• Aus der alten BRD

    Man könnte auch an Chris Howland denken, und seine „Musik aus Studio B“. Er nannte sich „Heinrich Pumpernickel“, und wenn der Brite den den Plattenjockey gab, war sogar der deutsche Schlager auszuhalten. Der schelmische Vogel gehörte zu einer alten Bundesrepublik wie Nierentische, Tri Top, Freddy Quinn, Heimatfilme, Emma Peel, Winnetou, die Beatles in Essen, Sachertorte, Raumschiff Orion, und der Geruch der Kartoffeln im Treppenhaus. Wenn solche Menschen sterben, merkt man, dass eine Zeit schon lange zuende ist, von der viele einst dachten, sie würde schlichtweg immer so bleiben – eine Traumfabrik. Alles wird gut, war das geheime Motto, und die kolportierte Lüge, indes: alles ist aus, vorbei. History.“ m.e.


    Zum 60-jährigen Jubiläum von Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion erscheint Ende Mai die siebte Veröffentlichung der Peter-Thomas-Reihe als erweitertes, klanglich überarbeitetes Reissue auf CD und LP.

    Der ikonische Soundtrack gilt bis heute als einer der prägendsten der deutschen TV-Geschichte – futuristisch, rhythmisch, wagemutig. Peter Thomas verlieh der Serie eine einzigartige Klangsignatur, deren Strahlkraft weit über das Bildschirmformat hinausreicht. Der legendäre Vocoder-Countdown und Titelthema wurden zahllos gesampelt, gecovert und neu interpretiert – u a. von Pulp, Pizzicato Five, Die Fantastischen Vier und Mousse T.

    In Zusammenarbeit mit Philip Thomas konnten vier bislang unveröffentlichte Stücke aus dem Nachlass des Komponisten ergänzt werden. Die LP basiert auf der Philips-Originalausgabe von 1966, erweitert um die neuen Titel – und enthält ausschließlich Musik, die in der Serie zu hören war, mit einer Ausnahme: »Bolero on the Moon Rocks«, dessen Sample Pulp 1998 zu »This Is Hardcore« inspirierte. Die CD bietet über 60 Minuten Originalmusik, inklusive rarer Outtakes, ohne später hinzugefügtes Füllmaterial.

  • „Patience der Horizonte“ (Version 3)

    Whitney Johnson / Lia Kohl / Macy Stewart: Body Sound
    Judith Berkson / Gerald Cleaver / Trevor Dunn: TheeTheyThy
    Eivind Aarset: Strange Hands

    “An unpredictable ECM vocal maverick a la Meredith Monk or Sidsel Endresen, mezzo soprano and pianist Berkson is at her most intimate on this collaboration with bassist Trevor Dunn and drummer Gerald Cleaver. From Torque‘s avant garde shifts to Thee The Thy‘s spic staccato and jerky vamps and Amerika‘s Satie-like introspection, Berkson‘s creations are highly unconventional, distinguished by her pliant, resonanz voice and inimitable command of tone.“ (A.C., Mojo, May 2026)

    Etienne Nillesen (Snare Drum Solo Album)
    Miles Davis: He Loved Him Madly (Miles 100 – a short story about a long track)
    Björn Meyer (Electric Bass Solo Album)

    O.S.T. Sirāt 
    Tinariwen: Hoggar 
    Sunn O)))*

    * Liner notes for the album are provided by award-winning British writer Robert Macfarlane, famed for his works concerning landscape and the multifaceted relationship between humanity and nature. Macfarlane negotiates the peaks and valleys of the SUNN O))) sound in a poetic, philosophical manner

