Wien, Ida Lupino und Hermann Nitsch
Wien ist ein Sehnsuchtsort. Ich kehre immer wieder in diese Stadt zurück – seit fast zwei Jahrzehnten.
Das Provinzielle trifft auf das Erhabene, die Prunkbauten der Donaumonarchie auf die Mietskasernen, die nach dem Krieg entstanden sind, Geschichte auf Postmoderne, die steinerne Großstadt auf die naturbelassenen Donau-Auen oder die Weinberge oberhalb der Stadt.
Hinter dem offensichtlichen K.u.K. Glamour und der Beschwingtheit des Walzerkönigs verbirgt sich ein Subtext des Geheimnisvollen, Morbiden, Verdrängten und Untergründigen. Nur folgerichtig, dass Freud in Wien die Psychoanalyse entwickelte. Oder dass Harry Lime in der beklemmenden Kanalisation verfolgt wurde.
Wien ist eine Film- und Kinostadt. Klar, „The Third Man“ oder „Before Sunrise“ sind kulturelles Allgemeingut. Mein Wienfilm ist „Bad Timing“ von Nicolas Roeg, „der Vertigo des englischen Kinos“ (Joseph Lanza). Art Gartfunkel und Theresa Russell geraten in die Abgründe von Liebe, Leid und Leidenschaft in den düsteren, tristen Kulissen der Stadt um 1980 herum. Roeg ist sicherlich ein Vorbild von Julio Medem, über den hier zuletzt viel geschrieben wurde.
Mit dem Filmmuseum hat Wien eine filmhistorische Institution, die in der Amtszeit von Alexander Horwath einen Reigen an sensationellen Werkschauen veranstaltete, derer ich regelmäßig Zeuge werden konnte.
Zum Ethos des Filmmuseums gehört die Präsentation von analogen Originalfassungen in bestmöglicher Qualität. In 2013 sah ich dort in Anwesenheit der Regisseure Retrospektiven über Dominik Graf (er zeigte auch eine Handvoll seiner Lieblingsfilme wie Rohmers „Die Sammlerin“) und Joe Dante (ein überbordender Erzähler aus Hollywood) sowie eine Reihe über The Real Eighties (ich erinnere „At Close Range“ und „Something Wild“).
Das Film Archiv Austria mit dem Metro Kinokulturhaus wenige hundert Meter weiter ist die andere Filminstitution, nicht minder aufregend.
Ich sah dort in den letzten Tagen „They Drive by Night“ (1940) von Raoul Walsh mit George Raft, Humphrey Bogart und der im Mittelpunkt der Filmreihe „Filmgeschichte ist weiblich“ stehenden Schauspielerin Ida Lupino. Sie spielt in ihrer ersten Hauptrolle eine Verlorene zwischen dem Wunsch nach Reichtum, der sie nicht glücklich macht an der Seite ihres vulgären Mannes (Alan Hale) und dem sexuellen Verlangen nach dem geradlinigen Joe Fabrini (George Raft), der eine andere Frau (Ann Sheridan) liebt. Der erste Teil des Films ist ein Sozialdrama, das von der Mühsal der beiden Brüder Joe und Paul (Bogart) im harten Fernfahrer Geschäft handelt. Im plot point verliert Bogart seinen Arm nach einem Unfall. Danach setzt der Psychotriller ein. Lupino ist eine Getriebene, die alles versucht, um die Liebe von Raft zu erobern…
Die Solidarität der Fernfahrer und deren Trotz gegen die widrigen Arbeitsbedingungen bleiben mir in Erinnerung. Und das facettenreiche Spiel von Ida Lupino. Das Wechselbad der Gefühle in Ihrem Gesicht in der Gerichtsszene ist meisterlich.
Hermann Nitsch ist von anderem Schlag. Gegen den Wiener Aktionskünstler nehmen sich die Vorläufer des amerikanischen Action Painting wie Mürbchen aus. Nitsch ist neben Otto Muehl einer der bekanntesten Vertreter dieser eindringlichen Form von Live Art Performance, die radikal aufräumt mit der etablierten Kunst, der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus. Aktuell ist sein Frühwerk im Wiener Aktionismus Museum (WAM) zu sehen, welches jüngst ausgebaut wurde.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht sein übergroßes „Blutorgelbild“ von 1962. Es gehe bei Nitsch „um die sich niemals schließende Wunde Mensch“, sagt der WAM Direktor. Die Tabubrüche des Aktionskünstlers muss nicht nicht mögen oder schön finden. Als Ausdruck der Kampfes gegen alles Etablierte bleiben sie in Erinnerung.

