Safe Journey
Whoever says that music when it is sublime is beyond definition is perfectly right… There are cloying sounds that fill commercial radios and there are millions and millions of music that the world gives us, we just have to search with love and patience…. Safe Journey is not an album to listen to in the background. This music takes all your attention, turns your day around and transforms an afternoon that could have been nice with a book into a real vision of everything that life could give you only if you take the trouble to look for and listen to your heart.
Here, among the grooves of the record, hides the wonderful idea that there is only one language, not spoken, not written, but with which it is possible to tell or just listen to something infinite that can embrace every human being. Steve Tibbetts flies high, rely on his guitars. You’ll fly very high and everywhere.
Michael sells another holy grail
Einen habe ich noch. Diesen heiligen Gral, eine vier-Cd-Box, verkaufe ich nur, weil ich ihn zweimal besitze. Ein Freund schenkte mir damals das Teil, wegen einer 4‘40-Version von Lou Reeds „I‘m Set Free“, welche Brian Eno so wundervoll coverte. Das war genau der Grund, warum ich mir, neben meiner Lust auf die Box an sich, diese magische Matrix selbst zeitgleich kaufte. Jetzt gehen die Preise durch die Decke – bei mir gibt es die Schatzkiste für 160 Euro (incl. Package). Und nicht verhandelbar. Schaut euch bei Discogs um! Auf Wiedersehen!

„What do I like about this album? Intimacy. God. There are so few people in the audience you barely hear the sound of one hand clapping. But Lou is actually nice to them. He makes jokes. They play the songs you thought they’d left behind with Cale” “Black Angel’s Death Song”. “Venus in Furs”. Different verses in familiar songs. Wildly different takes of songs played in different ways in different sets. Doug Yule’s harmonies on “Waiting For My Man”. Four CDs. Near enough five hours of Velvet Underground. You could listen to this for the rest of your life and never buy another disc.“ (from a review)
Die ELV
Eigentlich wollte ich über den ESC schreiben. Jetzt ist ein Wunder dazwischen gekommen. Ein kleines Dorf im Saarland versetzt mich in meine frühe Jugend. Ich bin in Kaiserslautern aufgewachsen, Alsenborn liegt 20 Minuten Autofahrt entfernt. Wir hatten zum Glück einen alten Ford, denn, genau wie in Elversberg ,gibt es dort bis heute keinen Bahnhof. Aber in Alsenborn wohnte Fritz Walter unter 7500 anderen Dorfbewohnern. Als Alsenborn in die Oberliga aufstieg, war der Run auf das Dorf nicht mehr zu stoppen. Auch wir waren bei jedem Spiel dabei. Daran muss ich heute denken, als ich die Nachricht vom Aufstieg des SV Elversberg hörte. Der Durchlauf vom dörflichen Bolzplatz bis zur dritten, dann zweiten und jetzt ersten Liga ist eine spannende, bewundernswerte Fussballgeschichte. 12000 Einwohner, davon sind 7500 Mitglied in ihrem Verein. Das ist grandios. Dorthin beame ich mich heute, in das Stadion an der Kaiserlinde, in den Sound der Vereinshymne: Wir allen lieben Elversberg.
