• Stevs Swallow‘s late work of class

    Steve Swallows warmer und resonanter E-Bass grundiert die Performances subtil und unaufdringlich – nur in einem der neun Stücke räumt er sich ein kleines Soloshowcase ein, mit dem so unverwechselbar schlanken und stimmhaften Ton, den er an seinem halbakustischen Instrument mit der zusätzlichen hohen C-Saite und dem Plektron erzeugt. Ein Detail in einem würdigen Alterswerk, entstanden aus innerer Notwendigkeit – ‘Winter Songs’ ist Trauerarbeit unter Freunden – und auch wenn Steve Swallow mit 85 Jahren nicht mehr auf die Bühne zurückkehren mag, so hat er mit diesem Album zumindest die Tür ins Studio wieder sehr überzeugend aufgestoßen.

    Niklas Wandt, Deutschlandfunk Kultur

    Man hört hier der Musik alter Freunde zu, die alles, aber auch alles, in ihr Spiel legen, um der Musik – das war wohl ihre gemeinsame Vision – Luft zu geben, Atem, Aura, also etwas, bei dem die üblichen Worte (Analysen, Vorurteile, Lobeshymnen, Schnellschüsse) in eine schöne Leere laufen. Mission erfüllt. So lässt sich auch mit lyrischer Eleganz, mit makellosem Sound, Zauber auf Zauber entfachen, ohne einen einzigen überflüssigen Ton. Wer die drei letzten Alben von Carla, Steve und Andy ganz besonders mag, wird auch hier fündig werden, und, im seltsamen Glanz eines Rückblickes auf gelebtes Leben, von ferne auch mal die Lichter des ‘Hotel Hello’ aufflackern sehen!

    Michael Engelbrecht, Flowworker

    more about Swallow‘s „Winter Songs“ HERE!

  • Speaking about Marion Brown albums (we love the most)

    Alto sax player and composer Marion Brown had his appearance on John Coltrane‘s free jazz eruption ASCENSION. And he was an essential part of Harold Budd‘s „Pavillion of Dreams“ from Brian Eno‘s Obscure Records. Quite contrary albums. Now Dutch label Aguire rereleased Marion Brown‘s „Awofora“ from 1976, not released on Impulse Records like some of his career highlights did. Andy Beta (who just came up with his Alice Coltrane biography) loves „Awofora“. Four ears, two views.

    Note: I haven’t heard „Awofora“, this actual reissue of this ludicrously hard to hear 1976 album. But now. Note: It’s my favorite Marion Brown record. Yeah, even more than Sweet Earth Flying. Note: And I fucking love Sweet Earth Flying. Even more than Geechee Recollections. Note: I still find myself on the other side of the fence with Afternoon Of A Georgia Faun, but keep hoping that may one day change.

    (Andy Beta)

    Note: I haven’t heard, too, this actual reissue of this ludicrously hard to hear 1976 album. But now. Note: It’s NOT my favorite Marion Brown record, but a quite good one – 3 or 3 and 1/2 stars. I have two favourite Marion Brown albums  Sweet Earth Flying. And Geechee Recollections (I fucking love both of them). Note: I still find myself on the other side of the fence with Afternoon Of A Georgia Faun (one of those early ECM albums I didn’t fall in love with 😉), but keep hoping that may one day change. And I like to add one thing: there is another beautiful album Marion Brown did in the 1970s, that is quite underrated, because „Vista“ will in fact sound so easy on your ears that you might call it „easy listening jazz“, and for all the good reasons though. Probably there are not so many deeply moving easy listening jazz albums out there, and this is one of them! With an absolutely perfect cover!

