Ein heller Stern

Kein einfaches Buch, wirklich nicht. Aber eines, das nachwirkt.
Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch das Alkazar, ein Varietétheater auf St. Pauli, gegründet irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg, es existierte bis in die 1960er. Wer sich an meinen Blogpost von 2010 über die Maskentänzer Lavinia Schulz und Walter Holdt erinnert, oder mein Radiofeature über die beiden, bei dem läutet der Name Alkazar vielleicht eine Glocke, denn Walter Holdt hat 1923 in diesem Laden zeitweilig als Schlagzeuger gewirkt. Dieses Varieté war damals eines der modernsten überhaupt, mit versenkbarem Wasserbassin, Hebebühne und Wandleuchtern, die auch Wasserspeier waren. „Alle 15 Minuten eine Sensation — und in den Pausen keine Pause!“ war der Slogan des Hauses, seine Shows waren hocherfolgreich.
Anja Kampmann nimmt dieses Alkazar zum Ausgangs- beziehungsweise Mittelpunkt, allerdings nicht, wie ich angenommen hatte, in den 1920ern, sondern ihre Geschichte startet punktgenau im Jahr 1933. Hedda Möller arbeitet im Alkazar als Artistin. Sie tanzt auf dem Seil, während unter ihr im Wasserbassin Eddi und Fred lauern, zwei Kaimane.
Mit der Machtübergabe an die Nazis tauchen zunehmend Uniformen im Publikum auf, und die Lebensbedingungen aller Beteiligten verändern sich drastisch. Und es sind viele, sehr viele Lebensgeschichten, die hier erzählt werden.
Der Gründer und Besitzer des Alkazar, Arthur Wittkowski, ist eine St.-Pauli-Instanz, Hedda hält große Stücke auf ihn. Für die Nazis ist das, was im Alkazar vor sich geht, zu frei. Mit etlichen Tricks drängen sie ihn hinaus und setzen statt seiner den linientreuen Georg Leopold als „Betriebsführer“ ein. Der gibt dem Alkazar den treudeutschen Namen Allotria und modelt das Programm in gewünscher Weise um.
Jaan, Heddas großer Bruder, heuert als Harpunenschmied auf einem Walfangschiff an. Die Nazis wollten mit dem Walfang den Fettmangel im Reich beheben. Das klingt sehr heldenhaft und wurde auch im Hamburger Hafen so gefeiert, doch ist an dieser Arbeit gar nichts Romantisches. Der Walfang ist ein ungeheures Gemetzel, und die Autorin erspart uns nichts. Heddas jüngerer Bruder, Pauli, hat die Englische Krankheit, dadurch gehbehindert, zudem leicht autistisch, Hedda kümmert sich rührend um ihn. Aber auch er entgeht den Nazis nicht.
Wir lernen den Trompeter kennen, der leider nicht arisch genug ist, um die Bedingungen des Reichskulturkammergesetzes zu erfüllen und am Ende seine Trompete verkaufen muss, aber auch das hilft ihm nicht. Es gibt die Freunde aus den kommunistischen Sportvereinen, etwa Maks, aber sie alle werden nach und nach abgeholt. Es gibt jede Menge armselige kleine Wichte, die im Schutz ihrer Uniform, die sie nun tragen, zu brutalen Schweinen werden. Es gibt Leni, eine enge Freundin Heddas und eine zerbrechliche Person, die diese Typen in ihrer Arbeit im Bordell kennenlernen muss und zunehmend dahindämmert. Es gibt Heddas Schwarm, den Boxer Kuddel, der im Knast Fuhlsbüttel ermordet wird. Es gibt den „Grauen“, einen wohlhabenden Freier, der Hedda zeitweilig über Wasser hält — und in dessen Haus Hedda einen größeren Posten Laudanum und andere Opiate entdeckt, die dessen verstorbene Frau im Haus versteckt hatte. Es treten eine Vielzahl weitere Personen in Erscheinung; es sind fast zu viele, um sie alle im Kopf zu behalten.