  • “Dieses Sommergefühl“

    Es passiert das Schlimmste, wenn man nicht damit rechnet. Und manchmal auch ein Glück. Zwischen diesen Polen entfalten sich die gesammelten Flüchtigkeiten, die leisen Töne dieses Reigens aus Melancholie, Unruhe und Trost. Der dritte Film von Mikhaël Hers, den ich in kurzer Zeit erlebe, sein Stil ist nicht zuletzt von der magischen Alltäglichkeit eines Eric Rohmer beseelt , und so überzeugend wie „Mein Leben mit Amanda“ und „Passagiere der Nacht“. Es passt alles in diesem schönen Film über Verlust, „in dem die Lebenden unter der Sonne wie getriebene Schatten unter der Sonne umherirren, wo das Glück Unschlüssigkeit und die Schönheit menschenleerer Großstädte Trost bedeutet“. Schön gesagt. Und immer wieder diese doppelten Böden und Untertöne der Songs und „instrumentals“. Selbst „Teenage Kicks“ von den Undertones findet seinen idealen Platz in all diesen Schwebungen des Seins zwischen New York, Berlin und Paris. Und, ganz gross, das allerletzte Lied der Sorte „mir komplett unbekannt und auf Anhieb völlig vertraut“. (Auf DVD ist der Film erhältlich, wie die beiden anderen auch.)

  • „Another holy grail“

    Zu den Schätzen meiner Cd-Sammlung zählen sicherlich Miles Davis‘ „The Complete On The Corner Sessions“. Anlässlich der Zeit rund um Miles Davis 100. Geburtstag hat die Jazzredaktion des Deutschlandfunks  im Mai einige Sondersendungen geplant. Vielleicht sollte ich ja auch in den Klanghorizonten am 28. April mein Scherflein dazu beitragen, mit einer Kostprobe dieses „heiligen Grals“, der natürlich unverkäuflichen Sorte. R. Jackson schrieb jüngst darüber in „The Aquarium Drunkard“:

    „Es ist geradezu schicksalhaft, dass „On the Corner“, das am wenigsten geschätzte und am wenigsten verstandene der Fusion-Alben von Miles Davis, nun im Mittelpunkt des begehrtesten Miles-Box-Sets steht. Das liegt zweifellos zum Teil an der hochwertigen Aufmachung: Wie die meisten anderen Boxen, die die epochalen Werke des Trompeters für Columbia Records versammeln, sind die CDs in einem dicken Buch mit Metallrücken untergebracht, das glänzende Fotos, exzentrische Illustrationen sowie ausführliche Essays und Anmerkungen enthält – alles verpackt in einer robusten PVC-Box.  

    Als jemand, der endlich ein Exemplar zu einem Preis ergattert hat, der etwas unter dem völlig überzogenen Marktpreis liegt, kann ich Ihnen versichern: Die Prägung ist in der Tat der Hammer.  Doch der wahre Wert dieses unglaublichen Schatzes liegt in den vielen Stunden unveröffentlichter Aufnahmen, die den letzten, zwar unsteten, aber dennoch atemberaubenden Höhepunkt von Miles’ Schaffensphase als Studiokünstler und klanglicher Visionär der 1970er Jahre einfangen. 

    Zugegeben, einige der unveröffentlichten Tracks tendieren zur Formlosigkeit – sofern man von einer Form bei solch kraftvoll wandelbarer Musik überhaupt sprechen kann. (Nichts kommt an das Sonny-Sharrock-Echoplex-Spektakel heran, das auf „The Complete Jack Johnson Sessions“ zu finden ist und eine reine Offenbarung darstellt.) 

    Sagen wir einfach, dass einiges davon nicht das kraftvolle, geheimnisvolle Anziehungsfeld des Originalalbums entfaltet, dessen mutierter Funk Drum ‘n’ Bass, Trip-Hop, Postpunk und andere, noch unentdeckte Genres vorwegnahm. (Die unbearbeiteten Stücke des Albums verlieren nichts von ihrer komplexen, ursprünglichen Faszination.) 

