Two months to go
Ein gutes Musikjahr zeichnet sich nicht unbedingt durch einen gemeinsamen Sound aus. Die interessantesten Veröffentlichungen des Jahres 2026 bewegen sich vielmehr zwischen den Genres, greifen auf musikalische Traditionen zurück und suchen zugleich nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Eine vorläufige Longlist ohne Rangfolge, geordnet nach Erscheinungsdatum. Ein paar viel versprechende Alben stehen ja noch aus.
Momoko Gill, bekannt von einem tollen Duo mit Matthew Herbert, verbindet auf ihrem Soloalbum Momoko irgendwie Neo-Soul, Jazz, abstrakten Trip-Hop und elektronische Experimente zu einer eigenständigen musikalischen Sprache. Zwischen intimen, zurückgenommenen Songs und dem eindringlichen, von einem großen Chor getragenen „When Palestine Is Free“ zeigt sich eine Künstlerin, die musikalische Vielseitigkeit mit einer klaren persönlichen und politischen Haltung verbindet.
Im Jahr seines 75. Geburtstags habe ich Bill Frisell gleich mehrmals in Berlin erlebt, jeweils mit verschiedenen Trios. Sein Herzensprojekt, In My Dreams, das er sich selbst (und uns) zum 75. schenkte, versammelt langjährige Weggefährten in seiner persönlichen „Dream Band“ und lässt Jazz, Americana und Kammermusik in seinem unverwechselbaren Gitarrenton zusammenfinden. Die zwischen Konzert und Studio entstandenen Aufnahmen leben von trügerischer melodischer Klarheit, feinen instrumentalen Dialogen und einer Gelassenheit, die set jeher viele von Bills besten Alben auszeichnet.
Einen zurückgenommenen musikalischen Dialog entwickeln Marilyn Crispell und Anders Jormin auf Memento – ebenfalls einem Herzensprojekt, von dem mir Marilyn viele Jahre zuvor erzählte, zumal Anders und der schwedische Jazz für ihre künstlerische Entwicklung in den 1990ern wesentlich war – in dem jeder Ton, jede Pause und jede klangliche Reaktion Gewicht erhält. Nicht virtuose Selbstdarstellung, sondern aufmerksames Zuhören, improvisatorische Offenheit und ein tiefes, gewachsenes gegenseitiges Verständnis bestimmen diese fragilen und intensiven Dialoge.
Mit The Ark verbindet der aus Trinidad stammende, in England beheimatete Dichter und Musiker Anthony Joseph seine bildgewaltige Spoken-Word-Poesie mit einer ebenso kraftvollen wie beweglichen Mischung aus Jazz, Funk, Soul und afrofuturistischen Klangvorstellungen. Unter der musikalischen Leitung von Dave Okumu entsteht, als direkte Fortsetzung seines letztjährigen Album Rowing Up River to Get Our Names Back, ein Werk, das kulturelle Erinnerung, Mythologie und politische Gegenwart in einen hypnotischen musikalischen Erzählfluss bringt.
Getreu ihrer enorm langen Pausen zwischen Alben entfalten Seefeel, 15 Jahre nach dem grandiosen selbstbetitelten Album, auf Sol.Hz erneut ihren unverwechselbaren Kosmos aus Dub, Ambient, elektronisch verfremdeten Gitarren und geisterhaftem Gesang wieder neu und noch reduzierter als zuvor. Schwere Bassfrequenzen, instabile Rhythmen und langsam anschwellende oder verklingende Klangflächen schaffen eine Musik, deren eigentliche Ereignisse häufig in den Übergängen und kaum wahrnehmbaren Veränderungen liegen.
In einer ambitionierten großen Suite widmet sich Saxofonist Chris Potter auf Alive With Ghosts Today der Geschichte des amerikanischen Abolitionisten John Brown und den bis heute nachwirkenden Konflikten der Vereinigten Staaten. Mit einem Septett scheinbar divergierender musikalischer Köpfe, u.a. Bill Frisell, Nate Smith und der Violinistin Sara Caswell, entwirft er eine radikal eigene erzählerische Klangwelt zwischen Jazz, Blues, Folk und amerikanischer Orchestertradition, die bei der Kritik durchaus gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen hat.
