• So gehen Kurzbiografien

    Alf Mayer wuchs als Bauernsohn im Allgäu auf. Sein Dorf hieß, ungelogen, Jedesheim. Er wurde Journalist und Städter, lebte 33 Jahre in Frankfurt. Heute in Bad Soden am Taunus, wo er ein altes Kino retten half.Er war Redakteur der legendären Medienzeitschrift »medium«, gewann dort Georg Seeßlen als Autor, arbeitete mit Edgar Reitz (Heimat) und mit Alexander Kluge, übersetzte Noir-Krimis. Ist Mitherausgeber von CulturMag/CrimeMag.
    Georg Seeßlen verbrachte eine glückliche Kindheit in der Großstadt München und im Alpenvorland und eine sehr viel weniger glückliche Jugendzeit in einer rheinischen Beamten- und Garnisonsstadt. Studierte Kunst in München, spielte wie üblich in einer Rockband. Nach einer sehr lehrreichen Zeit als Briefträger und anders lehrreichen Tätigkeiten beim Fernsehen blieb das Schreiben für Zeitschriften und Radio und das Verfassen von Büchern übrig. Dabei ist es geblieben.

    Wer erinnert sich an „Red Sails“, einen der besseren Songs des insgesamt nicht so dollen David Bowie-Albums „Lodger“:  „The hinterland, the hinterland / We’re gonna sail to the hinterland / And it’s far far, far far far, far far far away“. Das Stück wurde stark von deutschen Krautrock-Bands wie Neu! (mit ihrem typischen „Motorik“-Beat) und Harmonia beeinflusst. Bowie kombinierte dieses deutsche Gefühl mit einer Art schiffbrüchigen oder abenteuerlichen Seefahrer-Atmosphäre. Auf jeden Fall wäre dieser Song wohl eine gute Einstimmung für die Lektüre dieser etwas anderen Notizen aus der Provinz (soweit ich mich an die Erforschung medialen Undergrounds und diverser Trvialmynthen der Zwei erinnere (natürlich mit doppeltem Boden und leicht verschärftem Bewusstsein)!

  • Der lange Schlaf des liegenden Elefanten (für Lajla, die sich am besten von uns allen mit Inseln auskennt)

    Wie etwa schaut La Palma aus, wenn man von Tenneriffa hinüberschaut? In meiner Kindheit sammelte ich Luftbilder der ostfriesischen Inseln, und konnte sie alsbald sehr gut vomeinander unterscheiden. Als ich 1998  auf Lanzarote war, wusste  ich über das Magazin „Opal Information“, dass es dort ein Festival  gab namens „Musica Visual“, das von dem Bildenden Künstler Ildefonso Aguilar de la Rua  kuratiert wurde. Über etliche Jahre traten, bis 2000 alle Subventionen von einem konservativen Bürgermeister gestrichen wurden, früh im Oktober, Künstler auf, vor allem aus den Kreisen von ECM und Brian Eno. Als Brian einmal Ildefonso besuchte, verschwand er eine halbe Stunde zwischen zwei Bäumen und lauschte dem Wind, völlig erstaunt darüber, dass das Geräusch aus Laub und Wind exakt wie eine Meeresbrise klang.  Für den Deutschlandfunk kaufte Harald Rehmann über zwei Jahre ein paar Konzerte ein (er überliess mir als Mann vor Ort die Auswahl). Ein Highlight war gewiss der Liveauftritt von Peter Schwalm und Brian Eno auf dem Boden eines Vulkans. Bei den Zuhörern dabei der Pianist Misha Alperin, den ich beim abendlichen Büffet Brian Eno vorstellte.

    Nun fand in diesem Oktober  – und ich lüfte hier ein lange gehütetes Geheimnis – im letzten Urlaubsmonat der Insel Kreta  (bevor die meisten Hotels und Geschäfte ihre Pforten schliessen) eine besondere Performance statt, alle zwei Tage, und jeweils vier Stunden lang: über 16 wuchtige Lautsprecher wurde bis zum gestrigen Finale auf der „Zwiebackinsel“ vor Matala „Evening Star“ von Fripp & Eno gespielt, rauf und runter, ein  Album, das im  Dezember 1975 erschienen war und der begrifflich noch nicht in den kulturellen Diskurs geworfenen „Ambient Music“ frühe Horizonte öffnete. 

