• Die ELV

    Eigentlich wollte ich über den ESC schreiben. Jetzt ist ein Wunder dazwischen gekommen. Ein kleines Dorf im Saarland versetzt mich in meine frühe Jugend. Ich bin in Kaiserslautern aufgewachsen, Alsenborn liegt 20 Minuten Autofahrt entfernt. Wir hatten zum Glück einen alten Ford, denn, genau wie in Elversberg ,gibt es dort bis heute keinen Bahnhof. Aber in Alsenborn wohnte Fritz Walter unter 7500 anderen Dorfbewohnern. Als Alsenborn in die Oberliga aufstieg, war der Run auf das Dorf nicht mehr zu stoppen. Auch wir waren bei jedem Spiel dabei. Daran muss ich heute denken, als ich die Nachricht vom Aufstieg des SV Elversberg hörte. Der Durchlauf vom dörflichen Bolzplatz bis zur dritten, dann zweiten und jetzt ersten Liga ist eine spannende, bewundernswerte Fussballgeschichte. 12000 Einwohner, davon sind 7500 Mitglied in ihrem Verein. Das ist grandios. Dorthin beame ich mich heute, in das Stadion an der Kaiserlinde, in den Sound der Vereinshymne: Wir allen lieben Elversberg.

  • Valie Export R.I.P.

    In den 70er Jahren staunten Frau, Mann und Hund nicht schlecht in der Wiener Innenstadt.Dort spazierte Valie mit ihrem Peter an der Leine durch die Straßen. Peter Weibel war damals ihr Freund, später gehörte er dem geistig kreativen Dreigestirn an, zusammen mit Sloterdijk und Boris Groys in Karlsruhe. Auch Valie war sehr einfallsreich, mutig und die erste Frauenaktivistin, die sich künstlerisch gegen die Männerwelt ausdrückte. Berühmt wurde sie mit ihrer Kiste mit zwei Löchern, darunter ihr nackter Oberkörper. Peter schrie den Passanten zu, bitte anfassen. Valie erlaubte den Männern 33 Sekunden ihre Brüste zu betatschen und es waren nur Männer, die sich das nicht entgehenliessen. Valie Export wollte mit ihren spektakulären Körperaktionen auf die männliche Dominanz – auch in der Kunst – aufmerksam machen.Sie drehte zu diesem Thema Filme, die es in sich hatten. Ich besuchte zwei ihrer Ausstellungen und da hing kein Schild mit Triggerwarnung : “ Die Fotos könnten irritieren“ an der Museumstür. Auch in der Medienkunst war sie Protagonistin. Wenn man bedenkt, dass Baselitz der Meinung war, Frauen können nicht Kunst und Anzinger seinen Kunststudentinnen nach Lust und Laune unter das T-Shirt fasste und nicht suspendiert wurde, dann wird einem bewusst, wie wichtig die mutige, witzige Künstlerin war.

  • Das Narrenschiff

    Eine schmale Straße führt über einen Walnussbaumhain hinunter zur halbverlassenen Fischersiedlung. Ein harter Steinschlag hatte in der letzten Woche die meisten Dächer der alten Fischerhäuschen zerstört. Der steile Weg hinunter zu der alten Siedlung ist gesperrt. Von oben kann man den Schaden sehen, ich kann also fotografieren. Ein paar Meter vor dem Abgrund steht ein einsames Hostel mit einem kleinen Café. Ich gehe hinein und komme mit dem jungen Betreiber ins Gespräch. Er ist Franzose, Er nimmt ein Buch von den Sprossen der Leiter und erzählt mir, dass er den Text von dem „NARRENSCHIFF“ aus dem Neuhochdeutschen ins Französische übersetzt hätte.