    Aber selbst die eigenwilligsten Jams haben ihre Momente purer, nach der Leere strebender Schönheit und erdiger, überirdischer Magie, und die Gelegenheit, sechs Stunden im Hüft-, Kopf- und Herzraum dieser Musik zu verbringen, sollte als wahrer und bedingungsloser Segen betrachtet werden. 

    Wie der Percussionist Mtume im Booklet sagt: „Denn man kann nicht wirklich messen, wie weit es sich ausbreitet. Miles schuf eine Musik, aus der Elemente für jedes Musikgenre extrahiert werden konnten. … Und es gibt kein Lineal, um diesen Zentimeter zu messen. Wie man in der Kirche sagt: Ein ‚Amen‘ passt genau hier. Das ist die Wahrheit, Bruder.“ Amen.“

  • Der Leuchtturm ist verloschen

    Henry Thoreau schrieb in seinem Buch „Walden“, dass es ausreiche, nur eine Zeitung richtig zu lesen, danach bräuchte man keine weitere.

    Ich habe nur ein Buch von Jürgen Habermas gelesen, „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Ich musste es lesen, weil ich in einem Publizistik Seminar sass und der Dozent uns aufforderte, das Buch binnen einer Woche zu lesen. Nach einer Woche schrie ein Seminarteilnehmer den Dozenten an, er hätte nichts verstanden und das Buch an die Wand gedonnert..Wir wurden gebeten, einen weiteren Versuch zu unternehmen. Auch ich hatte nicht viel vom Strukturwandel verstanden. Mich faszinierte die Sprache, die ich mir mühsam übersetzte und arbeitete mich langsam, aber zäh durch. Die Mühe hatte sich gelohnt. Bis heute greife ich immer wieder auf dieses Buch zurück. Ich liebe es, wenn jemand auch heute die intellektuelle Sprache drauf hat (danke Martina). Für mich war in allen politischen Lebenslagen Habermas der erste, den ich um Rat las. Er wird uns als demokratische Stimme sehr fehlen.

    Dass ausgerechnet Wolfram Weimer, damals Chefredakteur beim Cicero, die Story vom „Wahrheitverschlucker“ breittrat, wird ihm jetzt aufgestossen sein. Habermas hatte damals auf einem Geburtstagsfest einen Zettel, auf dem wohl stand, dass er mit 15 Jahren Nazimitglied gewesen sei, einfach gegessen. Derselbe Weimer ist heute Staatsminister für Kultur, die Grünen und die Linke waren von Anfang an dagegen. Damals hetzte er gegen Habermas und Grass, heute lässt er linke Buchhandlungen vom Verfassungsschutz überprüfen und behauptet die Jury, die den Buchhandlungspreis vergibt, hätten diese Buchhandlungen garnicht auserwählt. Er lügt. Die Anwälte der betreffenden Buchhandlungen haben schon von der Jury ihre Wahl bestätigt bekommen.

    Weimer hat wahrscheinlich das Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ auch an die Wand geworfen.

    (L.N.)

  • Wochenendausflug nach Osnabrück

    Von Hannover ist es nur ein Katzensprung nach Osnabrück, zudem ist die Stadt an der Hase meine alte Heimat. Als ich dort am ersten Weihnachtstag abends kurz mit Freunden in einer Kneipe saß, lag auf dem Tisch ein Flyer: Jazzfestival Osnabrück, 13.–15. März. Angekündigt war unter anderem das Jakob Bro Trio. Noch 2025 habe ich mir ein Festivalticket besorgt.

    Am Freitagabend standen drei Formationen auf der Bühne: das Aaron Parks Trio, Enji und Re:Calamari. Veranstaltungsort war das Blue Note, ein kleiner, intimer Club mit Baratmosphäre, der mich an beiden Abenden mit einem ungemein transparenten, sehr präzisen Klang überraschte.

