Die Herkunftsgeschichte neu erzählen und sich befreien
Ein Jahr nach ihrem Erzählband „Manchmal das Glück“ erschien von Ulrike Sabine Maier im Herbst 2025 der erste Roman: „Hinter tausend Stäben“ (Edition Federleicht). Beide Bücher thematisieren belastende Einflüsse durch das persönliche Umfeld und die Vergangenheit. Erinnerungen, die weiterwirken, obwohl man lieber mit ihnen abgeschlossen hätte. Im Roman spielt die Familiengeschichte über drei Frauengenerationen und Prägungen durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle. Der Roman beginnt mit einer Schlüsselszene im Jahr 1965. Die 28-jährige Luise, schwanger mit Zwillingen, besucht ihre fast 50-jährige Mutter Inge, die in einem Krankenhaus im Sterben liegt. Vorwürfe, Fremdsein, Wut und Aggressionen kreuzen sich im Raum. Dabei fällt auf: Die Mutter schleudert ihre Gedanken wie Steine, Luise hingegen denkt sich meist ihren Teil. Nur von anderen hat sie etwas über die Mutter erfahren, sie selbst hatte nie das Gefühl, auch nur eine Mutter gehabt zu haben. Als Luise das Krankenhaus verlässt, spürt sie, dass die Geschichte ihrer Mutter für sie nicht zu Ende erzählt ist. Und doch fängt sie erst ein halbes Jahrhundert später damit an, die Vergangenheit ihrer Mutter aufzuarbeiten. Sie befragt Überlebende, durchforstet Urkunden, Briefe und Fotografien, sie reist nach Dresden und stellt sich ihren eigenen Erinnerungen.
Wie ich von Ulrike Sabine Maier weiß, kennt sie die Frau, auf der die Romanfigur Luise basiert. Die Romanautorin entwickelt also stellvertretend für die Person, die hinter der Romanfigur Luise steckt, eine fiktive, aber auf Recherchen beruhende Familiengeschichte mit dem zeitlichen Schwerpunkt von 1922 bis 1947. Zu Beginn ist Luises Mutter Inge sechs Jahre alt, freiheitsbedürftig, ehrgeizig, unangepasst und sehr intelligent; ihre Eltern betreiben das Palasthotel in Dresden. In anschaulicher, bildreicher und poetischer Sprache schildert Ulrike Sabine Maier in charakteristischen Szenen das Leben von Inge und, später hinzukommend, Luises Kindheit; dazwischengeflochten werden Passagen aus dem Jahr 2016 mit Luise. Nach einer Kindheit mit Schulwechseln und Internaten studiert Inge Medizin, sie engagiert sich im Widerstand, zieht nach München und lernt die Mitglieder der Weißen Rose kennen. Gleichzeitig ist sie mit der vom NS-Regime geförderten Pianistin Elly Ney und deren Tochter eng befreundet. Während der Diktatur geht es auf vielen Bereichen um Leben und Tod, auch wenn Inge als Ärztin plötzlich Gelbe Zettel ausfüllen soll. In Alltagsgesprächen, selbst in Freundschaften, stellt sich die Frage, wem gegenüber man die eigene Meinung andeuten kann. Inge ist eine vielschichtige und zerrissene Persönlichkeit; sie ist auch selbst, wie mehrfach angedeutet wird, psychisch krank. Luise ist ein ungewolltes Kind, und das hat sich ihr eingebrannt: Sie wird hin und her geschoben, mal ins Kinderheim, dann zu den Eltern des Vaters, die sie zwar versorgen, aber nicht akzeptieren. Luise macht immer wieder die Erfahrung, nicht gesehen zu werden, nicht bei ihrem Namen genannt zu werden, also keinen Namen zu haben, bei der Aufnahme eines Familienfotos beiseite gestellt zu werden, weil der Vater, der von der Mutter geschieden ist, eine neue Familie gegründet hat, und sie, Luise, neben der richtigen Familie nicht existieren sollte.
Motive durchziehen das Buch wie leuchtende Fasern: Die rote Wut oder auch das Tier im Menschen, ein Charaktermerkmal als Familienerbe. Formen des Lächelns. Die Fähigkeit, durch Wände zu gehen. Kopflose Engel. Der Geruch nach Rosmarin. Auch der Panther im Zoo. Der Titel des Romans ist einer Zeile aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Panther“, das um die Gefangenschaft des Raubtiers in einem engen Käfig kreist, entnommen.