    Ich hatte also die Idee und die Beharrlichkeit, die Tourismusexperten sorgten für Logistik, Handzettel, eine aufwendige, aber einfache Installation mit Bose-Boxen  (kein visuelles Beiwerk) und die Bootsfahrten. Verpflichtet  zu sieben Teilnahmen an den Bootstouren als eine Art „Animateur“ und zu zwei  Vorträgen in den Gemeindezentren von Pitsidia und Matala, bekam ich 8000 Euro auf mein Konto überwiesen. Und einen Tagesspesensatz von 150 Euro. Aber der Reihe nach! 

    Es ist pure Mythenschinderei, Matala zu einem Power Spot von Legenden  der Hippieära zu erklären. Kein Bob Marley war hier, keine Bob Dylan, faktenkundig ist allein Joni Mitchell, die  hier mit ihrem Kurzzeitlover in  den Höhlen vor Ort, im damals einzigen  Dorfcafé, und billigen Unterkünften etliche Tage und Nächte verbrachte: der Song Carey aus dem Album „Blue“ war wohl das einzig Zeitlose an dieser Episode. Ansonsten ist noch ein langer Aufenthalt des Barden  Georg Danzer verbürgt (die Älteren werden sich erinnern) – und, hört, hört,  ein kurzer Abstecher von Fripp und Eno zur Zeit ihrer kurzen Europatournee im Frühjahr 1975 als Duo mit Revor-Tonbandmaschinen, Delays und Frippertronics. Hier wollten sie einfach ein paar Tage abschalten, und speziell Fripp war gespannt auf die afrikanischen Winde, die Joni in besagtem Lied besang („The wind is in from Africa, last night I couldn’t sleep“).

    Das alles wurde erst unlängst jenem Kreis von Kinogehern bekannt, der eine bestimmte Fassung der Doku „Eno“ gesehen hatte. Dort erfuhr der geneigte Zuschauer, dass die Felseninsel vor Matala die Idee des Covers von „Evening Star“ auf den Weg brachte. Als Inspiration, als Stimmungsbild,  nicht als fotografische Abbildung! Mir war diese Begebenhetm erstmals  zu Ohren gekommen, als ich Brian vor zwei Jahren aus Matala schrieb. Und als er das am Rande erwähnte, neben seinem Wunsch nach einem langen Urlaub und viel Schlaf, kam ich auf die Idee dieser „speziellen Veranstaltung“ rundum die Paximadia-Eilande.  Erst aus  der Nähe  wird erkennbar, dass es sich eigentlich um zwei kleine unbewohnte Inseln handelt, ansonsten wirkt es  wie eine einzige Felsenmasse.

    Manche sprechen auch  von der „Elefanteninsel“,  weil  aus einer bestimmten Perspektive die Silhouette an einen liegenden Elefanten erinnert, sowohl von Agia Galini aus wie von Matala. Dass der Name in den Landkarten als Paximadia geführt wird, leitet sich wiederum vom griechischen Wort Paximadi ab für den harten kretischen Doppelzwieback. Kein Wunder: die karge felsige Form erinnert an dieses trockene Gebäck.

    Als ich mich vor zwei Jahren mit Hilfe des Dorf-Urgesteins Kostas zu dieser Inselformatiom fahren liess, nahm  meine etwas verrückte Idee klare Konturen an. Obwohl sie aus der Ferne wie kahle Steinblöcke im Meer aussehen, gibt es auf der Südseite der östlichen Insel einen geschützten Kiesstrand mit kristallklarem Wasser. Und  keinerlei touristische Infrastruktur. Bingo – die Insel war betretbar!

