• Dream Theory in Malay

    In der zweiten Hälfte der 90er habe ich damit angefangen, ein Traumtagebuch zu führen. Nun, es klingt etwas overdressed; ich hatte auf einer Reise durch Irland mit dem Wohnmobil ein paar dunkelgelbe Notizhefte gekauft und schrieb „Traumfetzen“ auf die Vorderseite. Eben blätterte ich in diesen Heften. Damals erinnerte ich mich teilweise an vollständige Traumgeschichten. Was ich las, war faszinierend archaisch und voller Gewalt. Es hatte viel mit meinem damaligen Leben zu tun, und es ging weit darüber hinaus. Und, ja, Jahrzehnte später würde ich sagen, dass diese Äußerungen aus meinen Träumen aus einer Sphäre kommen, die transpersonal ist und wahrscheinlich damit verknüpft sind, was C.G. Jung als das „Selbst“ bezeichnet hat. Ich fand es damals anstrengend, Erinnerungen an Träume zu notieren und auch noch darüber nachzudenken, was sie bedeuten könnten. Ich hörte nach einigen Monaten auch damit auf, und fing acht Jahre später wieder damit an. Auch damals blieb ich nicht dauerhaft dabei. Für die Fortsetzung meiner Notizen habe ich eine Datei im Notebook angelegt. Auch wenn direkt nach dem Aufwachen hanschriftliche Notizen empfohlen werden, ist die Datei für mich der Gamechanger; dank eines Kurses zu Studienbeginn tippe ich ziemlich schnell. Ich weiß inzwischen auch, dass es darum geht, auf Gefühle und Stimmungen im Traum zu achten, ich habe einen Blick für Details und meine Traumdatei hat inzwischen einen gewissen Umfang. Zusammenhänge, an die ich mich direkt nach dem Aufwachen erinnere, vergesse ich zwar schnell, aber was länger hängenbleibt, sind konkrete einzelne Bilder. Einmal, neulich erst, tauchte ganz plötzlich die japanische Nationalflagge auf. Vor Monaten versuchte ich im Traum, ein vollständiges, großes, menschliches Skelett die Toilette herunter zu spülen, und, obwohl mich jemand dabei unterstützte, hatte mein Bemühen keinen Erfolg.

    Natürlich war ich fasziniert von dem Absatz, der sich auf der Rückseite des Plattencovers von Jon Hassels „Dream Theory in Malaya“ findet:

    Dream Theory in Malaya is titled after a paper by visionary anthropologist, Kilton Stewart, who in 1935 visited a remarkable highland tribe of Malaysian aborigines, the Senoi, whose happiness and well-being were linked to their morning custom of family dream-telling—where a child’s fearful dream of falling was praised as a gift to learn to fly the next night and where a dream-song or dance was taught to a neighboring tribe to create a common bond beyond differences of custom.

    Einen Bericht über seine Erfahrungen mit den Senoi hat Kilton Stewart in dem von Chalres T. Tart herausgegebenen Buch „Altered States of Conscoiusness“ (1969) veröffentlicht. Es etablierte sich die Vorstellung eines Naturvolkes, das sich jeden Morgen in Gruppen zusammensetzt, einander die Träume der Nacht erzählt und sich gemeinsam damit beschäftigt. Dieses Ritual soll mit der Gewaltlosigkeit des Volkes im Zusammenhang stehen. Der Essay von Kilton Stewart „Dream Theory in Malaya“ findet sich hier. Kilton Stewart hatte die Senoi nicht selbst entdeckt, sondern zunächst seinen britischen Kollegen Pat Noon begleitet, der eine Senoi-Frau geheiratet hatte und plötzlich spurlos verschwand, bis er ermordet aufgefunden wurde, mehr dazu hier.

