• Michael Engelbrechts beste TV Serien 2026

    Peter Handke kommt von Homer, ich komme von Emma Peel und vom Fuss der blauen Berge. Das Argument, TV-Serien seien Zeiträuber, empfinde ich leicht erheiternd, es wird von Zeitgenossen ins Spiel gebracht, die Serien nicht viel abgewinnen können. Es entsteht bei sensiblen Gemütern dann leicht der Eindruck, sie könnten mit ihren endlos begrenzten Tagen verschwenderisch, fast Zeit totschlagend, umgehen, was natürlich völliger Blödsinn ist, wenn man eine grossartige Serie über eine, zwei oder mehr Staffeln geht, die uns völlig gefangennimmt, bereichert, das Bewusstsein tanzen lässt, uns emotional und andersweitig „mitnimmt“, unvergesslich ist, und dazu ein paar Horizonte öffnet. Im folgenden, launig gerankt, aber glauben Sie mir, ich finde sie alle so gleichermassen aussergewöhnlich mit minimalen Präferenzen hier und da. Keiner frage mich wie, aber ich hatte die Gelegenheit, alle Folgen der vierten Staffel des nordirischen Detektivdramas „Blue Lights“ zu erleben, sowie alle Folgen von Tony Schumacher’s „The Cage“!

    So weit, so gut: zwei Kolumnen verschwinden zu Beginn des kommenden Jahres aus den „monthly revelations“: aus RADIO wird „Radio Remembrance“ – und als einziger regelmässiget TV-Serienberichterstatter lasse ich BINGE sanft ausklingen, mit meinen zehn Highlights televisionärer Tranceerlebnisse 2026.

    1) Blue Lights (Staffel 4) (i like this series and some of the actors so much that i am an unreliable reviewer) // 2) American Hostage (much better in my opinion than the mixed and slightly positive reviews – top-notch Jon Hamm and Indianapolis 1977) // 3) The Cage (Staffel 1) (excellent plot, people drawn from life) // 4) Legends (a brilliant cast, true events, and „a big heart in spite of it all“) // 5) Small Prophets (surreal, human, and deep – „Wonder lies below the surface of this truly fantastic sitcom from the creator of Detectorists. It’s an impossible marvel of TV making“ ) // 6) Under Salt Marsh (the landscape, the story – and Kelly Reilly!) // 7) Last Seen (two dysfunctional families permanently falling apart) // 8) Maximum Pleasure Guaranteed („edge of the seat-overdose“) // 9) Sugar (Staffel 2) (for friends of film noir wth a twist) // 10) Dark Winds (Staffel 4) (clash of law and mythology)

     

  • For long autumn evenings

    “Kreta“

    Man denkt, selbst als intelligenter Mensch, leicht in Schablonen, wenn man an Urlaub in Griechenland denkt. Strand, Meer, Sonne, und irgenwo in einer Taverne, aus der, unverwüstlich, „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens ertönt. Mein Tag in Rethymno, der vielleicht schönsten Stadt auf Kreta, wieder so eine Floskel, lief so ganz anders ab, aber wie kann ich das erzählen? Kein Drama, nur Absurdes Theater. Heute morgen kam die neue Musik von Athina Kontou in mein Postfach, und es tat mir unheimlich gut, das Auftaktstück „Kreta“ zu hören. Keineswegs die übliche Geselligkeitsfolklore! Am Strand von Matala jetzt, mit Blick auf die beiden Felseninseln, Erinnerungen an das große Abenteuer dieser Ferien, mit 2341 Passagieren in knapp drei Wochen!

  • covering a punching clown

    Auf unseren Jahresrückblicken wird Lambchops PUNCHING THE CLOWN wieder und wieder auftauchen. Nun hat Lambchop aka Kurt Wagner eine neue EP mit dem Titel „Demoed“ veröffentlicht, die Demoversionen von Songs ihres jüngsten Albums „Punching The Clown“ enthält, gesungen von Gast-Sängern wie MJ Lenderman, Circuit des Yeux, Alan Sparhawk, Channy Leaneagh von Poliça, Dan Wriggins von Friendship, Lauren Auder, Flock Of Dimes und More Eaze. Hier ist einer davon: „Weakened“!

