• Filmgeschichte live im Filmmuseum Wien


    ROBERT ALDRICH

    Rebell in Hollywood


    Robert Aldrich (1918–83) zählt zu den großen Filmemachern Hollywoods. Doch im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Sam Fuller oder Nicholas Ray wurde er nie kanonisiert, und sein Name ist bis heute weniger geläufig als jener von Stanley Kubrick, obwohl einige seiner Filme Weltruhm erlangten. Vielleicht ist das nur folgerichtig: Aldrichs rebellischer Geist sperrte sich gegen einfache Klassifizierungen und fordert bis heute neue Entdeckungen heraus. Seine kämpferische Persönlichkeit prägte auch sein kompromissloses Werk. Obwohl er populäre Filme für ein Massenpublikum schuf, blieb seine Botschaft stets subversiv. Sein großes Thema war das Leben als ständiger Kampf in einer feindlichen Welt. Kaum ein Regisseur seiner Generation stellte den Status quo so konsequent infrage. Hinter den Formeln Hollywoods verbarg Aldrich eine radikale Kritik und blieb sich dabei stets treu – auch auf die Gefahr hin, Publikum und Bewunderer vor den Kopf zu stoßen.

    Zur Retrospektive ist die erste deutschsprachige Monographie über ihn erschienen, eine Wahnsinnstat!

    Robert Aldrich gehört seit Jahrzehnten zu meinen Helden des Genrekinos. Neben Don Siegel.

    Meine drei liebsten Filme von ihm sind:

    Kiss Me Deadly (1955)
    The Dirty Dozen (1967)
    Ulzana‘s Raid (1972)

    Film Noir, Kriegsfilm, Western. Jenseits von gut und böse. Absolut modern.

  • So gehen Kurzbiografien

    Alf Mayer wuchs als Bauernsohn im Allgäu auf. Sein Dorf hieß, ungelogen, Jedesheim. Er wurde Journalist und Städter, lebte 33 Jahre in Frankfurt. Heute in Bad Soden am Taunus, wo er ein altes Kino retten half.Er war Redakteur der legendären Medienzeitschrift »medium«, gewann dort Georg Seeßlen als Autor, arbeitete mit Edgar Reitz (Heimat) und mit Alexander Kluge, übersetzte Noir-Krimis. Ist Mitherausgeber von CulturMag/CrimeMag.
    Georg Seeßlen verbrachte eine glückliche Kindheit in der Großstadt München und im Alpenvorland und eine sehr viel weniger glückliche Jugendzeit in einer rheinischen Beamten- und Garnisonsstadt. Studierte Kunst in München, spielte wie üblich in einer Rockband. Nach einer sehr lehrreichen Zeit als Briefträger und anders lehrreichen Tätigkeiten beim Fernsehen blieb das Schreiben für Zeitschriften und Radio und das Verfassen von Büchern übrig. Dabei ist es geblieben.

    Wer erinnert sich an „Red Sails“, einen der besseren Songs des insgesamt nicht so dollen David Bowie-Albums „Lodger“:  „The hinterland, the hinterland / We’re gonna sail to the hinterland / And it’s far far, far far far, far far far away“. Das Stück wurde stark von deutschen Krautrock-Bands wie Neu! (mit ihrem typischen „Motorik“-Beat) und Harmonia beeinflusst. Bowie kombinierte dieses deutsche Gefühl mit einer Art schiffbrüchigen oder abenteuerlichen Seefahrer-Atmosphäre. Auf jeden Fall wäre dieser Song wohl eine gute Einstimmung für die Lektüre dieser etwas anderen Notizen aus der Provinz (soweit ich mich an die Erforschung medialen Undergrounds und diverser Trvialmythen der Zwei erinnere (natürlich mit doppeltem Boden und leicht verschärftem Bewusstsein)!

    P.S. Und ein paar Monate später, im März 2027, begibt sich Jan Reetze auf die Spur des Sound-Astronauten Peter Thomas, der den Soundtrack der Wirtschaftswunderjahre schrieb: Songs für Esther & Abi Ofarim, Juliette Gréco, Donna Summer, Schlager, Kabarettstücke, Bühnen- und Hörspielmusiken, drei Musicals. Edgar Wallace. Karl May. Raumpatrouille Orion. Klingt nacn zwei Büchern, die ziemlich gut zusammenpassen, oder?!

