Mentha piperita
Als Kind habe ich viel Pfefferminztee getrunken, ohne dass es dafür einen besonderen Grund gegeben hätte. Meine Mutter hielt diesen Tee wahrscheinlich für kindgerecht und so übergoss sie regelmäßig für ihre Kinder mehrere Teebeutel in einem dunkelbraunen oder gelben Krug. Später geriet die Pfefferminze bei mir völlig in Vergessenheit, und selbst in der Zeit, als ich mehr als 40 Teesorten hatte, war die Minze nicht dabei. Ein Comeback gab es auch viele Jahre später nicht, als ich, endlich mit einem Balkon ausgestattet, gelegentlich Minz-Pflänzchen kaufte, um die Blätter für Salate oder Taboulé zu verwenden. In diesem Frühjahr habe ich wieder eine Minz-Pflanze gekauft. Als es noch kalt war, bereitete ich mir abends gelegentlich ein Heißgetränk aus frischem, klein geschnittenem Ingwer zu, mit Zitronensaft, Honig und ein paar – oder auch ein paar – mehr Minzblättern. Dann erntete ich einige Wochen lang nichts. Die Pflanze bekam einen größeren Topf, sie wuchs und trieb aus und bekam die Gestalt eines kleinen Busches. Sie steht auf dem Balkon: hell, aber im Schatten. Wahrscheinlich ist das optimal. In der Zeit der großen Hitze habe ich hauptsächlich Mineralwasser getrunken. Erst gestern kam ich auf die Idee, den Strauch für einen Eistee zu verwenden. Hier das Rezept: Eine Menge frischer Minzblätter je nach Geschmack in eine Teekanne füllen. Der Tee muss deutlich stärker sein, als wenn man ihn pur trinken würde. Sechs Minuten ziehen lassen. Dann mit Eiswürfeln schockgefrieren. Je nach Teemenge ein (das wäre eine kleine Menge Eistee) bis zwei (das wäre für mehrere Tassen Eistee) Kästchen Eiswürfel, jedenfalls muss der Tee nach dem Zufügen des Eises so richtig kalt sein. Limettensaft zufügen (Zitronensaft geht auch). Zum Süßen Agavendicksaft oder Honig verwenden oder auch Zucker. Damit der Honig bzw. Zucker sich auflöst, darf der Tee beim Zufügen noch nicht kalt sein. Sehr erfrischend, diese Neuinterpretation eines Getränks aus Kindertagen.
Aktives Träumen
Seit ich in diesem Frühjahr wieder einmal angefangen habe, meine Traumerinnerungen aufzuschreiben, hat sich etwas entwickelt, was ich nie für möglich gehalten hätte. Glückliche Fügungen, Synchronizität oder Serendipity haben mich zu einem Buch geführt, dem ich diese Erfahrungen verdanke.
Bisher bin ich davon ausgegangen, dass ich meinen Träumen im Prinzip passiv ausgesetzt oder sogar ausgeliefert bin. Wie ich inzwischen las, entspricht dies der Auffassung von C.G. Jung, für den der Traum dem Einfluss des Bewusstseins entzogen war. Auch meine Begegnung mit den Traumritualen der Senoi auf der Rückseite des Plattencovers von Jon Hassels Album „Dream Theory in Malaya“ hatte daran nichts geändert. Dann entdeckte ich im Sammelband „Der Wissenschaftler und das Irrationale“ aus dem Jahr 1981, herausgegeben von Hans Peter Duerr, einen Beitrag von Werner Zurfluh, der seit seinem 23. Lebensjahr regelmäßig Aufzeichnungen über Träume, luzide Träume und außerkörperliche Erfahrungen angefertigt hatte. Mich begeisterte Werner Zurfluhs Ausdauer, Konsequenz und das zeitliche Engagement für seine, wie er es nennt, „Forschungen im nächtlichen Bereich“, und insbesondere faszinierte mich ein im Beitrag geschilderter Traum, der seinen beruflichen Plänen eine neue Richtung gab, die er zeitlich mit seiner Familie und seiner Traumwelt vereinbaren konnte. Mehrmals erwähnte Werner Zurfluh ein Buch von Patricia Garfield, das er mitübersetzt hatte und das im Jahr 1980 im Schweizer Ansata Verlag erschienen war: „Kreativ träumen“. Dieses Buch war für mich der Durchbruch zu einem aktiven Umgang mit Träumen. Es ist eine ausgezeichnete Anleitung, Träume gezielt zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit einzusetzen. Die englische Originalfassung erschien im Jahr 1974 unter dem Titel „Creative Dreaming“.
Patricia Garfield erzählt anschaulich von Kulturen, in denen Träume einen entscheidenden Stellenwert einnehmen: von den amerikanischen Indianern, bei denen Träume über den Platz einer Person in der Gesellschaft entscheiden, den Senoi, die ihre Kinder beispielsweise lehrten, Traumfeinde anzugreifen und Traumfiguren zu Hilfe zu rufen, und tibetischen, wachbewusst träumenden Yogis. Patricia Garfield erklärt, was wir von diesen Traumkulturen lernen können, wie man ein Traumtagebuch führt, Traumerinnerung fördert und Alpträume bekämpft. Sehr hilfreich für die Traumerinnerung war für mich der Tipp, nach dem Aufwachen die Augen geschlossen zu halten, mich nicht zu bewegen, mich auf das zuletzt erinnerte Bild des Traums zu konzentrieren und dann möglichst den kompletten Traum ins Bewusstsein zu rufen, um ihn aufzuschreiben. Patricia Garfield rät, jedem Traum einen Titel zu geben. Als ich mir überlegte, mit welchem Stift ich die Überschriften schreibe, denn ich wollte sie optisch abheben, erhielt ich ein Päckchen einer Freundin, das einen wunderbaren bronzefarben-metallischen Stift enthielt.