Mich hat die Figur des Kriegskinds Luise (Jahrgang 1937) am meisten berührt. Ulrike Sabine Maier gelingt es, die kindliche Welt in jeder Altersstufe in angemessener Sprache zu transportieren. Zu den stärksten Szenen des Romans zählen für mich die, als Luise nach Ende des Krieges zum ersten Mal mit ihrer Mutter zusammenwohnt und ihr, die von Krankheit, Hunger und gebrochenem Herzen daniederliegt, tapfer eine Suppe bringt. Dann darf sie ein Gemälde des Nachbarn, der Künstler ist, betrachten. Sofort erkennt sie die Mutter darin, im Schwarz, und außen herum brennende Häuser kurz nach den Bomben. Dann negiert sie ihre Erfahrung, aus Scham, sie lacht und sagt, es sind doch nur Farben auf einer weißen Wand.
In der Zeit, in der Luise ihre Herkunftsgeschichte aufarbeitet, sind ihre beiden Töchter 50 Jahre alt. Als Generation der Kriegsenkel (Jahrgang 1966) spüren auch sie die Last des Familientraumas. „Wir sind nicht so, wie du es dir wünschst“, sagt Anna ganz ruhig. „Und da ist eine Leere, bei dir, bei mir, bei Susanne, die ich nicht erklären kann. Wie du selber sagst: Es fehlen Teile! In uns!“
Während des Zweiten Weltkriegs hat man Kindern oftmals vermittelt, dass sie keine Probleme haben und dass andere Menschen wichtiger sind als sie. Die Kinder hatten still zu sein und zu funktionieren. Ehemalige Kriegskinder wurden häufig als unauffällig und angepasst beschrieben. Das schreibt Luise Reddemann in ihrem Buch über Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie. Die Beschäftigung mit der traumatischen Belastung der Kriegskinder und Kriegsenkel war, so Reddemann, nach der Jahrtausendwende noch neu und ungewöhnlich und erst ab dem Jahr 2013 war einiges an Forschung in Gang gekommen.
Im Roman findet Luise doch etwas, was sie mit ihrer Mutter teilt. Da ist das Trauma, um das die Amerikanerin Jennifer die beiden sogar beneidet. Die Beobachtungsgabe, die Abenteuerlust. Und Mut, denn den braucht es, um sich intensiv mit einer schwierigen Familiengeschichte zu befassen. Am Ende des Romans haben sich die starren „Skulpturen der Erinnerung“ aufgelöst und eine neue Gestalt bekommen.
Ulrike Sabine Maier zeigt in ihrem hervorragend recherchierten, sorgsam gestalteten und auch gesellschaftlich wichtigen Roman: Das biologische Erbe jedes einzelnen Menschen schließt zwar die psychische Verfassung seiner Vorfahren mit ein. Die eigene Familiengeschichte legt jedoch nichts fest und sie definiert keinesfalls ein inneres Skript für den Lebensweg eines Menschen. Es ist nicht leicht, aber es ist möglich, die eigenen Erinnerungen zu bearbeiten, neu zu formieren und sich zu befreien.
Lesung der Literaturwerkstatt in Darmstadt am 25. April 2026

Ich bin dabei, eine Lesereihe mit Lesungen meiner Literaturwerkstatt in Darmstadt, die seit Februar 2005 besteht, zu gründen. Nachdem im April ’25 sechsundzwanzig Autorinnen und Autoren zur Präsentation der von mir herausgegebenen Anthologie „Und man hört sie doch. 20 Jahre Literaturwerkstatt in Darmstadt“ (hochroth Heidelberg) angereist sind, um ihre Texte zu lesen, sollen nun einmal im Jahr die Autorinnen und Autoren meines Seminars die Möglichkeit erhalten, ihre Texte in einem großen Saal mit wunderbarer Akustik und einer verzierten Glasfensterfront zu präsentieren. Von der Entwicklung des Konzepts im vergangenen Sommer bis zur Veranstaltung gab es ungezählte Stunden an Vorbereitung mit unerwarteten Herausforderungen, detaillierten Absprachen und einigen Treffen. Am kommenden Samstag findet die erste Lesung der geplanten Lesereihe nun statt.
