• „Thinking Music“

    Beth Gibbons‘ erstes richtiges Soloalbum ist das lange Warten wert gewesen. Es ist ein kühles, tiefgründiges Set verträumter Folk-Exotica-Beschwörungen, eine seltene Platte, die sich mit den Ängsten und Schmerzen des Erwachsenseins auseinandersetzt und verknotete Emotionen in einer flatterhaften, straffen Instrumentierung und rauchigen, samplebereiten Cinematics seziert. Atemberaubendes Material, produziert von Gibbons in Zusammenarbeit mit James Ford und Lee Harris von Talk Talk.

    (So beginnt die zweite Besprechung, die man im Netz finden kann. Bei Boomkat gibt es oft „reviews“, und sie leisten bei diesem Plattenversand sehr gute Arbeit. Gäbe es nicht durch den Zoll massiv erhöhte Preise, und Verzögerungen bei der Lieferung, würde ich viel öfter bei den Briten Musik ordern. Ich kommentiere hier Absatz für Absatz, und ändere nichts an der Deepl-Übersetzung. Interessant, wie der Rezensent Beschreibungen koppelt, die widersprüchlich wirken können: flatterhaft vs. straff, Folk vs. Exotika. Dass die Lieder wie „Beschwörungen“ wirken, kann ich gut nachempfinden.)

    Gibbons hat sich bis zum richtigen Moment zurückgehalten, um ihr formvollendetes Debüt zusammenzustellen. Ihr Songwriting kennen wir natürlich schon, nicht nur von der makellosen Portishead-Trilogie, sondern auch vom 2002er-Album „Out of Season“ und dessen Nachfolger „Acoustic Sunlight“, beides Kollaborationen mit Talk Talk-Bassist Paul Webb (alias Rustin Man).

    (“Acoustic Sunlight“, davon habe ich noch nie gehört. „Formvollendet“, da stimme ich auf Anhieb zu, ohne lange über den Begriff nachzudenken.)

    „Lives Outgrown“ erweitert ihre Technik ein wenig; ihre früheren Kollaborationen bleiben im Schatten, aber dieses Album ist unapologetisch intim und verpackt Geschichten über Liebe, Bedauern und Unruhe in gedämpfte, melancholische Extravaganz. Es ist nicht so vordergründig staubig wie das Portishead-Material oder so sehnig wie ihre Platten mit Webb, sondern eine zerschundene, nachdenkliche Sammlung verletzlicher Reflexionen, die von Musik untermalt wird, die sanften, archaischen Folk, frühen Jazz, Exotica aus den 70ern und düsteren Post-Rock anklingen lässt.

    (Wenn ein Album wie dieses schubladenmässig schwer auf den Begriff zu bringen ist, werden gerne Genrenamen mit beiläufig daherkommenden Adjektiven aneinandergereiht, was nicht kritisch gemeint. Dabei entsteht eine angenehme Unschärfe, die unsere Wahrnehmung in bestimmte Richtungen lenkt, ohne die Fantasie einzuengen. Wo ist der „frühe Jazz“ zu hören? Aha, mein geliebtes unscharfes „archaisch“, hier mit „sanft“ gekoppelt. Und dann: „eine zerschundene, nachdenkliche Sammlung verletzlicher Reflexionen, die von Musik untermalt wird…“. „Untermalt“ würde ich hier nicht sagen. Das klingt mehr nach Hintergrundbegleitung. Die Musik um den Gesang herum ist viel mehr als ein „Geschmacksverstärker“, ich erlebe sie hier als „Erweiterung“, „zweite Ebene“, doppelter Boden“.)

    Es ist die Art von Material, die Gibbons während ihrer gesamten Karriere angepriesen hat, und zwar so sehr, dass es vertraut erscheint; die Songs haben eine lebendige Qualität, nicht weil sie von anderem Material geklont wurden, sondern weil sie die vollständig realisierten Versionen von Gedanken sind, über die Gibbons seit Jahrzehnten nachgedacht hat.

    (Das ist ein interessanter Gedanke. Wir erkennen die Handschrift, aber die Songs wirken auch deshalb so lebendig, weil diese ewig in ihrem Raum schwebenden Gedanken / Empfindungen noch nie so vollständig realisiert wurden. Das „Formvollendete“ wieder mal. Nach den dunklen Andeutungen von Beth Gibbons im offiziellen „presskit“ kommen übrigens einzelne HörerInnen des Albums zu dem Schluss, es könne sich hier um ein Abschiedswerk handeln.)