“The big river“
Nun. ich verändere (Ingos Gedankenspiel folgend) das zu „kuratierende“ Album, und möchte mich statt „Hejira“ (das würde ewig brauchen) „Bright Red“ von Laurie Anderson widmen. Hier sind noch viele Akteure greifbar – Joey Baron war auch dabei. Es würde eine schönes kleines Buch der Reihe 33 1/3 werden. Erstmal ging ich aber auf Nummer sicher, ob das Album denn immer noch den Zauber von 1994 verströme – und genau das tut es. Aber hallo! „The big river“, das war, Jahre zuvor die Weser bei Forst, als Eno bei den Jungs von Harmonia lebte – jetzt spielte wieder ein grosser Fluss eine Rolle in die Entstehung eines Albums. Laurie erinnert sich:

„Es ist schon komisch, mir war gar nicht bewusst, wie wenige davon Studioalben sind. Mit Ausnahme von „Strange Angels“ stammen sie wohl alle aus Live-Aufnahmen. Ich glaube, das habe ich noch nie zuvor gesagt. Oh, vielleicht war „Bright Red“ etwas mehr im Studio entstanden. Ja, „Bright Red“ wurde sehr stark im Studio aufgenommen, und zwar hier in diesem Studio, von dem aus man einen wirklich wunderschönen Blick auf den Hudson River hat. Wir schauten auf den Fluss hinaus, und wenn die Musik ganz natürlich dazu zu passen schien, war das unser Schnittkriterium. Brians Motto lautete: Wenn es zum Fluss passt, kommt es auf die Platte. Wenn der Fluss zum Beispiel sehr unruhig und lebhaft war und die Musik so „pah-bah-dah-dah“ machte – wow, das sieht toll aus! – oder wenn er ruhig war und eine Art Ambient-Stimmung herrschte. Wir haben immer versucht, uns an die Natürlichkeit des Flusses anzupassen – sie zu spüren –, in diesem Fall den Hudson, und zu sehen, ob es passte. Das war eine sehr unfehlbare Regel, denn sie zeigte einem, wenn man es zu kompliziert machte, nicht natürlich.“
P.S. Gestern traf das Doppellivealbum von Laurie mit Sexmob ein, einfach nur rundum positive erste und zweite Eindrücke, und Steven Bernsteins Jazztruppe machr einen fabelhaften Job, vitalisiert, bereichert, neue Ideen für classics und unbekannter Stücke…. Formidabel… „What preserves the feeling of the performance the most is how much of Anderson’s conversation with the audience is included. There’s a notable difference in her tone of voice when she’s talking versus when she’s performing a spoken-word piece, and its interesting to hear the shift when her voice is meant to lull.“ Beeindruckend, die kleine Yoko Ono-Nummer dieser freewheelin’ Buddhistin… und es geht weiter und weiter…. a magic storyteller after all these years…
Die Sache mit Laurie (2026 short story remix)
2014. Those were the days, my friend. Kristiansand. Punktfestival. Ich stand früh auf und ging duschen. Auf Endlosschleife lief „This Is The Day“ von „The The“, kleiner Affirmationstrick. Ich duschte lange, und liess am Ende den Wasserstrahl eiskalt sein Werk verrichten. Ich frühstückte mit Christoph Giese und Jan Bang, und wie immer, wenn wir drei zusammensitzen, gibt es gute Musikgespräche – und viel zu lachen. Gestern eine Story aus Dublin, welche das Zwerchfell in Schwung brachte. Der Papst wollte Bono sprechen, der Hausmeister hielt zitternd den Hörer in der Hand, Brian Eno hatte jede Unterbrechung untersagt. „It‘s the p..o..pe..“!
Um 11 Uhr begann der Soundcheck für meine „Electronic Griot“-Performance damit, dass Tony Valbergs Tischlampe von 1953 einen Wackelkontakt hatte. Er besorgte eine Ersatzbirne. Der CD-Player mit den acht vorbereiteten Tracks spielte die Musik nicht ab, es musste ein Ersatzgerät herbeigeschafft werden. Ich wurde etwas nervös, aber schliesslich war alles geregelt, der Raum angenehm verdunkelt, wie nachts im Deutschlandfunk. In der Lounge sass Laurie Anderson, die ich begrüsste und an unsere zwei Begegnungen in den Neunzigern erinnerte, die sie ganz sicher völlig vergessen hatte nach 2580 Interviews.
Mich überkam eine angenehme tiefe Ruhe, kein Anflug von Lampenfieber, ausser der latenten Furcht, Tonys Lampe aus dem letzten Jahrhundert würde mal zwischendurch den Blick auf meine Papiere verdunkeln, aber es gab ja eine zweite Glühbirne. Um 11.45 Uhr startete auf dem Schallplattenspieler das Ensemble Economique, und der Saal füllte sich. Um 12 Uhr ging ich zu meinem ipad in einer hinteren Ecke des Raums (mit dem tragbaren Mikrofon war ich mobil) und legte los, las die letzten zwei Abschnitte der Short Story von Richard Brautigan. „I had never seen anybody set fire to a radio before.“ Und das Ende mit den brennenden Liedern.
