Herbstliche Hypnose
„Second Song“ ist ein Akt der Hypnose. Bei allem anhaltenden und sich endlos erneuernden Einfluss von Neil Young ist diese Kraft etwas, an das niemand heranreicht. Man kann sein launisches, miauendes kanadisches Jammern nachahmen; seinen Verité-Ansatz bei Studioaufnahmen übernehmen; die Akustikgitarre auf Drop-D stimmen und die E-Gitarre über einen Vintage-Verstärker mit Overdrive spielen; ein Solo aus nur einer Note reißen und sich in das Griffbrett graben, als hätte dir ein schwächerer Spieler sein Instrument gereicht, um den Hals einzuspielen. Aber wer sonst kann mit solcher Leichtigkeit und Geduld, mit so wenigen Mitteln, diesen körnigen, herbstlichen Traumzustand heraufbeschwören? Zum ersten Mal seit dem lauteren und raueren „Psychedelic Pill“ aus dem Jahr 2012 schwelgt Young auf seinem 50. Studioalbum in dieser Gabe und verbreitet einen Schimmer bittersüßer Zufriedenheit, der in seinem Gesamtwerk einzigartig wirkt.
So beginnt Sam Sodomskys Besprechung von Neil Youngs neuer Platte, und ich unterschreibe jedes Wort dieses Auftakts. Ich habe sie heute nachmittag zum ersten Mal gehört, und die Songs transportierten mich. (me)
„The Leftover“
Heute bin ich Couchkartoffel. Früh um 5.30 Uhr aufgestanden, und dann in Köln meine letzte Radiosendung produziert. Ich hatte ja ein paar Monate Zeit, an ihr zu feilen und 25 Patiencen zu legen für das perfekte „sequencing“. Alles begann mit der Lektüre von Graeme Thomsons erstklassigen Buch „In Another Word – The Four Seasons of Talk Talk“.

Aber letztlich musste ich einer Stunde, reich an Spätwerken, seinen OTON kippen, so schade, zumal er ein toller Leser seines Buches ist. Mein Dank und mein Sorry an Graeme! Die Stelle findet sich im letzten Kapitel des Buches. Nach der Veröffentlichung seines Soloalbums 1997 verstummte Mark Hollis weitgehend, was das Musikmachen angeht. Das Buch von Graeme ist sicher eine grosse Freude für jeden, der dem Weg von Talk Talk seit „The Colour Of Spring“ gefolgt ist. Ich versuche den OTON noch akustisch nachzureichen – „wordpress“ ist etwas widerspenstig bei dem Dateiformat, das Graeme wählte.

OTON Graeme Thompson: „It doesn’t really matter, not even the merest hint of some great lost work, no Spirit Of Eden II lingering in the vaults. Talking to friends and close collaborators, it’s clear that Hollis did not spend his last two decades in a state of tortured isolation. he travelled widely, motorbiking through South America, Europe and the US. He loved his family, watched football and met friends in London and elsewhere for Guiness and Cappuccino. He was still a music fan, still curious. „We would exchange CD’s“, says Dominic Miller: „Two he really liked were of orchestral tango music, and a Koto player from Korea, playing one note at a time. He loved that!“
(„Es spielt eigentlich keine Rolle, nicht einmal der geringste Hinweis auf ein großartiges, verschollenes Werk, kein ‚Spirit Of Eden II‘, das in den Archiven schlummert. Wenn man mit Freunden und engen Mitarbeitern spricht, wird deutlich, dass Hollis seine letzten zwei Jahrzehnte nicht in quälender Isolation verbracht hat. Er reiste viel, fuhr mit dem Motorrad durch Südamerika, Europa und die USA. Er liebte seine Familie, schaute Fußball und traf sich mit Freunden in London und anderswo auf ein Guinness und einen Cappuccino. Er war immer noch ein Musikfan, immer noch neugierig. „Wir tauschten CDs aus“, sagt Dominic Miller. „Zwei, die ihm besonders gut gefielen, enthielten orchestrale Tangomusik und einen Koto-Spieler, der jeweils nur eine Note spielte. Sowas liebte er!“)
Protokoll
Es wird kälter.