    Die Vorab-Single des Albums „Floating on a Moment“ ist ein logischer Anfang. Gibbons‘ Stimme klingt exponierter als je zuvor; die brodelnde, von Nina Simone beeinflusste Traurigkeit, die Portishead zum Kultstatus verholfen hat, ist immer noch da, wird aber durch Erfahrung, Angst und Kummer verstärkt. Ihre Produktion ist ähnlich ausbalanciert: dicke jazzige Basslinien unterstützen federleichte, scheppernde Drums, während die versilberten Breitwandqualitäten, die ihr früheres Material beflügelten, sich zu subtilen Chorälen, klirrenden Streichern und leisen Xylophonen entwickelt haben – mehr Jean-Claude Vannier als Ennio Morricone.

    (Ob es eine von Nina Simone beeinflusste Traurigkeit gibt, die Portishead zum Kult verholfen hat, bezweifel ich. Vielleicht ist da ein besondere Grundtraurigkeit in ihrem Gesang gemeint , ein spezielles „Soundfeld von Melancholie“, sofort erkennbar. Wem wurde je attestiert, die traurigste Stimme der Welt zu haben. Zu diesem raren Kreis wurde mal Robert Wyatt gezählt, und zwar nicht selten, auch Beth Gibbons. Und, by the eay, auf dem Album ist „Floating On A Moment“ übrigens das zweite Stück, und ich bin kein Pfennigfuchser. Das Album beginnt mit dem Song / der Beschwörung „Tell me who You Are Today“ (ein noch logischerer, psycho-logisch noch passenderer Anfang des Albums ist das). Und passend zu dem Titel und der Lyrikweberei dieses Songs: schau dir das Cover an: vier Portraits ihres Gesichts, mit geöffneten, geschlossenen Augen. Zunehmende Unschärfe. Ist überhaupt eins scharf, und wirkt das schärfste nicht seltsam maskenhaft?! Dunkler Hintergrund. Insichgekehrtheit. In weiteren Fotos (auf der Pressemappe) fällt auf, wie unscharf ihr Gesicht hier und da wirkt, gegenüber der extrem scharf eingefangenen Natur ringsum. Warum?)

    Die Liebe verändert die Dinge“, versichert sie in „Lost Changes“, das zunächst einen raffinierten Alt-Country-Schimmer aufnimmt, bevor epische Orchesterstreicher das überwältigende Melodrama unterstreichen. Im Hintergrund ist mehr los, als man auf den ersten Blick sieht – langsame, hart geschwungene Drums werden durch clevere Avantgarde-Elemente wie quietschende Metallplatten und instabile Oszillator-Drones ergänzt. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um Popmusik, aber wenn man den Mutterboden aufreißt, kommen Gibbons‘ tiefere Einflüsse und Inspirationen zum Vorschein wie eine Masse verschlungener Wurzeln.

    (Den Absatz kann man gerne zweimal, dreimal lesen. Und da deckt sich etwas mit meinem Hören. Diese zuweilen explodierenden kurzen Passagen des Melodramatischen. So einen Satz mit aufreissendem Mutterboden muss einem erstmal in den Sinn kommen! Welche tieferen Inspirationen meint der Rezensent wohl?)

    Reaching Out“ ist sogar noch zerknitterter; Gibbons‘ obere Stimmlage erinnert zunächst an Thom Yorke, aber sie verdoppelt das Tempo und weint schmerzhaft über Northern-Soul-Bass-’n‘-Drum-Drums und blecherne Fanfaren. „I need your love, to silence all my shame“, echot sie, während im Hintergrund geisterhafte Spuren keuchen, wimmern und sich drehen.

    (Hier wird es schonungslos intim. Rollenspiel ist das nicht. In einem Werk, in dem das Ich als zweifelhafte Grösse erscheint, kommen, zahlreich, zerknittert, aus Träumen geborgen, die Schatten ins Spiel, als dunkler Reigen.)

    Während das frühe Portishead-Material auf den Sample-Bombast von Public Enemy in ihrer Blütezeit zurückgeht, ist „Lives Outgrown“ eher dem unheimlichen Minimalismus von RZA geschuldet, mit seinen schwingenden Streichern und kryptischen, schrägen Sprüchen. Schauen Sie sich nur „Reaching Out“ an, ein gespenstischer Folk-Nieselregen, der mit knochentrockenen fernöstlichen Schlagzeugklängen, Gesangsschleifen und wirbelnden Streicherphrasen unterbrochen wird. Auf „Beyond the Sun“ und „Rewind“ streift Gibbons Nordafrika und Ostasien, wobei sie ihren zerbrechlichen Gesang in ein lokales Gewirr aus Rohrblattklängen, blechernen Saitenzupfern und kantigen Streichern mischt.