  • Greetings from Rethymno

    Auf Kreta, in ganz Griechenland, ist heute „Ochi-Tag“, ein Nationalfeiertag zum „Nein“ an Mussolini, der das Balkanland nutzen wollte für sein faschistischen Feldzüge. Es war wohltuend, friedlichen Paraden, Gruppierungen aus diversen Schichten der Gesellschaft zuzuschauen, alles ohne Pomp betrieben.

    Die Strassen mit ihren Boutiquen und Cafés erinnerten mich an kleine Viertel in Paris. Einen Plattenladen fand ich auch, und ein Lied von Neil Young aus alter Zeit erklang zum Empfang. Das Antifaschistische scheint bis heute lebendig zu sein, das sah man an vielen Graffiti und Plakaten. (m.e.)

  • Bewegende Filme, wiederentdeckt (1): „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ und „Die Macht und ihr Preis“

    Es gab eine Zeit, als Politikthriller Konjunktur hatten und gesellschaftliche Verhältnisse in spannenden Geschichten und mit innovativen Erzählweisen reflektierten. 
    Macht, Korruption und politische Verantwortung. Wir sprechen über das Kino der späten 60er und frühen 70er Jahre, als die Dinge in Bewegung gerieten. In Hollywood brachten Alan J. Pakula, Sidney Pollack und Francis Ford Coppola kommerziell und von der damaligen Kritik hochgelobte Paranoia Thriller heraus, die insbesondere nach Watergate das politische Misstrauen in düsteren Bildern übersetzten.
    In Europa überzeugten Costa Gavras und Francesco Rosi mit ihrem engagierten politischen Kino.
    Der Grieche Gavras setzte stark auf die Mittel des Unterhaltungskinos, um seine linken politischen Überzeugungen zu vermitteln. Der Italiener Rosi war hingegen ein wahrheitsuchender Intellektueller, ein Zweifler auch an der linken Ideologie, der die kritische Distanz zu seinen Themen mit formalen Mitteln schärfte.

    In der ARTE Mediathek sind in den nächsten Monaten zwei der prominentesten Vertreter des europäischen Polithrillers zu bewundern. Schaut Euch beide Filme idealerweise kurz hintereinander an, trotz der thematischen Nähe könnten sie unterschiedlicher nicht sein.
    Es sind aus meiner Sicht hervorragende Beispiele aus der Hochphase des Autorenkinos, emotional und gedanklich bewegend, besetzt mit den damaligen Stars des europäischen Kinos.

    Z – Anatomie eines politischen Mordes (1969, Costa-Gavras)

    Nach dem Mord an einem linken Oppositionspolitiker in Griechenland deckt ein unbeirrbarer Untersuchungsrichter (Jean-Louis Trintignant) die Verstrickung von Polizei, Militär und rechtsextremen Gruppen auf. Es sind die Jahre vor der Militärdiktatur, die Ermordung des von Yves Montand gespielten Abgeordneten und Friedensaktivisten ist historisch. Z ist ein Film der politischen Anklage. In der damaligen Rezeption wurde er kontrovers besprochen, die Zeitschrift Filmkritik titelte „Ein linker Film für Axel Springer“. Aus heutiger Sicht sehr dogmatisch, dass politische Filme nur mit den erzählerischen Mitteln von Brecht und Godard erzählt werden dürften. Costa Gavras setzte Übertreibung, Zuspitzung, Karikatur erzählerisch ein, was vollkommen ok ist. Lediglich die Trennung von linken und rechten Protagonisten in gut und böse ist zweifelhaft. Das Ende entschädigt dafür…

    Die Macht und ihr Preis (1976, Francesco Rosi)