Wir lernen Orte kennen, die man nicht kennenlernen möchte, etwa die Polizeibehörde, das KZ Wittmoor, das Stadthaus, in dem die „Ratten“ Schulz und Igor Hedda verhören, aber auch die Olympischen Spiele, einen Boxkampf mit Max Schmeling, Claire Waldoff tritt auf, und etliches mehr.
Hedda wird zwangssterilisiert, und man möchte würgen — denn die Frau, die das zu verantworten hat, hieß Käthe Petersen, war Sammelpflegerin in der Hamburger Sozialbehörde und verantwortlich für die Sterilisation und teilweise Entmündigung von rund 1100 Frauen, die sie als „gemeinschaftsschädlich“ ansah und „zur zuchtvollen Einodnung in die Volksgemeinschaft erziehen“ wollte. (Petersen ist dafür nie vor Gericht gestellt worden, sondern wurde 1949 Oberregierungsrätin und später Leitende Regierungsrätin. Ab 1951 arbeitete sie wieder als Sammelvormund. 1973 wurde sie zur Krönung ihrer Karriere mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.)
Auch, wenn man über die Nazizeit in Hamburg bereits gut informiert ist, so ist es doch ein Schock, wie drastisch manche Lebensumstände kippen und unter wie elenden Umständen viele Menschen damals überhaupt leben mussten — und was es noch erschreckender macht: Viele der Charaktere und Orte in diesem Buch sind, wie erwähnt, keine Märchenerfindungen, sondern es gab sie wirklich, und sie erscheinen mit ihrem wirklichen Namen. Im Anhang des Buches findet sich eine „Wer war was“-Aufstellung; es empfiehlt sich, einen Blick darauf zu werfen, bevor man in die Geschichte einsteigt. Nachschlagen lohnt sich ohnehin, denn man kann die Namen nicht alle im Kopf behalten.
Ich will hier den Schluss der Geschichte nicht verraten. Er spielt im Jahr 1937, ist in sich schlüssig und vermittelt einen kleinen Funken Hoffnung für Hedda und Pauli.
Ist schon alles dies eine nicht einfach zu schluckende Lektüre, so macht es einem die Autorin noch zusätzlich schwer, zu folgen. Zwar entwickelt die Geschichte einen starken Sog, aber Anja Kampmann, die als Lyrikerin begonnen hat, bedient sich in diesem Buch als Ich-Erzählerin einer hochartifiziellen Sprache, der zu folgen wirklich Arbeit bedeutet. Es ist, als säße Hedda neben einem und erzählte frei assoziierend ihre Geschichte. Direkte Rede wird ohne Anführungszeichen wiedergegeben, das Buch ist in meist kurze Blöcke unterteilt, die gelegentlich ein wenig hätten gestrafft werden können. Kampmann arbeitet obendrein mit Symbolen, deren Sinn sich nicht unbedingt sofort erschließt. Da gibt es etwa den „Keiler“ — er stellt die Atmosphäre dar, den die Nazis um sich verbreiten. Es dauert, bis man das begreift. Es gibt den „Braunen Wind“, worunter die SA zu verstehen ist. Prostituierte, wie sie natürlich auch im Alkazar vorhanden sind, heißen sämtlich „Ritas“; manchmal ist aber auch Hedda eine Rita, sie zerfällt dann sozusagen in zwei Teile und steht neben sich. Immer wieder wird „Schsch“ in den Text eingeschoben, was zunächst noch Sinn ergibt, aber irgendwann, wenn es wieder und wieder auftaucht, manieristisch wirkt.
Manches bleibt unklar; etwa, weshalb Hedda, obwohl sie zeitweilig in der „Produktion“ arbeitet, einem Genossenschaftsladen (in den 1950ern hieß er dann „Pro“ und war mit dem DGB verbunden; ich kann mich noch selbst an die Läden erinnern — meine Tante arbeitete in einem davon), bitterarm bleibt. Und schließlich setzt sie jeden Abend im hocherfolgreichen Varieté ihr Leben aufs Spiel. Trotzdem erzielt sie anscheinend kein Einkommen, von dem sie wenigstens bescheiden leben könnte. Es bleibt damit auch offen, weshalb sie keine Wohnung hat, sondern in Lenis Zimmer im Bordell, bei ihren Eltern oder bei dem Grauen übernachtet.
