Das unterschätzte Experiment: Warum „Lodger“ besser ist als sein Ruf
Kaum ein Bowie-Album wird so beharrlich unterschätzt wie Lodger. Selbst musikalisch aufgeschlossene Hörer, die Low und “Heroes” als Meilensteine anerkennen, reagieren oft mit einer gewissen Ernüchterung: Irgendwie merkwürdig, unausgegoren, mit ein paar guten Songs, gilt Lodger als das schwache Schlusskapitel einer außergewöhnlichen Schaffensphase, eingeklemmt zwischen den bahnbrechenden Werken Low und “Heroes” und dem brillanten, zugespitzten New-Wave-Sound von Scary Monsters.
Genau dieser Vergleich ist wohl das Problem. Lodger versucht nicht, vorige Errungenschaften fortzuschreiben, ist vielmehr ein Album, auf dem Bowie seine musikalischen Möglichkeiten neu sortiert, Erwartungen unterläuft und mit einer bemerkenswerten Freiheit experimentiert. Daher lässt es sich sehr gut als naher Verwandter oder Vorfahr von Outside (1994/95) begreifen, und es leuchtet sehr ein, dass Bowie dann Mitte der 1990er Songs des Albums in sein Live-Programm integrierte. Die Qualitäten liegen weniger im großen, sofort erkennbaren Entwurf als in einer Vielzahl ungewöhnlicher Einfälle, überraschender Kombinationen und kompositorischer Entscheidungen. Co-Produzent Tony Visconti betrachtet Lodger rückblickend sogar als seinen möglichen Favoriten der Berlin-Trilogie. Die Songs seien großartig, klängen wie klassische Bowie-Stücke und ließen dabei kaum erkennen, wie experimentell sie entstanden seien. Alles, was man bei den beiden Vorgängeralben gelernt habe, sei hier zusammengeführt worden. Eine bemerkenswerte Einschätzung für ein Werk, das häufig als minderwertiger Nachtrag behandelt wird.
Low und “Heroes” hatten Bowies künstlerische Entwicklung grundlegend verändert, mit instrumentalen Passagen, elektronischen Experimenten und eigenwilliger Dramaturgie neue Möglichkeiten eröffnet. Doch Bowie hatte zeitlebens wenig Interesse daran, sich auf einem einmal gefundenen Stil auszuruhen. Lodger verzichtet auf die Instrumentalstücke der Vorgänger, präsentiert vielmehr zehn auf den ersten Blick vergleichsweise konventionelle Songs, die tatsächlich jedoch voller ungewöhnlicher Ideen stecken. Krautrock, Reggae, türkische Melodik und jamaikanische Rhythmen, romantische Poptraditionen, präparierte Klaviere, überdrehte Gitarrenimpros – klingt nach einem Sammelsurium, doch die stilistische Vielfalt folgt einer künstlerischen Haltung: Bowie interessiert sich weniger für die Reinheit einer musikalischen Form als für das, was passiert, wenn unterschiedliche Formen miteinander konfrontiert werden.
Der Arbeitstitel lautete zeitweise Planned Accidents, und treffender lässt sich die Entstehung kaum beschreiben: Gemeinsam mit Brian Eno entwickelte Bowie Situationen, in denen selbst erfahrene Musiker nicht auf ihre eingeübten Fähigkeiten zurückgreifen konnten. Enos Oblique Strategies halfen dabei, musikalische Routinen aufzubrechen. Interessante daran weniger der Zufall an sich als seine bewusste Organisation. Die Musiker sollten etwas hervorbringen, das sich nicht vollständig planen ließ. Anschließend wurde das Material verändert, zerschnitten, neu zusammengesetzt. Das Ergebnis war weder reine Improvisation noch traditionell durchkomponiert, sondern eine eigentümliche Verbindung aus beidem.
Bowie and Brian Eno were openly influenced by Neu! and Harmonia, bands which featured guitarist Michael Rother. Harmonia’s 1975 song ‘Monza (Rauf Und Runter)’ appears to be the template followed closely on ‘Red Sails’ – the backing of the two songs are virtually identical in places, with Bowie’s band replicating the motorik drumbeats and synth washes. https://www.bowiebible.com/songs/red-sails/
„‘Red Sails’ is in the style of a Red Chinese propaganda song (pentatonic scale all the way with a saxophone doubling the vocal) as played in the style of Neu!, a German contemporary band.“ – Tony Visconti, 2017
„Here we took a German new-music feel and put against it the idea of a contemporary English mercenary-cum-swashbuckling Errol Flynn, and put him in the China Sea. We have a lovely cross-reference of cultures.“ – David Bowie, Melody Maker, 1979
Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist Red Sails. Sein motorischer, unaufhaltsam vorwärtsdrängender Rhythmus orientiert sich deutlich an der Band Harmonia, insbesondere an Monza (Rauf und Runter). Bowie verbindet diese Grundlage mit pentatonischen Melodien und Vorstellungen von chinesischer Propaganda-Musik und Seefahrt. Hinzu kommt Adrian Belews spektakuläre Gitarre. Er sollte zu bereits eingespielten Aufnahmen improvisieren, ohne sie vorher gehört zu haben. Bei Red Sails erzeugte er zufällig eine Rückkopplung, die perfekt zur Tonart passte. Bowie und Visconti kombinierten später unterschiedliche Aufnahmen seiner Improvisationen zu einem Gitarrenpart, dessen abrupte Wechsel von Klang, Tonhöhe und Spielweise gerade seinen besonderen Reiz ausmachen. Hier wird der Zufall selbst zum kompositorischen Material. Der für sein eingehendes Bowie-Fachwissen bekannte Autor Nicholas Pegg bezeichnet Red Sails Podcast als den herausragenden Song und schwärmt von der straffen Rhythmik, der Dynamik und Belews Gitarrensolo.
