Das Kennenlernen bei Heimspielen
Jeder Musikbegeisterte hat es schon mal erlebt. Man steht unter wildfremden Konzertbesuchern und hat das Gefühl, eine große Familie zu sein. Am intensivsten hatte ich diese Vertrautheit auf Bob Dylan- und Grateful Dead-Konzerten.
Am Wochenende spielten die Toten Hosen in Düsseldorf. Sie sind bekanntlich aus Düsseldorf und ich bin zur Zeit in der Stadt. 100000 Fans aus der ganzen Welt ebenfalls. Campino machte Ansagen in der U Bahn, seine Bandmitglieder fuhren mit dem Fahrrad durch die Altstadt und begrüßten die Fans. Mehr Nähe geht nicht. Während meiner Arbeit im Goethe-Institut habe ich immer wieder die Texte der Toten Hosen besprochen. Das neue Abschiedslied “Düsseldorf” ist der Band von der Lyrik her nicht so gut gelungen, Köln und Bochum machten es besser. Aber keiner kann die Wehmut, die Liebe zu seiner Heimatstadt, gesanglich so rüberbringen wie Campino. Ich war nicht im Stadion, unterhielt mich aber mit einigen Fans, die in einer stundenlangen Warteschleife für ein T-Shirt anstanden. Sie waren von dem Auftritt begeistert: Campino hätte alles gegeben, er sei ja nicht immer so gut wegen Drogenkonsums dabei gewesen. Ich lernte einen Mann kennen, auf dessen T Shirt “Scheiss Wessi” stand. Ich fragte ihn, ob er die Toten Hosen aus DDR-Zeiten kennen würde. Er nickte. Sagte aber sonst nichts. Schade, dass anscheinend in der Musik und im Sport die Unterschiede immer noch groß sind.
Mich würde interessieren, ob die neuen Flowys, die ja viel jünger sind als ich, mit der Neuen Deutschen Welle, die ja wie die Toten Hosen im Ratingerhof gegründet wurden, etwas anfangen können. Oder ob sie begeisterte Kraftwerker sind. Ich würde Euch gern besser kennenlernen. Schreibt doch mal was.
(Lajla Nizinski)
Steve Swallow‘s late work of class
Steve Swallows warmer und resonanter E-Bass grundiert die Performances subtil und unaufdringlich – nur in einem der neun Stücke räumt er sich ein kleines Soloshowcase ein, mit dem so unverwechselbar schlanken und stimmhaften Ton, den er an seinem halbakustischen Instrument mit der zusätzlichen hohen C-Saite und dem Plektron erzeugt. Ein Detail in einem würdigen Alterswerk, entstanden aus innerer Notwendigkeit – ‘Winter Songs’ ist Trauerarbeit unter Freunden – und auch wenn Steve Swallow mit 85 Jahren nicht mehr auf die Bühne zurückkehren mag, so hat er mit diesem Album zumindest die Tür ins Studio wieder sehr überzeugend aufgestoßen.
Niklas Wandt, Deutschlandfunk Kultur
Man hört hier der Musik alter Freunde zu, die alles, aber auch alles, in ihr Spiel legen, um der Musik – das war wohl ihre gemeinsame Vision – Luft zu geben, Atem, Aura, also etwas, bei dem die üblichen Worte (Analysen, Vorurteile, Lobeshymnen, Schnellschüsse) in eine schöne Leere laufen. Mission erfüllt. So lässt sich auch mit lyrischer Eleganz, mit makellosem Sound, Zauber auf Zauber entfachen, ohne einen einzigen überflüssigen Ton. Wer die drei letzten Alben von Carla, Steve und Andy ganz besonders mag, wird auch hier fündig werden, und, im seltsamen Glanz eines Rückblickes auf gelebtes Leben, von ferne auch mal die Lichter des ‘Hotel Hello’ aufflackern sehen!
Michael Engelbrecht, Flowworker
more about Swallow‘s „Winter Songs“ HERE!
Speaking about Marion Brown albums (we love the most)
Alto sax player and composer Marion Brown had his appearance on John Coltrane‘s free jazz eruption ASCENSION. And he was an essential part of Harold Budd‘s „Pavillion of Dreams“ from Brian Eno‘s Obscure Records. Quite contrary albums. Now Dutch label Aguire rereleased Marion Brown‘s „Awofora“ from 1976, not released on Impulse Records like some of his career highlights did. Andy Beta (who just came up with his Alice Coltrane biography) loves „Awofora“. Four ears, two views.

