• Einladung für Nikolaus

    Marzellus, Ella, Lorenz, Olaf (Ost), Interaktionist, ihr seid herzlich eingeladen, mir Anfang Dezember, via Email, eure 3, 5, 10, 12, oder 20 „desert island albums“ zu servieren, „ranked or not ranked, with or without short comments“! Habe ich jemanden vergessen? Nachdem ich gestern nacheinander zwei ergreifende Stunden verbrachte, mit „12 Conversations“ (erste Hören in aller Ruhe) und Bowies „Blackstar“ (erstes Wiederhören nach zwei, drei Jahren – immens bewegend), schaute ich noch einmal auf meine Halbjahresliste, und stellte fest, dass sich mittlerweile, und in einem Fall von gestern auf heute, folgende Alben als meine ganz persönlichen „favourites of the deep stuff“ herausgeschält haben – ich kann sie wohl alle wieder und wieder hören, deep as deep can go! Solch eine Auswahl ist immer persönlich und zielt in keiner Weise auf einen Konsens, oder auf eine besondere Expertise. Auf jeden Fall sind das Werke, die ich nahtlos neben meine drei Alben von 2026 platziere, „Close“ von Steve Tibbetts, „Liminal“ von Brian Eno und Beatie Wolfe sowie „After The Last Sky“ von Brahem / Bates / Lechner / Holland. In zufälliger Reihenfolge handelt es sich um:

    • Jeff Parker ETA IVtet: Happy Today
    • Ryuichi Sakamoto / Alva Noto: 12 Conversations
    • Seefeel: Sol Hz
    • Daniel Lanois: Belladonna Nocturne
    • Lambchop: Punching The Clown

  • „Das neue Automobil von Monsieur Semmler“

    „Jacques Tatis Humor ist nicht für jeden das Richtige. Man benötigt eine spezielle Antenne dafür, sonst wird es nichts. Ich kenne Leute, die keineswegs zum Lachen in den Keller gehen und dennoch mit Tati nichts anzufangen wissen. Im Prinzip hat Tati in seinem Leben nur fünf Kinofilme gemacht. Ihre Charakteristik — neben technischer Perfektion — ist durchweg, dass sie eigentlich keine Handlung haben, sondern perlschnurartig von einer Situation zur nächsten springen. Die Personen erleben keine Entwicklung, die Filme fangen irgendwo an und hören irgendwo auf, wobei ihr Witz meist darauf beruht, dass man sich mit keiner der Figuren identifiziert. Tati versetzt den Zuschauer in die Rolle des neutralen Beobachters. Das ist wie in einem Straßencafé zu sitzen und einfach den Passanten zuzuschauen. Wobei in Tatis Filmen manchmal sogar mehrere Gags gleichzeitig und unabhängig voneinander zu sehen sind. Dass das so ist, bemerkt man in manchen Fällen erst beim zweiten Anschauen.“ (Jan Reetze)

    Soweit eine Passage aus Jans Reminiszenzen an die Filme von Jacques Tati. Für viele gehörten die wenigen Filme des Franzosen zum Kinoerlebnisprogramm der Jugendzeit, sie wurden auch gerne im Fernsehen gesendet – jugendfrei waren sie sowieso. Als mir Thomas Semmler, ein Freund aus alten Dortmunder Tagen seine Geschichte mit seinem neuen Auto erzählte, fühlte ich mich gleich an „Trafic“ erinnert, und an die Situationskomik, die seine Filme am laufenden Meter bescherten, ein Gespür fürs Absurde inklusive. Et maintenant, Monsieur Semmler:

    Das neue Auto

    Ich habe ein neues Auto. Es ist wunderschön. Glänzender Lack, glänzendes Chrom, ein imposanter Anblick. Mein altes Gefährt hat nach über 20 Jahren das Zeitliche gesegnet. Der Lack war matt. Die kleinen Beulen und Kratzer rund um das Fahrzeug machten es eher unansehnlich. Trotzdem habe ich mich nur ungern von ihm getrennt. Schließlich sind wir mehrfach um den Erdkreis herumgefahren. Wir haben viele Höhen und Tiefen zusammen erlebt. Aber jetzt heißt es loslassen.