Eine ähnliche Methode prägt DJ. Belew spielte mehrere improvisierte Gitarrenfassungen mit unterschiedlichen Ansätzen ein. Durch Montage entstamd ein Solo, dessen plötzliche Veränderungen ein einzelner Gitarrist in dieser Form gar nicht spielen könnte. Dazu kommt Simon Houses eigentümlich schlingernde Violine und ein Songtext, der zwischen Satire, Selbstreflexion und Verzweiflung changiert. Hintergründig lässt sich der Text als Reflexion über die öffentliche Figur David Bowie und den Menschen David Jones verstehen. Die musikalische Collage spiegelt die Instabilität dieser Identität.
„Some of Adrian Belew’s solos were made of a composite of at least three separate takes; in a radical way, David was certain of which three tracks he wanted to alternatively switch to but he found the conventional buttons on the recording console too slow to respond. A clever technician in the studio, Andre, built a little switching box with three toggle switches in no time at all. It took David some time to get used to it, but you can hear the effect on the guitar solo of ‘Red Sails’ and ‘DJ’ very well. The tell tale jumps in pitch and style give it away.“ – Tony Visconti, 2017
Auch Move On verdankt seine Entstehung einem Zufall. Bowie hatte eine Aufnahme von All The Young Dudes versehentlich rückwärts abgespielt und fand das Ergebnis so schön, dass er die umgekehrte harmonische Struktur als Basis einer neuen Komposition verwendete. Es entstand keine bloße Spielerei mit Tonbandtechnik, sondern ein eigenständiger, melodisch warmer Song über Bewegung, Sehnsucht und die Unmöglichkeit des Stillstands.
Noch deutlicher zeigt sich die Experimentierlust bei African Night Flight. Ausgangspunkt war eine rückwärts gedachte Version von Suzie Q. Eno präparierte ein Klavier mit Scheren und anderen Metallgegenständen, um ungewöhnliche Klangfarben zu erzeugen. Anschließend wurden wesentliche Teile der ursprünglichen Bandaufnahme wieder entfernt. Der Song entstand also nicht allein durch das Hinzufügen musikalischer Elemente, sondern ebenso durch deren Beseitigung. Übrig blieb eine nervöse, rhythmisch verschachtelte Komposition, deren hektischer Gesang beinahe wie ein Vorgriff auf spätere Rap-Techniken wirkt.
Die Beschäftigung mit außereuropäischen musikalischen Einflüssen kann aus heutiger Perspektive stellenweise unbeholfen erscheinen. So verbindet Yassassin türkisch inspirierte Melodien mit einem Reggae-Backbeat; Violine und Mandoline liefern melodische Figuren, die mit dem jamaikanischen Rhythmus in ein produktives Spannungsverhältnis treten. Visconti erinnerte sich später mit großer Begeisterung an dieses Experiment. Und man sollte nicht übersehen, dass Bowie hier bereits verschiedene musikalische Traditionen miteinander verband, bevor der Begriff World Music im westlichen Popdiskurs populär wurde. Kurz darauf entstanden besipielsweise Fear of Music und My Life in the Bush of Ghosts.
Nicht jeder innovative Einfall entstand aus Überlagerungen oder Stilkreuzungen. Repetition beweist, dass auch die Beschränkung der Mittel eine besondere Ausdruckskraft entwickeln kann. Johnny, der Protagonist des Songs, ist ein frustrierter Mann, der seine Frau misshandelt. Bowie verzichtet darauf, das Geschehen mit dramatischem Gesang emotional aufzuladen, trägt stattdessen den Text mit fast erschreckender Teilnahmslosigkeit vor. Darunter läuft ein unerbittlich wiederholter Rhythmus, den die Violine mit dunklen, gespenstischen Klangfarben durchzieht. Bowie erklärte später, er habe den Gesang bewusst so gestaltet, als würde er einen Bericht vorlesen, statt das Geschehen selbst mitzuerleben. Genau daraus bezieht das Stück seine beklemmende Wirkung, Form und Inhalt sind untrennbar miteinander verbunden. Die Monotonie wird zum Ausdruck eines festgefahrenen Zustands, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Repetition gehört damit zu den konsequentesten Stücken des Albums. Nicolas Pegg und Podcaster Arsalan Mohammed heben diese Präzision ausdrücklich hervor und vergleichen das Stück mit einer musikalischen Kurzgeschichte.
Das Gegenteil bildet Look Back in Anger: Hier treiben Dennis Davis‘ furioses Schlagzeug und Carlos Alomars verschlungene Gitarrenfiguren die Musik mit nahezu körperlicher Energie voran. Es gibt überraschende harmonische Wendungen und einen surrealen Text über die Begegnung mit einem heruntergekommenen Todesengel. Der Song verbindet melodische Eingängigkeit mit einer instrumentalen Komplexität, die bei beiläufigem Hören leicht übersehen wird. Pegg zählt den Song zu den besten des Albums und lobt insbesondere seine dramatische Kraft.
