• „Immerwährende Verwandlung“

    „Wir waren noch nie eine wirklich emotionale Band“, stellte Lloyd Swanton nach dem ersten Set des letzten der vier Abende der Necks im Cafe Oto in London in dieser Woche trocken fest, „aber es scheint sich einzuschleichen“.

    Ich hatte versucht, ihm etwas zusammenhanglos zu sagen, wie sehr mich das, was sie gerade gespielt hatten, bewegt hatte, und vor allem, dass es etwas über den aktuellen Zustand der Welt auszudrücken schien. Seine reflexartige Antwort deutete darauf hin, dass es bei dem, was er und seine Kollegen im australischen Trio tun, in erster Linie um die Noten geht, um den Prozess des gemeinsamen Improvisierens von drei Musikern ohne vorgegebenes Material und schon gar nicht mit einem programmatischen Inhalt im Kopf. Was nicht heißen soll, dass es keine emotionale Erfahrung ist, ihnen zuzuhören. Das ist es fast immer, aber die Emotionen, die sie hervorrufen, sind meist unspezifisch.

    Zumindest mir schien es, dass das erste Set am Donnerstag etwas anders war. Es begann ganz normal, nachdem sie und das Publikum sich niedergelassen hatten, wobei ein Mitglied – diesmal Swanton – die Stille brach. Während er eine einzelne Note auf seinem Kontrabass zupfte, sie wiederholte und eine Oktave tiefer wiederholte, manchmal zu seinem Bogen wechselte, und anfangs mit langen Pausen, stimmte Tony Buck ein, indem er die Schlägel sanft um seine Tom-Toms und Becken kreisen ließ, gefolgt von Chris Abrahams, der nachdenkliche maurische Figuren in den mittleren und oberen Oktaven des Klaviers auswählte.

    Eine Zeit lang schien nicht viel zu passieren. Das war nicht unbedingt eine Überraschung. Später sagte Buck, er habe sich Sorgen gemacht, dass es „ein bisschen verwaschen“ angefangen habe. Aber in den 20 Jahren, in denen ich ihre Auftritte besuche, habe ich gelernt, zu warten, als Zuhörer die gleiche Geduld aufzubringen wie sie als Spieler, in dem Wissen, dass die Überraschung kommen wird. In der Tat sind sie der Beweis dafür, dass der Klang der Überraschung langsam entstehen kann, durch allmähliche Anhäufung.

    Dieses Mal führte der Prozess der Anhäufung zu etwas Außergewöhnlichem. Als das Spiel aller drei immer hektischer wurde, die Texturen sich verdichteten, die Räume sich schlossen und die Lautstärke zunahm, all das geschah fast unmerklich, hatte man das Gefühl, Dinge zu hören: Glocken, Schreie, Schüsse. Es war eine Illusion. Sie waren nicht da, und es gab auch niemanden, der versuchte, sie zu erzeugen. Aber irgendwie waren sie präsent – jedenfalls für mich – in den Obertönen, die vom Klavierdeckel reflektiert wurden, im Kratzen und Keifen des Basses und im harten Knacken der großen Trommel gegen die sich überlagernden Spritzer des Beckens.

    Schließlich erreichte das Stück eine Intensität, die etwa 15 Minuten lang anhielt, bevor es durch ein kollektives Diminuendo allmählich wieder in die Stille zurückgeführt wurde. Und in diesen 15 Minuten konnte ich nicht umhin, die Bilder wiederzugeben, die wir seit Monaten jeden Abend in den Fernsehnachrichten sehen – Bilder von Gebäuden, Straßen, ganzen Städten, die in Trümmern liegen, von der Zählung der Toten und der Flucht der Lebenden, die Art von totalem Krieg, von dem wir dummerweise geglaubt haben, er gehöre der fernen Vergangenheit an.

    Ich bin mir sicher, dass die Mitglieder der Necks nicht daran gedacht haben, als sie die Musik ins Leben riefen. Es ist eher das, was der Pianist Vijay Iyer im Sinn hatte, als er mit der Bassistin Linda May Han Oh und dem Schlagzeuger Tyshawn Sorey ein neues Trio-Album aufnahm, dessen Titel Compassion ausdrücklich auf das Thema hinweist. „In der Musik geht es immer um die Welt um uns herum, sie wird von ihr belebt und verleiht ihr Ausdruck: Menschen, Beziehungen, Umstände, Offenbarungen“, schreibt Iyer im Booklet und beschreibt damit die Verantwortung, die er darin sieht, in einer Zeit des Leidens Kunst zu machen.