    Da sitze ich nun in meinem neuen, noch ein wenig nach Kunststoff riechenden technischen Wunderwerk. An manches muss ich mich noch gewöhnen. Viele Warnungen und Hinweistöne helfen mir beim Denken, allerdings immer mit dem Hinweis, dass ich selber denken muss.

    Das Handbuch ist nicht sonderlich hilfreich, da nicht ersichtlich ist, ob wirklich mein Fahrzeug gemeint ist. Da hilft nur, es in der Praxis auszuprobieren und im größten Notfall eine KI zu befragen, die in diesem Fall erstaunlich gute Hilfe leisten kann.

    Ich kann nicht nur einstellen, dass das Tempo permanent beibehalten wird – nein, sogar den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug hält mein Technikwunder ohne mein Zutun ein. Die Genialität der Technik ist allerdings vorbei, wenn ein Schatten auf die Fahrbahn fällt und mein Fahrzeug eine Vollbremsung vollführt, weil es den Schatten nicht von einem Hindernis unterscheiden kann. 

    Am zweiten Tag als stolzer Besitzer bekomme ich den Hinweis: Leuchtweitenregulierung muss kontrolliert werden.“ Ich bin schon geneigt die Meldung zu ignorieren, da mir die vielen Hinweise als Angsthasentechnik erscheinen, aber ich nehme den Hinweis ernst und gehe zu dem zuständigen Autohaus.

    Es ist ein riesiger Glaspalast.

    Ich betrete demutsvoll die riesige Eingangshalle und suche den Weg zum richtigen Schalter für die Terminvergabe. Dort fragt eine junge Dame im Business-Look nach meinem Anliegen. Ich frage mich, womit ich ihren herablassenden, leicht mitleidigen Blick verdient habe. Ist es, weil ich keinen Nadelstreifenanzug trage oder weil ich selbst um einen Termin ersuche?

    Auf jeden Fall gelingt es ihr, mir eher das Gefühl eines Bittstellers als das eines Kunden zu geben.

    Es schockt mich nicht allzu sehr, denn im Grunde bin ich darauf vorbereitet. Von meinem Bruder weiß ich, dass mit modernen Autos der Verlauf eigentlich ein anderer ist. Dazu installiert man die App des Fahrzeugherstellers und legt dort ein Benutzerkonto mit allen persönlichen Daten an, die man sich vorstellen kann. Dazu gibt man das entsprechende Autohaus für seine Region an. Bei einem Fehler am Fahrzeug verbindet sich das Infotainmentsystem des Autos selbsttätig mit dem Vertragshändler, welcher dann dem Kunden mitteilt, sein Auto habe sich gemeldet und eine Fehlermeldung oder einen Inspektionswunsch geäußert und dem Kunden einen Termin vorschlägt. 

    Ich stelle mir eine nicht allzu ferne Zukunft vor, in der das Auto selbsttätig zur Werkstatt fährt, um einen Defekt beheben zu lassen. Als Kunde bekomme ich dann eine E-Mail, dass mein Fahrzeug zur Werkstatt fahren musste. Schöne neue Welt, wenn man es mag.

    Ich überlege, das Fahrzeug wieder zu verkaufen und stattdessen einen Gebrauchten zu erwerben, der noch einen alten Tempomaten hat, der mich sicher durch all die 30er-Zonen bringt, die wie Pilze aus dem Boden sprießen. Ein Gefährt, mit dem ich zu der Werkstatt an der Ecke gehen kann, wo der Meister mit mir persönlich spricht und mit seinen ölverschmierten Fingern einen Eintrag in seinem Terminkalender tätigt und mit mir persönlich das Auto ansieht und darüber spricht, was sinnvollerweise zu tun ist und was man auch lassen kann.

    Denn das gibt es auch noch.