    „Quelle coïncidence! Je lis actuellement „DAS NARRENSCHIFF“ von Christoph Hein.“ Ich frage ihn, was es für eine Bewandtnis mit dem Buch auf sich habe, warum er sich die grosse Mühe gemacht hätte, dieses alte Buch von Sebastian Brant aus dem 16. Jhdt.. zu übertragen. “ Je suis un ancêtre de Sébastien Brant, mon nom est Thomas Brant.Ich kaufe das Buch, auch wegen der schönen Holzschnitte, die Sebastian Brant angeblich zusammen mit dem jungen Albrecht Dürer angefertigt hatte. In der Urfassung des Narrenschiffs geht es um Charaktere, die alle Narren sind und die Aufrufe zu Moralverhalten quasi als Spiegel vorgehalten bekommen. Ihr Vorhaben, ins Land Narragonien zu segeln, ist wegen ihrer Beschränktheit zum Scheitern verurteilt.

    Vater sag, wo ist der Projektor, ich spul den Film zurück

    DAS NARRENSCHIFF von Christoph Hein, erzählt vom Scheitern der DDR. Ihr Land „Narragonien“ war der Traum vom Sozialismus. Hein ist mit diesem Buch ein grosser Wurf gelungen. Ich habe einige Bücher über das Land hinter dem antifaschistischen Schutzwall gelesen, ich habe drei Jahre nach der Wende geholfen, unser Institut in Dresden aufzubauen und nie, wirklich nie habe ich diese Informationen erhalten, die ich jetzt in dieser Lektüre gefunden habe. In dem Buch stehen drei Männer: ein Ökonom, ein Ingenieur, ein Wissenschaftler stellvertretend für die Elite der DDR. Natürlich sind sie, ei ei ei, in der Partei. Und natürlich hat die Partei immer recht. Der Ökonom sitzt sogar im Zentralkommité, er hat mit seiner hohen Intelligenz den Überblick über den maroden Wirtschaftszustand, deutet auch seine Überlegungen an, wird aber nur belächelt. Der Ökonom ist auch Professor, er ist klug genug, fortan zu schweigen, um seine Professur nicht zu gefährden. Ähnlich verhalten sich der Ingenieur und der Geisteswissenschaftler, sie schweigen, um nicht den Strafen der Funktionäre ausgesetzt zu sein.

    Die Frage, die mich nach der Lektüre umtrieb, war, warum hat diese Elite, die den Absturz der DDR vorausgesehen hat, also die sich Gedanken über die Zukunft des Landes gemacht hatte, warum hat sie nicht mit der Treuhand zusammengearbeitet. An dem Überstülpen der sozialen Marktwirtschaft hätten sie sich doch mit den genauen Kenntnissen ihres Landes beteiligen können.Warum hat sie den Ausverkauf der DDR zugelassen? Ich finde selbst nur eine Antwort, die mich nicht zufrieden stellt. Sie waren augenscheinlich so resigniert, dass sie weiter geschwiegen haben. Die Narren Funktionäre, die zum Teil nicht einmal Schulabschluss hatten, brachten mit ihrem Traum vom Sozialismus – Mietwohnungen und gutes Essen für alle – diese Elite zum Verstummen.

    Wir segeln derzeit wieder auf einem NARRENSCHIFF. Der oberste Offizier ist ein Clown mit orangenem Gesicht. Halten wir uns den Spiegel vor und verteidigen wir unsere Werte.

  • Die Welt des Begehrens von Bodo Kirchhoff

    „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, so lautet der bemerkenswerte Titel , von dem ich sofort dachte, hoffentlich ist er nicht besser als der gesamte neue Roman von Kirchhoff. Der Einstieg war etwas schleppend, eher ungewohnt für seine Erzählweise, die mich ansonsten bei jedem Buch sofort sogartig ins Geschehen brachte. Vom Literarischen Quartett wurde sein neues Werk auch wegen dem holprigen Anfang schlecht bewertet, allein Thea Dorn sprach von Mut beim Schreiben übers Schreiben. Ja, so war die andere Kritik, es ist zu akademisch, zu intellektuell und zu detailverliebt. Dem würde ich nur dem „detailverliebt“ zustimmen und die beiden anderen Attribute mit der Welt von Bodo Kirchhoff erklären. Für das Arbeitermilieu, sagt man das überhaupt noch, ich mag den Ausdruck Prekariat nicht, hat er mal gekämpft, er war gegen den Krieg, sogar Pazifist, was Habermas nie war. Er hat sich mit den französischen Philosophen beschäftigt, da kennt er sich gut aus, mit der Psychoanalyse und dem aktuellen politischen Zeitgeschehen. Dieses Wissen benutzt er in seinem neuen Buch als „Isoliermasse“, um die eigentliche Erzählung: ein Ehemann verliert seine Frau und versucht sie zurückzugewinnen, zu polstern. Er begehrt sie immer noch, ob wohl sie mit anderen Männern unterwegs ist, vor allem sexuell.Bodo Kirchhoff ist für mich der deutsche Schriftsteller, der brillant über Sexualität schreiben kann.