Ulrike Sabine Maier liest zwei Passagen aus ihrem Roman „Hinter tausend Stäben“, der im Herbst 2025 in der Edition Federleicht, Fuldatal, erschien. Drei Zeilen zur Charakterisierung dieses vielschichtigen Werkes entnehme ich der Website der Autorin: „Ein Frauenleben der Extreme und eine Kindheit in dunklen Zeiten. Eine Existenz zwischen Weißer Rose und der Kulturelite des NS-Regimes. Ein Romandebüt, das zeigt: Vergangenheit ist immer auch Gegenwart.“ Sven Buchsteiner verwandelt, wie schon in deinem Lyrikdebüt „Nachhallschatten“ (Edition Federleicht, Fuldatal 2024), in seinen Gedichten existenzielle Situationen in poetische Schnappschüsse. Die Poesie von Lea Matusiak ist cool, verspielt, souverän und gleichzeitig existenziell. Sandra Ade liest nach ihrem Debüt „An manchen Tagen steht die Erde kurz still“ (hochroth Heidelberg, 2025) neue Kürzestgeschichten. Auch in diesen neuen Texten wird spürbar, dass der Einzelne Teil von etwas Größerem ist, was sich seiner Kontrolle entzieht. Elke Barker, deren Erzähldebüt „Und zwischen uns das Meer“ im Jahr 2022 im Frankfurter Axel Dielmann Verlag erschien, präsentiert die Kurzgeschichte „Die Taube“: eine Vater-Tochter-Beziehung, auf die auch zutrifft, was ich im Vorwort zu Elke Barkers Band mit Erzählungen schrieb: „Vertrauen ist unberechenbar. (…) Die Spannung liegt vor allem in der Atmosphäre. (…) vielschichtige Energie des Textes.“ Nach jeder Lesung führe ich ein Gespräch über Hintergründe, Selbstbeschreibungen, Arbeitsmethoden etc.Der Musiker, Alexander Roth, der mehrmals auftritt und fünf Jahre lang Teilnehmer meiner Literaturwerkstatt war, ist Teil der Berliner Independentband „Yoga“, hier der Link zum Album „Amnesie“. Am 25. April spielt er solo und er beschreibt seine Arbeit so: „Für den Auftritt beim Literarischen Abend konzentriere ich mich auf meine Instrumentalstücke, in deren Zentrum der Loop als ästhetisches Prinzip steht. Melancholie aus der Wiederholung des Immergleichen, Warten auf Veränderung, Hoffen auf Befreiung – Motive, die mein musikalisches und literarisches Denken verbinden.“
Ich wollte den Flyer hier in akzeptabler Größe aufnehmen. Um den Inhalt zu lesen, einfach mit den bekannten Tools vergrößern.
Nonplace Urban Field Psyche
Ein Track aus Burnt Friedman & Mohammad Reza Mortazavis EP YEK 2 (Juni 2020), den ich gerade wieder entdeckt habe und auf Endlosschleife hören könnte.
Das noch Unerzählte erzählen!
19. Juni 2012. Alle Sitzplätze im Audimax der Frankfurter Universität sind schon besetzt, und dabei fängt die Veranstaltung erst in 20 Minuten an. Und es kommen immer mehr Leute, meist ältere, die Alexander Kluge hören wollen. Ich war verabredet, ein Freund eines Freundes war aus Karlsruhe angereist. Wir saßen nebeneinander. Die Poetikvorlesungen gibt es als Buch; für mich aber sind die Eindrücke und meine handschriftlichen Notizen wertvoller als es eine geschliffene Fassung der Vorträge je sein könnte. Thema des 19. Juni waren die Wirklichkeitsmassen, die auf ihre Erzählung warten. Alexander Kluge hatte dabei das traditionell Politische im Blick. Was er an Themen nannte, die noch nicht erzählt sind: die gestohlene Revolution in Ägypten, die Feigheit der AKW-Chefs. Erzählen als Kassandratätigkeit. Die unerzählte Realität auf Erzählbarkeit prüfen. / Die Fäden der Rohstoffmassen, die uns umgeben, miteinander verbinden. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Alexander Kluge zeigte Auszüge aus seinen Filmen (zum Beispiel aus „Fünf Leinwände“), er begeisterte sich für Paul Klee, er bezeichnete Walter Benjamins „Passagenwerk“ als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts und er fragte nach der Hauptstadt des 21. Jahrhunderts und brachte den Gedanken ein, es sei eventuell keine Stadt, sondern etwas in den Köpfen der Menschen; er präsentierte ein kaum bekanntes Märchen der Brüder Grimm (Das eigensinnige Kind), und er betonte, die Erzählweise im 21. Jahrhundert könne nicht mehr linear sein, sie müsse gravitativ sein. Wenn ich meine Notizen jetzt wieder lese, wird mir bewusst, dass diese wenigen Stunden im Audimax auf mich und auch auf meine Gedichte eine starke Wirkung hatten. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Die Hauptstadt als etwas in den Köpfen der Menschen. Die Vielfalt und die Unruhe in uns. Zum ersten Mal hörte ich hier von der Verwandtschaft des Rechtsgefühls mit dem Gleichgewichtsgefühl. Als sein zentrales Motiv nannte er: Die Scheidung seiner Eltern zu verhindern. Und wenn ich mich richtig erinnere, ich habe es nicht notiert, sagte er, im Nachhinein sei er sicher, dass er mit den Fähigkeiten, die er entwickelt hatte, die Scheidung seiner Eltern hätte verhindern können. Hieraus spricht die Leidenschaft des Juristen am Diskurs, der Glaube an den Diskurs.