  • Ritual Groove Music (1): Flocks – Lagoon

    Wenn ich mich recht erinnere, hat Michael diesen Begriff vor Jahren aufgebracht, um Werke von The Necks, Nik Bärtsch‘s Ronin oder Joshua Abrams‘ Natural Information Society zu beschreiben.

    Liquid Music, rhythmisch, fliessend, repetitiv. 
    Lange Stücke mit sich aufbauender hypnotischer Wirkung.

    Das im Mai erschienene Album Lagoon des Berliner Klangexperimente Duos Flocks, Werner Durand und Uli Hohmann, würde ich dazu zählen. 

    Seit Monaten zieht mich das Titelstück in seinen Bann. 

    Eine schöne Besprechung liefert Vito Camarretta (chaindlk.com) aus der ich einige Passagen zitieren möchte:

    „The Berlin duo’s second album follows their self-titled 2023 debut, extending an approach based on Durand’s drones and winds, Hohmann’s percussion and strings, and an assortment of electronics. The palette is remarkably tactile: tenor saxophone, extended shakuhachi, pan-ney, circular water ney, frog horn, PVC clarinets and horns meet daf, kanjira, riq, ghatam, Tibetan bells, Venetian shells, bamboo-tube zither and other homemade devices. It is quite a list. One suspects that if you invited these two men round to assemble an IKEA shelf, they would return three hours later with a new species of flute. What makes „Lagoon“ compelling, however, is that the instruments never become curiosities for their own sake. Their unfamiliar timbres are absorbed into a remarkably coherent musical ecosystem. The stated reference points, Krautrock and Jon Hassell’s Fourth World, are certainly audible, but Flocks do not sound like a tribute act rummaging through somebody else’s record collection. The relationship between drone, breath and percussion is too organic for that. Contemporary descriptions of the album have similarly emphasised its long-form, immersive character and the way Durand and Hohmann create a kind of minimal orchestral density from their small arsenal of sounds. (…) FORTSETZUNG IN COMMENT 1

    (TP)

  • Unter musikalischen Träumern

    Ich habe viele Konzerte besucht, aber es war keins dabei, bei dem ich mir wirklich die Augen und Ohren rieb – war das Wirklichkeit oder waren das Träumereien? Woher kamen diese Weltmusiker auf die kleine Insel am Ende der Welt? Mir fiel zu Beginn des Konzertes die halbrunde Positionierung der Instrumente auf. Dass Torsten de Winkel meist linksaußen Gitarre spielt, wusste ich. Aber bei diesem Konzert orchestrierte er als Zeremonienmeister aus dieser Position in einem kleinen Abstand zu den Musikern, die er immer im Auge behalten musste. Wenn sich Träumer zusammenfinden, Festivalname war „Ronda de Sõndores“, muss einer hellwach bleiben, in dieser launigen Spielrunde waren sie aber alle hellwach.

    Sie jammten mit kleinen gegenseitigen Signalen drauf los.Torsten gab den Ton zusammen mit den beiden etwas erhöhit sitzenden Schlagzeugern an. Gleich bei dem ersten Stück wusste man, dass hier eine „edle Soundkutsche“ abfahren würde. Da wurde auf Instrumenten gespielt, die einen jenseitigen Klang erzeugten. Die Gitarren wurden von Schlagwerken, Bandoneon, Kontrabass, Trommeln, Tastinstrument, Saxophon, Klarinette, Trompete, Sitar begleitet. Wahrscheinlich habe ich nicht alle Instrumente auf der Bühne entdeckt. Oder woher kamen die fernen, melancholischen Töne – vielleicht vom Mischpult?