Auf jeder Seite ist spürbar, dass „Kreativ träumen“ für die Autorin ein Herzensprojekt ist. Das Buch ist sorgfältig recherchiert, hat 15 Seiten wissenschaftlicher Anmerkungen und ein fünfseitiges Literaturverzeichnis. Patricia Garfield schreibt ermutigend und praxisnah; immer wieder bringt sie eigene Erfahrungen und solche aus ihren Seminaren ein, auch Forschungen, die erstaunliche Zusammenhänge zeigen. Beispielsweise dauert eine Geburt kürzer, wenn sich die Schwangere in ihren Träumen mit den Ängsten der bevorstehenden Gebärsituation auseinandergesetzt hat.
Hat man erst einmal ein paar Dutzend Träume aufgeschrieben, kristallisieren sich wiederkehrende Themen, Motive, Traumorte und Verhaltensweisen des Träumenden heraus, auch in Variationen. Dann kann die Phase der Reflexion, Bearbeitung und Gestaltung der Träume beginnen. Patricia Garfield schreibt: „Nehmen wir einmal an, dass Sie sich an Ihre Träume schon ziemlich gut erinnern können (…). Dann können Sie (…) auch damit beginnen, sie zu gestalten. Wie ein Bildhauer mit seinem Ton arbeitet, formen Sie Ihre Träume nun so, dass sie Ihnen statt Terror und Wirrwarr aktive Hilfe bringen.“ Und an anderer Stelle: „Ihre Träume zu ändern, gibt Ihnen mehr Macht über Ihr innerseelisches Leben und überträgt sich schließlich auch auf Ihr Verhalten im Alltag.“ Zur eigenen Beeinflussung der Träume gibt die Autorin zahlreiche Anregungen. Wie man die Bearbeitung der eigenen Träume umsetzt? Zum Beispiel wünscht man sich etwas und fasst den Wunsch in konkrete Worte. Ich habe mir kräftige Farben im Traum gewünscht, Naturerfahrungen, ungesehene, eindringliche Bilder, Ratschläge, Traumfreunde (also Personen, die mich unterstützen). Ich habe mir auch gewünscht, dass einmal in einem meiner Träume Essen geteilt wird. Bisher konnte ich mich nicht daran erinnern, dass jemals in einem meiner Träume gegessen wurde. (Patricia Garfield findet das gemeinsame Essen im Traum wichtig.) Alles hat sich umgesetzt! Eine andere Technik, die eigenen Träume zu beeinflussen, besteht darin, sich einen Traum vor Augen zu führen und sich statt eines eigenen, unerwünschten Verhaltens ein anderes, erwünschtes Verhalten vorzustellen. Im Traum üben wir nämlich Verhaltensweisen ein, die unser Leben außerhalb des Traums beeinflussen. Deshalb ist es so wichtig, sich im Traum zu behaupten, zum Beispiel gegen Angreifer. Der Gegenangriff aktiviert innere Kräfte, die man dann in den nächsten Tag mitnimmt. Patricia Garfield erklärt, wie man mit Traumbildern, Traumfiguren und Aussagen als Teil des Unbewussten in einen Dialog treten kann. Das Buch enthält auch einiges über luzide Träume, also solche Träume, in denen sich der Träumende der Traumsituation bewusst ist und das Geschehen bestimmt, vor allem Flugträume werden besprochen. Luzide Träume sind für Patricia Garfield Höhepunkte der Selbstentfaltung und der Selbstbestimmung im Traum.
Ein weiteres Buch von Patricia Garfield, „Der Weg des Traum-Mandala“, beginnt so: „Eine stille Entwicklung findet in unserer Seele statt. Fast unmerklich wandeln wir uns allmählich Traum für Traum im Dunkel der Nacht zum neuen Selbst, das wir morgen sein werden.“ Diese Veränderung passiert zwar unabhängig davon, ob wir uns an unsere Träume erinnern. Die Erinnerungen an unsere Träume und der aktive Umgang damit bereichert unser Leben jedoch um eine weitere Dimension und hat das Potenzial, Verhaltensweisen in gewünschte Richtungen zu verändern und unsere Persönlichkeit bewusst und in einer höheren Geschwindigkeit als ohne Traumerinnerung zu entwickeln und zu stärken.