    Nie geht ein Ausdruck ins Anrüchige oder Ordinäre, er beschreibt mit Sinnlichkeit, mit Erotik, mit Zartheit, mit Bedacht in der Wortwahl, das ist schon sehr gekonnt. Im Literarischen Quartett wurde eine Sexszene, sie will nicht, er will, als Vergewaltigung verstanden. Ich habe das nicht so gelesen. Es ist eine sehr erwachsene, reife Beziehung zwischen den Eheleuten, die sich schon lange in ihrer Sexualität auskennen, wo sich der Mann noch zuhause fühlt und die Ehefrau schon ausgezogen ist. Die erotischen Szenen, die seine Nochfrau mit einem Inder, der etwas Deutsch kann, weil seine Mutter ebenfalls aus dem Schwarzwald kommt, wie die Protagonistin, sind liebevoll, immer an der Liebe zweifelnd beschrieben. Aus der sich auflösenden Ehe gibt es eine Tochter, die sich ausgerechnet in einen Major verliebt. Das ist eventuell eine gelungene Idee, die den Bezug zu der Beschäftigung des Vaters mit dem Thema „eine Welt ohne Waffen“ herstellt. Diese Szenerie hat den Gestalten vom Literarischen Quartett gefallen, mir eher nicht, ich fand sie zu steif, zu bieder, fast konservativ. Dass sich die Mutter mit Phantasien über das Sexleben ihrer Tochter mit diesem Major Gedanken macht, fand ich unnötig, im Gegensatz zu dem analytischen Erzählen von Kirchhoff über die totale Kommunikation zwischen Liebe, Sex und Geist, die sie mit einem Liebhaber erlebt hat, das ist grossartig beschrieben. Der Tod ihres Liebhabers bringt die Eheleute noch einmal zusammen, sie weiss genau, das es zu Ende ist, während ihr Mann noch im Unbefreiten dümpelt. Solch ein Beziehungsauseinanderfallen nicht kitschig oder tränenreich beschreiben zu können, ist bei Kirchhoff wirklich meisterhaft geschrieben.

    Ich empfehle den Roman, auch weil er mein Wissen seit Studentenzeiten auffrischt.

  • Atlantische Entdeckungen: Die Insel Cies und die Musikerin Cristina Pato

    Im NW von Spanien liegt vor der galizischen Küste die Insel Cies im Atlantik.Um sie zu besuchen, braucht man eine Genehmigung, da sie ein naturbelassener Ort ist. Wir traten die Reise von Vigo aus, der Hauptstadt von Galizien, an. Es war mein zweiter Versuch, in das Paradies vorzudringen, der erste war an den hohen Atlantikwellen gescheitert. Von Vigo aus ist die Anreise über den Fluss Ria, der direkt in den Atlantik mündet, in ca 40 Minuten zu bewältigen. 2007 stand im The Guardian, dass Cies wegen seiner Strände weltweit die schönste Insel sei. Wenn man auf einer strandarmen Insel lebt, wie ich auf El Hierro, wo es nur Meerwasserschwimmbecken gibt, ist man schon besonders beeindruckt von dem grossen, sichelförmigen, weissen Strand, der einem zuerst auffällt. Das türkisgrüne Atlantikwasser besticht zudem. Es ist nicht nur der phantastische Strandanblick, der begeistert, es sind auch andere, alle Sinne weckende Eindrücke: die Zweiglimmergneise in den Granitblöcken glitzern in der Sonne, die Eukalyptusbäume tauchen uns in ein erfrischendes Waldbad, die von Wind und Wasser 300Millionen Jahre alten, erodierten, runden Blöcke lassen uns ehrfürchtig staunen und still werden. Wie unglaublich klar die Konturen sind, wie leuchtend die Farben. Auf diese Insel kann man nur in der Karwoche und von Mai bis September reisen. Es gibt keine Hotels, nur einen kleinen Campingplatz, wo man sich ein Bett in einem Zelt mieten kann. Es gibt ein Restaurant, wo ich den besten Fisch meines Lebens gegessen habe, eine Dorade und den frischesten Käsekuchen ever. Segler dürfen nur drei Tage andocken. Es geht die Legende auf der Insel, dass nachts Prozessionen über die Wege ziehen – wer sie sieht muss sterben.