Wie wenig Bowie zwischen experimenteller Musik und eingängigem Pop unterschied, zeigt sich auch an Fantastic Voyage und Boys Keep Swinging. Beide Stücke beruhen auf nahezu derselben Akkordfolge. Durch Veränderungen von Tempo, Melodie, Arrangement und Interpretation entstanden jedoch zwei vollkommen unterschiedliche Songs. Fantastic Voyage ist eine melancholische Nummer, deren warme Mandolinenklänge an Orchesterarrangements der 1950er-Jahre erinnern. Hinter dieser scheinbar altmodischen musikalischen Oberfläche verbirgt sich ein Text über atomare Bedrohung, politische Ohnmacht und die Fragwürdigkeit nationaler Loyalitäten. Dagegen ist Boys Keep Swinging ein übermütiger, ungeschliffener Rocksong. Um einen möglichst amateurhaften Klang zu erreichen, ließ Bowie die Musiker die Instrumente tauschen. Gitarrist Alomar spielte Schlagzeug, Dennis Davis übernahm den Bass. Virtuosität sollte hier nicht demonstriert, sondern verhindert werden. Der Song ist eine ironische Demontage traditioneller Männlichkeitsvorstellungen. Bowie überzeichnet das Selbstbewusstsein männlicher Privilegien so weit, dass die vermeintliche Hymne zum Spottlied wird.
Das abschließende Red Money greift auf Sister Midnight zurück, das Bowie und Iggy Pop in Berlin gemeinsam mit Carlos Alomar für Iggys The Idiot geschrieben hatten. Zusätzliche Gitarren, Roger Powells eigentümliche Synthesizerklänge und ein neuer Text über Verantwortung geben dem Stück eine andere Gestalt. Damit endet das Album mit einem Rückgriff auf seine eigene musikalische Vorgeschichte, die erneut bearbeitet und in einen neuen Zusammenhang gestellt wird.
Dass Lodger nicht immer die Anerkennung erhielt, die es verdient, hat sicherlich auch mit seiner ursprünglichen Produktion zu tun. Bowie und Visconti waren mit der Abmischung von 1979 nie vollständig zufrieden. Die Arbeiten fanden unter ungünstigen Studiobedingungen und erheblichem Zeitdruck statt. Bowie räumte später ein, dass man der Mischung nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet habe, hielt aber ausdrücklich daran fest, dass das Album eine Reihe wichtiger Ideen enthalte. Über die Jahrzehnte war die Idee einer neuen Abmischung Thema zwischen Bowie und Visconti, bevor es zu Bowies Lebensende dazu kam. Visconti arbeitete die rhythmischen Details stärker heraus, gab Bowies Stimme mehr Präsenz und machte zuvor verdeckte instrumentale Ebenen deutlicher hörbar. Bowie konnte die ersten fünf neuen Mischungen noch selbst hören und ermutigte Visconti, die Arbeit fortzusetzen. Ob die neue Fassung in jeder Hinsicht besser ist, bleibt Geschmackssache, doch sie verdeutlicht, wie viele musikalische Feinheiten in diesen Aufnahmen stecken.
Letztlich liegt der besondere Reiz von Lodger gerade in jener Unruhe, die ihm so häufig vorgeworfen wird. Es ist kein Album, das einen einmal gefundenen Stil perfektioniert. Bowie experimentiert mit Wiederholung, Umkehrung, Improvisation, Montage, Reduktion und stilistischen Brüchen, verwendet vorhandenes Material neu, bringt Musiker aus ihren Routinen und lässt scheinbar unvereinbare Einflüsse aufeinandertreffen. Und immer wieder entstehen daraus erstaunlich überzeugende Songs. Vielleicht ist Lodger deshalb weniger unmittelbar zugänglich. Es besitzt weder die monumentale Geschlossenheit von “Heroes” noch die radikale Zweiteilung von Low. Seine Eigenständigkeit erschließt sich eher im Detail, im wiederholten Hören und in der Aufmerksamkeit für seine vielen überraschenden Entscheidungen. Gerade darin liegt jedoch sein Wert. Lodger dokumentiert einen Künstler, der sich nicht damit begnügt, seine eigenen Errungenschaften zu wiederholen, sondern zeigt Bowie als musikalischen Forscher, der selbst aus scheinbar nebensächlichen Ideen neue Möglichkeiten entwickelt. Kein misslungenes Experiment also, sondern ein Album, dessen außerordentlicher Einfallsreichtum bis heute viel zu wenig gewürdigt wird.
Quellengrundlage: Der Text basiert auf der „Bowie Bible“ und dem Gespräch zwischen Nicholas Pegg und Arslan Mohammed in dessen Podcast „David Bowie Album to Album“ (August 2018). Die Einschätzungen von Bowie und Visconti sind sinngemäß ins Deutsche übertragen.Demnächst in diesem Theater
… und 1000 Dank für den Support von „webmaster“ Nevzat Kerman!

- ein paar Gedanken zu einem Dokumentarfilm von Werner Herzog und dem Soundtrack von Popol Vuh
- eine „graphic novel“ besonderer Art (von M.W.)
- das neue „Songalbum“ des Fire! Orchestra
- die Suche nach einem Eno/Lanois-Faktor auf U2‘s neuem Album*
- Ein flowworker liest die Sakamoto Biografie
- Warum Dominic Millers „Diana“ ein wundersames Album ist
- Michaels surrealer Vormittag in Rethymno
- Das grosse Leseabenteuer eines japanischen „Schinkens“
- Kurze Erinnerung an ein Dub-Meisterwerk, das kein Schwein kennt
- Ingos Lodger-Laudatio
- „wishful thinking“: welche fünf ECM-Alben Michael 2028 gerne in der „Luminessence-Reihe“ erleben würde
- Markus Reuters erster Text (nach der Besprechung von „Drawn From Life“)
- SML im Kölner Stadtgarten (zwei flowies berichten)
- Querfeldeingedachtes zu Manfred Ettens Fotoserie Bankgeheimnisse
- listen now: „a classic Steve Tibbetts story“**
*Freiwillige vor!