    Und so nahm die Sache ihren Lauf. Wahrscheinlich wird es mir niemand glauben, aber schon bei meiner ersten Reise nach Matala vor vier Jahren fühlte ich mich beim Anblick Blick der Felseninsel an das Cover von „Evening Star“ erinnert, und keinesfalls an einen liegenden Elefanten. Ein anderes Mal werde ich einige Anekdoten zum Besten geben, die sich rund um meine Vorträge und Bootsfahrten abgespielt haben, und diese Stories haben gewiss nicht weniger Unterhaltungswert wie die hier kurz skizzierte Entstehung. Von Anfang an liebte ich die erst Seite des Albums, die ich unendlich oft gehört habe (wie auch den Vorgänger „No Pussyfooting“!) – die harsche zweite Seite hat mir nie besonders gut gefallen, aber das hat sich nun zumindest ein wenig geändert: das lange schroffe „drone-befeuerte“ „An Index Of Metals“ hat endlich seinen perfekten imaginären Ort gefunden! Es hat mich immer fasziniert, von einer Insel aus auf die Silhouette der Nachbarinsel zu schauen. Aus der Distanz wird immerzu eine Fantasie, eine Verhüllung, inmitten aller Sichtbarkeit. So beginnen Geschichten. Auch die Augen von Joni Mitchell fielen 1970, wieder und wieder, auf die Felseninsel vor Matala.

  • Geschichten rund um „Thursday Afternoon“ (für Jan Reetze)

    Im Oktober 1985 erschien Brian Enos 61-minütige Ambient-Komposition „Thursday Afternoon“, und auch wenn ich damals, Ewigkeiten nach „Before And After Science“, zu gerne mal wieder ein neues Songalbum von ihm gehört hätte, tauchte ich auf Anhieb in diese seltsam-ruhigen, mit Worten kaum greifbaren, immerzu schwebenden Texturen ein. Sehr gleichformig, keine crescendi, keine breaks, und doch… und doch…

    Hatte Robert Wyatt Klavierspuren der kristallinen Art hinterlassen (high end close miking!) , auf „Music For Airports“, so waren Roger Enos impressionistische Klaviertupfer auf „Thursday Afternoon“ weitauf tiefer im Mix eingesunken. Brian betont gerne das Funktionale, und so war „Thursday Afternoon“ damals eben auch dazu gedacht, das neue Medium der CD auszureizen mit einer gut einstündigen Verweildauer, bei welcher das Umdrehen von Schallplattenseiten wegfiel, und man sich ganz auf die Klänge konzentrieren konnte, oder sie einfach laufen liess, als – seltsam sublimen wie aktiven – Hintergrund.

    „Es ist, als hätte der Nachthimmel eine Komposition erhalten.“

    Jeder kleine Augenblick spiegelt das Ganze – der holistische Dreh! Allemal ein Phänomen, wie viele Hörer „Thursday Afternoon“ ohne eine Spur von Langeweile lauschen, von Anfang bis Ende, bewusst, halbbewusst, oder unbewusst! Niemals greifbar, einnehmend ohne Platitüden, ein wenig rätselhaft auch, und dann … einfach verschwunden.

    Ein Meisterwerk aus Licht und Schatten, das hintergründig fesselt – und sowieso als eigenständiges Hörerlebnis. Fesselt und loslässt zugleich.

    In einer Rezension in „Stereo“ regte sich der renommerte Musikkritiker Franz Schöler fürchterlich über die analoge Quelle der Klavieraufzeichnug auf, deren Bandrauschen auf dem fertigen Produkt durchweg zu hören sei. Warum um alles in der Welt, rief er sinngemäss in die Runde, warf die Hände wohl wild in die Lust, wo doch das Digitale alles Rauschen eliminieren könne!??

    Darauf von anderer Seite angesprochen, bekannte sich Brian zu seiner Freude am analogen Rsuschen, und sprach dem „tape hiss“ allerlei Qualitäten zu, sicher keine ausgefuchtse Volte, um Kritiker auf seine Seite zu ziehen. Er mochte dieses Element des Unperfekten, den nicht-aseptischen „Staub“, Spuren der Unreinheit. Psychoakutischer „sidestep“: wer jetzt nicht wild entschlossen auf das Rauschen achtet, nimmt es nach wenigen Minuten gar nicht mehr wahr!

