• Von einem Extrem ins andere in Ciudad de México

    Den Boden unter den Füßen zu verlieren gehört nicht zu meinen Stärken. Auch nicht, um vier Uhr morgens aufzustehen.

    Dennoch haben wir es getan, um die Sonnen- und Mondpyramide in der Ruinenstadt Teotihuacán nordöstlich von Mexiko-Stadt zu sehen. Das UNESCO-Weltkulturerbe aus hundert Metern Höhe zu erleben, ist ein Erlebnis, das man wohl nur einmal im Leben hat.

    In der Dämmerung starteten wir im Verbund von etwa 60 Heißluftballons. Der Startplatz ist immer derselbe, doch der Landeplatz ungewiss: The answer, my friend, is blowin’ in the wind. Aus den geplanten 45 Minuten wurden daher 70. Als Soundtrack hätte ich mir „On Land“ von Brian Eno gewünscht.

    Der anschließende Besuch der Ruinenstadt war beeindruckend. Kaum zu glauben, dass hier einst hunderttausend Menschen gelebt haben. Ob Teotihuacán wohl schon einmal als Filmkulisse diente?

    Abends dann Brot und Spiele in der Arena México vor schätzungsweise 10.000 Zuschauern: Lucha Libre, die wilde Schwester des US-Wrestlings. Die muskulösen Luchadores in ihren zum Teil albernen, hautengen Kostümen hauten aufeinander ein, als gäbe es kein Morgen. Die Choreografie erschien mir wie eine Mischung aus Zirkus Maximus und Slapstick-Komödie.

    Die ersten drei Kämpfe waren unterhaltsam, danach wurde es monoton. Der Stimmung im Publikum tat das keinen Abbruch. Publikumsliebling war Blue Panther. Der Luchador ist 65 Jahre alt: Seine Bewegungen sind weniger geschmeidig, dafür hat er das Herz am rechten Fleck.

    Ich musste die ganze Zeit an Mickey Rourke in dem erbarmungslosen Drama „The Wrestler“ denken. Hoffentlich nimmt das Leben der Luchadores ein besseres Ende.

  • Ein Hauch von Wehmut (für Renata Calani)

    Einige Soloalben von Haruomi Hosono habe ich in den letzten Jahren (never too late) entdeckt, und sie haben mir richtig gut gefallen, abseits rein historischer Würdigung, ja, mitunter gingen sie richtig tief. Wiederkehrende Elemente sind das Kindliche, das nichts Kindisches versprüht, sowie das Naive, das kaum einmal ohne doppelten Boden daherkommt. Bin gespannt, was Jan Reetze, unser „Hosono-Experte“, dazu vermelden wird.

    David Sheppards Besprechung findet sich in der Oktoberausgabe von „Mojo“, und zusammen mit dem wohl letzten Streich, „Love“, von Kevin Rowland und seinen Dexy Midnight Runners, bin ich sehr neugierig, wieviel Magie von diesen beiden In-Die-Jahre-Gekommenen noch einmal freigesetzt wird. Über ein gewisses Quantums Nostalgie hinaus, ohne das man der Musik von Haruomi und Kevin kaum begegnen kann.

    Ein Hauch von Wehmut vielleicht auch – zumindest habe ich etwas von diesen Gefühlslagen gespürt, als ich heute in meiner kleinen Höhle zwei Alben auf mich wirken liess, die mich packten wie einst im Mai, oder sogar noch etwas mehr: „The Colour Of Spring“ von Talk Talk, sowie „Vagabond Ways“ von Marianne Faithfull. (m.e.)

    A propos Haruomi und Wehmut:

    „Für Scotch und Candlelight auf El Hierro und anderswo“

    (Ein Lieblingsfilm aus Haruomis Kindheit. Von seinen 23 Alben kenne ich nur zwei wirklich gut: „Omni Sight Seeing“ und „Medicine Compilation From The Quiet Lodge“, es gäbe also viel zu entdecken! Die Coverstory, die vor einige Monaten im „Wire“ zu lesen war, ist eine exzellente Einführung. HIER noch ein wenig Nachschub von Kevin Lozano!)

  • Luis Buñuel: México

    In Vorbereitung auf meinen Mexiko Trip bin ich an dem spanischen Exilmexikaner vorbeigekommen.Buñuel lebte von 1946 bis zu seinem Tod 1983 vorwiegend in Mexiko-Stadt. Seine mexikanische Periode bedeutet mir mehr als seine Filme, die er zuvor oder zwischendurch in Europa drehte.

    Los olvidados, Èl, Ensayo de un crimen, Susana – Carne y demonio und Abismos de pasión befinden sich auf der 2007 erschienenen wunderbaren DVD Box, die zumindest antiquarisch erhältlich ist.

    Los olvidados (1950) habe ich vor der Reise erneut gesehen: ein Drama unter Straßenkindern, welches einem die Schuhe auszieht, on locations gedreht im Stil des italienischen Neorealismus und auf Augenhöhe mit deren Meisterwerken.