    A propos Coveralben: „Synonym“ vin Meshell Ndgeocello gefällt mir ausgesprochen gut. „In the jazz-soul singer’s ‘expression of queer liberation’, stars from Chaka Khan to Bill Callahan to Cynthia Erivo duet on equally varied songs from Cher to the Human League and beyond.“ Lesenswert Alex Petridis‘ Besprechung in „The Guardian“!

    FUN FACT: die tolle Vinylversion von Lambchops „Punching The Clown“ ist allein in Mono erhältlich. Retro kann so aufregend sein! (m.e.)

  • Filmgeschichte live im Filmmuseum Wien


    ROBERT ALDRICH

    Rebell in Hollywood


    Robert Aldrich (1918–83) zählt zu den großen Filmemachern Hollywoods. Doch im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Sam Fuller oder Nicholas Ray wurde er nie kanonisiert, und sein Name ist bis heute weniger geläufig als jener von Stanley Kubrick, obwohl einige seiner Filme Weltruhm erlangten. Vielleicht ist das nur folgerichtig: Aldrichs rebellischer Geist sperrte sich gegen einfache Klassifizierungen und fordert bis heute neue Entdeckungen heraus. Seine kämpferische Persönlichkeit prägte auch sein kompromissloses Werk. Obwohl er populäre Filme für ein Massenpublikum schuf, blieb seine Botschaft stets subversiv. Sein großes Thema war das Leben als ständiger Kampf in einer feindlichen Welt. Kaum ein Regisseur seiner Generation stellte den Status quo so konsequent infrage. Hinter den Formeln Hollywoods verbarg Aldrich eine radikale Kritik und blieb sich dabei stets treu – auch auf die Gefahr hin, Publikum und Bewunderer vor den Kopf zu stoßen. (Programmhinweis)

    Zur Retrospektive ist die erste deutschsprachige Monographie über ihn erschienen, eine Wahnsinnstat!

    Robert Aldrich gehört seit Jahrzehnten zu meinen Helden des Genrekinos. Neben Don Siegel.

    Meine drei Lieblingsfilme sind:

    Kiss Me Deadly (1955)
    The Dirty Dozen (1967)
    Ulzana‘s Raid (1972)

    Film Noir, Kriegsfilm, Western. Jenseits von gut und böse. Absolut modern.

  • So gehen Kurzbiografien

    Alf Mayer wuchs als Bauernsohn im Allgäu auf. Sein Dorf hieß, ungelogen, Jedesheim. Er wurde Journalist und Städter, lebte 33 Jahre in Frankfurt. Heute in Bad Soden am Taunus, wo er ein altes Kino retten half.Er war Redakteur der legendären Medienzeitschrift »medium«, gewann dort Georg Seeßlen als Autor, arbeitete mit Edgar Reitz (Heimat) und mit Alexander Kluge, übersetzte Noir-Krimis. Ist Mitherausgeber von CulturMag/CrimeMag.
    Georg Seeßlen verbrachte eine glückliche Kindheit in der Großstadt München und im Alpenvorland und eine sehr viel weniger glückliche Jugendzeit in einer rheinischen Beamten- und Garnisonsstadt. Studierte Kunst in München, spielte wie üblich in einer Rockband. Nach einer sehr lehrreichen Zeit als Briefträger und anders lehrreichen Tätigkeiten beim Fernsehen blieb das Schreiben für Zeitschriften und Radio und das Verfassen von Büchern übrig. Dabei ist es geblieben.

    Wer erinnert sich an „Red Sails“, einen der besseren Songs des insgesamt nicht so dollen David Bowie-Albums „Lodger“:  „The hinterland, the hinterland / We’re gonna sail to the hinterland / And it’s far far, far far far, far far far away“. Das Stück wurde stark von deutschen Krautrock-Bands wie Neu! (mit ihrem typischen „Motorik“-Beat) und Harmonia beeinflusst. Bowie kombinierte dieses deutsche Gefühl mit einer Art schiffbrüchigen oder abenteuerlichen Seefahrer-Atmosphäre. Auf jeden Fall wäre dieser Song wohl eine gute Einstimmung für die Lektüre dieser etwas anderen Notizen aus der Provinz (soweit ich mich an die Erforschung medialen Undergrounds und diverser Trvialmythen der Zwei erinnere (natürlich mit doppeltem Boden und leicht verschärftem Bewusstsein)!