„Die Wut ist ein heller Stern“ ist vor knapp einem Jahr erschienen, und mein Exemplar stammt bereits aus der sechsten Auflage. Daraus wird man wohl auf einen Überraschungserfolg schließen dürfen. Aber der Erfolg ist berechtigt. Trotzdem wüsste ich gern, wieviele Käufer des Buches es wirklich bis zu Ende gelesen haben.
Nach dem Ende der Nazi-Ära übrigens erhielt Arthur Wittkowski das Alkazar zurück, doch wurde er schon 1947 erneut hinausgeworfen, diesmal wegen des angeblichen Besitzes von Schwarzmarktzigaretten, die damals die gängige Währung waren. Sein Nachfolger war kein anderer als wieder Georg Leopold. Arthur Wittkowski starb 1960 verelendet in einem Bauwagen.

Übrigens: Das Alkazar-Gebäude gibt es noch. Wen es interessiert: Es ist der Penny-Markt an der Reeperbahn 114, gelegen zwischen Talstraße und Hamburger Berg. Man sieht das Haus mit anderen Augen, wenn man dieses Buch gelesen hat.
Anja Kampmann:
Die Wut ist ein heller Stern
ISBN 978-3-446-28120-2
Hanser 2025, 498 SeitenA quiet place in Tunisia
Lieber Michael,
Ich wollte mich nur kurz melden zu deinet Mail und deinen inspirierenden Fragen. Die letzte Zeit bin ich sehr viel unterwegs und bin nur sehr selten an einem ruhigen Ort. Jetzt in Tunesien könnte ich einen erster Versuch machen im Schlafzimmer .. aber ohne Studio 🤷🏻♂️
Kurz: Ich bin dran und habe am Montag hoffentlich Zeit und Ruhe, dir eine schön klingende Version aufzunehmen.
Ich hoffe das ist noch ok!
Liebe Grüsse und ein schönes Wochenende Dir,
Björn Meyer!
monthly revelations: May
album Seefeel: Sol.Hz
archive Art Ensemble of Chicago : People In Sorrow
film „The Straight Story“ (1999, David Lynch)
binge „Criminal Record 2“
prose Bodo Kirchhoff: Nahaufnahme einer Frau, die sich entfernt“
radio Towner, Tibbetts, Abercrombie on heavy rotation
talk „Precht + Lanz über israelische Politik“„eleven rooms to remember“
Zwei Songalben in dieser Radiostunde, und dem Anschein nach könnten sie kaum unterschiedlicher sein, der „Desert“-Blues der Tuaregs von Tinariwen, und das jüngste Werk des gern als naiven Träumer gehandelten, nun selbst in die Jahre gekommenen Jonathan Richman. Aber, Vorsicht: Falle. So simpel verhält es sich nämlich nicht mit den Stereotypien archaischer Stammesklänge und ewigjugendlicher Charmeattacken. Beides geht in die Tiefe, und dazu braucht es kein Beduinenzelt und keine Meerschaumpfeife.