Die Herkunftsgeschichte neu erzählen und sich befreien
Ein Jahr nach ihrem Erzählband „Manchmal das Glück“ erschien von Ulrike Sabine Maier im Herbst 2025 der erste Roman: „Hinter tausend Stäben“ (Edition Federleicht). Beide Bücher thematisieren belastende Einflüsse durch das persönliche Umfeld und die Vergangenheit. Erinnerungen, die weiterwirken, obwohl man lieber mit ihnen abgeschlossen hätte. Im Roman spielt die Familiengeschichte über drei Frauengenerationen und Prägungen durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle. Der Roman beginnt mit einer Schlüsselszene im Jahr 1965. Die 28-jährige Luise, schwanger mit Zwillingen, besucht ihre fast 50-jährige Mutter Inge, die in einem Krankenhaus im Sterben liegt. Vorwürfe, Fremdsein, Wut und Aggressionen kreuzen sich im Raum. Dabei fällt auf: Die Mutter schleudert ihre Gedanken wie Steine, Luise hingegen denkt sich meist ihren Teil. Nur von anderen hat sie etwas über die Mutter erfahren, sie selbst hatte nie das Gefühl, auch nur eine Mutter gehabt zu haben. Als Luise das Krankenhaus verlässt, spürt sie, dass die Geschichte ihrer Mutter für sie nicht zu Ende erzählt ist. Und doch fängt sie erst ein halbes Jahrhundert später damit an, die Vergangenheit ihrer Mutter aufzuarbeiten. Sie befragt Überlebende, durchforstet Urkunden, Briefe und Fotografien, sie reist nach Dresden und stellt sich ihren eigenen Erinnerungen.
Wie ich von Ulrike Sabine Maier weiß, kennt sie die Frau, auf der die Romanfigur Luise basiert. Die Romanautorin entwickelt also stellvertretend für die Person, die hinter der Romanfigur Luise steckt, eine fiktive, aber auf Recherchen beruhende Familiengeschichte mit dem zeitlichen Schwerpunkt von 1922 bis 1947. Zu Beginn ist Luises Mutter Inge sechs Jahre alt, freiheitsbedürftig, ehrgeizig, unangepasst und sehr intelligent; ihre Eltern betreiben das Palasthotel in Dresden. In anschaulicher, bildreicher und poetischer Sprache schildert Ulrike Sabine Maier in charakteristischen Szenen das Leben von Inge und, später hinzukommend, Luises Kindheit; dazwischengeflochten werden Passagen aus dem Jahr 2016 mit Luise. Nach einer Kindheit mit Schulwechseln und Internaten studiert Inge Medizin, sie engagiert sich im Widerstand, zieht nach München und lernt die Mitglieder der Weißen Rose kennen. Gleichzeitig ist sie mit der vom NS-Regime geförderten Pianistin Elly Ney und deren Tochter eng befreundet. Während der Diktatur geht es auf vielen Bereichen um Leben und Tod, auch wenn Inge als Ärztin plötzlich Gelbe Zettel ausfüllen soll. In Alltagsgesprächen, selbst in Freundschaften, stellt sich die Frage, wem gegenüber man die eigene Meinung andeuten kann. Inge ist eine vielschichtige und zerrissene Persönlichkeit; sie ist auch selbst, wie mehrfach angedeutet wird, psychisch krank. Luise ist ein ungewolltes Kind, und das hat sich ihr eingebrannt: Sie wird hin und her geschoben, mal ins Kinderheim, dann zu den Eltern des Vaters, die sie zwar versorgen, aber nicht akzeptieren. Luise macht immer wieder die Erfahrung, nicht gesehen zu werden, nicht bei ihrem Namen genannt zu werden, also keinen Namen zu haben, bei der Aufnahme eines Familienfotos beiseite gestellt zu werden, weil der Vater, der von der Mutter geschieden ist, eine neue Familie gegründet hat, und sie, Luise, neben der richtigen Familie nicht existieren sollte.
Motive durchziehen das Buch wie leuchtende Fasern: Die rote Wut oder auch das Tier im Menschen, ein Charaktermerkmal als Familienerbe. Formen des Lächelns. Die Fähigkeit, durch Wände zu gehen. Kopflose Engel. Der Geruch nach Rosmarin. Auch der Panther im Zoo. Der Titel des Romans ist einer Zeile aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Panther“, das um die Gefangenschaft des Raubtiers in einem engen Käfig kreist, entnommen.
Mich hat die Figur des Kriegskinds Luise (Jahrgang 1937) am meisten berührt. Ulrike Sabine Maier gelingt es, die kindliche Welt in jeder Altersstufe in angemessener Sprache zu transportieren. Zu den stärksten Szenen des Romans zählen für mich die, als Luise nach Ende des Krieges zum ersten Mal mit ihrer Mutter zusammenwohnt und ihr, die von Krankheit, Hunger und gebrochenem Herzen daniederliegt, tapfer eine Suppe bringt. Dann darf sie ein Gemälde des Nachbarn, der Künstler ist, betrachten. Sofort erkennt sie die Mutter darin, im Schwarz, und außen herum brennende Häuser kurz nach den Bomben. Dann negiert sie ihre Erfahrung, aus Scham, sie lacht und sagt, es sind doch nur Farben auf einer weißen Wand.
In der Zeit, in der Luise ihre Herkunftsgeschichte aufarbeitet, sind ihre beiden Töchter 50 Jahre alt. Als Generation der Kriegsenkel (Jahrgang 1966) spüren auch sie die Last des Familientraumas. „Wir sind nicht so, wie du es dir wünschst“, sagt Anna ganz ruhig. „Und da ist eine Leere, bei dir, bei mir, bei Susanne, die ich nicht erklären kann. Wie du selber sagst: Es fehlen Teile! In uns!“
Während des Zweiten Weltkriegs hat man Kindern oftmals vermittelt, dass sie keine Probleme haben und dass andere Menschen wichtiger sind als sie. Die Kinder hatten still zu sein und zu funktionieren. Ehemalige Kriegskinder wurden häufig als unauffällig und angepasst beschrieben. Das schreibt Luise Reddemann in ihrem Buch über Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie. Die Beschäftigung mit der traumatischen Belastung der Kriegskinder und Kriegsenkel war, so Reddemann, nach der Jahrtausendwende noch neu und ungewöhnlich und erst ab dem Jahr 2013 war einiges an Forschung in Gang gekommen.