    In Italien untersucht Inspektor Rogas (Lino Ventura) eine Mordserie an hochrangigen Richtern. Seine Ermittlungen führen ihn zu einer politischen Verschwörung, in die staatliche Institutionen und politische Parteien verstrickt sind. Herkömmliche Kriminalfilme suggerieren dem Zuschauer, dass die Welt durch rationale Ermittlungsarbeit wieder verständlich werden kann. „Die Macht und ihr Preis“ zerstört dieses Vertrauen. Die allgegenwärtige Bedrohung wird in den Schauplätzen, den Handlungen und Dialogen erfahrbar. Sie wird nicht aufgelöst. Rosi hat ein zutiefst pessimistisches Meisterwerk abgeliefert, den für mich besten Paranoia Thriller des europäischen Kinos. Lino Ventura als hartnäckiger wie zweifelnder Ermittler ist ein Kämpfer, der sich mit den Mächtigen anlegt.
    Selbst die linken Oppositionspolitiker haben kein Interesse an der Wahrheit, die Verhältnisse bleiben wie sie waren. Am Ende sagt einer von ihnen lapidar: „Die Wahrheit ist nicht immer revolutionär“.


  • More Greetings from Rethymno

    Die Filme, an die Thomas P. erinnert, gehörten damals zu den Werken des Autorenkinos, die viele der 68-Genration, ob Jung- oder Alt-Achtundsechziger, erschüttert und bewegt haben. Einzelne Szenen haben sich unvergesslich eingebrannt, nicht zuletzt bei denen, die sie damals, „in ihrer Zeit“, gesehen haben. Sie haben nichts an ihrer Dringlichkeit verloren. Die Protagonisten der Niedertracht sind nun andere, die Düsternis bleibt zeitlos, ein erbärmlich agierender Bundeskanzler wollte zu Anfang seiner Regierungszeit Netanjahu einladen, und Mittel und Wege finden, den vom Euroäischen Gerichtshof in Den Haag zur Fahndung ausgeschriebenen Staatschef, sicher in deutschen Landen empfangen. Unfähig, das Terrorregime Israels zu sanktionieren, aufgrund einer historischen Schuld, die Israel geschickt zu instrumentalisieren weiss. Und Rheinmetall und andere liefern Waffen, an denen das Blut Tausender und Abertausender unschuldiger Palästinenser klebt. Amnesty Ingernational hat Recht. Und weiter wird an der Mär des Antisemitismus der 68er Generation und ihrer Nachkommen gestrickt. (m.e.)

  • Der lange Schlaf des liegenden Elefanten (für Lajla, die sich am besten von uns allen mit Inseln auskennt)

    Wie etwa schaut La Palma aus, wenn man von Tenneriffa hinüberschaut? In meiner Kindheit sammelte ich Luftbilder der ostfriesischen Inseln, und konnte sie alsbald sehr gut vomeinander unterscheiden. Als ich 1998  auf Lanzarote war, wusste  ich über das Magazin „Opal Information“, dass es dort ein Festival  gab namens „Musica Visual“, das von dem Bildenden Künstler Ildefonso Aguilar de la Rua  kuratiert wurde. Über etliche Jahre traten, bis 2000 alle Subventionen von einem konservativen Bürgermeister gestrichen wurden, früh im Oktober, Künstler auf, vor allem aus den Kreisen von ECM und Brian Eno. Als Brian einmal Ildefonso besuchte, verschwand er eine halbe Stunde zwischen zwei Bäumen und lauschte dem Wind, völlig erstaunt darüber, dass das Geräusch aus Laub und Wind exakt wie eine Meeresbrise klang.  Für den Deutschlandfunk kaufte Harald Rehmann über zwei Jahre ein paar Konzerte ein (er überliess mir als Mann vor Ort die Auswahl). Ein Highlight war gewiss der Liveauftritt von Peter Schwalm und Brian Eno auf dem Boden eines Vulkans. Bei den Zuhörern dabei der Pianist Misha Alperin, den ich beim abendlichen Büffet Brian Eno vorstellte.

    Nun fand in diesem Oktober  – und ich lüfte hier ein lange gehütetes Geheimnis – im letzten Urlaubsmonat der Insel Kreta  (bevor die meisten Hotels und Geschäfte ihre Pforten schliessen) eine besondere Performance statt, alle zwei Tage, und jeweils vier Stunden lang: über 16 wuchtige Lautsprecher wurde bis zum gestrigen Finale auf der „Zwiebackinsel“ vor Matala „Evening Star“ von Fripp & Eno gespielt, rauf und runter, ein  Album, das im  Dezember 1975 erschienen war und der begrifflich noch nicht in den kulturellen Diskurs geworfenen „Ambient Music“ frühe Horizonte öffnete. 