Die Verweigerung des amerikanischen Traums (Teil 5): (k)night moves

„Die heiße Spur“, so lautet der Titel des Films in deutscher Übersetzung und ist damit weit entfernt von der Raffinesse des Originals. „Night Moves“ unter der Regie von Arthur Penn, einer der späten Filme des „New Hollywood“, kam 1975 in die Kinos. Nachtbewegungen, Nachtaktivitäten. Das klingt im Deutschen natürlich auch nicht und vor allem ist nur der Originaltitel in der Lage, die „knight moves“ anklingen zu lassen und so die Filmhandlung in Verbindung mit einem Schachspiel, konkret den Bewegungen des Springers, zu bringen. Moseby, Privatdetektiv in Los Angeles – es dürfte eine der besten Rollen von Gene Hackman gewesen sein –, erhält den Auftrag, die 16-jährige Tochter einer ehemals mittelmäßigen Schauspielerin zu finden und sie zu ihrer Mutter zu bringen. Moseby war früher Football-Spieler; der Beruf des Privatdetektivs genießt nirgendwo Ansehen, ständig fallen Bemerkungen, wie schäbig es sei, sich für Geld in fremde Angelegenheiten einzumischen, was sich auf das Selbstbewusstsein Mosebys auswirkt. Vielleicht findet er im Schachspielen ohne menschlichen Partner eher seine Erfüllung. Im Auto, in Warteposition, hat er immer ein Schachbrett dabei. Während Moseby ein Weltmeister-Schachtournier aus dem Jahr 1922 nachspielt, wird ihm klar, dass der damalige Verlierer etwas übersehen hat und mit drei Zügen seines Springers hätte gewinnen können. „And three little knight moves“, so erklärt er es einer Frau in Florida, die, als er sie antrifft, eine Wollmütze trägt, und die die Mütze irgendwann unter seinen Blicken abstreift, in einer Geste, als würde sie sich entkleiden. Und er ergänzt: „But he didn’t see it. Must have regretted it every day of his life. I know I would have.“ Wie der Schachspieler übersieht auch Moseby so einiges: immer wieder auftauchende Figuren, unangemessene Verhaltensweisen und rätselhafte Zufälle. Er bringt die Elemente nicht zusammen, weil ihm der Knoten, der die Fäden verbindet, fehlt. Denen, die den Film zum ersten Mal schauen, geht es natürlich genauso. Hinzu kommt: Die Bündnisse, die eingegangen werden, wechseln schnell und unvorhersehbar. Scheinbare Ziele sind nicht die wahren. Jederzeit kann alles kippen, die Ungewissheit ist fundamental. „Night Moves“ spiegelt damit auch das Psychogramm einer von Kriegen, Krisen und Attentaten traumatisierten Nation. Das neue Selbstbewusstsein der Frauen macht Männern ihre traditionelle Rolle streitig. Bestimmen geht jetzt nicht mehr, es muss verhandelt werden. Mit Jennifer Warren, Susan Clark und Melanie Griffith geben drei starke Frauen dem Film eine Prägung. Die Dialoge sind ungewöhnlich, raffiniert und von einem klugen Humor. Auch der Zeitgeist mit seinen Interessengebieten spiegelt sich darin. Moseby versucht, die 16-Jährige, die schreiend aus einem Alptraum erwachte, zu trösten, er klopft sanft auf ihr Schulterblatt, und sie sagt:
I like being patted like that. It’s supposed to remind you before you were born, your mother’s heart beating on your back. Do you think you can remember back that far?
Morseby entgegnet: Listen, Delly, I know it doesn’t make much sense when you’re 16, but don’t worry, when you get to be 40, it isn’t any better.
Beide lachen. Die Stimmung hat sich verändert.
In „Night Moves“ scheint trotz des Titels meistens die Sonne, das Licht fällt grell, die Temperaturen sind angenehm, die Autos sperrig und die Musik von Michael Small trägt zur entspannten Stimmung bei. Auch der Filmbusiness spielt eine Rolle und es gibt eine Anspielung auf die Highway-Szene in Hitchcocks „North by Northwest“. Ein optisches Motiv erscheint gelegentlich wieder: geschliffene Gläser in der Größe eines runden Flurspiegels an Fenstern, die den Blick nach außen in einer Verkleinerung zeigen, so dass man in eine Art Beobachtungsposition gerät. Man sieht ein paar Dinge dadurch vielleicht etwas anders, aber wirklich hilfreich ist diese Technik nicht. Dies kann man auch als Kommentar zur Rolle des Privatdetektivs lesen, jedenfalls in diesem Film.