    (Michael Engelbrecht)

    Nachklang: Jörg Drews hatte ein Näschen für experimentelle Literatur, und seiner Besprechung in der SZ am 4. August 1979 (dieses Datum ist geraten) verdanke ich eines meiner abenteuerlichsten Trips deutscher Literatur in den 70ern. Drews verglich Handkes „Die Linkshändige Frau“, mit Hartmut Geerkens „Obduktionsprotokoll“, Minimalismus vs. Überfluss. Für mich entpuppte es sich eher als Vergleich von übertriebenem Geraune und hochspannender Improvisation. Ich kannte Hartmut Geerken (der wie Lajla ewig und drei Tage im Goethe Institut gearbeitet hatte) auch als versierten Rezensenten von Jazzplatten im Jazzpodium, und erinner mich noch bestens an den warmen Sommertag des 5. Juli 1975 (dieses Datum ist auch geraten) im Würzburger Zeitschriftenladen „Montanus“, als mich seine Worte über Marion Browns „Geechee Recollections“ (Impulse Rec.) so neugierig machten, dass die Platte kurz danach auf meinem Plattenteller landete. Und sie wurde zu einem „Lifer“, wie danach auch „Sweet Earth Flying“ – und, an bestimmten Sommerabenden auf Langeoog und sonstwo, eben auch „Vista“! Nächste Woche komt die nächste Hitzewelle – ich hau wieder ab auf die Insel, mit ein paar schönen Marion Brown Platten für die Fahrt. Dank an Andy Beta! Richard Williams‘ Besprechung von Andys Coltrane-Bio ist übrigens sehr interessant. Siehe comment 2. Marion Brown und Alice Coltrane hötten auch ein gutes Paar im Studio abgegeben – leider ist es nie dazu gekommen.

  • Ein Hörspiel

    “Südliche Autobahn“

    1966 hat Julio Cortazar diese phantastische Erzählung geschrieben, die sich nun als ein rundum gelungenes Hörspiel des Deutschlandfunkd entpuppt – mit einerm Quantum sozialer Utopie. „Das Feuer aller Feuer“ war, lang ist es her, der erste Band voller Erzählungen, den der Suhrkamp Verlag veröffentlichte. Mit seinem Gespür für das Surreale, für das Politische, und die Sehnsucht, nahm er mich von Anfang an gefangen. Sein Roman „Rayuela“ gehört zu den existenziellsten Leseabenteuern meinen Lebens. Er kehrte übrigens, kurz vor seinem Tod, noch einmal auf die Autobahn zurück, als er mit seiner Geliebten losfuhr, ganz real, von einem „Raststattabenteuer“ zum nächsten. Beide wussten, dass sie bald sterben würden. Also liessen sie sich noch mal auf das Leben ein, auf vollen und leeren Autobahnen, fernab der touristischen „power spots“, mit einem geschärften Bewusstsein und fein austariertem Humor. „Die Kosmonauten auf der Autobahn“ klingt wie ein Titel von Stanislaw Lem, ist aber Cortazar und Dunlop pur. Julio Medem sollte es mal verfilmen! Das nur am Rande. Hier also nun, für den, der Lust hat, Hörspielzeit! (me)

  • Eno

    (English here) 

    Der Filmemacher Gary Hustwit hat schon sehr sehenswerte Filme gemacht; erinnert sei an sein Portrait des Designers Dieter Rams oder seinen Film über die Schrifttype Helvetica.

    Brian Eno hatte schon die Filmmusik zu dem Rams-Film gemacht, da lag es wohl nahe, ihn auch selbst zu portraitieren. Seit 2024 wird der Film Eno jetzt durch die Arthouse-Kinos gereicht (das hieß: keine Chance in Pittsburgh), seit einigen Wochen wird er nun aber auch gestreamt. Seltsamerweise und leider wird die Kinofassung mit einer Spieldauer von 1 Stunde 40 Minuten angegeben, während die Stream-Fassung nur 1 Stunde 20 Minuten läuft.

    Das Special ist, dass man den Film nie zweimal in derselben Fassung zu sehen bekommt. Immer werden kleine Ausschnitte ausgetauscht oder deren Reihenfolge verändert. Damit hängt sich der Film natürlich an Enos „Generative Music“-Konzept an. Das ist ein netter Gimmick, aber für den Normalzuschauer, der den Film nur einmal sieht, sinnlos, da man nicht die Möglichkeit hat, mehrere Fassungen miteinander zu vergleichen.