    Und woher kamen die Musiker, die sie bespielten? Wo hatte sie Torsten gefunden und einladen können? Sie kamen aus Russland, Uruguay, Senegal, Venezuela, Italien und all den kanarischen Inseln. Zum Beispiel die Sängerin Luisa Machado, eine Göttin der kanarischen Folklore, die ausgezeichnet und bewundernswert den Jazz mit der hiesigen Folklore fusionierten konnte. Auch die zweite Sängerin, Almudena Viver, spanischer und venezuelanischer Herkunft, hatte einen sehr sinnlichen Auftritt. Mit ihrer starken Stimme sang sie auch amerikanische Klassiker und bewegte sich lasziv und minimalistisch dazu. Den Zustand von „Wohnzimmerträumereien“ lösten bei mir die Bandoneonklänge aus sowie „Cuccurrucuu“ – samtweich von dem wunderbaren jungen Senegalesen Ismail Ah gesungen. Dass gleich drei Bläser von höchster Qualität auftraten, war ein intelligenter Coup von Torsten, der damit seinen Jazz Club präsentierte.

    Das zahlreiche Publikum blieb begeistert bis zum Schluss des Konzertabends auf offener Bühne. Unbedingt erwähnenswert ist noch der „homegrown“ Fotograf Alexis W, der mit seinen sinnlichen Porträts von den Inselbewohnern das sehr hohe künstlerische Niveau ergänzte. Die Zugabe trieb nicht nur mir die Tränen in die Augen. Hier fand ein Event statt, das den Jazz auf El Hierro wieder salonfähig machte, und Begegnungen verschiedener Kulturen ermöglichte.

    An den Gitarren Torsten de Winkel und Santi Roque und Hector Quintana
    Am Schlagzeug Ramon Diaz und Anzog Miranda
    Sitar Amit Miskra
    Perkussion Sergey Saprychev(Russland)
    Saxophon Kike Perdonne
    Trompete Idafe Perez
    Klarinette Norberto Arteaga
    Bandoneon und Kontrabass Juan Carlos Baeza(Uruguay)
    Tastinstrument Gino Marcelli (Italien)

  • Periódico de Ayer ist kein Schnee von gestern

    Mexiko-Stadt ist eine krasse Metropole. Sie liegt in einem Hochtal auf rund 2.200 Metern, die Metropolregion zählt mehr als 20 Millionen Menschen. Durch die besondere Lage, den dichten Verkehr und Millionen Autos liegt oft eine Smogglocke über der Stadt. Der Verkehr nervt.

    Doch anders als Monterrey, wo wir zuvor waren, ist Mexiko-Stadt voller schöner Viertel, kulturell unglaublich abwechslungsreich und charaktervoll.

    Und wirklich überall schallt uns Musik entgegen: Straßenmusiker spielen in Cafés bereits zum Frühstück, Mariachi-Kapellen auf den Trajineras, den bunten Flachbooten auf den Kanälen von Xochimilco. Aus Bars und Restaurants strömt unentwegt Latin-Musik.

    Nie zuvor habe ich so viel Salsa, Merengue, Cumbia, Bachata und natürlich Mariachi gehört. Ich hatte keine Ahnung, wie schön diese Musik ist und wie sehr sie diesen Teil der Welt prägt.

    Mexiko erscheint mir wie ein musikalischer Schmelztiegel, in dem Einflüsse aus Kuba, Puerto Rico, der Dominikanischen Republik und Kolumbien auf die vielfältigen eigenen Traditionen des Landes treffen.

    Ich liebe es, Großstädte abseits der Touristenmeilen zu erkunden.

    Roma Norte, ein Viertel mit vielen Parks und von Bäumen gesäumten Straßen, die Schatten spenden und zumindest ein wenig gegen Hitze und schlechte Luft helfen, erinnert mich an die ruhigeren, grünen Ecken Barcelonas.

    Hier suche ich zwischen hübschen Geschäften zwei Record Stores auf: kleine Oasen für die Entdeckung verborgener Schätze. Im Gespräch mit den Inhabern erfahre ich einiges über Tropical Music – und nehme natürlich ein paar Platten mit.

    Eine besonders schöne Empfehlung ist der Mexikaner Gerardo Bátiz, Multiinstrumentalist, Komponist und Arrangeur. In der mexikanischen Jazz- und Fusion-Szene ist er eine Institution, in Europa dagegen kaum bekannt.