    Ich habe die Necks schon früher Musik spielen hören, die keine Angst vor Hässlichkeit hat (ein haarsträubendes Triple-Forte-Set im Café Oto im Jahr 2013 ist mir in Erinnerung geblieben), aber noch nie etwas, bei dem die Art von Reaktionen, die sie normalerweise hervorrufen – einschließlich, aber nicht beschränkt auf Euphorie und Erhabenheit -, so eindrucksvoll durch diese ganz andere Art von Transzendenz ersetzt wurden, ein anhaltendes Geheul, das etwas ausdrückt, das jenseits von Worten liegt und doch irgendwie sehr spezifisch ist.

    Das war also das fünfte der sechs Sets, die ich in dieser Woche gehört habe, und das sechste war, wie üblich, ganz anders. Abrahams eröffnete es mit einem Rückgriff auf die Art von Dingen, die den Gebrauch von Adjektiven wie „leuchtend“ und „züngelnd“ provozieren. Aber auch hier gab es eine Überraschung, als sich das Stück zu einem Essay über die Verwendung asynchroner Rhythmen entwickelte, ein Feld, das sie in den letzten Jahren erschlossen haben, in dem jeder seinen eigenen Puls oder sein eigenes Metrum festlegt und es im Verlauf des Stücks beibehält, ohne die Nähe zum Hören der anderen aufzugeben. Im besten Fall führt dies zu einer Art höherem Zusammenspiel – und das war die Praxis in ihrer besten Form, die einen rhythmischen Sog erzeugte, der beim Publikum eine ganz andere Reaktion auslöste.

    All das ist weit entfernt von der Art passiver Musik für Zen-Meditation, mit der sie manchmal fälschlicherweise in Verbindung gebracht werden, und ein unwiderlegbarer Beweis für ihr Engagement, das sich nun schon weit in das vierte Jahrzehnt erstreckt, für eine ständige Selbstregeneration, von der wir die glücklichen Nutznießer sind.

    (übersetzt von Deepl – das Original findet sich auf Richard Williams‘ Blog „The Blue Moment“. Ich wünsche mir, eine Woche der Necks, ob im Cafe Oto in London oder sonstwo, würde mit einer 10 Lps (6 Cds) umfassenden Vinylbox dokumentiert, ähnlich wie einst Keith Jarretts „Sun Bear Concerte“. m.e.)

  • “Abandoned Cathedral“


    The new TV series with Colin Farrell features the track «Abandoned Cathedral» composed by Bang/Henriksen.  Taken from the Arve Henriksen „Places of Worship“ album, produced by Bang/Honoré.  „John Sugar“ ist seit Freitag auf „apple plus“ zu sehen. Die Serie wagt den Blick hinter die Kulissen einer Hollywood-Story, die beides enthält, Verklärung und Desillusionierung. Was Scheinwelten betrifft, ist die Kernszene jene mit Gena Rowlands aus John Cassavetes’ „Minnie and Moskowitz“; darin beklagt sie, natürlich angeheitert und tottraurig, den Film als Verblendung, die einem die Existenz von Romantik und Liebe und guten Menschen nur vorgaukelt, während man in der echten Welt vergebens danach Ausschau hält. Nun ja. Aber auch die Macher von „John Sugar“ sind begnadete Gaukler, die ihre Genre-Versatzstücke über acht Episoden hinweg als Köder für eine facettenreiche Betrachtung der menschlichen Verfassung auslegen – und dabei die Magie des Kinos immer wieder spürbar machen. Man lasse sich nicht von den vielen Verrissen dieser Serie täuschen: „True Detective“, Staffel 2, wurde nur zu gerne niedergemacht – welch ein Irrtum! „John Sugar“ verströmt einen spziellen Zauber, wenn man sich auf das Spiel von Original und Fälschung einlässt. Und hier einmal die Musik von Arve und Jan zu hören, während „Sugar“ mit seinen Essstäbchen Fliegen fängt und wie Marlowes Geist über das Leben sinniert, das hat doch etwas! Wer nach den 8 Folgen nachlegen möchte, dem empfehle ich „Tote tragen keine Karos“ mit Steve Martin, die Neuübersetzung von Dashiell Hammetts „Der dünne Mann“, und die beste britische Kriminalserie der letzten sechs Monate, „Criminal Record“, auch auf Apple +.