Im Roman findet Luise doch etwas, was sie mit ihrer Mutter teilt. Da ist das Trauma, um das die Amerikanerin Jennifer die beiden sogar beneidet. Die Beobachtungsgabe, die Abenteuerlust. Und Mut, denn den braucht es, um sich intensiv mit einer schwierigen Familiengeschichte zu befassen. Am Ende des Romans haben sich die starren „Skulpturen der Erinnerung“ aufgelöst und eine neue Gestalt bekommen.
Ulrike Sabine Maier zeigt in ihrem hervorragend recherchierten, sorgsam gestalteten und auch gesellschaftlich wichtigen Roman: Das biologische Erbe jedes einzelnen Menschen schließt zwar die psychische Verfassung seiner Vorfahren mit ein. Die eigene Familiengeschichte legt jedoch nichts fest und sie definiert keinesfalls ein inneres Skript für den Lebensweg eines Menschen. Es ist nicht leicht, aber es ist möglich, die eigenen Erinnerungen zu bearbeiten, neu zu formieren und sich zu befreien.
Lesung der Literaturwerkstatt in Darmstadt am 25. April 2026

Ich bin dabei, eine Lesereihe mit Lesungen meiner Literaturwerkstatt in Darmstadt, die seit Februar 2005 besteht, zu gründen. Nachdem im April ’25 sechsundzwanzig Autorinnen und Autoren zur Präsentation der von mir herausgegebenen Anthologie „Und man hört sie doch. 20 Jahre Literaturwerkstatt in Darmstadt“ (hochroth Heidelberg) angereist sind, um ihre Texte zu lesen, sollen nun einmal im Jahr die Autorinnen und Autoren meines Seminars die Möglichkeit erhalten, ihre Texte in einem großen Saal mit wunderbarer Akustik und einer verzierten Glasfensterfront zu präsentieren. Von der Entwicklung des Konzepts im vergangenen Sommer bis zur Veranstaltung gab es ungezählte Stunden an Vorbereitung mit unerwarteten Herausforderungen, detaillierten Absprachen und einigen Treffen. Am kommenden Samstag findet die erste Lesung der geplanten Lesereihe nun statt.
Ulrike Sabine Maier liest zwei Passagen aus ihrem Roman „Hinter tausend Stäben“, der im Herbst 2025 in der Edition Federleicht, Fuldatal, erschien. Drei Zeilen zur Charakterisierung dieses vielschichtigen Werkes entnehme ich der Website der Autorin: „Ein Frauenleben der Extreme und eine Kindheit in dunklen Zeiten. Eine Existenz zwischen Weißer Rose und der Kulturelite des NS-Regimes. Ein Romandebüt, das zeigt: Vergangenheit ist immer auch Gegenwart.“ Sven Buchsteiner verwandelt, wie schon in deinem Lyrikdebüt „Nachhallschatten“ (Edition Federleicht, Fuldatal 2024), in seinen Gedichten existenzielle Situationen in poetische Schnappschüsse. Die Poesie von Lea Matusiak ist cool, verspielt, souverän und gleichzeitig existenziell. Sandra Ade liest nach ihrem Debüt „An manchen Tagen steht die Erde kurz still“ (hochroth Heidelberg, 2025) neue Kürzestgeschichten. Auch in diesen neuen Texten wird spürbar, dass der Einzelne Teil von etwas Größerem ist, was sich seiner Kontrolle entzieht. Elke Barker, deren Erzähldebüt „Und zwischen uns das Meer“ im Jahr 2022 im Frankfurter Axel Dielmann Verlag erschien, präsentiert die Kurzgeschichte „Die Taube“: eine Vater-Tochter-Beziehung, auf die auch zutrifft, was ich im Vorwort zu Elke Barkers Band mit Erzählungen schrieb: „Vertrauen ist unberechenbar. (…) Die Spannung liegt vor allem in der Atmosphäre. (…) vielschichtige Energie des Textes.“ Nach jeder Lesung führe ich ein Gespräch über Hintergründe, Selbstbeschreibungen, Arbeitsmethoden etc.Der Musiker, Alexander Roth, der mehrmals auftritt und fünf Jahre lang Teilnehmer meiner Literaturwerkstatt war, ist Teil der Berliner Independentband „Yoga“, hier der Link zum Album „Amnesie“. Am 25. April spielt er solo und er beschreibt seine Arbeit so: „Für den Auftritt beim Literarischen Abend konzentriere ich mich auf meine Instrumentalstücke, in deren Zentrum der Loop als ästhetisches Prinzip steht. Melancholie aus der Wiederholung des Immergleichen, Warten auf Veränderung, Hoffen auf Befreiung – Motive, die mein musikalisches und literarisches Denken verbinden.“
Ich wollte den Flyer hier in akzeptabler Größe aufnehmen. Um den Inhalt zu lesen, einfach mit den bekannten Tools vergrößern.