    Ich hatte also die Idee und die Beharrlichkeit, die Tourismusexperten sorgten für Logistik, Handzettel, eine aufwendige, aber einfache Installation mit Bose-Boxen  (kein visuelles Beiwerk) und die Bootsfahrten. Verpflichtet  zu sieben Teilnahmen an den Bootstouren als eine Art „Animateur“ und zu zwei  Vorträgen in den Gemeindezentren von Pitsidia und Matala, bekam ich 8000 Euro auf mein Konto überwiesen. Und einen Tagesspesensatz von 150 Euro. Aber der Reihe nach! 

    Es ist pure Mythenschinderei, Matala zu einem Power Spot von Legenden  der Hippieära zu erklären. Kein Bob Marley war hier, keine Bob Dylan, faktenkundig ist allein Joni Mitchell, die  hier mit ihrem Kurzzeitlover in  den Höhlen vor Ort, im damals einzigen  Dorfcafé, und billigen Unterkünften etliche Tage und Nächte verbrachte: der Song Carey aus dem Album „Blue“ war wohl das einzig Zeitlose an dieser Episode. Ansonsten ist noch ein langer Aufenthalt des Barden  Georg Danzer verbürgt (die Älteren werden sich erinnern) – und, hört, hört,  ein kurzer Abstecher von Fripp und Eno zur Zeit ihrer kurzen Europatournee im Frühjahr 1975 als Duo mit Revor-Tonbandmaschinen, Delays und Frippertronics. Hier wollten sie einfach ein paar Tage abschalten, und speziell Fripp war gespannt auf die afrikanischen Winde, die Joni in besagtem Lied besang („The wind is in from Africa, last night I couldn’t sleep“).

    Das alles wurde erst unlängst jenem Kreis von Kinogehern bekannt, der eine bestimmte Fassung der Doku „Eno“ gesehen hatte. Dort erfuhr der geneigte Zuschauer, dass die Felseninsel vor Matala die Idee des Covers von „Evening Star“ auf den Weg brachte. Als Inspiration, als Stimmungsbild,  nicht als fotografische Abbildung! Mir war diese Begebenhetm erstmals  zu Ohren gekommen, als ich Brian vor zwei Jahren aus Matala schrieb. Und als er das am Rande erwähnte, neben seinem Wunsch nach einem langen Urlaub und viel Schlaf, kam ich auf die Idee dieser „speziellen Veranstaltung“ rundum die Paximadia-Eilande.  Erst aus  der Nähe  wird erkennbar, dass es sich eigentlich um zwei kleine unbewohnte Inseln handelt, ansonsten wirkt es  wie eine einzige Felsenmasse.

    Manche sprechen auch  von der „Elefanteninsel“,  weil  aus einer bestimmten Perspektive die Silhouette an einen liegenden Elefanten erinnert, sowohl von Agia Galini aus wie von Matala. Dass der Name in den Landkarten als Paximadia geführt wird, leitet sich wiederum vom griechischen Wort Paximadi ab für den harten kretischen Doppelzwieback. Kein Wunder: die karge felsige Form erinnert an dieses trockene Gebäck.

    Als ich mich vor zwei Jahren mit Hilfe des Dorf-Urgesteins Kostas zu dieser Inselformatiom fahren liess, nahm  meine etwas verrückte Idee klare Konturen an. Obwohl sie aus der Ferne wie kahle Steinblöcke im Meer aussehen, gibt es auf der Südseite der östlichen Insel einen geschützten Kiesstrand mit kristallklarem Wasser. Und  keinerlei touristische Infrastruktur. Bingo – die Insel war betretbar!