    (Jetzt gehts aber rund: Nordafrika, Asien. Keiner aber wird hier „weltmusikalische“ Versöhnungen wittern… und doch ist es das Mysterium dieses Albums, dass es, bei allen Abgründen, Trost bereithält, und ganz sicher nicht, weil an den passenden Knöpfen gedreht wurde.)

    Auf dem pastoralen Schlussstück des Albums, „Whispering Love“, ist sie zu Hause: „Blätter unseres Lebensbaums, wo die Sommersonne immer durch die Bäume der Weisheit scheint“, gurrt sie, während Vögel singen und akustische Gitarren neben beruhigenden Flöten vibrieren. Es ist ein moosiger Abschluss eines Albums, das drei Jahrzehnte musikalischer Wanderschaft zusammenfasst und einige der ernüchternden Weisheiten, die sie gelernt hat, auf höchst einprägsame Weise vermittelt.

    (Wohl nahezu jeder, der den Auftrag gehabt hätte, wäre mit diesem Lied, dieser Anrufung, als Abschluss dahergekommen, der ideale „closer“. Als ich das Album zum ersten Mal gehört habe, von Anfang bis Ende, war ich mir sicher, dass „Lives Outgrown“ fortan an meiner Seite ist, company for life.)

  • Haruki, Paul, und andere Abenteuersucher

    Ich dachte, Haruki Murakami könnte mich nicht mehr überraschen, und ich hätte seinen Sound dechiffriert. Mein erstes Buch von dem japanischen Meister kam noch beim Suhrkamp Verlag heraus, und es hiess „Wilde Schafsjagd“. Später dann mein Lieblingsroman: „Mister Aufziehvogel“, da hatte ich „nur“ die alte Übersetzung. Ein Buch, in dem ich vollkommen verschwand. Mit einem Schmunzeln verrate ich, dass da manche Dinge auftauchten, für die der Autor bekannt ist (mysteriöse Frauen, verschwundene Katzen, Telefonsex, Spaghetti). „Der beste Weg, über die Realität nachzudenken“, erklärt Murakami, „ist, sich so weit wie möglich von ihr zu entfernen.“ Teils Detektivgeschichte, teils alptraumhafte Version von Alice im Wunderland. Und nun, vor Wochen, hat er mich wieder eingefangen, und der Zauber wirkt immer noch nach: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“. Einmal mehr übersetzt von der grossartigen Übersetzerin Ursula Gräfe.


    Bleiben wir bei der Magie und ihren bizarren Zugängen zu unserem scheinbar so realen Leben. „Die Seele aller Zufälle“ von Fabio Stassi. Das neue Abenteuer von Vince Corso, Detektiv und Bibliotherapeut, in einem labyrinthischen Rom. Mehr wird nicht verraten ausser: wer einen Deal mit Haruki hat, gerät auch hier leicht in einen Leserausch. An einer Stelle verrät Vince: „Jedes Buch ist ein Resonanzkörper. Und ich bin sicher, dass es Musikalität ausbilden kann, eben weil es Musik ist. in nicht allzu ferner Zukunft wird Patty Smith den Nobelpreis für Literatur bekommen.


    Lange, bevor Herr Gregor auf Sylt Jukeboxen installierte, und in Leinfelden-Echterdingen den ersten deutschen Paul Murray Fanclub gründete, habe ich ihn auf den Burner „An Evening of Long Goodbyes“ aufmerksam gemacht, der mit dem gleichen Titel als deutsche Übersetzung herauskam. Unendlich witzig und traurig, wie auch der Nachfolger „Skippy stirbt“. Ich bin ganz heiss auf sein jüngstes Buch, „Der Stich der Biene“, aber meine bessere Hälfte hat es sich heimlich hergenommen, und versteckt es tagsüber an den unmöglichsten Orten. Keine Chance vorerst, an den 700 Seiten starken Schmöker heranzukommen. So geht „Familienroman“.