    Nach einer Fahrradfahrt durch strömenden Regen traf ich mich um 19:00 mit A., gerade als die erste Anmoderation vorbei war und das Aaron Parks Trio die Bühne betrat. Es war ausverkauft; wir wussten zunächst nicht recht, wohin, wurden aber sofort sehr gastfreundlich auf zwei freie Stühle an einem Tisch hingewiesen.

    Kaum hatten wir Platz genommen, begannen die drei zu spielen: Klavier, Schlagzeug, Bass – sehr lyrisch. Jede*r bekam viel Raum, und doch hörten die Musiker einander aufmerksam zu. Schon zu Beginn ein echtes Highlight. Der lange Applaus bestätigte das.

    Das zweite Konzert war von der mongolischen Sängerin Enji, die von Kontrabass und einer erzählenden Gitarre begleitet wurde. Ganz feine Klänge wurden hier gewoben; viel Raum zwischen den Tönen, die Musik konnte atmen – und das Publikum ließ ihr gebannt diesen Raum. Kaum Husten, kaum Gläsergeklirr, kaum Gerede. Die Entscheidung der Veranstalter, den Getränkeausschank während der Konzerte zu unterbrechen, konnte ich spätestens jetzt gut nachvollziehen: Die Nebengeräusche wären viel zu laut gewesen. Insgesamt war das wunderbare Konzert der Formation um Enji mein Favorit des Abends.

    Das letzte Konzert spielten Re:Calamari, ein Fusion-Jazz-Quartett aus Köln. Sehr treibend und energetisch: abgefahrene Synthesizerklänge, virtuose Soli, Schlagzeug und Bass als Groove-Maschine. Ganz anders als die eher leisen Künstler zuvor – aber kaum weniger begeisternd.

    Am nächsten Tag hörte ich mir um 17:00 ein Podiumsgespräch mit dem Titel „Jazz zur Sprache gebracht“ an. Kundig und unterhaltsam wurde anhand von Klangbeispielen – von Eric Dolphy über Django Reinhardt und Mary Halvorson bis zu Shake Stew – über Jazz gesprochen. Ein besonderes Highlight war eine unveröffentlichte Aufnahme des skandinavischen Keith Jarrett Quartetts aus dem NDR-Archiv.

    Das Jakob Bro Trio war der eigentliche Anlass für meinen Besuch. Ich habe die Formation, Jakob Bro an der Gitarre mit Thomas Morgan am Bass und Joey Baron am Schlagzeug, vor ein paar Jahren in Hannover gesehen. Damals gefiel mir das Konzert sehr, doch der Samstag hat das noch einmal deutlich übertroffen. Über zwei Stunden betrieben die drei konzentrierte Klangforschung: spannungsgeladene, feine, leise (Zwischen-)Töne. Nach der Pause wurde es kurz einmal laut und krachig, meistens lauschte die Musik aber der Stille. The most beautiful sound next to silence.

    Das Konzert der Band „Hilde“ am Sonntag habe ich dann nicht mehr mitgenommen – zu verführerisch war der freie Nachmittag zu Hause, sodass ich schon um kurz nach 11:00 wieder in der Regionalbahn saß.

    Insgesamt ein sehr lohnendes Wochenende. Osnabrück ist zu wünschen, dass dieses kleine Festival zu einer festen Tradition wird und sein fantastisches Niveau halten kann.

  • Bright Spirit

    (English see here, please)

    Vielleicht bin ich ja ein bisschen altmodisch, aber ein neues Album von Gong ist noch immer ein Grund, neugierig zu sein — jedenfalls für mich. Eine Single-Auskopplung war schon seit Januar zu haben („The Wonderment“), jetzt ist das Album da:

    Wie die Band auf ihrer Bandcamp-Seite selbst sagt, „the longest running line-up of this legendary international psychedelic band, comprising members hand-picked by founder Daevid Allen, intending that his mystical vision continues“: Kavus Torabi, Gesang, Gitarren, Synthesizer und Harmonium; Fabio Golfetti, Gesang und Gitarre; Cheb Nettles, Drums und Gesang; Dave Sturt, Bass und Gesang; Ian East, Blasinstrumente. So stabil wie diese war tatsächlich keine der diversen Besetzungen unter Allens Regie.