    Und so nahm die Sache ihren Lauf. Wahrscheinlich wird es mir niemand glauben, aber schon bei meiner ersten Reise nach Matala vor vier Jahren fühlte ich mich beim Anblick Blick der Felseninsel an das Cover von „Evening Star“ erinnert, und keinesfalls an einen liegenden Elefanten. Ein anderes Mal werde ich einige Anekdoten zum Besten geben, die sich rund um meine Vorträge und Bootsfahrten abgespielt haben, und diese Stories haben gewiss nicht weniger Unterhaltungswert wie die hier kurz skizzierte Entstehung. Von Anfang an liebte ich die erst Seite des Albums, die ich unendlich oft gehört habe (wie auch den Vorgänger „No Pussyfooting“!) – die harsche zweite Seite hat mir nie besonders gut gefallen, aber das hat sich nun zumindest ein wenig geändert: das lange schroffe „drone-befeuerte“ „An Index Of Metals“ hat endlich seinen perfekten imaginären Ort gefunden! Es hat mich immer fasziniert, von einer Insel aus auf die Silhouette der Nachbarinsel zu schauen. Aus der Distanz wird immerzu eine Fantasie, eine Verhüllung, inmitten aller Sichtbarkeit. So beginnen Geschichten. Auch die Augen von Joni Mitchell fielen 1970, wieder und wieder, auf die Felseninsel vor Matala.

  • Monthly Revelations for November (take 2)

    album SHOVEL DANCE COLLECTIVE: EVERYTHING IN READINESS** / film HOUSEKEEPING (1987) / prose SIMON REYNOLDS: STILL IN A DREAM / talk ANOTHER DAY IN BERLIN – IN CONVERSATION WITH BRIAN ENO IN 2005* / radio A STEVE TIBBETTS PORTRAIT & THE LAST TWO EDITIONS OF KLANGHORIZONTE / binge AMERICAN HOSTAGE / archive 25 YEARS OF DRAWN FROM LIFE BY BRIAN ENO AND J. PETER SCHWALM (followed in December by Jan Bang‘s time traveling to the year of the rat, 1960)

    *Brian Eno: Caught Between (Official Live Video)

    **Wer den mitreißenden Folk-Ansatz des Shovel Dance Collective bisher noch nicht kennt, sollte sich darauf einstellen, dass ihr drittes Album nicht gerade darauf aus ist, Neulinge sanft an die Musik heranzuführen. „Everything in Readiness“ beginnt mit einer mehr als 10-minütigen Suite aus drei Stücken, die einen über eine Reihe dramatischer klanglicher Sprünge von einem knirschenden Ein-Ton-Drone zu einem Reel führt, der eine Mischung aus traditionellem Folk-Fiddle-Spiel und dem gnadenlosen Getöse von „Black Angel’s Death Song“ der Velvet Underground zu sein scheint. Dann folgt ein Sprung zu „Tally Ho! „Hark Away!“, das ein erstmals in den späten 1940er Jahren gesammeltes Jagdlied über eine Welle von etwas legt, das man am besten als ekstatischen Lärm beschreiben könnte. Es ist wirklich schwer herauszufinden, welche Instrumente in dem klappernden, arrhythmischen Chaos hinter dem Gesang mitschwingen – definitiv ist eine stark verzerrte Gitarre im Mix zu hören –, doch der Effekt ist eher seltsam euphorisch als klaustrophobisch: eine Art befreiende Entladung nach der sich steigernden Seltsamkeit des vorangegangenen Reels. Wenn Sie nach Beweisen dafür suchen, dass die neunköpfige Londoner Gruppe einen radikal neuen Ansatz in der Folkmusik verfolgt, dann haben Sie ihn hier. Vereinfacht ausgedrückt tun sie für die traditionelle englische Musik das, was Lankum für ihr irisches Pendant getan haben – sie verbinden die Punkte mit jener Art von ausgefallenen Experimenten, die die Seiten des Magazins „The Wire“ füllen. Allerdings sollte angemerkt werden, dass sie fast gar nicht nach Lankum klingen. Wer sich bereits für ungewöhnliche Erkundungen der britischen Musikgeschichte interessiert, könnte meinen, dass ihr chaotischer Collagenansatz eher den faszinierenden Sammlungen von Feldaufnahmen, Volksliedern und avantgardistischen Kompositionen ähnelt, die vom in Todmorden ansässigen Label Folklore Tapes veröffentlicht wurden. Die Musik auf „Everything in Readiness“ schwankt unvorhersehbar zwischen sanften Lo-Fi-Aufnahmen, die von Verzerrungen und Bandrauschen überzogen sind, und dem turbulenten, wogenden Krach, den sie in ihrer Version des traditionellen Bergarbeiterlieds „Jowl, Jowl and Listen“ servieren; vom Gesang, der von nichts anderem als Vogelgezwitscher begleitet wird, bis hin zum beunruhigenden Ambient-Schimmer von „Who Killed Cock Robin? A Summoning (Kind Morning in our Fists) hin, das klingt, als wäre es in einer riesigen, hallenden Krypta aufgenommen worden.