    Der Film zeigt Schwerpunkte aus Enos Karriere, wir erleben kurz Bryan Ferry, David Byrne, Daniel Lanois oder David Bowie, wir sehen Brian Eno bei der Gartenarbeit oder beim Herumhacken auf einem Omnichord, beim Abspielen einer Ambient-Platte vor Publikum. Wir erfahren, dass Joni Mitchell einmal eine Ambient-Platte mit ihm machen wollte, er jedoch ablehnte, weil seine Ambient-Einspielungen von der Kritik zunächst schwer verrissen worden waren und er das Wort „Ambient“ nicht mehr hören wollte. Heute möchte er sich dafür in den Hintern beißen. Wir sehen, dass Eno, der in seinem Diary-Buch „A Year with Swollen Appendices“ von 1996 noch behauptet, seine Tagebuchversuche hätten immer bereits im Februar geendet, ein Riesenpaket sorgsam durchnumerierter und -datierter Notiz- und Skizzenbücher verwahrt — immer getreu der alten Regel: Wenn du Künstler werden willst, dann bewahre alles auf, was du machst.

    Das ist aber auch schon alles. Irgendwelche sensationellen Neuigkeiten über Eno bringt der Film nicht, dafür eine Menge schnelle Schnitte. Für die $11, die der Stream kostet, ein bisschen dünn. 

  • The New World (3) – „Nina, Jana and Laurie, for example“

    Was hier folgt, ist, übersetzt mit Deepl, der abschliessende dritte Teil der Besprechung von Shearwaters neuem Album. Und wer da alles auftaucht: Enos einstige Entdeckung Leo Abrahams, Doug Wieselman, ein ewiger Mitspieler auf interessanten Alben, Laurie Anderson, eine Gruppe aus Mali und und und. Daraus den von Louis herausgehörten grossen „flow“ des Albums zu entwickeln, ist gewiss eine Kunst. Und dann hört sich für den Rezensenten ein Song an wie „eine zufällige Begegnung von Talk Talk und Nina Simone“. Kurz wähne ich mich in einem Buch über „imaginäre Alben“ a la Borges.

    Gespannt wie ein Flitzebogen bin ich allemal von meinem Gesamteindruck, nach dem ersten und zweiten Hören – und habe zudem um Zusendung der lyrics gebeten. Vom Thema des Albums her, und von den zahllos eingeflochtenen „field recordings“ aus betrachtet, hatte ich in perfekter Synchronizität bereits das passende Album der Arktis-Forscherin Jana Winderen ausgewählt – für meine Klanghorizonte Ende September. Das Lied mit Laurie Anderson würde ich kaum spielen, denn eines ihrer grossartigsten Lieder ever ist bereits gebucht! Man kennt Alben, die an der Last ihres Anspruchs, ihres „Konzepts“, zusammenkrachen, und es gibt solche, die beidem gerecht werden und noch einen Mehrwert produzieren. Die Rezension ist schon mal per se beeindruckend, da darf sich Louis ruhig einige Male weit aus dem Fenster lehnen. Mein alter Freund Gregor war stets ein Freund davon, „die Kirche im Dorf zu lassen“. „Entscheidend is auffer Platte“, um einen anderen alten Spruch von Adi Preissler frei zu zitieren!

    Die Songs von „The New World“ strotzen nur so vor Naturbildern: Elefanten und Kojoten, Kaninchen im Regen und Schnecken in den Ringelblumen. Doch Meiburgs hautnahe Erfahrung mit der Natur steht ganz im Dienst seiner Songs. Ein Songwriter, der weiter von der Realität seiner Themen entfernt wäre, könnte diese ungewollt romantisieren und dadurch etwas Unwahres schaffen. Doch wenn er seine bemerkenswerte Stimme – einen hohen, angestrengten Seelenschrei, der aus dem gleichen Holz geschnitzt ist wie der von Anohni oder Thom Yorke – einsetzt, um in „More And More“ vom Regen zu singen, der von den Cascades abzieht, oder in „A Mink In The Dust“ von Stichlingen, die im Teich springen, dann vertraut man ihm irgendwie, dass er dort war und das gesehen hat.