Ich ging zu meinem gemütlichen Sitzplatz, der Raum war gut gefüllt. Ich war konzentriert und seltsam entspannt, einige meiner Geschichten hatten ein trauriges Ende, und verströmten einen Hauch von Melancholie, wie der Anblick von Herbstblumen, die ihre Köpfe hängen lassen. Die Zeit verging wie im Flug, die Zuhörer waren aufmerksam, lachten viel, und ich bekam einen herzlichen Applaus. Ich beantwortete noch ein paar Fragen. Wildfremde Menschen und einige gute Bekannte bedankten sich für meine Show. Beim Hinausgehen kam ein junger Mann, der mir verriet, er habe an zwei Stellen Tränen in den Augen gehabt. Eine Frau fragte mich, ob meine Nachtsendung in Köln genauso ablaufen würde, und ich sagte, ja, genau in der Art, ich würde nur das Wort „fuck“ weglassen. Laurie kam zu mir und sagte, mein Vortrag habe ihr wunderbar gefallen. Und noch zwei sehr schöne Sätze mehr. Ich brachte meine Cds und Schallplatten aufs Zimmer und kehrte sofort in den Seminarraum zurück, wo Jana Winderen, eine Soundforscherin aus Oslo, die sich gern in der Nähe von Eisbergen rumtreibt, und Mike Harding vom englischen Label Touch ihren Vortrag hielten.
Danach betrat Laurie Anderson das Podium, und erzählte von dem Film über ihren erblindeten Hund, und wie er mit seinen Pfoten auf den Tasten eines Pianos zu einer besonderen „Hundemusik“ beitrug. Laurie versteckte sich nicht hinter ihren Geschichten, und erzählte sehr persönliche Dinge. Mit der Technik gab es einige Probleme, und auch sie hatte plötzlich, wie ich zuvor, eine hölzerne Stuhllehne in der Hand. Bei ihrer letzten Story war das Ende, mit ihrer unnachahmlichen Stimmmodulation, so sinnlich wie bitter, unvergesslich. Am Ende des Tages fiel ich totmüde ins Bett träumte von den Beatles in Mono!
“Belladonna Nocturne“ (18. Juni)

„More background HERE“
Was Emmylou Harris hier wohl anstellt, in dieser neuen Nachtmusik, wenn sie einmal auftaucht? denn es soll ja ein Instrumentalalbum sein. Das erzählte mit Monsieur Lanois vor langer Zeit zu „Wreckin‘ Ball“ :
„Wir brachten für die Aufnahme von »Wrecking Ball« ein sehr gemischtes Team zusammen. Der Mix der Charaktere hat viel mit dem Resultat zu tun. Ich mochte es immer, verzweifelte Seelen einer bestimmten Sorte einzuladen. Larry Mullen am Schlagzeug wirkt hier recht überraschend, aber ich kenne seine Faszination für Country; hier fand er eine Gelegenheit, diese Leidenschaft auszuleben – an den dunklen Rändern von Country – und einmal aus dem »System« U2 auszusteigen. Der Bassist kam vom Funk. Keine homogene Einheit, und doch konnte man bald die Logik hinter dem Wahnsinn erkennen.
Ziemlich früh stießen wir auf einen aufregenden Sound, Ich nannte ihn den »Sound der Crystals«. Die Crystals waren eine Vokalgruppe aus den frühen 60ern mit einem mysteriösen und energetischen Sound. Mir war nie klar, wie sie diesen Sound hinbekamen, vielleicht war es sogar eine Phil-Spector-Produktion. Ich stieß zufällig darauf, hatte die Kopfhörer auf, war mit Emmylou im Studio, sie sang, und am Ende des Liedes sagte ich zum Toningenieur Malcolm Burn: »Berühre nichts, nimm deine Hände vom Mischpult, ich will analysieren, was wir da haben!« – es war etwas Besonderes, ich wollte diesen Sound nicht einfach festlegen, ich wollte ihn betonen, gestalten, verstärken. Und es war auf einmal gleichsam der „Sound der Crystals“, der sich in Emmylous Mikrofon hineinschlängelte; zwischen ihren Gesangslinien und all der Kompression, die wir benutzten, entfalteten sich die Instrumente wie in einem Riesenpilz. Ich entschied, dass die Musiker ganz nah bei Emmylou spielen sollten.“
Asher Gambedze, Jeff Parker ETA IVtet, Lambchop, The Mountain Goats, Daniel Lanois, Pan American, Andrew Wasylyk, Björn Meyer, Jason Moran, Bill Wells, Aldous Harding, Kevin Morby, Kurt Vile, And Also The Trees, Tinariwen, Sunn O))), Irmin Schmidt, Eivind Aarset, Boards Of Canada, Seefeel vielleicht auch – da braucht es keine Halbjahresliste zur Auffrischung des Gedächtnisses, das füllt ja nun schon aller Voraussicht nach mehr als die Hälfte meiner zwanzig „desert island-Lanzarote-Alben“ für 2026.