    Bis dahin werde ich mich in Ilona, Oregon, umtun. „Vor Dekaden ist Footballstar Zeb aus dem Stadion weggerannt. Jetzt soll Alice Vega den Abgetauchten in Ilona suchen, stößt auf den Kleinstadtking, seinen Sheriffkumpel und ein Rassistennest. Legt sich mit ihnen und den Hintermännern an, schützt die Schwachen und säubert die Stadt. Hardboiled feministisch.“ Louisa Lunas „Abgetaucht“ ist im April an Nummer 1 der Krimizeit-Bestenliste gesetzt. Der Suhrkamp Verlag hat in diesem Jahrhundert schon so etliche verdammt gute Kriminalromane verlegt (Andreas Pflüger, Don Winslow et al), und meine Leseprobe (Kapitel 1) lässt mich vermuten, dass auch dieses Buch ein Kracher sein könnte. Hardboiled halt. Die frauliche Variante. Alte Dashiell Hammett-Schule mit einem Twist.

  • A painted horizon – Beth Gibbons‘ „Lives Outgrown“ reviewed


    Beth Gibbons: Vocals, Acoustic Guitar, Backing vocals / Lee Harris: Drums, Daff, Percussion, Mellotron / James Ford: Backing vocals, Harmonium, Mellotron, Vibraphone, Piano spoons, Double bass Strings, Woodwind and Brass performed by Orchestrate / Strings, Woodwind and Brass written by Lee Harris, arranged by James Ford, Lee Harris and Bridget Samuels (every song comes with a detailed list of the players involved. People who know the Kate Bush family, may know Raven Bush who has some appearances on the album. This is the list of the first song, „Tell Me Who You Are Today“, Lee Harris is co-credited as composer on several tracks)

    a review as a work in progress, this one. Every day add something somewhere, a thought that comes to mind, skip, what makes less sense. Sometimes a thought developing, on the other hand a collection of impressions. The fun thing will be, if my enthusiasm is a minority thing. No problem with that. With the „Julia Holter review duo“, we are at least two who will make it an „album of the year“, probably. That said, none of my other nine favourites are (in my merciless ears) less than brilliant. These are subtle differences that often let themselves reduce to taste and preference and mood. Julia’s work is the living example of a grower, and being focused on fluidity (water), the sounds tend to the upper register, the ethereal. So, they are not as easily accesssible than Beth Gibbons’ hypermelodic „down to earth“ retro folk (and beyind) charms. Maybe this album from BG made me so enthuastic, too, because here again, like on her earlier works, you will find a hard-to-grasp melange of vocal excellence and irresistible sounds around t („the landscape she’s moving through“). I cannot praise enough the production work of James Ford (who entered the scene much later in the timeline), and the masterclass of Lee Harris who was part of the journey from start on. The spirit of „spirit of eden“ maybe a bit too smart to work as a reference, cause the „feel“ is so different. For someone who nearly has „cult followers“ in regards to her vocal style (a cult big enough to sell out big venues), „Lives Outgrown“ in fact appears as her masterpiece, not relying on old formula. This review (though well hidden under the radar of this blog) is the first one in the web (as in print and radio). The next two „Plattenbesprechungen“ will follow in Uncut and Mojo. „Lives Outgrown“ is the „FLOWWORKER ALBUM OF MAY“. And another question, Mr. Westfeld, do you feel reminded of other albums from other artists here? It has somehow that „instant classic“ appeal and „vibe“ of early albums of the new British folk-revival scenes of the late 60‘s and early 70‘s, but not as a first thought that springs to mind.) After the album‘s release on May 17, this album will be part of the playlist pf my next edition of „Klanghorizonte“ (Deitschlandfunk), along with – probably – some other extraordinary records by Julia Holter, Nico, Arushi Jain, a nun from Ethiopia and more.

    Collaborative all her works have been, from start on. In the very early days when strolling through small venues and pubs, she relied on a repertoire of classics, made famous by Lady Day (i assume) and Janis Joplin (i have read). Later on, in the Portishead years (that perfect trio with Barrow & Utley), the silences in between, loh, very long, Robert Wyatt-like, after the blow away zone of „Third“, (out of nowhere) the lbum with Paul Webb aka Rustin Man, at last singing Gorecki – all teamwork: the intricacies, the surroundings, the voice.

    Landscapes she‘s been moving through. The urban darkness. The dystopia, the hometown. My minor quibble about her singing: it often seemed so close to Billie Holiday, the phrasing, the autumnal. So what, and nevermind: between  „Dummy“ and „Out Of Season“ this strange sort of melancolia, strangely uplifting, elevating („elevator music“ of a rare kind). Never hurrying for fame, giving no interviews either.