    “Thursday Afternoon“ trat zudem auch als Soundtrack in Erscheinung. Wer Enos DVD gleichen Titels besitzt, kann in dem 61-minütigen Film eine nackte Frau in einer Badewanne beim Daliegen zuschauen (in meiner Erinnerung sehr weichgezeichnet, wie in einem Soft Porno von David Hamilton – das Schamhaar musste für den japanischen Markt weggepixelt werden!), und was die Farbgebung und -filterung angeht, hatte das minimal bewegte Schaumbad durchaus einen Touch von Jean Renoir. Aber, seriously, auf Dauer war diese Kopplung von Sound und „Film“ arg langweilig – die grossartige Musik von „Thursday Afternoon“ verträgt schlcihtweg keine Eingrenzung auf ein visuelles Motiv gleichwelcher Art. Die Musik braucht den offenen, inneren Raum, seine privaten Horizonte!

    Übrigens: das Label 12k wurde 1997 von dem Musiker und Klangkünstler Taylor Deuoree gegründet, kein Unbekannter in den „Klanghorizinten“. In Interviews erzählte Deupree, dass ein wiederholtes Hören von Brian Enos Ambient-Meisterwerk Thursday Afternoon (das er 1986 bei einem Freund rauf und runter hörte, während sie schliefen) seine Einstiegsdroge in die Ambient-Musik war und seine gesamte musikalische Philosophie sowie die spätere Label-Gründung maßgeblich beeinflusste.

    Kurzes Nachspiel mit einem Tauchpionier

    Wenige Jahre nach „Thursday Afternoon“ wurde mir, im ersten Jahr der „Klanghorizonte“ ein neues Album von Jean Michel Jarre zugeschickt, und ich schüttelte verwundert den Kopf. Der Franzose war uns in den 1970ern bestens bekannt mit seinen von Synthesizern geprägten, kommerziell sehr erfolgreichen Alben „Equinoxe“ und „Oxygene“. Kaum ein Studentenwohnheim, wo das Donnergegroll, das Walzerhafte und Sphärische des einesn oder anderen Ohrwurms nicht durch die Flure hallte. Aber was war das!? Ganz offensichtlich, und ich habe jetzt nichts gegoogelt, hatte Jarre „Thursday Afternoon“ sehr oft gehört, denn ich erkannte auf Anhieb einzelne Motive oder Texturen wieder, doch was Eno als Ko-Komponist oder zumindest Inspiration aufgeführt. Abgesehen von dieser „freundlichen Übernahme“ erschien mir Verknüpfung der (maritimen?) Sounds mit den als Kind gern gesehehen Meereserkundungen von Monsieur Cousteau verlockend. Eine kleine Copyright-Kontroverse wäre durchaus denkbar gewesen. Nicht mal ein Merci auf der Rückseite der Cd. So verschwommen meine akutsichen Reminiszenzen sind, „Waiting For Cousteau“ empfand ich damals als durchaus feines Stück Musik.

  • the art of dialogue

    In the net i found an new spoken review by a guy who gave very few insights into the album in question. In parts t seemed very poor. Cliché after cliché, no single analysis of a track. Well, I don‘t have any problems if someone loves, likes, or dislikes an album. That‘s where dialogue comes into play.

    i answered him: At least your review scratches the surface of the surface. Digging a bit deeper would help. ANOTHER DAY ON EARTH is another fantastic Eno song album with an interesting melange of song structures and ambient elements. They intertwine perfectly. You missed melodies? Well, listen again, to How Many Worlds or Just Another Day, Caught Between or Bottomliners … maybe some them take time to evolve, some are nearly singalongs, my friend. Eno unfolds a „theatre of voices“ of a class beyond any mainstream expectations. And surely miles away from such a limited strangely self-comscious parlando, Apart from that, the whole album conains a multitude of emotions and „states of mind“ that make it unique, too. The last piece about a suicide bomber was a track David Bowie absolutely admired, and for good reasons, and really doesn‘t deserve such a trivial response. Sorry for open words. No hard feelings. Then he answered me.

    I’m sorry, it’s a really mediocre record and you’ve got your nose stuck up his arse.

  • Brian Enos Story von „Fractal Zoom“

    „Was „Fractal Zoom“ betrifft, experimentierte ich damals mit etwas, das ich „unwillkommenen Jazz“ nannte. Da gab es eine gewisse Dissonanz und Schärfe, die mir gefiel. Gleichzeitig wollte ich aber dieses – zumindest für mich – große Experiment wagen, eine Art von Musik zu schaffen, die die Freiheit und die Dissonanz besitzt, die man manchmal im Jazz findet. Und dennoch etwas Liedhaftes an sich hat. „Fractal Zoom“ begann  mit einer Aufnahmesession, die ich in Los Angeles mit dem großartigen Schlagzeuger  Sugarfoot Moffett machte. 

