Aus den Zwischenräumen
Es ist wohl zehn Jahre her, dass ich auf den Mix „Fairlights, Mallets and Bamboo“ gestoßen bin, der mein Hören wirklich verändert hat.
Der Untertitel versprach „Fourth World Music From Japan 1980-1986“. Das Fourth-World-Konzept einer künstlich erschaffenen imaginären Musiktradition war mir unbekannt, japanische Musik aus den 80ern auch. Der Mix lief über Monate praktisch auf Dauerrotation – und ich hörte mit weit geöffneten Ohren.
In den folgenden Jahren wurden LPs wiederveröffentlicht, die wohl zu den Klassikern des Genres zählten. Einige davon habe ich mir gekauft und mich teilweise beim Hören gefragt, ob ich überhaupt schon einmal bessere Musik gehört habe – sei es das traumhafte „Through The Looking Glass“ von Midori Takada oder das fast schon eingängige „Kakashi“ von Yasuaki Shimizu.
Warum dieser lange Vorlauf? Weil der Mix von Spencer Doran stammt, einer Hälfte von Visible Cloaks, die im Mai mit „Paradessence“ ein neues Album rausgebracht haben.
Und was ertönt da aus meinen Boxen: zerbrechliches Knistern, dürres Knacken, feines Klirren, sorgfältig gewobene Flächen, gelegentlich schwebende Töne. Vor allem aber ganz viel Raum. Stille. Nachhall. Geräusche, die sich ausdehnen, Gestalt und Position wechseln, langsam ausklingen oder abrupt abbrechen. Die Musik scheint sich immer wieder selbst aufzulösen, ihr Zentrum zu verlieren, sie wird zu musique concrète aus digitalen Quellen; selten schälen sich kurze melodiöse Motive aus dem Klangraum.
„Paradessence“ ist mehr als eine Demonstration von Klangtransparenz und räumlicher Tiefe, mit der man seine High-End-Anlage beeindrucken könnte (auch wenn das vermutlich hervorragend funktioniert). Aus den Zwischenräumen schweben Bilder empor, Landschaften aus Rauch. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Die zarten Klänge leuchten wie Glühwürmchen in tiefer Nacht.
12 Conversations

Out September 18: »12 Conversations« brings together musical exchanges recorded in 2022. Rooted in the same creative period that gave rise to Sakamoto’s final solo album »12«, these recordings were not originally intended as a standalone. It was only after the completion of »12« that Sakamoto and Nicolai decided to present these exchanges as a work in their own right.
Verweilen am Sterbebett
Geschwächt
Dann wurde er krank…
Die Dinge waren seltsam geworden.
Die körnigen, unterwasserartigen
singenden Töne in seinem Kopf.
Er lag auf seinem Feldbett
und beobachtete die kargen
Risse, die sich an der Decke bildeten.
Alte Lumpen boten in letzter Zeit
keinen Trost mehr
oh,
die schwächeren Seelen
die schwächeren Seelen
die schwächeren Seelen
ich bin bereit
Dann wurde er krank…
Er sah aus wie ein Buddha in einer Decke,
seine Augen richteten sich zum Fenster,
als würde er aus einem Traum erwachen.
Die Seufzer, die zu hören waren,
einer langen, fiebrigen Welt –
wie fühlt es sich an?
Ich fühle nichts.
Oh,
unsere schwächeren Seelen,
die schwächeren Seelen,
sie werden gehen,
die schwächeren Seelen,
oh,
die schwächeren Seelen,
ich glaube daran – die schwächeren Seelen,
die schwächeren Seelen.Ich fuhr ein-, zweimal in dieser Hitze, auf der langen Strecke nach Dortmund, auf einen Parkplatz an der Autobahn, öffnete die Tür und liess mich von der Wucht einfangen – für ein paar Minuten ein spannender Kontrast zur vollklimatisierten Kühle meines Toyota. Wie der Eintritt in eine andere Welt – in eine Saunahitzekammer beispielsweise. Einmal hatte ich einen Zuhörer, der sich rasch verkrümelte mit seinem Cheeseburger.
