Sirāt
Ein Wahnsinnsfilm. Jemand meinte neulich, ich würde wohl Filme danach bewerten, wie sehr sie mich emotional mitreissen. Das ist natürlich grosser Unsinn aus der Rubrik „gutartige Unterstellung“. Aber es gibt Filme, da hole ich gerne Erinnerungen hervor an Susan Sonntags Text „Against Interpretation“ …. Es gibt Filme, da ist halt das erste, möglichst unvoreingenommene Sehen, Erleben, Erfühlen eminent wichtig. Keine altkluge Hinführung, keine akademische Schubaldisierung …. Am hilfreichsten wären – vor dem Film – ein paar Suggestionen, eine sanfte Tranceinduktion für eine Reise, deren Ausgang niemand kennt. Und jeder Leser dieser Zeilen schaue sich zu allererst SIRĀT an, lasse den Filn ein paar Tage und Nächte nachwirken, bevor der Reflektion, der „Analyse“ Raum gegeben werden, dem Drumherum …. und das weiter unten angegebene Interview liest. Oder die folgenden Zeilen, als „appetizer“ für ein hochinteressantes Gespräch! Also, STOP!!!!! SIRĀT gibt es als blu ray, dvd, bei prime, und am besten, ab und zu, in einem Programmkino deines Vertrauens!

„Oliver Laxe spricht über Kino so, wie andere über Rituale sprechen. Das Kino ist für ihn eher ein „Tempel“ als ein Ort der Freizeitgestaltung. Er spricht in Rätseln, wenn er Gestalttherapie, Sufi-Mystik, Rave-Kultur und die Kraft der Bilder auf den Körper in einem Atemzug zusammenfasst. Immer wieder kehrt er zu der Idee zurück, dass Kino eher eine körperliche als eine rein intellektuelle Erfahrung ist. Diese Philosophie belebt Sirât, Laxes neuesten Spielfilm und sein bisher provokantestes Werk. Der Film spielt zwischen einer fast apokalyptischen Wüstenlandschaft und einer Underground-Raveu-Party und entfaltet sich wie eine Feuerprobe, die die Zuschauer in Ekstase, Trauer und Erschöpfung treibt. Laxe setzte sich mit uns zusammen, um über seinen neuen Film, das Heilungspotenzial des Kinos und die Gemeinsamkeiten von Rave-Partys und Kino zu sprechen.“
Womit ich nicht gerechnet habe
Der Januar war noch nicht vorbei, da bin ich schon zweimal auf ihn gestoßen.
Erst fiel mir sein Bild unten rechts auf Seite 259 in dem Katalog „FMP: The Living Music“ auf. Ich stutzte, brauchte etwas das Gesicht mit dem markanten Schnauzer zuzuordnen und fragte mich, was der große Autor wohl mit Free Jazz zu tun habe.
Eine Woche später bekam ich eine E-Mail. Der Leiter einer Bildungsreise nach Danzig, an der ich Ende März teilnehme, gab Hinweise zum Ablauf und Lesetipps. Unter anderem die ersten beiden Bände der Danziger Trilogie von Günter Grass.
Als strebsamer Mensch bestellte ich mir dann „Katz und Maus“. Als ich F davon erzählte, war sein Kommentar dass er keine Bücher von Nazis lesen würde. Auch andere Gesprächspartner waren skeptisch, ob man Grass aus politischen Gründen noch lesen könne.
Ich habe da nicht ganz tief recherchiert. Grass war Mitglied der Waffen-SS und hat das erst recht spät – ungefähr 10 Jahre vor seinem Tod – zugegeben. Bei Kriegsende war er 17 Jahre, demzufolge bei Machtergreifung fünf, hat also das stark auf Indoktrination ausgerichtete NS-Bildungswesen voll durchlaufen. Hätte ich in der Zeit gelebt…, ich befürchte, dass ich überzeugter Mitläufer gewesen wäre. Er wurde zu Kriegsende eingezogen, war kein Funktionär und nach allem, was bekannt ist, kein Täter.
„Katz und Maus“ ist ein schmales Büchlein mit vielen Kapiteln, so dass man die Lektüre immer gut unterbrechen kann. Das Leben Jugendlicher in Kriegsjahren in Danzig wird teils sehr genau und teils fantastisch-magisch eingefangen. Mal wird gegenwärtig erzählt, mal die Hauptperson direkt angesprochen, mal aus der Erinnerung, so dass eine unwirkliche Atmosphäre entsteht. Und es ist sprachgewaltig; immer wieder mal habe ich mir unbekannte Worte übersprungen. Das Buch ist keine historische Rechtfertigung, eher eine Auseinandersetzung mit der Zeit.
Insgesamt hat mir „Katz und Maus“ so gut gefallen, dass ich mir heute „Die Blechtrommel“ gekauft habe. Auch dieses Buch hat zahlreiche Kapitel (47), allerdings auch sehr viele Seiten (in meiner dtv Ausgabe sind es 779 Seiten, dazu kommt dann noch ein Anhang). Mal sehen, ob ich das bis Ende März, dann fahre ich ja nach Danzig, gelesen habe.
Und wie kommt Grass in den FMP Katalog? Es scheint in den 70er und 80er Jahren auf verschiedenen Veranstaltungen zu Lesungen von Grass mit Jazz Musikern gekommen zu sein, auch mit Peter Brötzmann. Aufnahmen existieren mit Günter Sommer.
Einmal vor langer Zeit im Kino Endstation
“This film is concerned with the interior experiences of an individual. It does not record an event which could be witnessed by other persons. Rather, it reproduces the way in which the subconscious of an individual will develop, interpret and elaborate an apparently simple and casual incident into a critical emotional experience.”