Nonplace Urban Field Psyche
Ein Track aus Burnt Friedman & Mohammad Reza Mortazavis EP YEK 2 (Juni 2020), den ich gerade wieder entdeckt habe und auf Endlosschleife hören könnte.
Das noch Unerzählte erzählen!
19. Juni 2012. Alle Sitzplätze im Audimax der Frankfurter Universität sind schon besetzt, und dabei fängt die Veranstaltung erst in 20 Minuten an. Und es kommen immer mehr Leute, meist ältere, die Alexander Kluge hören wollen. Ich war verabredet, ein Freund eines Freundes war aus Karlsruhe angereist. Wir saßen nebeneinander. Die Poetikvorlesungen gibt es als Buch; für mich aber sind die Eindrücke und meine handschriftlichen Notizen wertvoller als es eine geschliffene Fassung der Vorträge je sein könnte. Thema des 19. Juni waren die Wirklichkeitsmassen, die auf ihre Erzählung warten. Alexander Kluge hatte dabei das traditionell Politische im Blick. Was er an Themen nannte, die noch nicht erzählt sind: die gestohlene Revolution in Ägypten, die Feigheit der AKW-Chefs. Erzählen als Kassandratätigkeit. Die unerzählte Realität auf Erzählbarkeit prüfen. / Die Fäden der Rohstoffmassen, die uns umgeben, miteinander verbinden. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Alexander Kluge zeigte Auszüge aus seinen Filmen (zum Beispiel aus „Fünf Leinwände“), er begeisterte sich für Paul Klee, er bezeichnete Walter Benjamins „Passagenwerk“ als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts und er fragte nach der Hauptstadt des 21. Jahrhunderts und brachte den Gedanken ein, es sei eventuell keine Stadt, sondern etwas in den Köpfen der Menschen; er präsentierte ein kaum bekanntes Märchen der Brüder Grimm (Das eigensinnige Kind), und er betonte, die Erzählweise im 21. Jahrhundert könne nicht mehr linear sein, sie müsse gravitativ sein. Wenn ich meine Notizen jetzt wieder lese, wird mir bewusst, dass diese wenigen Stunden im Audimax auf mich und auch auf meine Gedichte eine starke Wirkung hatten. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Die Hauptstadt als etwas in den Köpfen der Menschen. Die Vielfalt und die Unruhe in uns. Zum ersten Mal hörte ich hier von der Verwandtschaft des Rechtsgefühls mit dem Gleichgewichtsgefühl. Als sein zentrales Motiv nannte er: Die Scheidung seiner Eltern zu verhindern. Und wenn ich mich richtig erinnere, ich habe es nicht notiert, sagte er, im Nachhinein sei er sicher, dass er mit den Fähigkeiten, die er entwickelt hatte, die Scheidung seiner Eltern hätte verhindern können. Hieraus spricht die Leidenschaft des Juristen am Diskurs, der Glaube an den Diskurs.
Die Verweigerung des amerikanischen Traums (Teil 5): (k)night moves

„Die heiße Spur“, so lautet der Titel des Films in deutscher Übersetzung und ist damit weit entfernt von der Raffinesse des Originals. „Night Moves“ unter der Regie von Arthur Penn, einer der späten Filme des „New Hollywood“, kam 1975 in die Kinos. Nachtbewegungen, Nachtaktivitäten. Das klingt im Deutschen natürlich auch nicht und vor allem ist nur der Originaltitel in der Lage, die „knight moves“ anklingen zu lassen und so die Filmhandlung in Verbindung mit einem Schachspiel, konkret den Bewegungen des Springers, zu bringen. Moseby, Privatdetektiv in Los Angeles – es dürfte eine der besten Rollen von Gene Hackman gewesen sein –, erhält den Auftrag, die 16-jährige Tochter einer ehemals mittelmäßigen Schauspielerin zu finden und sie zu ihrer Mutter zu bringen. Moseby war früher Football-Spieler; der Beruf des Privatdetektivs genießt nirgendwo Ansehen, ständig fallen Bemerkungen, wie schäbig es sei, sich für Geld in fremde Angelegenheiten einzumischen, was sich auf das Selbstbewusstsein Mosebys auswirkt. Vielleicht findet er im Schachspielen ohne menschlichen Partner eher seine Erfüllung. Im Auto, in Warteposition, hat er immer ein Schachbrett dabei. Während Moseby ein Weltmeister-Schachtournier aus dem Jahr 1922 nachspielt, wird ihm klar, dass der damalige Verlierer etwas übersehen hat und mit drei Zügen seines Springers hätte gewinnen können. „And three little knight moves“, so erklärt er es einer Frau in Florida, die, als er sie antrifft, eine Wollmütze trägt, und die die Mütze irgendwann unter seinen Blicken abstreift, in einer Geste, als würde sie sich entkleiden. Und er ergänzt: „But he didn’t see it. Must have regretted it every day of his life. I know I would have.“ Wie der Schachspieler übersieht auch Moseby so einiges: immer wieder auftauchende Figuren, unangemessene Verhaltensweisen und rätselhafte Zufälle. Er bringt die Elemente nicht zusammen, weil ihm der Knoten, der die Fäden verbindet, fehlt. Denen, die den Film zum ersten Mal schauen, geht es natürlich genauso. Hinzu kommt: Die Bündnisse, die eingegangen werden, wechseln schnell und unvorhersehbar. Scheinbare Ziele sind nicht die wahren. Jederzeit kann alles kippen, die Ungewissheit ist fundamental. „Night Moves“ spiegelt damit auch das Psychogramm einer von Kriegen, Krisen und Attentaten traumatisierten Nation. Das neue Selbstbewusstsein der Frauen macht Männern ihre traditionelle Rolle streitig. Bestimmen geht jetzt nicht mehr, es muss verhandelt werden. Mit Jennifer Warren, Susan Clark und Melanie Griffith geben drei starke Frauen dem Film eine Prägung. Die Dialoge sind ungewöhnlich, raffiniert und von einem klugen Humor. Auch der Zeitgeist mit seinen Interessengebieten spiegelt sich darin. Moseby versucht, die 16-Jährige, die schreiend aus einem Alptraum erwachte, zu trösten, er klopft sanft auf ihr Schulterblatt, und sie sagt:
I like being patted like that. It’s supposed to remind you before you were born, your mother’s heart beating on your back. Do you think you can remember back that far?