Überhaupt: einige dieser elf Räume lassen sich gar nicht wirklich betreten, andere schon. völlig unmöglich etwa, mehr als einen flüchtigen Eindruck und also praktisch nichts von Irmin Schmidts „Requiem“ zu vermitteln mit einer kurzen Passage, braucht die Musik doch alle Zeit der Welt, um sich zu entfalten. was da hilft, sind Geschichten, und eine davon erzählt Irmin Schmidt am besten selbst. er wird mit 89 Jahren zum ersten Mal gastieren in „meinen“ Klanghorizonten, vor ihm waren, lang ist es her, Holger Czukay und Jaki Liebezeit schon mit von der Partie. Jaja, „Der Sound der Jahre“, immer wieder gerne blättere ich in Jan Reetzes gleichnamigem Buch. (michael)
prelude: „surprise act with Roger“ mod 1 Seefeel: Sol.Hz mod 2 Jonathan Richman: Only Frozen Sky Anyway mod 3 Pan American: Fly The Ocean In A Silver Planemod 4 – Oton (1) Björn / Björn Meyer: Convergence / Oton (2) Björn / Etienne Nillesen: Twee – mod 5 – Etienne Nillesen: Twee / Oton (3) Irmin / Irmin Schmidt: Requiem Oton (4) Irmin – mod 6
O.S.T. Sirāt mod 7 Tinariwen: Hoggar mod 8 Boards Of Canada: Inferno mod 9 (Finale with Don) „the short eternal one“
The thing with the quiet heart
Hard times, Michael?
Yo, but there‘s a hope, a horizon.
(und ein Geländer, danke, Lajla!)
Still working as therapist?
Well, Ulf, i have my moments.
Your new case, well, somone who wants to make
his love a love for forever, right?
Forever and a day, Ulf. And now it‘s your turn.
Tom is waiting.“Yo‘ve got it good. And you‘ve got time
to discover it all.“ That‘s what one of my
professors at university used to say when he
saw it on our lost faces that we‘d never heard
of some artist he was talking about.Somehwere, at some point in time before,
I‘d heard „Streets Of Your Town“ and „Right Here“.
But I didn‘t really discover The Go-Betweens until
long after they‘d broken up (for the first time).Ulf, I lived with their music from start on. When I had heard
„Cattle and Cane“ for the first time, they‘d one over me.
Every song a lesson, deep, light, wave by wave.Wave by wave, Michael. Their songs fit right in with all the music
I was into back then. Songs that I felt told me things about my life –
even if I didn‘t alays understand the lyrics. When I hear those
songs today, I always get that feeling again, and I envy anyone
who can still discover The Go Betweens.Now, Thomas, „Quiet Heart“ is one of Grant‘s greatest love songs, no doubts. Robert Forster said: „It was a new kind of song for us. Slow and building, momentum and intensity rising, hitting the audience (and ourselves) in waves of emotion.“
Special suggestion: So here‘s the challenge: buy the book with the 11 Go-Betweens song comics, titled „Thank you for a lovely day“ and make some bice screenshots from Ulf‘s comic on „Quiet Heart“. Imagine a picnic on a green lawn near a forest, a power spot of yours, and there, on a little Sonos box, you play her the song, one time the music only, and the other time, you give her the pieces of paper with the paintings, the words – and the music, and, well… she will never forget the song and that is in this case, generously anyways, about her and you. Simple as that.

And, Tom, you don‘t do this as an academic exercise, or as some weirdo new age trick on the mind, you do it with love, and the papers will unfold you like a ballet of emotions. Simple as that, again.
“Doesn‘t matter how far you come
You have always further to go“
(from Quiet Heart)„it felt like 2 in the morning all the time“

Success meant freedom. Hollis resolved to make an ambitious album that had “an absolute calm, but an absolute intensity inside of that”. Work began on Spirit Of Eden on May 11, 1987, in an atmosphere of sensory immersion. Neither the control room nor the live room of Studio 1 had windows. The sessions took place, according to Wessex’s chief engineer Stuart Stawman,
“divorced from sunlight”. The aim was to recreate the mood of a late-night Traffic session in late 1967. Phill Brown – who had actually worked on late-night Traffic sessions in 1967, which was why he got the job – recalls “an endlessly blacked-out studio, an oil projector in the control room, strobe lighting. Twelve hours a day in the dark listening to the same six songs for months. As the months went on, it became pretty intense.”
