• „B-Western: Showdown der gebrochenen Herzen“

    Hans Schifferle hätte ich zu gerne, damals in den 1970er und 1980er Jahren, als ich öfter in München war, kennengelernt. Als mir Thomas P. das neue „Schifferle-Buch“ zeigte, fiel mir rasch ein, wie bereichernd die Lektüre des Feuilletons des SZ in meiner Studentenzeit in Würzburg war, auch später in Furth. I.W., und sowieso sonstwo, als eine „alte Bande“ von Filmkritikern, zu denen auch Hans S. zählte, mich auf viele Filme abseits des Mainstreams neugierig machte, mit einem unverbrauchten, lebendigen Schreibstil. Umvergessen, wie ich 1976 und 77 öfter vor Ort war, mit der schönsten Frau des östlichen Ruhrgebiets an meiner Seite, und in einem kleinem Theater Urs Widmers Theaterstück „Stan und Ollie in Deutschland“ sah und am Abend darauf in Schwabing in einem Uraltkino Robert Altmans „Nashville“. Vielleicht sass Hans Schifferle nur zwei Reihen hinter mir. Mit C. landete ich in jenen Tagen natürlich auch in der Gleichmannstrasse 10 bei „Jazz By Post“, wo ich Paul Bleys Solopianoalbum „Alone Again“ kaufte (kann man ohne Zögern seinem Meisterwerk „Open, to love“ an die Seite stellen)!

    Hans Schifferle hatte stets ein Faible für das Kino abseits des Mainstreams, für B-Movies, „Schmuddelfilme“, „alte Serien aus der goldenen Zeit des TVs“, Horrorfilme, Krimis, Erotikfilme, den ganzen schönen Unrat, der ihm einen unverstellten und unschuldigen Blick auf die Dinge verriet, abseits der landläufigen Abkanzelung sog. „zweitklassiger Filme“ mit dem Werkzeug eines arroganten Traditionalismismus oder einer rigiden Psychoanalyse, die überall nur männliche deformierte Psychen aufdeckte, reaktionäre Frauenbilder u.v.m. Auch John Wayne hat in tollen Filmen mitgespielt, auch wenn wir James Stewart fast alle lieber mochten, klar, als Kinder den 1960er, 1970er Jahre. Eine von Hans Schifferles letzten Veröffentlichungen war ein Text über alte, fast vergessene Western, die im Schatten der arrivierten Regisseure ihren eigenen Underground kreiierten. Seine Zeitreisen war stets eine Fundgrube von Entdeckungen. In dem ihm gewidmeten Buch „Berufung:Kritiker“ entdeckte ich einen durchaus lyrischen Text über den Schauspieler Lex Barker, der eine Jugenderinnerung heraufbeschwörte: wie ich ihn in einem abgelegenen Hotel auf Mallorca früh in den 1970er Jahren am Swimmingpool, neben Maria Adorf sitzend, ablichtete. Der kurze Höhepunkt meiner Karriere als Paparazzo. Leider ist das alte Dia verloren gegangen. (m.e.)

    Beim Filmfestival von Venedig hat der Western mit den neuen Filmen der Coen-Brüder und von Jacques Audiard eine kleine Renaissance erlebt. Die Liebe zu diesem Genre scheint ungebrochen. Die komplexe Geschichte des Genres, auf der auch die Venedig-Filme basieren, ist lebendig im cinephilen Alltag. Es gibr zurzeit kaum eine Filmgattung, die auf dem DVD- und Blu-ray-Markt mit so vielen Neuerscheinungen von alten, klassischen Filmen aufwarten kann wie der Western. DVD-Labels wie Koch Media, Filmjuwelen, White Pearl Classics oder Western Perlen lassen mit ihren Wiederveröffentlichungen und Neuentdeckungen von kleinen und vergessenen Western vor allem aus den 50er und frühen 60er Jahren die Geschichte des Westerns in einem neuen Licht erscheinen. Zu diesem Thema ist kürzlich auch ein Buch erschienen: Gregor Hausers »MÜNDUNGSFEUER«, eine kenntnisreiche labour of love über »Die 50 besten B-Western der 50er Jahre und ihre Stars«.