Note: I haven’t heard „Awofora“, this actual reissue of this ludicrously hard to hear 1976 album. But now. Note: It’s my favorite Marion Brown record. Yeah, even more than Sweet Earth Flying. Note: And I fucking love Sweet Earth Flying. Even more than Geechee Recollections. Note: I still find myself on the other side of the fence with Afternoon Of A Georgia Faun, but keep hoping that may one day change.
(Andy Beta)

Note: I haven’t heard, too, this actual reissue of this ludicrously hard to hear 1976 album. But now. Note: It’s NOT my favorite Marion Brown record, but a good one – 3 and 1/2 stars. I have two favourite Marion Brown albums Sweet Earth Flying. And Geechee Recollections (I fucking love both of them). Note: I still find myself on the other side of the fence with Afternoon Of A Georgia Faun (one of those early ECM albums I didn’t fall in love with 😉), but keep hoping that may one day change. And I like to add one thing: there is another beautiful album Marion Brown did in the 1970s, that is quite underrated, because „Vista“ will in fact sound so easy on your ears that you might call it „easy listening jazz“, and for all the good reasons though. Probably there are not so many deeply moving easy listening jazz albums out there, and this is one of them! With an absolutely perfect cover!
(Michael Engelbrecht)

Nachklang: Jörg Drews hatte ein Näschen für experimentelle Literatur, und seiner Besprechung in der SZ am 4. August 1979 (dieses Datum ist geraten) verdanke ich eines meiner abenteuerlichsten Trips deutscher Literatur in den 70ern. Drews verglich Handkes „Die Linkshändige Frau“, mit Hartmut Geerkens „Obduktionsprotokoll“, Minimalismus vs. Überfluss. Für mich entpuppte es sich eher als Vergleich von übertriebenem Geraune und hochspannender Improvisation. Ich kannte Hartmut Geerken (der wie Lajla ewig und drei Tage im Goethe Institut gearbeitet hatte) auch als versierten Rezensenten von Jazzplatten im Jazzpodium, und erinner mich noch bestens an den warmen Sommertag des 5. Juli 1975 (dieses Datum ist auch geraten) im Würzburger Zeitschriftenladen „Montanus“, als mich seine Worte über Marion Browns „Geechee Recollections“ (Impulse Rec.) so neugierig machten, dass die Platte kurz danach auf meinem Plattenteller landete. Und sie wurde zu einem „Lifer“, wie danach auch „Sweet Earth Flying“ – und, an bestimmten Sommerabenden auf Langeoog und sonstwo, eben auch „Vista“! Nächste Woche komt die nächste Hitzewelle – ich hau wieder ab auf die Insel, mit ein paar schönen Marion Brown Platten für die Fahrt. Dank an Andy Beta! Richard Williams‘ Besprechung von Andys Coltrane-Bio ist übrigens sehr interessant. Siehe comment 2. Marion Brown und Alice Coltrane hötten auch ein gutes Paar im Studio abgegeben – leider ist es nie dazu gekommen.
Ein Hörspiel
1966 hat Julio Cortazar diese phantastische Erzählung geschrieben, die sich nun als ein rundum gelungenes Hörspiel des Deutschlandfunks entpuppt – mit einerm Quantum sozialer Utopie. „Das Feuer aller Feuer“ war, lang ist es her, der erste Band voller Erzählungen, den der Suhrkamp Verlag veröffentlichte. Mit seinem Gespür für das Surreale, für das Politische, und die Sehnsucht, nahm er mich von Anfang an gefangen. Sein Roman „Rayuela“ gehört zu den existenziellsten Leseabenteuern meinen Lebens. Er kehrte übrigens, kurz vor seinem Tod, noch einmal auf die Autobahn zurück, als er mit seiner Geliebten losfuhr, ganz real, von einem „Raststattabenteuer“ zum nächsten. Beide wussten, dass sie bald sterben würden. Also liessen sie sich noch mal auf das Leben ein, auf vollen und leeren Autobahnen, fernab der touristischen „power spots“, mit einem geschärften Bewusstsein und fein austariertem Humor. „Die Kosmonauten auf der Autobahn“ – Julio Medem sollte es mal verfilmen! (me)
monthly revelations (july)