    (Alex Petridis, The Guardian)

  • Geschichten rund um „Thursday Afternoon“ (für Jan Reetze)

    Im Oktober 1985 erschien Brian Enos 61-minütige Ambient-Komposition „Thursday Afternoon“, und auch wenn ich damals, Ewigkeiten nach „Before And After Science“, zu gerne mal wieder ein neues Songalbum von ihm gehört hätte, tauchte ich auf Anhieb in diese seltsam-ruhigen, mit Worten kaum greifbaren, immerzu schwebenden Texturen ein. Sehr gleichformig, keine crescendi, keine breaks, und doch… und doch…

    Hatte Robert Wyatt Klavierspuren der kristallinen Art hinterlassen (high end close miking!) , auf „Music For Airports“, so waren Roger Enos impressionistische Klaviertupfer auf „Thursday Afternoon“ weitauf tiefer im Mix eingesunken. Brian betont gerne das Funktionale, und so war „Thursday Afternoon“ damals eben auch dazu gedacht, das neue Medium der CD auszureizen mit einer gut einstündigen Verweildauer, bei welcher das Umdrehen von Schallplattenseiten wegfiel, und man sich ganz auf die Klänge konzentrieren konnte, oder sie einfach laufen liess, als – seltsam sublimen wie aktiven – Hintergrund.

    „Es ist, als hätte der Nachthimmel eine Komposition erhalten.“

    Jeder kleine Augenblick spiegelt das Ganze – der holistische Dreh! Allemal ein Phänomen, wie viele Hörer „Thursday Afternoon“ ohne eine Spur von Langeweile lauschen, von Anfang bis Ende, bewusst, halbbewusst, oder unbewusst! Niemals greifbar, einnehmend ohne Platitüden, ein wenig rätselhaft auch, und dann … einfach verschwunden.

    Ein Meisterwerk aus Licht und Schatten, das hintergründig fesselt – und sowieso als eigenständiges Hörerlebnis. Fesselt und loslässt zugleich.

    In einer Rezension in „Stereo“ regte sich der renommerte Musikkritiker Franz Schöler fürchterlich über die analoge Quelle der Klavieraufzeichnug auf, deren Bandrauschen auf dem fertigen Produkt durchweg zu hören sei. Warum um alles in der Welt, rief er sinngemäss in die Runde, warf die Hände wohl wild in die Lust, wo doch das Digitale alles Rauschen eliminieren könne!??

    Darauf von anderer Seite angesprochen, bekannte sich Brian zu seiner Freude am analogen Rsuschen, und sprach dem „tape hiss“ allerlei Qualitäten zu, sicher keine ausgefuchtse Volte, um Kritiker auf seine Seite zu ziehen. Er mochte dieses Element des Unperfekten, den nicht-aseptischen „Staub“, Spuren der Unreinheit. Psychoakutischer „sidestep“: wer jetzt nicht wild entschlossen auf das Rauschen achtet, nimmt es nach wenigen Minuten gar nicht mehr wahr!

    “Thursday Afternoon“ trat zudem auch als Soundtrack in Erscheinung. Wer Enos DVD gleichen Titels besitzt, kann in dem 61-minütigen Film eine nackte Frau in einer Badewanne beim Daliegen zuschauen (in meiner Erinnerung sehr weichgezeichnet, wie in einem Soft Porno von David Hamilton – das Schamhaar musste für den japanischen Markt weggepixelt werden!), und was die Farbgebung und -filterung angeht, hatte das minimal bewegte Schaumbad durchaus einen Touch von Jean Renoir. Aber, seriously, auf Dauer war diese Kopplung von Sound und „Film“ arg langweilig – die grossartige Musik von „Thursday Afternoon“ verträgt schlcihtweg keine Eingrenzung auf ein visuelles Motiv gleichwelcher Art. Die Musik braucht den offenen, inneren Raum, seine privaten Horizonte!