Persönliche Krisenerfahrungen und Einflüsse aus Natur, Spiritualität und brasilianischer Musik verarbeitet Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien auf seinem zweiten Soloalbum Blue Morpho zu einem vielschichtigen, häufig geradezu euphorischen Sound. Zwischen psychedelischem Rock, elektronischen Texturen und opulenten Arrangements entsteht ein Album, das seine introspektiven Ursprünge immer wieder in große musikalische Gesten übersetzt.
Auf In Grief or in Hope verzichtet das kanadische Trio Big|Brave diesmal aufs Schlagzeug und konzentriert seine Musik noch stärker auf die physische Wirkung von Verzerrung, Feedback und tiefen, lang anhaltenden Gitarrenklängen. Inmitten dieser monumentalen, bisweilen verstörenden Klangmassen behauptet sich Robin Watties zerbrechlich wirkende Stimme und macht das Album zu einer eindringlichen Auseinandersetzung mit Trauer, Verletzlichkeit und Hoffnung. Wir haben diese Stücke im Frühsommer beim Berghain-Konzert erstmals erlebt, wo die Band rigoros einfach das komplette Album von vorne bis hinten gespielt hat. Auch wenn Big|Brave diesmal noch songhafter geworden sind, passt das Album gewissermaßen hervorragend zu Seefeel.
Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrer Gründung finden die Rolling Stones auf Foreign Tongues noch genügend Energie für ein Album, das Blues, Funk und Rock mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit verbindet. Keine Neuerfindung, sondern eine Band, deren Spielfreude und rhythmisches Gespür auch im Spätwerk bemerkenswert lebendig bleiben. In meinen Augen und zu meiner Überraschung ist dies sogar ihr bestes Album, seit ich die Band aktiv höre. Diesmal passt es sicherlich zu sagen, dass es ihr bestes seit (mindestens) 45 Jahren ist.
Ihren ohnehin experimentierfreudigen R&B erweitert Kelela auf New Avatar um Elemente aus Psychedelic Rock und Shoegaze, ohne dabei ihre charakteristische Verbindung aus sinnlicher Stimme und ausgefeilter elektronischer Produktion preiszugeben. Das Ergebnis ist ein atmosphärisch dichter, zugleich überraschend gitarrenbetonter Entwurf, der die Grenzen zwischen körperlicher Unmittelbarkeit und klanglicher Abstraktion weiter verschiebt. Als langjähriger Fan war ich letzte Woche wieder bei ihrem Berlin-Konzert, und wie sie gerade ihr bisheriges Oeuvre recht souverän einem facettenreichen Neuarrangement unterzieht, hat mich sehr beeindruckt, auch wenn ihr neues Album dem genialen Take me apart dann wohl leider noch nicht das Wasser reichen kann. Aber ich bin enorm gespannt, was sie als nächstes macht.
Nach zahlreichen elektronischen Experimenten kehrt Kurt Wagner alias Lambchop auf Punching the Clown zu einer reduzierten, überwiegend akustischen Instrumentierung zurück, ohne die Eigenwilligkeit seiner Musik aufzugeben. Wagners verschlungene Erzählungen über Erinnerung, Vergänglichkeit und amerikanische Lebenswirklichkeiten entwickeln gerade durch die sparsameren Arrangements eine besondere emotionale Intensität, und wie dann diese Chorarrangements immer wieder genial eingeflochten werden, hat mich nach 30 Jahren Lambchop dann doch überrascht und unerwartet berührt. Für mich sein/ihr bestes Album seit Is a Woman.
Ihre beiden London-Konzerte im Juni 2025 dokumentieren Pulp auf Live! und zeigen eine Band, deren Comeback weit mehr ist als nostalgische Rückschau. Was man absolut nicht erwartet hätte: Die neuen Stücke von More stehen mühelos neben Klassikern wie „Common People“ und „This Is Hardcore“, während Jarvis Cockers Bühnenpräsenz und die opulenten Arrangements von der ungebrochenen Gegenwärtigkeit dieser Songs zeugen. Zum Glück habe ich nach langem Hin&Her-Überlegen am Ende den Weg zu ihrem Konzert im Tempodrom – ihrem ersten Berlin-Konzert seit 30 Jahren! – gemacht. Und war enorm bewegt und begeistert, wie zeitlos diese Band und diese Songs doch mittlerweile sind. Einziger Wermutstropfen ist, dass auf dem Live-Album ein paar Höhepunkte der 2026er Tour nicht drauf sind.