  • Julia, the ocean, and strange lightness (4/5)

    Looking back on the whole album, Theo G. writes: „Something in the Room She Moves, Julia Holter’s 6th record, thematically revolves around life and death. Written after the birth of her daughter and dedicated to the memory of her young nephew who recently passed away, it sonically incorporates these paradoxical forces seamlessly. There’s an almost unbearable lightness to her best work and Something in the Room She Moves has that in spades.“ Looking back on the album, that‘s what we will do, too, in the last part of our approach to the album, and i do thank Julia Holter very much following our thoughts and questions and thinking out loud… for now, let‘s start with the only purely instrumental piece, “Ocean“ …

    Ocean

    Michael: The ambient piece, the oceanic piece. Julia is smart: instead of delivering a purely peaceful landscape, she let‘s the uncanny in sideways, after a while. You never know, oceanwise… it ends on a tranquil note though.


    Olaf: Nothing to add. „Ocean“ is another proof of Julia Holter‘s versatility; unique music, that fits perfectly at this moment. And it wouldn‘t feel out of place on any state of the art ambient album.  This snapshot of the ocean was made in the evening, which brings us to the next song.

    Evening Mood

    Olaf: A counterpart to „These Morning“. Being tired after a long day, its events appear like a mild vortex on the threshold of sleep. The voice binds the musial elements of this vortex into a song. Again: lovely singing, beautiful bass playing – and a dash of Harmonia towards the end.

    Michael: Really, Harmonia? Have to listen again with your ears. The calmness, and the apparitions of the day receding… but after initial moments of letting loose and introspection , a lingering irresisitibe melody blows new life into the singer‘s voice and leads us through the evening‘s offerings between the wistful and the dreamlike. All in perfect union with heightened awareness. (From start on, listening to this album requires a very relaxed state of mind. My trick: darkness and a candle.)

  • “Another Silence of a Candle“ – Revisting „Oregon“ (Rosato‘s point of view)

    Als überzeugter Konstruktivist sehe ich die Welt wie es mir gefällt. Das müssen Leser sich gefallen lassen, vor allem jene, die meine Ansichten über OREGON nicht teilen. Die gibt es. Und hier liefere ich stante pede das erforderliche Beispiel für die Angemessenheit des Konstruktivismus. Der Rezensent Gallatin aus den Vereinigten Staaten schrieb am 17. Juni 2023 bei Amazon über „Music of Another Present Era“: „Some very talented musicians but though my musical taste is eclectic this was too far off the beaten path for me. I found it downright weird with a couple of exceptions.

    Ich schreibe am 28. März 2024 über die gleiche Wirklichkeit:  Due to my erkleckly wide musical taste I consider the first by Oregon released album to be a refreshingly new creation in contemporary music.“ Und ich füge hinzu, dass ich schon in den frühen 70er Jahren dies hätte schreiben können.

    Es gibt ein paar Platten, die hängenbleiben, die auch nach Jahrzehnten ihre Magie nicht verloren haben. Wer Jan Reetzes Liebeserklärung an ein 50 Jahre altes Album liest, kennt diesen Satz. In seiner Liste finde ich ein paar wenige Alben, die ich in einer nämlichen Liste aufführen würde. Viele, die Jan nennt, sind an mir vorbeigegangen, ich begehe halt nicht jeden Pfad. Ein Album von Oregon hat Jan nicht genannt. Das soll nun wirklich nicht heißen, dass Jan diesen Pfad nicht schätzt!

    In meiner Sammlung findet man 12 Alben im CD-Format und 2 Vinyls, als neuestes „OREGON Ludwigsburg 1990“, auf das mich M.E. vor 4 Tagen aufmerksam gemacht hat. Bei OREGON bleibe ich leicht hängen, aber auch bei Monteverdis Viertem Madrigalbuch, bei Beethovens Viertem Klavierkonzert, bei Brahms‘ Vierter Sinfonie, bei VOCES8 After Silence und vielem mehr …

