• Die Welt des Begehrens von Bodo Kirchhoff

    „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, so lautet der bemerkenswerte Titel , von dem ich sofort dachte, hoffentlich ist er nicht besser als der gesamte neue Roman von Kirchhoff. Der Einstieg war etwas schleppend, eher ungewohnt für seine Erzählweise, die mich ansonsten bei jedem Buch sofort sogartig ins Geschehen brachte. Vom Literarischen Quartett wurde sein neues Werk auch wegen dem holprigen Anfang schlecht bewertet, allein Thea Dorn sprach von Mut beim Schreiben übers Schreiben. Ja, so war die andere Kritik, es ist zu akademisch, zu intellektuell und zu detailverliebt. Dem würde ich nur dem „detailverliebt“ zustimmen und die beiden anderen Attribute mit der Welt von Bodo Kirchhoff erklären. Für das Arbeitermilieu, sagt man das überhaupt noch, ich mag den Ausdruck Prekariat nicht, hat er mal gekämpft, er war gegen den Krieg, sogar Pazifist, was Habermas nie war. Er hat sich mit den französischen Philosophen beschäftigt, da kennt er sich gut aus, mit der Psychoanalyse und dem aktuellen politischen Zeitgeschehen. Dieses Wissen benutzt er in seinem neuen Buch als „Isoliermasse“, um die eigentliche Erzählung: ein Ehemann verliert seine Frau und versucht sie zurückzugewinnen, zu polstern. Er begehrt sie immer noch, ob wohl sie mit anderen Männern unterwegs ist, vor allem sexuell.Bodo Kirchhoff ist für mich der deutsche Schriftsteller, der brillant über Sexualität schreiben kann.

    Nie geht ein Ausdruck ins Anrüchige oder Ordinäre, er beschreibt mit Sinnlichkeit, mit Erotik, mit Zartheit, mit Bedacht in der Wortwahl, das ist schon sehr gekonnt. Im Literarischen Quartett wurde eine Sexszene, sie will nicht, er will, als Vergewaltigung verstanden. Ich habe das nicht so gelesen. Es ist eine sehr erwachsene, reife Beziehung zwischen den Eheleuten, die sich schon lange in ihrer Sexualität auskennen, wo sich der Mann noch zuhause fühlt und die Ehefrau schon ausgezogen ist. Die erotischen Szenen, die seine Nochfrau mit einem Inder, der etwas Deutsch kann, weil seine Mutter ebenfalls aus dem Schwarzwald kommt, wie die Protagonistin, sind liebevoll, immer an der Liebe zweifelnd beschrieben. Aus der sich auflösenden Ehe gibt es eine Tochter, die sich ausgerechnet in einen Major verliebt. Das ist eventuell eine gelungene Idee, die den Bezug zu der Beschäftigung des Vaters mit dem Thema „eine Welt ohne Waffen“ herstellt. Diese Szenerie hat den Gestalten vom Literarischen Quartett gefallen, mir eher nicht, ich fand sie zu steif, zu bieder, fast konservativ. Dass sich die Mutter mit Phantasien über das Sexleben ihrer Tochter mit diesem Major Gedanken macht, fand ich unnötig, im Gegensatz zu dem analytischen Erzählen von Kirchhoff über die totale Kommunikation zwischen Liebe, Sex und Geist, die sie mit einem Liebhaber erlebt hat, das ist grossartig beschrieben. Der Tod ihres Liebhabers bringt die Eheleute noch einmal zusammen, sie weiss genau, das es zu Ende ist, während ihr Mann noch im Unbefreiten dümpelt. Solch ein Beziehungsauseinanderfallen nicht kitschig oder tränenreich beschreiben zu können, ist bei Kirchhoff wirklich meisterhaft geschrieben.

    Ich empfehle den Roman, auch weil er mein Wissen seit Studentenzeiten auffrischt.

    (L.N.)