    It took her (add Lee Harris and James Ford, as time went by) around ten years from first sketches to final mixes. Her singing reaching out so far and deep – not heard that deep vocal range before. Hypermelodic and far, far out. Restrainment all over the place. No pushing. From a distance, vibes of „The Wicker Man“ (O.S.T and movie), the darkest campfire chamber music you’ve heard in quite a while.

    The old stuff laid bare: grief, growing old, losses (and what change is gonna come after sleepless nights for too long). The beyond of the everyday. „On the path / With my restless curiosity / Beyond life / Before me …“ The most „progressive“ instruments: a mellotron and an electric guitar. Floating lines (and a boiling point, unexpected). Passages close to catching fire (and catching fire).

    I didn‘t think, while listening again and again, not a single second, of Billie Holiday. There’s an urgency to these songs that has no contract with the cozy, the settled, the promising wisdom of age when looking back. What a tension between Ford’s lush arrangements and the vocal delivery. A terrific album. The most honest review: a painted horizon.

  • „Kind instruction for falling in love“

    Percussionist and drummer and former Talk Talk-member Lee Harris is credited as co-composer of some songs of Beth Gibbons’ forthcoming „Lives Outgrown“. The fact Lee calls the album „a psychedelic, pastoral, wild explosion“, first listenings, and a photo from Beth with a dog in an open landscape made me think of distant relationships with Van Morrison‘s „Veedon Fleece“. Both works seem too unique to be compared with one another, except for the always ungraspable „flow“. Or is there more? Let us think twice and listen to both albums one after the other, perhaps some time in summer. On a long afternoon.

    Start with Van‘s album that is much lighter, moodwise (a first and second impression only, i can tell you that) and more sparse in instrumentation – in the end both create their own peculiar air and atmosphere, and depth. A „woody“ feel. Beth‘s work will (i bet on it) make some critics throw in „The Wicker Man“ (a playful, hypermelodic soundtrack for an otherwise noir folk story), while Van‘s songs shy away away from such ghosts creating another green world of flamboyant dreams (a troubadour‘s modus operandi, on the surface, dear reader). Finally they might meet on some middle ground, take their places, and exchange stories about Thomas Hardy‘s „Tess“. Or what the heaven do I know! Whatever draws you in somebody else‘s world! These albums surely do. And about lives outgrown, they both have a whole lot to tell.


    So much darkness hidden in the uplifting flow, even dangerous words turn to sounds, at first, on „Veedon Fleece“. Thus „shattering“, and „devastating“ – another common ground between these longplayers from 1974 and 2024. Ben Chasny is „Six Organs of Admittance“, and he writes: „There are so many devastating moments on Van Morrison‘s „Veedon Fleece“ that to list only a few would be total injustice to the rest. But fuck it, what the fuck is just in this world? Well at least we can experience hope in one man’s search for light. Right? So let’s talk about the way Van ends “Linden Arden Stole The Highlights” with the line, „now he’s living with a gun“ and then starts up the very next song by throwing his voice way up on top of his vocal chords and letting it settle down to a calmer note while singing, „oh well it’s lonely, when you’re living with a gun.“ Ah, I’m not a good enough writer to explain how magical it is. You’ll just have to trust me. Or we could talk about how it’s a whiskey drinking record, an alchemical rumination, a journal of his post-divorce drive through the Irish countryside, or his most thoroughly William Blake influenced work ever (just look at his hair on the cover, for Christ’s sake!).“

    In the first longer text about Beth’s album (Mojo, April) , James Ford reveals that that this first single, „Floating On A Moment“ „is probably one of the cheerier songs. It kind of goes bleaker from there. It’s related to real stuff and it’s from a real place, to the point where it’s almost painful to listen to sometimes. But there’s a beauty in the sadness.” And in a rare statement, Beth adds: “My fifties have brought for ward a new, yet older, horizon. It has been a time of farewells to family, friends and even to who I was before, the lyrics mirroring my anxieties and sleepless nighttime ruminations… I wanted to draw away from breakbeats and snares, focusing on the woody fabric of timbres, away from the sugary addiction of high frequencies.” In strange ways, with their dreamlike voyages, ambivalent textures, and power to transcend the everyday „Veedon Fleece“ and „Lives Outgrown“ deliver some unexpected closeness, so to speak. Beyond being from two redhairs with red-haired dogs. Don‘t wait for summer.