    Was sofort auffällt: Der Band ist offenkundig völlig egal, welche Trends derzeit den Musikmarkt beherrschen, aber man fühlt sich sofort zu Hause. Dennoch hört sich Bright Spirit anders an als die Vorgänger. Während das letzte Studio-Album mich noch stark an Zappa erinnert hat, fühlte ich mich jetzt schon im ersten Track („Dream of Mine“) zurückversetzt in eine Melange aus Embryo und der Steve Hillage Band der mittleren Siebziger, auch Anklänge an Soft Machine sind zu hören. Und das ist nicht negativ gemeint; die Band kann spielen, und offenkundig wusste sie auch, wohin sie wollte. 

    Meditativ-psychedelische Layers wechseln sich ab mit ungeraden Taktarten, dazwischen funken Gitarrenriffs, Glissando-Gitarre (seinerzeit Daevids Spezialität) und Keyboard-Einsprengsel. Einzig der Gesang überzeugt mich nicht durchgehend; irgendwie hat man dauernd das Gefühl, jetzt müssten Daevid Allens oder Steve Hillages Stimmen kommen, aber sie kommen nicht. Womit nicht gesagt sein soll, dass der Gesang schlecht ist; es ist einfach der Aufbau des Albums, der eine Atmosphäre hervorruft, die solche Erwartungen nahelegen. Einige der Stücke könnten vielleicht auch eine Minute kürzer sein. Das ist aber auch schon alles, was es aus meiner Sicht zu kritisieren gibt.

    Bright Spirit ist auf den üblichen Streamingdiensten und via Bandcamp bereits zu hören, die Hardware (CD, LP in schwarz und LP in transparentem Türkis) folgt Ende des Monats.

  • Tagesausflug nach Hamburg

    Tagesausflug nach Hamburg, anlässlich eines Solokonzerts von Brad Mehldau in der Elbphilharmonie, im Rahmen des mehrtägigen „Reflektor“-Programms, vier oder fünf Tage lang Mehldau-Konzerte und andere Veranstaltungen. Die Karte hatte ich schon vor fast einem Jahr gekauft, speziell weil auf dem Programm eigentlich „Improvisationen“ stand; und da ich Mehldau noch nie solo auf der Bühne erlebt habe, seine vielen improvisierten Solo-CDs, besonders auch die Konzertalben, aber stets ganz hervorragend sind, musste ich diese Gelegenheit einfach wahrnehmen.

    Solche Tagestrips nach Hamburg sind immer ganz schön; mit dem Flix-Bus oder -Zug kostet das fast nichts, und die günstigen Elbphilharmonie-Karten sind auch auch im großen Saal eigentlich immer gut; da gibt’s nichts zu bemängeln; Sicht und Klang sind auch vorne im A-Block für die Superreichen nicht wesentlich besser. Die Berliner Philharmonie, neben der ich wohne, sollte sich von der Hamburger Preispolitik mal eine Scheibe abschneiden. 

    Vor zwei Tagen dann eine Infomail:

    „Bitte beachten Sie: Brad Mehldau hat das Programm seines Solo-Konzerts angepasst. Er spielt nun insgesamt vier Eigenkompositionen (ursprünglich waren für nach der Pause »Improvisationen« angekündigt).“