    Was macht OREGON so attraktiv für mich? Zunächst muss ich das an der Bandhistorie festmachen. Ich kann nur sehr wenige Gruppen nennen, die über einen Zeitraum von sehr vielen Jahren, gar Jahrzehnten so gut wie keinen Personalwechsel kennen. Mir fallen nur das Dave-Brubeck-Quartet und das Standard Trio von Keith Jarrett ein. Aber nach meiner Wahrnehmung unterscheidet sich OREGON von Brubecks und Jarretts Ensembles doch signifikant. Vertieft man sich in „Music of Another Present Era“, dann hat man den Eindruck, mehrere bzw. verschiedene Bands zu hören, sowohl die Instrumentierung als auch die stilistische Vielfalt betreffend. Irgendwie hat jener US-amerikanische Rezensent namens Gallatin schon recht, wenn er OREGON weit abseits ausgetretener Pfade verortet, die Stücke bis auf ein paar Ausnahmen regelrecht spinnert findet. Bei diesen brüsk abgelehnten Klanggebilden handelt es mit Sicherheit um die drei Gruppenimprovisationen des Albums und weitere sperrige Nummern. Ich gestehe, dass ich bei manchen Alben der Band den freien Kollektivimprovisationen ausgewichen bin, muss aber festhalten, dass mir ausgerechnet die freien, „Opening“ betitelten Stücke des aktuellen Albums „Ludwigsburg 1990“ besonders gefallen. 

    Vermutlich sind alle vier „basic members“ von Oregon früh dem Jazz begegnet, haben sich unter dem Einfluss des Paul Winter Consorts dem auf Improvisation beruhenden Musikmachen verschrieben. Drei von ihnen sind also nicht den Spuren ihrer klassisch enkulturierten Lehrer gefolgt. Als Jazzmusiker würde ich sie dennoch nicht klassifizieren. 





    Die Dichotomie von E- und U-Musik, welche im 19. Jahrhundert recht gut funktionierte und, in ihrem verblassendem Kondensstreifen, sowohl ästhetisch wie soziologisch und ideologisch immer weniger haltbar wurde, ist ungeeignet, die Musik von Oregon – und nicht nur diese – einzuordnen. Dem Genre Jazz – ein Begriff, der inzwischen die unterschiedlichsten Musiken transportieren muss – ist sie allenfalls als improvisierte Klangwelt eng verbunden. Besser als Thom Jurek kann man anhand der „Music of Another Present Era“ das Wesen, das Wesentliche von OREGON nicht charakterisieren:

    Music of Another Present Era remains Oregon’s most enduring masterwork. Achieving a perfect balance of musical traditions from the East and West, ancient to future, they set the stage not only for a new transculturalism in Jazz, but also created a lasting template for the fusion of musics from world traditions that would flower over a decade later. The four participants in Oregon operated on the premise that melodic ideas and expansive harmonies all contributed to a music the didn’t bridge cultures, but erased them and eradicated them. […] This is fusion music, to be sure, but it’s the kind of fusion musicians have been trying unsuccsessfully to emulate for decades.

    KRONACH – 19. Oktober 1984

    Von 1975 bis 1985 war Kronach das nordbayerische Zentrum für Auftritte der noch jungen ECM Artisten Jarrett, Garbarek, Gismonti, Gary Burton und schlussendlich Oregon. Ralph Towners Prophet 5 erklang leider nicht. Es gab ein Softwareproblem mit dem Laden der Sounds, das in der kurz bemessenen Vorbereitungszeit nicht zu lösen war. OREGON traf relativ spät ein, Collin Walcott erreichte den Kulturraum Kronach eine Viertelstunde vor Konzertbeginn. Es war ein wunderbares Konzert mit vielen neuen Stücken und einigen meiner Favoriten. Auf dem 1985 erschienenen zweiten ECM-Album „Crossing“ ist „Kronach Waltz“ zu hören. Die Band hat meinen Wunsch nach „Waterwheel“ erfüllt und das Stück als Zugabe gespielt. Diese bald 40 Jahre alte Story ist hier geschildert. Mir wurde ein Mitschnitt des Konzerts gestattet. Leider ist das Tonband mit dem zweiten Teil des Konzerts verschollen. Glen Moores „Kronach Waltz“ kann ich leider nicht präsentieren. Man kann es über die bekannten Streaming-Dienste abrufen, nicht jedoch bei YouTube. Dort sind die folgenden beiden Klassiker verfügbar – in den Kronach Versionen: The Silence of A Candle und The Glide.