“There was an oppressive feeling a lot of the time,” says Wessex’s former maintenance engineer, Richard Hill. “When you walked into the control room, you were enveloped. You were ‘in’ something, an atmosphere, which at times was lovely – but it’s wearing when it feels like two in the morning all the time.” (Excerpt)
Die Herkunftsgeschichte neu erzählen und sich befreien
Ein Jahr nach ihrem Erzählband „Manchmal das Glück“ erschien von Ulrike Sabine Maier im Herbst 2025 der erste Roman: „Hinter tausend Stäben“ (Edition Federleicht). Beide Bücher thematisieren belastende Einflüsse durch das persönliche Umfeld und die Vergangenheit. Erinnerungen, die weiterwirken, obwohl man lieber mit ihnen abgeschlossen hätte. Im Roman spielt die Familiengeschichte über drei Frauengenerationen und Prägungen durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle. Der Roman beginnt mit einer Schlüsselszene im Jahr 1965. Die 28-jährige Luise, schwanger mit Zwillingen, besucht ihre fast 50-jährige Mutter Inge, die in einem Krankenhaus im Sterben liegt. Vorwürfe, Fremdsein, Wut und Aggressionen kreuzen sich im Raum. Dabei fällt auf: Die Mutter schleudert ihre Gedanken wie Steine, Luise hingegen denkt sich meist ihren Teil. Nur von anderen hat sie etwas über die Mutter erfahren, sie selbst hatte nie das Gefühl, auch nur eine Mutter gehabt zu haben. Als Luise das Krankenhaus verlässt, spürt sie, dass die Geschichte ihrer Mutter für sie nicht zu Ende erzählt ist. Und doch fängt sie erst ein halbes Jahrhundert später damit an, die Vergangenheit ihrer Mutter aufzuarbeiten. Sie befragt Überlebende, durchforstet Urkunden, Briefe und Fotografien, sie reist nach Dresden und stellt sich ihren eigenen Erinnerungen.
Wie ich von Ulrike Sabine Maier weiß, kennt sie die Frau, auf der die Romanfigur Luise basiert. Die Romanautorin entwickelt also stellvertretend für die Person, die hinter der Romanfigur Luise steckt, eine fiktive, aber auf Recherchen beruhende Familiengeschichte mit dem zeitlichen Schwerpunkt von 1922 bis 1947. Zu Beginn ist Luises Mutter Inge sechs Jahre alt, freiheitsbedürftig, ehrgeizig, unangepasst und sehr intelligent; ihre Eltern betreiben das Palasthotel in Dresden. In anschaulicher, bildreicher und poetischer Sprache schildert Ulrike Sabine Maier in charakteristischen Szenen das Leben von Inge und, später hinzukommend, Luises Kindheit; dazwischengeflochten werden Passagen aus dem Jahr 2016 mit Luise. Nach einer Kindheit mit Schulwechseln und Internaten studiert Inge Medizin, sie engagiert sich im Widerstand, zieht nach München und lernt die Mitglieder der Weißen Rose kennen. Gleichzeitig ist sie mit der vom NS-Regime geförderten Pianistin Elly Ney und deren Tochter eng befreundet. Während der Diktatur geht es auf vielen Bereichen um Leben und Tod, auch wenn Inge als Ärztin plötzlich Gelbe Zettel ausfüllen soll. In Alltagsgesprächen, selbst in Freundschaften, stellt sich die Frage, wem gegenüber man die eigene Meinung andeuten kann. Inge ist eine vielschichtige und zerrissene Persönlichkeit; sie ist auch selbst, wie mehrfach angedeutet wird, psychisch krank. Luise ist ein ungewolltes Kind, und das hat sich ihr eingebrannt: Sie wird hin und her geschoben, mal ins Kinderheim, dann zu den Eltern des Vaters, die sie zwar versorgen, aber nicht akzeptieren. Luise macht immer wieder die Erfahrung, nicht gesehen zu werden, nicht bei ihrem Namen genannt zu werden, also keinen Namen zu haben, bei der Aufnahme eines Familienfotos beiseite gestellt zu werden, weil der Vater, der von der Mutter geschieden ist, eine neue Familie gegründet hat, und sie, Luise, neben der richtigen Familie nicht existieren sollte.