    Nun las ich in einem Essay von Charles T. Tart in dem faszinierenden Vortrags-Sammelband „Wir wissen mehr als unser Gehirn“, Kilton Stewarts Bericht über die Senoi sei nicht als echte ethnologische Studie zu verstehen, und dann steht da der ernüchternde Satz: „Es hat nie Menschen gegeben, die all diese Dinge wirklich getan haben.“ Belegt wird dies mit einem Buch (1985) und einem Aufsatz (1991) von G.W. Domhoff. Jon Hassell’s Album „Dream Theory in Malaya“ kam im Jahr 1981 in die Plattenläden. Nach dem ernüchternden Satz fährt Charles T. Tart fort: „Und dennoch hat dies seine `Wahrheit´ insofern, als es funktioniert, wenn man solche Dinge glaubt und sie ausprobiert.“ Jon Hassell hat daran geglaubt. Mich hat der Gedanke der gemeinschaftlichen morgendlichen Traumbesprechung als Ritual so fasziniert, dass ich ihn in eines meiner Gedichte in meinem Band „Häuser, komplett aus Licht“ eingebaut habe: „Ein Langzeitseminar zur Traumtheorie in Malay. Morgens saßen wir im Patio, alle im Stuhlkreis, und lasen einander unsere während der Nacht dahingekritzelten Notizen vor. Es gibt kein Geheimnis.“ Diese Sätze skizzieren, wie vieles in meinen Gedichten, eine Art feinstoffliche Parallelwelt zu dem, was Charles T. Tart unser Konsens-Bewusstsein nennt. Ein imaginärer Raum wird erzeugt, und niemand weiß, ob und wo es ihn gibt.

  • Autechre auf Akustikgitarre

    „Shane Parish ist ein in Georgia lebender Gitarrist und Mitglied des Bill Orcutt Guitar Quartet. Für seine Transkriptionen der Musik des legendären IDM-Duos aus Manchester für Akustikgitarre wählte er hauptsächlich Stücke aus deren ersten beiden Alben Incunabula (1993) und Amber (1994) aus. Diese klingen viel melodischer und zugänglicher als die meisten späteren Werke von Autechre und sind auch konventioneller schön.

    Er wählte auch zwei Titel aus Tri Repetae (1995) aus, dem Album, mit dem die Gruppe ihren endgültigen Sound gefunden hatte – der sich aufgrund seiner eher texturierten Wurzeln in der Industrial-Musik und Musique concrète nicht besonders gut für eine Umsetzung auf der Akustikgitarre eignet. Dazu kommt noch ein Titel aus LP5 (1998), und schon ist die Trackliste komplett. Als Fan würde ich generell sagen, dass Autechres Werk mit LP5 wirklich interessant wurde, aber für dieses Projekt ist die Auswahl absolut sinnvoll.

    Autechre Guitar enthält einige beliebte frühe Favoriten wie „Bike” und „Clipper”, aber auch einige weniger bekannte Perlen wie „Eutow” und „Yulquen”. Parish hat bei den melodischen Transkriptionen hervorragende Arbeit geleistet, was sich in der überraschend großen Medienberichterstattung über dieses eher obskure Konzeptalbum widerspiegelt. An dieser Stelle schließe ich mich einfach dem allgemeinen Lob an.“

    Anmerkung: grob gesagt, gibt es zwei Gruppen von Hörern mit einer Schwäche für allerlei experimentelle Klänge: die einen, wie der „Herr der Zen Sounds“, aus dessen Blog dieser Text (übersetzt) stammt, lieben die Band, wie Ingo oder, die anderen lässt ihre Musik kalt, wie mich. Olaf wiederum ist ein grosser Bewunderer der Gitarrenmusik von Shane Parish. Er wird sich das Teil zulegen, glaube ich. / m.e.

  • Paul McCandless Live at Kimballs East 1992

    I attended this concert back in 1992. It was an amazing evening. The lineup says it all: Paul McCandless -reeds, Lyle Mays – piano, Steve Rodby – bass, Mark Walker – drums, and Fred Simon – keyboards.