    OREGON hat nach den Platten für Vanguard drei Alben bei ECM veröffenlicht. Aber ECM-Kenner – von denen M.E. spätestens seit seiner hörenswerten aber kaum mehr hörbaren NDR4-ECM-Reihe aus dem Jahr 1997 einer der profundesten ist – wissen, dass die Angehörigen der OREGON-Familie gerne ihre eigenen Wege gingen, als Solisten, oder mit anderen Musici wie Larry Karush, Nancy Bloom, Don Cherry, Meredith Monk – um nur einige zu nennen. Vieles davon ist bei ECM zuhause.  Das Album „Crossing“ ist Collin Walcott gewidmet, der 20 Tage nach dem Kronach Concert bei einem Autounfall nahe Magdeburg ums Leben gekommen ist. Trilok Gurtu folgte ihm und war Mitglied der Gruppe von 1986 bis 1991. Mark Walker ist seit 1997 Percussionist. Damit verschwanden die indischen Farben und Aromen aus Oregons Musik. 

    LUDWIGSBURG 1990

    OREGON ist eine Band, die sicher mehr Zeit auf Bühnen als in Tonstudios verbracht hat. Ich entdecke in der Diskografie dennoch nur wenige offiziell erschienene Live-Alben (- In Concert – rec. live before an invited audience at Vanguard´s Studio in NY City April 1975; – In Performance – rec. in Quebec, Montreal, NY City 1979; – Live At Yoshi’s – 2002; – 1974 – rec. Radio Bremen 1974; – Ludwigsburg 1990 – rec. SWF).

    Live- und Studioaufnahmen unterscheiden sich. Das weiß jeder. Offensichtlich und objektiv dingfest zu machen ist die oft erheblich ausgedehnte Spieldauer. „The Silence of A Candle“ dauert auf dem ersten offiziellen Studioalbum gerade mal 1:48 Minuten, 9:51 dauert es auf „In Concert“. Ein Live-Konzert erlebt man als einer von vielen Mithörern im Konzertsaal anders als medial dargeboten über Lautsprecher für einen einsamen Zuhörer.  Daran muss ich denken, wenn ich dieses Dokument aus dem Jahr 1990 anhöre. Die freien Improvisationen der beiden „Openings“ sind singulär, von ihnen gibt es keine älteren Geschwister, die man schon oft gehört hat. Solche Stücke höre ich unbelastet von Gewöhnung und Erwartung. Sie sind spannend und gefallen mit ihrem Einfallsreichtum unmittelbar.

    Dann gibt es die guten Bekannten. „Witchi-Tai-To“ erscheint mir auf „Ludwigsburg“ überlang, da ziehe ich die konzentrierte 3:30 Version vom Album „Winterlight“ (1974) vor. „Yet To Be“ – eines der besten Stücke Ralph Towners – ist atemberaubend dargeboten! Bei „Waterwheel“ musste ich mit dem extrem schnellen Tempo Frieden schließen. Hoher Adrenalinspiegel, geschuldet der Live-Atmosphäre, ist der Treibstoff für Geschwindigkeitsrausch. Ich mag es lieber etwas langsamer, so wie auf dem Album „Out of the Woods“. Aber nach mehrmaligem Hören hat mich die Ludwigsburg-Version doch noch überwältigt. Rätselhaft bleibt mir das drei Minuten dauernde Tabla-Solo von Trilok Gurtu ab Minute 6:00. Die in der Aufnahme räumlich deutlich getrennt abgemischten beiden Tabla-Trommeln sind derart virtuos gespielt, dass man nicht glauben kann, dass das von den Händen einer Person ausgeführt wird. Im Booklet des Albums ist aber nicht die Rede von einem zweiten Tabla-Virtuosen.

    Ich würde „LUDWIGSBURG 1990“ gleich hinter meinen Favorit-Alben „Out of the Woods“ und „Roots In The Sky“ platzieren. Das sind drei Alben, die auch audiophiler Klangqualität sehr nahe kommen. „Bremen 1974“ folgt dicht dahinter. Und wenn schon OREGON, dann freilich auch „Musik of Another Present Era“, ein Albumtitel der die Überschrift für das gesamte Phänomen OREGON sein könnte.