(alle Ankündigungen ohne Gewähr)
Swedish author Hedvig Ljungar writes in her liner notes to the new Fire! Orchestra work that will meet the market in January 2027: ”The interplay of sounds and words as expressed in the album WORDS is reminiscent of both early 20th-century surrealism and the concrete poetry of the 1960s, challenging the language of order by adding elements of disruption. Both of these movements investigated the boundaries between the signifying and the sonorous aspects of language, often including elements of “nonsense”. There are strong parallels with Fire! Orchestra’s artistic work. Through the album’s 13 tracks, the ensemble explores the uncategorizable and indefinable, while also challenging the notion of “sense”, or the voice of reason. And even though “sense” is a concept associated with those in power, Thunberg’s sampled voice repeats: ’The real power belongs to the people.’
Meine frühen Jahre mit Robert
Ich sehe die Szene noch genau vor mir. Mein Klassenkamerad Peter Siemons sass im ersten Stock hinten in der Ecke, am Fenster, und hielt das Doppelalbum „Third“ von Soft Machine in seinen Händen. Ein Album, das mein Leben veränderte, beim ersten Hören schon. Das Quartett lümmelte sich in einem Hotelzimmer rum, auf dem Innencover, so eine ganz andere Selbstdarstellung wir die farbenfrohen, einladenden Beatles auf dem Sgt. Pepper-Album (noch so ein life-changer!). Lieh ich mir das Album, nein, zumindest kaufte ich es mir sehr bald, und es lief rauf und runter, alle vier Seiten. Robert Wyatt an den drums, und Sänger auf „Moon in June“, Mike Ratledge an den keyboards (Winfrid Trenkler sprach im Radio,von seinem „wesp-in-the-brain“-Sound), Elton Dean, der Saxofonist, und Hugh Hopper am Bass.
Für mich haben Soft Machine nie ein grossartigeres Album gemacht, „Third“ überstrahlte alles. Aber was war das für eine Musik, um Himmels willen!? Die üblichen Schubladen von Prog Rock und Fusion helfen nicht weiter, denn einige Dinge an diesen Klängen waren so eigenartig und kaum beschreibbar, und zielten mit jedem einzelnen Sound und jedem Augenblick auf etwas tief in mir, das ich nie wirklich gut in Wort fassen konnte. Das war, vier Plattenseiten, vier lange Stücke lang, „meine Musik“, „mein Tor zu einer anderen Welt“. Nicht nur der mich endlos begeisternde Song „Moon In June“, auch die Ur-Wucht der drei anderen Kompositionen epischer Länge. Selbst das an Schlichtheit kaum zu toppende Cover erhielt mit der Zeit eine magische Aura.
Ich hörte das Album in meinen späten Teenager-Jahren wieder und wieder. Ich war so ein romantisches Sensibelchen damals, aufgeweckt, neugierig, ständig verliebt und träumend unterwegs. „Third“ gehörte fraglos zu meinem emotionalen Überlebensgepäck. Keine Dunkelkeit konnte über mich einbrechen, ohne dass das Hören von „Third“ ihr nicht zumindest Form und Struktur gegeben hätte. Dann kam irgendwann Robert Wyatts Fenstersturz und sein Album „Rock Bottom“! Unendliche Tiefe. Himmel und Abgrund. Dass in meiner letzten Ausgabe der „Klanghorizonte“ Robert Wyatt den Reigen der O-Töne eröffnete, hatte also einen guten Grund: zurück zu den Anfängen.

I travelled three times to London to interview Robert and Alfie on „Dondestan“, „Shleep“ and „Cuckooland“ in the times of their release. Unforgettable, when, on the hottest day of that summer of 2003 , we were lead to the empty Purcell Room, that excellent concert hall, and then moved though every track of „Cuckooland“. At one pont Robert told me how Brian Eno sang his part of the uncanny „Forest“ with opulent arm gestures of an opera singer. (And what a deeply moving song that is, from two of my favourite singers ever!) Many of his stories blurring the lines between the private and the political. And such a great humour, too. He‘s life‘s company, always has been!
Two months to go
Ein gutes Musikjahr zeichnet sich nicht unbedingt durch einen gemeinsamen Sound aus. Die interessantesten Veröffentlichungen des Jahres 2026 bewegen sich vielmehr zwischen den Genres, greifen auf musikalische Traditionen zurück und suchen zugleich nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Eine vorläufige Longlist ohne Rangfolge, geordnet nach Erscheinungsdatum. Ein paar viel versprechende Alben stehen ja noch aus.
Momoko Gill, bekannt von einem tollen Duo mit Matthew Herbert, verbindet auf ihrem Soloalbum Momoko irgendwie Neo-Soul, Jazz, abstrakten Trip-Hop und elektronische Experimente zu einer eigenständigen musikalischen Sprache. Zwischen intimen, zurückgenommenen Songs und dem eindringlichen, von einem großen Chor getragenen „When Palestine Is Free“ zeigt sich eine Künstlerin, die musikalische Vielseitigkeit mit einer klaren persönlichen und politischen Haltung verbindet.