    Was real und was unwirklich ist, ist ein zentrales Anliegen von „The New World“. Wir leben in einer Welt voller schlechter Schauspieler, Deepfakes, Fehlinformationen und Desinformation. Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, fühlen sich manchmal realer an als die Welt da draußen. Meiburgs Gegenmittel ist die direkte Auseinandersetzung mit der Welt. Das lässt sich buchstäblich in Form von Feldaufnahmen hören, Klangfragmenten, die Meiburg auf seinen Reisen eingefangen hat: „The Only Sound I’m Afraid Of“ schwebt über das Krächzen tasmanischer Raben herein, während das in Moll gehaltene „Anamnesia“ vom dumpfen Brummen eines Gepäckförderbands am Flughafen Melbourne durchzogen ist. Im weiteren Sinne manifestiert sich dies jedoch in einem kreativen Prozess, der in Entdeckungen, Zufällen und dem chaotischen Geflecht menschlicher Zusammenarbeit verwurzelt ist.

    „The New World“, so Meiburg, sei von „dem wildesten Ensemble, das wir je zusammengestellt haben“, entstanden. Die Aufnahmen erstreckten sich über vier Jahre an Orten wie London, Berlin und Texas, wobei das Kern-Trio von Shearwater – Meiburg, die Keyboarderin Emily Lee sowie der Schlagzeuger und Toningenieur Dan Duszynski – stets dabei war. Besonders wichtige Arbeit wurde jedoch in Shahzad Ismailys Figure-8-Studio in Brooklyn geleistet, einem kreativen Zentrum, in dem Musiker jeglicher Herkunft und aus allen Bereichen auftauchen und zum Mitwirken animiert werden können. Mitglieder der malischen Gruppe Ngoni Ba steuern Ngoni und plätschernde Rhythmen bei, gespielt auf Tamma, Yabara und Kalebasse. Der in Palästina geborene Firas Zreik bereichert „More And More“ mit dem klangvollen Qanun. Der New Yorker Holzbläser Doug Wieselman steuert Klarinette und Saxophon bei, während mit dem erfahrenen Perkussionisten Thor Harris ein alter Freund zurückkehrt, der zuletzt um 2013 auf dem Album „Fellow Travelers“ von Shearwater zu hören war. Auf dem Papier sieht diese Besetzungsliste wahrscheinlich nach einem Rezept für Chaos aus, doch es ist ein Zeichen für Meiburgs Weitblick – ganz zu schweigen von den Fähigkeiten des Mix-Ingenieurs Danny Reisch in der Postproduktion –, dass all diese unterschiedlichen Teile zu einer Platte verschmolzen werden können, die wie ein einziges, fließendes Ganzes klingt.

    Dieser Zustand des Fließens ist ein prägendes Merkmal von „The New World“. „Even Song“ eröffnet das Album in medias res. „Racing through the path ahead/ Even though it makes no sense“, singt Meiburg, während ein One-Two-Strum auf seiner Gitarre mit dem Zischen der Hi-Hats verschmilzt und so ein Gefühl von vorwärtsrauschender Bewegung erzeugt. An anderer Stelle suggerieren organische Rhythmen zwar Vorwärtsdrang, aber auch Reibung – man denke nur an das seekranke 5/4-Schlingern von „Daydream Unbeliever“ oder an „A Mink In The Dust“, das wie ein Elefant durch dichtes Gestrüpp dahintrottet. Wir sind auf dem Weg irgendwohin – doch die Route ist nicht immer klar und der Weg alles andere als einfach.