  • My favourite albums 2024 (so far)


    01. Beth Gibbons: Lives Outgrown – 10
    02. Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowledge Its Grace – 9.3
    03. Fred Hersch: Silent, Listening – 9.2
    04. Julia Holter: Something In The Room She Moves – 8.8
    05. Pan American & Kramer: Reverberations of … – 8.7
    06. Charles Lloyd: The Sky Will Be There Tomorrow – 8.5
    07. Kalma / Chiu / Honer: The Closest Thing To Silence – 8.2
    08. Rafael Toral: Spectral Evolution – 8.2
    09. Michael Head & The Red Elastic Band: Loophole – 8.2
    10. Arushi Jain: Delight 8.1

    • „Das ist wirklich ganz, ganz großartig. Übertrifft deutlich meine ja schon nicht gerade niedrigen Erwartungen… Lange nicht mehr so berührt gewesen von Musik. Sehr intensiv. Schonungslos, erbarmungslos. Und diese Klangwelt…“ (ein musikkundiger Freund, dem ich das Album von Beth Gibbons vorspielte, in einer Mail am Abend)

    Reissues & Archival Discoveries

    01. The American Analog Set: New Drifters
    02. Keith Jarrett / Jan Garbarek: Luminessence
    03. Alice Coltrane: The Carnegie Hall Concert
    04. Julie Tippetts: Shadow Puppeteer
    05. Paul McCartney and Wings: Band On The Run
    06. Jan Garbarek: Afric Pepperbird
    07. Can: Live in Paris 1973
    08. V.A.: They Move By Night (O.S.T.)
    09. Taylor / Winston / Wheeler: Azimuth
    10. McCoy Tyner: Extensions

    • I absolutely fell in love with „The Fun Of Watching Fireworks“ and every other album of this vinyl boxset of The American Analog Set, so I‘m definitely not interested in restraining my enthusiasm and act a bit more modest in regards to the other heavyweights. That said, everything is top notch here, and I‘m so happy of having discovered Julie Tippetts‘s album (that I‘v never heard before, and that I see on par with her masterpiece „Sunset Glow“). „Shadow Puppeteer“ has just been reissued on double vinyl by Eargong Records.

  • …diese Leben, aus denen man herauswächst…



    Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Es traf mich so unmittelbar wie das erste Hören von Marianne Faithfulls „Negative Capability“. Und bei aller Zuneigung zu Beth Gibbons, und dem Zauber von Portisheads „Dummy“, von Portisheads nach wie vor betörend-verstörendem „Third“, von ihrer zurecht gerühmten Zusammenarbeit mit Rustin Man auf „Out Of Season“… ja, natürlich, alles braucht seine Zeit, aber was hier passiert ist (die Lieder sind über Jahre gewachsen, das Kernteam Beth und Lee Harris, der Trommler von Talk Talk, und da war, später, eine handverlesene Schar, sowie der Multiinstrumenalist und Produzent James Ford)… also, das war auch nach dem ersten Songvideo (das noch hellere Farben mit sich führte) so naheliegend nicht. Auch die Stimme reisst Räume auf, wie ich es noch nie von ihr gehört habe. In einem ziemlich unheimlichen Labor herrlich alter, versponnener Klänge. Ist „shattering“ das Wort? Oder „devastating“, wenn die dünne Linie zwischen Schmerz und Schönheit ins Spiel kommt. Deep as deep can go. Machen wir‘s kurz: she has painted her masterpiece. Es erscheint am 17. Mai. „Lives Outgrown“.

  • Erschütterungen in Gaza

    Zwar mehren sich die Stimmen der Mahnung an Israel, aber mit einer Verhaltenheit, die blossen Lippenbekenntnisse nahekommt. In propagandistischer Manier unterstützen Blätter wie „Bild“, aber auch als seriöser geltende Zeitungen, die Schwarzweissmalerei des Schulterschlusses mit Israel. Es ist keine Frage, dass, was die Hamas anrichtete, in ihrem Massaker, widerwärtig war, und dass es angemessen ist, jeden Beteiligten, jedem Drahtzieher zur Rechenschaft zu ziehen, aber nicht in einer Art und Weise, die die Tötung Unschuldiger zum Kollateralschaden erklärt.