    Er wurde wegen seiner Bassdrum-Technik „Sugarfoot“ genannt. Er konnte sehr, sehr gut mit der Kick-Drum umgehen. Er tauchte bei der Session auf. Ich erinnere mich, wie er in einem roten Cabrio auf den Parkplatz fuhr, auf dessen Rücksitz nur drei Snare-Drums lagen. Sonst nichts. Ich hatte den Rest des Schlagzeugs gemietet, aber er wollte seine eigenen Snare-Drums mitbringen. Jedenfalls nahmen wir ein paar Improvisationen auf, und eine davon wurde zur Grundlage für „Fractal Zoom“. 

    Ich habe die Bänder mit nach England genommen und dort weiter daran gearbeitet. Dabei habe ich diese großartige Zutat namens „Robert Fripp“ hinzugefügt, der für diesen Titel auf ganz besondere Weise Gitarre gespielt hat. Er nannte es „Pin Trumpet“. Das ist dieser sehr, sehr dünne, durchdringende Klang, den man in dem Stück hört. Ich glaube, die Gitarre wurde elektronisch irgendwie um eine Oktave erhöht. Aber ich hatte immer noch keinen Song. Und ich wollte etwas, das lyrisch und süß und sehnsüchtig und fast schon ängstlich über diesem Groove lag. 

    Der Groove war, glaube ich, wirklich mehr als alles andere vom Spiel von Jaki Liebezeit geprägt. Ich wollte einen dieser unaufhörlichen, kraftvollen Grooves, wie er sie hinbekam. Und natürlich war der andere Schlagzeuger, der mich sehr beeinflusst hat, Klaus Dinger, den ich zum ersten Mal bei Neu gehört hatte. Es ist  dieses Schlagzeugspiel von Sugarfoot Moffett, das diesen Track wirklich untermauert. Ich  hörte  mir den Song jetzt wieder an – etwas, das ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr getan habe, da ich meine älteren Werke nicht so oft höre. Und er gefällt er mir wirklich gut. Ich bin überrascht und es ist mir ein bisschen peinlich, das zu sagen. 

    Aber diese Wolke aus Gesang und Instrumenten, die etwa zwei Minuten nach Beginn unerwartet auftaucht, hat etwas Wunderschönes an sich. Und ich denke, man kann es eigentlich als eine Art Fusion-Musik bezeichnen. Ein Versuch, einige Stilelemente miteinander zu verbinden, die normalerweise nicht zusammen vorkommen. Etwas zu schaffen, das sowohl rau und ziemlich aggressiv ist als auch etwas, das fast schon ekstatisch wirkt.

  • An imaginary radio hour for a late autumn evening

    “Precious things rarely stay underground forever.“

    1) Don Cherry: Sunrise (reissue)
    2) Enzo Favata: Ritornare (ECM, 2026)  
    3) Brian Eno & Peter J Schwalm: Drawn From Life (reissue)
    4) Movietone: Day And Night (reissue)
    5) Brian Eno: Another Day On Earth (reissue)
    6) Arve Henriksen: Cartography (ECM, 2008)
    7) Shovel Dance Collective: Everything in Readiness (2026)

    *Das eindringliche zweite Album der „Bristolianer“ nähert sich dem Status eines „vernachlässigten Meisterwerks der 90er Jahre“. Reden wir von Shoegaze, Dream Pop und Post-Rock, und den eher vernachlässigten Nischen der 1990er Jahre. Die wohl faszinierendste davon war die Szene der jungen Musiker aus Bristol, die sich von der Canterbury-Psychedelia, dem Krautrock und dem Free Jazz inspirieren ließen. Die Szene erreichte mit diesem zweiten Album der Gruppe, die von den ehemaligen Flying-Saucer-Attack- und Crescent-Mitgliedern Rachel Brook und Kate Wright gegründet wurde, einen Höhepunkt. „Day And Night“ bewegt sich in einer schattenhaften Zone zwischen Talk Talks „Laughing Stock“ und Grouper’s späteren Erkundungen liminaler Räume und ist durchdrungen von einem Geist der Spontaneität und einer seltsam trotzigen Zartheit. Die gelegentlichen Verzerrungsstürme beeinträchtigen nicht die unheimliche Schönheit von „Noche Marina“ oder „The Crystallisation Of Salt At Night“, einem zehnminütigen Ausflug in die wässrigen Tiefen, die einst von Robert Wyatt kartografiert wurden. (Jason Anderson, Uncut, December 2026)