— Maya Deren on Meshes of the Afternoon, from DVD release Maya Deren: Experimental Films 1943–58.This story is concerned with the interior experiences of an individual. An jenem Abend war ich mit einer guten Freundin im Restaurant des Bahnhofs, wohl heute noch ein kultureller in-Treff – Jan Garbarek spielte da schon, Tocotronic, und Faust (ein geniales Konzert spät in den Neunzigern). Irgendwie hatte ich, was ich sonst nie habe, eine Vorahnung, des öfteren schweifte mein Blick durch den Raum. Es war später Nachmittag, die Küche hatte bereits geöffnet, die Netze des Nachmittags waren weit gespannt. Nach einem kurzen Gang zum WC kehrte ich zurück an unseren Tisch, und, neben dem kleinen hölzernen Podium dort passierte es.
Wer jemals das luzide Träumen geübt hat, weiss, dass eine Basisübung die Prüfung des Wirklichkeitszustandes ist: Träume ich oder bin ich wach? Durch alle Sinneskanäle hindurch wird die „Realität“, besser, „der Realitätszustand“, kritisch hinterfragt. Keine fünfzig Meter neben dem Kino, das „Meshes of the Afternoon“ aufführte, spielte sich, in anderer, hier ungenannter Zeit, eine leicht surreale Situation ab.
Unsere Blicke trafen sich, und ich will nicht sagen, dass ich vom Donner gerührt war – vom Blitz getroffen war ich. Sie hatte Engelslocken – fernab meiner sonstigen, urtyp-definierten Jagdgründe ein blondes Wesen. Was tun, in Bruchteilen von Sekunden? Wir kreuzten uns, keinen Meter voneinander entfernt. Ich drehte mich um. sie drehte sich um. Wir standen da wie angewurzelt, schauten einander in die Augen. Die Zeit stand mucksmäuschenstill, es könnten drei Sekunden gewesen sein. Die nächste Drehung, absolut synchron, und jeder setzte den eigenen Weg fort. This story does not record an event which could be witnessed by other persons. Or on the surface only, bit by bit.
Ich entschied mich für die galante Variante, und eine Pointe, einen Knalleffekt, der Jean Pierre Leaud, Truffauts alter ego, würdig sein sollte. Es ist doch cool, eine romantische Seele zu sein, erfindungsreich und furchtlos. Ich zahlte zügig unsere Rechnung, kutschierte S. nach Hause, 15 Kilometer, und fuhr mit dezent angezogenem Tempo zurück zum Bahnhof. Nichts sollte mich aufhalten, selbst von einem vollbesetzten Tisch mit Kind, Hund, und Ehemann, würde ich sie kurz nach vorne winken. Es gibt in Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ diese Gedankenspiele zu Alltäglichkeiten, in denen eine profane Verrichtung, ein Schritt nach links oder rechts, einem ganz anderen Lebenslauf auf die Sprünge helfen.Rather, this story reproduces the way in which the subconscious of an individual will develop, interpret and elaborate an apparently simple and casual incident into a critical emotional experience. So, wie sie mich angesehen hatte, war hier keineswegs die alte Tante Projektion im Spiel, vielmehr pures „Wahr-Nehmen“, ein erster Blick, der tausend weitere enthielt. Eine Prüfung von „Realität“ der Marke „a thousand kisses deep“. (Leonard war mein Lehrer. All die Abende in Babsis Dachboden, Jahre, Jahre zuvor, mit Cohens endlosen Drehungen auf dem Plattenteller, liefen auf diesen Moment hinaus, ich hatte den „Stranger Song“ auf den Lippen, „Suzanne“ sowieso, bereit jeden Millimeter zwischen dem Müll und den Blumen abzusuchen.) Ich war schwarz gekleidet, bereit zur Eroberung. Django in love. Nach Paris, mais bientôt, ein Dutzend Liebesgedichte, gerne ein Song aus der Hüfte, wäre ich Bob Dylan – und der Bund fürs Leben sowieso! Sie war nicht mehr da.
An den folgenden Tagen und Wochen war ich häufig wie nie im „Bahnhof Langendreer“, ich gab einer Studentin, die dort kellnerte, und sich was traute, 100 Mark, und versprach ihr eine Menge mehr, sollte sie den Engel im Raum ausfindig machen (sie bekam eine Beschreibung, zehn Karten mit meiner Telefonnummer, ich nannte sie meine „Liebesdetektivin“). Sie machte einen guten Job, schoss ein paarmal ins Blaue, wie sie mir erzählte, doch der Engel tauchte nie wieder auf. Ich hätte schlichtweg sofort handeln müssen, in the moment. „And you want to travel with her, and you want to travel blind.“
Bill Bruford, master drummer & storyteller
Irgendwie kam ich auf flowflow vor Tagen auf meine liebsten Interviewpartner im Laufe der Jahrzehnte zu sprechen, und da darf in meinem Top 10 der Drummer Bill Bruford nicht fehlen. Wunderbar allürenfrei, ein authentsicher Gentleman, ein Künstler, der in seinem Leben sehr verschiedene Klangwelten erforscht und mitgeprägt hat – und nebenher noch ein exzellenter Storyteller ist, inhaltliche Substanz und pointierte Darstellung einswerden lässt. Das ist auch hier zu erleben, wenn man ihm gut zuhört, wenn er vom King Crimsons Klassealbum „Larks’ Tongues in Aspic“ erzählt. Ich traf ihn dreimal, in Kristiansand und zweimal in Köln – ein Künstler, der sofort eine entspannte Interviewatmosphäre herstellt, seinem Gegenüber natürliche Wertschätzung entgegen bringt, und einfach nur der Traum eines Musikjournalisten ist, in der Hinsicht, dass er einen fantastischen OTON nach dem anderen liefert, bestechend analytisch und dezent humorvoll.