    The album they were touring was Premonition, one of McCandless’s best. It was a night which has always stayed in memory, but I honestly never thought I’d get to hear a recording of it, much less 34 years later. Here’s the promo material which gives some background on how this came about:

    For more than half a century, multi-instrumentalist Paul McCandlesshas been a singular force in creative music, thrilling audiences with a career that bridges jazz, classical, and global traditions. His journey began in the late 1960s with saxophonist and world music pioneer Paul Winter in the groundbreaking Winter Consort, followed in the early 1970s by the formation of the influential chamber jazz quartet Oregon. By the early 1980s, McCandless was also a key voice in Jaco Pastorius’ legendary Word of Mouth big band, further cementing his place in modern jazz history.

    McCandless emerged as a bandleader in 1979 with All the Mornings Bring on Elektra, then joined forces with pianist Art Lande and vibraphonist Dave Samuels for the striking ECM release Skylight in 1981. That same year he released Navigator on the Landslide label, continuing to expand his compositional voice. Two major projects followed on Windham HillHearsay (1988) and Premonition (1992), the latter produced by bassist Steve Rodby and featuring an extraordinary lineup of Lyle Mays on piano, Fred Simon on keyboards, and Mark Walker on drums.

    That ensemble took to the stage for nine concerts in the summer of 1992, beginning on July 4 at the Montreal Jazz Festival and continuing with a three-night stand from August 21 to 23 at Kimball’s East in the San Francisco Bay Area. One of those performances was quietly captured on a DAT cassette and placed into McCandless’ private archive, where it remained unheard for decades. The tape resurfaced only recently, discovered by co-producer Jon Krosnick while helping McCandless organize material for his website. As Krosnick recalls, after finding a poorly labeled cassette tucked away in a small storage room, he took it home, pressed play, and instantly knew its importance. “We have to release this,” he thought.

    Now, thanks to the meticulous sound engineering of Steve Rodby and Dan Feiszli—employing state-of-the-art, AI-assisted mixing technology—that long-forgotten recording has been transformed into Live at Kimball’s East, a professional and vivid document of a band at its creative peak. The release captures the group’s extraordinary onstage chemistry and restores a moment in time that might otherwise have been lost.

    For Rodby, the project is deeply personal. Revisiting the music also means revisiting memories, especially of pianist Lyle Mays, whose passing in 2020 left a profound void in the jazz world. A founding member of the Pat Metheny Group and Metheny’s longtime songwriting partner, Mays shared a special musical bond with McCandless—one already evident on Premonition and even more striking on these live performances. On Live at Kimball’s East, that connection unfolds with added intensity and emotional depth, making the release both a celebration and a poignant tribute.

    Live at Kimball’s East stands as a rare and powerful addition to Paul McCandless’ remarkable legacy: a rediscovered chapter that reminds us how enduring, and how alive, this music continues to be.

    Note that the album is available for preorder and will be released on February 27th (My birthday!) I got to hear a bit of it and it sounds really good.

  • Am Sonntagnachmittag an den Meerespools

    Heute ist Bilderbuchwetter: wolkenloser blauer Himmel, ruhiges glitzerndes Meer, 28 Grad in der Luft, 20 Grad im Meer. Ich höre eine deutsche Frauenstimme sagen: hier ist es wie in einem Wellnesshotel, und alles eintrittsfrei. Ein Badegast fragt sie, was nimmst du mit von hier, wenn du wieder nach Deutschland zurückkehrst? Mojos verde und rosso, das gibt es nicht bei uns. Der Mann sagt, ich bin hier, um leer zu werden, ich will mit den Regenwürmern kommunizieren. Die Frau lacht. Wie kommst du denn da drauf?