    This little radio hour has a story. After my last hour of „Klanghorizonte“ on Sep 24, i felt the cut. More than before I dreamt on doing radio nights and things related with composing playlists. It‘s a joyous thing, but now some shades of blue radiate around. So what else than to turn a loss into playful fantasy. Honestly, if I would continue with my broadcast, this exactly would be my playlist for early December, so to speak. But: whereas the farewell show had seen, well, 30 or more different versions of the „final round“, this new and imaginary list was done with the idea to accomplish it within one hour and never change it. Mission accomplished. Now I can let it go and take care of other things and ideas. 7 wonderful albums in my ears, and I am sure, some of them at least the readers of this blog – discreetly running under the radar – will like or love, too. Thank you for listening!

  • „Eine andere blaue Welt“ – Brian Eno und Peter J. Schwalm im Gespräch (2001)

    At one point of our conversation, Brian asked me: „Do you know where „Drawn From Life“ really came from?“ I raised my eyebrows, then he told it. (Michael, 2001)

    „Revisting Drawn From Life is something of a revelation.“ (Leah Kardos, The Wire, November 2026)

    Das ganze Interview aus der alten Jazzthetik vom Mai 2001 kann in der Form einer „Papierschnitzel-Story“ gelesen werden, und zwar HIER! Einen Preis für Formschönheit ist dabei nicht zu gewinnen, aber dafür ein interessanter Einblick in das Opus „Drawn From Life“ von Brian Eno und Peter J Schwalm aus dem Jahre 2001, das am 16. Oktober in allen Formaten als LP, CD, und DL neu erhältlich ist! In der Kolumne „Talk“ der „monthly revelations“ findet sich mein Interview mit Brian über „Another Day On Earth“ aus dem Jahre 2005.

    In other words: The entire interview from the old issue of Jazztethik from May 2001 can now be read as a “scrapbook story”— just click on that one word in bold letters in the German text! It may not win any awards for aesthetic appeal, but it does offer an interesting insight into the 2001 album “Drawn From Life” by Brian Eno and Peter J Schwalm, which will be re-released on October 16 in all formats—LP, CD, and digital download!

  • Michael’s final radio hour

    Deutschlandfunk, September 24

    Listen to „Klanghorizonte“

    HERE!

    Playlist of „Klanghorizonte“ with a nearly seamless sequence, in regards to storytelling, dream logic, old and new interviews of mine, – and different horizons track by track… (words on „12 Conversations“ by Leah Kardos (The Wire)

    FIRST HALF („Nocturnal Green“): Brian Eno: Music For Films (1978) / Robert Wyatt talking  / Robert Wyatt: Cuckooland (2003) / Ryuichi Sakamoto & Alva Noto: 12 Conversations  (2026) / Annette Peacock (from an old interview) / Annette Peacock: An Acrobat‘s Heart* (2000) / Daniel Lanois: Belladonna Nocturne (2026, 2 tracks) / Daniel Lanois talking in between / Lambchop: Punching The Clown (2026)

    SECOND HALF (Red Sports Car in L.A.): Seefeel: Sol.Hz  (2026) / Laurie Anderson talking  / Laurie Anderson: Bright Red (1994)**  / Jana Winderen: Spring Bloom at the Marginal Ice Zone (2017) / Jana Winderen (from an old interview, inside the music)*** / Brian Eno talking (the story of „Fractal Zoom“) / Brian Eno: Nerve Net (1992)

    *“Unsung Heroine“ (short documentary)

    **“We’d look out at the river, and if the music seemed to be naturally going with it, this was our editing device. Brian’s motto was: if it goes with the river, it goes on the record. So, for example, if the river was really choppy and active, and the music was going pah-bah-dah-dah – whoa, that looks so great! – or if it was smooth and there was some kind of ambient thing going on. We always tried to match – tried to feel – the naturalness of the river, and in this case the Hudson, and if it seemed to fit. It was a very infallible rule while recording „Bright Red“ in Manhattan, because it showed you when you were making it too difficult, not natural.“ (laurie anderson)