Auf die musikalischen Wurzeln ihrer Heimat North Carolina besinnt sich Rhiannon Giddens auf Hope Is the Thing With Feathers und verbindet traditionelle Folkstücke mit eigenen Kompositionen und Einflüssen aus ihrer vielseitigen musikalischen Laufbahn. Das mit zahlreichen Weggefährten live im Studio eingespielte Album feiert Gemeinschaft, kulturelle Erinnerung und Widerstandsfähigkeit mit der für ihr Werk gewohnten historischen Verwurzelung. Nachdem ich Rhiannon Giddens‘ Soloalben allesamt sehr schätze, freue ich mich schon sehr darauf, Ende November für zwei Tage nach Hamburg zu fahren, um einen Teil ihrer „Reflektor“-Konzerte in der Elbphilharmonie zu besuchen.
Mit Hotel Usona entwerfen Protomartyr ein düsteres Konzeptalbum, in dem ein heruntergekommenes Hotel zum Sinnbild gesellschaftlicher Verwerfungen und politischer Entfremdung wird. Joe Caseys gar nicht mehr so lakonischer Vortrag korreliert mit einer musikalisch erweiterten Klangwelt aus nervösen Gitarren, Bläsern und ungewöhnlichen Instrumentierungen, die der vertrauten Schärfe der Band neue Facetten hinzufügt.
15 bekannte Songs aus sechs(!) Jahrzehnten unterzieht Meshell Ndegeocello auf Synonym einer radikalen Neubetrachtung und besetzt sie mit wechselnden, meist gleichgeschlechtlichen Gesangsduos (Cat Power, Chaka Khan, Anohni, Brandi Carlile u.v.a.). Zwischen Jazz, Soul, Reggae und (experimentellem?) Pop entstehen neue Lesarten von Stücken unter anderem von Human League, Dylan, Eno, Sonny & Cher und sogar zwei Mal den Bee Gees, die zugleich Fragen nach Geschlechterrollen, Identität und gesellschaftlicher Befreiung aufwerfen. Die Kritik nahm dieses Album zumeist etwas lauwarm auf, vielleicht weil Meshells vorhergehende drei Alben so innovative „Alternative Jazz“-Projekte mit reichen Ensembles und eigener Grammy-Kategorie waren. Dabei begeistert mich als langjähriger Fan wieder einmal, wie sie gewohnt rastlos in ihrer Kreativität bleibt und stets auf demselben beeindruckend hohen Niveau mit immer neuen Facetten überrascht. Offenbar ein leicht zu unterschätzendes Album.
Und gleich noch eine weitere innovative schwarze US-Songwriterin: R&B, Funk, Bounce, Reggae und elektronische Clubmusik verbindet Dawn Richard auf Creole Culture zu einer lebhaften Auseinandersetzung mit der kulturellen Herkunft ihrer Heimat New Orleans. Organische Instrumentierungen und programmierte Beats greifen ineinander und lassen ein Album entstehen, das musikalische Tradition nicht konserviert, sondern in immer neue Zusammenhänge stellt.
Gleich drei wirklich tolle Alben gibt es dieses Jahr, zum fünften Labelgeburtstag bei Red Hook Records (und das sage ich nicht deshalb, weil ich alle drei Alben mit kurzen „Dokus“ begleitet habe, sondern weil ich die Musik wirklich sehr gerne höre): Zuerst das zweite Album Shards des Trios BlankFor.ms, Jason Moran und Marcus Gilmore, dann das Jubiläumsalbum Peace Anthems, und nun, just zum Oktober-Ende Saxofon, Gitarre, Schlagzeug und Elektronik auf Trappings of Sleep von Caroline Davis, Grey Mcmurray und Qasim Naqvi, in einem ebenso konzentrierten wie offenen Zusammenspiel, das von fragilen Klangereignissen bis zu aufgewühlten, beinahe eruptiven Passagen reicht. Beide Trios erkunden die Zwischenräume von Improvisation und Komposition, von Genremixturen und von Wiederholung, Stille und klanglicher Verdichtung.