Im Jahr seines 75. Geburtstags habe ich Bill Frisell gleich mehrmals in Berlin erlebt, jeweils mit verschiedenen Trios. Sein Herzensprojekt, In My Dreams, das er sich selbst (und uns) zum 75. schenkte, versammelt langjährige Weggefährten in seiner persönlichen „Dream Band“ und lässt Jazz, Americana und Kammermusik in seinem unverwechselbaren Gitarrenton zusammenfinden. Die zwischen Konzert und Studio entstandenen Aufnahmen leben von trügerischer melodischer Klarheit, feinen instrumentalen Dialogen und einer Gelassenheit, die set jeher viele von Bills besten Alben auszeichnet.
Einen zurückgenommenen musikalischen Dialog entwickeln Marilyn Crispell und Anders Jormin auf Memento – ebenfalls einem Herzensprojekt, von dem mir Marilyn viele Jahre zuvor erzählte, zumal Anders und der schwedische Jazz für ihre künstlerische Entwicklung in den 1990ern wesentlich war – in dem jeder Ton, jede Pause und jede klangliche Reaktion Gewicht erhält. Nicht virtuose Selbstdarstellung, sondern aufmerksames Zuhören, improvisatorische Offenheit und ein tiefes, gewachsenes gegenseitiges Verständnis bestimmen diese fragilen und intensiven Dialoge.
Mit The Ark verbindet der aus Trinidad stammende, in England beheimatete Dichter und Musiker Anthony Joseph seine bildgewaltige Spoken-Word-Poesie mit einer ebenso kraftvollen wie beweglichen Mischung aus Jazz, Funk, Soul und afrofuturistischen Klangvorstellungen. Unter der musikalischen Leitung von Dave Okumu entsteht, als direkte Fortsetzung seines letztjährigen Album Rowing Up River to Get Our Names Back, ein Werk, das kulturelle Erinnerung, Mythologie und politische Gegenwart in einen hypnotischen musikalischen Erzählfluss bringt.
Getreu ihrer enorm langen Pausen zwischen Alben entfalten Seefeel, 15 Jahre nach dem grandiosen selbstbetitelten Album, auf Sol.Hz erneut ihren unverwechselbaren Kosmos aus Dub, Ambient, elektronisch verfremdeten Gitarren und geisterhaftem Gesang wieder neu und noch reduzierter als zuvor. Schwere Bassfrequenzen, instabile Rhythmen und langsam anschwellende oder verklingende Klangflächen schaffen eine Musik, deren eigentliche Ereignisse häufig in den Übergängen und kaum wahrnehmbaren Veränderungen liegen.
In einer ambitionierten großen Suite widmet sich Saxofonist Chris Potter auf Alive With Ghosts Today der Geschichte des amerikanischen Abolitionisten John Brown und den bis heute nachwirkenden Konflikten der Vereinigten Staaten. Mit einem Septett scheinbar divergierender musikalischer Köpfe, u.a. Bill Frisell, Nate Smith und der Violinistin Sara Caswell, entwirft er eine radikal eigene erzählerische Klangwelt zwischen Jazz, Blues, Folk und amerikanischer Orchestertradition, die bei der Kritik durchaus gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen hat.
Persönliche Krisenerfahrungen und Einflüsse aus Natur, Spiritualität und brasilianischer Musik verarbeitet Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien auf seinem zweiten Soloalbum Blue Morpho zu einem vielschichtigen, häufig geradezu euphorischen Sound. Zwischen psychedelischem Rock, elektronischen Texturen und opulenten Arrangements entsteht ein Album, das seine introspektiven Ursprünge immer wieder in große musikalische Gesten übersetzt.
Auf In Grief or in Hope verzichtet das kanadische Trio Big|Brave diesmal aufs Schlagzeug und konzentriert seine Musik noch stärker auf die physische Wirkung von Verzerrung, Feedback und tiefen, lang anhaltenden Gitarrenklängen. Inmitten dieser monumentalen, bisweilen verstörenden Klangmassen behauptet sich Robin Watties zerbrechlich wirkende Stimme und macht das Album zu einer eindringlichen Auseinandersetzung mit Trauer, Verletzlichkeit und Hoffnung. Wir haben diese Stücke im Frühsommer beim Berghain-Konzert erstmals erlebt, wo die Band rigoros einfach das komplette Album von vorne bis hinten gespielt hat. Auch wenn Big|Brave diesmal noch songhafter geworden sind, passt das Album gewissermaßen hervorragend zu Seefeel.
Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrer Gründung finden die Rolling Stones auf Foreign Tongues noch genügend Energie für ein Album, das Blues, Funk und Rock mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit verbindet. Keine Neuerfindung, sondern eine Band, deren Spielfreude und rhythmisches Gespür auch im Spätwerk bemerkenswert lebendig bleiben. In meinen Augen und zu meiner Überraschung ist dies sogar ihr bestes Album, seit ich die Band aktiv höre. Diesmal passt es sicherlich zu sagen, dass es ihr bestes seit (mindestens) 45 Jahren ist.