Mit King Crimson erlebte ich ihn in Nürnberg 1982 mit 30000 Zuhörern – neben Neil Young war das „Discipline“-Quartett das Highlight eines langen Festivaltages – und sechzehn Jahre später auf der Bühne im Westfalenpark von Dortmund – ein weiterer Sommerabend voller Magie! Seine schon etwas ältere Autobiografie ist ein Muss für alle, die tiefer in Bill Brufords Denkweisen und Erlebnisse als Bandleader und Sideman eindringen wollen. Und sie ist en passant sehr witzig – das bessere Wort wäre „sophisticated“! HIER noch ein Auftritt von Bill Bruford als Interviewgast, der einen weiten Bogen schlägt – timewise, soundwise!
“Stargazing with Gregory“
„If there is a middle ground between Cluster & Eno, Terry Riley’s Shri Camel, and Yo La Tengo’s There’s a Riot Going On, it’s somewhere nearby. Lofty comparisons aside, Gregory Uhlmann’s Extra Stars seems to look beyond reference or imitation. Even the album’s title indicates as much — inspired by a trip to California’s Ancient Bristlecone Pine Forest, where the reality of the night sky’s starry expanse stretches beyond the boundaries of belief.“ (International Anthem HQ)
- Sunday, February 15, 2026
- 5:00 PM 6:00 PM
- Angels PointAngels Point Road, Los Angeles, CA
Die Cd / Lp erscheint am 6. März. Icn habe sie heute gehört, und der launige Vergleich trifft schon zu: stargazers‘ paradise – surreal, fragile, illuminating! Scheint irgendwie Klanghorizonte-Stoff zu sein… (m.e.)
Spätzünder
Für mich erstmal eine Überraschung, dass sich Gillian Welch und David Rawlings auf ihren anstehenden Live-Auftritten der Musik von Grateful Dead zuwenden. Ich habe einige Alben dieses Paars, das irgendwo zwischen zeitlosem Folk und neorealistscher Countrymusik eine einsame Klasse darstellt. Was aber Grateful Dead angeht, habe ich mir in ganz jungen Jahren nur ein Album von ihnen zugelegt: „Blues for Allah“. Ich war beeindruckt, aber nicht so, dass ich die Wege dieser Mythenumwobenen weiter verfolgt hätte. Die Neuauflage von „Blues For Allah“ auf Vinyl (Rhino) packte mich dann vor Wochen einmal mehr, ohne sanfte Blicke in den Rückspiegel der Zeit. Also erlaubte ich es mir, zwei Alben der „Grossartigen Toten“ zu besorgen, die mich nach einigem Stöbern besonders anlockten: einmal „Terrapin Station“, ein feines Album, das einen Hauch von „Abbey Road“ in die USA transportiert: Streichinstrumente, grosser Raum, opulente Sphären und feinsinnge Songgespinste! Das alles serviert mit den „deep americana roots“ der Gruppe.
Aber das war nur ein gelungenes Vorspiel für die Wucht und Wirkung, die „Live Dead“ gestern Abend auf mich ausübte. Ich kann mir gut vorstellen, wie dieses ausufernde, wilde, hypnotische Live-Album 1969 auf die Hippie- und Underground-Kultur gewirkt hat, und beneide Lajla, dass sie die Jungs und Mädels einst in San Francisco oder wo auch immer livehaftig erlebt hat: ich staune! Und ich sehe keinen Grund, es nicht an die Seite zu stellen des mir seit 1971 bestens bekannten, immer wieder gehörten, innig geliebten „Live At Fillmore East“ der Allman Brothers. Und mittlerweile kann ich mir gut vorstellen, wie das Duo Gillian / Welche die Melodien und Essenzen der Grateful Dead filtern und verwandeln! Es wird Abende geben, da werde ich das Kerzenlicht anzünden und sehr gerne, je nach Stimmungslage, eines dieser drei Alben aus dem Regal holen. Verdammt gute tiefe Musik. Räucherstäbchentauglich, wenn mir diese kleine „Regression im Dienste des Ichs“ erlaubt wird! (m.e.)
Im Vorübergehen notiert
Der Plan war, heute morgen um 7 Uhr an meinem liebsten einsamen Strand von Lanzarote rumzuliegen und zu schwimmen. Aber die angekündigten Temperaturen spielten nicht mit. Im Süden zu frisch, im Norden zu kalt. Eisberge vor Rügen, really? Die Alternative war, auf der Uwe-Düne in Kampen auf die Nordsee zu schauen mit Ralph Towners „Solstice“ im Walkman. By the way: wer erinnert sich noch an „The Sylt Loneliness Treatment“?! So reinigte ich den Pellett-Ofen, liess meine Mädels ausschlafen, ging Brötchen holen und die kleine Bergrunde. Im März dann!

Es ist Steve Tibbetts gewesen, der mir erstmals vor Jahren von Schallplatten erzählte, die in seiner Jugend wochenlang seinen Plattenspieler blockierten: „Dis“ von Jan Garbarek zählte dazu, Jefferson Airplanes „After Bathing at Baxters“, Cans „Tago Mago“. Jetzt, wo ich nur noch wenige Sendungen mache im Jahr, kehrt auch bei mit dieses Ritual bedingungslosen Wieder- und Wiederhören bestimmter Alben zurück. In der letzten Woche hörte ich songut wie nichts anderes als die neue Vinylfassung von „Oracle“ von Gary Peacock und Ralph Towner.
Jens hat schon recht, wenn er das karge Echo der Presselandschaft auf den Tod Towners bemerkt. Aber Der Spiegel betreubt seit Jahrzehnten konservativen Musikjournalismus, „Die Zeit“ hat nie einen würdigen Nachfolge für Konrad Heidkamp präsentiert, und nach dem Verschwinden von Karl Bruckmaiers „Musikseite“ ist auch die SZ im mediokren Zeitgeist angekommen: wenige Ausnahmen bestätigen die Regel, dass jedes neue Beyonce-Album einen Vierspalter verdient und jedes neue Freunschaftsbändchen der Taylor Swift-Gemeinde mehr Aufmerksamkeit erfährt als der Verlust visionärer Musiker jenseits des Mainstreams.