    PROGRAMM

    Brad Mehldau
    Fantasy for Piano
    Fourteen Reveries

    Pause – 

    Brad Mehldau
    L.A. Pastorale
    April 2020

    Mehldaus etwas zu nette, gleichwohl ein wenig angestrengte „Neo-Klassik“-Kompositionen zählen leider größtenteils nicht zu den Höhepunkten im seinem Schaffen, und so war das Programm dann erwartungsgemäß nicht ganz so toll, wie ich mir das beim Kartenkauf erhofft hatte. Aber was soll man machen? Immerhin ist es Brad Mehldau. Ich dachte kurz dran, dass ich andere Klavier-Impro-Meister wie Jarrett nie live erleben durfte; da will man dann auch nicht meckern. Mehldaus Meisterschaft liegt vor allem im freien Neu- und Uminterpretieren von bekanntem Material aus allen möglichen Stilen und Genres, wie viele seiner Alben und zuletzt das Triokonzert, das ich vor wenigen Jahren im Konzerthaus Berlin besuchte, wieder belegt hatte. Und so waren dann auch die Zugaben – nach dem knapp zweistündigen Hauptprogramm – der Höhepunkt des Abends. Ich war sicher nicht allein mit der Ansicht, dass ein ganzes Programm dieser Art zweifelsfrei toll gewesen wäre – auch wenn sich zwischen den vielen recht leisen und zurückhaltenden Stücken auch zwei, drei flottere versteckten.

    Nur: Dieses entsetzliche Gehuste immer! Da spielt der Mann schon so leise, und dann wird das den ganzen Abend über von allen Seiten rücksichtslos zugehustet. Entsetzlich.

    Die Zugaben, von der Elbphilharmonie-Webseite zitiert, Classic Mehldau:

    Bob Telson Calling You

    Brian Wilson God only knows

    Nick Drake Things behind the Sun

    Oscar Levant Blame it on my Youth

    Der Hamburg-Tagesausflug bot ansonsten eine sehenswerte, umfangreiche Ausstellung im Gegenwarts-Haus („Hier ist die Gegenwart“), inkl. 1996 fest eingerichteter Werke etwa von Richard Serra; dort stieß ich unerwarteter Weise auf Caspar David Friedrichs Wandersmann über den Wolken. Überhaupt ist das Kunstmuseum ein Kessel Buntes. Ein Raum Weimarer-Republik-Malerei war auch ganz spannend, gerade im Jahr 2026, mit Blick auf die Vorstellungen der Regierung unter Trump und der AfD-Klientel.

    Und dann in den Deichtorhallen die angeblich erste – europaweit erste? – Einzelausstellung mit Fotografien von Philip Montgomery, „American Cycles“. Hervorragend, die so in diesem Umfang und dieser Größe und erstaunlichen Qualität der Abzüge, nebst umfangreichem Textmaterial zu sehen. Ein Glücksfall. Und so up to date wie selten im Museumskontext, chapeau! Kann ich nur nachdrücklich empfehlen. Wer’s bis Mitte Mai nicht in die Ausstellung schafft, möge sich immerhin den Fotoband „American Mirror“ besorgen; auch da gibt’s wertvolle Textbeiträge.

    »I’m very interested in getting at the truth and or a semblance of the truth. And I think right now, more than ever, the truth that exists within my photographs is really important given our current moment.« – Philip Montgomery

  • Let The Power Fall (eine Lieblingsplatte)


    Dieser Raum sieht so aseptisch aus, aber er ist eine Höhle mit schönem Durcheinander, eine Zeitmaschine. Im April 1981 kam Robert Fripps Soloalbum „Let The Power Fall“ zu mir nach Hause, nach Bergeinöden im Nördlichen Bayerischen Wald. Ich erinnere mich an eine Fünf Sterne Besprechung im Downbeat damals. Wenn man bedenkt, welch komplexe Horizonte Fripp mit King Crimson eröffnet hat, waren seine „Frippertronics“ eine offensichtliche Gegenwelt dazu, asketisch, down to the bone, und zugleich enorm reichhaltig. 

