• Eine andere Stunde der wahren Empfindung

    Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal eine solche Verbindung zu einem Album hatte wie zu „Punching the Clown“ von Lambchop – wann ein Album das letzte Mal fast augenblicklich, schon nach drei oder vier Durchläufen, von einem Objekt der Neugier zu etwas geworden ist, das eher einer rituellen Reinigung gleicht, und dann tagelang diese geheiligte Atmosphäre bewahrt hat, die ein tiefes und unbenennbares Bedürfnis stillt.

    Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal immer wieder zu einer Platte zurückgekehrt bin wie zu dieser, als wäre ich auf der Suche nach Antworten. Und vielleicht habe ich sie nicht einmal wirklich gefunden, sondern etwas anderes – so etwas wie die Gewissheit von Gemeinschaft, das Versprechen einer Offenbarung, eine neue Art, die wesentlichen Fragen zu stellen. (In dieser Hinsicht ähnelt „Punching the Clown“ sehr den besten Werken von Bill Callahan.)

    Philip Sherbourne

    (“Punching The Clown“ ist nicht nur eines der seltsamsten und wunderlich-wundervollsten Alben des Jahres, es treibt auch einige Musikjournalisten dazu, herausragende Texte zu schreiben. Dies hier ist der Auftakt eines langen Textes von Philip Sherburne.)

    John Alan Urquhart (popmatters)
    Sam Sodomsky (pitchfork)
    Christopher Raley (glidemagazine)
    Alex Petridis (the guardian)
    Sharon O‘Connell (uncut)
    Philip Sherburne (futurism restated)

  • Begegnungen mit dem eigenen Leben

    Liebe Freunde des Films! Das hier ist keine Szene aus einem Truffaut-Film (der Gedanke kommt einem sofort, wenn mans sein „alter ego“ bei seiner Lieblingsbeschäftigung sieht), an den ihr euch nicht erinnern könnt, dies ist ein Bild aus einem Film, der mich damals, als er, 1974 ungefähr, einmal ins deutsche Fernsehen kam, umhaute wie „Z“ vielleicht, oder „Die Vögel“ oder „Alice in den Städten“, und wenige andere. Und, damit die Nachwirkungen dieses mich unendlich fesselnden Films (auf kleiner Schwarzweiss-Mattscheibe) lebendig blieben, beliess ich es bei diesem einen Erleben und pflegte meine Erinnerung. Ich wollte nicht später beim erneuten Erleben ernüchtert werden oder gelangweilt, was natürlich passieren kann, im Laufe der Jahre. Wieder und wieder (über all die Jahre) dachte ich an ihn zurück und sah einzelne kurz aufflackernde Momente daraus vor meinem inneren Auge. All meine Sehnsucht nach Liebe damals, als Teenager, nach diesem seltsamen „twist“ von Rausch und Geborgenheit, fand in diesem „Matratzenfilm“ seinen perfekten Ausdruck. Und nahm Dinge vorweg, die mir später wieder und wieder widerfahren sollten, in Variationen. In diesem Film, den ich atemlos vom Bett meines Jugendzimmers aus verfolgte, wurde wohl das Ender meiner Kindheit gespiegelt und eingeläutet. Und, mhmmm, sie redeten mehr als sie vögelten, wenn sie überhaupt Liebe machten. Lange Zeit waren die Filme von Jean Eustache wegen rechtlicher Probleme kaum zu sehen, jetzt kommen sie zurück in die kleinen nich existierenden Programmkinos, restauriert, und allesamt in einer bestens ausgestatteten DVD-Kiste, natürlich auch sein opus magnum „Die Mutter und die Hure“ von 1973, aus dem obiges Bild stammt. Und ich bin endlich bereit, für ein zweites Mal, und für all seine anderen Filme sowieso. Dank an Thomas P., der mich wieder auf die Spur brachte! Hier ein paar Hintergrundinformationen von dem Kinogeher Gerhard Midding (aus der Filmseite des epd)…


    Welcher Film ist der beste Einstieg ins Werk?