Morseby entgegnet: Listen, Delly, I know it doesn’t make much sense when you’re 16, but don’t worry, when you get to be 40, it isn’t any better.
Beide lachen. Die Stimmung hat sich verändert.
In „Night Moves“ scheint trotz des Titels meistens die Sonne, das Licht fällt grell, die Temperaturen sind angenehm, die Autos sperrig und die Musik von Michael Small trägt zur entspannten Stimmung bei. Auch der Filmbusiness spielt eine Rolle und es gibt eine Anspielung auf die Highway-Szene in Hitchcocks „North by Northwest“. Ein optisches Motiv erscheint gelegentlich wieder: geschliffene Gläser in der Größe eines runden Flurspiegels an Fenstern, die den Blick nach außen in einer Verkleinerung zeigen, so dass man in eine Art Beobachtungsposition gerät. Man sieht ein paar Dinge dadurch vielleicht etwas anders, aber wirklich hilfreich ist diese Technik nicht. Dies kann man auch als Kommentar zur Rolle des Privatdetektivs lesen, jedenfalls in diesem Film.
Dream Theory in Malay
In der zweiten Hälfte der 90er habe ich damit angefangen, ein Traumtagebuch zu führen. Ich hatte auf einer Reise durch Irland mit dem Wohnmobil ein paar dunkelgelbe Notizhefte gekauft und schrieb „Traumfetzen“ auf die Vorderseite. Eben habe ich in diesen Heften geblättert. Damals erinnerte ich mich teilweise an vollständige Traumgeschichten. Was ich las, ist faszinierend archaisch und voller Gewalt. Es hatte viel mit meinem damaligen Leben zu tun, und es ging weit darüber hinaus. Jahrzehnte später würde ich sagen, dass die Äußerungen aus meinen Träumen aus einer Sphäre kommen, die transpersonal ist und wahrscheinlich damit verknüpft sind, was C.G. Jung als das „Selbst“ bezeichnet hat. Ich fand es damals anstrengend, Erinnerungen an Träume zu notieren und auch noch darüber nachzudenken, was sie bedeuten könnten. Ich hörte nach einigen Monaten auch damit auf, und fing acht Jahre später wieder damit an. Auch damals blieb ich nicht dauerhaft dabei. Für die Fortsetzung meiner Notizen habe ich eine Datei im Notebook angelegt. Auch wenn direkt nach dem Aufwachen hanschriftliche Notizen empfohlen werden, ist die Datei für mich der Gamechanger; dank eines Kurses zu Studienbeginn tippe ich ziemlich schnell. Ich weiß inzwischen auch, dass es darum geht, auf Gefühle und Stimmungen im Traum zu achten, ich habe einen Blick für Details und meine Traumdatei hat inzwischen einen gewissen Umfang. Zusammenhänge, an die ich mich direkt nach dem Aufwachen erinnere, vergesse ich zwar schnell, aber was länger hängenbleibt, sind konkrete einzelne Bilder. Einmal, neulich erst, tauchte ganz plötzlich die japanische Nationalflagge auf. Vor Monaten versuchte ich im Traum, ein vollständiges, großes, menschliches Skelett die Toilette herunter zu spülen, und, obwohl mich jemand dabei unterstützte, hatte mein Bemühen keinen Erfolg.
Natürlich war ich fasziniert von dem Absatz, der sich auf der Rückseite des Plattencovers von Jon Hassells „Dream Theory in Malaya“ findet:
Dream Theory in Malaya is titled after a paper by visionary anthropologist, Kilton Stewart, who in 1935 visited a remarkable highland tribe of Malaysian aborigines, the Senoi, whose happiness and well-being were linked to their morning custom of family dream-telling—where a child’s fearful dream of falling was praised as a gift to learn to fly the next night and where a dream-song or dance was taught to a neighboring tribe to create a common bond beyond differences of custom.