    Erst im Vorjahr hatte ich ihn ein, zwei gute Stunden entfernt, in einer ehemaligen Pferdescheune, im To Act in Weissenohe in der Fränkischen Schweiz live erlebt, mit seiner kurzlebigen wie tollkühnen „League Of Gentlemen“, und ein Jahr später, in the wild summer of 1982, gleich ein weiteres Mal mit dem neu aufgestellten Crimson Quartett und den Zauberern Belew, Bruford, Levin an seiner Seite, in Nürnberg, open air 30000 Seelen im weiten Rund.

    Nur ein Album voller „Frippertronics“ habe ich vielleicht öfter gehört, Roberts zweites Teamwork mit Brian Eno, „Evening Star“, da aber nur die Seite 1. interessanterweise hat mich die harsche Rückseite namens „Index Of Metals“ stets kalt gelassen, anders als die traumhaften zwei Grosskompositionen ihres Erstlings „No Pussyfooting“, welches Manfred Sack einst in der „Zeit“ verriss als, simngemäss, grob-psychedelischen, womöglich drogenbegleiteten Abklatsch von „minimal music“. Bis heute kehre ich zu all diesen Alben zurück, „Let The Power Fall“ in der Surroundfassung ist atemraubend, auch der Nachfolger „God Save The Queen / Under Heavy Manners“ brilliert durchweg, mit einer Seite „Discotronics“ der erhabenen Art. Diese Werke haben sich nie ganz preisgegeben. Ich sinke dahin. (michael engelbrecht)

    „More Frippers“:

    1. updated and very frippery: an interview with waterfall noises & the tow Michaels
    2. exposures – die öffnung einer schatzkiste
    3. sheltering skies
    4. a master documentary

    P.S. In regards to the „waterfall interview“: Robert Fripp is interviewed by Michael Engelbrecht and Michael Frank in the lobby of a hotel in Cologne, Germany. The sound of an indoor fountain nearby obscures the questions being asked so the topics being discussed are listed below. „ME“ and „MF“ indicate who asks the questions. Stating the obvious I’d nevertheless like to point out that this interview is a snapshot of Robert Fripp in 1998. A lot has happened since then, e.g. further incarnations of the band King Crimson and Toyah and Robert’s Sunday Lunch on youtube. Robert Fripp’s answers made this interview a truly remarkable encounter for both my colleague and friend Michael Engelbrecht and me. We would like to thank him again for his time, insights and music. Thank you also to my friend, band colleague and sometime member of Guitar Craft Michael Peters who helped me to prepare for this interview. (Michael Frank)

  • Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent

    Ein wenig traditionell, und viel Kostüm, das in etwa dachte ich, als dieser Truffautfilm, ich war so ungefähr 18, im Fernsehen meines alten Kinderzimmers zu sehen war. Ich war hochaufmerksam, sah ihn bald darauf nochmal, und versuchte einmal mehr, der Magie von Truffaut in diesem etwas altmodisch wirkenden Streifen auf die Spur zu kommen. Wo war hier wenigstens ein Hauch der „nouvelle vague“? Irgendwann fiel der Satz „Lass uns leben, das Etikett kleben wir später drauf!“, und ich hatte eine Parole gefunden, die ich dann und wann bei „Hals-über-Kopf“-Anwandlungen zur Anwendung brachte. Tausend Jahre später stand ich vor dem Grab der alten Meisters in Paris, dessen Gespräche mit Hitchcock ich einst während eines Norseeurlaubs auf Wangerooge verschlungen hatte (ein Heyne-Taschenbuch, das ich selbst beim abendlichen Gang zu den Wellen bei mir trug), und eine Italienerin mit gutem Schulfranzösisch hatte einen kurzen Liebesbrief für Francois hinterlassen. In dem Augenblick fühlte ich ein unsichtbares Band zwischen mir und der Fremden, die höchstens zehn Minuten vor mir an diesem Ort war, weil die vielen kleinen Windböen das Blatt Papier, nur durch einen leichten Kieselstein beschwert, noch nicht fortgeweht hatten. (m.e.)