Ich suche noch ein konsensfähiges Konzert als Geburtstagsgeschenk, für das sich die Mädels so begeistern können wie ich. Nicht leicht: In Hamburg, da, wo Elke, Olaf, Norbert und ich Anouar Brahem erlebten im letzten Jahr, tritt 2026 Elvis Costello auf. Das Thema: seine frühen Songs! Retro kann aufregend sein bei diesem Elvis, denn man weiss nie: lässt er es krachen, oder serviert er ein Streichquartett? Aber 110 Euro für einen guten Sitzplatz und die weite Reise bedeuten ein dezentes No. Köln wäre noch okay gewesen.

Es ist ein paar Tage her, da bot ich auf dem Blog den „heiligen Gral“ von Herrn Roedelius zum Verkauf, nun meldete sich ein Interessent aus Passau, der mich auf 150 Euro runterhandeln wollte für meine limitierte „Forster Schatztruhe“ aus den 1970er Jahren. Ich lehnte freundlich ab. So lange Autofahrten ins tiefe Bayern sind schon ein paar Jahre her. Einmal sauste ich mit meinem Toyota nach Garmisch-Patenkirchen, um mir mittels einer Seilbahnfahrt zur Zugspitze die Eustach‘sche Röhre zu öffnen (voller Erfolg!), einmal besuchte ich Manfred Eicher im Hauptquartier, für eine längere Sendung über Tigran Hamasyans ECM-Album „Atmosphères“, einmal trafen sich die „Pioniere“ der kognitiven Verhaltenstherapie für Suchterkrankungen in Furth. i. W. vierzig Jahre später (auf der 8 Stunden Fahrt lief unentwegt Robert Fripps „Music For Quiet Moments“) – drei ganz spezielle „road movies“!
„Zwei Amerikas“ – Joe Boyds Rundbrief
Andrea und ich haben uns auf ein 18-monatiges Abenteuer begeben, um „And the Roots of Rhythm Remain” von Seattle bis Jaipur, von Edinburgh bis Querétaro zu promoten. Menschen und Momente bleiben lebhaft in Erinnerung, aber nur wenige sind so eindrücklich wie die von unserem Besuch in Minneapolis im vergangenen März. Unsere Veranstaltung fand im Cedar Cultural Center statt, einem warmen und einladenden Ort, an dem regelmäßig Künstler auftreten, die aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Sprache von ICE-Schlägern von der Straße weggeholt werden könnten. Nach unserem Soundcheck schlenderten wir ein paar Häuser weiter, um in einem familiengeführten Restaurant äthiopisch zu essen. Andrea, die einen Großteil ihrer Jugend in Addis Abeba verbracht hat, erklärte, es sei eines der besten Gerichte gewesen, das sie je gegessen habe.
Am Abend zuvor hatten wir in einem Hmong-Restaurant eine kulinarische Offenbarung nach der anderen erlebt. In den Nachrichten wurde letzte Woche von einer Razzia der ICE in der Hmong-Gemeinde der Twin Cities berichtet. Es fällt schwer, die Brutalität zu verdauen, die wir auf diesen eisigen Straßen sehen, wenn wir uns an die herzliche Geselligkeit in einem wunderbaren Restaurant voller Minnesotaner aller Herkunft erinnern. Wir aßen mit alten Freunden, deren Namen ich aus Vorsicht nicht nennen möchte, da sie derzeit Einwandererfamilien versorgen, die gefährdet sind, wenn sie ihr Zuhause verlassen, um zu arbeiten oder einzukaufen. Ein Freund fungiert auch als Späher, der von der ICE identifizierte Nummernschilder verfolgt und den Widerstand über deren Aufenthaltsort informiert.

Heutzutage scheint es zwei Amerikas zu geben: Bei unseren Veranstaltungen begegnen wir dem Amerika, das Freude an ungewohnter Musik, Essen und Sprache hat und gerne mit Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunftzusammenkommt. Diese Menschen legen auch Wert darauf, dass die Fakten stimmen. Auf der anderen Seite der Kluft sehen wir ein Amerika, das Angst vor dem „Anderen” hat und es ablehnt, während es Beweise, die seine Vorurteile nicht stützen, ablehnt und bekämpft. Die Einwohner von Minneapolis mögen vielleicht faktenorientierter sein als die Einwohner anderer amerikanischer Städte, aber die Region scheint Einwanderer und den Reichtum, den sie mitbringen, auf jeden Fall willkommen zu heißen. Vielleicht sind es auch die skandinavischen Wurzeln vieler Menschen, die am Oberlauf des Mississippi leben, die sie gegen Trumps Drohungen, Grönland zu beschlagnahmen, aufbringen. Wie dem auch sei, wir sind ihnen zu großem Dank verpflichtet.