Nitsch hat später zu seinen Installationen auch Musik komponiert zwischen Klassik und Avantgarde. Die seltenen Tonträger sind mittlerweile hochpreisige Sammlerstücke.
Das Bindeglied zwischen Wien, Ida Lupino und Hermann Nitsch scheint mir Siegmund Freud zu sein…der nächste Aufenthalt im Wiener Sommer wird andere Assoziationen hervorrufen.
„spaces between“
Als ich ein paar Tage am Ende der Aufnahmen von Tigran Hamasyans „Atmosphères“ in Lugano dabei war, trafen wir uns abends (s. Foto mit Arve und Manfred) in der City: ein warmer Sommerabend, und als ich Jan Bang (der nicht dazustossen konnte) am kommenden Tag von diesem Treffen erzählte, brachte er es auf den Punkt: Manfred habe wohl „old stories“ erzählt.

Zu den in die Jahre Gekommenen in der Runde zählte auch ich, und ein Thema waren rare Aufnahmen der ECM-Historie, aber eben nicht akademisch abgehandelt, sondern nach Lust und Erinnerung aus dem Gedächtnis aufgetischt. Diese „alten Geschichten“ waren einmal reines Gegenwartsabenteuer, ihre Resultate nach wie vor auf Tonträger gebannt.
Eine Frage stellt sich: kann man den Zauber aus der Zeit der Entstehung und des „ersten Hörens“ neu entfachen, wenn man, nach Jahren oder kleinen Ewigkeiten, zu ihnen zurückkehrt, oder schaltet die Zeit einen Filter dazwischen, der selbst für den „ersten Zeugen“ der Musik, und das ist Manfred Eicher durchweg gewesen, eine wie immer geartete Mixtur aus Wehmut, stiller Freude, meditativem Erinnern, bereithält?
Ich brachte die für mich wunderbarste Platte ins Spiel, die der Schlagzeuger und Komponist Edward Vesala je gemacht hat, „Nan Madol“, in jenen frühen 1970er Jahren, in denen sogar Sonnenuntergänge das ästhetische Empfinden mit einem Lächeln passierten, so tollkühn „romantisch“ waren diese neuen Tönen in der damaligen „Jazzlandschaft“.

Es ist wie mit alten Liebesgeschichten in Würzburg oder anderswo: sie fliessen hier und da in Texte ein, und werden eben nicht Wirrungen oder „Phasen“ zugerechnet, analytisch aus dem Spiel genommen, abgehandelt. „Thank you for the days“. Die Magie mochte ihre Risse haben, Blindheiten, Verrücktheiten, was immer, aber gesehen, gehört und gefühlt haben wir – und wie wir das haben! Und es war gut. Wie das Auflegen einer alten Platte a la „Nan Madol“. Nichts nutzt sich ab, etwas Neues blitzt hier auf und da. Ein Traumalbum. Ein Melodienrausch.Als das Meisterwerk des Finnen später wiederveröffentlicht wurde, erhielt es ein sehr nüchternes Cover, wie ein Versteckspiel des Unerschöpflichen. Ein Fehler. Denn diese Musik, die selbst Atheisten als „spirituell“ erleben können, „zum Heulen schön“, unfassbar wild und sanft und verwegen (und wahrscheinlich selbst eine grosse „Lovestory“), hat in jenem alten Farbenspiel der untergehenden Sonne ihr perfektes Pendant erhalten. Ich sehe den Raum vor mir, in dem ich „Nan Madol“ zum ersten Mal hörte. Ich sehe das enge Bett im Studentenwohnheim, die grosse Mattratze in Grasfilzing, den Schlaf in ihren Augen. Ich lege meistens „Yellow Fields“ auf, aber auch, in den besonderen Momenten für den Soundtrack unseres Lebens, after hours, „Nan Madol“. Here we go again. Just listen! Old stories? Dream On! (michael e.)
„If jazz was ever meant to be a religion, its prayers might sound something like Nan Madol. The title means “spaces between,” and no description of this music could be more apt. The album is an eclectic mandala of drones, eruptions of ecstatic liberation, and snatches of melody from both near and far. Influences range from Japanese folk melodies to Alpine herding calls, and all of them strung by a powerful understatement of continuity.“ (tyran g.)
