Abschiedskonzert für Monika
Sie war von der Jazzmusik begeistert.
Immer wenn sie Swing hörte, war sie voller Lebensfreude. Sie hatte einen feinen, erlesenen Musikgeschmack. Sie sagte einmal,besonders der Swing vermittle ihr ein freies Lebensgefühl.
Ich habe ihr zu Ehren ein Konzert zusammengestellt, das ihr sicher gefallen hätte.
Weil sie so plötzlich von uns gegangen ist, möchte ich das sehr emotionale Stück von Keith Jarrett vom Kölner Konzert zuerst auflegen. Und zwar die ZUGABE. Keith war damals sehr erschöpft, auch von den widrigen Umständen, die das Konzert mit sich brachte. Trotzdem gab er diese zarte Abschiedsmelodie als Zugabe. Es ist ein sehr emotionales Stück, das unsere Abschiedsstimmung von Monika zulässt und trägt.
Ruby, oder soll ich liebevoll Monika sagen, my Dear, ist das zweite Stück, das ich für sie spiele. Rist von Thelonious Monk, den sie so sehr schätzte. Sie mochte den “ inneren Swing” von den Stücken BLUE MONK und BLUEHAWK. Sie meinte, diese Musik stärke sie. Ich spiele sie. Und gleich danach die tiefen, nachdenklich machenden Balladen, die ich auf dem Album “ Alone in San Francisco” finde. REFLECTIONS ist das stillste, tiefste Soloklavierstück von Monk. Mir bringt es warme Erinnerungen an sie zurück.
Monika war eine kluge, selbstbewusste Frau, immer authentisch. Sie hat sich von keinem vorschreiben lassen, wie sie ihr Leben gestalten soll. Sie stand auf den Straßen von El Hierro, das Palästinenser Tuch um den Kopf gewickelt und protestierte lauthals gegen die Gräueltaten an den palästinensischen Kindern. Deswegen habe ich das energetische, optimistische Stück ausgesucht: LONG AS YOU KNOW YOU RE LIVING YOURS.
Natürlich darf Billie Holiday nicht fehlen. Monika hatte einen guten Humor. Oft sprachen wir über das Bild der Frau in der heutigen Gesellschaft. Ich denke an dem bittersüßen Song LOVE ME OR LEAVE ME hätte sie ihre Freude gehabt.
Für den Konzertabschluss wàhlte ich noch einmal was aus der Swing Ära. IN THE MOOD von Glenn Miller, nicht den BigBand Sound sondern eine sanftere Version, die zum Abschiedslied ADIÓS passt.
Monika ist jetzt dort, wo der Swing niemals aufhört. Wir begleiten sie mit dieser musikalischen Reise.
16 Kommentare
Lajla
Monika war meine beste Freundin. Vor zwei Wochen ist sie an den Folgen eines unverschuldeten Verkehrsunfalls gestorben.
Alex
Das ist aber traurig. Ist das auf El Hierro passiert? Da gibt es doch kaum Verkehr. Gibt es auf der Insel überhaupt eine Verkehrsampel? Eventuell bei dem Tunnel vor dem Parador? Da hast Du ihr aber ein schönes Mixtape für da oben gemacht.
Lajla
Danke Alex. Wann warst du auf Hierro? Ich habe dort noch nie einen Autounfall gesehen. Ja. Es gibt nur diese eine Ampel.
Michael Engelbrecht
Als meine Mutter starb, war ich überhaupt nicht in der Spur, und nach einem halben Jahr spielte mein Herz verrückt. Long story. Aber dass es alles überhaupt auszuhalten war, verdankte ich damals auch ganz bestimmter Musik.
Icn weiss noch, wie ich bei einem Freuns aus alten Studententagen LUMINESSENCE von Keith Jarrett und Jan Garbarek zwei-, dreimal hintereinander spielte, und der Schmerz eine Form fand. Musik kann helfen, manchmal retten, das heisst, uns besoders in jungen Jahren vor schlimmen Abwegen bewahren.
Music is the healing force of the universe. Diesen alten Spruch des free jazz wizards Albert Ayler halte ich für romantisch überhöhten Unsinn. Aber: music is A healing force – so macht es Sinn.
Lajla
Musik hilft definitiv. Ich höre viel Ray Davies. Immer wieder Celluloid Heroes.
Alex
Ich war dreimal auf El Hierro. 1990, ca. 1999 und 2009. Der Unfall war also in Deutschland?
Lajla
Er war auf El Hierro, Höhe Tiñor in Richtung Valverde.
Solltest du nochmal auf die Insel kommen, besuche mich. Ich wohne in La Caleta.
flowworker
Hier noch eine Idee.
1958 erschien ein Album, das damals auf wenig Begeisterung stiess. „Lady In Satin“ präsentierte Billie Holiday in der Umgebung von Violinen und Bratschen, und schien den Puristen ewigweit von ihren Wurzeln entfernt.