    Es ist Ostersonntag, wir gehen in die Fischersiedlung von Vigo, um einer kleinen Prozession an der Fischerkirche aus dem 16. Jhdt. beizuwohnen. Vor mir steht eine Musikerin, sie hält ihr Instrument,eng unter ihrer Tracht fest, nur ein Rohr ragt über her Schultern heraus. Ich frage sie, wie das Instrument heisst, sie sagt, das sei eine Gaita, der galizische Dudelsack. Sie spiele heute für die Prozession und den anschliessenden Tänzen.Ich ging am nächsten Tag in eine Buchhandlung, um Bücher über die phantastische galizische Küche und über Musik anzusehen. Ich sah ein Buch, auf dem Cover war die Musikerin abgebildet, die ich vor dem Kirchlein angesprochen hatte. Sie heisst Cristina Pato, ist 45 Jahre alt und gilt als die Stimme von Galizien. Ich las in dem Buch, dass sie mit vier Jahren die Gaita erlernte, später kamen Akkordeon, Geige und Gitarre dazu und dann auch Piano. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die mit vielen berühmten Musikern zusammenspielte: mit Yo Yo Ma in seinem Silkroad Ensemble, mit den Chieftains, dem Chicago Orchestra, in Indien, in China, in Brasilien spielte sie jeweils in den grossen Musiktempeln. Sie brachte die Gaita fast in die ganze Welt und zeigte, dass dieses Instrument in alle Musikkompositionen einzureihen ist. Fantastisch.

    Jetzt will sie erstmal nicht mehr auftreten, sie will sich um ihre demente Mutter kümmern, nur bei kleineren Events holt sie ihre Gaita hervor und spielt. Ich hatte grosses Glück, so einer aussergewöhnlichen Musikerin zu begegnen,

    Ich empfehle zum Einstieg in ihr grosses Repertoire das Album Migration

    Songs of Joy and Peace von dem Silkroad Ensemble von Yo Yo Ma

    Cristina Pato mit ihrem Galician Connection Festival

    Rose of the winds mit dem Chicago Symphony Orchestra

    Das Afro Latin Jazz Orchester mit Arturo O‘ Farill

  • Planet Alexander Kluge kreist woanders

    Als ob sie sich abgesprochen haben: wir gehen jetzt mal. Wer ist der Nächste? Gerhard Richter? Dann wären die Poeten unter sich.

    Ich traue mir keinen Nachruf zu, wüsste nicht, wo ich anfangen soll. Hier ein kleiner Text , den ich mal anlässlich einer Ausstellung auf Mana geschrieben habe. Hier eine kleine Anekdote, die ich mal mit ihm erlebt habe nach einem Vortrag in Düsseldorf über Das Fernsehen. Er sass danach zufällig in der Kneipe neben mir. Ich fragte ihn etwas provokant: Ist denn TV wirklich sooo wichtig? Er antwortete mit diesem geheimniswissenden Lächeln: Ich möchte doch sehen, was Helmut Schmidt da in Tunesien macht.