„Sincerely, L. Cohen“
Marjan hat hervorragende Ohren. Sie bekommt alles mit, ihre Sine hatte sie wohl auf beschwerlichen Fluchtwegen geschult. Sie sollte bald mal aufstehen, warme Brötchen warteten schon auf dem Tisch, und ich weckte sie, um ihr eine Freude zu machen, mit den muslimischen Tuaregs, der Platte „Hoggar“, die ich so betörend finde. Später fuhr ich unsere Pflegtochter zu einem Kontrolltermin beim Kieferorthopäden. „Was hast du da in deinem Zimmer für eine andere, arabische Musik gespielt, Michael“, fragte sie mich (ihr Deutsch ist so gut geworden mit der Zeit), und ich war sicher, mir ein grosses Lob einzufangen. Weit gefehlt.
„Die Musik, die du jetzt gerade spielst, mag ich sehr.“ Ich war verblüfft und zeigte ihr an einer Kreuzung das Cd-Cover. „Gold Record“ von Bill Callahan. Als wir wieder daheim waren, spielte sie mir ein Lied vor der „grössten Sängerin Afghanistans“. Es hatte das Flair französischer Chansons, und Ich fragte, wovon das Lied handele. Sie sagte, davon, dass sie zu alt sei, um noch weiter zu singen. Und sang selber den Refrain mit. Ich bin gespannt, zu erfahren was unserer freigeistigen Muslima an einem meiner derzeitigen Lieblingsalben nicht so gefällt. Not such a long way from Dari to Tamashek…
Alter wilder Westen
Manafonistas, der Blog, ist eine Fundgrube alter feiner Texte, und jeder kann nach Lust stöbern. Zuweilen fehlt ein Satz, eine Wendung, und, schwups, landet das remixte Material in der Gegenwart. Die Suche nach alter Zeit ist auch die Suche nach alten Geschichten, die wir uns früher erzählt haben. Eine Freude, sie wie alte Teppiche auszukllopfen, und zu neuem Leuchten zu bringen! So erging es mir mir den Texten vom wilden Westen und Arild. Ich bin Arild einige Male begegnet, und edaure es bis heute, dass ich sein Konzert mit Jan Garbarek und Edvard Vesala 1972 im alten Domicil verpasst habe. Irgendetwas Typisch-Siebzehnjähriges muss dazwischen gekommen sein. Die Platte „Triptykon“ ist so grossartig!
Am Kiosk kauften wir als Kinder kleine, verpackte Fotos, man konnte nie wissen, was darin enthalten war, ausser etwas aus der grossen fremden Welt der Erwachsenen und der Geschichte. Nie vergesse ich das Foto der vom Himmel gestürzten Fussballmannschaft von Manchester United. Auch Schwarz-Weiss-Bilder von Western waren beliebt. Ich hatte Robert Fuller im Kopf, und „Am Fuss der blauen Berge“.
Der Held in meinen Serienträumen hiess Okko und rettete mich aus lauter gefährlichen Situationen. Leider zog er, als ich sieben war, seiner Wege, und ich durfte mich allein auf die Abenteuer des Verliebens machen. Nicht ganz allein, denn im Radio begleitete mich Caterina Valente durch manche Tagträumerei.
Die alten Wildwestfilme wirkten für Kinder verdammt realistisch, und als ich heute The Searchers von John Ford nach Ewigkeiten wiedersah, dauerte es, bis ich den Film halbwegs wieder mit den Augen des Heranwachsenden sah. Die grosse Leinwand half dabei.
Wie in vielen Dramen, gab es auch hier einen Narren, der letztlich für die richtige Spur sorgt. Sein Traum vom Schaukelstuhl ist ein uralter, von Buster Keaton über J.J. Cale bis Kurt Wagner. Die humorvollen Szenen überlagern keinesfalls das Bittere und Dunkle des Films, der so viel vom Stammesdenken und dem alten Westen erzählt.
John Ford und John Wayne schürften in Abgründen. Einmal reitet John Wayne durch den Schnee, ein Mann mit vielen Gesichtern, der keinen Zweifel lässt, sein Ziel zu erreichen, „as sure as the turning of the earth“, wie er in unnachahmlicher Art sagt (man muss es im Original sehen, dann können auch Altlinke die Klasse von Wayne erkennen).