Ihren ohnehin experimentierfreudigen R&B erweitert Kelela auf New Avatar um Elemente aus Psychedelic Rock und Shoegaze, ohne dabei ihre charakteristische Verbindung aus sinnlicher Stimme und ausgefeilter elektronischer Produktion preiszugeben. Das Ergebnis ist ein atmosphärisch dichter, zugleich überraschend gitarrenbetonter Entwurf, der die Grenzen zwischen körperlicher Unmittelbarkeit und klanglicher Abstraktion weiter verschiebt. Als langjähriger Fan war ich letzte Woche wieder bei ihrem Berlin-Konzert, und wie sie gerade ihr bisheriges Oeuvre recht souverän einem facettenreichen Neuarrangement unterzieht, hat mich sehr beeindruckt, auch wenn ihr neues Album dem genialen Take me apart dann wohl leider noch nicht das Wasser reichen kann. Aber ich bin enorm gespannt, was sie als nächstes macht.
Nach zahlreichen elektronischen Experimenten kehrt Kurt Wagner alias Lambchop auf Punching the Clown zu einer reduzierten, überwiegend akustischen Instrumentierung zurück, ohne die Eigenwilligkeit seiner Musik aufzugeben. Wagners verschlungene Erzählungen über Erinnerung, Vergänglichkeit und amerikanische Lebenswirklichkeiten entwickeln gerade durch die sparsameren Arrangements eine besondere emotionale Intensität, und wie dann diese Chorarrangements immer wieder genial eingeflochten werden, hat mich nach 30 Jahren Lambchop dann doch überrascht und unerwartet berührt. Für mich sein/ihr bestes Album seit Is a Woman.
Ihre beiden London-Konzerte im Juni 2025 dokumentieren Pulp auf Live! und zeigen eine Band, deren Comeback weit mehr ist als nostalgische Rückschau. Was man absolut nicht erwartet hätte: Die neuen Stücke von More stehen mühelos neben Klassikern wie „Common People“ und „This Is Hardcore“, während Jarvis Cockers Bühnenpräsenz und die opulenten Arrangements von der ungebrochenen Gegenwärtigkeit dieser Songs zeugen. Zum Glück habe ich nach langem Hin&Her-Überlegen am Ende den Weg zu ihrem Konzert im Tempodrom – ihrem ersten Berlin-Konzert seit 30 Jahren! – gemacht. Und war enorm bewegt und begeistert, wie zeitlos diese Band und diese Songs doch mittlerweile sind. Einziger Wermutstropfen ist, dass auf dem Live-Album ein paar Höhepunkte der 2026er Tour nicht drauf sind.
Auf die musikalischen Wurzeln ihrer Heimat North Carolina besinnt sich Rhiannon Giddens auf Hope Is the Thing With Feathers und verbindet traditionelle Folkstücke mit eigenen Kompositionen und Einflüssen aus ihrer vielseitigen musikalischen Laufbahn. Das mit zahlreichen Weggefährten live im Studio eingespielte Album feiert Gemeinschaft, kulturelle Erinnerung und Widerstandsfähigkeit mit der für ihr Werk gewohnten historischen Verwurzelung. Nachdem ich Rhiannon Giddens‘ Soloalben allesamt sehr schätze, freue ich mich schon sehr darauf, Ende November für zwei Tage nach Hamburg zu fahren, um einen Teil ihrer „Reflektor“-Konzerte in der Elbphilharmonie zu besuchen.
Mit Hotel Usona entwerfen Protomartyr ein düsteres Konzeptalbum, in dem ein heruntergekommenes Hotel zum Sinnbild gesellschaftlicher Verwerfungen und politischer Entfremdung wird. Joe Caseys gar nicht mehr so lakonischer Vortrag korreliert mit einer musikalisch erweiterten Klangwelt aus nervösen Gitarren, Bläsern und ungewöhnlichen Instrumentierungen, die der vertrauten Schärfe der Band neue Facetten hinzufügt.
15 bekannte Songs aus sechs(!) Jahrzehnten unterzieht Meshell Ndegeocello auf Synonym einer radikalen Neubetrachtung und besetzt sie mit wechselnden, meist gleichgeschlechtlichen Gesangsduos (Cat Power, Chaka Khan, Anohni, Brandi Carlile u.v.a.). Zwischen Jazz, Soul, Reggae und (experimentellem?) Pop entstehen neue Lesarten von Stücken unter anderem von Human League, Dylan, Eno, Sonny & Cher und sogar zwei Mal den Bee Gees, die zugleich Fragen nach Geschlechterrollen, Identität und gesellschaftlicher Befreiung aufwerfen. Die Kritik nahm dieses Album zumeist etwas lauwarm auf, vielleicht weil Meshells vorhergehende drei Alben so innovative „Alternative Jazz“-Projekte mit reichen Ensembles und eigener Grammy-Kategorie waren. Dabei begeistert mich als langjähriger Fan wieder einmal, wie sie gewohnt rastlos in ihrer Kreativität bleibt und stets auf demselben beeindruckend hohen Niveau mit immer neuen Facetten überrascht. Offenbar ein leicht zu unterschätzendes Album.
Und gleich noch eine weitere innovative schwarze US-Songwriterin: R&B, Funk, Bounce, Reggae und elektronische Clubmusik verbindet Dawn Richard auf Creole Culture zu einer lebhaften Auseinandersetzung mit der kulturellen Herkunft ihrer Heimat New Orleans. Organische Instrumentierungen und programmierte Beats greifen ineinander und lassen ein Album entstehen, das musikalische Tradition nicht konserviert, sondern in immer neue Zusammenhänge stellt.