    Hier Tipps, wo man den „Heiligen“, die Tage in den Medien erwischen kann:

    ARTE Freitag, also heute, 22.45 Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos

    BR Samstag 23:15 Abschied von gestern. Nach dem Film noch ein Sonderbeitrag über ihn

    3SAT 29.3. ab 20.15 Nachrichten aus der chronologischen Antike

    Radio Bayern2 und Deutschlandfunk bringen Sondersendungen über „Die Chronik der Gefühle“ und über seine jüngsten Arbeiten zur KI. (Sendezeiten konnte mit KI noch nicht geben)

    Alexander, ich trauere. Um Peter Schneider, der gestern beerdigt wurde, um Habermas, um dich. Du sagtest einmal: Die Gefühle sind langsam. Zum Gluck ist der Frühling da.

  • Der Leuchtturm ist verloschen

    Henry Thoreau schrieb in seinem Buch „Walden“, dass es ausreiche, nur eine Zeitung richtig zu lesen, danach bräuchte man keine weitere.

    Ich habe nur ein Buch von Jürgen Habermas gelesen, „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Ich musste es lesen, weil ich in einem Publizistik Seminar sass und der Dozent uns aufforderte, das Buch binnen einer Woche zu lesen. Nach einer Woche schrie ein Seminarteilnehmer den Dozenten an, er hätte nichts verstanden und das Buch an die Wand gedonnert..Wir wurden gebeten, einen weiteren Versuch zu unternehmen. Auch ich hatte nicht viel vom Strukturwandel verstanden. Mich faszinierte die Sprache, die ich mir mühsam übersetzte und arbeitete mich langsam, aber zäh durch. Die Mühe hatte sich gelohnt. Bis heute greife ich immer wieder auf dieses Buch zurück. Ich liebe es, wenn jemand auch heute die intellektuelle Sprache drauf hat (danke Martina). Für mich war in allen politischen Lebenslagen Habermas der erste, den ich um Rat las. Er wird uns als demokratische Stimme sehr fehlen.

    Dass ausgerechnet Wolfram Weimer, damals Chefredakteur beim Cicero, die Story vom „Wahrheitverschlucker“ breittrat, wird ihm jetzt aufgestossen sein. Habermas hatte damals auf einem Geburtstagsfest einen Zettel, auf dem wohl stand, dass er mit 15 Jahren Nazimitglied gewesen sei, einfach gegessen. Derselbe Weimer ist heute Staatsminister für Kultur, die Grünen und die Linke waren von Anfang an dagegen. Damals hetzte er gegen Habermas und Grass, heute lässt er linke Buchhandlungen vom Verfassungsschutz überprüfen und behauptet die Jury, die den Buchhandlungspreis vergibt, hätten diese Buchhandlungen garnicht auserwählt. Er lügt. Die Anwälte der betreffenden Buchhandlungen haben schon von der Jury ihre Wahl bestätigt bekommen.

    Weimer hat wahrscheinlich das Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ auch an die Wand geworfen.

    (L.N.)