    (Hans Dieter Klinger)

  • Indiana Jones and the quest for the magic flute

    Seit Tagen bin ich eingetaucht in die Welt des sog. „Spirituellen Jazz“, und schon kurz davor, bei meinem hessischen Spezialagenten für hausinterne Psychohygiene und psychedelisch verschwurbelte Parallelwelten, Adressen für stille Klostertage, Retreats und heisse Yogalehrerinnen zu erfragen. Eine Schlüsselstelle meiner kommenden „JazzFacts“ lautet momentan: „Können Atheisten spirituellen Jazz lieben? Aber natürlich!“ Ich bin übrigens Agnostiker mit mystischen „sidekick“, und stehe allen bewusstseinsverändernden Wegen offen gegenüber, insofern sie von Freigeistern und nicht von Eso-Fundis, Post-Calvinisten, und selbsternannten Gurus geleitet werden. Und antifaschistisch sowieso.

    Es ist nicht so lange her, da reiste Shabaka Hutchings mit einem Koffer voller Flöten – 50 an der Zahl – quer durch Brasilien. Und Flötentöne haben etliche „cats“ dabei, in meiner kommenden Sendung, von Alice Coltrane über Ariel Kalma bis Charles Lloyd. Shabakas Opus präsentiert einen ungewöhnlichen Karriereschritt. A special move. Weg vom Saxofon, womöglich für lange, lange Zeit, hin zu den Flöten. Auch John Cage hatte seinen Shakuhachi-Moment. Nach langem Hin und Her war für gestern endlich eine Zoom-Konferenz installiert. Shabaka in Chicago, ich in Bonn. Den Tag über betrieb ich „deep listening“ und „deep reading“ – John Mulvey kürte das Album in Mojo zum „Album of the month“, schrieb eine blitzgescheite „review“, und liess Shabaka in einem Bild über der Erde schweben.


    Die Platte ist tatsächlich fantastisch. Ich hatte drei Fragen vorbereitet als Einstieg, die ihm noch nicht gestellt wurden – eine drehte sich um die trommlenden, flötenbefeuerten Eröffnungspassagen des amerikanischen Keith Jarrett Quartetts (nachzuhören etwa auf „Eyes Of The Heart“, und dem Klassiker „The Survivors Suite“). Und dann war doch noch die Sache mit Don Cherrys „Brown Rice“ und Indiana Jones – aber es kam nicht dazu. Shabaka ist etwas angeschlagen. Seine Managerin meldete sich bei mir mit freundlich entschuldigenden Worten. Ich bleibe dran.

  • A perspective on Oregon from a well known source

    For all, who have a weak or a strong spot for the band Oregon, in the days to come Flowworker is happy to announce the comeback of an old voice. With a personal take on that ancient, timeless group that set the world on silent fire! We are negotiating the fee and the format, but in a good mood this will see the light of day – and the silence of a candle, so to speak! Watch out for „The Kronach Waltz“!

  • Fleeting thoughts on Julia Holter songs (2)

    Olaf and I were talking bass a bit when changing mails about this very special work. As Tom Pikarski writes in Exclaim: „When Devin Hoff’s fretless bass enters, it does so like a layer of molasses; rich, sticky and sweet. Hoff’s contributions are an essential component of the record, calling to mind the vital role that bass plays in the music of Holter forebearers like Kate Bush or Joni Mitchell.  (…) Perhaps the greatest feat of Something in the Room She Moves is that, while there are plenty of organic instruments all over these recordings, it’s the synthesizer playing and sound design that lend the record its characteristic lived-in, sinewy and roving lifeforce.“ And now our fleeting notes. On side B. This will definitely be a one time experiment. We were not happy with splicing the whole work into single pieces. We always had to imagine its flow instead of experiencing itOur deepest listening still lies ahead, I think. That said, don‘t take our words too serious, smoke them in a pipe, put the record on – and float downstream

    Spinning 

    Olaf: A steady beat is the ground from which strange textures blossom – moog, bass, voices, noises, delays, only a few wind instruments for a change. Everything disintegrates towards the end, the textures wither away, the the song tumbles and falls apart. (I repeat myself but I really like what the bass player does, very melodic and sensitive playing.)

    Michael: So here we are, at the beginning of side B. The perfect place to let the rhythm in… and, yes, while it nearly all dissoves into air at the very end, another kind of voice takes the lead: calm clear, focussed. The calmness after the dance. The track grabs me more and more. This album seems to be the classic grower. 

    Ocean

    Michael: The ambient piece, the oceanic piece. Julia is smart: instead of delivering a purely peaceful landscape, she let‘s the uncanny in sideways, after a while. You never know, oceanwise… it ends on a tranquil note though.