Einen Bericht über seine Erfahrungen mit den Senoi hat Kilton Stewart in dem von Charles T. Tart herausgegebenen Buch „Altered States of Conscoiusness“ (1969) veröffentlicht. Es etablierte sich die Vorstellung eines Naturvolkes, das sich jeden Morgen in Gruppen zusammensetzt, einander die Träume der Nacht erzählt und sich gemeinsam damit beschäftigt. Dieses Ritual soll mit der Gewaltlosigkeit des Volkes im Zusammenhang stehen. Der Essay von Kilton Stewart „Dream Theory in Malaya“ findet sich hier. Kilton Stewart hatte die Senoi nicht selbst entdeckt, sondern zunächst seinen britischen Kollegen Pat Noon begleitet, der eine Senoi-Frau geheiratet hatte und plötzlich spurlos verschwand, bis er ermordet aufgefunden wurde, mehr dazu hier.
Nun las ich in einem Essay von Charles T. Tart in dem faszinierenden Vortrags-Sammelband „Wir wissen mehr als unser Gehirn“, Kilton Stewarts Bericht über die Senoi sei nicht als echte ethnologische Studie zu verstehen, und dann steht da der ernüchternde Satz: „Es hat nie Menschen gegeben, die all diese Dinge wirklich getan haben.“ Belegt wird dies mit einem Buch (1985) und einem Aufsatz (1991) von G.W. Domhoff. Jon Hassells Album „Dream Theory in Malaya“ kam im Jahr 1981 in die Plattenläden. Jon Hassel war doch vor Ort und ich dachte, er hätte einige Zeit mit den Senoi verbracht und in meiner Vorstellung hatte er sogar am morgendlichen Zusammensitzen und den Gesprächen über Träume teilgenommen. Nach dem, was ich als Ernüchtung erlebte, fährt Charles T. Tart fort: „Und dennoch hat dies seine `Wahrheit´ insofern, als es funktioniert, wenn man solche Dinge glaubt und sie ausprobiert.“ Jon Hassell hatte daran geglaubt. Mich hat der Gedanke der gemeinschaftlichen morgendlichen Traumbesprechung als Ritual so fasziniert, dass ich ihn in eines meiner im Blocksatz gesetzten Gedichte in meinem Band „Häuser, komplett aus Licht“ eingebaut und auch als respektvollen Hinweis auf das Hassell-Album den fiktiven Ort „Malay“ eingebracht habe: „Ein Langzeitseminar zur Traumtheorie in Malay. Morgens saßen wir im Patio, alle im Stuhlkreis, und lasen einander unsere während der Nacht dahingekritzelten Notizen vor. Es gibt kein Geheimnis.“ Diese Sätze skizzieren, wie vieles in meinen Gedichten, eine Art feinstoffliche Parallelwelt zu dem, was Charles T. Tart unser Konsens-Bewusstsein nennt. Ein imaginärer Raum wird erzeugt, und niemand weiß, ob und wo es ihn gibt.Einzig der gemeinsame Moment würde zählen
Bereits zwei Jahre nach seinem Prosadebüt, der Novelle „Daniels Hang“, legte David Emling im Frühjahr 2024 einen Erzählband vor: „Letzter Gruß durchs blinde Fenster“, erschienen im noch recht jungen Verlag kul-ja! Publishing. Während „Daniels Hang“ das Leben des Protagonisten über einem Zeitraum von sechs bis sieben Jahren begleitet, bis er etwa Mitte Dreißig ist (hier schrieb ich darüber unter dem Titel „Lebensträume“), lotet David Emling in den zwölf Erzählungen seines zweiten Buches seine Fähigkeiten als Autor weiter aus, indem er Perspektiven verschiedener Personen unterschiedlichen Alters einnimmt und seine Figuren vor ihre ganz eigenen Herausforderungen stellt. Das ehrgeizige Lebensziel von Daniel in David Emlings Debüt hatte darin bestanden, Texte über philosophischen Themen zu schreiben und zu veröffentlichen, um anderen damit zu beweisen, dass er über die Welt nachdenken konnte; dieses Ziel verwarf Daniel am Ende der Novelle und setzte als neue Priorität die Familie, die er inzwischen gegründet hatte. Es ist der Grundgedanke vom Wert des Familienlebens oder dem Leben als Paar, also einer Gemeinschaft, der die Erzählungen von David Emlings zweitem Buch wie einen roten Faden durchzieht. Alle Erzählungen handeln von Menschen, die ein „normales Leben“ führen, und, wie es in „Letzter Gruß“ heißt, „genau das und nur das wollten“, auch wenn es natürlich in den Geschichten selbst in der erwünschten Harmonie nicht gelingt, sonst gäbe es ja nichts zu erzählen.
Jeder Text ist auf seine Art fein komponiert, erzeugt beim Lesen sofort einen Sog und große Empathie für die Figuren. Vom Aufbau her folgen die Stories dem klassischen Schema; in einem Gespräch mit mir über Richard Fords Roman „Der Sportreporter“ im Oktober 2017 sagte David Emling, wenn schon das Leben unvorhersehbar sei, solle wenigstens die Erzählstruktur eines Textes verlässlich sein. Nur die Erzählung um ein kleines, ganz besonderes italienisches Restaurant („Kleiner Platz“) durchbricht diese verlässliche Struktur und spiegelt in der Raffinesse ihres Aufbaus einen Gedanken aus dem Text: „noch einmal scheint das Leben nur um sie zu kreisen, alles zu verschwimmen“.