    Weil mich Buñuel sehr fasziniert, lese ich nach dreißig Jahren erneut seine Autobiographie, die ich wärmstens empfehle. Zusammen mit dem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière hat er seine Erinnerungen höchst unterhaltsam zu Papier gebracht. Auf den Mexiko Teil freue ich mich besonders.

  • ¡Viva México!

    Drei Wochen lang sind wir erstmalig in Mexiko, zwei Wochen davon in Begleitung mexikanischer Freunde. Zunächst in Monterrey, danach in Mexiko-Stadt, zuletzt an der Karibik Küste. Es macht immer einen Unterschied mit Einheimischen ein Land zu entdecken.

    Mexiko ist ein Sehnsuchtsland in all seiner natürlichen Schönheit und Widersprüchlichkeit. Mich fasziniert das Land seit Jahrzehnten, stark geprägt durch den Filter der amerikanischen Unterhaltungsindustrie.

    Ich würde behaupten, dass ein nicht unwesentlicher Teil der US-Western in Mexiko spielt, viele überragende Werke wie The Magnificent Seven, Garden of Evil oder Vera Cruz. Sam Peckinpah hat diesem Land sozusagen sein Leben gewidmet und mit The Wild BunchPat Garrett and Billy the Kid oder Bring Me the Head of Alfredo Garcia schmerzliche Meisterwerke abgeliefert. 

    Es geht um den Wunsch nach einem ursprünglichen Leben, der Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit und deren Ende durch Gewalt und Zivilisation. Die TV Serie Narcos: Mexico und Don Winslows Kartell-Trilogie haben unser aktuelles Bild von Mexiko als einem von korrupten Politikern und organisierter Kriminalität beherrschten Land weiter verdüstert.

    Ich werde in den nächsten Tagen versuchen einige andere Seiten Mexikos zu zeigen: Impressionen zur Schönheit der Natur, des Alltags und der Vielseitigkeit der mexikanischen Kultur.

    ¡Viva México!

  • Flughäfen sind Inspirationsquellen

    Ich frage mich immer, wohin so viele Menschen reisen. An ihrer Kleidung kann man ihre Herkunft abschätzen, man weiß aber nicht, was ihr Ziel ist. Auf den Flughäfen gibt es keine Kleiderordnung, jeder trägt, was er will. Man sieht die Bermudashorts neben dem Smoking, das Minitop neben den langen Hippieröcken. Bei der herrschenden Hitze zur Zeit ist es nicht erstaunlich, dass manche junge Frauen viel Körper zeigen. Ich lese nie an Flughäfen, es ist viel zu interessant zu schauen, was da in den langen Laufstegen passiert. Welche Geschichten, welche Geheimnisse laufen da an mir vorbei? Es ist auch interessant, dass die Fliegerschwarmintelligenz immer nur zwei Richtungen kennt, Querläufer haben es schwer.

    Ich bin auf meinem Rückflug auf meine Insel mit Zwischenstopp auf Menorca. Der erste Eindruck lädt ein, wiederzukommen. Es herrscht ruhiges freundliches sauberes Mittelmeer Ambiente. Menorca hat das Glück, im Schatten von Mallorca zu liegen.

    Mein Abschiedsaufenthalt führte mich in einen Raum bei einem Freund, wo nur Musik als Ausstattung vorhanden war. Überall Kabel, Geräte, Schallplatten und CDs. Ich habe mal die herumliegenden CDs fotografiert, um Euch zu fragen, ob Ihr die Musik kennt und ggfs schätzt.

    Paul Bley, Gary Peacocks, Paul Motian: „Not two Not one“ // Freddy King: „Getting Ready“ // Franci Elt‘ok Jazz // Vintage Taj Mahal: „The complete 1971 performance” // Chubby Carrier and the Bayou Swamp Band: „WHO stole the HotSauce” // Travis: „12 Memories” // Hanna Paulsberg Concept // Magnus Pro: „Daughter of the sun” // Harald Haerter: „Cósmic”

  • Caetano

    1987 kaufte ich mir meine erste Platte von Caetano Veloso, und sie ist bis heute einer meiner liebsten geblieben. Seine ganz wilden Jahre lagen hinter ihm, und obgleich der Sound moderner wurde, diente alles den Liedern, seiner Fähigkeit, sanft-eindringliche Melodien zu kreieren und sie mit dem passenden Ambiente auszustatten. Allein das Cover mach deutlich, dass es sich hier auch um perfekte „Music for Summer Evenings“ handelt. Jahre später erschien das in meinen Ohren nicht minder andockende „Estrangeiro“, hier war der Klang noch wesentlich experimenteller, und ein gewisser Arto Lindsay gesellte sich zu den Kollaborateuren. Ein gewisser Detlef (!) Diederichsen war in einer langen Besprechung hin und weg, und ich verstand das gut. Als ich dann in den 1990er Jahren, oder war es noch später, Julio Medems Meisterwerk „Terra“ im Kino entdeckte, hatte ich meinen absoluten Caetano-Favoriten gefunden, den Song „Terra“, der sich auf dem leisen akustischen Album „Muito“ einfand, spät in den 1970ern, und mich mit der Verzögerung von zwei Jahrzehnten so verzauberte wie einst „Waterloo Sunset“ von den Kinks.