Dream Theory in Malay
In der zweiten Hälfte der 90er habe ich damit angefangen, ein Traumtagebuch zu führen. Ich hatte auf einer Reise durch Irland mit dem Wohnmobil ein paar dunkelgelbe Notizhefte gekauft und schrieb „Traumfetzen“ auf die Vorderseite. Eben habe ich in diesen Heften geblättert. Damals erinnerte ich mich teilweise an vollständige Traumgeschichten. Was ich las, ist faszinierend archaisch und voller Gewalt. Es hatte viel mit meinem damaligen Leben zu tun, und es ging weit darüber hinaus. Jahrzehnte später würde ich sagen, dass die Äußerungen aus meinen Träumen aus einer Sphäre kommen, die transpersonal ist und wahrscheinlich damit verknüpft sind, was C.G. Jung als das „Selbst“ bezeichnet hat. Ich fand es damals anstrengend, Erinnerungen an Träume zu notieren und auch noch darüber nachzudenken, was sie bedeuten könnten. Ich hörte nach einigen Monaten auch damit auf, und fing acht Jahre später wieder damit an. Auch damals blieb ich nicht dauerhaft dabei. Für die Fortsetzung meiner Notizen habe ich eine Datei im Notebook angelegt. Auch wenn direkt nach dem Aufwachen hanschriftliche Notizen empfohlen werden, ist die Datei für mich der Gamechanger; dank eines Kurses zu Studienbeginn tippe ich ziemlich schnell. Ich weiß inzwischen auch, dass es darum geht, auf Gefühle und Stimmungen im Traum zu achten, ich habe einen Blick für Details und meine Traumdatei hat inzwischen einen gewissen Umfang. Zusammenhänge, an die ich mich direkt nach dem Aufwachen erinnere, vergesse ich zwar schnell, aber was länger hängenbleibt, sind konkrete einzelne Bilder. Einmal, neulich erst, tauchte ganz plötzlich die japanische Nationalflagge auf. Vor Monaten versuchte ich im Traum, ein vollständiges, großes, menschliches Skelett die Toilette herunter zu spülen, und, obwohl mich jemand dabei unterstützte, hatte mein Bemühen keinen Erfolg.
Natürlich war ich fasziniert von dem Absatz, der sich auf der Rückseite des Plattencovers von Jon Hassells „Dream Theory in Malaya“ findet:
Dream Theory in Malaya is titled after a paper by visionary anthropologist, Kilton Stewart, who in 1935 visited a remarkable highland tribe of Malaysian aborigines, the Senoi, whose happiness and well-being were linked to their morning custom of family dream-telling—where a child’s fearful dream of falling was praised as a gift to learn to fly the next night and where a dream-song or dance was taught to a neighboring tribe to create a common bond beyond differences of custom.
Einen Bericht über seine Erfahrungen mit den Senoi hat Kilton Stewart in dem von Charles T. Tart herausgegebenen Buch „Altered States of Conscoiusness“ (1969) veröffentlicht. Es etablierte sich die Vorstellung eines Naturvolkes, das sich jeden Morgen in Gruppen zusammensetzt, einander die Träume der Nacht erzählt und sich gemeinsam damit beschäftigt. Dieses Ritual soll mit der Gewaltlosigkeit des Volkes im Zusammenhang stehen. Der Essay von Kilton Stewart „Dream Theory in Malaya“ findet sich hier. Kilton Stewart hatte die Senoi nicht selbst entdeckt, sondern zunächst seinen britischen Kollegen Pat Noon begleitet, der eine Senoi-Frau geheiratet hatte und plötzlich spurlos verschwand, bis er ermordet aufgefunden wurde, mehr dazu hier.