    P.S. Und ein paar Monate später, im März 2027, begibt sich Jan Reetze auf die Spur des Sound-Astronauten Peter Thomas, der den Soundtrack der Wirtschaftswunderjahre schrieb: Songs für Esther & Abi Ofarim, Juliette Gréco, Donna Summer, Schlager, Kabarettstücke, Bühnen- und Hörspielmusiken, drei Musicals. Edgar Wallace. Karl May. Raumpatrouille Orion. Klingt nacn zwei Büchern, die ziemlich gut zusammenpassen, oder?!

  • Greetings from Rethymno

    Auf Kreta, in ganz Griechenland, ist heute „Ochi-Tag“, ein Nationalfeiertag zum „Nein“ an Mussolini, der das Balkanland nutzen wollte für sein faschistischen Feldzüge. Es war wohltuend, friedlichen Paraden, Gruppierungen aus diversen Schichten der Gesellschaft zuzuschauen, alles ohne Pomp betrieben.

    Die Strassen mit ihren Boutiquen und Cafés erinnerten mich an kleine Viertel in Paris. Einen Plattenladen fand ich auch, und ein Lied von Neil Young aus alter Zeit erklang zum Empfang. Das Antifaschistische scheint bis heute lebendig zu sein, das sah man an vielen Graffiti und Plakaten. (m.e.)

  • Bewegende Filme, wiederentdeckt (1): „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ und „Die Macht und ihr Preis“

    Es gab eine Zeit, als Politikthriller Konjunktur hatten und gesellschaftliche Verhältnisse in spannenden Geschichten und mit innovativen Erzählweisen reflektierten. 
    Macht, Korruption und politische Verantwortung. Wir sprechen über das Kino der späten 60er und frühen 70er Jahre, als die Dinge in Bewegung gerieten. In Hollywood brachten Alan J. Pakula, Sidney Pollack und Francis Ford Coppola kommerziell und von der damaligen Kritik hochgelobte Paranoia Thriller heraus, die insbesondere nach Watergate das politische Misstrauen in düsteren Bildern übersetzten.
    In Europa überzeugten Costa Gavras und Francesco Rosi mit ihrem engagierten politischen Kino.
    Der Grieche Gavras setzte stark auf die Mittel des Unterhaltungskinos, um seine linken politischen Überzeugungen zu vermitteln. Der Italiener Rosi war hingegen ein wahrheitsuchender Intellektueller, ein Zweifler auch an der linken Ideologie, der die kritische Distanz zu seinen Themen mit formalen Mitteln schärfte.

    In der ARTE Mediathek sind in den nächsten Monaten zwei der prominentesten Vertreter des europäischen Polithrillers zu bewundern. Schaut Euch beide Filme idealerweise kurz hintereinander an, trotz der thematischen Nähe könnten sie unterschiedlicher nicht sein.
    Es sind aus meiner Sicht hervorragende Beispiele aus der Hochphase des Autorenkinos, emotional und gedanklich bewegend, besetzt mit den damaligen Stars des europäischen Kinos.

    Z – Anatomie eines politischen Mordes (1969, Costa-Gavras)

    Nach dem Mord an einem linken Oppositionspolitiker in Griechenland deckt ein unbeirrbarer Untersuchungsrichter (Jean-Louis Trintignant) die Verstrickung von Polizei, Militär und rechtsextremen Gruppen auf. Es sind die Jahre vor der Militärdiktatur, die Ermordung des von Yves Montand gespielten Abgeordneten und Friedensaktivisten ist historisch. Z ist ein Film der politischen Anklage. In der damaligen Rezeption wurde er kontrovers besprochen, die Zeitschrift Filmkritik titelte „Ein linker Film für Axel Springer“. Aus heutiger Sicht sehr dogmatisch, dass politische Filme nur mit den erzählerischen Mitteln von Brecht und Godard erzählt werden dürften. Costa Gavras setzte Übertreibung, Zuspitzung, Karikatur erzählerisch ein, was vollkommen ok ist. Lediglich die Trennung von linken und rechten Protagonisten in gut und böse ist zweifelhaft. Das Ende entschädigt dafür…

    Die Macht und ihr Preis (1976, Francesco Rosi)