Gleich drei wirklich tolle Alben gibt es dieses Jahr, zum fünften Labelgeburtstag bei Red Hook Records (und das sage ich nicht deshalb, weil ich alle drei Alben mit kurzen „Dokus“ begleitet habe, sondern weil ich die Musik wirklich sehr gerne höre): Zuerst das zweite Album Shards des Trios BlankFor.ms, Jason Moran und Marcus Gilmore, dann das Jubiläumsalbum Peace Anthems, und nun, just zum Oktober-Ende Saxofon, Gitarre, Schlagzeug und Elektronik auf Trappings of Sleep von Caroline Davis, Grey Mcmurray und Qasim Naqvi, in einem ebenso konzentrierten wie offenen Zusammenspiel, das von fragilen Klangereignissen bis zu aufgewühlten, beinahe eruptiven Passagen reicht. Beide Trios erkunden die Zwischenräume von Improvisation und Komposition, von Genremixturen und von Wiederholung, Stille und klanglicher Verdichtung.
So unterschiedlich diese Veröffentlichungen sind, verbindet sie doch eine bemerkenswerte Offenheit gegenüber musikalischen Formen und Traditionen: Die interessantesten Alben des Jahres zeigen, dass musikalische Eigenständigkeit weniger eine Frage des Genres ist als der Konsequenz, mit der Künstler/innen ihre Vorstellungen verfolgen.
„a new flowie on the branch“

one crack leaves,
one crack comes:
welcome, Markus Reuter!read: „25 years of Drawn From Life“
Lieber Markus, 2021 waren die Klanghorizonte noch fünf Stunden lang, nachts von 1.00 Uhr bis 6.00 Uhr – und damals, im Juni, war dies die Playlist der ersten Stunde: du warst in guter Gesellschaft! Portico Quartet: III (from Terrain) / Sons of Kemet: Envision Yourself Levitating, from Black To The Future / Anthony Joseph: Calling England Home, from The Rich Men Can Only Be Defeated When Running For Their Lives / Vijay Iyer: Touba, from Uneasy / Anthony Joseph: Maka Dimweh, from The Rich Men Can Only Be Defeated When Running For Their Lives / KURT WAGNER SPEAKING / Lambchop: a track from Showtunes / J. Peter Schwalm & Markus Reuter: from Aufbruch
“stirrings still“ (immer noch nicht mehr) – von Richard Williams

If Mark Rothko’s paintings represent a visual approach to the condition of music, then Samuel Beckett’s poems, plays and prose are the literary equivalent. Not just the music of words: nicht einfach die Musik der Worte: eine Musik, die durch die Worte angedeutet wird, über sie hinausgeht und doch untrennbar mit ihren Klängen und Rhythmen verbunden ist.
„Stirrings Still“ war Becketts letztes Prosawerk: neun Seiten, etwa 2.500 Wörter, geschrieben zwischen 1983 und 1987, was bedeutet, dass es zwei Jahre vor seinem Tod fertiggestellt wurde. Und genau das scheint es zu vermitteln: einen Mann, der still über seine eigene Sterblichkeit, über Zeit und Verlust sowie über Unvollendetes nachsinnt und dabei unvollkommene Erinnerungen heraufbeschwört. Zu Beginn sitzt er an einem Tisch und beobachtet, wie er „aufsteht und geht“.
Paul Griffiths liest „Stirrings Still“ auf einem neuen Album mit demselben Titel vor; die Worte sind in 18 Abschnitte unterteilt, die durch Musik für Streichquartett des amerikanischen Komponisten Trevor Bača voneinander getrennt sind. Griffiths, den ich in den 1980er Jahren als Chefkritiker für klassische Musik bei der Londoner „Times“ kannte, ist ein vielfach ausgezeichneter Autor (unter anderem von drei Romanen), Librettist und Dozent.
Er ist kein Schauspieler, was bedeutet, dass die Betonung des Textes zurückhaltend ist – was dem Ganzen meist zugutekommt. Er hat eine gewöhnliche Stimme, die sich für ruhige Reflexion eignet, keine Aufmerksamkeit auf sich lenkt und daher gut zu diesem Beckett-Stück passt. Die fast beschwörenden Wiederholungen dürfen für sich selbst sprechen, während eine kleine Schwierigkeit beim Aussprechen der R-Laute einen Hauch von Unvollkommenheit und Charakter verleiht. Ein Bill Nighy oder ein Ian McKellen würden die Zeilen vielleicht besser „verkaufen“, aber das Ergebnis würde nicht so authentisch wirken.
Was dem Sprecher an Dramatik und Abwechslung fehlt, liefert Bačas Musik. Das Jack Quartet – Christopher Otto und Austin Wulliman (Violinen), John Pickford Richards (Bratsche) und Jay Campbell (Cello) – bietet ein Repertoire aus Kratz-, Sturz- und Sägebewegungen, beunruhigenden Obertönen, mikrotonalen Drones, rasanten Zickzackmustern und Glissandi, die wie ein aus den Gleisen springender Zug ruckeln, alles mit wunderschönem Timing und, in Manfred Eichers Produktion, einem Gefühl von Raum und Luft inszeniert. Erst am Ende überschneiden sich Erzählung und Musik – ein zurückhaltender Effekt zum Abschluss eines bemerkenswerten Werks.
- „Stirrings Still“ ist jetzt beim Label ECM New Series erschienen. Der Text ist zusammen mit denen von „Company“, „Ill Seen Ill Said“ und „Worstward Ho“ in einem von Faber & Faber veröffentlichten Band mit dem Titel „Company Etc.“ erhältlich. Das Foto von Beckett stammt vom Cover von „Stirrings Still“ und wurde von Rosemarie Clausen aufgenommen. (übertragen aus RW‘s Musikblog The Blue Moment)
Wochenende
Bert Jansch & John Renbourn: Bert & John (1966) – Zwei Gitarren, ab und zu Gesang. 30 Minute mit unendlichen Tongirlanden. Meisterwerk der Reduktion.