    Olaf: Nothing to add. „Ocean“ is another proof of Julia Holter‘s versatility; unique music, that fits perfectly at this moment. And it wouldn‘t feel out of place on any state of the art ambient album.  This snapshot of the ocean was made in the evening, which brings us to the next song.

    Evening Mood

    Olaf: A counterpart to „These Morning“. Being tired after a long day, its events appear like a mild vortex on the threshold of sleep. The voice binds the musial elements of this vortex into a song. Again: lovely singing, beautiful bass playing – and a dash of Harmonia towards the end.

    Michael: Really, Harmonia? Have to listen again with your ears. The calmness, and the apparitions of the day receding… but after initial moments of letting loose and introspection , a lingering irresisitibe melody blows new life into the singer‘s voice and leads us through the evening‘s offerings between the wistful and the dreamlike. All in perfect union with heightened awareness. (From start on, listening to this album requires a very relaxed state of mind. My trick: darkness and a candle.)

    Talking To The Whisper

    Michael: Maybe the most complex song… you never know where the journey of a single track goes, except sideways, most of the time: in the second half Chris Speed‘s saxophone conjures a dark fantasialand full of wonder, a sense of danger follows, then: boiling point.

    Olaf: It really is a complex song, constantly on the verge of ending, laying false trails. At the same time I find it one of the most emotionally engaging songs on this album. There is this middle section that totally gets me: „Let me light, let me throw light/ On your path, little one / Leave me time to stop and say / Love can be / Shattering“.  

    Who Brings Me

    Olaf: A lullabye to close the album. Major themes reoccur: sleep („As I fall asleep“) water, sound („And the eyes of the water tide / Scanning blind with just the sound to guide“), love („You, my love waking up my every day“). Sparse instrumentation, the string instrument and the overall atmsophere remind me of the Velvet Underground – gorgeous and uncanny.

    Michael: This song has to happen at the end. Things calm down. But not like all is good and pancakes. Unsettling dream images pop up… („Fading gusts of luck change my breath“) … and I ask myself: what has that all been about (ready for a second, for sure, deeper journey)… There‘s an interesting balance on this whole album between, well, apparitions from nowhere (dream life), clear structures (for a while), and things / sounds falling apart.

  • „Verzierungen, Geheimnisse, Überraschungen“


    „Hören Sie sich dieses Album an, wenn Sie aus dem Fenster schauen, hoffentlich mit Blick auf eine frühe Blüte. Direkt über den Dächern steht ein Baum mit Blüten, die so rosa sind wie Himalaya-Salz. Wenn ich mir das anhöre, kann ich nicht wegschauen. Etwas hindert mich daran, mich zu bewegen. Ich kann mich nur noch der Musik hingeben. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt dem Warten auf den nächsten Leckerbissen: den Verzierungen, den Geheimnissen und Überraschungen, die Julia Holter bietet. 

    Something in the Room She Moves ist sicherlich ein intimer Hörgenuss. Es hat eine Lockerheit, die warme Untertöne hervorruft. Aber jetzt möchte ich es auf einem massiven Soundsystem hören. Auf dem Boden liegend, inmitten einer modernen Kunstgalerie oder einem epischen Festivalzelt – irgendwo, wo ich die klanglichen Erkundungen spüren kann“

    So beginnt Laura Cannells längere Besprechung, in The Quietus, von Julia Holter neuem Album, das morgen in den Handel kommt. Olaf und Michael werden ihre Impressionen von Seite 2 der Vinylversion in Kürze folgen lassen. Für den ersten Teil muss man nur wenige Tage zurückscrollen . Michaels Fragen liegen Julia vor, vielleicht kommt sie noch in die Gänge. It never rains in Sourhern California. Sie hat derzeit viele andere Dinge um die Ohren, und wenn es nicht klappt, ist niemand böse drum.

  • Redding Road, Dogwood Coffee Shop & a sunset in 1963

    „jetzt tauchen die sichtbaren Teile  / der Geschichte auf, eine Folge von flimmernden  Resten, / die zum Wiedererkennen aufbewahrt / und hervorgeholt sind.“ Es gibt schon einiges zu entdecken, wenn man das Cover der neuen Pan American-LP, von beiden Seiten, auf sich wirken lässt. Obwohl es Americana Ambient ist, konnte ich, weil beides von den Rändern unserer Welt erzählt, an meinem Geburtstag dazu einen alten Gedichtband von Jürgen Becker hernehmen, um zwischen Worten und Klängen zu pendeln. Eine Zeitlinie zwischen 1970, 1980, und 2024. In den Sounds, in den Zeilen versank ich, abwechselnd in die Musik, die Wortbilder, zuweilen gleichzeitig in beides.