Und am Ende, das traurig ist, und doch versöhnlich, dreht sich John Wayne um und verlässt das sichere Heim. Man glaubt es kaum, aber sein Gang hat Grazie, und er scheint, ansatzweise, im Einklang mit sich selbst. Zwei Seiten der Furchtlosigkeit, eine glasklare Entschlossenheit – und ein befriedetes Herz (neben all den unsichtbaren Tränen).
Arild

I laid back and listened to that wonderful bass solo album „Landloper“ by Arild Andersen that came out in 2024. One of these albums that better work in darkness. I know Arild’s bass since I discovered ECM with Jan Garbarek‘s album SART. He never stopped surprising me, real and reliable company. („Landloper“ ends with an irresistible mélange of the two classics ‘song for che’ and ‘lonely woman’). I somehow never ever even heard about his 1981 album „Lifelines“ before. By chance, two years ago, I stumbled on it. Via Discogs, I got a near mint vinyl copy. Paul Motian on drums, Kenny Wheeler on trumpet, and a fabulous pianist with his only appearance ever on ECM. One of the titles: „Landloper“.monthly revelations, april, with an afterglow of the 1960‘s and the 1970‘s
Die Beatles, einmal mehr, ein nie wiederveröffentlichtes Meisterwerk der frühen ECM-Jahre, das sorgt schon mal für ausreichend „Nachglühen“ . Aber dann wäre da noch die gewitzt inszenierte Hommage an einen Kinoklassiker aus dem Jahre 1960, und ein deutsches TV-Sci-Fi-Epos, ein Jahr vor dem „summer of love“, zwei Jahre vor dem wilden Jahr 1968, drei vor der Mondlandung. Man sieht. Volles Programm!
Iron and Wine hätte auch das Album des Monats werden können. Die gelassene Zuversicht von Sam Beams Profi-Team erinnert an die Blütezeit von Laurel Canyon, ohne dabei irgendwelche Hippie-Geister heraufzubeschwören… oder, besser, im Original:
„The mellow assurance of Beam’s team of professionals suggests the heyday of Laurel Canyon without quite conjuring any hippie ghosts. His touch remains too subtle and tasteful to succumb to the temptations of revivalism, yet there’s a distinctly welcoming and wistful breeze wafting through the record, blowing the stark “Paper and Stone” right into the sunlight. It’s a trick he repeats over and over throughout Hen’s Teeth, letting the idiosyncrasies of his songs be transformed, even erased, by the interplay of his supporting musicians. Maybe he’s lost the spartan immediacy of his earliest records, but he’s gained a sense of camaraderie that makes his music feel nourishing.“
Ein trefflicher letzter Absatz einer Besprechung des jüngsten Iron and Wine – Albums. Eine kleine Hommage an den sowas von unabhängigen Musikblog Aquarium Drunkard, für den man ein kleines Entgelt entrichten muss pro Monat, aber selbst Musikfüchse wie du und ich finden dort manch Aufregend-Altes und Aufregend-Neues!
Eine kleine Hommage für Aquarium Drunkard also, dass unser Griff ins Archiv und die Entdeckung eines tollen neuen Albums, neben einem langen launigen Interview mit Sam Beam, durchweg von drei „Aquarianern“ stammt. Die Abteilungen für Film und Serie und Prosa schweifen weit zurück in ein altes Europa, über das Robert Wyatt das schönste aller Lieder gesungen hat, das mit Miles und Juliette in Paris. In der Abteilung Radio bleibt es bei meinen Zeitreisen durch die ECM-Jahre von Steve Tibbetts und und zwei meiner alten Sendungen über Ralph Towner und John Abercrombie. Tempus fugit. (m.e)
Das noch Unerzählte erzählen!