Bark Psychosis: Hex (1994) – Dieses tolle Album habe ich 2025 das erste Mal gehört. Tiefgründig. Auch hier wieder unendliche Tongirlanden, akustisch-elektronische Instrumentierung. All Gates are Open.
Ryuichi Sakamoto & Alva Noto: 12 Conversations (2026) – Die vierte Seite dieses Albums ist nicht von dieser Welt. Traumverlorene Lebensfreude schrieb Herr Engelbrecht. Trifft es sehr gut. Momentan mein zweitbestes Album dieses Jahres.
David Fincher: The Game (1997) – Hatte ich das letzte Mal vor mehr als 20 Jahren gesehen, ist gerade in der Arte-Mediathek verfügbar. Immer noch ein wirklich beeindruckender Film. Scary. Obwohl ich den Twist am Ende noch erinnerte, war ich wieder überrascht.
Phil Struck: Kiliae (2026) – Sehr hübsches Ambient-Album. Dreamy Soundscape. Acoustic Sketches.
Shearwater: The New World (2026) – Nicht ganz so tief wie Hex, aber das kann man ja auch nicht immer hören. A nice little guitar record.
Khan Jamal: Give The Vibes Some (1974) – Ein Duo Album, Vibraphon mit Trompete oder Schlagzeug. Wer wagt gewinnt. Pure Freedom.
Michael Engelbrechts beste TV Serien 2026
„Die Macher von „John Sugar“ sind begabte Gaukler, die ihre Genre-Versatzstücke über acht Episoden hinweg als Köder für eine facettenreiche Betrachtung der conditio humana auslegen – und dabei die Magie des Kinos immer wieder spürbar machen.“ (Michael über Sugar, Season 1)
Peter Handke kommt von Homer, ich komme von Emma Peel und vom Fuss der blauen Berge. Das Argument, TV-Serien seien Zeiträuber, empfinde ich leicht erheiternd, es wird von Zeitgenossen ins Spiel gebracht, die Serien nicht viel abgewinnen können. Es entsteht bei sensiblen Gemütern dann leicht der Eindruck, sie könnten mit ihren endlos begrenzten Tagen verschwenderisch, fast Zeit totschlagend, umgehen, was natürlich völliger Blödsinn ist, wenn man eine grossartige Serie über eine, zwei oder mehr Staffeln geht, die uns völlig gefangennimmt, bereichert, das Bewusstsein tanzen lässt, uns emotional und andersweitig „mitnimmt“, unvergesslich ist, und dazu ein paar Horizonte öffnet. Im folgenden, launig gerankt, aber glauben Sie mir, ich finde sie alle so gleichermassen aussergewöhnlich mit minimalen Präferenzen hier und da. Keiner frage mich wie, aber ich hatte die Gelegenheit, alle Folgen der vierten Staffel des nordirischen Detektivdramas „Blue Lights“ zu erleben, sowie alle Folgen von Tony Schumacher’s „The Cage“!
So weit, so gut: zwei Kolumnen verschwinden zu Beginn des kommenden Jahres aus den „monthly revelations“: aus RADIO wird „Radio Remembrance“ – und als einziger regelmässiget TV-Serienberichterstatter lasse ich BINGE sanft ausklingen, mit meinen zehn Highlights televisionärer Tranceerlebnisse 2026.1) Blue Lights (Staffel 4) (i like this series and some of the actors so much that i am an unreliable reviewer) // 2) American Hostage (much better in my opinion than the mixed and slightly positive reviews – top-notch Jon Hamm and Indianapolis 1977) // 3) The Cage (Staffel 1) (excellent plot, people drawn from life) // 4) Legends (a brilliant cast, true events, and „a big heart in spite of it all“) // 5) Small Prophets (surreal, human, and deep – „Wonder lies below the surface of this truly fantastic sitcom from the creator of Detectorists. It’s an impossible marvel of TV making“ ) // 6) Under Salt Marsh (the landscape, the story – and Kelly Reilly! Und: verfügbar in der ZDF Mediathek…) // 7) Last Seen (two dysfunctional families permanently falling apart) // 8) Maximum Pleasure Guaranteed („edge of the seat-overdose“) // 9) Sugar (Staffel 2) (for friends of film noir wth a twist) // 10) Dark Winds (Staffel 4) (clash of law and mythology)
For long autumn evenings

Man denkt, selbst als intelligenter Mensch, leicht in Schablonen, wenn man an Urlaub in Griechenland denkt. Strand, Meer, Sonne, und irgenwo in einer Taverne, aus der, unverwüstlich, „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens ertönt. Mein Tag in Rethymno, der vielleicht schönsten Stadt auf Kreta, wieder so eine Floskel, lief so ganz anders ab, aber wie kann ich das erzählen? Kein Drama, nur Absurdes Theater. Heute morgen kam die neue Musik von Athina Kontou in mein Postfach, und es tat mir unheimlich gut, das Auftaktstück „Kreta“ zu hören. Keineswegs die übliche Geselligkeitsfolklore! Am Strand von Matala jetzt, mit Blick auf die beiden Felseninseln, Erinnerungen an das große Abenteuer dieser Ferien, mit 2341 Passagieren in knapp drei Wochen!