Motive durchziehen das Buch wie leuchtende Fasern: Die rote Wut oder auch das Tier im Menschen, ein Charaktermerkmal als Familienerbe. Formen des Lächelns. Die Fähigkeit, durch Wände zu gehen. Kopflose Engel. Der Geruch nach Rosmarin. Auch der Panther im Zoo. Der Titel des Romans ist einer Zeile aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Panther“, das um die Gefangenschaft des Raubtiers in einem engen Käfig kreist, entnommen.
Mich hat die Figur des Kriegskinds Luise (Jahrgang 1937) am meisten berührt. Ulrike Sabine Maier gelingt es, die kindliche Welt in jeder Altersstufe in angemessener Sprache zu transportieren. Zu den stärksten Szenen des Romans zählen für mich die, als Luise nach Ende des Krieges zum ersten Mal mit ihrer Mutter zusammenwohnt und ihr, die von Krankheit, Hunger und gebrochenem Herzen daniederliegt, tapfer eine Suppe bringt. Dann darf sie ein Gemälde des Nachbarn, der Künstler ist, betrachten. Sofort erkennt sie die Mutter darin, im Schwarz, und außen herum brennende Häuser kurz nach den Bomben. Dann negiert sie ihre Erfahrung, aus Scham, sie lacht und sagt, es sind doch nur Farben auf einer weißen Wand.
In der Zeit, in der Luise ihre Herkunftsgeschichte aufarbeitet, sind ihre beiden Töchter 50 Jahre alt. Als Generation der Kriegsenkel (Jahrgang 1966) spüren auch sie die Last des Familientraumas. „Wir sind nicht so, wie du es dir wünschst“, sagt Anna ganz ruhig. „Und da ist eine Leere, bei dir, bei mir, bei Susanne, die ich nicht erklären kann. Wie du selber sagst: Es fehlen Teile! In uns!“
Während des Zweiten Weltkriegs hat man Kindern oftmals vermittelt, dass sie keine Probleme haben und dass andere Menschen wichtiger sind als sie. Die Kinder hatten still zu sein und zu funktionieren. Ehemalige Kriegskinder wurden häufig als unauffällig und angepasst beschrieben. Das schreibt Luise Reddemann in ihrem Buch über Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie. Die Beschäftigung mit der traumatischen Belastung der Kriegskinder und Kriegsenkel war, so Reddemann, nach der Jahrtausendwende noch neu und ungewöhnlich und erst ab dem Jahr 2013 war einiges an Forschung in Gang gekommen.
Im Roman findet Luise doch etwas, was sie mit ihrer Mutter teilt. Da ist das Trauma, um das die Amerikanerin Jennifer die beiden sogar beneidet. Die Beobachtungsgabe, die Abenteuerlust. Und Mut, denn den braucht es, um sich intensiv mit einer schwierigen Familiengeschichte zu befassen. Am Ende des Romans haben sich die starren „Skulpturen der Erinnerung“ aufgelöst und eine neue Gestalt bekommen.
Ulrike Sabine Maier zeigt in ihrem hervorragend recherchierten, sorgsam gestalteten und auch gesellschaftlich wichtigen Roman: Das biologische Erbe jedes einzelnen Menschen schließt zwar die psychische Verfassung seiner Vorfahren mit ein. Die eigene Familiengeschichte legt jedoch nichts fest und sie definiert keinesfalls ein inneres Skript für den Lebensweg eines Menschen. Es ist nicht leicht, aber es ist möglich, die eigenen Erinnerungen zu bearbeiten, neu zu formieren und sich zu befreien.
Ein etwas seltsames Buch

Mein Exemplar hat noch keinen Spiegel-Bestseller-Aufkleber, aber dass das Buch schon kurz nach seinem Erscheinen auf Platz 14 landete, verwundert mich nicht. Inzwischen hat es die Liste aber bereits wieder verlassen.