19. Juni 2012. Alle Sitzplätze im Audimax der Frankfurter Universität sind schon besetzt, und dabei fängt die Veranstaltung erst in 20 Minuten an. Und es kommen immer mehr Leute, meist ältere, die Alexander Kluge hören wollen. Ich war verabredet, ein Freund eines Freundes war aus Karlsruhe angereist. Wir saßen nebeneinander. Die Poetikvorlesungen gibt es als Buch; für mich aber sind die Eindrücke und meine handschriftlichen Notizen wertvoller als es eine geschliffene Fassung der Vorträge je sein könnte. Thema des 19. Juni waren die Wirklichkeitsmassen, die auf ihre Erzählung warten. Alexander Kluge hatte dabei das traditionell Politische im Blick. Was er an Themen nannte, die noch nicht erzählt sind: die gestohlene Revolution in Ägypten, die Feigheit der AKW-Chefs. Erzählen als Kassandratätigkeit. Die unerzählte Realität auf Erzählbarkeit prüfen. / Die Fäden der Rohstoffmassen, die uns umgeben, miteinander verbinden. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Alexander Kluge zeigte Auszüge aus seinen Filmen (zum Beispiel aus „Fünf Leinwände“), er begeisterte sich für Paul Klee, er bezeichnete Walter Benjamins „Passagenwerk“ als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts und er fragte nach der Hauptstadt des 21. Jahrhunderts und brachte den Gedanken ein, es sei eventuell keine Stadt, sondern etwas in den Köpfen der Menschen; er präsentierte ein kaum bekanntes Märchen der Brüder Grimm (Das eigensinnige Kind), und er betonte, die Erzählweise im 21. Jahrhundert könne nicht mehr linear sein, sie müsse gravitativ sein. Wenn ich meine Notizen jetzt wieder lese, wird mir bewusst, dass diese wenigen Stunden im Audimax auf mich und auch auf meine Gedichte eine starke Wirkung hatten. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Die Hauptstadt als etwas in den Köpfen der Menschen. Die Vielfalt und die Unruhe in uns. Zum ersten Mal hörte ich hier von der Verwandtschaft des Rechtsgefühls mit dem Gleichgewichtsgefühl. Als sein zentrales Motiv nannte er: Die Scheidung seiner Eltern zu verhindern. Und wenn ich mich richtig erinnere, ich habe es nicht notiert, sagte er, im Nachhinein sei er sicher, dass er mit den Fähigkeiten, die er entwickelt hatte, die Scheidung seiner Eltern hätte verhindern können. Hieraus spricht die Leidenschaft des Juristen am Diskurs, der Glaube an den Diskurs.
Planet Alexander Kluge kreist woanders
Als ob sie sich abgesprochen haben: wir gehen jetzt mal. Wer ist der Nächste? Gerhard Richter? Dann wären die Poeten unter sich.
Ich traue mir keinen Nachruf zu, wüsste nicht, wo ich anfangen soll. Hier ein kleiner Text , den ich mal anlässlich einer Ausstellung auf Mana geschrieben habe. Hier eine kleine Anekdote, die ich mal mit ihm erlebt habe nach einem Vortrag in Düsseldorf über Das Fernsehen. Er sass danach zufällig in der Kneipe neben mir. Ich fragte ihn etwas provokant: Ist denn TV wirklich sooo wichtig? Er antwortete mit diesem geheimniswissenden Lächeln: Ich möchte doch sehen, was Helmut Schmidt da in Tunesien macht.
Hier Tipps, wo man den „Heiligen“, die Tage in den Medien erwischen kann:
ARTE Freitag, also heute, 22.45 Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos
BR Samstag 23:15 Abschied von gestern. Nach dem Film noch ein Sonderbeitrag über ihn
3SAT 29.3. ab 20.15 Nachrichten aus der chronologischen Antike
Radio Bayern2 und Deutschlandfunk bringen Sondersendungen über „Die Chronik der Gefühle“ und über seine jüngsten Arbeiten zur KI. (Sendezeiten konnte mit KI noch nicht geben)
Alexander, ich trauere. Um Peter Schneider, der gestern beerdigt wurde, um Habermas, um dich. Du sagtest einmal: Die Gefühle sind langsam. Zum Gluck ist der Frühling da.
Große Kunst
Großes Konzert mit 50 Klavieren und Kammerorchester in einer sehr großen Halle in Oberschöneweide vor ein paar Tagen. Das Konzert war spektakulär, aber musikalisch weiß ich nicht so ganz, ob es so richtig überzeugend war. In der einstigen Industriehalle passte dieser akustische Orkan allerdings, denn es war eine rechte Industrieklangkulisse. Tags darauf das komplette Gegenteil: Meredith Monk zum Preisträgerinkonzert im Haus der Berliner Festspiele, nachdem sie drei Tage zuvor den Großen Kunstpreis Berlin bekommen hatte. Ich bin natürlich schon zur Preisverleihung hin, und freudestrahlend begrüßte sie mich, teilte mir wieder einmal mit, dass der Dokumentarfilm, für den ich vor ein paar Jahren in ihrem Atelier in Manhattan ein Interview über die Zusammenarbeit mit Manfred Eicher gedreht hatte (ein Teil daraus wurde dann ja auch in der retrospektiven ECM-Box zu ihrem 80. abgedruckt), noch immer „ihr liebster Dokumentarfilm“ über ihre Arbeit sei, sei es doch so angenehm gewesen, wie ich das Interview mit ihr als „alte“ Frau geführt und gefilmt hätte. (Dabei will ich nicht unerwähnt lassen, dass der abendfüllende Dokumentarfilm Monk in Pieces, den ich leider nicht gemacht habe, überaus sehenswert ist, gleichermaßen für Kenner ihres Schaffens als auch für alle, die gerade mal ihren Namen kennen.)