    »MES PETITES AMOUREUSES« (»Meine kleinen Geliebten«, 1974) führt direkt in seine Jugend zurück, die er als ungeliebter Sohn zubrachte. Filme über das sexuelle Erwachen waren in Frankreich der 1970er Jahre ja sehr in Mode, aber dieser ist nicht voyeuristisch, sondern wirklich neugierig auf das Wechselbad von Sehnsucht und Annäherung, von Erfahrung und Enttäuschung. Es ist ein wunderbar atmosphärischer Sommerfilm, nicht nur dank der Fotografie von Néstor Almendros. In der Szene im Provinzkino, wo »PANDORA UND DER FLIEGENDE HOLLÄNDER« mit Ava Gardner läuft, flammt zudem jene Cinephilie auf, die unverzichtbar zum französischen Autorenkino gehört.

    Was machte er anders als die anderen?

    Die Idee der Nouvelle Vague, das Filmemachen als persönlichen Selbstausdruck zu begreifen, verschärft sich bei ihm noch einmal. Seine Filme seien so autobiografisch, wie Fiktion es nur sein kann, erklärte er einmal. Sein Blick auf das Leben ist unerbittlich. Er legt sich schonungslos Rechenschaft ab. Und seine Arbeitsweise verstieß absolut gegen die Normen der Filmindustrie. Die meisten seiner Filme sind kurz, allenfalls halblang. Dabei zeichnet sich sein Werk durch eine enorme Formenvielfalt aus. Er war übrigens der erste Regisseur, der von einem Dokumentarfilm ein Remake (»LA ROSIÈRE DE PESSAC«, 1968/79) drehte.

    Welcher Film gilt als sein Meisterwerk?

    »LA MAMAN ET LA PUTAIN« (»Die Mama und die Hure«, 1973), eine bestechende Innenansicht der zeitgenössischen Pariser Bohème. Eustache inszeniert seine Dreiecksgeschichte als einen fast vierstündigen Abenteuerfilm der Körper und Worte. Die Zimmerschlachten, die sich seine Charaktere liefern, scheinen in Realzeit abzulaufen. Die zerwühlte Bettlandschaft, die ihnen als Refugium wie als Kampfzone dient, ist ein emblematisches Bild geworden. Ein monumentaler Matratzenfilm.

    Stimmt die Legende, man arbeitete mit ihm auf eigenes Risiko?

    Er behauptete, bei jeder seiner Dreharbeiten gebe es einen Suizid. Bei »NUMÉRO ZÉRO« (1971) war es beispielsweise ein Kameraassistent. Kurz nach der Premiere von »LA MAMAN ET LA PUTAIN« brachte sich die Kostümbildnerin um. Nachdem er selbst sich 1981 ins Herz geschossen hatte, brach die Serie nicht ab – sein Biograf Alain Philippon beging später Selbstmord. Eustaches eigener Freitod scheint, wie der von Diane Arbus oder Sarah Kane, die Düsternis und Verzweiflung seines Werks zu beglaubigen.

    Das Leiden an der Welt war also sein großes Thema?

    Man kann in seinem Kino auch Ironie und Humor finden sowie eine feinnervige Vitalität.

    Welcher Film traf den Nerv seiner Zeit besonders?

    »LA MAMAN ET LA PUTAIN« ist nach wie vor der maßgebliche Film über Paris nach dem Mai 1968. In Cannes entfachte er einen Skandal und bescherte Eustache seinen einzigen (relativen) Kassenerfolg. Seither beeinflusste er nicht nur französische Regisseure, sondern auch Bertolucci und Jarmusch.

    Kleine Frage an Filmfreaks: Es war 1968. Was kann an diesem Film damals in Cannes einen Skandal ausgelöst haben? Hat er ein Tabu gebrochen, ich denke, eher nicht. Hat er die Filmkritikergilde gespalten, also, ich habe keine Idee. Heute kommt die kleine Schatzkiste, und ich werde dem Rat folgen und zuerst „Mes petites amoureuses“ schauen (alle Filme original mit Untertiteln). Und dann, es ist mal wieder an der Zeit, „Absolute Giganten“.

  • 12 Unterhaltungen

    Ryuichi Sakamoto
    seeing sound, hearing time

    11.09.2026 bis 20.06.2027
    Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