Was die beiden Bücher von David Emling verbindet, ist auch das Nachdenken über das Leben der Eltern. Hier zwei Textstellen aus „Letzter Gruß durchs blinde Fenster“:
„Und hier, in dieser Bude mit Anja, dachte er, dass alles geschehen könnte und Leben eine Freiheit barg, die seine Eltern nie gesucht hatten, ja, von der sie wahrscheinlich nie gewusst hatten, dass es sie geben könnte – und dass diese Frau jene Freiheit mit einer Bestimmtheit verkörperte, die ihn völlig einnahm.“ (S. 46)
„Er könnte eigentlich überall abbiegen, einen neuen Weg einschlagen, ob es so anders wäre, sein Leben. Sich trauen, das Neue zu packen, wie es seine Eltern nie getan haben, bis heute nicht, jeden Tag leben, ohne zu hinterfragen. Er weiß, dass sie zufrieden sind, das ist vielleicht das Schmerzhafteste daran – dass sie nicht nach mehr suchen, oder aber, dass er es nicht schafft, in der Normalität etwas zu finden, das ihn glücklich macht.“ (S. 150)
„Nichts hat einen stärkeren psychischen Einfluss auf ein Kind als das ungelebte Leben seiner Eltern.“ Mit diesem Satz weist C.G. Jung darauf hin, dass es oft die unausgesprochenen Themen, Verhaltensweisen und Lebensmuster der Eltern sind, die das Verhalten ihrer Kinder prägen. David Emling führt in seinen Erzählungen immer wieder Figuren vor, die sich in ihrer Verunsicherung und ihrer Unzufriedenheit auf vermeintlich aufregende Menschen einlassen, dann aber Grenzen ziehen, weil sie irgendwann spüren, dass ihnen das, worauf sie sich eingelassen haben, nicht gut tut. Aus der Erzählung „Progesteron“: „Sie sah ihn an und erkannte etwas.“ (S. 131). Das ist für mich eine der stärksten Stellen des Buches. Wie nebenbei zieht die Frau hier eine endgültige Grenze und befreit sich aus einer toxischen Beziehung. Man lernt jemanden kennen, aber immer dauert es, bis man jemanden einschätzen kann. Vielleicht hat man erst ein seltsames Gefühl, kann es aber für sich nicht begründen. Dann: eine Geste, eine Mimik, ein Satz. Es genügt die Art, wie etwas gesagt wird. Die Erkenntnis, um die es hier geht, ist ein Schock, und es ändert alles.
Letztlich scheinen David Emlings Figuren, wie manche ihrer Eltern, zwar äußerlich in einem „normalen Leben“ anzukommen, aber sie haben andere Lebenskonzepte kennengelernt und für sich abgelehnt. Genau das macht den Unterschied aus. Bemerkenswert ist noch, dass uns David Emling in seinen Erzählungen auf eine sehr rührende Weise Väter vorführt, die wirklich für ihre Kinder da sein wollen. Ein sehr gelungenes, wundervolles Buch!

Der Heilige Geist
Der junge Musikjournalist Ivan sitzt im Redaktionsbüro. Seinen etwas eigenwilligen Text will der Redakteur nicht ins Magazin aufnehmen, aber er bekommt den Auftrag, einen Artikel über Albert Ayler zu schreiben. Drei Seiten. Bis Sonntag. In dem Kurzfilm „Workation“ (Originaltitel „les tracances“) sind verschiedene Zeitspannen ineinander und miteinander verschachtelt und kunstvoll verwoben: Die Zeit, die Ivan auf dem Land verbringt, die Zeit mit der jungen Lehrerin und ihrem dreizehn Monate alten Sohn, die Zeit, die es braucht, um jemanden einzuschätzen, die Zeit, um eine Entscheidungen zu treffen. Und dann erzählt die Mutter seines Freundes eine Geschichte aus ihrem Leben, die ihre Kinder noch nicht kannten und bei der es auch um eine große Hoffnung geht und auch hier spielt die Zeit eine Rolle. So etwas kann man nicht erfinden, sagt Regisseur Victor Boyer im Interview. Ein sehr französischer Kurzfilm in sommerlicher Landschaft, mit gutem Essen, verstohlenen Blicken und trotzdem ohne Klischees. Die Bildsprache ist fein komponiert. Ein Beispiel, ohne zu viel zu verraten: Ivan steht während des Abspanns so auf der Schwelle zum Balkon, dass sich seine Körper in der Glastür spiegelt. Es ist die Zeit der Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten. Dann geht er einen Schritt nach vorn und betritt den Balkon. Sein Spiegelbild ist nun nicht mehr sichtbar. Er hat seine Entscheidung getroffen. Es macht die Stärke des Films aus, dass diese Entscheidung so oder so ausfallen kann. Durch den Film zieht sich ein Statement zur Technik: Technische Geräte werden entweder nicht eingesetzt, obwohl es sinnvoll oder üblich wäre, oder sie erfüllen nicht ihren Zweck und bauen Druck auf. „Workation“ ist ein überzeugender Independentfilm, bei dessen Dreh auch kleine ungeplante und nicht planbare Dinge passierten, die nicht korrigiert wurden, was durchaus seinen Reiz hat und zusätzliche Momente der Authentizität einbringt.
Link zum Film.
Dauer: 46 Minuten, verfügbar bis 22. März 2026
Interview mit Victor Boyer (Drehbuch, Regie, Produktion)