Nun las ich in einem Essay von Charles T. Tart in dem faszinierenden Vortrags-Sammelband „Wir wissen mehr als unser Gehirn“, Kilton Stewarts Bericht über die Senoi sei nicht als echte ethnologische Studie zu verstehen, und dann steht da der ernüchternde Satz: „Es hat nie Menschen gegeben, die all diese Dinge wirklich getan haben.“ Belegt wird dies mit einem Buch (1985) und einem Aufsatz (1991) von G.W. Domhoff. Jon Hassells Album „Dream Theory in Malaya“ kam im Jahr 1981 in die Plattenläden. Jon Hassel war doch vor Ort und ich dachte, er hätte einige Zeit mit den Senoi verbracht und in meiner Vorstellung hatte er sogar am morgendlichen Zusammensitzen und den Gesprächen über Träume teilgenommen. Nach dem, was ich als Ernüchtung erlebte, fährt Charles T. Tart fort: „Und dennoch hat dies seine `Wahrheit´ insofern, als es funktioniert, wenn man solche Dinge glaubt und sie ausprobiert.“ Jon Hassell hatte daran geglaubt. Mich hat der Gedanke der gemeinschaftlichen morgendlichen Traumbesprechung als Ritual so fasziniert, dass ich ihn in eines meiner im Blocksatz gesetzten Gedichte in meinem Band „Häuser, komplett aus Licht“ eingebaut und auch als respektvollen Hinweis auf das Hassell-Album den fiktiven Ort „Malay“ eingebracht habe: „Ein Langzeitseminar zur Traumtheorie in Malay. Morgens saßen wir im Patio, alle im Stuhlkreis, und lasen einander unsere während der Nacht dahingekritzelten Notizen vor. Es gibt kein Geheimnis.“ Diese Sätze skizzieren, wie vieles in meinen Gedichten, eine Art feinstoffliche Parallelwelt zu dem, was Charles T. Tart unser Konsens-Bewusstsein nennt. Ein imaginärer Raum wird erzeugt, und niemand weiß, ob und wo es ihn gibt.Einzig der gemeinsame Moment würde zählen
Bereits zwei Jahre nach seinem Prosadebüt, der Novelle „Daniels Hang“, legte David Emling im Frühjahr 2024 einen Erzählband vor: „Letzter Gruß durchs blinde Fenster“, erschienen im noch recht jungen Verlag kul-ja! Publishing. Während „Daniels Hang“ das Leben des Protagonisten über einem Zeitraum von sechs bis sieben Jahren begleitet, bis er etwa Mitte Dreißig ist (hier schrieb ich darüber unter dem Titel „Lebensträume“), lotet David Emling in den zwölf Erzählungen seines zweiten Buches seine Fähigkeiten als Autor weiter aus, indem er Perspektiven verschiedener Personen unterschiedlichen Alters einnimmt und seine Figuren vor ihre ganz eigenen Herausforderungen stellt. Das ehrgeizige Lebensziel von Daniel in David Emlings Debüt hatte darin bestanden, Texte über philosophischen Themen zu schreiben und zu veröffentlichen, um anderen damit zu beweisen, dass er über die Welt nachdenken konnte; dieses Ziel verwarf Daniel am Ende der Novelle und setzte als neue Priorität die Familie, die er inzwischen gegründet hatte. Es ist der Grundgedanke vom Wert des Familienlebens oder dem Leben als Paar, also einer Gemeinschaft, der die Erzählungen von David Emlings zweitem Buch wie einen roten Faden durchzieht. Alle Erzählungen handeln von Menschen, die ein „normales Leben“ führen, und, wie es in „Letzter Gruß“ heißt, „genau das und nur das wollten“, auch wenn es natürlich in den Geschichten selbst in der erwünschten Harmonie nicht gelingt, sonst gäbe es ja nichts zu erzählen.
Jeder Text ist auf seine Art fein komponiert, erzeugt beim Lesen sofort einen Sog und große Empathie für die Figuren. Vom Aufbau her folgen die Stories dem klassischen Schema; in einem Gespräch mit mir über Richard Fords Roman „Der Sportreporter“ im Oktober 2017 sagte David Emling, wenn schon das Leben unvorhersehbar sei, solle wenigstens die Erzählstruktur eines Textes verlässlich sein. Nur die Erzählung um ein kleines, ganz besonderes italienisches Restaurant („Kleiner Platz“) durchbricht diese verlässliche Struktur und spiegelt in der Raffinesse ihres Aufbaus einen Gedanken aus dem Text: „noch einmal scheint das Leben nur um sie zu kreisen, alles zu verschwimmen“.