    Es versetzt in Erstaunen, dass man selbst als Cinephiler beim Betrachten dieser vielen wieder zugänglichen Filme erkennen muss, dass der gute alte amerikanische Western tatsächlich ein terrain vagueist, eine geradezu unbekannte filmische Gattung. Natürlich, man kennt die großen Western von John Ford, Raoul Walsh, Howard Hawks und William A. Wellman, auch die Westernperlen von Anthony Mann, Budd Boetticher, Sam Fuller, Nicholas Ray, Jack Arnold oder Joseph H. Lewis. Aber all diese Filme, die uns häufig durch die französischen Kritiker der Autorentheorie vermittelt wurden, bilden nur die Spitze des Eisbergs. Was ist mit Westernspezialisten wie Lesley Selander, Sidney Salkow, George Sherman, Lew Landers oder Joe Kane, dem hyperaktiven Topregisseur des kleinen Republic-Studios? Was ist mit den jüngeren wagemutigen Filmemachern wie Joseph Pevney, Alan H. Miner oder Paul Wendkos? Man kann jetzt den Humus eines Genres entdecken, der die Meisterwerke erst ermöglicht hat, einen vielschichtigen Kosmos aus vitalen kleinen Filmen und größeren Produktionen, die von der Filmgeschichte verschluckt wurden. Ein neues Bild von einem traditionellen Genre entsteht dabei.

    (der Auftakt eines Textes von Hans Schifferle von 2018, HIER in in toto)

    Postscriptum mit einem Hauch Wildwest aus dem tiefen Bayern (als ich mal auf einem anderen Blog Einspruch einlegte gegen Standard-Abkanzelungen alter Western, flogen mir gleich einige Bleikugel um die Ohren):

    Ganz witzig finde ich, wie schlecht hier oft Filme bei Uschi abschneiden, die ich ganz famos oder erschütternd oder sonstwie gelungen finde, beispielsweise Anora… undundund … Uschis verallgemeinernde Abfertigung des Westerns als „riesige Spielwiese fürs Macho-Wettpinkeln“, holla-di-ho, was für Entrüstungsarien! (Michael)

    Die seltsame Art des Michael E. etwas „witzig“ zu finden und sich damit gleichermassen wunderbar zu offenbaren, auf der “ … riesigen Spielwiese der Macho-Wettpinkler … “ derjenige zu sein, der am weitesten pinkeln kann, ist auch eine Aussage! (Little Hans)

    Wenn ich mich recht erinnere, wurden Western hier schon differenzierter besprochen und auch positiv konnotiert, z B der Neowestern, die Filme der Coens und das Lied vom Tod waren durchaus keine Verrisse. Uschi meinte mit der Spielwiese wohl eher die B-Movies, den alten John Ford, filmtechnisch durchaus beachtlich, handlungstechnisch eher banal. Oder guckt sich noch jemand freiwillig John Wayne an? Also genauer lesen und dann verreissen. (Jörg R.)

    Da ich aber etwas unpräzise war, kamen da gleich einige dahergesprungen wie aus der Shiloh Ranch, bemühten „Pimmelmetaphorik“, machten aus einer „Arie“ gleich eine „Orgie“, und statt Frau selber sprechen zu lassen (die vielleicht gerade am Herd stand und den Porridge machte, oder Steak mit Bohnen) wurde genaueres Lesen angemahnt, und der humorvolle Kommentator (ich) samt Pimmel des Feldes verwiesen…. Ich sags ja, wie im Wilden Westen!!! Zur Abkühlung der Gemüter empfehle ich allen den grossartigen alten Western „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“. (Michael)

  • Das rote Eichhörnchen beispielsweise

    „Genau das macht den Zauber von Medems Filmen aus, daß er auf die Erde blickt wie auf ein fernes Gestirn, dessen Naturgesetze nur den Regeln des Herzens zu gehorchen scheinen.“ (Michael Althen)