„Jeff, Anna, Bennie, Hans-Joachim und Dieter“
„Die Stücke der Band schweben und tanzen und entfalten sich mit einer ruhigen, geduldigen Anmut, die daher rührt, dass sie hervorragende Zuhörer mit scharfem Gespür sind – Musiker, die zwar wissen, wie man richtig loslegt, aber erkennen, dass es viel wirkungsvoller ist, gemeinsam eine Atmosphäre zu schaffen.“

Olaf hat mir gerade eine Nachricht geschickt, die mich einmal mehr schmunzeln liess. Dieses „Jeff Parker ETA IVtet“ ist ja nun schon ein gewöhnungsbedürftiger Bandname – das erste Live-Album des Quartetts kenne ich bis heute nicht. Aber dann kam das nachfolgende Doppelalbum zu uns, einmal mehr von International Anthem, „The Way Out Of Easy“, und wir waren einhellig begeistert. Keine Sekunde ausgefranster Improvisationen, alles vom ersten bis zum letzten Sound, vier Schallplattenseiten lang, mitreissend, zwingend, und ein wenig unglaublich.
Nun also der nächste Streich, und wieder traute ich meinen Ohren nicht – und dann doch. „Happy Now“, diese zwei lange Stücke, aber alles andere als dem vorigen Abenteuer ähnelnd. Eine andere Lockerkeit, mehr Raum, andere „vibes“. Und dann schickte mit Olaf zwei Sätze aus einer Plattenkritik: „Live, the IVtet is transfixing, playing long-form improvisational ambient jazz that finds the sublime middle ground between Bennie Maupin’s The Jewel in the Lotus and Cluster’s Sowiesoso.“ Gar nicht übertrieben, und doch ein kühn definierter „middle ground“, der aber auch ein Fingerzeig ist, warum mich, respektive Olaf und mich, dieses Album so umhaut!
Morgen muss aber erst mal Schluss damit sein, dann widme ich mich den „Klanghorizonten“, die mehr aus Vignetten und Episoden, prögnanten Stücken und einem offenen Ende am Schluss bestehen – keine Chance für dieses berauschende „Jeff Parker IVtet“ ohne eine dieser alten Radionächte! Umd wenn Manfred Eicher auf der Seite 2 dieser Langspielplatte Anna Butters‘ luftig-dynamischem Bassspiel lauscht (die sowieso ein weiblicher „wizard“ ist, könnte es auf ECM 2027 das erste Basssoloalbum einer Bassistin geben. (m.e.)
“Little Wide Open“ (in regards to Kevin and Kurt)
Kevin Morby und Kurt Vile verfolge ich seit Jahren, sie gehören zu den Songwritern, die ein langes Erbe fortführen, ohne ihre Originalität zu verlieren. Ihr beiden neuen Alben erfreuen mich „songwise, lyricwise – deep, rich stuff, sometimes deceptively simple, with one or other abyss always close“. (Michael E.)
For Kevin Morby, the “little wide open” is the big sky, the small lives, it’s his origins in the Midwest, and every duty and modesty and familiarity and isolation: the land, the people, and the parts of that inside him. “There’s something unintentionally musical about the Midwest; cicadas chirping in the trees, a train passing, a tornado siren going off,” explains Morby.
“If you listen, there are these almost ominous sounds taking place beneath the wide-open sky—its ugliness and its beauty and how the two are often working together simultaneously. And while the Midwest isn’t technically the badlands, it’s my badlands.”


(fresh from Mojo July (!) 2026 edition that also contains a deeply moving Rickie Lee Jones story from the times after her first big success, a story about the forthcoming „Beat“ tour of a real King Crimson outfit (without Robert Fripp, but with his approval), an in-depth interview with Can-man Irmin Schmidt following post war dreams of another world of music in old Germany, his solo paths, and central themes and stations of the Tago Mago magic, and much more.)
(and, in regards to the photo, who dares to say, Lajla, that the „little white open“ won‘t find its own horizons, too!? Think of drinking another glass of „kalte gans“ among some nice or posh people at Sansibar!)

Kurt Vile’s new album (releasing May 29, 2026) features a never-before-seen photograph by the legendary American photographer William Eggleston. The image captures a ramshackle bar sign in Memphis, TN, which was gifted to Vile by the photographer’s son, Winston.
Und, Freunde, Ende August spielt Kurt Vile im Gloria in Köln. Wenn der Sommer gross wird, wie eine Freudin mir weissagte, werde ich dort sein. Ansonsten werde ich in Alaska Scheissforellen fischen. (m.e.)