Was die beiden Bücher von David Emling verbindet, ist auch das Nachdenken über das Leben der Eltern. Hier zwei Textstellen aus „Letzter Gruß durchs blinde Fenster“:
„Und hier, in dieser Bude mit Anja, dachte er, dass alles geschehen könnte und Leben eine Freiheit barg, die seine Eltern nie gesucht hatten, ja, von der sie wahrscheinlich nie gewusst hatten, dass es sie geben könnte – und dass diese Frau jene Freiheit mit einer Bestimmtheit verkörperte, die ihn völlig einnahm.“ (S. 46)
„Er könnte eigentlich überall abbiegen, einen neuen Weg einschlagen, ob es so anders wäre, sein Leben. Sich trauen, das Neue zu packen, wie es seine Eltern nie getan haben, bis heute nicht, jeden Tag leben, ohne zu hinterfragen. Er weiß, dass sie zufrieden sind, das ist vielleicht das Schmerzhafteste daran – dass sie nicht nach mehr suchen, oder aber, dass er es nicht schafft, in der Normalität etwas zu finden, das ihn glücklich macht.“ (S. 150)
„Nichts hat einen stärkeren psychischen Einfluss auf ein Kind als das ungelebte Leben seiner Eltern.“ Mit diesem Satz weist C.G. Jung darauf hin, dass es oft die unausgesprochenen Themen, Verhaltensweisen und Lebensmuster der Eltern sind, die das Verhalten ihrer Kinder prägen. David Emling führt in seinen Erzählungen immer wieder Figuren vor, die sich in ihrer Verunsicherung und ihrer Unzufriedenheit auf vermeintlich aufregende Menschen einlassen, dann aber Grenzen ziehen, weil sie irgendwann spüren, dass ihnen das, worauf sie sich eingelassen haben, nicht gut tut. Aus der Erzählung „Progesteron“: „Sie sah ihn an und erkannte etwas.“ (S. 131). Das ist für mich eine der stärksten Stellen des Buches. Wie nebenbei zieht die Frau hier eine endgültige Grenze und befreit sich aus einer toxischen Beziehung. Man lernt jemanden kennen, aber immer dauert es, bis man jemanden einschätzen kann. Vielleicht hat man erst ein seltsames Gefühl, kann es aber für sich nicht begründen. Dann: eine Geste, eine Mimik, ein Satz. Es genügt die Art, wie etwas gesagt wird. Die Erkenntnis, um die es hier geht, ist ein Schock, und es ändert alles.
Letztlich scheinen David Emlings Figuren, wie manche ihrer Eltern, zwar äußerlich in einem „normalen Leben“ anzukommen, aber sie haben andere Lebenskonzepte kennengelernt und für sich abgelehnt. Genau das macht den Unterschied aus. Bemerkenswert ist noch, dass uns David Emling in seinen Erzählungen auf eine sehr rührende Weise Väter vorführt, die wirklich für ihre Kinder da sein wollen. Ein sehr gelungenes, wundervolles Buch!

Der Heilige Geist
Der junge Musikjournalist Ivan sitzt im Redaktionsbüro. Seinen etwas eigenwilligen Text will der Redakteur nicht ins Magazin aufnehmen, aber er bekommt den Auftrag, einen Artikel über Albert Ayler zu schreiben. Drei Seiten. Bis Sonntag. In dem Kurzfilm „Workation“ (Originaltitel „les tracances“) sind verschiedene Zeitspannen ineinander und miteinander verschachtelt und kunstvoll verwoben: Die Zeit, die Ivan auf dem Land verbringt, die Zeit mit der jungen Lehrerin und ihrem dreizehn Monate alten Sohn, die Zeit, die es braucht, um jemanden einzuschätzen, die Zeit, um eine Entscheidungen zu treffen. Und dann erzählt die Mutter seines Freundes eine Geschichte aus ihrem Leben, die ihre Kinder noch nicht kannten und bei der es auch um eine große Hoffnung geht und auch hier spielt die Zeit eine Rolle. So etwas kann man nicht erfinden, sagt Regisseur Victor Boyer im Interview. Ein sehr französischer Kurzfilm in sommerlicher Landschaft, mit gutem Essen, verstohlenen Blicken und trotzdem ohne Klischees. Die Bildsprache ist fein komponiert. Ein Beispiel, ohne zu viel zu verraten: Ivan steht während des Abspanns so auf der Schwelle zum Balkon, dass sich seine Körper in der Glastür spiegelt. Es ist die Zeit der Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten. Dann geht er einen Schritt nach vorn und betritt den Balkon. Sein Spiegelbild ist nun nicht mehr sichtbar. Er hat seine Entscheidung getroffen. Es macht die Stärke des Films aus, dass diese Entscheidung so oder so ausfallen kann. Durch den Film zieht sich ein Statement zur Technik: Technische Geräte werden entweder nicht eingesetzt, obwohl es sinnvoll oder üblich wäre, oder sie erfüllen nicht ihren Zweck und bauen Druck auf. „Workation“ ist ein überzeugender Independentfilm, bei dessen Dreh auch kleine ungeplante und nicht planbare Dinge passierten, die nicht korrigiert wurden, was durchaus seinen Reiz hat und zusätzliche Momente der Authentizität einbringt.