    In Italien untersucht Inspektor Rogas (Lino Ventura) eine Mordserie an hochrangigen Richtern. Seine Ermittlungen führen ihn zu einer politischen Verschwörung, in die staatliche Institutionen und politische Parteien verstrickt sind. Herkömmliche Kriminalfilme suggerieren dem Zuschauer, dass die Welt durch rationale Ermittlungsarbeit wieder verständlich werden kann. „Die Macht und ihr Preis“ zerstört dieses Vertrauen. Die allgegenwärtige Bedrohung wird in den Schauplätzen, den Handlungen und Dialogen erfahrbar. Sie wird nicht aufgelöst. Rosi hat ein zutiefst pessimistisches Meisterwerk abgeliefert, den für mich besten Paranoia Thriller des europäischen Kinos. Lino Ventura als hartnäckiger wie zweifelnder Ermittler ist ein Kämpfer, der sich mit den Mächtigen anlegt.
    Selbst die linken Oppositionspolitiker haben kein Interesse an der Wahrheit, die Verhältnisse bleiben wie sie waren. Am Ende sagt einer von ihnen lapidar: „Die Wahrheit ist nicht immer revolutionär“.


  • More Greetings from Rethymno

    Die Filme, an die Thomas P. erinnert, gehörten damals zu den Werken des Autorenkinos, die viele der 68-Genration, ob Jung- oder Alt-Achtundsechziger, erschüttert und bewegt haben. Einzelne Szenen haben sich unvergesslich eingebrannt, nicht zuletzt bei denen, die sie damals, „in ihrer Zeit“, gesehen haben. Sie haben nichts an ihrer Dringlichkeit verloren. Die Protagonisten der Niedertracht sind nun andere, die Düsternis bleibt zeitlos, ein erbärmlich agierender Bundeskanzler wollte zu Anfang seiner Regierungszeit Netanjahu einladen, und Mittel und Wege finden, den vom Euroäischen Gerichtshof in Den Haag zur Fahndung ausgeschriebenen Staatschef, sicher in deutschen Landen empfangen. Unfähig, das Terrorregime Israels zu sanktionieren, aufgrund einer historischen Schuld, die Israel geschickt zu instrumentalisieren weiss. Und Rheinmetall und andere liefern Waffen, an denen das Blut Tausender und Abertausender unschuldiger Palästinenser klebt. Amnesty Ingernational hat Recht. Und weiter wird an der Mär des Antisemitismus der 68er Generation und ihrer Nachkommen gestrickt. (m.e.)

  • Der lange Schlaf des liegenden Elefanten (für Lajla, die sich am besten von uns allen mit Inseln auskennt)

    Wie etwa schaut La Palma aus, wenn man von Tenneriffa hinüberschaut? In meiner Kindheit sammelte ich Luftbilder der ostfriesischen Inseln, und konnte sie alsbald sehr gut vomeinander unterscheiden. Als ich 1998  auf Lanzarote war, wusste  ich über das Magazin „Opal Information“, dass es dort ein Festival  gab namens „Musica Visual“, das von dem Bildenden Künstler Ildefonso Aguilar de la Rua  kuratiert wurde. Über etliche Jahre traten, bis 2000 alle Subventionen von einem konservativen Bürgermeister gestrichen wurden, früh im Oktober, Künstler auf, vor allem aus den Kreisen von ECM und Brian Eno. Als Brian einmal Ildefonso besuchte, verschwand er eine halbe Stunde zwischen zwei Bäumen und lauschte dem Wind, völlig erstaunt darüber, dass das Geräusch aus Laub und Wind exakt wie eine Meeresbrise klang.  Für den Deutschlandfunk kaufte Harald Rehmann über zwei Jahre ein paar Konzerte ein (er überliess mir als Mann vor Ort die Auswahl). Ein Highlight war gewiss der Liveauftritt von Peter Schwalm und Brian Eno auf dem Boden eines Vulkans. Bei den Zuhörern dabei der Pianist Misha Alperin, den ich beim abendlichen Büffet Brian Eno vorstellte.

    Nun fand in diesem Oktober  – und ich lüfte hier ein lange gehütetes Geheimnis – im letzten Urlaubsmonat der Insel Kreta  (bevor die meisten Hotels und Geschäfte ihre Pforten schliessen) eine besondere Performance statt, alle zwei Tage, und jeweils vier Stunden lang: über 16 wuchtige Lautsprecher wurde bis zum gestrigen Finale auf der „Zwiebackinsel“ vor Matala „Evening Star“ von Fripp & Eno gespielt, rauf und runter, ein  Album, das im  Dezember 1975 erschienen war und der begrifflich noch nicht in den kulturellen Diskurs geworfenen „Ambient Music“ frühe Horizonte öffnete. 