    Bátiz’ Album Arlequín von 1982 ist ein Meisterwerk, das Stück Amarillo ein Weltmusik-Juwel.

    Es erinnert mich entfernt an die Grooves des Brasilianers Naná Vasconcelos. Die Bandbreite des Albums ist enorm: Piano- und Flötenmelodien von Bátiz, die wie ein Instrument eingesetzte Stimme von Cecilia Engelhart und das Schlagwerk von Fernando Toussaint. Das reicht von Latin Jazz über ECM-verwandte Weltmusik bis zu kammermusikalischen Passagen.

    Einige Straßen weiter genieße ich Tacos mit den verschiedensten Zutaten. Es gibt kaum etwas, was nicht als Füllung verwertet wird. Mein Highlight: blaue Maistortillas mit Spareribs.

    In dem Restaurant höre ich zum ersten Mal den Salsa-Klassiker Periódico de Ayer von Héctor Lavoe, dem El Cantante de los Cantantes. Seitdem bin ich on fire. Den Titel hat er sich verdient.

    Lavoe nahm diesen großartigen Feger 1976 für sein zweites Soloalbum De Ti Depende auf. Geschrieben wurde der Song von Tite Curet Alonso, arrangiert von Willie Colón – jenem Posaunisten, Komponisten und Arrangeur, mit dem Lavoe zuvor den New Yorker Salsa der Siebziger entscheidend geprägt hatte.

    Eine Jahrhundertverbindung wie Nelson Riddle und Frank Sinatra.

    Periódico de Ayer ist jedenfalls kein Schnee von gestern: Selten habe ich eine schönere Verbindung von Trompeten, Streichern, Percussion und Gesang gehört.

    Die musikalischen Entdeckungen von Gerardo Bátiz und Héctor Lavoe gehören für mich zu den Highlights von Mexiko-Stadt – genauso wie der Besuch im Blauen Haus, dem ehemaligen Wohnhaus der Künstlerin Frida Kahlo.

    Ihre bewegte Lebensgeschichte wird in diesem Idyll der Kontemplation beinahe greifbar. Die üppige Vegetation und die Intensität der Farben sind überwältigend. Überhaupt scheint Farbe in Mexiko allgegenwärtig zu sein: in der Musik, im Tanz, im Essen, an den Häusern und auf den Märkten. Manchmal habe ich das Gefühl, das ganze Land drehe die Sättigung ein paar Stufen höher.

    Wer mehr über das Leben von Frida Kahlo und ihrem Lebenspartner Diego Rivera erfahren möchte, dem empfehle ich den Spielfilm Frida (2002) mit Salma Hayek und Alfred Molina.

    Zum Abschluss ein Besuch im beeindruckenden Palacio de Bellas Artes.

    Wir schauen uns das Ballet Folklórico de México de Amalia Hernández an.

    Was soll ich sagen? Das Ensemble verfügt über ein Repertoire von mehr als 120 Originalchoreographien, in denen mexikanische Volkskultur monumental und hochprofessionell auf die Bühne gebracht wird. Kostüme, Tänze und Musik sind ein Rausch für die Sinne.

    Als hätten Vincente Minnelli und Baz Luhrmann gemeinsam Regie geführt.

    Nach diesem kulturellen Feuerwerk entschwinden wir Richtung Cancún – und springen in die Karibik.

