? (Baudelaire)

    Ich habe mich mit folgender Musik berauscht:

    Brian Eno und Beatie Wolfe Luminal
    The Allman Brothers Drunken Hearted Boy
    Kurt Rosenwinkel Deep Sing
    Grateful Dead Morning Dew
    Sophie Hunger Le vent nous portera
    Jorge Pardo Djinn
    German Lopez Maridaje
    Dhafer Youssef Shiraz
    Belen Alvarez Doreste Lajalada
    Claudia Alamo Llama a mi mama

    und alles wie immer von Anton Bruckner

  • Glücksmomente mit Musik – Shortcuts

    Er fuhr den hellbeigen VW Bully auf den nächtlich dunklen Parkplatz vom A & W Restaurant an der Autobahn nach Ramstein. Er lehnte an der weit geöffneten Vordertür und hielt sie zart umschlungen. Aus dem Speaker im Inneren des Fahrzeugs hörten sie zusammen Stary, Stary night.

    Sie saß auf einem Felsvorsprung am Hafen von Vancouver und wartete auf die Fähre nach Victoria Island. Unten an der Pier stand die junge Frau in einem übergrossen schwarzen Wollpullover. Ihre Gitarre stützte sie mit dem Knie. Sie sang Both Sides Now, better than Joni. Tränenglück bei der Betrachterin.

    Sie schlichen sich auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer. Sie wussten, dass ihr Vater sie durch das Schlüsselloch beobachten würde. Im halbdunklen Raum saßen sie sich gegenüber und versuchten sich an ersten Küssen. Dazu lief immer wieder auf dem kleinen Plattenteller : Nights in White satins.

    Wir schliefen gerne in den Dünen von Sylt, geschützt in den Mulden, umgeben von Schafen . Der starke Wind lärmte, wir sangen dagegen an: Sad eyed Lady of the lowlands und kurz vorm Einschlafen brüllten wir: I want you, I want you, I want you so bad, honey I want you.

    Er stand in seinen weißen Provoklamotten auf der Ufermauer der Seine und blickte hinüber zur Nôtre Dame. Sein Gepäck hatte er im Chat Noir abgestellt. Plötzlich schrie the Pretty Thing aus Amsterdam: we build House und anschließend leiser: You might be the loniest person in the world.

    Sie hatten sich in Nizza am Flughafen bitter gestritten.In Antibes trennten sie sich für immer. Sie lief weinend hinüber nach Juan les Pins, um sich frei zu schwimmen. Sie ging zu den Boulespielern und sah ihnen traurig zu..Auf einmal schlich sich ein Trostlied in ihr Gehirn.Sie summte leise mit: The sun is surely sinking down…so close your eyes… I can sing this song, and you can sing this song, when I’m gone..

    Wie klein wir uns fühlten, als wir 1978 auf der Seite von Bob Dylan wähnten, als er hinüber deutete auf die Stelle, wo Hitler einst gesprochen hatte Ich weiss nicht mehr, ob er Masters of war sang, ich weiß aber ganz genau, wie er zusammen mit Clapton Layla sang und ich übermütig mitgrölte und in den Armen eines GI landete.Ich schrie: my Name ist Layla.Er fing an zu weinen und sagte: I wish I would know the name of the man, who my kids now call Daddy.

    Sie warteten auf den Zug von Messina nach Palermo.Weil wieder einmal Bahnstreik war, ging sie zur Post, um nachzusehen, ob ihre Mutter ihnen 200 DM geschickt hätte. Als sie mit einer Tüte voller frittellas zurück kam, schrien sie die anderen an: wo warst du, gerade ist der Zug nach Palermo abgefahren. Nur einer stand ruhig am Gleis und sang mit seiner schõnen Stimme: good morning little schoolgirl, can I come home with you?

    Das Pärchen in der Drogentherapie nervte alle. Jeden Tag schliefen sie zusammen. Es war aber nicht das Gestöhne das nervte, sondern der Song Black Jack Davy sing it to the green green tree, den die beiden jedesmal danach laufen ließen.

    Als Studentin ging sie manchmal in den Knast, um mit Gefangenen zu sprechen Einmal flüsterte ein Kleinkrimineller:“ siehst du den gegelten Typ in den dem rotkarierten Wollhemd, das ist ein Kindesmörder. Er hat das Bett neben mir, ich kann nicht schlafen, ich habe Angst vor ihm.“ Sie schaute hinüber, der Mann lächelte sie an. Ihre Augen suchten reflexartig den Wärter. Dieser nickte ihr freundlich zu. Ach wäre sie stark wie Joan Baez, sie würde mit ihrer Schwester Viva mi patria Bolivia singen.

    Lajla Nizinski

  • Die Sprache der Schrift

    Amo la poesia y el dibujo
    y
    tenerte a mi lado
    es
    un lujo

    Guten Tag Freunde der Poesie,

    Seit 5 Jahren fahre ich mit dem Bus über die schöne Insel El Hierro. An einer Haltestelle hatte ich den Zarathustra Effekt: mir kam die Idee, an diesem Ort, wo Menschen warten, also Zeit haben, Plakate aufzuhängen, mit der Einladung, kleine Gedichte darauf zu schreiben.