Nach fünf Wochen Unterricht hat die Erschöpfung zugenommen, bei allen Beteiligten.
Eltern schreiben immer mehr Emails, stellen Forderungen. Die Antworten werden patzig, überheblich.
Die Kinder und Jugendlichen werden unruhiger, Versuche dieser Unruhe zu begegnen driften zunehmend ins persönliche.
Die Stimmung im Lehrerzimmer ist sowieso immer schwer zu verstehen. Aus dem Nichts brechen Kolleginnen in Tränen aus. Menschen, die wenig wertschätzend übereinander sprechen, sitzen miteinander Kaffee trinkend und vertraut plaudernd auf dem Sofa.
Und es sind noch drei Unterrichtswochen bis zu den nächsten Ferien. Die kommende Woche hat sechs Arbeitstage, die folgenden Wochen muss ich 8 Stunden mehr als sonst unterrichten, dazu kommen mehrere Eltern-Schüler-Gespräche.
Es wird kälter. Zu Hause stellen wir die Heizung erst im Oktober an, wobei ich mich wahrscheinlich vor 12 Monaten um diese Zeit gefragt habe, warum eigentlich. In diesem Winter versuchen wir das alte Haus mit einer Wärmepumpe warm zu bekommen und sind gespannt auf das Ergebnis.
Dmitri Schostakowitsch war sein Leben lang darauf bedacht, nichts Falsches zu sagen und keinen falschen Ton zu komponieren, sich an die ungeschriebenen Regeln der Sowjetunion zu halten. In „Der Lärm der Zeit“ greift Julian Barnes drei Abschnitte seines Lebens heraus. Alle beginnen mit Variationen des Satzes „Dies war die schlimmste Zeit.“
Dagegen ist alles gut. Menschen, die sich nicht mögen, reden miteinander. Lösungen werden gefunden. Man entschuldigt sich. Spendet Trost. Zieht an einem Strang. Begegnet sich auf Augenhöher. Trägt Pullover. Und die Wärmepumpe hat im März und April schon funktioniert, warum soll sie es nun nicht tun.
Abrundungen
Lieber Micha,
ja, das Leben hat es gut mit uns gemeint. Während Du die Norddee genossen hast, waren wir in der Bretagne mit Monika C. und ihrem französischen Ehemann.
Bekannte hatten uns vorgewarnt, dass man mit viel unangenehmem Nieselregen und Wind rechnen muss, aber davon haben wir nur einen halben Tag lang etwas abbekommen.
Nächstes Jahr noch einmal Sylt. Vielleicht wird es dann ja etwas mit den Parallelwelten!?
Für dich erweitert sich der Radiohorizont nun also ins Unendliche. Abschiedsschmerz, Neugier auf das Danach?
Brian Eno hilft bestimmt bei der Abrundung der Klanghorizonten-Gestalt.
Ich habe erst kürzlich wieder „Thursday Afternoon“ aufgelegt und habe mit etwas Wehmut an die Zeit gedacht, als unsere Kinder klein waren und die CD regelmäßig beim Vorlesen der Gutenachtgeschichten lief. Die Jungs nannten sie „Tröpfchenmusik“.
Halt die Ohren steif!
Und die inneren Ohren offen,
Ralf
Soulfood für‘s Wochenende

Susumu Yokota – Sakura (1999): Japanische Elektronik zwischen Ambient, Minimalismus und Deep House – ein zeitloses Meisterwerk. Von Brian Eno empfohlen und von mir 😅 *****
Fabio Orsi – In the Quiet of a Short Winter, Every Hidden Thing Finds a Voice Sharper Than Memory (2026): Wenn Erinnerungen verblassen: langsam, fragil, melancholisch. ****
Love Is Yes – Ghost and More Ghosts (2026): Der Bandname der Holländer ist genauso eigenwillig wie die Musik: experimenteller, intimer Pop, wunderbar entrückt – die Geister der Liebe sind allgegenwärtig.****
Startled Insects – The Antenna Years (2026): Großartige Bristol-Ausgrabung: Post-Punk, Synth-Pop, Dub und Avantgarde aus Mitte der Achtziger – zurück in die Zukunft postmoderner Popmusik. ****
Aktives Träumen (2)
Wenn wir aus einem Traum erwachen, wollen wir uns vollständig daran erinnern, obwohl das Fragment, an das wir uns erinnern – ja, sehr wahrscheinlich – das wichtigste Stück des Traums ist.