  • Peter Schneider – ein Nachruf

    Von einem Berliner Freund erfuhr ich gestern, dass unser Freund, Peter Schneider, tot ist. Das traf mich hart. Ich wohnte in den 70ern mit seinem Bruder Florian in einer Freiburger WG. Peter schaute oft vorbei, so lernte ich ihn kennen. Er war immer willkommen mit seiner ansteckenden Heiterkeit, seinem feinen Humor und seinen erotischen Anspielungen. Er lachte gern und alberte auch viel herum. Er war immer lässig gekleidet, Jeans, Pulli und helle Lederjacke. Er sah umwerfend aus, attraktiv und sehr männlich.Meine Magisterprüfung hatte den LENZ zum Thema, mit diesem schmalen Buch wurde er bekannt. Ich weiss noch, dass mein Prof in der Prüfung sagte, ich soll nicht so schnell sprechen, wir seien ja schliesslich nicht auf einer Eisbahn. Tatsächlich sprachen wir damals schneller, engagierter, atemloser. Wir wollten ja auch die Rebellion. In meiner Goethe-Zeit lud ich ihn einmal ins Bremer GI ein, damit er dort einen Vortrag über das politische Deutschland vor Japanern halten sollte. Einige meiner Freunde waren dabei, wir schufen eine hitzige Diskussionsatmosphäre. Damals konnte man schon die Nachdenklichkeit bei Peter merken. Er war nicht mehr mit allem aus den 68ern einverstanden, er mochte den Dogmatismus der K-Gruppen nicht und schon garnicht die radikale Linke. In seinem Buch „Rebellion und Wahn“ verarbeitet er die Fehler der SDS Zeit. Es folgte noch ein politisches Buch: „Und schon bist du Verfassungsfeind“. Er wollte in den Schuldienst, man verweigerte es ihm aufgrund seiner politischen Agitationen. Danach schrieb er meist Bücher, die sich mit dem zeitaktuellen Geschehen beschäftigten, „Der Mauerspringer“ gehört dazu, aber auch „Vati“, wo er mit dem Nazi RA Mengele abrechnete. Als ich über Weihnachten in Berlin war, kaufte ich mir sofort sein letztes Buch „Die Frau an der Bushaltestelle.“ Sogleich ist man dem Sog der 68er Jahre erlegen, vertraut mit der gehetzten Sprache, der Orietierungssuche und vor allem der hochemotionalen Sprache. Er berichtet über die damalige Zeit, sein Alterego rechnet ab, besonders mit seiner Freundin, die ihn an BILD verraten hat. Wir alle kennen diese Frau, sie lebt noch, ich verrate ihren Namen nicht. Ich habe Peter lange nicht mehr gesehen, jetzt kann ich ihn nie mehr sehen. Sein Erzählband „Die Wette“zählt für mich zu den schönsten Schilderungen über Sehnsucht, Erotik in gesellschaftlichem Environ. Er schrieb es 1978. da sah ich ihn oft. (L.N.)

  • Let’s dance Samba

    Während in Deutschland die vier tollen Tage schon vorbei sind und die Sündigen nach Ablass suchen, steigen die Männer hier in Frauenkleider, schminken sich ungekonnt und kreisen um ihren nackt gehaltenen Nabel. Sie tanzen Samba, im Kreis, im Block, alleine. Vier Wochen lassen sich dagegen die Kanaren Zeit, um sich auszutoben und die schrecklichen Weltrealitäten zu vergessen. Ich gehe gern auf diese Streetpartys, um die Musik zu hören und den Tanzenden zuzusehen. Die Stimmung ist ausgelassen bis feurig. Ganz im Gegenteil zu den traditionellen Tänzen, die mich immer an den Jodler Bub dahoam erinnern und der einförmigen Musik, die die Achttonleiter rauf und runder flötet und trommelt. Ich hörte auf einem Karnevalsumzug von einem Brasilianer, der seit kurzem auf der Insel lebt und Webkurse anbietet. Da ich immer weben lernen wollte, machte ich mich auf die Suche nach dem Neuankömmling.Für mich ist es ohne Auto nicht leicht, abgelegene Gegenden aufzusuchen. Ich machte mich auf eine etwas längere Wanderung gefasst. Dass das Atelier aber so steil am Hang lag und die steilen Treppen ohne Geländer zu bewältigen sind, erforderte nun doch meine volle Konzentration. An der grünen Holztür angekommen, klopfte ich so lange, bis endlich jemand die Tür öffnete. Vor mir stand ein lächelnder etwa 60 jähriger Mann, mit einem weichen Gesicht, das mich sofort an das Baby auf dem Hipp Glas denken liess. Ich trat in die Stube ein, überall kleinere Webstühle neben einem grossen. An der Wand war Wolle auf Regalen gestapelt, in den wunderbarsten Farben, dass Goethe bei diesem Anblick sofort seine Farbenlehre hätte erweitern wollen. Der Weber, José Maria, fragte, ob ich einen Tee wolle und verschwand dann aus dem Raum.Jetzt erst hörte ich die leise Musik.