Bevor es wieder unerträglich wird, sind ein, zwei Lambchop-Songs draussen in der Welt, die aus einer Bank, einem Metalltisch und dem Blick auf Wald und Wiese besteht. Nicht die Art von Songs, die „stylishe“ Diskurse in der Popkultur anregen. Kurz Wagners „lyrics“ nehmen stets eine Randperspektive ein, proben den anderen Blick auf unsere Leben, zwischen Träumerei, Verwunderung, Staunen und Schrecken. Hier zwei Songs, die man bereits hören kann aus den „in between-zones“ des neuen Lambchop-Albums.
“Weakened“
Andrew Jackson Asshat und andere Erhabenheiten
Back when Fiona Talkington’s show on the BBC and mine on DLF were airing at the same time, we had quite a few things in common—from Talk Talk to ECM, from Robert Wyatt to all those “Norwegians”— but when it came to good old choral music, the overlap ended—with a few exceptions, such as the “mystery of Bulgarian women’s voices” and, and… I’d have to think about that one. We would certainly experience both classic goosebumps and unpretentious emotion if we were in the same room listening to Lambchop’s new album, which features no fewer than two choirs doing their thing. A wonderfully profound album that proves once again that Kurt Wagner’s ever-evolving long-term project stands alongside the old masters, from Mark Hollis to Robert Wyatt—these two were chosen with care. Ever since Is A Woman, I’ve been waiting for new albums with the same anticipation as I do for signs of life from Brian Eno and Robert Wyatt. Punching The Clown is an absolutely captivating album. If there‘s a jukebox in heaven, Mr. Hollis is listening with awe.

Früher, als, parallel, Fiona Talkingtons Sendung in der BBC und meine im DLF liefen, hatten wir etliche Gemeinsamkeiten, von Talk Talk bis zu ECM, von Robert Wyatt bis zu all den „Norwegern“, aber bei der guten alten Tante Chormusik hörten die Schnittmengen auf, bis auf wenige Ausnahmen, etwa dem „Mysterium der bulgarischen Frauenstimmen“ und, und… da muss ich schon nachdenken. Ganz gewiss würden wir sowohl klassische Gänsehaut wie unprätentiöse Ergriffenheit erleben, wären wir in einem Raum, um Lambchops neues Album zu hören, in dem gleich zwei Chöre ihr Wesen treiben. Ein traumhaftes tiefes Album, das einmal mehr beweist, das Kurt Wagners evolutionsfreudiges Langzeitprojekt sich in der Nähe alte Meister bewegt, von Mark Hollis bis Robert Wyatt – diese Zwei sind mit Bedacht ausgewählt. Seit Is A Woman wartete ich auf neue Alben mit der gleichen Vorfreude wie auf Lebenszeichen von Brian Eno und Robert Wyatt.
„Punching The Clown“ ist ein absolut hinreissendes Album. Ich verwette meine „1“ in Charakterkunde aus dem Vordiplom, dass es bei Lajla, Olaf, einem der beiden Jans, und Thomas „Lambchop“ ein Top 5-Album 2026 wird! Bei mir stellt es sich momentan so dar: 1) Daniel Lanois: Belladonna Nocturne 2) Lambchop: Punching The Clown 3) Shearwater: The New World 4) Jeff Parker ETA IVtet: Happy Today 5) Asher Gamedze: A Semblance of Return (gleichauf mit Björn Meyers Convergence und Seefeels Sol Hd)

Auf „On The Militant“, einem Titel aus dem 1996 erschienenen Album „How 1 Quit Smoking“ von Lambchop, erinnert sich Kurt Wagner an eine bedrückende Entdeckung auf einer Baustelle: „KKK“ ist dort in den frischen Zement eingeritzt. Wagner kratzt die Initialen mit einem Schraubenzieher ab, aber der Schaden ist unauslöschlich und reicht weit tiefer als ein bisschen „zerknitterter Beton“.
Zu Lambchops Leitstern gehört schon seit langem ein Gespür für Unbehagen und Misstrauen gegenüber dem, was unter dem Alltäglichen liegt, für Momente, in denen Verstörendes an die Oberfläche bricht, doch im Laufe der Zeit sind seine schlafwandlerisch-wachsamen Texte abstrakter geworden, sein verstärkter Einsatz von „Auto-Tune“ und Verzerrung mischte sich seit 2016 in seine Sicht auf die Dinge. Er beschreibt „Auto-Tune“ es als „ein Kumpel an meiner Seite“ ein, welcher als Stoßstange diente oder Stossdämpfer, eine Möglichkeit, Abstand zu seinen dunkelsten Gedanken zu gewinnen.