    Ich hatte also die Idee und die Beharrlichkeit, die Tourismusexperten sorgten für Logistik, Handzettel, eine aufwendige, aber einfache Installation mit Bose-Boxen  (kein visuelles Beiwerk) und die Bootsfahrten. Verpflichtet  zu sieben Teilnahmen an den Bootstouren als eine Art „Animateur“ und zu zwei  Vorträgen in den Gemeindezentren von Pitsidia und Matala, bekam ich 8000 Euro auf mein Konto überwiesen. Und einen Tagesspesensatz von 150 Euro. Aber der Reihe nach! 

    Es ist pure Mythenschinderei, Matala zu einem Power Spot von Legenden  der Hippieära zu erklären. Kein Bob Marley war hier, keine Bob Dylan, faktenkundig ist allein Joni Mitchell, die  hier mit ihrem Kurzzeitlover in  den Höhlen vor Ort, im damals einzigen  Dorfcafé, und billigen Unterkünften etliche Tage und Nächte verbrachte: der Song Carey aus dem Album „Blue“ war wohl das einzig Zeitlose an dieser Episode. Ansonsten ist noch ein langer Aufenthalt des Barden  Georg Danzer verbürgt (die Älteren werden sich erinnern) – und, hört, hört,  ein kurzer Abstecher von Fripp und Eno zur Zeit ihrer kurzen Europatournee im Frühjahr 1975 als Duo mit Revor-Tonbandmaschinen, Delays und Frippertronics. Hier wollten sie einfach ein paar Tage abschalten, und speziell Fripp war gespannt auf die afrikanischen Winde, die Joni in besagtem Lied besang („The wind is in from Africa, last night I couldn’t sleep“).

    Das alles wurde erst unlängst jenem Kreis von Kinogehern bekannt, der eine bestimmte Fassung der Doku „Eno“ gesehen hatte. Dort erfuhr der geneigte Zuschauer, dass die Felseninsel vor Matala die Idee des Covers von „Evening Star“ auf den Weg brachte. Als Inspiration, als Stimmungsbild,  nicht als fotografische Abbildung! Mir war diese Begebenhetm erstmals  zu Ohren gekommen, als ich Brian vor zwei Jahren aus Matala schrieb. Und als er das am Rande erwähnte, neben seinem Wunsch nach einem langen Urlaub und viel Schlaf, kam ich auf die Idee dieser „speziellen Veranstaltung“ rundum die Paximadia-Eilande.  Erst aus  der Nähe  wird erkennbar, dass es sich eigentlich um zwei kleine unbewohnte Inseln handelt, ansonsten wirkt es  wie eine einzige Felsenmasse.

    Manche sprechen auch  von der „Elefanteninsel“,  weil  aus einer bestimmten Perspektive die Silhouette an einen liegenden Elefanten erinnert, sowohl von Agia Galini aus wie von Matala. Dass der Name in den Landkarten als Paximadia geführt wird, leitet sich wiederum vom griechischen Wort Paximadi ab für den harten kretischen Doppelzwieback. Kein Wunder: die karge felsige Form erinnert an dieses trockene Gebäck.

    Als ich mich vor zwei Jahren mit Hilfe des Dorf-Urgesteins Kostas zu dieser Inselformatiom fahren liess, nahm  meine etwas verrückte Idee klare Konturen an. Obwohl sie aus der Ferne wie kahle Steinblöcke im Meer aussehen, gibt es auf der Südseite der östlichen Insel einen geschützten Kiesstrand mit kristallklarem Wasser. Und  keinerlei touristische Infrastruktur. Bingo – die Insel war betretbar!

    Und so nahm die Sache ihren Lauf. Wahrscheinlich wird es mir niemand glauben, aber schon bei meiner ersten Reise nach Matala vor vier Jahren fühlte ich mich beim Anblick Blick der Felseninsel an das Cover von „Evening Star“ erinnert, und keinesfalls an einen liegenden Elefanten. Ein anderes Mal werde ich einige Anekdoten zum Besten geben, die sich rund um meine Vorträge und Bootsfahrten abgespielt haben, und diese Stories haben gewiss nicht weniger Unterhaltungswert wie die hier kurz skizzierte Entstehung. Von Anfang an liebte ich die erst Seite des Albums, die ich unendlich oft gehört habe (wie auch den Vorgänger „No Pussyfooting“!) – die harsche zweite Seite hat mir nie besonders gut gefallen, aber das hat sich nun zumindest ein wenig geändert: das lange schroffe „drone-befeuerte“ „An Index Of Metals“ hat endlich seinen perfekten imaginären Ort gefunden! Es hat mich immer fasziniert, von einer Insel aus auf die Silhouette der Nachbarinsel zu schauen. Aus der Distanz wird immerzu eine Fantasie, eine Verhüllung, inmitten aller Sichtbarkeit. So beginnen Geschichten. Auch die Augen von Joni Mitchell fielen 1970, wieder und wieder, auf die Felseninsel vor Matala.