    ***Nearly everybody has a story to tell with „field recordings“, that will always trigger the knowledge about some of the most adventurous sounds being „out there“. Some of those albums became famous, some very much stayed under the radar (very much like the spaces they had been exploring). Even the so-called well-known can easily turn into stranger things. By chance, I once discovered an old album named „Trains in the Night“ beautifully capturing the sounds of old locomotives in England‘s vast hinterland, and the nature around. Listening to the compositions of artists like Jana Winderen or BJ Nilsen, is always a special experience. Is the howling of the wind real, or enhanced by electronics? How can someone „document“ sounds that cannot be be heard within our „normal“ range of perception? In a way the act of „cartographing“ distant areas includes sharpened senses, adequate tools – and inventiveness. When I was sinking, literally, into the „music“ of Jana‘s „arctic“ record, I couldn‘t help but remember, in moments passing by, old sci-fi movies and books, but from minute to minute I was more and more drawn into the sounds themselves and forgetting my sepia-tinged nostalgia. Where-am-I-music of a rare kind. Like all of the albums of this hour! (michael engelbrecht)

  • „The Leftover“

    Heute bin ich Couchkartoffel. Früh um 5.30 Uhr aufgestanden, und dann in Köln meine letzte Radiosendung produziert. Ich hatte ja ein paar Monate Zeit, an ihr zu feilen und 25 Patiencen zu legen für das perfekte „sequencing“. Alles begann mit der Lektüre von Graeme Thomsons erstklassigen Buch „In Another Word – The Four Seasons of Talk Talk“.

    Aber letztlich musste ich einer Stunde, reich an Spätwerken, seinen OTON kippen, so schade, zumal er ein toller Leser seines Buches ist. Mein Dank und mein Sorry an Graeme! Die Stelle findet sich im letzten Kapitel des Buches. Nach der Veröffentlichung seines Soloalbums 1997 verstummte Mark Hollis weitgehend, was das Musikmachen angeht. Das Buch von Graeme ist sicher eine grosse Freude für jeden, der dem Weg von Talk Talk seit „The Colour Of Spring“ gefolgt ist. Ich versuche den OTON noch akustisch nachzureichen – „wordpress“ ist etwas widerspenstig bei dem Dateiformat, das Graeme wählte.

    OTON Graeme Thomson: „It doesn’t really matter, not even the merest hint of some great lost work, no Spirit Of Eden II lingering in the vaults. Talking to friends and close collaborators, it’s clear that Hollis did not spend his last two decades in a state of tortured isolation. he travelled widely, motorbiking through South America, Europe and the US. He loved his family, watched football and met friends in London and elsewhere for Guiness and Cappuccino. He was still a music fan, still curious. „We would exchange CD’s“, says Dominic Miller: „Two he really liked were of orchestral tango music, and a Koto player from Korea, playing one note at a time. He loved that!“

    („Es spielt eigentlich keine Rolle, nicht einmal der geringste Hinweis auf ein großartiges, verschollenes Werk, kein ‚Spirit Of Eden II‘, das in den Archiven schlummert. Wenn man mit Freunden und engen Mitarbeitern spricht, wird deutlich, dass Hollis seine letzten zwei Jahrzehnte nicht in quälender Isolation verbracht hat. Er reiste viel, fuhr mit dem Motorrad durch Südamerika, Europa und die USA. Er liebte seine Familie, schaute Fußball und traf sich mit Freunden in London und anderswo auf ein Guinness und einen Cappuccino. Er war immer noch ein Musikfan, immer noch neugierig. „Wir tauschten CDs aus“, sagt Dominic Miller. „Zwei, die ihm besonders gut gefielen, enthielten orchestrale  Tangomusik und einen Koto-Spieler, der jeweils nur eine Note spielte. Sowas liebte er!“)

  • My musical teenager life (1965-1975)