    “Medem hatte ein Medizinstudium abgeschlossen, mit der Absicht, Peychoanalytiker zu werden. Bereits als Kind hatte er Super-8-Filme gedreht; in seiner Studienzeit war er als Filmkritiker für die Zeitung „La Voz de Eiskadi“ tätig. Kindliches Super-8 und Psychoanalyse: davon ist noch einiges zu spüren in den enigmatischen, hypnotischen Spielfilmen, die er seit 1993 gedreht hat. Die Genauigkeit eines Wissenschaftlers wechselt sich ab mit der Fabulierkunst des geborenen Geschichtenerzählers, wenn Medem das Labyrinth der Passionen erforscht, den Irrgarten der Emotionen durchstreift.“ (Hans Schifferle, in: Rolf Aurich, Ulrich Mannes: Hans Schifferle. Berufung: Kritiker)

    In einem imaginären existenziellen Kinoschmöker über meine „100 Lieblingsfilme“ kämen sage und schreibe vier Filme des Basken Julio Medem vor. Und, wenn ich im Inhaltsverzeichnis blättere, Hitchcock ist im Vergleich nur dreimal vertreten. Hans Schifferle spricht von „Landkarten der Sehnsucht“ , in seinem Essay über „die metaphysischen Kinomelodramen des Julio Medem“, und lässt alle vier darin auftauchen. Mein Einstieg war, ein Tip von Jan Garbarek, „Die Liebenden des Polarkreises“ ich war so berührt, dass ich bald „Tierra“ folgen liess, ein so hinreissender verrückt-real-surrealer Film (natürlich über die Liebe und ihre Verzweigungen), der mich in jeder Sekunde so gefangennahm wie jede Sekunde des unendlich zauberhaften Liedes gleichen Namens von Caetano Veloso. Ich sah „Tierra“ in Barcelona und zuhause, habe die DVD von „Tierra“ gewiss wieder und wieder angeschaut, und wieder und wieder sah ich später auch „Lucia und der Sex“. Vor einer Woche nun nahm ich die Fährte eines weiteren Medem-Films auf: und auf Anhieb gesellte sich „Das rote Eichhörnchen“ (das unlängst lange in der Arte Mediathek zu sehen war) als Dvd zu meiner privaten Serie von 100 Lieblingsfilmen.

  • Peter Schneider – ein Nachruf

    Von einem Berliner Freund erfuhr ich gestern, dass unser Freund, Peter Schneider, tot ist. Das traf mich hart. Ich wohnte in den 70ern mit seinem Bruder Florian in einer Freiburger WG. Peter schaute oft vorbei, so lernte ich ihn kennen. Er war immer willkommen mit seiner ansteckenden Heiterkeit, seinem feinen Humor und seinen erotischen Anspielungen. Er lachte gern und alberte auch viel herum. Er war immer lässig gekleidet, Jeans, Pulli und helle Lederjacke. Er sah umwerfend aus, attraktiv und sehr männlich.Meine Magisterprüfung hatte den LENZ zum Thema, mit diesem schmalen Buch wurde er bekannt. Ich weiss noch, dass mein Prof in der Prüfung sagte, ich soll nicht so schnell sprechen, wir seien ja schliesslich nicht auf einer Eisbahn. Tatsächlich sprachen wir damals schneller, engagierter, atemloser. Wir wollten ja auch die Rebellion. In meiner Goethe-Zeit lud ich ihn einmal ins Bremer GI ein, damit er dort einen Vortrag über das politische Deutschland vor Japanern halten sollte. Einige meiner Freunde waren dabei, wir schufen eine hitzige Diskussionsatmosphäre. Damals konnte man schon die Nachdenklichkeit bei Peter merken. Er war nicht mehr mit allem aus den 68ern einverstanden, er mochte den Dogmatismus der K-Gruppen nicht und schon garnicht die radikale Linke. In seinem Buch „Rebellion und Wahn“ verarbeitet er die Fehler der SDS Zeit. Es folgte noch ein politisches Buch: „Und schon bist du Verfassungsfeind“. Er wollte in den Schuldienst, man verweigerte es ihm aufgrund seiner politischen Agitationen. Danach schrieb er meist Bücher, die sich mit dem zeitaktuellen Geschehen beschäftigten, „Der Mauerspringer“ gehört dazu, aber auch „Vati“, wo er mit dem Nazi RA Mengele abrechnete. Als ich über Weihnachten in Berlin war, kaufte ich mir sofort sein letztes Buch „Die Frau an der Bushaltestelle.“ Sogleich ist man dem Sog der 68er Jahre erlegen, vertraut mit der gehetzten Sprache, der Orietierungssuche und vor allem der hochemotionalen Sprache. Er berichtet über die damalige Zeit, sein Alterego rechnet ab, besonders mit seiner Freundin, die ihn an BILD verraten hat. Wir alle kennen diese Frau, sie lebt noch, ich verrate ihren Namen nicht. Ich habe Peter lange nicht mehr gesehen, jetzt kann ich ihn nie mehr sehen. Sein Erzählband „Die Wette“zählt für mich zu den schönsten Schilderungen über Sehnsucht, Erotik in gesellschaftlichem Environ. Er schrieb es 1978. da sah ich ihn oft. (L.N.)