Viles neuestes Werk ist eine bewegende Hommage an seine Heimatstadt, vom „verdammt verschmutzten“ Fluss bis hin zu den „altmodischen, Lo-Fi-DIY-Rock’n’Roll-Nächten“ seiner Jugend. Unweigerlich geht es auch um das Vergehen der Zeit und – wenn auch mit seinem gewohnten skurrilen Humor gewürzt – auf eindringlichere Weise um Viles Beziehung zur Musik („the best kind of high“, singt er in „99th Song“) und deren Entstehung („check out my chiming chords on the Gold Tone mandolin guitar“, aus „Zoom 97“). Aufgebaut aus einem Geflecht aus glänzenden Gitarrenklängen und/oder klingenden, scheinbar umherirrenden Einzelmelodien, entfalten diese 12 großherzigen, eigenwilligen Country-Soul-Songs vielfältigen Charme, nicht zuletzt mit „Chance To Bleed“, einem ausgelassenen, unverhohlenen Seitenhieb auf die Stones der Sticky-Fingers-Ära. Dass hier und da eine Atmosphäre aus Neil Youngs „On The Beach“ aufblitzt, in Wort und Klang, lässt das Dunkle hinein, am Ende aller Partys. (by Sharon, most of it, and Michael, a little bit)
Valie Export R.I.P.
In den 70er Jahren staunten Frau, Mann und Hund nicht schlecht in der Wiener Innenstadt.Dort spazierte Valie mit ihrem Peter an der Leine durch die Straßen. Peter Weibel war damals ihr Freund, später gehörte er dem geistig kreativen Dreigestirn an, zusammen mit Sloterdijk und Boris Groys in Karlsruhe. Auch Valie war sehr einfallsreich, mutig und die erste Frauenaktivistin, die sich künstlerisch gegen die Männerwelt ausdrückte. Berühmt wurde sie mit ihrer Kiste mit zwei Löchern, darunter ihr nackter Oberkörper. Peter schrie den Passanten zu, bitte anfassen. Valie erlaubte den Männern 33 Sekunden ihre Brüste zu betatschen und es waren nur Männer, die sich das nicht entgehenliessen. Valie Export wollte mit ihren spektakulären Körperaktionen auf die männliche Dominanz – auch in der Kunst – aufmerksam machen.Sie drehte zu diesem Thema Filme, die es in sich hatten. Ich besuchte zwei ihrer Ausstellungen und da hing kein Schild mit Triggerwarnung : “ Die Fotos könnten irritieren“ an der Museumstür. Auch in der Medienkunst war sie Protagonistin. Wenn man bedenkt, dass Baselitz der Meinung war, Frauen können nicht Kunst und Anzinger seinen Kunststudentinnen nach Lust und Laune unter das T-Shirt fasste und nicht suspendiert wurde, dann wird einem bewusst, wie wichtig die mutige, witzige Künstlerin war.
Von rasantem Thrill und langsamem Abtauchen
„The End of the Road by the talented Andrew Welsh-Huggins starts with a bang. Literally. And the tension and stakes only rise from there. This is the riveting and highly entertaining portrait of two unlikely but relentlessly determined protagonists who are seeking justice and peace at any cost. Smart, engaging, and expertly written—don’t miss it.“ Das waren mal ein paar präzis-formulierte Sätze zu einem früheren Roman des Amerikaners. Wir hatten zu siebt einen „Krimikreis“ ins Leben gerufen hier am Dreiländereck, und das war der erste Lesetrip der „Furchtlosen Sieben“. Freunde möglichst hochwertiger Kriminalliteratur, die gerne das englische Original lesen wie gute deutsche Übersetzungen. Ich kannte diesen Andrew gar nicht, und wurde rundweg positiv überrascht. Jeder der sieben bringt abwechselnd einen Roman in die Runde, und da wir und nur einmal in zwei Monaten treffen, geschieht alles ohne Eile.

Anne ist Niederländerin aus Vaals und hatte für ein Novum gesorgt: zum ersten Mal wurde zuletzt ein zweites Werk eines hierzulande noch unbekannten Autors zu Kaffee und Waffeln serviert, das klingt allses sehr „cozy“, aber die Mehrzahl unserer Bücher folgt eher den Präsikaten „hard-boiled“ und „noir“, von „California noir“ bis „Nordic noir“. Ich hatte den Roman gelesen, staunend, begeistert, fiebernd fast, ich war durch die Seite geflogen und doch an manchen Momenten hängen geblieben – wow? Wie bitte!? Ach, du liebe Güte!