    Ich muss keine Pressetexte lesen, keine alten Geschichten über frühere Zusammenarbeiten, um über ein Album zu schreiben, dass sich dermassen reichhaltig in der Stille und ihrer unmittelbaren Nachbarschaft rumtreibt, wo bei aller Leisestärke verdammt viel los ist: denn entfesselt kommen diese intimen Dialoge zwischen Ryuichi Sakamoto und Alva Noto alias Carsten Nicolai allemal daher – mit jeder Unterhaltung wird ein dezent anderer Raum erkundet: es beginnt alles mit einem Stück, in dem der Diskurs von Wohlklang und Dissonanz von vornherein den Verdacht ausräumt, hier würden diverse Erhabenheiten ausgetauscht, und sonstig geheiligter Wohlklang, gefährlich nah am Kitsch. „12 Conversations“ (Vinyl, Cd, Dl) ist eines dieser Alben voller Piano, Elektronik und raffiniert geflochtener Samples, das alles dafür tut, auch beim Rezensenten dieser Zeilen abgegriffene Superlative hervorzulocken. Da halte ich mich besser zurück, und staune vorzugsweise insgeheim und bei gedämpftem Licht über ein Werk, das mich in seine ureigene Wildnis lockt, und, zum Ende hin, in den letzten zwei Konversationen, nicht unbedingt zu erwarten auf einem Album, in dessen Entstehung Todesnähe mitschwang, mit traumverlorener Lebensfreude überrascht. (VÖ: 18.9.)

  • Deep listening with Robert, John und Terje

    I use my analytical faculties retrospectively. In fact, when I’m actually working, I’m just another animal. I work instinctively, and emotionally, I think, like any animal you see, when you watch an animal looking for food or a cow looking for a nice piece of grass. I’m not, at heart, an intellectual musician in the sense that I don’t start with a theory or a concept or an idea. I work simply from finding what makes sense to me. I think it’s very hard to put into words, but I think that the art that lives for me without dying, like, for example, the paintings of Chagall or the music of Charlie Parker, has an organic quality. It seems to be like some kind of living thing. Coltrane has it. I look to see if something feels like it’s alive, and if something’s alive, it has a form and a pulse and a heart somewhere. I work until I have a kind of, some kind of complete organic entity.

    Im September wäre John Coltrane (geb. 23.9.1926) 100 Jahre geworden. Grund genug, auch im Deutschlandfunk an ihn zu erinnern. Fast wäre sein Name auch in meinen Klanghorizonten am 24. September kurz aufgetaucht, aber ich habe mich für zwei andere Passagen aus meinen alten Interviews mit Robert Wyatt entschieden. Aber was sind unsere ganz persönlichen Lieblingsalben von John Coltrane?

    “Nächte mit John und Terje“ (1975)

    Ich muss nicht lange überlegen. Obwohl eine reine Monoaufnahme , und nicht unbedingt eine audiophile, wird John Coltranes Doppel- bzw. Dreifach-Vinyl-Album „Concert in Japan“ für immer mein intensivstes Hörerlebnis bleiben, gefolgt in fast einem Atemzug von „Crescent“ sowie „A Love Supreme“. Und: „My Favourite Things“, „Interstellar Space“, „Live At The Village Vanguard Again“, „Kulu Se Mama“ sowie „Ballads“! Aber nun zu den zwei Sendungen aus dem Deutschlandfunk im September 2026.

    Am 17.9. um 21.05 Uhr: Vater des „Spiritual Jazz“? John Coltranes Einfluss auf einen großen Jazz-Trend Von Odilo Clausnitzer

    Am 18.9. ebenfalls um 21.05 Uhr: Passionen und Emotionen. Wie John Coltrane den Jazz veränderte. Am Mikrofon: Karl Lippegaus

  • „time of farewells“ – revelations of september (update)

    „The passage of time
    Is flicking dimly up on the screen
    I can’t see the lines
    I used to think i could read between
    Perhaps my brains have turned to sand“

    (From Another Green World)

    the sad news at the beginning: brian whistler will leave us after so many years, he will be missed, honestly. thank you for everything. my fave story was the one including a missed opportunity and the vibes of steve winwood. the albums of next month are by enzo favata, named „ritornare“ (brian will love it, i bet!), and, no surprise, „punching the clown“ by lambchop. The archival discovery is a double cd, the re-appearance of two albums of mr. „infinite guitar“ alias michael brook. the book of september is „kala“ by colin walsh, a deeply poetic crime novel, the film a documentary, worth re-watching and centered around ryuichi sakamoto, „coda“. And, no doubt, andy beta’s conversation with steve tibbetts is worth staying just a little bit longer. i have to think, too, about a very good tv-series. but there it came (days after my first round-up) out of nowhere, on arte: „familiengeheimnisse“ (original spanish title: „pubertad“). in regards to the radio column nothing new under the sun, except this: in my last radio show ever there will be a quite intense story told by laurie anderson for a radio portrait i did way back in 1994 – thanks to the people in the archive it didn‘t get lost. robert wyatt can be heard, too, in that „blue hour“ – he always was in „talking mood“ whenever we met in london between 1991 and 2003. and finally you can hear brian eno speaking on an iphone from a faraway place – what a fine closer!

    postscriptum:

    jan bang‘s text on nils petter molvaer‘s be quiet can be found HERE!