    Übrigens: das Label 12k wurde 1997 von dem Musiker und Klangkünstler Taylor Deuoree gegründet, kein Unbekannter in den „Klanghorizinten“. In Interviews erzählte Deupree, dass ein wiederholtes Hören von Brian Enos Ambient-Meisterwerk Thursday Afternoon (das er 1986 bei einem Freund rauf und runter hörte, während sie schliefen) seine Einstiegsdroge in die Ambient-Musik war und seine gesamte musikalische Philosophie sowie die spätere Label-Gründung maßgeblich beeinflusste.

    Kurzes Nachspiel mit einem Tauchpionier

    Wenige Jahre nach „Thursday Afternoon“ wurde mir, im ersten Jahr der „Klanghorizonte“ ein neues Album von Jean Michel Jarre zugeschickt, und ich schüttelte verwundert den Kopf. Der Franzose war uns in den 1970ern bestens bekannt mit seinen von Synthesizern geprägten, kommerziell sehr erfolgreichen Alben „Equinoxe“ und „Oxygene“. Kaum ein Studentenwohnheim, wo das Donnergegroll, das Walzerhafte und Sphärische des einesn oder anderen Ohrwurms nicht durch die Flure hallte. Aber was war das!? Ganz offensichtlich, und ich habe jetzt nichts gegoogelt, hatte Jarre „Thursday Afternoon“ sehr oft gehört, denn ich erkannte auf Anhieb einzelne Motive oder Texturen wieder, doch was Eno als Ko-Komponist oder zumindest Inspiration aufgeführt. Abgesehen von dieser „freundlichen Übernahme“ erschien mir Verknüpfung der (maritimen?) Sounds mit den als Kind gern gesehehen Meereserkundungen von Monsieur Cousteau verlockend. Eine kleine Copyright-Kontroverse wäre durchaus denkbar gewesen. Nicht mal ein Merci auf der Rückseite der Cd. So verschwommen meine akutsichen Reminiszenzen sind, „Waiting For Cousteau“ empfand ich damals als durchaus feines Stück Musik.

  • the art of dialogue

    In the net i found an new spoken review by a guy who gave very few insights into the album in question. In parts t seemed very poor. Cliché after cliché, no single analysis of a track. Well, I don‘t have any problems if someone loves, likes, or dislikes an album. That‘s where dialogue comes into play.

    i answered him: At least your review scratches the surface of the surface. Digging a bit deeper would help. ANOTHER DAY ON EARTH is another fantastic Eno song album with an interesting melange of song structures and ambient elements. They intertwine perfectly. You missed melodies? Well, listen again, to How Many Worlds or Just Another Day, Caught Between or Bottomliners … maybe some them take time to evolve, some are nearly singalongs, my friend. Eno unfolds a „theatre of voices“ of a class beyond any mainstream expectations. And surely miles away from such a limited strangely self-comscious parlando, Apart from that, the whole album conains a multitude of emotions and „states of mind“ that make it unique, too. The last piece about a suicide bomber was a track David Bowie absolutely admired, and for good reasons, and really doesn‘t deserve such a trivial response. Sorry for open words. No hard feelings. Then he answered me.

    I’m sorry, it’s a really mediocre record and you’ve got your nose stuck up his arse.

  • 1960 The Year of the Rat

    Every now and again I get together with two of my friends playing music chronologically from the year of 1950 until present day. This has been going on for years. Here are ten (mostly) album releases included on the list from the year of nineteen sixty.

    The Abyssinian Baptist Gospel Choir – Under The Direction Of Professor Alex Bradford (Columbia) Among the records from our family’s record collection was a compilation from Readers Digest of Gospel music – one track stood out. It was Said I wasn’t gonna tell nobody by The Abyssinian Baptist Choir. What caught my attention except for the fact that the music being so wild and free and full of spirit, was that you could hear the sound of the room and that the sound was so important to the way I experienced this music. It had a great sense of atmosphere to it. Recorded from a distance to the choir/piano.