    Ich sehe, dass er ein Buch von Byung Chul Han auf seinem Handtuch liegen hat. Ich kann den Titel nicht lesen. Das Cover zeigt einen grünen Fichtenhain, das Buch kenne ich noch nicht. Ich beschliesse, abzuwarten, bis die beiden ins Wasser gehen. Das letzte Buch, das ich von Han gelesen habe, ging über Hoffnung, davor das über seinen Garten. Sie gehen schwimmen. ich drehe das Buch so zurecht, damit ich den Titel erkennen kann. Ich erhasche nur Simone Weil. Sie nähern sich schon wieder, war ihnen wohl zu kalt im Atlantik. Als Studentin hatte ich ein Foto von Simone Weil auf meinem Schreibtisch stehen und ihre Cahiers lagen darunter. Ich frage den Mann, ob ich mal kurz in sein Buch sehen darf, er sagt, na klar. Es ist ein Buch über Gott, es ist ein Gespräch zwischen Byung und Simone über ihre Gedanken . Ob er schon darin gelesen hat, frage ich ihn. Er strahlt mich an: genau das richtige Buch für diese Insel: Stille, Leere, mit Gott und der Natur sprechen lernen. Ich sage nichts. Ich denke an die Torturen, die sich diese Philosophin auferlegt hat. (L.N.)

  • ECM 2844 – Meditation und Tanz

    Wer einmal in dieser Musik angekommen ist, spürt wahrscheinlich, wie perfekt das Cover gewählt ist! Ich hatte über Wochen dermassen intensiv Steve Tibbetts‘ ECM-Alben für das Radioportrait gehört, dass kaum Raum war für anderes.

    So blieb meine erste Begegnung mit dem zweiten Soloalbum von Björn Meyer erstmal oberflächlich. Aller Ehren wert, fein, fein, sehr schön. So ratterten die üblichen Reflexe, ein Brimborium von Flüchtigkeiten. Das änderte sich gestern, als ich mich ganz auf dieses Album einliess, eingespielt mit seiner elektrischen Bassgitarre und diversen „treatments“.

    Was für eine gelassene, gelegentlich unheimliche Tiefe! Etwas Dunkles strömt in den Raum, wirft Schatten ins Lichterfüllte. Meditation und Tanz zugleich.

    Mir kam zudem ein Sinn in den Sinn, für den Titel „Convergence“. Josef Engels beschliesst seine Besprechung in „Rondo“ so: „Convergence“ ist kein Blockbuster mit Explosionen und Muskelspiel, sondern feines Autorenkino mit Tiefenwirkung!

  • we‘ll meet twice in a lifetime (intro)

    A little new series, maybe some flowworker or reader will add a chapter.

    Es geht um ein psychoakustisches Experiment. Erinnere dich an ein Album, das du vor sehr langer Zeit gehört hast, und das vielgelobt wurde, in aller Ohren und Munde war oder von der Kritik mit viel Lob überschüttet wurde. Ob es nun einer deiner Favoriten war oder nicht: erinnere dich an eine solche Schallplatte, ob als Blogleser oder Flowworker, an die du mit hohen Erwartungen herangegeangen bist, und das dich dann, zu deiner eigenen Überraschung, völlig kalt gelassen hat. Du konntest nichts damit anfangen. UND NUN ENTSCHEIDEST DU DICH, ES NOCH EINMAL ZU HÖREN. WHAT WILL HAPPEN?

    We all know records that are regarded as masterpieces or really great albums, or albums with overwhelmingly positive critics or generally beloved albums of artists we normally love or like very much at least, albums that, well, well, you or me don‘t like at all. You were competely disappointed.

    And if that has happened, such an album only leaves distant memories. What happens when we give such a work a seconds chance after eternities?

    Maybe I start this series with a deep listening review of an album that came out in 1978 and disappointed me on first and only listening. What will happen now? Love on second sight, or same old story! Or something in between. Wait and wonder! In my case it is Ralph Towner‘s BATIK on ECM Records.

    I give you some more personal examples. One is Hounds Of Love by Kate Bush regarded as a classic, a highlight of her career, a masterpiece of the 1980‘s. Years ago I tried to give it a second chance – honestly, i stopped after the third song – I don‘t get it, i don‘t like it at all. On the other side I was and am a huge admirer of her famous first album, and her two last studio albums. Interesting.