    Hier finden wir auch einige der bisher besten Songs von Shearwater. „More And More“ ist ein geschmeidiger Blues, der eine zufällige Begegnung zwischen Talk Talk und Nina Simone heraufbeschwört, mit sanften Klarinettenklängen, die wie Rauchschwaden durch die stimmungsvollen Passagen ziehen. „The Only Sound I’m Afraid Of“ ist ein eleganter Big-Music-Titel, der an die epischen Rock-Momente von „Jet Plane And Oxbow“ aus dem Jahr 2016 anknüpft. „Slugs In The Marigolds“ schlägt eine verspielte Richtung ein, wobei seine versunkene Figurenriege die Vorzüge des Rausches als Gegenmittel gegen die Übel der Welt erwägt.

    Doch eines der besten Stücke wird bis zum Schluss aufgehoben. Wir sind so an Meiburgs Gesang gewöhnt, dass das Auftauchen einer anderen Stimme – insbesondere einer so unverwechselbaren wie der von Laurie Anderson, die spricht, als würde sie den Zuhörer direkt ansprechen – ein ziemlicher Schock ist. Während sich „The New World“ oft so anfühlt, als würde man – manchmal holprig – flussabwärts getragen, ist „You And Your Dog“ der Moment, in dem wir sanft unter einem Himmel aus funkelnden Sternen in ein Delta hinausgleiten. Anderson geht behutsam mit den von Meiburg geschriebenen Worten um und erzählt eine traumhafte Geschichte von zwei Freunden, die einen Strandspaziergang machen, sich verlieren und einander nie wieder ganz finden können. Die Kombination aus ihrer sanften, beruhigenden Stimme und seinen magisch-realistischen Worten verschmilzt zu etwas Schönem, das wie Sandkörner durch die Finger rinnt. Die Botschaft, vielleicht – und die Botschaft von „The New World“ im weiteren Sinne – ist, dass das Leben vergänglich ist. Aber die Tatsache, dass wir hier, gemeinsam, zur gleichen Zeit auf diesem Planeten existieren, ist sowohl außergewöhnlich als auch wunderbar.

  • The New World (2) – „Louis Pattison‘s contender for the album of 2026“

    „Meiburgs Interesse an der Natur hat oft dazu geführt, dass Shearwater mit einer Generation von Indie-Folk-Musikern in einen Topf geworfen wurde, die sich auf Natur und Tradition stützen, um ihrer Musik eine Art überlieferte Authentizität zu verleihen. Doch die Musik von Shearwater ist häufig sowohl intelligenter als auch tiefgründiger als die seiner Kollegen. Es gibt wohl keinen zeitgenössischen Musiker, der den Ansatz, den Mark Hollis von Talk Talk in seinen Meisterwerken „Spirit Of Eden“ und „Laughing Stock“ verfolgte, besser verinnerlicht hat: eine reich orchestrierte Kunstmusik, die so komponiert ist, dass sie sich gleichzeitig intim in ihrer Stimmung und gigantisch in ihrem Umfang anfühlt.“ (Louis Pattison, Fortsetzung)

    In diesem zweiten Teil der Besprechung zieht Louis spannende Parallelen, zur Indie-Folk-Szene (da lehnt er sich weit aus dem Fenster), und dann zu seiner Inspiration von Talk Talks letzten beiden Alben (wo er sich noch weiter aus dem Fenster lehnt). Ich hab in den Klanghorizonten in den vergangenen Jahren zwei oder drei Alben von Shearwater vorgestellt, und weiss, was ihr Bandleader draufhat. Morgen bekomme ich den „stream“ des Albums, und bin sehr gespannt, ob ich Louis‘ Begeisterung teilen werde. Dann wäre das Album wohl ein Anwärter auf eins der Alben des Jahres. Das Video zu „Daydream Unbeliever“ könnt ihr im ersten Teil der Übersetzung „anklicken“. Das Thema des Albums ist jedenfalls hochspannend.