    Als Ingo sich vor Tagen erkundete, was denn so unsere Lieblingsalben der 1960er Jahre wären, wurde mir klar, dass ich, Jahrgang 1955, ein Kind der 1970er Jahre bin. Denn in den „wild sixties“ bestand meine Sammlung ais einem Haufen Singles und nur sehr wenigen Langspielplatten. Die Kinks waren meine Band, auf Augenhöhe mit den Beatles, aber ich hatte vom ihnen nur einen Haufen Singles. Keine Lust hatte ich, aus ich meiner heutigen Sicht die Klassiker jenes Jahrzehnts zu versammeln, und so schrieb ich meine Bestenliste mit einem Augenzwinkern Richtung Ror Wolf bzw. der „Poesie“ seines Fussballbuches „Punkt ist Punkt“. Hätte er ein Musikbuch geschrieben, ein imaginäres „Sound ist Sound“, hätte sie dort einen guten Platz gefunden.

    Meine schönsten Alben der 1960er Jahre

    1. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
    2. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
    3. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
    4. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
    5. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
    6. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
    7. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
    8. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
    9. Pink Floyd: A Saucerful of Secrets
    10. The Rolling Stones: Aftermath

    Carefully remembered and evaluated by Michael E.

    Dann ging es richtig los. Der grösste Teil der „Prägungen“ meiner Vorlieben, was Genres betrifft und Seelennahrung, meine „gates of perception“ entstand zwischen 1970 und 1975, mit Wucht: ob es die hohe Kunst von Neil, Joni und Leonard war, der Free Jazz und alles andere auf Impulse, der „elektrische Miles“, Soft Machines drittes Album, die frühen „golden years“ of ECM, Gustav Mahler, und, kein Witz, um den Nikolaustag des Jahres 1975 herum, meine Story mit Brian Eno. Genug Stoff, genug Fundamente für ausgefüllte Radionächte im Deutschlandfunk viele Jahre später. Es gefiel mir natürlich als Carla Bley in einem Interview erzählte, für wie unerschöpflich und reich sie die Musik von Sgt. Pepper und Gustav Mahler hielt (etwa zur Zeit zwischen „Escalator Over The Hill“ und Tropic Appetites“)

    Bei dem Engländer verwunderte es mich anfangs, dass mich seine frühen Ambient-Platten genauso bezauberten wie seine Songs. Ich weiss noch genau (jetzt folgt eine Repertoire-Geschichte, aber man verzeihe mir in diesen Wochen eine Portion Nostalgie), wie ich im Zeitschriftenladen „Montanus“ in Würzburg die neue Ausgabe des „Melody Maker“ oder „NME“ in die Hönde bekam und einen gnadenlosen, hämischen Verriss von „Music For Airports“ las.

    Ich weiss nicht, ob jemals jemand von den Lesern dieser Zeilen eine solche Vorfreude auf ein Album entwickelt hat wie ich in jenen Minuten (es war ein heisser Sommertag anno 1978, glaube ich), eine Vorfreude, die allein auf einem fast schon hasserfüllten Artikel fusste. Dass der Kollege einen an der Waffel hatte, war mir sofort klar (Punk war offensichtlich seine Religion, und brachte damals ein paar erstaunlich reaktionäre Musikkritiker hervor, erinnert sei, in der seligen Sounds, an Alfred Hilsbergs dumpfbackigen Verriss von „London Calling“). Während sich also der englische Kritikaster amüsierte über die Dämlichkeit des Wortes „Ambient“, klopfte ich den Text ab auf seine wenigen sachdienlichen Informationen ab, und mein Herz machte einen weiteren Sprung, als ich las, dass Robert Wyatt für die Klaviertöne sorgte.

    Als sich Wochen später das Album endlich zum ersten Mal auf meinem Plattenteller drehte, übertraf seine stille Wucht meine kühnsten Träumereien. Ich höre es heute noch liebend gerne, und spürte von Anfang an, dass den Klängen weitaus mehr als ihr Merkmal einer rein „funktionellen Musik“ innewohnte, etwa eine leise, seltsame, sprachlich überhaupt nicht greifbare, Melancholie! An einem öffentlichen Ort hörte ich Brians Flughafenmusik nur im Café und den vulkanischen Pfaden von Jameos del Agua auf Lanzarote. Jahr für Jahr, looping the loop. Auch das unvergessen.