    Das, was die israelische Regierung in Gaza anrichtet, ist genauso schändlich und widerwärtig wie das Massaker der Hamas. Unendlich peinlich ist es, wenn Künstler zu „Israelhassern“ erklärt werden, wenn sie gegen die faktisch unzweifelhaften Kriegsverbrechen der israelischen Führung aufbegehren. Sinngemäss titelte der Kölner Stadtanzeiger, was denn davon zu halten sei, wenn einige unserer Lieblingskünstler, und viele Künstler überhaupt, sich als Israelhasser erweisen. Brian Eno, Julia Holter, Jonathan Glazer, Susan Sarandon und so viele andere haben eben überhaupt nichts Antisemitisches an sich, wenn sie die bestialischen Tötungen der Hamas und der Israelis auf eine Stufe stellen. Gaza ist am Rande einer Hungersnot, zurückhaltend ausgedrückt. Tausende und Tausende unschuldiger Kinder und Frauen (und sicher auch unschuldiger Männer) wurden liquidiert, mit dem Argument, die Verbrecher der Hamas ausfindig zu machen. Wer ist schuld an diesen Verbrechen. Die Hamas – und, in gleichem Masse, die israelische Regierung. Das sind keine Kollateralschäden, das sind Verbrechen, die von internationalen Strafverfolgungsbehörden genauso ernsthaft deklariert werden müssen, wie Putins Angriffskrieg.

    Natürlich machen es Aktionen wie „Strike Germany“ der anderen Seite zu leicht, wenn einige historische Darstellungen in ihrer Grundsatzerklärung drastisch überzogen sind und in Teilen falsch. Ändert aber nichts an der angenesseneb Kritik an einer unseligen Unterstützung eines hasserfüllten Regimes – die Regierung Netanjahu und ihr Handeln lassen keine Zweifel daran, dass hier schändliche Rachepolitik betrieben wird. Die mahnendem Worte von Seiten der Grünen oder Joe Bidens, sind, so ernst gemeint sind, unglaubwürdig, solange keine Taten folgen. Natürlch wird es kompliziert, wenn nun eine anderes Unrechtsregime wie der Iran nun eingreift. Ich empfinde tiefe Verachtung für die Hamas und die israelische Kriegsführung. Als ich erstmals über Julia Holters Album schrieb, bekam ich zeitnah dden comment eines Verpeilten, der mich ernsthaft fragte, wieso ich so einer Künstlerin, die „Strike Germany“ unterstütze, eine Plattform biete. Lächerlich. Und natürlich anonym.

    Ich weiss auch sehr gut, dass meine Worte hier nichts ausrichten. Aber ich schreibe sie trotzdem. Ich sitze in dem Bonner Café mit dem feinen Namen „Black Coffee Pharmacy“ und warte auf unsere Pflegetochter, die hier demnächst ihre Anhörung zur Aufenthaltsgenehmigumg hat, und hoffentlich asap uneingeschränktes Aufenthaltsrecht erhält.

  • Zwei Bücher und der ganze Jazz


    Radio On: Deutschlandfunk, 4. April um 21.05 Uhr. Kahil El Zabar. Fred Hersch. Ariel Kalma. Alice Coltrane. Shabaka. Noch mal Fred. Charles Lloyd. Irgendwann, während der Vorbereitung, kam mir die Verbindung in den Sinn, zwischen Charles Lloyds erstem „Song“ seines neuen Doppelalbums und einem Gedicht von Peter Rühmkorf aus dem Ausklang der „wilden Siebziger“. (Gerne hätte ich im Skript noch den Wunsch untergebracht, ECM möge die beiden Rühmkorf-Platten wieder veröffentlichen, aber da ahnte ich schon, diese Stunde würde an den Rändern überlaufen. Und so kam es: zu voll.) Mit dem gewieften Techniker Martin Hofmann fand ich die Schnittstellen, das alte Spiel „killing your sweetest darlings“ musste durchgezogen werden: ein Groove weniger für Alice Coltrane, ein O-Ton weniger von Fred Hersch, hier und da eine Straffung, ein kürzeres Stück von Ariel Kalma, aber am Ende wurde es ein gelungener Mix.

    Just listen…

    Wie des öfteren in den letzten Jahren (ich war einmal vor Ort, als Tigran Hamasyan, Eivind Aarset, Jan Bang, und Arve Henriksen „Atmosphères“ aufnahmen), spielte das Studio in Lugano eine Rolle, wo Manfred Eicher so gerne produziert. Auch diesmal: Fred Herschs „Silent, Listening“ entstand dort. In dem ersten O-Ton erinnert Fred an Sonny Rollins’ Version von „Softly, As In A Morning Sunrise“ aus dem Village Vanguard und den späten Fünfzigern (der Klassiker wird bald neu aufgelegt, in ehrwürdigem Mono). Und hier der andere O-Ton, der leider aus der Zeit fiel (in einer Sendung, in der vieles an Klang und Wort collagiert wurde, schien es angemessen, ab und an ein Stück vom ersten bis zum letzten Ton durchzuspielen):