  • “Batik“


    Es war Hochsommer, es war der August des Jahres 1978, als ich mir die brandneue Schallplatte „Batik“ zulegte, meine Heroen Ralph Towner und Jack DeJohnette spielten hier zusammen, was nicht oft vorkam(aus dem Kopf fällt mir nur das vorzügliche Album „Deer Wan“ von Kenny Wheeler ein), und der Dritte im Bunde war der Bassist Eddie Gomez. ECM 1121. Es war ein Jahr der Nullpunkte, Abgründe, Trennungen, und Leerstellen in meinem Leben. Die Musik erschien mir seltsam nervös, fahrig, und ich weiss nicht mal, ob ich sie durchhörte – sie fiel durch. Und zwar so gründlich, dass ich ihr bis in die letzte Woche nie eine weitere Chance gab. Als ich mir nun die CD-Version der ECM-Serie „Touchstones“ besorgte, und mir alle Zeit der Welt nahm, musste ich leicht schmunzeln: es waren meine Ohren, die damals nicht in bester „Aufnahmestimmung“ waren, denn das Album ist über seine fünf Kompositionen hinweg mitreissend, wilder, auffahrender in manchen Passagen, als man es von Towner gemeinhin gewohnt sein mag, aber, hey, wunderbar vitalisierende Musik der Sorte „free-the-chamber“, „folk-the-dream“, „paint-the-horizon“! Diese rund sechzehn Minuten lange Reise des Titelstücks: very trippy! Wer ein Freund von Ralph Towners Musik ist, und diese Platte nicht kennt, wird ein Fest erleben! Zwei Anmerkungen: zum einen: die Cd-Version ist mit einer blauen Grundfarbe ausgestattet, die originale LP-Version verströmte eindeutig einen rostbräunlichen Rotton. Eine ästhetische Entscheidung? Zum andern: das „Sequencing“ der fünf Stücke für die Vinyl-Version ist perfekt und alternativlos. Fast jeder, der die Stücke in zufälliger Reihung hören würde, käme wohl zu der gleichen Schlussfolgerung, die auch, was die CD angeht, von mir ein „High Five“ bekommt! „In the words of Scott Yanow: The music unfolds slowly but logically, and Towner’s quiet sound displays a lot of inner heat. Highlights include „Waterwheel“ and the 16-minute „Batik.“ Well worth listening to closely, at a high volume.“

    (aus unserer kleinen Serie „Wiedergehört nach Ewigkeiten“)