Und das Konzert am Samstag war dann wahrlich groß. Außergewöhnlich. Die 83-Jährige wird auf der Bühne alterslos, zumindest was ihre Stimme betrifft. Einiges sang sie ganz allein, anderes zu zweit, ein paar Sachen dann zu dritt, ein Querschnitt durch 50 Jahre ihres Schaffens. Ein in aller Einfachheit großer, intensiver und bewegender Abend, auch was den exzellenten Live-Sound und die sehr klare, bestechend einfache Lichtsetzung betraf.
Und hinterher sagte sie wieder, diesmal zu Mitanwesenden, – auch ihre Nichte war für das Konzert zu Besuch in der Stadt – dass ich ja so einen tollen Film gemacht hätte. Ich meinte, ich würde sie gerne fotografieren, wenn sie ihre Monate in New Mexico verbringt. Oder wenn sie ihr nächstes Album, Intra’s Net, mit Orchester, aufnimmt. Werden wir sehen, ob daraus was wird. Jedenfalls bin ich sehr froh, dass ich sie noch einmal persönlich treffen und vor allem auch auf der Bühne, zumal in meiner eigenen nächsten Umgebung, erleben konnte.
Der Sonntag gehörte dann dem neuen Film von Paolo Sorrentino, den ich für seine unglaubliche Inszenierungskunst bewundere, immer wieder. Die letzten paar seiner Filme habe ich nicht gesehen, sie kamen nicht so besonders gut an bei der Kritik. Aber La Grazia ist groß. Vielleicht ein bisschen zurückhaltender als frühere Filme in ihrer Opulenz, aber kaum weniger ausgefeilt und Eindruck schindend. Aber er versteht sein Handwerk einfach — und so gelingt ihm große Kunst. Und Toni Servillo ist auch wieder herausragend. Gerhard Midding: „(…) eine exquisite Melancholie. Servillo verleiht ihr mehr Facetten, als sich so manch anderer Darsteller überhaupt vorstellen könnte. Gründlich erkundet er die Einsamkeit und ethischen Fallstricke der Macht, um sodann noch eine weitere Anfechtung aufzuspüren, die tiefer schürft.“ Man kann ahnen, dass so manch einer oder eine fragt, ob so ein Film über „alte weiße Männer“, christliche Politiker zumal, in dieser heutigen Zeit eigentlich noch ein Filmstoff sein müsse. Doch Sorrentinos voriger Film über eine junge attraktive Frau war dann ja wohl auch nicht so das Gelbe vom Ei. Da lese ich im Film-Dienst wohl zurecht: „Vielleicht versteht Sorrentino alte Männer wirklich besser als junge Frauen.“
Es ist aber auch immer wieder beeindruckend, wie Sorrentino in all dieser Opulenz und Ausgefeiltheit dann in kleinsten und eigentlich nebensächlichen Momenten überraschend größte emotionale Wirkung zu erzeugen vermag. Und La Grazia erzählt in so vielfältiger Weise so vieles, ohne dass es überladen wirkt. Klar, geht es um Politik, aber anders als derzeit üblich und anders als erwartet, gerade nach den vorherigen Filmen. Auch geht es um Eltern- und Kinder-Beziehungen und um Liebe und Partnerschaft. Und um Freundschaft verschiedener Art. Und um Leben bzw. Lebendigkeit und Tod. Und um die Zeit. Und die Leichtigkeit und die Schwere des Lebens. Und darum, dass das nicht alles zu Ende geht, wenn man meint, da kommt nichts mehr. Man könnte seine früheren und übersprungenen Filme mal wieder sehen oder nachholen.