    Es war eine Freude, dass Karl Lippegaus und Michael Rüsenberg zwei sehr interessante Bücher zur Besprechung anboten, für die JazzFacts. In „Destination Unknown“ – der Titel basiert auf der Komposition von Sun Ra – geht es um die Frage nach der Zukunft des Jazz. Das zweite Buch, „Listenings“, von Jason Weiss, handelt oft humorvoll von unzähligen Konzertbesuchen, dem Wühlen in Plattenläden, von „deep listening“ und vielen andern Arteb des Hin- und Überhörens. Jason Weiss’ Schreibstil verdankt viel seiner Beschäftigung mit moderner Lyrik. „Listenings“ ist auch eine „fragmentierte“ Autobiographie, und die anregende Chronik eines „positiv Musikverrückten“. Von besonderen Radiomomenten wird da auch die Rede sein.

    Vielleicht kommt bei manchem Hörer am Donnerstagabend der eine oder andere unvergessliche „Moment“ dazu, bei einer solchen Playlist: Kahil El Zabar. Fred Hersch. Ariel Kalma. Alice Coltrane. Shabaka. Noch mal Fred. Und Charles Loyd im Finale. Jedem dieser Musiker ist da, und das ist gut begründbar, eine ganz besonderes Album in einer ganz besonderen Phase ihres Lebens gelungen.


    Wie bemert Kevin Le G. zu Shabakas Longplayer: „The result is some of the most meditative music Shabaka has made in his career to date, with the focused restraint, if not containment of the players leading to a very collective kind of creation whereby it feels as if all the sounds are sensually floating on a single sound cloud that has clear Afro-Asian or ‘nature music’ implications.“

  • Julia, the surreal, and the icy (3/5)


    Nun, mitten hinein in den Song „These Morning“, und was ihn inspirierte. Julia Holter erinnert sich an einzelne Momente, rote Fäden, die sich durch das Lied ziehen. Wenn von Verleugnung die Rede ist, sind wir fernab des Traumverlorenen. Im vierten Teil geht es um das Ozeanische, das gute alte Element Wasser in diesem Album, und Teil 5 heisst – wer kennt den Film nicht – „Julia und die Geister“… allerlei Geister schwirren hier auch umher, in Holters „Something In The Room She Moves“…


    These morning get sunrise
    Tall fjord, some time lost
    Brush aside any words sinking to the abyss ago

    Seizing me, these morning (looking out now, looking out now)
    Who knows who’s running (there’s nothing I can do)
    Melting out
    Scared of me
    I don’t even do a thing to think about retrieving what drifted away from me

    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me

  • “Afric Pepperbird“ (und was danach kam)



    „Afric Pepperbird“ zählte zu meinen ersten zehn Platten des Münchner Labels. Eine Musik wie ein Statement: eine raue wilde Engergie, ungebändigt und doch formbewusst, nordisch, bevor wir anfingen, Fjorde zu fantasieren, gleichsam „rockende“ Powerryhthmik von den Herren Arild Andersen und Jon Christensen, unwiderstehlich vorwärtstreibend, das Saxofon und Gitarrenspiel von Garbarek und Rypdal kühn, verwegen, eigensinnig, mitreissend, und noch ohne ihre späteren „signature sounds“ (die anders gelagerte Kühnheiten bereithielten). „Afric Pepperbird“ ist ein aufregender Einstieg in die Welt des norwegischen Saxofonisten (für Anti-Nostalgiker und Abenteuersuchende), der auch mit jeder seiner nachfolgenden vier Alben unter eigenem Namen die „Kritikersterne“ reihenweise vom Himmel blies, von „Sart“ über „Triptykon“ und „Witchi-Tai-To“ bis „Dansere“. Und das war bekanntlich erst der Anfang. Ich ahnte schon damals, als unter jeder dieser Schallplatten der dezente Vermerk „produced by Manfred Eicher“ zu lesen war, das würde wohl lebensbegleitend sein. Zu jeder dieser fünf Schallplatten habe ich eine Geschichte, und das Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet live in Münster zu erleben, 1975, im Westfälischen Landes- und Kunstmuseum, bleibt umvergesslich. (Jetzt auf Vinyl neu erhältlich in der „Luminessence“-Reihe von ECM Records. Pressung, Fertigung, Sound überragend.)

    Afric Pepperbird (****1/2)
    Sart (*****)
    Triptykon (****1/2)
    Witchi-Tai-To (*****)
    Dansere (*****)