  • Die achte Unterhaltung

    Heute kommt das DHL-Päckchen mit den „12 Conversations“ von Sakamoto und Noto. Zuvor bekam ich schon die audio files. Als ich meine Playlist für die Klanghorizonte endlich fertiggestellt hatte, war da noch ein „blinder Fleck“ – ich hatte schliesslich keinen einzigen Ton dieser letzten Zusammenarbeit der Zwei gehört, die Mitte Septmeber als LP, DL, und CD erscheinen wird. Ich schätzte ihre Duo-Alben sehr, wollte aber keine nostalgisch anmutende Wiederholung ihres „Sounds“ erleben. Da ich nur begrenzte Zeit hatte, wählte ich nach dem Zufallsprinzip ein Stück aus, „Conversation No. 8“, und lasuschte entspannt wie konzentriert in meinem Toyota, auf dem Weg zum Aldi. Ich schmunzelte. Auf Anhieb offenbarte sich etwas Neues, und ich spürte, wohl jedes dieser Klang gwordenenen Gespräche würde eine andere Richtung einschlagen. Die achte Unterhaltung allein war schin fessend, in jedem Augenblick. Und dermassen berührend, dass ich sie gleich zweimal hintereinander laufen liess. Und dann noch einmal auf dem Parkplatz. Das Klavier, umhüllt von einer Art Chor, wie ein unbekanntes Schlaflied, oder das Echo eines fernen Folksongs, irgendwo in einem Niemandsland zwischen Harold Budd und Roger Eno und Terje Rypdals „After The Rain“, und doch ganz anders.

  • After The Rain

    Ich lese, dass After The Rain am 1. Oktober 1976 erschien. Auch weil ich in jener Zeit so gut wie jede ECM-Platte kaufte, weiss ich, dass sie früh im Oktober als Päckchen von jazz by post zu mir kam. Und ich sehe die Szene vor mir, im Studentenwohnheim an der Fridenstrasse, einen Katzensprung vom Audi Max entfernt. Unten kam die Post an, und Herr Kopka, unser Hausmeister, überreichte mir die gut verpackte Ware aus der Gleichmannstrasse 10. Ruckzuck war ich in meinem Zimmer 513 und legte das Album auf. Wunderbar. Befriedet. Und glücklich verliebt. Die Dinge änderten sich in der Folge etwas.

  • (After) The Rain

    Im Regen Fahrrad gefahren. Kein Nieselregen. Vielleicht hatte er vergessen, wie sich richtiger Regen anfühlt, hatten alle die letzten Wochen doch noch darüber gestöhnt, wie heiß es sei, wie schlecht es den Pflanzen gehe und wie katastrophal die Ernte ausfallen würde.

    Echter Regen: Wassermassen von oben, dazu das Spritzwasser von unten und von den überholenden Autos. Regenjacke und Hose hielten dicht, auf der Brille rannen die Tropfen, Schuhe Strümpfe wurden nass. 

    Zum Glück war es kein langer Weg, doch in diesem Tropfenmeer fühlte sich jeder Meter lang an.

    Seit einer Woche hatte er jeden Tag ein Nickerchen in der Mittagszeit gemacht. Wieder zu arbeiten nach 6 Wochen Ferien war immer schwierig, zumal die Schüler*innen auch erst einmal brauchten, sich an das frühe Aufstehen zu gewöhnen. An das Sitzen. Das Zuhören. Mit der Hand schreiben. Nicht einfach anfangen zu reden, wenn einem danach war. Nicht zwischendurch aufs Handy zu schauen. Nicht zu spielen. All das passierte noch, während er vorne um ihre Aufmerksamkeit buhlte. 

    Zumal fiel es ihm selbst nicht leicht, sich wieder an das frühe Aufstehen und das viele Reden zu gewöhnen. An die Tafel zu schreiben. Nicht zwischendurch aufs Handy zu schauen. Nicht einfach über das zu reden, wozu er Lust hatte. Um die Aufmerksamkeit der Schüler*innen zu buhlen.

    Von den unterschiedlichen Dynamiken im Lehrerzimmer und den Nachrichten der Eltern ganz zu schweigen.

    Also waren es mehr als Nickerchen. Der Wecker wurde auf 20 Minuten gestellt, nach 40 schaffte er es aufzustehen und sich einen Becher Kaffee zu filtern. Zu schauen, wie der Regen das Grün gesättigt hatte, wie letzte Tropfen auf die Terrasse hüpften und der Wind kleine Regenwolken von den Bäumen wehte. Durch die offene Tür strömten die frische Luft und die letzten Regengeräusche herein.