So unterschiedlich diese Veröffentlichungen sind, verbindet sie doch eine bemerkenswerte Offenheit gegenüber musikalischen Formen und Traditionen: Die interessantesten Alben des Jahres zeigen, dass musikalische Eigenständigkeit weniger eine Frage des Genres ist als der Konsequenz, mit der Künstler/innen ihre Vorstellungen verfolgen.
„a new flowie on the branch“

one crack leaves,
one crack comes:
welcome, Markus Reuter!read: „25 years of Drawn From Life“
Lieber Markus, 2021 waren die Klanghorizonte noch fünf Stunden lang, nachts von 1.00 Uhr bis 6.00 Uhr – und damals, im Juni, war dies die Playlist der ersten Stunde: du warst in guter Gesellschaft! Portico Quartet: III (from Terrain) / Sons of Kemet: Envision Yourself Levitating, from Black To The Future / Anthony Joseph: Calling England Home, from The Rich Men Can Only Be Defeated When Running For Their Lives / Vijay Iyer: Touba, from Uneasy / Anthony Joseph: Maka Dimweh, from The Rich Men Can Only Be Defeated When Running For Their Lives / KURT WAGNER SPEAKING / Lambchop: a track from Showtunes / J. Peter Schwalm & Markus Reuter: from Aufbruch
“stirrings still“ (immer noch nicht mehr) – von Richard Williams

If Mark Rothko’s paintings represent a visual approach to the condition of music, then Samuel Beckett’s poems, plays and prose are the literary equivalent. Not just the music of words: nicht einfach die Musik der Worte: eine Musik, die durch die Worte angedeutet wird, über sie hinausgeht und doch untrennbar mit ihren Klängen und Rhythmen verbunden ist.
„Stirrings Still“ war Becketts letztes Prosawerk: neun Seiten, etwa 2.500 Wörter, geschrieben zwischen 1983 und 1987, was bedeutet, dass es zwei Jahre vor seinem Tod fertiggestellt wurde. Und genau das scheint es zu vermitteln: einen Mann, der still über seine eigene Sterblichkeit, über Zeit und Verlust sowie über Unvollendetes nachsinnt und dabei unvollkommene Erinnerungen heraufbeschwört. Zu Beginn sitzt er an einem Tisch und beobachtet, wie er „aufsteht und geht“.
Paul Griffiths liest „Stirrings Still“ auf einem neuen Album mit demselben Titel vor; die Worte sind in 18 Abschnitte unterteilt, die durch Musik für Streichquartett des amerikanischen Komponisten Trevor Bača voneinander getrennt sind. Griffiths, den ich in den 1980er Jahren als Chefkritiker für klassische Musik bei der Londoner „Times“ kannte, ist ein vielfach ausgezeichneter Autor (unter anderem von drei Romanen), Librettist und Dozent.
Er ist kein Schauspieler, was bedeutet, dass die Betonung des Textes zurückhaltend ist – was dem Ganzen meist zugutekommt. Er hat eine gewöhnliche Stimme, die sich für ruhige Reflexion eignet, keine Aufmerksamkeit auf sich lenkt und daher gut zu diesem Beckett-Stück passt. Die fast beschwörenden Wiederholungen dürfen für sich selbst sprechen, während eine kleine Schwierigkeit beim Aussprechen der R-Laute einen Hauch von Unvollkommenheit und Charakter verleiht. Ein Bill Nighy oder ein Ian McKellen würden die Zeilen vielleicht besser „verkaufen“, aber das Ergebnis würde nicht so authentisch wirken.
Was dem Sprecher an Dramatik und Abwechslung fehlt, liefert Bačas Musik. Das Jack Quartet – Christopher Otto und Austin Wulliman (Violinen), John Pickford Richards (Bratsche) und Jay Campbell (Cello) – bietet ein Repertoire aus Kratz-, Sturz- und Sägebewegungen, beunruhigenden Obertönen, mikrotonalen Drones, rasanten Zickzackmustern und Glissandi, die wie ein aus den Gleisen springender Zug ruckeln, alles mit wunderschönem Timing und, in Manfred Eichers Produktion, einem Gefühl von Raum und Luft inszeniert. Erst am Ende überschneiden sich Erzählung und Musik – ein zurückhaltender Effekt zum Abschluss eines bemerkenswerten Werks.