In Großbritannien patrouillieren keine maskierten Bewaffneten auf den Straßen und werfen unschuldige Menschen in Transporter, aber es lohnt sich, an unseren „MAGA-lite“-Moment im Jahr 2013 zu erinnern, als die konservative Innenministerin Teresa May Transporter mit Schildern und Lautsprechern durch Einwandererviertel schickte, um den Menschen zu sagen, sie sollten „nach Hause gehen“ oder „mit Verhaftung rechnen“. 83 Jahre alt zu sein bedeutet, mehr Zeit mit Ärzten des NHS und deren Hilfspersonal zu verbringen, von denen etwa 90 % (jedenfalls in London) eindeutig nicht „angelsächsisch” sind. Ich bin immer wieder bewegt von der Empathie, Effizienz und Fröhlichkeit, mit der ich behandelt werde. Die meisten dieser heldenhaften Gesundheitsfachkräfte haben irgendwann einmal rassistische Beschimpfungen von Menschen mit meiner Hautfarbe erlitten, halten aber dennoch unbeirrt an ihrer Arbeit fest.Die meisten dieser heldenhaften Gesundheitsfachkräfte haben irgendwann einmal rassistische Beschimpfungen von Menschen mit meiner Hautfarbe erlitten, halten aber dennoch unbeirrt an ihrer Aufgabe fest, uns alle gesund zu halten. Ich habe eine Fantasie, in der Nigel Farage und Jacob Rees-Mogg krank werden und mit einem ausschließlich aus Weißen bestehenden Team von Krankenschwestern konfrontiert werden, angeführt von Louise Fletcher in ihrer Rolle als Schwester Ratched aus „Einer flog über das Kuckucksnest“, die eine riesige und ziemlich stumpfe Injektionsnadel schwingt.
Ich lese gerade „The History of White People“ von Nell Irvin Painter. Unter vielen anderen Entdeckungen ist die Tatsache, dass vor dem 16. Jahrhundert die Versklavung von Weißen genauso verbreitet war wie später die Versklavung von Schwarzen. Als diese abscheuliche Institution zu sehr mit Afrikanern in Verbindung gebracht wurde, wurde der Handel mit weißen Männern eingestellt und durch Zwangsrekrutierung, Strafarbeit und Leibeigenschaft ersetzt. Junge weiße Frauen wurden jedoch oft noch als „Beute“ im piratenhaften Sinne des Wortes behandelt.
Eine weitere Enthüllung ist, wie die griechisch-römische Welt „Barbaren” sah und sie als groß und stark, aber auch hässlich, schmutzig und stinkend beschrieb. Diese „Anderen” waren eigentlich Germanen und extrem weiß, sogar ekelerregend weiß, mit fahler Haut, verfilztem strohfarbenem Haar, unverständlicher Sprache und ungehobelten Gewohnheiten. Nachdem Germanen, Angelsachsen und Nordmänner die „europäische Zivilisation“ übernommen hatten, griffen sie diese Beschreibungen, mit denen sie einst selbst beschrieben worden waren, auf und wandten sie auf Afrikaner an. In Trumps Tiraden über Hunde essende Haitianer hören wir Anklänge an Herodot. Allerdings schrieb Herodot über Trumps Vorfahren.
Wenn wir zu angenehmeren Themen übergehen (aber nicht zu weit), finden auch unsere Besuche beim Jaipur Literary Festival in Indien und beim Hay Festival in Mexiko Resonanz. In Jaipur hatten wir die besorgten Artikel (und Berichte von akademischen Freunden) über die Unmöglichkeit, angloamerikanische Studenten dazu zu bringen, ein Buch – irgendein Buch – zu lesen, im Kopf, als wir die eifrigen Scharen junger Inder beobachteten, die zu den Vorträgen und Interviews strömten, Notizen machten, Fragen stellten und Stapel von Büchern kauften. Das Durchschnittsalter des indischen und mexikanischen Publikums dürfte etwa halb so hoch sein wie das ähnlicher Menschenmengen in Großbritannien oder Amerika. Die Welt ist jung und wissbegierig, auch wenn das in unseren eigenen, von den Medien verwirrten Gesellschaften nicht immer offensichtlich ist.

Wenn die politischen Unruhen der 1960er Jahre der Musik dieses Jahrzehnts eine zusätzliche Intensität verliehen haben, könnte dann die derzeitige aufgeheizte Atmosphäre die Leidenschaft in der heutigen Musik noch steigern? Das wird nur die Zeit zeigen, aber Andrea und ich haben in den letzten anderthalb Jahren auf jeden Fall eine Fülle spannender Live-Musik erlebt: Tinariwen beim Green Man Festival, Swamp Dogg und Arooj Aftab bei Big Ears, die Halkiades Band bei Christopher Kings „Why The Mountains Are Black”-Festival in Nordgriechenland, Olivier Stankiewicz, der der Barockoboe rockige Energie verlieh, bemerkenswert bewegende Londoner Tribute an Martin Carthy und The Incredible String Band, der südasiatische klassische Sänger Muslim Shaggan in einem Sikh-Tempel, Dan Penn und Spooner Oldham beim Americana Festival, der südafrikanische Cellist Abel Selaocoe in der Wigmore Hall, Robert Plants Saving Grace in der Festival Hall, Martin Hayes beim Borris Festival, eine Schostakowitsch-Sinfonie bei den London Proms und einige seiner Streichquartette in einer Kirche in Minneapolis, Trio Da Kali im Barbican, Michael Shannon und Jason Nardurcys R.E.M.-Tribute-Band, die mein Werk „Fables of the Reconstruction” aufführte, Martin Fröst, der Coplands Klarinettenkonzert bei den Proms grandios spielte…
Ein Höhepunkt war für mich Emmylou Harris‘ Meisterkonzert in Glasgow während des jüngsten Celtic Connections Festivals. Zu Beginn meiner Zeit als Plattenproduzent fiel mir auf, dass Harmoniegesang viel besser klingt, wenn sich die Stimmen in der Luft vermischen, als wenn jeder Sänger sein eigenes Mikrofon hat. Daher war ich begeistert, als zwei Mitglieder von Emmylous großartiger Band, Phil Madeira und Kevin Key, sich zu ihr in einem weiten Halbkreis um ein einziges Mikrofon stellten, um „Bright Morning Star“ a cappella zu singen; der Klang war tatsächlich so warm und voll, wie ich es mir erhofft hatte.