Link zum Film.
Dauer: 46 Minuten, verfügbar bis 22. März 2026
Interview mit Victor Boyer (Drehbuch, Regie, Produktion)Jenseits der Sprache und jenseits von Newtons Koordinaten
In der Kurzbiographie auf dem Klappentext wird er als einer der bekanntesten unbekannten Kultautoren aller Zeiten bezeichnet: Carlos Castaneda. Der Name ist mir in Büchern von Jürgen Ploog begegnet. In „Facts of Fiction“, einer prägnanten Sammlung von Essays zu Literatur, skizziert Ploog Castaneda als jemanden, der gegen die Wurzel der Grausamkeiten der Zivilisation antritt: gegen Mechanismen, die die innere Entwicklung ignorieren. Beim Hineinlesen in Bücher von Castaneda hatte ich bislang keinen Zugang gefunden; nun fand ich die Information, dass man die Bücher in einer bestimmten Reihenfolge lesen muss und ich nahm mir das Buch vor, das in dieser Liste als erstes genannt wird: „Das Wirken der Unendlichkeit“. Auf dem Cover schreitet ein Mann mit einem schmal geschnittenem bronzefarbenem Plastik-Overall über eine Ebene aus festem Lehm. Miniaturberge lassen den Mann übergroß wirken. Der Himmel ist von einem irrealen Blau und um den Kopf des Mannes befindet sich eine grell erleuchtete Kugel, ein Strahlen nach innen. Das Bild verdeutlicht, dass uns eine Welt jenseits des bekannten Zugangs erwartet. Zu Beginn des Buches ist Carlos Castaneda ein ehrgeiziger Student der Anthropologie, der sich für seine Doktorarbeit auf Indianer Mexikos spezialisieren will und dafür eine Feldforschung plant, von der ihm jedoch alle, die er nach ihrer Meinung fragt, dringend abraten. Auf einem staubigen Busbahnhof in Arizona trifft Castaneda auf Don Juan, einen unscheinbaren, schäbig angezogenen Mann. Don Juan ist ein mexikanischer Schamane, der sich dazu entschieden hat, Castaneda in die Kunst des Schamanentums einzuweihen, weil er in ihm seinen Nachfolger sieht. Das Buch besteht aus Begegnungen und Gesprächen der beiden Männer und aus Erzählungen Castanedas. Don Juan stellt Castaneda Aufgaben für seine spirituelle Entwicklung und Castaneda erweitert seinen Blick und seine Erkenntnis der Welt: jenseits der Syntax unserer Sprache, jenseits des Sichtbaren und jenseits unserer Vorstellungen von Raum und Zeit hin ins Unendliche, ins dunkle Meer des Bewusstseins und bis zum anorganischen Bewusstsein; er reflektiert sein Leben unter verschiedenen Aspekten, wozu die wichtigen Begegnungen gehören oder die Menschen, bei denen er sich für etwas Entscheidendes noch nicht bedankt hat. Geschichten aus Castanedas Leben ziehen sich durch das Buch, besonders ergreifend darunter die Geschichten aus der Kindheit. Castaneda erfährt, welche Arten von Bewusstsein es gibt, er erfährt von der Existenz von Doppelgängern, der Wahrnehmung von Energie, leuchtenden Fasern, flüchtigen Schatten, Montagepunkten und davon, wie Raubwesen uns gefangen nehmen und was wir dem entgegenstellen können. „Das Wirken der Unendlichkeit“ ist anschaulich und lebendig geschrieben; es scheint mir für den Einstieg in die Welt des Carlos Castaneda hervorragend geeignet. Nicht alle, aber einige Aufgaben, die Don Juan seinem Schüler stellt, eignen sich auch für Personen, die nicht Schamanen, Zauberer oder Magier werden wollen; sie stammen zum Teil aus dem Pool von Kreativitätstechniken und einige Sichtweisen sind mit dem Denken des Yoga verwandt. Das Buch endet mit einer unerwarteten Begegnung und einer schönen Definition von Freundschaft: Ein Freund ist jemand, der durch die Maske hindurchsieht, die man trägt, und der weiß, woher man kommt.
Literatur entdecken, die berührt
Vor ein paar Tagen erschien auf der Lyrik-Onlineplattform signaturen-magazin.de ein Interview, das Elke Barker mit mir geführt hat: über Hintergründe der von mir herausgegebenen Anthologie „20 Jahre Literaturwerkstatt in Darmstadt“, die Arbeitsweise im Seminar, Herausforderungen und schöne Momente, was mir das Seminar persönlich bedeutet und einiges mehr. Hier ist der Link.