album Ingo J Biermann und Jan Bang on two hot contenders for your year’s end lists: Ed O’Briens „Blue Morpho“ and „Mattias de Craene & Black Koyo“
film „16, Lovers Lane“ (a Go-Betweens documentary)
prose Graeme Thomson: In Another World – The Four Seasons of Talk Talk („reading Graeme‘s book about „The Colour Of Spring“, „Spirit Of Eden“, „Laughing Stock“ and „Mark Hollis“ is a rewarding experience for everyone feeling a strong connection with these works.“)
talk Ingo J Biermann und Stephan Schoenholtz im Gespräch mit dem Regisseur der Trilogie „Oslo Stories“ Dag Johan Haugerud („Drømmer (Träume) war … einer der klar besten Filme des letzten Jahres, letztlich ein beeindruckender Höhepunkt in der künstlerischen Laufbahn des 60 Jahre alten norwegischen Filmemachers und Romanautors, der außerhalb Norwegens bis dahin kaum jemandem bekannt war.“ ijb)
radio „Die ECM-Jahre von Steve Tibbetts und die „Klanghorizonte“ vom Mai 2026 (meine allerletzten Klanghorizonte Ende September enthalten lauter vertraute Namen – Graeme Thomson liest aus seinem Talk Talk-Buch – und wohl nur drei oder vier Aben von 2026 (neben den beiden Alben des Monats Juli gehören auch Ayumi Tanaka, Seefeel, Daniel Lanois, Lambchop und Shearwater zur „Patience der Horizonte“)
television Sarah Dempster on „Criminal Record (2)“
archive Tom Pinnock on a timeless, oracular milestone from 1979: „This Heat“ („This Heat ended up being called post-punk for lack of any better options, and though their music has many of the now-familiar hallmarks of that genre — a heavy dub influence, a fascination with the streamlined metaphysics of German kosmische bands, particularly Can, and complex, heady concepts communicated via primeval methods – it still stands apart, with something alien and unnamable at its core.“ (R. Jackson, Aquarium Drunkard)
Call me the breeze

Sommer ist gleichbedeutend mit Dub. Es ist die elementare Musik dieser Jahreszeit. Die tropische Insel, auf der der Dub seinen Ursprung hat, weist eine durchschnittliche Jahrestemperatur weit über 30 Grad aus – und den Pionieren des Genres ist es gelungen, diese allgegenwärtige Schwüle in jeden Zentimeter des Sounds einfließen zu lassen.
Alles im Dub scheint in der hohen Luftfeuchtigkeit zu schweben: ein wenig langsamer als gewöhnlich; ein wenig verschwommener – wie in der Atmosphäre verzögert. Der klappernde Bass, Fetzen von Gesangspassagen von Passanten, verschwommene Bläserklänge, die Fata Morgana der Melodica, der lockere Gitarren-Skank, der wie eine willkommene Brise vom Wasser herauf- und abfällt, und diese Beats, die wie die Sonne selbst herabprasseln.
All das leicht verzerrt und schimmernd in der Mittagshitze. Dub gehört zum warmen Wetter. Vielleicht greifen gerade deshalb diejenigen von uns, die nicht auf Jamaika sind, in den Sommermonaten danach. Die Trägheit und die Gelassenheit des Dub haben etwas an sich, das zu dieser Jahreszeit besonders passend wirkt. Er kann kraftvoll sein, ohne zu aggressiv zu werden; er kann verzaubern, ohne zu psychedelisch zu werden. Er ist offen, aber nicht ohne Struktur und Logik. Als „Head-Musik“ ist er eher „toasted“ als halluzinogen.
Dub bringt uns in Bewegung, aber nicht zu schnell und nicht zu sehr. Dieser wunderbar gedämpfte Schwung im mittleren Tempo ist vielleicht genau das, was man bei diesem Wetter braucht. In diesem Sinne gibt es hier ein paar Stunden ausgewählter Riddims aus der Blütezeit des Dub. Bleibt positiv, trinkt genug und habt Spaß dabei. |
Punkt 2026 (from the margins)
Hello, ladies and gentlemen! My name is Michael Engelbrecht, and this is my little introduction to this year‘s Punktfestival (from the margins). You have a minute? Fine. From 2005, 2006 onwards, I‘ve been so often at Punkt, enjoying the experimental vibe of the festival, its hunger for the unheard, the meeting of generations, the merging of old and new dreams – and finding new friends. It was pure joy to select magic concerts and live-remixes for my radio station. They were quite expensive, but worth every minute. In the case of an exciting duo of pianist Tigran Hamasyan and live samplist Jan Bang, listening to a few seconds on air were enough for producer Manfred Eicher to bring Tigran’s ECM debut „Atmosphères“ on its way. Released on Sep 2, 2016, it will have its 10th anniversary, funny coincidence, on the evening before Punkt starts this time. You‘ve never heard that quartet with Tigran, Jan, Eivind and Arve. Well, some things in life can be changed. You have an hour? Nice: „Three Days In Lugano“.
When I was younger, so much younger than today, one of my first ECM albums was SART, and it had a huge impact on me. Was there a world after The Kinks and The Beatles? I was sweet seventeen and immediately fell in love with that work. By that time I was already addicted to Miles Davis „electic albums“ like „Live At Fillmore East“ or „Bitches Brew“, but I didn‘t know at that time, that SART was (in parts) inspired by two concerts Jan Garbarek saw from „electric Miles“ in New York. From start to end SART transformed elements of that experience into a wholly different ambience of „nordic noir“, „nordic cool“, and „nordic free“. There was quite another handling of space and silences, stop-and-go-passages, explosions. I had to listen to that album again and again and again. And, to be honest, again.