- „Stirrings Still“ ist jetzt beim Label ECM New Series erschienen. Der Text ist zusammen mit denen von „Company“, „Ill Seen Ill Said“ und „Worstward Ho“ in einem von Faber & Faber veröffentlichten Band mit dem Titel „Company Etc.“ erhältlich. Das Foto von Beckett stammt vom Cover von „Stirrings Still“ und wurde von Rosemarie Clausen aufgenommen. (übertragen aus RW‘s Musikblog The Blue Moment)
Wochenende
Bert Jansch & John Renbourn: Bert & John (1966) – Zwei Gitarren, ab und zu Gesang. 30 Minute mit unendlichen Tongirlanden. Meisterwerk der Reduktion.
Bark Psychosis: Hex (1994) – Dieses tolle Album habe ich 2025 das erste Mal gehört. Tiefgründig. Auch hier wieder unendliche Tongirlanden, akustisch-elektronische Instrumentierung. All Gates are Open.
Ryuichi Sakamoto & Alva Noto: 12 Conversations (2026) – Die vierte Seite dieses Albums ist nicht von dieser Welt. Traumverlorene Lebensfreude schrieb Herr Engelbrecht. Trifft es sehr gut. Momentan mein zweitbestes Album dieses Jahres.
David Fincher: The Game (1997) – Hatte ich das letzte Mal vor mehr als 20 Jahren gesehen, ist gerade in der Arte-Mediathek verfügbar. Immer noch ein wirklich beeindruckender Film. Scary. Obwohl ich den Twist am Ende noch erinnerte, war ich wieder überrascht.
Phil Struck: Kiliae (2026) – Sehr hübsches Ambient-Album. Dreamy Soundscape. Acoustic Sketches.
Shearwater: The New World (2026) – Nicht ganz so tief wie Hex, aber das kann man ja auch nicht immer hören. A nice little guitar record.
Khan Jamal: Give The Vibes Some (1974) – Ein Duo Album, Vibraphon mit Trompete oder Schlagzeug. Wer wagt gewinnt. Pure Freedom.
Michael Engelbrechts beste TV Serien 2026
„Die Macher von „John Sugar“ sind begabte Gaukler, die ihre Genre-Versatzstücke über acht Episoden hinweg als Köder für eine facettenreiche Betrachtung der conditio humana auslegen – und dabei die Magie des Kinos immer wieder spürbar machen.“ (Michael über Sugar, Season 1)
Peter Handke kommt von Homer, ich komme von Emma Peel und vom Fuss der blauen Berge. Das Argument, TV-Serien seien Zeiträuber, empfinde ich leicht erheiternd, es wird von Zeitgenossen ins Spiel gebracht, die Serien nicht viel abgewinnen können. Es entsteht bei sensiblen Gemütern dann leicht der Eindruck, sie könnten mit ihren endlos begrenzten Tagen verschwenderisch, fast Zeit totschlagend, umgehen, was natürlich völliger Blödsinn ist, wenn man eine grossartige Serie über eine, zwei oder mehr Staffeln geht, die uns völlig gefangennimmt, bereichert, das Bewusstsein tanzen lässt, uns emotional und andersweitig „mitnimmt“, unvergesslich ist, und dazu ein paar Horizonte öffnet. Im folgenden, launig gerankt, aber glauben Sie mir, ich finde sie alle so gleichermassen aussergewöhnlich mit minimalen Präferenzen hier und da. Keiner frage mich wie, aber ich hatte die Gelegenheit, alle Folgen der vierten Staffel des nordirischen Detektivdramas „Blue Lights“ zu erleben, sowie alle Folgen von Tony Schumacher’s „The Cage“!