  • Atlantische Entdeckungen: Die Insel CIES und die Musikerin CRISTINA PATO

    Im NW von Spanien liegt vor der galizischen Küste die Insel CIES im Atlantik.Um sie zu besuchen, braucht man eine Genehmigung, da sie ein naturbelassener Ort ist. Wir traten die Reise von Vigo aus, der Hauptstadt von Galizien, an. Es war mein zweiter Versuch, in das Paradies vorzudringen, der erste war an den hohen Atlantikwellen gescheitert. Von Vigo aus ist die Anreise über den Fluss Ria, der direkt in den Atlantik mündet, in ca 40 Minuten zu bewältigen. 2007 stand im The Guardian, dass Cies wegen seiner Strände weltweit die schönste Insel sei. Wenn man auf einer strandarmen Insel lebt, wie ich auf El Hierro, wo es nur Meerwasserschwimmbecken gibt, ist man schon besonders beeindruckt von dem grossen, sichelförmigen, weissen Strand, der einem zuerst auffällt. Das türkisgrüne Atlantikwasser besticht zudem. Es ist nicht nur der phantastische Strandanblick, der begeistert, es sind auch andere, alle Sinne weckende Eindrücke: die Zweiglimmergneise in den Granitblöcken glitzern in der Sonne, die Eukalyptusbäume tauchen uns in ein erfrischendes Waldbad, die von Wind und Wasser 300Millionen Jahre alten, erodierten, runden Blöcke lassen uns ehrfürchtig staunen und still werden. Wie unglaublich klar die Konturen sind, wie leuchtend die Farben. Auf diese Insel kann man nur in der Karwoche und von Mai bis September reisen. Es gibt keine Hotels, nur einen kleinen Campingplatz, wo man sich ein Bett in einem Zelt mieten kann. Es gibt ein Restaurant, wo ich den besten Fisch meines Lebens gegessen habe, eine Dorade und den frischesten Käsekuchen ever. Segler dürfen nur drei Tage andocken. Es geht die Legende auf der Insel, dass nachts Prozessionen über die Wege ziehen – wer sie sieht muss sterben.

    Es ist Ostersonntag, wir gehen in die Fischersiedlung von Vigo, um einer kleinen Prozession an der Fischerkirche aus dem 16. Jhdt. beizuwohnen. Vor mir steht eine Musikerin, sie hält ihr Instrument,eng unter ihrer Tracht fest, nur ein Rohr ragt über her Schultern heraus. Ich frage sie, wie das Instrument heisst, sie sagt, das sei eine Gaita, der galizische Dudelsack. Sie spiele heute für die Prozession und den anschliessenden Tänzen.Ich ging am nächsten Tag in eine Buchhandlung, um Bücher über die phantastische galizische Küche und über Musik anzusehen. Ich sah ein Buch, auf dem Cover war die Musikerin abgebildet, die ich vor dem Kirchlein angesprochen hatte. Sie heisst Cristina Pato, ist 45 Jahre alt und gilt als die Stimme von Galizien. Ich las in dem Buch, dass sie mit vier Jahren die Gaita erlernte, später kamen Akkordeon, Geige und Gitarre dazu und dann auch Piano. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die mit vielen berühmten Musikern zusammenspielte: mit Yo Yo Ma in seinem Silkroad Ensemble, mit den Chieftains, dem Chicago Orchestra, in Indien, in China, in Brasilien spielte sie jeweils in den grossen Musiktempeln. Sie brachte die Gaita fast in die ganze Welt und zeigte, dass dieses Instrument in alle Musikkompositionen einzureihen ist. Fantastisch.

    Jetzt will sie erstmal nicht mehr auftreten, sie will sich um ihre demente Mutter kümmern, nur bei kleineren Events holt sie ihre Gaita hervor und spielt. Ich hatte grosses Glück, so einer aussergewöhnlichen Musikerin zu begegnen,

    Ich empfehle zum Einstieg in ihr grosses Repertoire das Album MIGRATION

    Songs of Joy and Peace von dem Silkroad Ensemble von Yo Yo Ma

    Cristina Pato mit ihrem Galician Connection Festival

    Rose of the winds mit dem Chicago Symphony Orchestra

    Das Afro Latin Jazz Orchester mit Arturo O‘ Farill

  • Der Leuchtturm ist verloschen

    Henry Thoreau schrieb in seinem Buch „Walden“, dass es ausreiche, nur eine Zeitung richtig zu lesen, danach bräuchte man keine weitere.