  • The New World (1) – „An ambitious, globe-trotting voyage into changing nature and Talk Talk-esque textures“

    „Man sagt, wir wüssten mehr über die Oberflächen anderer Planeten in unserem Sonnensystem als darüber, was unter den Eisschichten der Antarktis verborgen liegt. Doch das ändert sich gerade – wie so vieles von unserem Wissen über die Welt um uns herum. In den letzten Monaten haben Wissenschaftler die Topografie der Antarktis in beispielloser Detailgenauigkeit kartiert und dabei eine verborgene Landschaft aus Bergen, Bergrücken, Schluchten und unterirdischen Seen enthüllt. Diese Landschaft wird nicht nur kartiert, um unsere Neugier zu stillen. Diese Daten werden in Computermodellen verwendet, die uns Aufschluss darüber geben können, wie schnell sich das Eis bei weiter steigenden globalen Temperaturen zurückziehen wird, was wiederum bestimmt, wie schnell der Meeresspiegel ansteigen wird. Die Konturen dieser uralten, verborgenen Welt werden die Gestalt der neuen Welt bestimmen.

    Im Dezember 2025 stach die Expedition PS152 von Walvis Bay in Namibia aus in See, mit Kurs auf die Ozeane der Antarktis. Unter der Koordination des Alfred-Wegener-Instituts beförderte das Schiff Dutzende von Wissenschaftlern an Bord, um Daten über die Flora und Fauna des Südlichen Ozeans zu sammeln. Wer die Schiffsunterlagen durchblättert, entdeckt vielleicht einen bekannten Namen: Jonathan Meiburg. Meiburg ist nicht nur Frontmann und kreative Kraft hinter Shearwater, sondern auch ausgebildeter Biologe und Autor. Zum Zeitpunkt der Reise arbeitete er bereits seit mehreren Jahren an einem Buch mit dem Titel „The Secret Land: The Once And Future Life Of Antarctica“, das Licht auf diese höchst unbekannte Landschaft werfen sollte. Meiburg zieht jedoch keine scharfe Grenze zwischen seinen wissenschaftlichen und musikalischen Aktivitäten, und die Zeit hat gezeigt, dass das eine das andere beeinflusst. Sitzt man mit ihm auf dem Deck der PS152, hätte man ihn vielleicht dabei beobachten können, wie er eine Kamera auf den Ozean richtete, um Filmmaterial zu sammeln, das er später zum Video für die eindrucksvolle erste Singleauskopplung von „The New World“, „Daydream Unbeliever“, zusammenschneiden würde. Der langsame Schwenk über brodelnde Brandung und zerklüftete Eisschollen ist die perfekte Begleitung zu dem turbulenten, rockigen Drama des Songs. Eine Meditation über Wahrheit und Realität, untermalt von heftigen Percussion-Schlägen und aufsteigenden Streichern des Londoner Klassikensembles Orchestrate, die sich vorwärtswälzt, als würde sie von mächtigen Strömungen mitgerissen.“

    (Anfang der Besprechung von Louis Pattison, Uncut, August 2026; das Album erscheint Ende Juli)

  • Arild (reprise)

     
    Half a year ago: I laid back and listened to that bass solo album „Landloper“ by Arild Andersen that came out in 2024. One of these albums that better work in darkness. I know Arild’s bass since I discovered ECM with Jan Garbarek‘s album SART. He never stopped surprising me, real and reliable company. („Landloper“ ends with an irresistible mélange of the two classics ‘song for che’ and ‘lonely woman’). I somehow never ever even heard about his 1981 album „Lifelines“ before. A real discovery. Paul Motian on drums, Kenny Wheeler on trumpet, and a fabulous pianist with his only appearance ever on ECM, quite famous in Scandinavia, a well-kept secrete here: Steve Dobrogosz. One of the titles: „Landloper“. Arild Andersen performs at this year‘s Punktfestival, in a meeting of three generations of Norwegian jazz: Bugge Wesseltoft , Arild Andersen and Gard Nilssen. Another good reason to travel to Kristiansand in early September.