Much later, when becoming a radio man in 1989, the influence of that „teenage revelation“ became quite obvious. I interviewed all of these influential, uncompromising artists – like bass man Arild Andersen, who is now a special guest of this year‘s Punktfestival. By the way, i never stopped listening to SART, it became a lifer, never stopped being an adventure. A few years ago, „LANDLOPER“ saw the light of day, Andersen’s first solo bass album, and a terrific one. Sounding like he had waited a whole life for the right moment. The moment arrived, with a special handling of space and silences, stop-and-go-passages, melody. Teriffic versions of „Lonely Woman“ and „Song for Che“ included. Besides, another favourite ECM cover. Where‘s the vinyl?

3–5 September | Kristiansand, Norway
The pioneering Punkt Festival returns in 2026 with three days of concerts, seminars and live remixes — bringing together some of the most distinctive voices in contemporary jazz, improvisation and experimental music.
This year’s concert programme opens with a solo set by Norwegian drummer/composer Erland Dahlen, followed by the extraordinary Ethiopian singer , whose music draws on the Azmari vocal tradition and has been praised for its haunting, intense meeting of Ethiopian song, free jazz and chamber-like abstraction.
She is followed by a rare duo encounter between Nils Petter Molvær and Daniel Herskedal — two Norwegian brass innovators whose shared sense of space, electronics, melody and cinematic atmosphere promises a concert of unusual depth and resonance.
Friday brings the lyrical, border-crossing piano world of Greek composer and improviser Tania Giannouli , before Jan Bang presents Alighting , his forthcoming (due 2027) Punkt Editions album. The concert will be live remixed by Punkt co-founder Erik Honoré, who also mixed Alighting.
The evening continues with a major new meeting of three generations of Norwegian jazz: Bugge Wesseltoft , Arild Andersen and Gard Nilssen . The concert also marks the first Punkt appearance by ECM legend Arild Andersen — one of Norway’s most influential musicians, here joining two equally distinctive voices in a trio where deep experience, rhythmic imagination and open musical risk meet in real time.Saturday’s programme moves from the fresh, beautifully unconventional sound of Henriette Eilertsen Trio — flute, cello/electronics and drums — to Cimota , a new Nordic quintet featuring members of Atomic and Streifenjunko, with music that moves between post-bop energy, refined ensemble writing and collective improvisation.
The festival closes with the hypnotic, groove-based psychedelia of Goran Kajfeš Tropiques , one of the most compelling bands on the Swedish creative music scene.
At the heart of Punkt, as always, is the festival’s unique Live Remix concept: concerts are immediately reimagined by other artists, allowing the audience to experience music as both performance and transformation. The 2026 live remixers span several generations of Punkt’s live-remix practice: bass legend Arild Andersen joins live-sampling pioneer and Punkt co-founder Jan Bang, while vocalist and composer Ingri Jordahl, electroacoustic pianist and improviser Alessandra Bossa, and genre-bending producer Doglover95bring younger and expanded approaches to the format, including collaborations with students from the Live Remix Workshop. The Live Remix programme also features Erik Honoré with guests, Even Sigurdsen Røstad / Emanuel Bang / Audun Skeie, and a festival-closing remix by Bugge Wesseltoft’s New Conception of Jazz, here represented by Wesseltoft, Ingebrigt Håker Flaten and Anders Engen.
The renowned Punkt Seminar will also return in 2026, curated and hosted by David Toop on Thursday 3 and Friday 4 September. A composer, musician, author and curator whose work has shaped international thinking around sound, listening and experimental music since the 1970s, Toop is the author of influential books including Ocean of Sound , Sinister Resonance and Into the Maelstrom. The seminar will bring together a distinctive group of artists working across sound, performance, voice, image, improvisation and expanded forms of listening: Miki Yui, Lina Lapelytė, Vicki Bennett / People Like Us, Yara Asmar, Mike Cooper and Ecka Mordecai. Together, their practices move from microscopic electronics, field recordings and audio-visual collage to collective voice, lap steel, cello, scent, domestic sound worlds and highly personal forms of electroacoustic performance.
(Punktfestival HQ)
Der Hitze fern auf Langeoog
Kurzentschlossen, fuhr ich vier Stunden zur Fähre, setzte über, und quartierte mich in einem kleinen Appartment ein. Nur ein richtig heisser Tag in sieben langen Tagen, „Spring Hill Fair“ auf einem alten Walkman, Steve Swallows „kleine Wintermusik“, und Erinnerungen an den „den letzten Bus nach Woodstock“ – ich fühlte mich seltsam jung und sprang erst mal ins Meer, mit Blick zur roten Sonne, die bald ins kühle Nass eintauchen würde. Diesmal all alone, seltsam beschwingt, das Echo dunkler Wochen fast schon, aber nicht wirklich, lange her! „you think I’m young I’m not half those things / why did it rain? / the days ran away from us / heaven never knew / the chances that it left for us / fast and slow, breeze to wind…“