    Ich habe nur ein Buch von Jürgen Habermas gelesen, „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Ich musste es lesen, weil ich in einem Publizistik Seminar sass und der Dozent uns aufforderte, das Buch binnen einer Woche zu lesen. Nach einer Woche schrie ein Seminarteilnehmer den Dozenten an, er hätte nichts verstanden und das Buch an die Wand gedonnert..Wir wurden gebeten, einen weiteren Versuch zu unternehmen. Auch ich hatte nicht viel vom Strukturwandel verstanden. Mich faszinierte die Sprache, die ich mir mühsam übersetzte und arbeitete mich langsam, aber zäh durch. Die Mühe hatte sich gelohnt. Bis heute greife ich immer wieder auf dieses Buch zurück. Ich liebe es, wenn jemand auch heute die intellektuelle Sprache drauf hat (danke Martina). Für mich war in allen politischen Lebenslagen Habermas der erste, den ich um Rat las. Er wird uns als demokratische Stimme sehr fehlen.

    Dass ausgerechnet Wolfram Weimer, damals Chefredakteur beim Cicero, die Story vom „Wahrheitverschlucker“ breittrat, wird ihm jetzt aufgestossen sein. Habermas hatte damals auf einem Geburtstagsfest einen Zettel, auf dem wohl stand, dass er mit 15 Jahren Nazimitglied gewesen sei, einfach gegessen. Derselbe Weimer ist heute Staatsminister für Kultur, die Grünen und die Linke waren von Anfang an dagegen. Damals hetzte er gegen Habermas und Grass, heute lässt er linke Buchhandlungen vom Verfassungsschutz überprüfen und behauptet die Jury, die den Buchhandlungspreis vergibt, hätten diese Buchhandlungen garnicht auserwählt. Er lügt. Die Anwälte der betreffenden Buchhandlungen haben schon von der Jury ihre Wahl bestätigt bekommen.

    Weimer hat wahrscheinlich das Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ auch an die Wand geworfen.

    (L.N.)

  • Peter Schneider – ein Nachruf

    Von einem Berliner Freund erfuhr ich gestern, dass unser Freund, Peter Schneider, tot ist. Das traf mich hart. Ich wohnte in den 70ern mit seinem Bruder Florian in einer Freiburger WG. Peter schaute oft vorbei, so lernte ich ihn kennen. Er war immer willkommen mit seiner ansteckenden Heiterkeit, seinem feinen Humor und seinen erotischen Anspielungen. Er lachte gern und alberte auch viel herum. Er war immer lässig gekleidet, Jeans, Pulli und helle Lederjacke. Er sah umwerfend aus, attraktiv und sehr männlich.Meine Magisterprüfung hatte den LENZ zum Thema, mit diesem schmalen Buch wurde er bekannt. Ich weiss noch, dass mein Prof in der Prüfung sagte, ich soll nicht so schnell sprechen, wir seien ja schliesslich nicht auf einer Eisbahn. Tatsächlich sprachen wir damals schneller, engagierter, atemloser. Wir wollten ja auch die Rebellion. In meiner Goethe-Zeit lud ich ihn einmal ins Bremer GI ein, damit er dort einen Vortrag über das politische Deutschland vor Japanern halten sollte. Einige meiner Freunde waren dabei, wir schufen eine hitzige Diskussionsatmosphäre. Damals konnte man schon die Nachdenklichkeit bei Peter merken. Er war nicht mehr mit allem aus den 68ern einverstanden, er mochte den Dogmatismus der K-Gruppen nicht und schon garnicht die radikale Linke. In seinem Buch „Rebellion und Wahn“ verarbeitet er die Fehler der SDS Zeit. Es folgte noch ein politisches Buch: „Und schon bist du Verfassungsfeind“. Er wollte in den Schuldienst, man verweigerte es ihm aufgrund seiner politischen Agitationen. Danach schrieb er meist Bücher, die sich mit dem zeitaktuellen Geschehen beschäftigten, „Der Mauerspringer“ gehört dazu, aber auch „Vati“, wo er mit dem Nazi RA Mengele abrechnete. Als ich über Weihnachten in Berlin war, kaufte ich mir sofort sein letztes Buch „Die Frau an der Bushaltestelle.“ Sogleich ist man dem Sog der 68er Jahre erlegen, vertraut mit der gehetzten Sprache, der Orietierungssuche und vor allem der hochemotionalen Sprache. Er berichtet über die damalige Zeit, sein Alterego rechnet ab, besonders mit seiner Freundin, die ihn an BILD verraten hat. Wir alle kennen diese Frau, sie lebt noch, ich verrate ihren Namen nicht. Ich habe Peter lange nicht mehr gesehen, jetzt kann ich ihn nie mehr sehen. Sein Erzählband „Die Wette“zählt für mich zu den schönsten Schilderungen über Sehnsucht, Erotik in gesellschaftlichem Environ. Er schrieb es 1978. da sah ich ihn oft. (L.N.)