  • Rick Hollands kleines Manifest

    Das hat so etwas von einem Ritual – manchmal ist es schwer, die dafür notwendigen Voraussetzungen zu wahren und bereit zu sein. Man könnte sagen, genau darin besteht die Arbeit: so bereit wie möglich zu sein. Als ich gestern darüber nachdachte, habe ich ein Manifest geschrieben. So vieles im Leben untergräbt diese Voraussetzungen für die Bereitschaft; im Moment gibt es Trauer, Verantwortung und Konstrukte von Sicherheit, Angst, Anspannung und Alarm, während die Welt am Rande alter Paradigmen knirscht und in neue übergeht und dabei ihre furchterregenden Zähne entblößt. (R.H.)


    In Making Work

    I won’t be distracted by the relationships around the work

    There is nothing that lives on after the work that needs tending 

    The behaviour is the work 

    Explaining is not part of the work or necessary for showing it

    Work could also be called behaviour, composition, way of seeing

    Materials do not need separating, colours, sounds, the matter is not the main event, even while it does form and then reform, with us in it

    It follows that spirit or intelligent awareness exists to be joined

  • Sanfte Verstörungen im archaischen Raum – das neue Album von Lambchop (3/3)

    Jedes Lambchop-Album vor und nach FLOTUS war ein eigensinniges Werk, das weder Moden noch Strömungen folgte. Viele beklagen sich, dass er seit FLOTUS immer wieder mit seinem „Kumpel Auto-Tune“ ins Studio ging, der eigenen Stimme elektronische Verwandlungen zukommen liess, als würde dadurch die Musik zwangsläufig weniger „authentisch“. Unsinn. Wie brachte es Kurt vor Jahren auf den Punkt, als ich ihn zu FLOTUS interviewte:

    „With the help of technology I’ve been freed up to realize a song idea in a fuller more complete and complex way. But that said it still needs the human touch to be a Lambchop record or performance. It is that intimacy that Lambchop has with the listener that is one of the cool things about FLOTUS. I feel it’s still there in the sound and the songs.“

    Die Werke wurden seitdem vielleicht noch erratischer, noch radikaler, und es ist schon ein besonderes Kunststück, dass jetzt, „auto-tune“-befreit, das Unheimliche noch mehr Raum gewinnt, als wäre dieses Werk eine Sammlung amerikanischer Gespenstergeschichten. „Punching The Clown“ hat enorme Tiefe, schwarzen Humor, ist so noir wie noir nur sein kann, und doch hält es, ich wiederhole mich gerne, ein verdammtes Quantum Trost bereit. Nun hier der dritte und letzte Teil von Sams Ausführungen. (m.e.)

    „Was hat zum Beispiel „White ‚People‘“ mit Allen Toussaints „Night People“ zu tun, mit dem es eine augenzwinkernde textliche Ähnlichkeit aufweist? Man könnte es als Parodie auffassen, doch dann verleiht Wagner dem Song den kraftvollsten, verzweifeltsten Gesang des Albums und brüllt die Worte, als wolle er die Nachbarn vor einem herannahenden Sturm warnen. Er ist lustig, bis er es nicht mehr ist – wenn auf einen Witz à la „Wir sind so pleite, dass wir nicht einmal mehr aufpassen können“ ein aufrichtig besorgtes „Mein Gott …“ folgt – und selbst dann ist es irgendwie lustig.

    White People

    Da der Film als Inspirationsquelle genannt wurde, habe ich mir den Film „Punching the Clown“ aus dem Jahr 2009 angesehen, in dessen Mittelpunkt die Höhen und Tiefen eines Komikers und Musikers stehen, der seinen Weg nach Los Angeles sucht. Angesichts der Darstellung der ständigen Demütigungen in der Unterhaltungsindustrie – eine Art „Inside Llewyn Davis“ für die Indie-Szene der 2000er Jahre – stellte ich mir den Titel als Metapher für die Beziehung zwischen aufstrebenden Künstlern und ihrem launischen Publikum vor. Als der Ausdruck im Drehbuch auftaucht, stellt sich heraus, dass es sich um einen Euphemismus für Masturbation handelt. Wer hätte das gedacht. Und doch scheinen beide Interpretationen in der Welt von Lambchop ihre Berechtigung zu haben.

    Zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere haben sie bereits viel Lob von Kritikern erhalten – „Nixon“ wurde im Jahr 2000 von Uncut zum Album des Jahres gekürt, noch vor „Kid A“ – und große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es ist schwer vorstellbar, dass es heute Indie-Songwriter mit Country-Einflüssen gäbe, die nicht von ihnen geprägt wären, insbesondere solche wie MJ Lenderman und Dan Wriggins von Friendship, die in ein und demselben Verspaar ernsthaft und absurd, kosmisch und zurückgezogen, todernst und urkomisch dumm klingen können. Und im Gegensatz zu vielen Songwritern seiner eigenen Generation bewahrt Wagner in seiner Kunst nach wie vor ein Gefühl der Unvorhersehbarkeit, die Herausforderung, mit jedem neuen Song neue Ebenen zu entdecken und niemals altbekanntes Terrain zu wiederholen – was auch bedeutet, sein eigenes Vermächtnis niemals zu ernst zu nehmen.

    Auch wenn „Punching the Clown“ das geheimnisvollste und beunruhigendste Album in der Diskografie von Lambchop ist, liegt doch ein Triumph darin, dass es zugleich ihr emotional direktestes ist.  Trotz all seiner Abschweifungen und Irreführungen, auffälligen Unterbrechungen und tränenreichen letzten Worte klingt es so, als käme Wagner endlich zum Kern der Sache.“

  • The days and nights of „Laughing Stock“

    „a portrait of an album by Talk Talk“

    Mein Musikbuch des Jahres 2026 steht schon jetzt ausser Frage, es ist schlicht exzellent: Graeme Thomsons „In Another World – The Four Seasons of Talk Talk“.

    Das Album „Laughing Stock“ ist der Herbst von Talk Talk. From the flowflow diary, years ago:

    „The guy from „Zen Sounds“ is strolling through Mark Hollis‘ life, and time‘s rush (and the coffee I am drinking some miles before Bremen) is now filled with sugar and sadness. By chance, I made one of the two last interviews he ever did, in 1998, in Hamburg, before the release of „Mark Hollis“. And I was meeting him before In 1991 or 1990.

    In that week when the huge cover of Talk Talk‘s „Laughing Stock“ circled on the roof of Polydor Records‘ skyscraper, I sat in his little appartment near „Angel Station“, with Markus Müller (who is now the CEO of the Monschau Jazz Festival, remember his FMP book, or the ECM exhibition in München…), and we listened to his stories, for example about Mark’s neverending love for that first Duke Ellington piece of his only album with John Coltrane… „listen, these first moments of Elvin Jones there“, and whenever I come across the name of that Underground station, it hurts. „Angel Station“.

    When meeting him again in the big Hamburg hotel, there was (really strange, and unexpected) this joy, unfiltered, similar to seeing an old friend again, a big smile on his side, on my side then, too. In those two hours, while drinking tea, there was a very kind, heartfelt connection. If I now think back to that scene, after all those years, it brings a tear to my eyes. I’m NOT „romanticizing“ this. All these special moments in life, you don’t return to them necessarily in your last moments, on the deathbed, you can bring them up – en passant, and they can serve. Everything wounded will flow.“

  • Sanfte Verstörungen im archaischen Raum – das neue Album von Lambchop (2/3)

    „Ein Teil ihres Erfolgs liegt darin, dass sich Lambchop einmal mehr neu erfunden haben. Einerseits kann man es als Rückkehr zu ihren Wurzeln bezeichnen: Sie greifen wieder auf Folk-Instrumente zurück, und nach mehreren Alben mit elektronischen Experimenten verdecken keine Effekte mehr Wagners Gesang. Dennoch haben sie genauso noch nie geklungen. In Zusammenarbeit mit Produzent Ryan Olson in Justin Vernons April-Base-Studio in Wisconsin wird Wagner auf jedem Titel von Co-Autor Andrew Broder an der Akustikgitarre und von Vernon am Banjo begleitet.