Seltsam ist dieses Buch deshalb, weil es nicht einfach nur die (linken) Lebensgeschichten seiner Verfasser schildert, sondern weil man dabei auf eine fast unterschwellige Weise in die eigene Vergangenheit zurückgeworfen wird. In gewisser Weise ist dieses Buch also nicht nur ein Berichts- oder Essayband, sondern ein Spiegel.
Worum geht es also? Vierzehn Autorinnen und Autoren schildern in autobiografischen Skizzen, weshalb sie mal links waren (oder sich dafür hielten) und weshalb sie sich heute nicht mehr als Linke sehen. Die interessante Frage, die dabei auftaucht: Wenn sie aber heute nicht mehr links sind — ja, wo sind sie denn jetzt? Und genau das ist auch der Moment in jeder dieser Kurzbiografien, bei dem man sich fragt: Wo war denn ich, und wo bin ich jetzt?
Und was heißt das heute überhaupt, „links“ und „rechts“? Dass das ein weites Feld ist, erkennt man schon an der Unterschiedlichkeit der Autorinnen und Autoren: Henryk M. Broder, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, der Journalist Samuel Schirmbeck oder der jüngst verstorbene Schriftsteller Peter Schneider, Reinhard Mohr (der Co-Herausgeber dieses Buches) und einige andere. Fast alle sind Namen, die mich seit vielen Jahren auf unterschiedliche Weise begleiten, weil sie immer irgendwie „da“ waren.
Der Untertitel „Warum wir nicht mehr links sind“ verführt zu dem Schluss, dann seien sie wohl jetzt nach rechts abgewandert. Manchen wird es ja seit einiger Zeit ganz eindeutig (und oft mit großer Bosheit) nachgesagt. Aber so einfach ist es nicht, das merkt man schnell.
Der Buchrückseitentext wird mit einem alten Spruch Wolf Biermanns eingeleitet: „Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung.“ — Ich habe eher einen gegeteiligen Eindruck: Fast alle der Autorinnen und Autoren haben sich zwar in den linken Wegen, Parteien, Bewegungen, Gruppierungen, Grüppchen und Sekten der 1960er und 1970er Jahre verheddert, hatten aber Grundsätze, und denen sind sie weitgehend treu geblieben. Was sich geändert hat, ist die Bedeutung des Begriffs „links“. Wer sich heute für links hält, meint damit etwas anderes als die Generation, die in diesem Buch zu Wort kommt. Das ist die nachhaltigste Erkenntnis, die dieses Buch hinterlässt.
Eine zweite Sache, die mir beim Lesen aufgefallen ist: Fast alle der Beteiligten kommen aus der mittleren bis oberen Mittelschicht, aus Beamten-, aus Lehrerhaushalten, aus künstlerischem, kreativem oder juristischem Elternhaus. Sie haben in ihrer Jugend und im Studentenalter intellektuelle Freiheit erlebt (die allerdings oft zu großen geistigen und moralischen Verirrungen geführt hat, aber sie alle haben das irgendwann bemerkt). In fast allen Fällen stand dies dem Erklimmen der späteren beruflichen Erfolgsleiter nicht im Wege. Sie haben mit großer Selbstverständlichkeit ihre Karrieren gemacht, im journalistischen, künstlerischen oder universitären Feld. Man wird sagen dürfen: Ihr Linkssein war ein Luxus, den sie sich leisten konnten.
Ich selbst habe das alles ganz anders erlebt. Ich habe darüber schon im „Sound der Jahre“ einiges gesagt und will das hier nicht wiederholen. Die gedankliche (und materielle) Welt, in der die Autorinnen und Autoren lebten und noch immer leben, hatte so gut wie nichts mit der zu tun, in der ich aufgewachsen bin. Den Klempnerlehrling in Koblenz hat das alles, was in diesem Buch rekapituliert wird, nicht interessiert. Den hat, wie Dieter Nuhr mit Recht schreibt, die neue LP von Alice Cooper interessiert.
Da sieht man, welche Gedanken dieses Buch auslösen kann. Und immerhin, das ist doch schon etwas.