  • Let’s dance Samba

    Während in Deutschland die vier tollen Tage schon vorbei sind und die Sündigen nach Ablass suchen, steigen die Männer hier in Frauenkleider, schminken sich ungekonnt und kreisen um ihren nackt gehaltenen Nabel. Sie tanzen Samba, im Kreis, im Block, alleine. Vier Wochen lassen sich dagegen die Kanaren Zeit, um sich auszutoben und die schrecklichen Weltrealitäten zu vergessen. Ich gehe gern auf diese Streetpartys, um die Musik zu hören und den Tanzenden zuzusehen. Die Stimmung ist ausgelassen bis feurig. Ganz im Gegenteil zu den traditionellen Tänzen, die mich immer an den Jodler Bub dahoam erinnern und der einförmigen Musik, die die Achttonleiter rauf und runder flötet und trommelt. Ich hörte auf einem Karnevalsumzug von einem Brasilianer, der seit kurzem auf der Insel lebt und Webkurse anbietet. Da ich immer weben lernen wollte, machte ich mich auf die Suche nach dem Neuankömmling.Für mich ist es ohne Auto nicht leicht, abgelegene Gegenden aufzusuchen. Ich machte mich auf eine etwas längere Wanderung gefasst. Dass das Atelier aber so steil am Hang lag und die steilen Treppen ohne Geländer zu bewältigen sind, erforderte nun doch meine volle Konzentration. An der grünen Holztür angekommen, klopfte ich so lange, bis endlich jemand die Tür öffnete. Vor mir stand ein lächelnder etwa 60 jähriger Mann, mit einem weichen Gesicht, das mich sofort an das Baby auf dem Hipp Glas denken liess. Ich trat in die Stube ein, überall kleinere Webstühle neben einem grossen. An der Wand war Wolle auf Regalen gestapelt, in den wunderbarsten Farben, dass Goethe bei diesem Anblick sofort seine Farbenlehre hätte erweitern wollen. Der Weber, José Maria, fragte, ob ich einen Tee wolle und verschwand dann aus dem Raum.Jetzt erst hörte ich die leise Musik.

    Als er mit Keksen und Tee zurückkam, fragte ich ihn nach der Musik. Er sagte, das sei Samba aus Rio, er würde den ganzen Tag beim Weben Samba hören, die Musik gebe ihm Lebenskraft. Er stellte die Musik lauter und begann leicht seine Hüften zu bewegen. Ich fühlte mich sehr wohl in diesem Ambiente. Ich bat ihn, mir seine Lieblingsmusiker zu nennen. Er zeigte mir auf seinem iPhone zwei Musiker, die ihm mit ihrer ausgelassenen Musik Lebenskraft geben würden. Natürlich habe ich schon Sambamusik gehört. In meiner Bremerzeit, waren Sambaklänge auf jeder Demo zu hören. Als ich wieder in meiner casita war hörte ich mir einige Stücke von den beiden genannten Musikern an.

    MARTINHO DA VILA aus Rio de Janeiro singt, schreibt, musiziert. Mich hat ein Song allein schon wegen dem Titel angezogen.

    *** Aquarela Brasileira.***

    Seht Euch diese wunderbare Landschaft an!
    Es ist eine reliktartige Episode, die der Künstler in einem strahlenden Traum für diesen Karneval auserwählt hat
    Und der Asphalt als Laufsteg wird die Leinwand sein
    Brasilien in Aquarellform.
    Beim Spaziergang durch die Ausläufer des Amazonas entdeckte ich riesige Kautschukplantagen…

    ZÉCA PAGODINHO ebenfalls aus Rio, ebenfalls Sänger und Songwriter.

    Ich weiss nicht, wie oft ich das Lied ***Deixa a Vida me Levar*** angehört habe und dazu getanzt habe. Zum Relaxen ist dieser Song besser als jede Yogaübung.