    Key track: „I said I wasn’t gonna tell nobody„

    Robert Normann – My prayer (Columbia Norway) Robert Normann, a Norwegian guitarist often to be seen as intermission at NRK, the state TV´s single channel in the 70´s when there was a gap between programs. Normann used a studio technique developed by Les Paul around the same time. Speeding down the tape for his recording and then speeding up the tape again in the mix. Holger Czukay´s signature guitar sound used the same featured technique as can be heard on „Persian love“ from Movies.

    Key track: My prayer

    Brailowsky – The 24 Preludes (Columbia Masterworks) Brailowsky´s prolific Chopin recordings in the sixties was well documented and my father seemed to have bought every release of his throughout the 60´s. His Chopin recordings became part of my DNA and particularly this piece. Gainsbourg later wrote lyrics to it and credited it „Jane B“ with himself as composer.

    Key track: Opus 28. No.4 in E Minor. Largo

    Joao Gilberto – O Amor, O Sorrisso E flor (Odeon) Perhaps the most unique and in my opinion the most important recording of the decade was not the British rock bands, but the Bossa Nova movement that happened in Brazil. One of the century’s most important performers being Joao Gilberto who came to have a huge impact in Brazil, America and in Europe in decades to come.

    Key track: Corcovado

    Tito Puente and his Orchestra – Tambó (RCA VICTOR) Latin percussive groove album. Influential to Masters of Work Nu Yorican Soul, especially the remix of their glorious Roni Size remix „Watching Windows“. Produced by Marty Gold, son of Russian immigrants who migrated to NYC. Gold was a composer, arranger, producer and an audiophile. He was the architect of the «Living Stereo» series in the sixties. Tambó was recorded at the Webster hall in NYC using a special microphone technique that created a natural reverberation. Using the rooms acoustics to full extent as opposed to the dry dampened studio sound and keeping the dynamic range to a maximum using a minimum of compression. This involved placing the section of the musicians in different parts of the recording space.  

    Key track: Rumba Timbales

    Staple Singers – This may be the last time (Sharp Records) The exception on this list of albums. The staples singers released two seminal singles in 1960. «This May Be the Last Time» being one. The other being «Why Am I Treated So Bad». Staple Singers were included on the box set from Readers Digest presented on the LP of Country Soul. 

    Key tracks: This may be the last time / Why am I treated so bad

    Henry Mancini – Music from Mr. Lucky (RCA) The wonderful Ljuon taken from the OST album «Mr. Lucky» is just the perfect sunny summer track. British composer John Barry have listed Mancini´s Peter Gunn as the inspiration for the original Bond theme. Listening to «Softly» tells me Mancini´s influence was not just the Bond theme but the entire Bond sound. 

    Key track: Softly

    Miles Davis – Sketches of Spain (Columbia) Miles / Gil Evans – Hassell lived in the building across the street  from Gil Evans in NYC but the two never met. Wonder how the music would have sounded like if they did..

    Key track: Solea

    Joe Meek and the Blue Men – I Hear a New World (Triumph) Originally recorded in 1960. This is the first complete LP release of Joe Meek’s long lost ’60 album. Recorded in ’59 but never released. In early ’60 a total of 99 promotional EP sample copies consisting of only 4 songs each were mailed out in plain white labels to radio stations, though more copies are alleged to exist. 

    Key track: I hear a new world

    Bill Evans – Portrait in Jazz (Riverside) Recorded with Scott Lafaro and Paul Motion. Evans had left Miles´ band the year before. Interestingly he cited Darius Milhaud´s «Suite Provencale» as an influence which is a personal favorite Milhaud work. From an early age I was deeply fascinated by Les Six, a supergroup of forward thinking composers (Honegger, Milhaud, Poulenc, Auric et.al.) based in Paris with Jean Cocteau being their spokesman under the wings of Satie. The album was poorly received by critics of the time. 

    Key track: Blue in green

    (J.B)