Die Romane, die ich gerade lese, nehmen einen Faden der Jugendzeit auf, meine Lust an rororo-Krimis, deren Cover ewig schwarzweiss waren (die neueren reprints dann auch mal in Farbe), und zu deren führenden Vertretern damals Colon Dexter zählte, mit seinen Inspektor Morse-Romanen. Der Ort: Oxford und Umgebung. Als ich vor Woche Simon Masons „Mord im November“ entdeckte, gab es kein Halten mehr, und einmal mehr tauchte ich in das alte, neue Oxford ein, das uns in der Regel bekannt ist, etwa aus ruhig inszenierten, aber auch fesselnden Verflilmungen mit dem alten, aber auch dem jungen Inspektor Morse.
Simon Mason hat ein spannendes Ermittlerduo eingeführt mit den „chalk-and-cheese cops“ DI Ryan und DI Ray Wilkins, die keineswegs miteinander verwandt sind und aus fast absurd gegensätzlichen Lebenswelten stammen. Der Glücksfall ist, dass Simon Mason grossartig schreibt, das Erbe von Colin Dexter in ein heutiges Oxford transportiert – hervorragend geplottet, humorvoll, und dunkel über alle Seitenränder hinaus. Die ersten beiden Romane (von mittlerweile fünfen) liegen in gelungener Übersetzung vor, und ich bin gerade mittendrin im dritten, „Lost And Never Found“. Ein umwerfender Sprachfluss ist diesen Romanen zueigen, in die Tiefe gehende Geschichten, allerbester Stoff zum Versinken!

Jetzt, der Hitze entkommen, liest sich das alles noch rasanter, die ersten Cafés öffnen, einen „morning swim“ habe ich schon hinter mir, es dauert seit meiner Kindheit immer um die eine Minute, bis mir im Meer warm wird. Die Wellen helfen! Ein Strandkorb ist angemietet. Der Geruch von Sonnenmilch versprüht einen Zauber wie eh und je. Mit dem E-Bike fahre ich die alten Runden, durch den Wald, „Waldbaden“ inclusive , zum Fährhafen mit seiner Fischstube am Deich entlang, und auch mal wieder vorbei an dem Hotel, in dem ich mich einst mit sieben Jahren in die Hotelmanagerin verknallte, „Haus Westfalen“ hiess es damals, in der Zeit, als Hoppy Kurrat noch für den BVB kickte, und die gebundene Ochsenschanzsuppe ein Klassiker war auf kurzen Überfahrten. Ein Hauch von Wehmut mischt sich in jeden Taumel kleiner Glücksschübe.