So weit, so gut: zwei Kolumnen verschwinden zu Beginn des kommenden Jahres aus den „monthly revelations“: aus RADIO wird „Radio Remembrance“ – und als einziger regelmässiget TV-Serienberichterstatter lasse ich BINGE sanft ausklingen, mit meinen zehn Highlights televisionärer Tranceerlebnisse 2026.1) Blue Lights (Staffel 4) (i like this series and some of the actors so much that i am an unreliable reviewer) // 2) American Hostage (much better in my opinion than the mixed and slightly positive reviews – top-notch Jon Hamm and Indianapolis 1977) // 3) The Cage (Staffel 1) (excellent plot, people drawn from life) // 4) Legends (a brilliant cast, true events, and „a big heart in spite of it all“) // 5) Small Prophets (surreal, human, and deep – „Wonder lies below the surface of this truly fantastic sitcom from the creator of Detectorists. It’s an impossible marvel of TV making“ ) // 6) Under Salt Marsh (the landscape, the story – and Kelly Reilly! Und: verfügbar in der ZDF Mediathek…) // 7) Last Seen (two dysfunctional families permanently falling apart) // 8) Maximum Pleasure Guaranteed („edge of the seat-overdose“) // 9) Sugar (Staffel 2) (for friends of film noir wth a twist) // 10) Dark Winds (Staffel 4) (clash of law and mythology)
For long autumn evenings

Man denkt, selbst als intelligenter Mensch, leicht in Schablonen, wenn man an Urlaub in Griechenland denkt. Strand, Meer, Sonne, und irgenwo in einer Taverne, aus der, unverwüstlich, „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens ertönt. Mein Tag in Rethymno, der vielleicht schönsten Stadt auf Kreta, wieder so eine Floskel, lief so ganz anders ab, aber wie kann ich das erzählen? Kein Drama, nur Absurdes Theater. Heute morgen kam die neue Musik von Athina Kontou in mein Postfach, und es tat mir unheimlich gut, das Auftaktstück „Kreta“ zu hören. Keineswegs die übliche Geselligkeitsfolklore! Am Strand von Matala jetzt, mit Blick auf die beiden Felseninseln, Erinnerungen an das große Abenteuer dieser Ferien, mit 2341 Passagieren in knapp drei Wochen!
covering a punching clown
Auf unseren Jahresrückblicken wird Lambchops PUNCHING THE CLOWN wieder und wieder auftauchen. Nun hat Lambchop aka Kurt Wagner eine neue EP mit dem Titel „Demoed“ veröffentlicht, die Demoversionen von Songs ihres jüngsten Albums „Punching The Clown“ enthält, gesungen von Gast-Sängern wie MJ Lenderman, Circuit des Yeux, Alan Sparhawk, Channy Leaneagh von Poliça, Dan Wriggins von Friendship, Lauren Auder, Flock Of Dimes und More Eaze. Hier ist einer davon: „Weakened“!
A propos Coveralben: „Synonym“ vin Meshell Ndgeocello gefällt mir ausgesprochen gut. „In the jazz-soul singer’s ‘expression of queer liberation’, stars from Chaka Khan to Bill Callahan to Cynthia Erivo duet on equally varied songs from Cher to the Human League and beyond.“ Lesenswert Alex Petridis‘ Besprechung in „The Guardian“!
FUN FACT: die tolle Vinylversion von Lambchops „Punching The Clown“ ist allein in Mono erhältlich. Retro kann so aufregend sein! (m.e.)
Filmgeschichte live im Filmmuseum Wien
ROBERT ALDRICH
Rebell in Hollywood
Robert Aldrich (1918–83) zählt zu den großen Filmemachern Hollywoods. Doch im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Sam Fuller oder Nicholas Ray wurde er nie kanonisiert, und sein Name ist bis heute weniger geläufig als jener von Stanley Kubrick, obwohl einige seiner Filme Weltruhm erlangten. Vielleicht ist das nur folgerichtig: Aldrichs rebellischer Geist sperrte sich gegen einfache Klassifizierungen und fordert bis heute neue Entdeckungen heraus. Seine kämpferische Persönlichkeit prägte auch sein kompromissloses Werk. Obwohl er populäre Filme für ein Massenpublikum schuf, blieb seine Botschaft stets subversiv. Sein großes Thema war das Leben als ständiger Kampf in einer feindlichen Welt. Kaum ein Regisseur seiner Generation stellte den Status quo so konsequent infrage. Hinter den Formeln Hollywoods verbarg Aldrich eine radikale Kritik und blieb sich dabei stets treu – auch auf die Gefahr hin, Publikum und Bewunderer vor den Kopf zu stoßen. (Programmhinweis)
Zur Retrospektive ist die erste deutschsprachige Monographie über ihn erschienen, eine Wahnsinnstat!