    Ich habe in diesem Leben fast alles durchgemacht.
    Was Obdach betrifft, warte ich noch immer auf meine Chance.
    Ich gestehe, ich bin von bescheidener Herkunft,
    aber mein Herz ist edel, so hat mich Gott geschaffen.
    Und lass das Leben mich fortführen.
    Das Leben führt mich fort
    Das Leben führt mich fort…

    Es ist ein bekanntes Lied. Ich bin sicher, dass all die grandiosen Fußballstars, die leider schon bei Petrus spielen müssen, diese Melodie nicht mehr hinter einer religiösen Zeremonie verstecken müssen, sondern eher den Himmel zum Wackeln bringen.

    (Lajla N.)

  • „Hang on to your dreams“ – Monthly Revelations (March)

    Als Einstimmung auf die Empfehlungen für den März kann man einfach mal das Cover dieses zweiten Duo-Albums „Five Years Later“ von Ralph Towner und John Abercrombie auf sich wirken lassen. Zwei colorierte Liegestühle in einem ansonsten schwarzweissen Foto, weisse Gemäuer, das Meer, der Horizont. Die Liegegelegenheiten gleichsam ausgestellt, normalerweise müssten sie ja zum Meer gerichtet sein. Aber diese Sache kann der, der die Szene betritt, im Handumdrehen selbst erledigen. Vita contemplativa. Im Sommer 1976 sehe ich die beiden Musiker in versunkener Stimmung auf den Frankfurter Jazztagen, im grossen Saal. So spannungsgeladen, dass die feinsten Nuancen selbst um grossen Rund nicht verloren gehen. Im Februar 1982 liegt das kleine Paket von Jazz by Post mit der Schallplatte der Zwei in meinem Briefkasten in Bergeinöden bei Grasfilzing, in der Nähe von Arnschwang. Wundervolle Musik. Ich drehe die Liegestühle um, die Möwen kreischen, der Sound ist auch hier, am Ende der Welt, grossartig.

    album Tinariwen
    film Meredith Monk by Ingo
    prose David Emling by Martina

    talk Oliver Laxe
    radio Tibbetts Towner & Abercrombie by Michael
    binge Small Prophets

    archive Paul McCandless by Brian

  • Hans Schifferle

    Liebe Leser, liebe Flowies. Gestern, als ich Roedelius’ alte Tonbänder nach Bonn brachte, zeigte mir TP ein neues Filmbuch, das spätestens auf der Rückfahrt viele Erinnerungen in Gang setzte. Natürlich kannte ich Texte und Kritiken von Hans Schifferle (1957–2021), vor allem aus der Süddeutschen Zeitung und bis zurück in die zweite Hälfte der 1970er Jahre. Und ich mochte sie sehr, ihren schrägen unkonventionellen Blick auf die Dinge, wie sowieso die ganze Bande um Michael Althen, HG Pflaum, Peter Buchka und Co. Dieses Filmbuch werde ich ganz sicher lesen, durchforsten, und es wird mich dazu bringen, alte und neue Spuren aufzuspüren. Und ich glaube, ich werde hier nicht ein einsamer Leser dieser Werkschau sein. Alles andere als trockene akademische, schulgebundene Kost erwartet euch hier. (m.e.)

    „Hans Schifferle schrieb sein Leben lang über Filme. Sein Verhältnis zum Kino war von existenzieller Natur. Er wollte Kino erleben und nicht nur Filme schauen. Hans Schifferle akzeptierte keine Genregrenzen und fand auch in vermeintlich zweit- und drittklassigen Filmen einen Reichtum, den andere nur in anerkannten Klassikern sehen wollten. Dank seines immensen film- und kulturhistorischen Wissens, seines Stilbewusstseins, seiner analytischen Fähigkeiten und nicht zuletzt seiner konzentrierten Hingabe an den jeweiligen Film entstanden unter seiner Autorenschaft Filmkritiken und Essays, die lustvoll zu lesen sind und den cineastischen Horizont erweitern. Prägend für Schifferles Akkulturation war die Münchner Kinoszene der 1980er Jahre, als mit dem Filmmuseum und dem Werkstattkino zwei außergewöhnliche Bildungsstätten auf sich aufmerksam machten, ein „Living Cinema“, das darüber hinaus eine neue Generation von Filmkritikern hervorbrachte. Schifferle veröffentlichte reichhaltig und breit gestreut: Er schrieb für die „Süddeutsche Zeitung“, den „Kölner Stadt-Anzeiger“, für „epd Film“, diverse Stadt- und Lifestyle-Magazine, er publizierte in Filmbüchern, Festivalkatalogen, in Publikumszeitschriften und cinephilen Spezialjournalen. Der vorliegende Band enthält zahlreiche Texte von Hans Schifferle, Fotos und Dokumente sowie einen Essay von Ulrich Mannes.“ (Pressetext des Verlages)