Aber das Album erwies sich als erstaunlich robust und alles andere als Billie light. Mir begegneten im Laufe der Jahre zwei besondere Fans dieses Spätwerks, Robert Wyatt und M. Ward. Nichts von ihrer Expressivität der frühen Jahre hätte Lady Day da verloren, meinte der Brite einmal, und ähnlich begeistert war auch der Singer/Songwriter aus Portland, Oregon, als er mir vor vielen Jahren erzählte, wie er die Platte rauf- und runtergehört habe.
Und dann nahm M Ward , „Think of Spring“, und darauf covert er etliche Lieder von „Lady in Satin“. Das Album hat ihn offensichtlich nie losgelassen, und seine Interpretationen finde ich durchweg faszinierend. Er hat diesen speziellen Rauch in seiner Stimme, und eine Art von Zurückhaltung, die jeden Trick des Erhabenen verbannt.
Lady in Satin ist ein magisches Spätwerk! Und „Think Of Spring“ eines dieser Coveralben, wo man nicht „The real thing“ vermisst.
Music to surrender to.
me
Alex
Auf jeden Fall besuche ich Dich, Lajla, wenn ich noch einmal nach El Hierro komme. Wir residierten zweimal in Valverde in einem Ferienhaus bzw. einem Appartement und beim ersten Mal kam ich mit dem Segelboot in La Restinga an und blieb nur einen Tag. An La Caleta erinnere ich mich nicht, aber an den winzigen Flughafen nahebei mit der kurzen Landebahn schon. Den Camino de la Virgen würde ich schon gerne einmal gehen. Von meinen ganz nahen Freunden und Verwandten – ich meine jetzt Eltern und Schwester – ist noch keiner gestorben. Diese Erfahrung steht mir wahrscheinlich noch bevor. Das Beste in so einer Lage ist glaube ich, sich abzulenken. Entweder mit Arbeit oder mit Wandern. Hast Du „Die Camino-Therapie“ schon gesehen? Ich noch nicht, aber ich freue mich schon drauf. Und morgen geht es Richtung Mainfranken und dann bald auf den Hochrhöner von Süd nach Nord.
Lajla
Danke für die schönen Kommentare.
Weil mir Michael bei dem Abschiedskonzert viel geholfen hat, ist es ok, dass der private Text auf flowy erscheint.
Alex, ich werde eine Woche an den Silsersee fahren und in unwirklich schöner Natur herumwandern.
Martina Weber
Lajla, es ist schwer, etwas dazu zu sagen. Ich denke sofort an Todesfälle im Freundeskreis und ich erinnere mich an Zeiten wochenlangen Schockiertseins. Zum Beispiel ist ein Freund von mir beim Drachenfliegen abgestürzt, als er und ich 21 Jahre alt waren. Ich wünsche dir viel Kraft. Natürlich kenne ich einige Tracks aus deiner Liste, aber nicht alle. Ich werde sie noch hören. Das ist eine wunderbare Auswahl. Gestern und heute habe ich das neue Album von Boards of Canada gehört: Inferno. Eine Freundin, mit der ich seit der Schulzeit befreundet bin, hat mir die CD geschickt. Diese Musik hat mich unglaublich glücklich gemacht. Einige Tracks habe ich mehrfach hintereinander gehört.
Michael Engelbrecht
Nach dem Tod seiner Lebensgefährtin Carla Bley geht der trauernde Steve Swallow in ein Studio und nimmt ein zauberhaftes Album mit Freunden auf, das gewiss den heimlichen Untertitel „Concert for Carla“ tragen könnte. Winter Songs.
„Listeners will find comfort in this deeply reflective, beautifully recorded document. ‘Winter Songs’ stands as a masterclass in understated ensemble playing and a moving tribute to a shared musical life, demonstrating how grief can be transformed into music of quiet grace and enduring warmth.“
Ich bin sicher, der feine „swing“ wäre auch etwas für Monika. Dass Musik auch ohne Brüche, Ecken, Kanten, Verstörungen, Regelverletzungen, Eruptionen unheimlich tief sein kann, belegt der Zauber dieses Albums von vorne bis hinten.
Olaf Westfeld
Auch von mir alles Gute! Ich hatte diesen sehr berührenden Text unterwegs gelesen (waren auch wandern, Elbsandsteingebirge) – die Musikauswahl ist wunderbar.
Lajla
Danke auch dir Olaf.
Jetzt hat mich jemand gefragt, wo das Konzert denn stattfinden würde. Könnte jemand von Euch eine playlist von den Stücken im Text bei Spotify hochladen? Das wäre nett. Ich kann das leider nicht.
Olaf Westfeld
https://open.spotify.com/playlist/6INwFMK4XwM3EBCtK22bdC?si=473de5659eb14b55
Allerdings weiß ich bei „in the mood“ bzw. „adios“ nicht, welche Lieder Du meinst…
Lajla
Großartig, danke Olaf. Jetzt kann jeder für sich die Musik hören und an sie denken.