    A list of albums following my line of merciless disinterest on first meeting:

    ABC: Lexicon Of Love
    Heaven 17: Penthouse And Pavement
    Lou Reed: The Raven
    Ralph Towner / Jack DeJohnette / Eddie Gomez: Batik
    Keith Jarrett: Bridge Of Light
    Scritti Politti: Cupid & Psyche 85
    Tomita: Firebird

    We‘ll meet twice.

  • Die verschwundenen Plattenläden

    Eine 

    zu bittersüße Lektüre. 

    Wenn ich heutzutage 

    durch bestimmte Teile Londons 

    gehe, bin ich oft versucht, 

    mir Scheuklappen aufzusetzen, 

    da so viele scheinbar unauslöschliche 

    Säulen der Stadt verschwunden sind. 

    Ray’s Jazz Shop mit seinen Doppeltüren 

    und den exzentrischen Zeitungsausschnitten

    mit „Jazz-Namen” an der Wand – 

    „Colonel Al Haig” – und den schmerzlich

     vermissten Bob Glass und Ray Smith 

    hinter der Theke; Dobell’s hinter The Mousetrap; 

    Mole Jazz und 

    der verstorbene, großartige 

    Ed Dipple; die beiden Filialen 

    von Vinyl Experience; 

    Rhythm Records; Intoxica; Sounds That Swing; 

    der Rough Trade-Keller in Neal’s Yard… 

    alles längst verschwunden. 

    Dann plötzlich letztes Jahr 

    Harold Moores Records! 

    Ausgelöscht und ersetzt 

    durch eine Modeboutique. 

    Von den Londoner Buchhandlungen 

    will ich gar nicht erst anfangen. 

    Deshalb bin ich nach Schottland gezogen.

    Alasdair Dickson

  • „Ein Taxi für Wim Wenders“

    „Figures from a classified Israeli military intelligence database indicate five out of six Palestinians killed by Israeli forces in Gaza have been civilians, an extreme rate of slaughter rarely matched in recent decades of warfare.“ (The Guardian)

    Schockiert und angewidert ist nicht nur die Schriftstellerin Arundhati Roy, als sie der Berlinale absagte, schockiert und angwidert waren auch viele andere, wie z. B. ich. Ob Wim Wenders den Brief persönlich liest, den ich ihm schreiben werde, auch über mein Kopfschütteln über seine aus meiner Sicht mutlose und sehr feige Reaktion – oder ob er vorher von seinem Sekretariat abgefangen wird – kann ich nicht einschätzen. Aber dieser Brief brennt mir auf den Nägeln und wird sich auch beziehen auf die Bewertung dieses „Skandals“ seitens der Journalisten Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Februar 2026. Ob mein Brief als Rohrkrepierer endet oder nicht, ist mir egal – es tut einfach gut, ein paar Dinge aufzusdröseln, die stets in einen Topf geworfen werden und meistens die gleichen schematischen Reiz-Reaktions-Ketten, tagaus, tagein.

    DIE SACHE MIT WIM UND UM WIM HERUM

    In den 1970er und 1980er Jahren gehörte Wim Wenders nicht nur zu meinen „heroes“, und denen vieler aus meiner Generation. Von Musikern seiner Generation ganz zu schwiegen. Nicht zuletzt Eno und viele andere bewunderten viele seiner Filme, und sie erzählten die Stories mit ihrer Musik mit. Es war die Zeit, als das „Herz der Rockmusik“ noch „links schlug“. Wenn wir heute den Worten des Bundeskanzlers lauschen, gibt es Deutschland keine „linke Politik“ mehr. Werter Herr Merz, genau, die „Revolution“ scheint von rechts zu kommen, und wenn nun auch die legendären Filmemacher jener alten Zeit zur Entpolitisierung des Kinos ihr Scherflein beitragen, ist das umso trauriger. Eine Woche nach der Berlinale werde ich Wim Wenders den Brief zukommen lassen. Ich werde da alles Spruchhafte rauslassen. Vielleicht treffe ich einen Nerv.