    Als er mit Keksen und Tee zurückkam, fragte ich ihn nach der Musik. Er sagte, das sei Samba aus Rio, er würde den ganzen Tag beim Weben Samba hören, die Musik gebe ihm Lebenskraft. Er stellte die Musik lauter und begann leicht seine Hüften zu bewegen. Ich fühlte mich sehr wohl in diesem Ambiente. Ich bat ihn, mir seine Lieblingsmusiker zu nennen. Er zeigte mir auf seinem iPhone zwei Musiker, die ihm mit ihrer ausgelassenen Musik Lebenskraft geben würden. Natürlich habe ich schon Sambamusik gehört. In meiner Bremerzeit, waren Sambaklänge auf jeder Demo zu hören. Als ich wieder in meiner casita war hörte ich mir einige Stücke von den beiden genannten Musikern an.

    MARTINHO DA VILA aus Rio de Janeiro singt, schreibt, musiziert. Mich hat ein Song allein schon wegen dem Titel angezogen.

    *** Aquarela Brasileira.***

    Seht Euch diese wunderbare Landschaft an!
    Es ist eine reliktartige Episode, die der Künstler in einem strahlenden Traum für diesen Karneval auserwählt hat
    Und der Asphalt als Laufsteg wird die Leinwand sein
    Brasilien in Aquarellform.
    Beim Spaziergang durch die Ausläufer des Amazonas entdeckte ich riesige Kautschukplantagen…

    ZÉCA PAGODINHO ebenfalls aus Rio, ebenfalls Sänger und Songwriter.

    Ich weiss nicht, wie oft ich das Lied ***Deixa a Vida me Levar*** angehört habe und dazu getanzt habe. Zum Relaxen ist dieser Song besser als jede Yogaübung.

    Ich habe in diesem Leben fast alles durchgemacht.
    Was Obdach betrifft, warte ich noch immer auf meine Chance.
    Ich gestehe, ich bin von bescheidener Herkunft,
    aber mein Herz ist edel, so hat mich Gott geschaffen.
    Und lass das Leben mich fortführen.
    Das Leben führt mich fort
    Das Leben führt mich fort…

    Es ist ein bekanntes Lied. Ich bin sicher, dass all die grandiosen Fußballstars, die leider schon bei Petrus spielen müssen, diese Melodie nicht mehr hinter einer religiösen Zeremonie verstecken müssen, sondern eher den Himmel zum Wackeln bringen.

  • Am Sonntagnachmittag an den Meerespools

    Heute ist Bilderbuchwetter: wolkenloser blauer Himmel, ruhiges glitzerndes Meer, 28 Grad in der Luft, 20 Grad im Meer. Ich höre eine deutsche Frauenstimme sagen: hier ist es wie in einem Wellnesshotel, und alles eintrittsfrei. Ein Badegast fragt sie, was nimmst du mit von hier, wenn du wieder nach Deutschland zurückkehrst? Mojos verde und rosso, das gibt es nicht bei uns. Der Mann sagt, ich bin hier, um leer zu werden, ich will mit den Regenwürmern kommunizieren. Die Frau lacht. Wie kommst du denn da drauf?

    Ich sehe, dass er ein Buch von Byung Chul Han auf seinem Handtuch liegen hat. Ich kann den Titel nicht lesen. Das Cover zeigt einen grünen Fichtenhain, das Buch kenne ich noch nicht. Ich beschliesse, abzuwarten, bis die beiden ins Wasser gehen. Das letzte Buch, das ich von Han gelesen habe, ging über Hoffnung, davor das über seinen Garten. Sie gehen schwimmen. ich drehe das Buch so zurecht, damit ich den Titel erkennen kann. Ich erhasche nur Simone Weil. Sie nähern sich schon wieder, war ihnen wohl zu kalt im Atlantik. Als Studentin hatte ich ein Foto von Simone Weil auf meinem Schreibtisch stehen und ihre Cahiers lagen darunter. Ich frage den Mann, ob ich mal kurz in sein Buch sehen darf, er sagt, na klar. Es ist ein Buch über Gott, es ist ein Gespräch zwischen Byung und Simone über ihre Gedanken . Ob er schon darin gelesen hat, frage ich ihn. Er strahlt mich an: genau das richtige Buch für diese Insel: Stille, Leere, mit Gott und der Natur sprechen lernen. Ich sage nichts. Ich denke an die Torturen, die sich diese Philosophin auferlegt hat. (L.N.)