  • Ausgewählte Übertreibungen

    Ja, dieser Mann kann durchaus auch mal Unsinn reden. Solange er trotzdem mit Gedankenblitzen aufwarten kann, soll das meinetwegen so sein. Und dafür, dass er es kann, ist dieses Buch ein weiterer Beleg.

    „Ausgewählte Übertreibungen“ ist nicht neu; das Buch stammt von 2013. Das Alter merkt man ihm aber nicht an. Es enthält, wie der Untertitel schon ahnen lässt, Interviews und Gespräche — dreiunddreißig an der Zahl, dreißig Interviews stammen aus deutschen und ausländischen Zeitungen und Magazinen, drei Gespräche sind Protokolle aus Symposien, Kongressen et cetera, geführt zwischen 1993 und 2012. Einiges davon hatte ich schon damals gelesen, anderes war mir neu. Die Sammlung ist nicht vollständig — natürlich nicht, denn tatsächlich existieren wohl an die 300 Interviews, da musste eine Auswahl getroffen werden.

    Ausführlich, meist sachlich, oft in weit ausholenden Kurven, mäandernden gedanklichen Schleifen und wilden Assoziationsketten, manchmal unterlegt mit einem Schuss Schelmentum, spricht Peter Sloterdijk über buchstäblich Gott und die Welt. Nicht selten fühlt man sich an die „Zeilen und Tage“ erinnert; Grundlage der Interviews sind aber meist Sloterdijks in den jeweiligen Jahren erschienene Bücher, insbesondere die „Sphären“-Trilogie (1999 bis 2004) sowie das auf ein Rilke-Zitat Bezug nehmende „Du musst dein Leben ändern“ von 2009. 

    Sei es über seine Zeit beim Baghwan, sei es über die von ihm aus heutiger Sicht selbst so empfundenen Schwachstellen seines Opus 1, „Kritik der zynischen Vernunft“ (die inzwischen freundliche 43 Jahre auf dem Buckel hat), sei es seine Ansicht über die Kollegen Habermas und Luhmann, seien es die heutigen Angebote der elektronischen Medien oder die Kunst des Designs, kaum ein Aspekt wird ausgelassen. Zum Interessantesten gehören Sloterdijks Ausführungen über das „heilige Feuer der Unzufriedenheit“ — richtig, es geht um das Zustandekommen des Phänomens „Fortschritt“. Was ist das, wer legt aufgrund welcher Qualifikationen fest, was fortschrittlich ist, und ist Fortschritt per se überhaupt etwas Gutes? 

    Immer wieder bringt Sloterdijk Aspekte ins Spiel, die die eigenen Standpunkte auf den Prüfstand stellen, und genau das macht ihn lesenswert. Dass ihn speziell dieses Fortschrittsthema immer wieder beschäftigt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in diesen Interviews schon manches vorweggenommen wird, das er 2023 in „Die Reue des Prometheus“ in aller Deutlichkeit konkretisiert hat.

    Wie in Interviews nicht anders zu erwarten, sind die Antworten manchmal sprunghaft, oftmals seitenlang, und sie werden in diesem Buch ohne Absätze wiedergegeben. Da fühlt man sich latent an Thomas Bernhard erinnert, bei dem solche Bleiwüsten allerdings künstlerische Absicht waren — hier aber war das wohl eher nicht der Fall.