  • Monthly Revelations for November (take 2)

    album SHOVEL DANCE COLLECTIVE: EVERYTHING IN READINESS** / film HOUSEKEEPING (1987) / prose SIMON REYNOLDS: STILL IN A DREAM / talk ANOTHER DAY IN BERLIN – IN CONVERSATION WITH BRIAN ENO IN 2005* / radio A STEVE TIBBETTS PORTRAIT & THE LAST TWO EDITIONS OF KLANGHORIZONTE / binge AMERICAN HOSTAGE / archive 25 YEARS OF DRAWN FROM LIFE BY BRIAN ENO AND J. PETER SCHWALM (followed in December by Jan Bang‘s time traveling to the year of the rat, 1960)

    *Brian Eno: Caught Between (Official Live Video)

    **Wer den mitreißenden Folk-Ansatz des Shovel Dance Collective bisher noch nicht kennt, sollte sich darauf einstellen, dass ihr drittes Album nicht gerade darauf aus ist, Neulinge sanft an die Musik heranzuführen. „Everything in Readiness“ beginnt mit einer mehr als 10-minütigen Suite aus drei Stücken, die einen über eine Reihe dramatischer klanglicher Sprünge von einem knirschenden Ein-Ton-Drone zu einem Reel führt, der eine Mischung aus traditionellem Folk-Fiddle-Spiel und dem gnadenlosen Getöse von „Black Angel’s Death Song“ der Velvet Underground zu sein scheint. Dann folgt ein Sprung zu „Tally Ho! „Hark Away!“, das ein erstmals in den späten 1940er Jahren gesammeltes Jagdlied über eine Welle von etwas legt, das man am besten als ekstatischen Lärm beschreiben könnte. Es ist wirklich schwer herauszufinden, welche Instrumente in dem klappernden, arrhythmischen Chaos hinter dem Gesang mitschwingen – definitiv ist eine stark verzerrte Gitarre im Mix zu hören –, doch der Effekt ist eher seltsam euphorisch als klaustrophobisch: eine Art befreiende Entladung nach der sich steigernden Seltsamkeit des vorangegangenen Reels. Wenn Sie nach Beweisen dafür suchen, dass die neunköpfige Londoner Gruppe einen radikal neuen Ansatz in der Folkmusik verfolgt, dann haben Sie ihn hier. Vereinfacht ausgedrückt tun sie für die traditionelle englische Musik das, was Lankum für ihr irisches Pendant getan haben – sie verbinden die Punkte mit jener Art von ausgefallenen Experimenten, die die Seiten des Magazins „The Wire“ füllen. Allerdings sollte angemerkt werden, dass sie fast gar nicht nach Lankum klingen. Wer sich bereits für ungewöhnliche Erkundungen der britischen Musikgeschichte interessiert, könnte meinen, dass ihr chaotischer Collagenansatz eher den faszinierenden Sammlungen von Feldaufnahmen, Volksliedern und avantgardistischen Kompositionen ähnelt, die vom in Todmorden ansässigen Label Folklore Tapes veröffentlicht wurden. Die Musik auf „Everything in Readiness“ schwankt unvorhersehbar zwischen sanften Lo-Fi-Aufnahmen, die von Verzerrungen und Bandrauschen überzogen sind, und dem turbulenten, wogenden Krach, den sie in ihrer Version des traditionellen Bergarbeiterlieds „Jowl, Jowl and Listen“ servieren; vom Gesang, der von nichts anderem als Vogelgezwitscher begleitet wird, bis hin zum beunruhigenden Ambient-Schimmer von „Who Killed Cock Robin? A Summoning (Kind Morning in our Fists) hin, das klingt, als wäre es in einer riesigen, hallenden Krypta aufgenommen worden.

    (Alex Petridis, The Guardian)