    „Reverberations of Non-Stop Traffic on Redding Road“ heisst die Arbeit von Pan American & Kramer. Ob die beiliegenden Fotos uns Redding Road am Abend zeigen? Das Gesumm von „distant traffic“ scheint Eingang in eines der Stücke dieses allerfeinst gearbeiteten Albums gefunden zu haben. Here‘s one track:  „The Miner’s Pale Child’“. The calming guitar drones and swelling tones paint a serene picture. Kramer calls this piece „a wordless love letter to WS Merwin, the great American poet of nature and peace – the great champion of the weightlessness of words.“ (Gestern schickte uns Steve Tibbetts einen Gruss, und ich habe gleich den Dogwood Coffee Shop gegoogelt, in dem er hockte. In St. Paul, MS. Vielleicht ist Redding Road gar nicht so weit entfernt.)

    And so it happened I was dreaming about two imaginary albums within the last days: the next Brian Eno song album (his response from some days ago, on flowworker, made it sound a bit less imaginary). And then there’s the idea of an album by Marc Johnson and Steve Tibbetts, chants of sorts (a little more imaginary, but in autumn 2024 a matter of serious discussion, hopefully). A propos „imaginary“, „time lines“, & „memories“ Eine Deepl Überdetzung von Brians Lied „All I Remember“, kaum korrigiert, liest sich so: „Alles, woran ich mich erinnere, wenn ich mich sammle, ist / Ein einsames Feuerwerk, das über einem unergründlichen Meer aufblitzt / Ich versuche, mich an all die Schätze zu erinnern, die ich in jenen Tagen fand / Aber die Verbindung ist schwach / Und der Moment ist im Dunst verloren / Neue Gefühle zu spüren / Ketty Lester, Dee Clark, Bobby Vee / Über den Deich hinaus in die Dunkelheit / Wo der Fluss zum Meer wird / Flackern in Fenstern mit 40-Watt-Birnen und TV / Das Schwirren von Mücken auf einer Wiese, Sonnenuntergang 1963.“

    Auch das wiederum handelt von den Rändern unserer Wahrnehmungswelten, wie einst, expressis verbis, ein Lyrikband des Altmeisters. Das Gedicht, dessen erste Zeilen ganz oben zu lesen sind, endet so: „Die Reihenfolge ist wieder ganz anders; / anfangen kann man mitten im Sommer, / unter Lautsprechern zwischen Bäumen.“ Wie geschehen einst auf einem Workshop mit Moebius und Harmonia, Musik von den üblichen Verdächtigen, nahe Forst im Weserbergland. Das ist eine andere Geschichte.

    Nicht unter dreissig Seiten, so eine Nacherzählung. Und dann müsste alles fiktionalisiert werden, die Namen zumindest, und in kleinen Episoden, sollte es gut gemacht sein, ein Nachhall geschaffen werden. Tatsächlich ist die Weser kein gemächlicher Fluss, und es bedurfte schon kundiger Hilfe, die guten windgeschützten Orte für das Baden und die Boxen zu finden. Nirgends tauchen in Forst museale Zonen auf, von den Relikten aus alter Zeit ganz zu schweigen. Keine berühmten Sonnenschirme, nicht mal die Bäume vom Cover von „Sowiesoso“. Wir wären ja auch verrückt gewesen, Bäume zu suchen. Auch von dem berühmten Bordell im Wald, ein Edelkurtisanenbetrieb alter Schule, mit Stil, Klasse und exotischen Schönheiten, war Dorfältesten nicht mal ein „Es war einmal“ zu entlocken. Das halbe Dutzend der Einheimischen hatte die 80 satt überschritten, und war mehr im Vergessen als Erinnern angekommen. In einem anderen Dorf gab es eine gesicherte Feuerstelle, die keinen offenen Brand zuliess, und wir karrten die Scheite zusammen, stöpselten die Boxen ein, holten den Strom aus einem still gelegten Wirtshaus, und liessen uns von den beiden Harmonia-Platten umrauschen. Der Wein ging rum, das Haschisch, und alle schliefen im Umkreis von zwei Kilometern. Zuvor aber hielten uns das Feuer und die Dämmerung und die Musik gefangen, und jeder erzählte eine andere Story.