Toni Morrison
Dieses Zitat fand ich als Motto im Debütband einer Autorin, mit der ich vor einigen Jahren Gespräche führte, die mir neue Dimensionen aufgezeigt haben. Was passiert mit den Träumen, an die wir uns nie erinnern? In einem der Bücher über Traumarbeit las ich, dass sich Träume, die nicht ins Bewusstsein gelangen, wiederholen. Manchmal wache ich auf und der Traum ist schon weg, manchmal ist er innerhalb weniger Sekunden verschwunden, manchmal konzentriere ich mich, regungslos, und die Bilder tauchen wieder auf und im besten Fall schreibe ich nach dem Aufwachen fünf Seiten handschriftlich auf die DIN A4 Papiere, die neben dem Kopfkissen bereitliegen. Fast jeden Tag kommt ein neuer Traum dazu: selten sind es bis zu vier Traumsequenzen. Meinen ursprünglichen Plan, endlich wieder, wie als Kind, meine Arme auszubreiten und über die Häuser zu fliegen, verfolge ich nicht mehr. Ich lasse mich von den Bildern und Geschichten der Traumquelle faszinieren. Ein paar Mal gab es direkte verbale Aussagen, die mich in ihrer Direktheit ziemlich umgehauen haben. Im Prinzip überwältigt mich die Fülle an Stoff, der mir geboten wird. Es ist das beste vorstellbare Material für Meditationen. Vieldeutig, unergründlich, poetisch. Faszinierende Eindrücke, die nicht aus meiner Erinnerung stammen können. Manchmal fertige ich Skizzen an. Ich erfahre die Träume als Erlebnisse und ich nehme sie mit in den Tag. Einmal tauchte in einem Traum ein Hund auf, und ich recherchierte nach dem Aufwachen nach der Rasse. Am nächsten Tag traf ich bei Radfahren auf eine Frau, die mit exakt einem solchen Hund unterwegs war. (J.W. Dunne mit seinen Traumexperimenten aus „An Experiment with Time“ lässt grüßen.) In meiner Begeisterung sprach ich die Frau daraufhin an, dass ein Hund wie ihrer in meinem Traum mitgewirkt hat. Sie war beeindruckt und bedauerte sofort, dass niemand von ihr träumen würde, und wir redeten eine Weile. Neulich träumte ich, wie ich eine Schallplatte auflegte und den Tonabnehmer immer und immer wieder zurücksetzte, um die Platte nochmal zu hören. Es war eine Zusammenarbeit von Brian Eno mit jemand anderem. Ich weiß nicht, woher ich das weiß, aber so habe ich es notiert. Im Traum hat mich die Musik unendlich glücklich gemacht. Ich bin meine Schallplatten durchgegangen, habe erst „Possible Music“ (eine Zusammenarbeit mit Jon Hassell) gehört und dann nach langer Zeit mal wieder die Platte „The Weight Of History/Only Once Away My Son“ von Brian Eno und Kevin Shields. Jetzt wiederhole ich natürlich die Traumsituation. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ich diese Platte im Traum gehört habe, aber in die Richtung geht es. Beide Seiten sind wundervoll. Es dürfte eine der Schallplatten mit dem kürzesten Musikstoff sein. Seite A nur 8:83 Minuten und AA (was für eine Art, Seiten zu zählen? Welche Seite kommt zuerst?) 9:10 Minuten.