    Der Kerngedanke: Repräsentanen der israelischen Regierung werden vom Europäischen Gerichtshof genauo mit Klagen verfolgt wie die Hamas. Menschenrechtsverletzungen und Greueltaten! Die grauenhaften Verbrechen der Hamas, etwa am Tag des Gemetzels, wiegen genauso schwer wie die in der Folge erlebten, grauenhaften Tötungen Tausender und Tausender unschuldiger Palästinenser!

    WHEN PALESTINE IS FREE

    In den Reaktionen auf Arundhati Roys Absage an die Berlinale und den „offenen Brief“ vieler Kunstschaffender wird eine völlig unangemessene „Politikferne“ des Kinos propagiert, und all die Solidaritätsbekundungen auf einen falschen Dualismus pro-israelischer resp. pro-palästinensischer Haltungen runtergebrochen. Es geht, und das wird ein ums andere Mal in Abrede gestellt, wenn dem Kino das Politische abgesprochen wird, um die Opfer der Geschichte auf palästinensicher UND israelischer Seite. Und hierbei, lieber Wim Wenders, muss man sich keineswegs aus der Politik raushalten!

    Als Elvis Costello einst den Song „Shipbuilding“ schrieb, einen Anti-Kriegssong, damals auf den Falkland-Krieg der Regierung Thatcher bezogen, hätte er ja, dieser tristen Logik folgend, dieses Lied, das Robert Wyatt sang, besser nicht geschrieben, denn Mr. Costello hielt sich ganz offensichtlich nicht aus der Politik raus. Es ist eben KEIN Antisemitismus, wenn man die israelischen Kriegsverbrechen anprangert.

    “SHIPBUILDING“

    So hat es mich entsetzt und angwidert, wie z.B. der UNO-Vorsitzende António Guterres angegangen wurde, als er, in der Zeit nach dem Massaker, als die Vergeltung einsetzte, von der Regierung Israels als Lügner und Antisemit hingestellt wurde, nur, weil er nicht die Augen verschloss vor den Verbrechen an der palästinensischen Bevölkerung. Von seiten der Regierung Trump und seines neu ins Leben gerufenen „Friedensrates“ muss man keine kritischen Äusserungen in Richtung Israel erwarten.

    „TAXI TEHERAN“

    Und es war keine Ausnahme, wenn in der Historie der Berlinale Filme gepriesen, gefeiert wurden, die unter schwierigen Umständen der politischen Zensur im eigenen Land entgingen. Und jetzt? UND JETZT, AUF EINMAL, DIESER TURNAROUND!? WEIL DER ZENTRALRAD DER JUDEN IN DEUTSCHLAND ANTISEMITISMUS WITTERT, WANN IMMER ISTAELISCHE VERBRECHEN AN DER MENSCHLICHKEIT THEMA WERDEN?!

    Das sich Kunst, dass sich Kino aus der Politik raushalten solle, ist in diesen Tagen, und im Kontext dieses Festivals, wahrlich eine These, die, sorry, an Falschheit und Feigheit kaum zu überbieten ist.

    Dieser Text enthält zwei Songs von Momoko Gill und Elvis Costello.Und – HIER – einen Artikel von Brian Eno aus dem September 2025, hier der letzte Absatz daraus:

    „Maybe one day future leaders of western political parties will issue a similar mea culpa for their complicity in the brutal violence currently being inflicted on Palestinian families. It will be too late to save many tens of thousands of civilian victims of this war. But if there is a reckoning it might be, in part at least, because actors, artists, writers and musicians helped us to see Palestinians as human beings, as much deserving of respect and protection as their Israeli neighbours. As the Egyptian-Canadian writer Omar El Akkad says, one day everyone will have always been against this.“

    Dieser Text geht innerhalb von sieben Tagen nach der Berlinale an die Wim Wenders-Stiftung, zusammen mit meinem Brief, der einen sehr entspannten Storyteller-Sound haben wird.