    Die meisten Fahrgäste sind mit ihrem Handy beschäftigt, ich wollte die eindimensionale Kommunikation mit dieser Aktion erweitern. Ich dachte, dass das Schreiben auf die Plakate einen kreativen Moment insichbirgt, der die Menschen möglicherweise zum Austauschen über die Gedichte bringt.Ich wollte mit diesem Projekt mehr über die Einheimischen herausfinden und war gespannt, wie sie auf meine Plakate reagieren würden.Die Aktion war auf drei Monate angelegt. Ich hing die Plakate an sieben Bushaltestellen auf, verteilt über die ganze Insel. Nach einer gewissen Anlaufzeit von zwei Wochen schrieben die ersten Fahrgäste kleine Texte auf die Plakate.Wenn sie voll waren, hing ich neue leere Plakate auf.

    Nach drei Monaten hatte ich 75 Gedichte gesammelt, von denen 63 gelungen waren.Die Plakate wurden auch dazu benutzt, Telefonnummern hinzuschreiben, also quasi als Partnersuche.Auch kleine Zeichnungen wurden geliefert, mehrmals fand ich lippenstiftrote Küsse vor. Einige zitierten Cervantes und andere bekannte spanische Dichter. Alle Texte wurden auf Spanisch verfasst und fast alle waren anonym.

    Was sagen nun diese Gedichte des kleinen Projektes über die Insulaner aus?

    Zunächst möchte ich meinen Dank aussprechen für das grosse Interesse an dieser Aktion..Nach einem etwas zögerlichen Anfang lief es gut, ohne weitere Vorfälle. Wenn Obszönes auf den Plakaten stand, wurden sie von Unbekannten entfernt.Nur zweimal wurden neue Plakate abgerissen. Ich könnte beobachten, wie Wartende die Gedichte fotografierten, einmal stand eine Lehrerin vor der Plakatwand und las die Texte ihren Schülern vor. Wenn ich Fahrgäste fragte, lieben sie die Poesie, strahlten sie und erzählten, dass Zuhause viel Poemas gelesen werden. Das hat mich überrascht und gefreut.

    Die Inhalte der Gedichte gehen vorwiegend über ihre schöne Insel, das Meer, die Vulkane der Sternenhimmel. Es gibt sehr schöne Liebesgedichte, einfach aber tief. Die Frauen problematisieren die Liebe,sie wollen sich nicht unterordnen, lieber nicht in einer Beziehung leben und dafür das Alleinsein akzeptieren. Humor und Erotik finden raren Ausdruck in den Gedichten. Es gibt einige Verse mit Kreuzreim, und einige Texte haben Schreibfehler überhaupt, freute mich, dass Gedichte mit der Hand auf das Papier geschrieben wurden. Ich ließ die Orthografie nicht verbessern.

    Ich wünsche mit den BUSSTOP POEMAS viel Freude beim Lesen.

    Soweit mein Vorwort in dem kleinen Gedichtband.

    Jetzt wisst Ihr, dass ich eine Weile fremd unterwegs war, nun bin ich back on flowy.

    Lajla Nizinski

  • WAYFARING STRANGER

    Paul Robeson, Johnny Cash, Emmylou Harris, The White Stripes sangen den Song WAYFARING STRANGER und jetzt habe ich den Americana in Norwegen entdeckt, dort singt ihn eine Bluegrass Band, die sich HBO nennt und ich höre ihn und höre ihn immer wieder. Eigentlich ein Gospel, ein frommes Lied, das diese Osloer Musiker mit norwegischer Folklore vermischen und so einen starken Sog auf mich haben.

    I’m just a poor wayfaring stranger, traveling through this world below.There is no sickness, toil, no danger, in that bride bright world to which I go. I’m going there to see my father, I’m going there no more to roam, I’m just going over Jordan, I’m just a going over home…

    Ich habe mich gefragt, warum mich dieser Song so in Beschlag nimmt.Ich bin in einer Übergangssituation, d.h. in einer unsicheren Phase. Nicht nur, aber auch wegen Trump’s Venezuela Politik kommen immer mehr Venezuelaner nach El Hierro zu ihren bereits hier gesettleten Verwandten. Die kleine Insel ist voll, es gibt kaum zur Verfügung stehender Wohnraum. Auch mich betrifft diese Lage, meine Vermieterin hat mir gekündigt, weil sie das feine Häuschen für den Familiennachzug braucht. Auf El Hierro spriessen die Immobilienbüros aus dem Lavasand, Makler und Kautionsgebühren werden verlangt. Ein neoliberales Klima macht sich breit. Ich kam nach El Hierro wegen der Natur, der Stille, der Wärme, dem Meer und wegen des einfachen Lebens. Man ging nach Ankunft in eine Bar, lernte schnell ein paar Einheimische kennen, die immer wussten, wo man übernachten kann. Diese Reiseromantik ist jetzt leider auf Hierro vorbei. Es wird schwer, eine neue Bleibe zu finden. Das stresst.

    Deswegen, denke und spüre ich, dass mir diese Musik guttut, sie entspannt meine Muskeln, mein Geist und meine Emotionen werden positiv beeinflusst. Die norwegische Sängerin Rebekka Nilsson inszeniert diesen Song intensiv. Sie ist auch Schauspielerin. Dass diese Bluegrass Band aus Oslo auch ein Akkordeon neben Banjo, Gitarren und Hardangerfiddle einsetzt, begeistert mich. Ich höre sehr gern Akkordeonmusik. Es ist ein Geschenk, wenn man sich Musik für bestimmte Situationen aussuchen kann, die schnell ihre Wirkung zeigt. I’m just a going over home.