Hier eine Liste der Bücher, die meiner Meinung nach am hilfreichsten sind, wenn es darum geht, sich an die eigenen Träume zu erinnern und damit umzugehen:
Patricia Garfield: Kreativ träumen
Strephon Kaplan-Williams: Traum-Arbeit. Der Schlüssel zum Unterbewusstsein. Ein praktisches Handbuch
Ann Faraday: Deine Träume – Schlüssel zur Selbsterkenntnis
Ann Faraday: Die positive Kraft der TräumeGerade angefangen habe ich das Buch „Lebendiges Träumen. Die Entdeckung des Durchbruchstraums“ von Richard Corriere und Joseph Hart aus dem Jahr 1987. Den Durchbruchstraum definieren sie als einen Traum, der keiner Deutung bedarf. Ob Aussagenträume bzw. Verbalträume dazugehören, weiß ich noch nicht. Die Autoren vergleichen den „Durchbruchstraum“ mit „Gipfelerlebnis“ (wahrscheinlich im Sinne von Anthony Storr), einem Satori oder einem guten LSD-Trip.
Der Selbstheiler Joe Tossini und sein Opus Magnum: Lady of Mine

“They say ‘when you are in the water, you better swim’. It looks like I have been swimming most of my life, and many times against the tide. The most important thing is to have no regrets.”
— Joe Tossini
Der Plattendealer meines Vertrauens in Wien empfahl mir dieses Album.
1989 als Private Pressing erschienen, wurde es dreißig Jahre später von Jägern obskurer Schätze wiederentdeckt und schließlich zu einem kleinen Kultalbum.
Die Musik ist Lo-Fi-Lounge, Do-it-yourself-Pop. Gesang und Instrumentierung sind eigentümlich „neben der Spur“. Entfernt erinnert das an den verschollenen Kalifornier Lewis.
Tossinis Musik könnte auch wunderbar einen Kaurismäki-Film begleiten.Was das Album aber so ausdrucksstark und liebenswert macht, ist die Geschichte des Mannes dahinter. Das Was und das Wie verschränken sich hier unnachahmlich.
Davon erzählen die Liner Notes, siehe Kommentar.
My soon-to-be room for quiet hours
Dieses Cover von Brian Enos „Discreet Music“: erst sieht man einfach nur etwas Schwarzes, dann erkennt man eine Großstadtarchitektur, von einem Schwarzfilter nah ans Unsichtbare gedrängt. Und so, wie man sich langsam auf die Klänge einschwingt, so gewöhnen sich die Augen auch erst allmählich an das Cover, an die Dinge, die sichtbar werden. Ein kleines Viereck macht sich frei von diesem Filter, und man erkennt dort eine Spur von warm strömendem Tageslicht.
Wir wussten es damals nicht, aber bei dieser Etude in Unendlichkeit konnte das Unbewusste üben, wie es ist, wenn Menschen kommen und gehen, kleine Lieben, große Lieben, flüchtige Freunde, gute Bekannte, vertraute Gesichter, kurz aufflackernde Moden, Frauen, die damals Hanne hiessen oder Verena oder Julia. „Discreet Music“ war der sanftese „Melancholie-Hammer“ meiner jungen Jahre. Und der späteren. Alles ist flüchtig, ein Quantum Glück. Eine Musik, die, wäre sie nicht so schwebend, auch purer Abgrund sein könnte, musique noir. Der immense Reichtum der Obertöne, wenn das Geschehen verlangsamt wird.

„Der Inhalt einer Sanduhr in ein Tuch geschüttet. Du kannst die Zeit tragen, wohin du magst. Ihr gebrochenes Herz, wenn die gesammelten Stunden in der Tasche vergessen werden. Die Überlebenden sind sorglos. Manchmal spüren sie ein Staubkorn, das im Auge reibt. Zaghafte Vergänglichkeit.“ (Karl Krolow)
People come and go / And forget to close the door / And leave their stains and cigarette butts / Trampled on the floor / And when they do, remember me, remember me“ (Brian Eno)
Wochenende
Fire! Orchestra: Echoes / Rimsky-Korsakow: Scheherazade (Fritz Reiner) / Masterpieces by Duke Ellington / Hailu Mergia: Tche Belew / Oren Ambarchi: Shebang / Jeff Parker: Happy Today / Diverse: Shaolin Soul / Shearwater: The New World / Bothén, Ambarchi, Berthling, Werlin: Serpentine