    Manchmal allerdings würde man sich wünschen, der Mann würde wenigstens gelegentlich an irgendeiner Stelle, auf irgendeine Frage einmal sagen: „Weiß ich nicht, keine Ahnung, da müssen Sie mal jemand anderen fragen.“ 

    Aber darauf kann man bei Sloterdijk wohl lange warten.

    Peter Sloterdijk:
    Ausgewählte Übertreibungen
    Gespräche und Interviews 1993 bis 2012
    Herausgegeben von Bernhard Klein
    Suhrkamp 2013, 478 Seiten 

  • Reise nach Bonn

    (Text vom 1. Februar)

    Der „heilige Gral“. Das ist einer dieser Ausdrücke, die sich in den Musikjournalismus eingeschlichen haben, wenn man von der Höhepunkt eines Lebenswerkes spricht, manchmal ist das „common sense“, manchmal Geheimtip. Ich biete nun den „heiligen Gral“ von Hans Joachim Roedelius an, für 300 Euro. Ich verkaufe dieses „Opus magnum“ (noch so ein beliebter, etwas zu oft verwendeter Ausdruck) nur an Leute, die eine enge Beziehung zur Musik von Roedelius haben. Bei Discogs findet sich derzeit noch ein Exemplar für 200 Euro, ansonsten beläuft sich der Handelswert bis 400, 500 Euro aufwärts.


    Zu meinem Verkaufsservice kommt aber etwas hinzu: ich bringe diese Schatzkiste mit drei Lps (und den beiliegenden Cds derselben Musik persönlich vorbei (mit meinem Toyota erreiche ich jeden Ort in Deutschland von NRW aus innerhalb von acht Stunden) incl. einer kostenfreie Übernachtung in einem Gästezimmer und einem gemeinsamen Abendessen (in einem Restaurant Ihrer Wahl, oder zuhause). Als besondere „Dienstleistung“ biete ich einen langen Abend voller Musikgespräche an, die natürlich stets weit über Musik hinausführen können.

    Bei dieser lang vergriffenenen, numerierten Sonderedition handelt es sich un einen umfassenden Einblick in die Tonskizzen, Miniaturen, Improvisationen von HJR, die an jenem legendären Ort in Forst, Niedersachsen, entstanden sind, als Moebius, Roedelius und Rother zusammenarbeiteten und als Harmonia spannende Alben in die Welt setzten, ganz zu schweigen von frühen Werken von Cluster sowie Cluster & Eno. Natürlich handelt es sich bei diesem Boxset nicht um das beste Album seines Lebens, vielmehr um einen spannenden Einblick in das Entwickeln von Klangideen, welche später im Studio in Weilerswist, aber auch in Forst letzte Gestalt annahmen.

    Insofern ist „Tape Archives“, wenngleich kein „heiliger Gral“, kein „opus magnum“, so doch eins rundum interessantes, hervorragend gestaltetes Dokument, das eine ganz eigentümliche Sogkraft entfaltet, und das ich allein deshalb zum Verkauf anbiete, weil ich es damals, nach meinem „open air-Seminar“ über Eno, Cluster und Harmonia vor Ort, also in der Nähe von Forst, von zwei (!) TeilnehmerInnen geschenkt bekam. HIER mein damaliger Einladungstext!

    (Text vom 1. März)

    Der heilige Gral wird heute in Bonn übergeben. Unterweges höre ich SUSHI / ROTHI / REIBEKUCHEN, das feinsinnig-funkige, aber keineswegs weltbewegende Jamming von Brian Eno, Holger Czukay und Peter Schwalm vom August 1998 – ich war damals vor Ort dabei, einen Tag nach meinem „public talk“ mit Brian. Gut zwei Jahrzehnte später tauchte Bonn in einer Songzeile von Enos „Foreverandevernomore“ auf. Der Schatten der alten BRD.

    (Michael Engelbrecht)