Es ist daher bemerkenswert, dass „Punching The Clown“ – das erste Album von Lambchop seit dem von Narben und Erschütterungen gezeichnete Opus „The Bible“ von 2022 – wieder Wagners wundersam melanhcholische, unbearbeitete Stimme in den Mittelpunkt stellt, wodurch die hauchdünne Intimität seiner frühen Werke teilweise wiederhergestellt wird.
Anstatt die musikalische Begleitung nicht selten mit Maschinen auszulagern, hat Wagner (in Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Andrew Broder) zwei Chöre engagiert – das „Eau Claire Vocal Sextet“ und der 12-köpfige „London Chor“ – einfühlsam agierende Formationen, die Wagners Bedürfnis nach einem „Call-and-Response“ im Gospel-Stil erfüllen. Statt zu übertönen und zu überdecken, ist reflektierendes Zuhören ihre Agenda.
„A Doctor In The House“ versprüht eher die düstere Atmosphäre vergangener Zeiten und das Flackern einer Öllampe; „Andrew Jackson Asshat“ hingegen steht im Kontrast zur Hässlichkeit seines Titels und fliesst mit einem rauschhaften Gesangswirbel herab, einer Kaskade von Judee Sills ähnlich, während Wagner über die „ewige Seele“ sinniert, jenes Etwas, das uns vielleicht überdauert.
Das soll aber nicht heißen, dass „Punching The Clown“ sich völlig von seiner Zeit löst. Ryan Olsens Inszenierung lässt nach wie vor unheimliche Störungen und Verzerrungen zu: nicht zuletzt der Ausruf „Lambchop! Kein Scheiß!“ mischt „Just West Of“ ordentlich auf; da ist der Klang eines kleinen Risses im Raum-Zeit-Gefüge auf „Weakened“, einer Studie am Sterbebett. Ohne in Parolen zu verfallen, fängt Wagner anderswo auch die dunklen Schwingungen der amerikanischen Gegemwart ein, aktuelle politischen Unruhen werden mal zu latenter Wut, zu stillen Subversionen verarbeitet, oder zu einem gehörigen Unbehagen angesichts einer vulgären Parade.
(Victoria Segal, Mojo, September & ein paar Einmischungen von M.E., übersetzt mit Deepl – „Punching The Clown“ erscheint am 21. August als cd, vinyl, dl – flowworker album of the month in september)
“Emotional Phase Cancellation 1 & 2“

Von Daniel Lanois zu einer Manfred Eicher-Produktion. Es dauert noch bis zum 17. September, dann erscheint eines dieser hypermelodischen, tänzerischen, folkloristisch angehauchten wie befeuerten Jazzalben aus der Abteilung der Luftkünste, bei denen die Empfindungen nur so fliegen zwischen sanddornorange, azurblau, sandkastenbeige und korallenriffschimmernd. In die Schule ging das Quartett beim Bandeonisten Dino Saluzzi, und wenn eine Richtung der Malerei hier den Ton angibt, dann tatsächlich keine, oder, mhmm, jene ausgelassene Zone zwischen Wasserfarben und Impressionismus, in der sich ein hypermelodisches Arsenal von Saxofonen, ein Kontrabass, ein Bandoneon und allerlei Perkusssion rumtreibt – einmal mehr ein sanft berauschender Fall von „easy deep listening“! (me)
Das Buch des Sommers über das Spiel aus Erinnerung und Abenteuer in einem gewissen Alter