Als ich in den frühen 60er Jahren zum ersten Mal Bluegrass hörte, gab es immer ein einziges Mikrofon und eine rituelle Choreografie, bei der die Banjo- und Dobro-Spieler ihre Instrumente unbeholfen in Richtung Mikrofon hielten, während sie schicke Soli spielten und sich alle vorbeugten, um den Refrain zu singen. Das klang natürlich großartig. Audio ist nicht der einzige Bereich, in dem altmodisches „weniger” eine Verbesserung gegenüber modernem „mehr” darstellt, aber lassen Sie mich damit nicht anfangen, sonst sitzen wir den ganzen Tag hier.
Bis zum nächsten Mal!

Nachbemerkung von M.E. – Am 12. März ist Joe Boyd in Berlin (siehe comments), und HIER ist ein Gespräch mit ihm, das ferne Jahrzehnte und weit entfernte Räume zum Klingen bringt. Sein Buch ist tatsächlich all die guten Kritiken wert, aber es ist ein Riesenwälzer, das man am besten hin und wieder aus dem Regal holt, um sich in eines seiner Kapitel zu versenken. Joe Boyd gehrört zu den grossen Produzenten unserer Zeit, und vertritt einen spannenden Berufsstand, zu dem mir auf Anhieb Namen einfallen wie Joe Meek (seit ich Jan Reetzes Buch über diesen producer gelesen habe), George Martin, Manfred Eicher, Brian Eno, Daneil Lanois, Rudy Van Gelder, Michael Cuscuna und und und. Die Liste ist lang. Ein besonderes Verdienst von Joe Boyd ist, dass er seine Arbeit und die Musikgeschichte überhaupt auch in zwei tollen Büchern Revue passieren lässt.
„I sing the body acoustic“ (Begegnungen mit der Musik von Ralph Towner)
„Ich habe seine Musik im Laufe etlicher Jahre als zunehmend unverzichtbar empfunden, angefangen von „Solstice“ über die Oregonveröffentlichungen und die Soloplatten. Eine echte Offenbarung war dann „At First Light“, für mich ist da nochmal das ganze Towner-Universum erklungen – und ich habe gespürt, daß das eine Art Vermächtnis sein wird. Ich habe Ralph nie im Konzert erleben können, ich hatte zweimal Karten für ein Solokonzert, eines in Blomberg/Detmold und einmal in Einbeck bei Hannover. Beide Konzerte mussten krankheitshalber abgesagt werden. Selten habe ich es so bedauert, einen Musiker nie live gesehen zu haben. So begleitet mich z.Zt. eine Ralph-Playlist auf meinen Spaziergängen im Schnee, meinem ollen ipod sei Dank, bei „Nimbus“ und „Jamaicastopover“ drücke ich dann auch gern mal die Repeattaste.“ (aus einem Kommentar von Jens)
„Ralph Towners akustisches Gitarrenspiel (classic, 12-string) war bahnbrechend und eine Inspiration – auch für viele Gitarristen. Es wurde – solo und im Oregon-Kreis – nicht nur Musik gemacht – es war, als würden Parallelwelten geschaffen und Naturgötter beschwört. Komischerweise fand ich Klassische Gitarre immer relativ langweilig, aber der Ton, den eine Konzertgitarre erzeugen kann, den finde ich reizvoll. Abends beim Einschlafen zu den Klängen von Towners Twelvestring („Brujo“) hinüberzugleiten ins Traumreich – das bleibt unvergessen.“ (aus einem Kommentar von Jochen)

„My favourite guitarists? Neil Young, wizard – electric. Ralph Towner, wizard – acoustic. And then – Steve Tibbetts. A revelation from the first album onwards. I’ve been returning ever since. Always returning.“ So ähnlich begann ich mein Interview mit Steve über sein Album Life Of, dem Ende 2025 das mich nach wie vor tiefer und tiefer in seinen Bann ziehende Spätwerk Close folgte, viele Jahre später. Den Werken dieser drei Musiker bin ich über Jahrzehnte gefolgt, und hier möchte ich nun ein wenig über meine ersten Hörerlebnisse mit Ralphs Musik erzählen. Sein Auftritt mit Oregon im Sommer 1974 in Münster (im Landesmuseum) gehört zu dem Highlights meiner Konzertbesuche. Im gleichen Sommer sorgten auchb das Gateway Trio mit John Abercrombie, Dave Holland, und Jack deJohnette sowie das Jan Garbarek-Bobo Stenson-Quartett für magische Abende.
Ich bin Jahrgang 1955, und das bedeutete in meinem Falle, dass ich die hohe Zeit der Kinks und Beatles als Teenager voll mitbekam. Teilweise unter der Bettdecke mit Transistorradio, oder ersten Singles. Drei Wochen in den grossen Ferien, morgens gerne dreimal hintereinander, das Sgt. Pepper-Album zu hören, hatte massive Folgen! Bald folgten nich ganz andere Einschläge, wie etwa die ganz frühen Jahre von ECM – als rock- und jazzsozialisiertes Individuum öffnete sich mir auch noch als „greenhorn“ die wilden Klänggebräu des „elektrische Miles“, Soft Machines drittes Album(zu dem ich ein ähnlich obsessvies Verhältnis pflegte wie zu Sgt. Pepper) – und eben die ersten zehn ECM-Langspielplatten. Ähnlich wie Steve Tibbetts (der ja Jahre lang im Plattenladen „Wax Museum“ arbeitete, und die ungkaublichste Musik der entfesselten 1970er Jhre in Minnepolis’ heissesten Vinylshop geliefert bekam), kannte ich von den ersten 300 Platten des Münchner Labels mit der regelmässig wiederkehrenden Zeile „produced by Manfred Eicher“ ungefähr 250. So dicht wie Steve sass ich ja nicht an der Quelle!