Man tut dem Buch Unrecht, wenn man es mit dem in seinen Stereotypen lang abgestumpften Lee Child vergleicht. „The Mailman“ liegt in einer feinen deutschen Übersetzung vor, ist voller „Plot-Rafinesse“, Vielschichtigkeit, Fabulierkunst. Merc selber, der Postbote und Protagonist dieses nahezu perfekten Kriminalromans, könnte sogar Oliver Sacks eine Fallstudie aus dem dem Terrain der Traumaforschung und „neuro science“ wert gewesen sein (wäre er halt nicht eine fiktive Figur)! Auch sind die Figuren kein bisschen holzschnittartig angelegt (es passiert einfach zuviel in zu kurzer Zeit, da wäre eine epische Charakterzeichnung schlicht deplatziert – und gewinnen Figuren nicht gerade da an Tiefe, wo sie sich in Extremsituationen, „shocks of recognition“ etc. bewähren, scheitern, und nahezu unmöglich schnelle Entscheidungen treffen müssen?!).

So weit, so rasend! Wer es lieber „adagio“ mag, und sich einen grossen Kriminalroman nicht ohne das Attribut „literarisch“ vorstellen mag, für den habe ich ein weiteres, sehr viel leiser sich entfaltendes Erzählwerk zur Hand, von einem in Deutschland neuerdings und Schweden sowieso vielgerühmten Autor der jüngeren Generation: „Hinter dem Nebel“. Unsere Lesegruppe wird es sich Ende Mai vorknöpfen – inmitten der Spargelsaison. Diesmal treffen wir uns in Düsseldorf. Die Geschichte spielt in der Zeit des Kalten krieges, beginnt im ländlichen Schweden, im Hinterland, und Leser mögen sich hinterher darüber streiten, ob das überhaupt ein „richtiger Kriminalroman“ sei.
Randständige Fragen für ein Buch, das in aller Ruhe und mitunter zeitlupenartig (ohne Schockmomente aus dem Spiel zu nehmen) eine Mordgeschichte, eine Liebesgeschichte und viel mehr erzählt, den Figuren dabei in Recherche, Dialog und Feinzeichnung bis in kleinsten Verästelungen ihres Unterbewussten folgt. Ein mich sehr bewegendes Buch, das immer noch, wie es so schön heisst „nachhallt“ (und das sage ich, zwei Monate nach der Lektüre des Leseexemplars, das mir der Verlag zur Verfügung stellte). Es ist mein dritter Roman des jungen Schweden, und in meinen Augen vieleicht sein subtilster, abgründigster. Obwohl, den Satz nehme ich zurück. Alles aber ist ohne Eiltempo, ohne Schnickschnack dargeboten, mit einer perfekt zwischen Ruhe und Unruhe ausbalancierten Erzählweise.

Das Gegenstück zu „The Mailman“ in gewisser Weise, aber ich weigere mich, den einen Roman als „gehobene Literatur“ zu bezeichnen und den anderen als „reinen Spannungsroman“. Mich haben beide Bücher durchweg begeistert – und, auch wenn es der Verlag im Falle von Andrew Welsh-Huggins sogar noch plakativ auf das Cover platziert, kann ich der Werbeabteilung von Hoffmann und Campe nur zustimmen: „The Mailman. Er liefert. Immer.“ Verdammt „sophisticated“, und erstaunlicherweise nicht völlig humorbefreit. Grosse Leseabenteuer, beide Romane. Das eine Abenteuer ist pures Adrenalin, zwei, drei, vier Lesenächte mit wenig Schlaf, das andere inspiriert langsames Eintauchen, und setzt den Raum zwischen den Zeilen in Schwingung. Das Buch für den Juli ist auch schon ausgewählt worden. „What About The Bodies“. Aus dem kleinen grossartigen Pendragon Verlag! Von Katja ausgesucht. Es muss ja nicht immer „Der Meister“ sein, James Lee Burke. Über letzteren würde ich Nick Cave zu gerne mal interviewen!
Zugabe: meine neue Lieblingsserie auf Netflix ist ein weiterer Geniestreich von Neil Forsyth, „Legends“, eine britische Kriminal-Serie in sechs Teilen mit grossartigen Schauspielern, toller Musik, exzellenter Kameraführung, und einer Geschichte, basierend auf wahren Begebenheiten am Ende der Ära von Margaret Thatcher. Lucy Mangan vergibt im Guardian nur drei Sterne, ich viereinhalb!