  • Let’s dance Samba

    Während in Deutschland die vier tollen Tage schon vorbei sind und die Sündigen nach Ablass suchen, steigen die Männer hier in Frauenkleider, schminken sich ungekonnt und kreisen um ihren nackt gehaltenen Nabel. Sie tanzen Samba, im Kreis, im Block, alleine. Vier Wochen lassen sich dagegen die Kanaren Zeit, um sich auszutoben und die schrecklichen Weltrealitäten zu vergessen. Ich gehe gern auf diese Streetpartys, um die Musik zu hören und den Tanzenden zuzusehen. Die Stimmung ist ausgelassen bis feurig. Ganz im Gegenteil zu den traditionellen Tänzen, die mich immer an den Jodler Bub dahoam erinnern und der einförmigen Musik, die die Achttonleiter rauf und runder flötet und trommelt. Ich hörte auf einem Karnevalsumzug von einem Brasilianer, der seit kurzem auf der Insel lebt und Webkurse anbietet. Da ich immer weben lernen wollte, machte ich mich auf die Suche nach dem Neuankömmling.Für mich ist es ohne Auto nicht leicht, abgelegene Gegenden aufzusuchen. Ich machte mich auf eine etwas längere Wanderung gefasst. Dass das Atelier aber so steil am Hang lag und die steilen Treppen ohne Geländer zu bewältigen sind, erforderte nun doch meine volle Konzentration. An der grünen Holztür angekommen, klopfte ich so lange, bis endlich jemand die Tür öffnete. Vor mir stand ein lächelnder etwa 60 jähriger Mann, mit einem weichen Gesicht, das mich sofort an das Baby auf dem Hipp Glas denken liess. Ich trat in die Stube ein, überall kleinere Webstühle neben einem grossen. An der Wand war Wolle auf Regalen gestapelt, in den wunderbarsten Farben, dass Goethe bei diesem Anblick sofort seine Farbenlehre hätte erweitern wollen. Der Weber, José Maria, fragte, ob ich einen Tee wolle und verschwand dann aus dem Raum.Jetzt erst hörte ich die leise Musik.

    Als er mit Keksen und Tee zurückkam, fragte ich ihn nach der Musik. Er sagte, das sei Samba aus Rio, er würde den ganzen Tag beim Weben Samba hören, die Musik gebe ihm Lebenskraft. Er stellte die Musik lauter und begann leicht seine Hüften zu bewegen. Ich fühlte mich sehr wohl in diesem Ambiente. Ich bat ihn, mir seine Lieblingsmusiker zu nennen. Er zeigte mir auf seinem iPhone zwei Musiker, die ihm mit ihrer ausgelassenen Musik Lebenskraft geben würden. Natürlich habe ich schon Sambamusik gehört. In meiner Bremerzeit, waren Sambaklänge auf jeder Demo zu hören. Als ich wieder in meiner casita war hörte ich mir einige Stücke von den beiden genannten Musikern an.

    MARTINHO DA VILA aus Rio de Janeiro singt, schreibt, musiziert. Mich hat ein Song allein schon wegen dem Titel angezogen.

    *** Aquarela Brasileira.***

    Seht Euch diese wunderbare Landschaft an!
    Es ist eine reliktartige Episode, die der Künstler in einem strahlenden Traum für diesen Karneval auserwählt hat
    Und der Asphalt als Laufsteg wird die Leinwand sein
    Brasilien in Aquarellform.
    Beim Spaziergang durch die Ausläufer des Amazonas entdeckte ich riesige Kautschukplantagen…

    ZÉCA PAGODINHO ebenfalls aus Rio, ebenfalls Sänger und Songwriter.

    Ich weiss nicht, wie oft ich das Lied ***Deixa a Vida me Levar*** angehört habe und dazu getanzt habe. Zum Relaxen ist dieser Song besser als jede Yogaübung.