Ich kenne einige Romane von Herrn Treichel, die etwas Schwebendes haben wie alte Filme von Eric Rohmer – wenn sie von Liebeswirren erzählen, was bei diesem Autor des öfteren vorkommt, gesellt sich, bei Rohmer eher selten, eine profunde Situationskomik hinzu. Was aber machen die AltAchtundsechziger, wenn ihre „salad days“ als JungAchtundsechziger Geschichte sind? Reflektierte Drogenerfahrungen, Segeln, Reisen, Kulturräusche? Genügt es nicht, ziellos auf den Meereshorizont zu schauen? Der Zeit und ihrem scheinbar so gnadenlos linearen Verlauf ein Schnippchen schlagen – aber wie?! Wie sieht es da aus mit dem Potential suberotischer, dezent knisternder Wiederbegegnungen? Alle alternden Antoine Doinels werden sich solchen Fragen stellen, und letztlich wäre doch, denke ich nach dieser muntermelancholischen Lektüre, Monsieur Truffaut der ideale Umsetzer dieser Erzählung in das gute alte Lichtspieltheater. Es wäre viel abgründiger als jenes Liebeskarussell gesammelter Flüchtigkeiten, das „Der Mann, der die Frauen liebte“ verströmte. Was für ein feingestricktes, kluges, charmantes Erzählwerk, das soviel fast saloppes Scheitern enthält, das es nicht wirklich als Seelenratgeber taugt! Oder vielleicht doch? It‘s tricky. (me)
FSK: ab 50
Dunstküste

Während der grösste Teil von Deutschland schwitzt, liegt über Teilen der ostfriesischen Inseln ein Hochnebel, oder nennt man es Wolkendunst. Die Sonne versucht vergeblich, ein Loch in die Wolken zu brennen, auf 17, 18 Grad hat sich alles nah der Windstille eingegroovt. Auch nachts. So gibt es keinen idealen Strandtag, aber meditatives Verweilen in all den Dingen, die ich schon mit acht Jahren auf der Insel anstellte, ein talentierter Brötchenholer schon damals! Hin mit dem Fahrrad zur Meierei im Ostland (aus den Bonanza- Und Hollandrädern sind E-Bikes geworden), vorbei an der Melkhörndüne (die natürlich jedesmal bestiegen werden will, die Fernrohre an Aussichtspunkten sind rarer geworden), dann über den Deich zum Fährhafen (in den Cafés seit eh und je die Dominanz des Rührteiges), der Besuch in der Buchhandlung Krebs, der ewige Wasserturm auf dem Strandweg, die kleinen Unterhaltungen mit Strandkorbnachbarn.
Wie die Welt, und auch die Erinnerungen sich wandeln, wenn ich unterwegs Daniel Lanois‘ „Belladonna (Nocturne)“ höre – und ich höre nichts anderes! Da kommt eine besondere Art von Wehmut auf, manchmal der berühmte Schauer von Wirbel zu Wirbel. Mittlerweile ist ja „Ambient Americana“ ein Sub-Genre der Ambient Music geworden, und Lanois zählt mit seinen Arbeiten aus den 1980er Jahre zu den Pionieren, doch „Belladonna Nocturne“ ist alles andere als selige Rückschau (auch wenn ein Track „Early Days“ heisst). Call it multi-dimensional! Eine sanfte archaische Wucht öffnet den Raum über Inselhorizonte hinaus, verlangsamt den Blick, Nachtschattenhaftes bricht aus mit Brian Blades Schlagwerk. Eine seltsam irrationale Euphorie, die viel Fernes nah heranzoomt, Träumerei, altes Schweben, Gasthöfe der Kindheit, Stille bis zum Festland, und, nach Jahrzehnten endlich mal wieder, einen Becher Milchreis mit Zimt und Zucker! Schon jetzt ist „Belladonna Nocturne“ eines meiner Lieblingsalben des Jahres.
Abschiedskonzert für Monika
Sie war von der Jazzmusik begeistert.
Immer wenn sie Swing hörte, war sie voller Lebensfreude. Sie hatte einen feinen, erlesenen Musikgeschmack. Sie sagte einmal,besonders der Swing vermittle ihr ein freies Lebensgefühl.
Ich habe ihr zu Ehren ein Konzert zusammengestellt, das ihr sicher gefallen hätte.
Weil sie so plötzlich von uns gegangen ist, möchte ich das sehr emotionale Stück von Keith Jarrett vom Kölner Konzert zuerst auflegen. Und zwar die ZUGABE. Keith war damals sehr erschöpft, auch von den widrigen Umständen, die das Konzert mit sich brachte. Trotzdem gab er diese zarte Abschiedsmelodie als Zugabe. Es ist ein sehr emotionales Stück, das unsere Abschiedsstimmung von Monika zulässt und trägt.