    Die Percussion ist spärlich, unkonventionell und flüchtig: Kastagnetten in „Weakened“; etwas, das wie zerbrechendes Glas klingt, um „The New World Wave“ zu untermalen. Besonders hervorzuheben ist, dass Wagner gemeinsam mit dem London Choir und dem Eau Claires Vocal Sextet singt, die mit ihren mehrstimmigen Harmonien diesen Songs den Charakter von Country-Gospel-Hymnen verleihen – selbst wenn die Texte Wörter wie „Dumbotron“ und Ausrufe wie „What the fuck?“ enthalten.

    Dieser Effekt ist im Gesamtwerk von Lambchop deutlich zu spüren: intim, geheimnisvoll, wunderschön. Der Titelsong baut sich um ein herbstliches Gitarrenriff herum auf und schwillt an, während „Afterburner“ mit einem trillernden Solo, das an eine Gondelfahrt erinnert, leise herein schleicht.

    Afterburner“

    Gelegentlich durchbrechen Lambchop den Zauber: Ein DJ-Drop mit der Ansage „LAMBCHOP, NEW SHIT“ im Eröffnungsstück „Just West of Nicolett“ markiert den jüngsten in einer Reihe von aufmerksamkeitsstarken Einleitungen, und ein seltener Echoeffekt in „Cigar“ versetzt dessen Schlussmomente in Dub-Gefilde. Doch größtenteils lässt „Punching the Clown“ vermuten, dass Wagner die letzten Jahre damit verbracht hat, nach dem richtigen Rahmen für diese Songs zu suchen, um ihn schließlich in ihrer einfachsten, intuitivsten Form zu entdecken.

    Cigar

    „To Do“, ein herzlicher Country-Song, der zugleich eine Klage über die Dinge ist, die man noch erledigen möchte, bevor man stirbt, kommt mit der düsteren Strenge eines Johnny Cash aus der Rick-Rubin-Ära daher: „Bevor ich in den Himmel komme“, sagt Wagner uns, „muss ich die Pflanzen gießen.“

    „To Do“

    Dieser Text ist repräsentativ für seinen Ton – eindringlich und bittersüß, heimgewandt und doch den Sternen zugewandt – und Wagner erzählt oft in einer Art Trübsal. Die Stimmen sind fieberhaft, flehend, suchend, alles vorgetragen in seinen charakteristischen Trillern und Klagelauten, Krächzern und Gemurmel. Auf Lambchops letztem Album, „The Bible“ aus dem Jahr 2022, beschrieb Wagner die emotionale Belastung, die die Pflege seines kranken, betagten Vaters mit sich brachte: „Es sollte mit der Zeit leichter werden“, rief er aus, wohl wissend, dass genau das Gegenteil der Fall war.

    WEAKENED

    Nun haben seine Darstellungen von Tod und Verfall kein Gegengewicht mehr. Das wunderschöne „Weakened“ konzentriert sich ganz auf einen Kranken, der im Bett eingewickelt liegt, „wie ein Buddha in einer Decke“, und schließt seinen ersten Refrain mit dem Chor ein, der singt: „I’m a-ready.“

    Jede dieser Botschaften – vom Leben, das in „The New World Wave“ vor den Augen vorbeizieht, bis hin zur politischen Fuge „America on mute“ in „Afterburner“ – scheint darauf ausgelegt zu sein, ebenso viele Fragen aufzuwerfen, wie sie beantwortet. Und wie jedes der großartigen Alben von Lambchop kann es einen auf eine Reise in die Tiefen des Unbekannten entführen.“ (Sam Sodomsky)

    Ich habe schon mal erwähnt, dass ich seit „How I Quit Smoking“ so gut wie jedes Lambchop-Album nachts im Radio vorgestellt habe. Was Kurt Wagner und seine Gefährten über die Jahrzehnte angestellt haben, hat mich beinahe durchweg fasziniert. Liest man Sams Besprechung, könnte man be dem neuen Album, leicht, und völlig zurecht, auch an Samuel Beckett oder an Richard Brautigan denken. Das Fantastische im Alltäglichen aufzuspüren, ohne das Leben fälschlich zu romantisieren, den Sinn für das Staunen und die Fähigkeit zur Anteilnahme selbst in einer vor die Hunde gehenden Welt nicht zu verlieren, ist auch so eine Qualität von Kurt und Co. Auf ganz eigene Art ist „Punching The Clown“ ein Werk der Ermutigung und hält Trost selbst im schwärzesten Schwarz bereit. (m.e.)

    DON‘T MISS THE BRANDNEW „SHORT FILM“ „Joke Country“ (see comment 3), directed by Kurt himself!