    Ich habe in diesem Leben fast alles durchgemacht.
    Was Obdach betrifft, warte ich noch immer auf meine Chance.
    Ich gestehe, ich bin von bescheidener Herkunft,
    aber mein Herz ist edel, so hat mich Gott geschaffen.
    Und lass das Leben mich fortführen.
    Das Leben führt mich fort
    Das Leben führt mich fort…

    Es ist ein bekanntes Lied. Ich bin sicher, dass all die grandiosen Fußballstars, die leider schon bei Petrus spielen müssen, diese Melodie nicht mehr hinter einer religiösen Zeremonie verstecken müssen, sondern eher den Himmel zum Wackeln bringen.

  • Am Sonntagnachmittag an den Meerespools

    Heute ist Bilderbuchwetter: wolkenloser blauer Himmel, ruhiges glitzerndes Meer, 28 Grad in der Luft, 20 Grad im Meer. Ich höre eine deutsche Frauenstimme sagen: hier ist es wie in einem Wellnesshotel, und alles eintrittsfrei. Ein Badegast fragt sie, was nimmst du mit von hier, wenn du wieder nach Deutschland zurückkehrst? Mojos verde und rosso, das gibt es nicht bei uns. Der Mann sagt, ich bin hier, um leer zu werden, ich will mit den Regenwürmern kommunizieren. Die Frau lacht. Wie kommst du denn da drauf?

    Ich sehe, dass er ein Buch von Byung Chul Han auf seinem Handtuch liegen hat. Ich kann den Titel nicht lesen. Das Cover zeigt einen grünen Fichtenhain, das Buch kenne ich noch nicht. Ich beschliesse, abzuwarten, bis die beiden ins Wasser gehen. Das letzte Buch, das ich von Han gelesen habe, ging über Hoffnung, davor das über seinen Garten. Sie gehen schwimmen. ich drehe das Buch so zurecht, damit ich den Titel erkennen kann. Ich erhasche nur Simone Weil. Sie nähern sich schon wieder, war ihnen wohl zu kalt im Atlantik. Als Studentin hatte ich ein Foto von Simone Weil auf meinem Schreibtisch stehen und ihre Cahiers lagen darunter. Ich frage den Mann, ob ich mal kurz in sein Buch sehen darf, er sagt, na klar. Es ist ein Buch über Gott, es ist ein Gespräch zwischen Byung und Simone über ihre Gedanken . Ob er schon darin gelesen hat, frage ich ihn. Er strahlt mich an: genau das richtige Buch für diese Insel: Stille, Leere, mit Gott und der Natur sprechen lernen. Ich sage nichts. Ich denke an die Torturen, die sich diese Philosophin auferlegt hat. (L.N.)

  • Me and Bobby Weir

    Jetzt ist my Angel gestorben. Von den Grateful Dead war er mein Hingucker, a very pretty young man. Neben dem gemütlichen, vollbärtigen Garcia wirkte Bob wie ein frisch entlassener Highschool Fellow, er war indeed der jüngste bei den Deads. Ich mochte seine Cowboy-, seine Countrysongs. Der Endlossong „Playing in the Band“ hat nicht nur mich ohne Joint high gemacht, ich habe den Genuss in Oakland im Sylvesterkonzert 1979 und dann irgendwann in den 80ern beim Konzert in Bremen voll ausgeschöpft. Wir waren eine grosse Gemeinde, wir Deadheads, tanzend wie in Trance. es waren meine schönsten Konzerte.Bob Weir stand meistens neben Garcia, manchmal trat er nach vorne, der hübsche Frontman an der R thythm Guitar. In seiner über 10 minutenlangen „Weather Report Suite“ Performance war kein Deadhead zu finden, der nicht „Let it grow, let it grow“ mitsang. Meine Lieblingssongs der Grateful Dead sind die Stücke, die von Bob Weir geprägt sind, like “ Looks like rain“, „Only a river“ „Hell in a bucket“, aus dem folgendes ,zu seinem Tod mit 78 Jahren passt: There May come a Day I will dance on your grave, if unable to dance, I will crawl across it. Ich werde in den nächsten Tagen ausschliesslich Grateful Dead hören. Morgen beginne ich mit „Don’t worry“, hier am Atlantik, phantasiere mich aber nach California.