Ruby, oder soll ich liebevoll Monika sagen, my Dear, ist das zweite Stück, das ich für sie spiele. Rist von Thelonious Monk, den sie so sehr schätzte. Sie mochte den “ inneren Swing” von den Stücken BLUE MONK und BLUEHAWK. Sie meinte, diese Musik stärke sie. Ich spiele sie. Und gleich danach die tiefen, nachdenklich machenden Balladen, die ich auf dem Album “ Alone in San Francisco” finde. REFLECTIONS ist das stillste, tiefste Soloklavierstück von Monk. Mir bringt es warme Erinnerungen an sie zurück.
Monika war eine kluge, selbstbewusste Frau, immer authentisch. Sie hat sich von keinem vorschreiben lassen, wie sie ihr Leben gestalten soll. Sie stand auf den Straßen von El Hierro, das Palästinenser Tuch um den Kopf gewickelt und protestierte lauthals gegen die Gräueltaten an den palästinensischen Kindern. Deswegen habe ich das energetische, optimistische Stück ausgesucht: LONG AS YOU KNOW YOU RE LIVING YOURS.
Natürlich darf Billie Holiday nicht fehlen. Monika hatte einen guten Humor. Oft sprachen wir über das Bild der Frau in der heutigen Gesellschaft. Ich denke an dem bittersüßen Song LOVE ME OR LEAVE ME hätte sie ihre Freude gehabt.
Für den Konzertabschluss wàhlte ich noch einmal was aus der Swing Ära. IN THE MOOD von Glenn Miller, nicht den BigBand Sound sondern eine sanftere Version, die zum Abschiedslied ADIÓS passt.
Monika ist jetzt dort, wo der Swing niemals aufhört. Wir begleiten sie mit dieser musikalischen Reise.
“Traumstadien“
„Early in 2025 I stumbled across a Youtube Video of Duke Ellington being interviewed on an old American TV show, in which he claims „No this is not Piano, this is Dreaming“ whilst playing the piano. A few days later, still thinking of this clip, I wondered what a piano having a dream would sound like… and then the idea that I should make an album which sounds like a piano dreaming! Dream States was therefore born. During the heatwaves of summer 2025 I found it hard to sleep some nights and crept down into my music room and started to make music, music for a dreaming piano.“

Made by Neil Stringfellow as Audio Obscura with the exception of the first 40 seconds which are sampled from a TV interview of Duke Ellington speaking and playing piano.
TRÄUM ICH ODER WACH ICH?
Wie würde ein Piano klingen, das einen Traum hat? Ein Album füllt mir da ein, dass dieser Frage schon mal nachgegangen ist, Player, Piano“ sein Titel. Wenn es zu Daniel Lanois’ Selbstverständnis zählt, stets mit einem Fuss in der Vergangenheit, und dem anderen in der Zukunft zu stehen, bekommt hier die gute alte Zeit eindeutig Vorrang, auf den ersten Ton zumindest.
Rasch aber spürt der, der sich mit offenen Ohren in die Musik fallen lässt, dass hier kein regressives Schwelgen am Werk ist, und auch nicht in die klassische Falle getappt wird, den nächsten unausweichlichen „sweet stuff“ in der Nachfolge von Erik Saties goldenen Oldies zu verzapfen.

Diese Platte ist eine kleine Sensation. Ein Wunder sowieso, wie er sein Zweit- oder Drittinstrument hernimmt, und ihm demassen verführerische Figuren entlockt, jenseits von Kitsch und Erhabenheit. Hier und da mit den richtigen falschen Tönen, dass nur das normierte Denken zuckt, und jeder andere aus dem Staunen keinen Weg herausfinden möchte. Was der gebürtige Kanadier hier veranstaltet, ist schichtweg ein Traum. Was für Auren, Farben, Treatments, Nachhallkurven und Drumherumgeschimmer – was für eine intime Veranstaltung!
Danny Boy hat neben berühmten Produktionen (Dylan, Neville Brothers, Gabriel, u2), neben eigenen rar gesäten, betörenden Songalben, auch eine stattliche Anzahl rein instrumentaler Musik veröffentlicht „Player, Piano“ gehört neben „Belladonna“ (2005) und „Goodbye To Language“ (2016) zu den drei instant classics seiner Ambient-Discographie. Und, natürlich, nicht zu vergessen, der heilige Gral, „Apollo“, das Trio mit den zwei Enos, das nach mehr als drei Jahrzehnten eine qualitativ ebenbürtige Fortsetzung erfuhr.