  • monthly revelations (july)

    album Ingo J Biermann und Jan Bang on two hot contenders for your year’s end lists: Ed O’Briens „Blue Morpho“ and „Mattias de Craene & Black Koyo“

    film „16, Lovers Lane“ (a Go-Betweens documentary)

    prose Graeme Thomson: In Another World – The Four Seasons of Talk Talk („reading Graeme‘s book about „The Colour Of Spring“, „Spirit Of Eden“, „Laughing Stock“ and „Mark Hollis“ is a rewarding experience for everyone feeling a strong connection with these works.“)

    talk Ingo J Biermann und Stephan Schoenholtz im Gespräch mit dem Regisseur der Trilogie „Oslo Stories“ Dag Johan Haugerud („Drømmer (Träume) war … einer der klar besten Filme des letzten Jahres, letztlich ein beeindruckender Höhepunkt in der künstlerischen Laufbahn des 60 Jahre alten norwegischen Filmemachers und Romanautors, der außerhalb Norwegens bis dahin kaum jemandem bekannt war.“ ijb)

    radio „Die ECM-Jahre von Steve Tibbetts und die „Klanghorizonte“ vom Mai 2026 (meine allerletzten Klanghorizonte Ende September enthalten lauter vertraute Namen – Graeme Thomson liest aus seinem Talk Talk-Buch – und wohl nur drei oder vier Aben von 2026 (neben den beiden Alben des Monats Juli gehören auch Ayumi Tanaka, Seefeel, Daniel Lanois, Lambchop und Shearwater zur „Patience der Horizonte“)

    television Sarah Dempster on „Criminal Record (2)“

    archive Tom Pinnock on a timeless, oracular milestone from 1979: „This Heat“ („This Heat ended up being called post-punk for lack of any better options, and though their music has many of the now-familiar hallmarks of that genre — a heavy dub influence, a fascination with the streamlined metaphysics of German kosmische bands, particularly Can, and complex, heady concepts communicated via primeval methods – it still stands apart, with something alien and unnamable at its core.“ (R. Jackson, Aquarium Drunkard)

  • Call me the breeze

    Sommer ist gleichbedeutend mit Dub. Es ist die elementare Musik dieser Jahreszeit. Die tropische Insel, auf der der Dub seinen Ursprung hat, weist eine durchschnittliche Jahrestemperatur weit über 30 Grad aus – und den Pionieren des Genres ist es gelungen, diese allgegenwärtige Schwüle in jeden Zentimeter des Sounds einfließen zu lassen.

    Alles im Dub scheint in der hohen Luftfeuchtigkeit zu schweben: ein wenig langsamer als gewöhnlich; ein wenig verschwommener – wie in der Atmosphäre verzögert. Der klappernde Bass, Fetzen von Gesangspassagen von Passanten, verschwommene Bläserklänge, die Fata Morgana der Melodica, der lockere Gitarren-Skank, der wie eine willkommene Brise vom Wasser herauf- und abfällt, und diese Beats, die wie die Sonne selbst herabprasseln.

    All das leicht verzerrt und schimmernd in der Mittagshitze. Dub gehört zum warmen Wetter. Vielleicht greifen gerade deshalb diejenigen von uns, die nicht auf Jamaika sind, in den Sommermonaten danach. Die Trägheit und die Gelassenheit des Dub haben etwas an sich, das zu dieser Jahreszeit besonders passend wirkt. Er kann kraftvoll sein, ohne zu aggressiv zu werden; er kann verzaubern, ohne zu psychedelisch zu werden. Er ist offen, aber nicht ohne Struktur und Logik. Als „Head-Musik“ ist er eher „toasted“ als halluzinogen.

    Dub bringt uns in Bewegung, aber nicht zu schnell und nicht zu sehr. Dieser wunderbar gedämpfte Schwung im mittleren Tempo ist vielleicht genau das, was man bei diesem Wetter braucht. In diesem Sinne gibt es hier ein paar Stunden ausgewählter Riddims aus der Blütezeit des Dub. Bleibt positiv, trinkt genug und habt Spaß dabei. |