Robert Aldrich gehört seit Jahrzehnten zu meinen Helden des Genrekinos. Neben Don Siegel.
Meine drei Lieblingsfilme sind:
Kiss Me Deadly (1955)
The Dirty Dozen (1967)
Ulzana‘s Raid (1972)Film Noir, Kriegsfilm, Western. Jenseits von gut und böse. Absolut modern.
So gehen Kurzbiografien
Alf Mayer wuchs als Bauernsohn im Allgäu auf. Sein Dorf hieß, ungelogen, Jedesheim. Er wurde Journalist und Städter, lebte 33 Jahre in Frankfurt. Heute in Bad Soden am Taunus, wo er ein altes Kino retten half.Er war Redakteur der legendären Medienzeitschrift »medium«, gewann dort Georg Seeßlen als Autor, arbeitete mit Edgar Reitz (Heimat) und mit Alexander Kluge, übersetzte Noir-Krimis. Ist Mitherausgeber von CulturMag/CrimeMag. 
Georg Seeßlen verbrachte eine glückliche Kindheit in der Großstadt München und im Alpenvorland und eine sehr viel weniger glückliche Jugendzeit in einer rheinischen Beamten- und Garnisonsstadt. Studierte Kunst in München, spielte wie üblich in einer Rockband. Nach einer sehr lehrreichen Zeit als Briefträger und anders lehrreichen Tätigkeiten beim Fernsehen blieb das Schreiben für Zeitschriften und Radio und das Verfassen von Büchern übrig. Dabei ist es geblieben. Wer erinnert sich an „Red Sails“, einen der besseren Songs des insgesamt nicht so dollen David Bowie-Albums „Lodger“: „The hinterland, the hinterland / We’re gonna sail to the hinterland / And it’s far far, far far far, far far far away“. Das Stück wurde stark von deutschen Krautrock-Bands wie Neu! (mit ihrem typischen „Motorik“-Beat) und Harmonia beeinflusst. Bowie kombinierte dieses deutsche Gefühl mit einer Art schiffbrüchigen oder abenteuerlichen Seefahrer-Atmosphäre. Auf jeden Fall wäre dieser Song wohl eine gute Einstimmung für die Lektüre dieser etwas anderen Notizen aus der Provinz (soweit ich mich an die Erforschung medialen Undergrounds und diverser Trvialmythen der Zwei erinnere (natürlich mit doppeltem Boden und leicht verschärftem Bewusstsein)!
P.S. Und ein paar Monate später, im März 2027, begibt sich Jan Reetze auf die Spur des Sound-Astronauten Peter Thomas, der den Soundtrack der Wirtschaftswunderjahre schrieb: Songs für Esther & Abi Ofarim, Juliette Gréco, Donna Summer, Schlager, Kabarettstücke, Bühnen- und Hörspielmusiken, drei Musicals. Edgar Wallace. Karl May. Raumpatrouille Orion. Klingt nacn zwei Büchern, die ziemlich gut zusammenpassen, oder?!
Greetings from Rethymno
Auf Kreta, in ganz Griechenland, ist heute „Ochi-Tag“, ein Nationalfeiertag zum „Nein“ an Mussolini, der das Balkanland nutzen wollte für sein faschistischen Feldzüge. Es war wohltuend, friedlichen Paraden, Gruppierungen aus diversen Schichten der Gesellschaft zuzuschauen, alles ohne Pomp betrieben.

Die Strassen mit ihren Boutiquen und Cafés erinnerten mich an kleine Viertel in Paris. Einen Plattenladen fand ich auch, und ein Lied von Neil Young aus alter Zeit erklang zum Empfang. Das Antifaschistische scheint bis heute lebendig zu sein, das sah man an vielen Graffiti und Plakaten. (m.e.)