  • KI generierte Musik

    Gestern erhielt ich ein Musikvideo von einer Freundin, über das ich mich sehr freute, weil es einen Song über El Hierro enthielt. Es gibt kaum Lieder über die Insel, ausser natürlich die folkloristischen Melodien. Ich hörte mir den Song mehrmals an, weil er einen auffallend schönen Text über die Insel enthielt. Dann achtete ich auf die Filmaufnahmen, die aufgrund ihrer Farbigkeit die hiesigen Landschaften besonders attraktiv zeigen. Ich kenne alle Videos über El Hierro, aber einen so hervorragenden Film hatte ich bisher noch nicht gesehen. Ich hörte den Song mehrmals, weil ich nicht sicher wusste, ob es sich um einen Sänger oder eine Sängerin handelte. Ich fragte meine Freundin, wer der Interpret des Songs sei, sie schrieb zurück: Jorge Luis- Ich googelte, fand keinen Jorge Luis, aber einen José Luis, der über Hierro singt. Ich schaute mir seine Videoclips an, das war aber nicht der Sänger, der das wunderschöne Hierrolied sang. Meine letzte Hoffnung war Torsten de Winkel, der hier das jährliche Jazzfestival initiiert, er kennt sich in der lokalen Musikszene sehr gut aus. Er konnte sich auch nicht erklären, wer das sein könnte. Wir diskutierten zum ersten Mal die Frage, ob es sich hier um ein KI generiertes Musikstück handelt.

    Ich war wie gesagt begeistert von der Qualität des Musikfilms. Ich beschäftige mich schon länger mit KI und benutze auch Chatjpd. Ich lese die Antworten kritisch und bedachtsam. Die Begegnung in der Musik ist neu für mich, auch, dass sie mich so fasziniert. Natürlich kenne ich die Bedenken was das Urheberrecht betrifft und die Konkurrenz zu der menschlich gemachten Musik.

    Mich würde Eure Meinung zu diesem Thema sehr interessieren.

  • Bücher zum Neuen Jahr

    Mein Wunschzettel war nicht Zettel’s Traum, mein Buchstabenbegehren zielte auf reale Befriedigung.

    Als das Wünschen noch geholfen hat und Paare, Passanten von der schönen neuen Welt tuschelten, bat ich Kairos jetzt zu bestellen. Es kamen

    Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies (sehr unterhaltsam)

    Die Spielerin von Isabelle Lehn (wenn kluge Frauen über kluge Frauen schreiben, dann prechtalts)

    Die Frau an der Haltestelle von Peter Schneider ( wer die SDS Sprache nochmal auffrischen will, bitte lesen)

    Die Zeit der Verluste von Daniel Schreiber ( Nachruftrauer auf den Vater, aber schöne Passagen über Venedig)

    Barbara Bleisch: In der Mitte des Lebens

    Huch Josten: Die Gleichzeitigkeit der Dinge

    Botho Strauß: Das Schattengetuschel

    Die letzten 3 Wörterbündel liegen beim spanischen Zoll und warten auf die Reise um die Welt, wahrscheinlich dann in 80 Tagen lesebereit halten.

  • Wir sind alle eine Bettwurst

    Dietmar Kracht, isch liebe disch so unwahrscheinlisch, versank im Wannsee, tagelang ging ich durch den Grunewald, voll der Trauer um ihn. Der Film von Rosa von Praunheim “ DIE BETTWURST“ lief bei uns in der WG in Freiburg in den 70ern. Ich hatte Besuch von meinem besten Freund aus Saarbrücken. Er ist Cineast und damals Undergroundfilmspezialist. Er empfahl der WG den Film zusammen anzusehen. Es sei ein Higherlebnis ohne Drogen. Während des Films lagen wir lachend am Boden, ahmten den unverwechselbaren Mannheimer Dialekt nach und spielten in den nächsten Tagen die Staubsaugerszene durch. Mich interessierten die Filme von Rosa, die über das Thema Homosexualität gingen nur politisch, ich sah sie mir an, fand aber keinen Bezug dazu. Rosa bewunderte ich immer, traf ihn mehrmals. Er war (sic) ein schöner Mann, voller Energie und mit einem verführerischen Lächeln. Ich bewunderte seine hohe Produktivitätskraft und sein Brennen für die Rechte der Homosexuellen. Dass er doch noch geheiratet hat, mag ein Hochzeitsgeschenk an seinen langjährigen Partner gewesen sein bzw. , in meiner Denke, viceversa, die Bitte, ihn bei seinem Tod zu assistieren. In einem letzten Interview hörte ich Rosa sagen, dass er den Tod liebe, sich auf das lange Schlafen und das Träumen freue. Das wünsche ich ihm jetzt.