    “Noite de Hotel“

    “Terra“

    “O Estrangeiro“

  • Music for Late Summer Evenings (2) – „LC“ (The Durutti Column)

    In ihrer Sammlung perfekter Spätsommeralben taucht, bei The Aquarium Drunkard, kaum überraschend, auch Viny Reilly auf. Seit dem Debutalbum begegnete mir die Musik aus der Wekstatt des Produzenten Martin Hannett immer wieder, nahm mich mal mehr, mal wenger gefangen. Aber wenn sie mich im richtigen Moment erwischte, war ich gefesselt von Anfang bis Ende all dieser raffiniert perlenden Melancholien. Damals fand die Musikkritik alle möglichen Assoziationsräume dafür, denn in Punk- und Post-Punk-Zeiten war diese „bedroom chamber music“ auf wundersame Weise abseitig. Man sprach von Ambient, Minimal, Impressionismus und der Luftigkeit von ECM. Vor ziemlich genau zehn Jahren wanderte Ian McCartney durch Liverpool. Seine Notizen von jenem Tag finden sich weiter unten. Er war ein grosser Freund vom The Durutti Column. Rest in peace, my Glasgewian friend! (m.e.)

    „Vini Reillys Gitarrenskizzen schweben wie etwas Unvollendetes in der Luft und weigern sich, endgültig ihren Platz zu finden. „The Return of the Durutti Column“, im Sommer 1979 aufgenommen und zu Beginn eines neuen Jahrzehnts bei Factory Records veröffentlicht, verwandelt Abwesenheit in eine Entstehungsgeschichte und dient zugleich als ästhetischer Entwurf für den gesamten Ansatz des Projekts. Diese Ausdrucksweise wurde auf dem zweiten Album, „LC“ aus dem Jahr 1981, vertieft und verfeinert. Drückt diesen August auf „Play“ und lasst die sechzehn Titel im Hitzeschleier vergehen. Der Nachmittag wird sich um den Rest kümmern.“ (j.gage)

    Psychogeography of Liverpool, August 2016 (by Ian McCartney)

    Some cities lend themselves better to psychogeography than others. Maritime cities – seagull cities – do well in this respect. There are so many seagulls in Liverpool they have a representative on the City Council: Mr Squawk. He speaks in mystic aphorisms. He eats french fries off the sidewalk with dignity and nonchalance. His favourite book is „Preep, the Little Pigeon of Trafalgar Square“ by Milton Shulman. His favourite song is „Thorn of Crowns“ by Echo & The Bunnymen.

    And you walk around this city-state pyschogeobubble and there is so much cosmos in there you have to ask yourself if you are in a dream. Wait for me on a blue horizon. Wait for me on a new horizon. Few are the places, said Mr Squawk, that make you question the aperçus of Raoul Vaneigem. I asked Mr Squawk what the fuck he meant by this. He said, „ … well Vaneigem said that to be rich nowadays merely means to possess a large number of poor objects but to be here, in Liverpool, is to be rich. Objects or no objects, ground or fucking sky. My only regret is that Manchester had The Durutti Column and we didn’t …“

    But I digress. Or do I? Psychogeography doesn’t come with a map or an itinerary, just stars to hold and songs to sing. Yeah. An infinity of cups unbroken.

  • Music for Late Summer Evenings (1)

    „Keine Jahreszeit regt so sehr zum rituellen Musikhören an wie der Spätsommer. Während die Tage in einem Hitzeschleier versinken und die Abende noch ein wenig länger andauern, offenbaren alte Platten unerwartete Facetten und hören sich an, als wären sie für solche „dog days“ wie geschaffen.“

    While Bill Connors might be known to some as a fusion shredder with Return to Forever, this stuff is pure atmosphere, right down to the eerily surreal cover photo. The perfect accompaniment to that particular midsummer malaise; play this on a warm, overcast day when there’s nothing else to do but sit on the porch and watch the storm roll in. *| j annis

    *(siehe auch: monthly revelations: ARCHIVE, two other classics from and with Bill Connors)

  • Daniel Lanois from a record store

    “What‘s in his bag?“

    Es ist eine Freude, Dan auf seinem Stöbern durch alte und nicht so alte Platten zu folgen, mit ein paar Überraschungen, Altvertrautem, und richtig guten kurzen Kurzgeschichten. Ich höre ihm immer gerne zu. Ich verrate nicht zuviel, wenn ich verrate, dass es mit einer Platte beginnt, die ich erst neulich aus meinem Regal gefischt habe, und die einfach nicht aufhört, grossartig zu sein, „Yellow Moon“ von den Neville Brothers. Ein Album, auf die sich wohl alle Flowies einigen könnten. Lanois‘ „Belladonna Nocturne“ ist eines unserer Alben des Monats August!