Ulli Kulke/Reinhard Mohr (Hg.):
Wenn das Denken die Richtung ändert.
Stuttgart 2026, ISBN 978-3-17-047170-2, 260 SeitenDie Welt des Begehrens von Bodo Kirchhoff
„Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, so lautet der bemerkenswerte Titel , von dem ich sofort dachte, hoffentlich ist er nicht besser als der gesamte neue Roman von Kirchhoff. Der Einstieg war etwas schleppend, eher ungewohnt für seine Erzählweise, die mich ansonsten bei jedem Buch sofort sogartig ins Geschehen brachte. Vom Literarischen Quartett wurde sein neues Werk auch wegen dem holprigen Anfang schlecht bewertet, allein Thea Dorn sprach von Mut beim Schreiben übers Schreiben. Ja, so war die andere Kritik, es ist zu akademisch, zu intellektuell und zu detailverliebt. Dem würde ich nur dem „detailverliebt“ zustimmen und die beiden anderen Attribute mit der Welt von Bodo Kirchhoff erklären. Für das Arbeitermilieu, sagt man das überhaupt noch, ich mag den Ausdruck Prekariat nicht, hat er mal gekämpft, er war gegen den Krieg, sogar Pazifist, was Habermas nie war. Er hat sich mit den französischen Philosophen beschäftigt, da kennt er sich gut aus, mit der Psychoanalyse und dem aktuellen politischen Zeitgeschehen. Dieses Wissen benutzt er in seinem neuen Buch als „Isoliermasse“, um die eigentliche Erzählung: ein Ehemann verliert seine Frau und versucht sie zurückzugewinnen, zu polstern. Er begehrt sie immer noch, ob wohl sie mit anderen Männern unterwegs ist, vor allem sexuell.Bodo Kirchhoff ist für mich der deutsche Schriftsteller, der brillant über Sexualität schreiben kann.

Nie geht ein Ausdruck ins Anrüchige oder Ordinäre, er beschreibt mit Sinnlichkeit, mit Erotik, mit Zartheit, mit Bedacht in der Wortwahl, das ist schon sehr gekonnt. Im Literarischen Quartett wurde eine Sexszene, sie will nicht, er will, als Vergewaltigung verstanden. Ich habe das nicht so gelesen. Es ist eine sehr erwachsene, reife Beziehung zwischen den Eheleuten, die sich schon lange in ihrer Sexualität auskennen, wo sich der Mann noch zuhause fühlt und die Ehefrau schon ausgezogen ist. Die erotischen Szenen, die seine Nochfrau mit einem Inder, der etwas Deutsch kann, weil seine Mutter ebenfalls aus dem Schwarzwald kommt, wie die Protagonistin, sind liebevoll, immer an der Liebe zweifelnd beschrieben. Aus der sich auflösenden Ehe gibt es eine Tochter, die sich ausgerechnet in einen Major verliebt. Das ist eventuell eine gelungene Idee, die den Bezug zu der Beschäftigung des Vaters mit dem Thema „eine Welt ohne Waffen“ herstellt. Diese Szenerie hat den Gestalten vom Literarischen Quartett gefallen, mir eher nicht, ich fand sie zu steif, zu bieder, fast konservativ. Dass sich die Mutter mit Phantasien über das Sexleben ihrer Tochter mit diesem Major Gedanken macht, fand ich unnötig, im Gegensatz zu dem analytischen Erzählen von Kirchhoff über die totale Kommunikation zwischen Liebe, Sex und Geist, die sie mit einem Liebhaber erlebt hat, das ist grossartig beschrieben. Der Tod ihres Liebhabers bringt die Eheleute noch einmal zusammen, sie weiss genau, das es zu Ende ist, während ihr Mann noch im Unbefreiten dümpelt. Solch ein Beziehungsauseinanderfallen nicht kitschig oder tränenreich beschreiben zu können, ist bei Kirchhoff wirklich meisterhaft geschrieben.
Ich empfehle den Roman, auch weil er mein Wissen seit Studentenzeiten auffrischt.
(L.N.)