Ich glaube, zu meinen ersten zwölf „ECM-Scheiben“ gehörte Ralph Towners „Diary“, ein Soloalbum, das ich immer zu meinen besonderen „Erweckungserlebnissen“ zählen werde. Ich liebte und liebe die Musik so sehr wie das Cover, ich erinnere heute noch, wie Manfred Sack in der ZEIT von seinem „Samtpfotenpiano“ schrieb, als er die Musik dieses klingenden Tagebuches beschrieb, auf dem Towner eben auch mal zu Gong und Klavier griff. Als ich in jenen Jahren darüber hinaus seinem überraschenden akustischen Auftritt auf einem Stück von Weather Reports „I Sing The Body Electric“ lauschte, seinem fast ebenso spartanischen Beimischungen auf Jan Garbareks „Dis“ (unvorstellbar dieses Meisterwerk ohne Windharfe und Ralph), den Oregon-Alben „Distant Hills“ und „Evening Light“, Ralph Towners „Solstice“, war der Pakt besiegelt. Nicht zu vergessen Raph Towners Album „with Glen Moore“ namens „Trios, Solos“, ein erster Schritt, das vertraglich an Vanguard Records gebundene Oregon-Universum zu locken. Ralph Towners 1970er Jahre endeten im Herbst 1979, als live in München und Zürich das nichts weniger als grandiose „Solo Concert“ entstand. Fragen sie mal Wolfgang Muthspiel danach!
Man muss kein Instrument spielen, keine Raketenwissenschaft betreiben, um Ralph Towners Musik zu verfallen – auf ureigene Weise behandelte er in seinem Spiel Unaussprechliches, Parallelwelten, Zwischenzonen: hier wurden tiefe Emotionen und Essenzen ausgelotet, für die es Annäherungen, im Reich der Worte, vielleicht in der modernen Lyrik geben mag, im Bewusstseinsstrom eines Sprachrausches, oder in fantasievoll-pointierter Musikkritik. Hier wie da wäre die Sprache jedoch ein reines Lockmittel, ein Empfehlungsschreiben für die Pforten der Wahrnehmung, die sich letztlich nur öffnen, wenn sich Tonarm und Nadel auf das Vinyl senken, und die Musik beginnt. Let‘s call it deep listening.
Und dann: die späteren Jahre? Der Zauber ging weiter, aber nicht jedes Album hinterliess bei mir gleichermassen tiefe Spuren. So endete für mich die grosse Zeit von Oregon mit dem Tod von Colin Walcott. Weit verzweigen sich die anderen Projekte von und mit Ralph Towner. Die tiefsten Hörerelebnisse hatte und habe ich, wenn Ralph reine Sologitarrenalben aufnahm wie „At First Light“ oder „Anthem“ oder „Timeline“ oder „Ana“. Und auch bei seinen beiden Duo-Arbeiten mit Gary Peacock „Oracle“ von 1994 und, Jahre später, „A Closer View“. Ausgerechnet zwei Tage nach seinem Tod erschien nun „Oracle“ in der „Luminessence“-Vinyl-Serie seines Hauslabels. Umwerfend. Ich hörte es zuletzt jeden Tag einmal vom ersten bis zum letzten Ton, und es packte mich wie damals in den 1970er Jahren („when I was younger, so much younger than today“).
Der Sound: schlicht überragend. Und auf „Oracle“ erfährt man etwas darüber, wie virtuoses Handhaben von Bass und Gitarre keine Sekunde lang in die Falle des Perfektionsmus tappt. Wie zwei Musiker es nie verlernt haben, in ihren Klängen jenen „Geist des Anfängers“ zu praktizieren, der sich dadurch auszeichnet, dass man eben nicht alles zu wissen meint. Und die eigenen Fragen, Ahnungen wie Anmutungen, in jede erdenkliche Tiefe transportiert. Ekstase braucht halt nicht unbedingt, in solchem Einssein von Konzentration und Losgelöstheit, Geschrei und Wildheit. Das Cover selbst, mit den verschwommenen Umrissen der Körper und Instrumente, ein gelungenes Pendant zum „Ungreifbaren“ der Klänge selbst!
Nachtrag zu meinem Album des Jahres 2025
Die französische Fachzeitung „Jazz Magazine“ ist mir bekannt seit der Mitte der 1970er Jahre, ich hatte sie zwei Jahre abonniert. Unvergesslich sind mit die beiden Rezensionen geblieben über „Get Up With It“ von Miles Davis und „Luminessence“ von Keith Jarrett und Jan Garbarek. In der letzteren begeisterte sich der Rezensent über den Ton des Saxofonisten, und verglich ihn, anhand diverser Parameter (Expressivität / Energie etc.), mit etlichen Jazzgranden von Pharoah Sanders bis Sonny Rollins. Der Titel des Werkes war titelgebend für die ECM-Vinylserie „Luminessence“, in der ausgewählte Werke der ECM-Historie in hervorragender Qualität neu aufgelegt werden, zuletzt etwa, und zufällig zwei Tage nach Ralph Towners Tod, sein exquisites Duo-Album „Oracle“ mit Gary Peacock aus dem Jahre 1994. In Kürze folgt meine Besprechung von „Oracle“.
In der ersteren versuchte der Kritiker, den Lesern des Blattes eine Pforte zum „elektrischen Miles“ zu öffnen, die noch immer dem „akustischen Miles“ und seinen zwei alten Quinetten hinterherträumten – am Beispiel der Stücke „He Loved Him Madly“ und „Maiysha“. Nun entdeckte ich auf Steve Tibbetts‘ Homepage einen „link“ im Rahmen der Besprechungen seines neuen Werkes „Close“: „Parlez Vous Francais?“ Hier der Anfang des Gespräches, aus eben jenem „jazz magazine“, der auch eine Erweiterung von Themen darstellt, die in meinem Radio-Portrait vorkamen: Steves enge Verbindung zur Musik von ECM, sowie seine Faszination für den Sarangi-Spieler Sultan Khan. Wer nicht gut unterwegs ist in dieser Sprache, kann es ja leicht mit „Deepl“ übersetzen!

Sur votre nouvel album “Close”, vous mêlez l’acoustique et l’électronique sans qu’on sache très bien ce qui est fait en temps réel ou en post-production. Pouvez-vous nous en dire plus sur le processus d’enregistrement ?
Je pilote des samples avec ma guitare acoustique [Steve Tibbetts, guitare en main devant sa webcam, joue un exemple de la sonorité hybride qu’on entend sur son disque]. Tout est donc fait en direct. J’enregistre depuis 1977, j’ai longtemps été fasciné par les capacités qu’offre le studio. La première fois que j’ai été dans un capable de multi-tracking je me suis dit « c’est ça qu’il me faut ! » Pour moi c’était le son de Tod Rundgren, Mike Oldfield, un rêve que j’avais toujours eu ? Je pensais que si une guitare sonnait bien, mille guitares sonneraient encore mieux ! Mais ça n’est pas toujours vrai. J’ai expérimenté avec ça à une époque mais maintenant c’est une démarche plus solitaire. J’ai aussi remarqué qu’à certains concerts, comme celui du violoniste Leonidas Kavakosque j’ai vu jouer du Chostakovitch en solo, il ne manquait de rien. Il y a bien des années, j’ai aussi été voir le grand joueur de sarangi Sultan Khan, et ça a changé ma façon de voir les choses. Le secret c’est d’essayer de trouver sa sonorité à la guitare avant de l’apporter à quelqu’un pour l’enregistrer.

Quand avez-vous découvert Sultan Khan ?
Mon ami, le tablaïste Marcus Wise, m’avait dit qu’il fallait absolument que j’aille à un de ses concerts, qu’il me donnerait même une place mais qu’il ne fallait surtout pas rater ça. « Marcus, j’ai fait de la musique toute la journée, j’en ai marre, là tout de suite je n’aime plus la musique ». C’était un jour où rien n’avait vraiment fonctionné musicalement, et je n’avais qu’une envie, c’était de rentrer me coucher. Mais il a insisté. J’avais quand même envie de voir les musiciens qui accompagnaient Sultan Khan : le grand joueur de tablas Alla Rakha et son fils Zakir Hussain – un de mes premiers concerts de musique indienne, c’était en 1975 avec Zakir et un flûtiste nommé G.S. Sachdev, un incroyable spectacle. C’était absolument stupéfiant de voir Sultan Khan jouer de cet instrument que je n’avais jamais vu, sa façon de promener son regard à travers la salle en jouant. Il avait facilement 30 ou 40 000 heures de pratique derrière lui, il avait dû commencer à l’âge de six ans et possédait un contrôle total sur le sarangi. Il semblait ne se soucier de rien. Alla Rakha et Zakir Hussain étaient de part et d’autre de lui, marquant des taals [des cycles de pulsations, NDLR] pendant que lui jouait son introduction en solo. J’étais fasciné, tout comme le reste du petit auditorium, rempli de musiciens bouche bée. J’ai été à quelques concerts décisifs comme ça dans ma vie.

Avez-vous le sentiment d’être plus proche que jamais du son de Sultan Khan sur votre nouvel album “Close” ?
Oui. Ou disons que c’est le mieux que je puisse faire. J’ai 71 ans, autant y passer un peu plus de temps sur un disque pour obtenir le résultat qu’on souhaite parce qu’il n’y aura pas tant d’autres occasions que ça. Je ne me projette plus quarante ans dans le futur comme jadis. Donc je suis très satisfait de cet album. Pendant l’enregistrement, mes intentions sont bonnes mais ça ne finit pas toujours bien. Souvent j’en fais trop, il y a trop d’ingrédients, et il faut revenir en arrière. Je compte donc sur Marc Anderson et d’autres pour me dire quand arrêter d’ajouter des choses. C’est aussi quelque chose que m’a appris ECM : certains albums très importants m’ont montré ce qu’on peut accomplir en restant simple. Quand j’ai reçu la lettre de Hans Wendl [qui fut longtemps l’assistant du directeur d’ECM, Manfred Eicher, NDR] m’annonçant qu’ils aimeraient travailler avec moi, je me suis précipité chez mon disquaire et j’ai acheté “Codona III” du trio Collin Walcott, Don Cherry, Nana Vasconcelos, et “Dolmen Music“ de Meredith Monk. C’était tellement génial de passer du temps avec Manfred Eicher et de lui demander comment les sessions de “Dolmen Music” s’étaient déroulées, comment ils avaient obtenu ce son sur le morceau Traveling par exemple. Il m’a dit qu’il avait dû quitter la pièce parce qu’elle était un peu tendue. Je connais Meredith aujourd’hui, nous sommes devenus amis, et elle me l’a confirmé tout en précisant que le résultat n’était pas aussi bon une fois qu’il n’était plus là. Voilà le pouvoir de cette production et de cette simplicité, sans parler du magnifique paysage sonore dont l’ingénieur du son Jan Erik Kongshaug avait le secret.**Im März 2026 tritt Meredith Monk in Berlin auf, wo sie dann auch den „Grossen Kunstpreis Berlin“ erhält. Auch vor dem Hintergrund ihres vielgerühmten aktuellen Werkes „Cellular Songs“ sind das gleich mehrere Gründe, Ingo J. Biermanns Film-Portrait eines Gespräches mit Meredith m März in unserer Seitenkolumne TALK zu veröffentlichen. Ein „Klassiker“ seiner „ECM Conversations“.