Eine kleine Veränderung der Wahrnehmung
Das Album steht ziemlich einzigartig und ein wenig einsam in der Landschaft ihrer Musik herum. Jedenfalls bei mir daheim, und ich kenne ihre Musik, seit ich mit 16 „Blue“ zu Weihnachten bekam, ein Album, das reinhaute in meine junge Seele und meinen jungen Körper wie wenig anderes.
Als Jahre und Jahre später „The Hissing Of Summer Lawns“ erschien, immer noch in den Siebzigern, wo so vieles, was sie anfasste, zu Gold wurde, hagelte es ein paar böse Verrisse, was leicht passiert, wenn Erwartungen enttäuscht werden. Ich mochte das Werk immer ganz gerne, aber es war mir nie so nahe wie Hejira oder Blue, und kam auch nicht an meine intensiven Stunden mit Court and Spark umd Mingus heran.

Das änderte sich vorgestern. Ich glaube, wenn man eine alte Platte aus den Siebziger Jahren wieder hört, gleichen sich die „neuen“ Hörerlebnise den alten an. Klar, kennen wir! Auch das, was man darüber dachte, findet sich in den jetzigen Empfindungen gespiegelt.
Es war also, gelinde gesagt, eine kleine Überraschung, als ich gestern „The Hissing Of Summer Lawns“ erlebte, erst in Quad (einer wundervollen Surroundversion, ich hatte sie vor einem halben Jahr schon gehört, aber da passierte noch nichts), später dann, als Abgleich, in der Stereoversion.
Wie nie zuvor, war ich „in der Musik“ drin. Weder alte Reflexe noch Einordnungen funktionierten, und ich hörte jedes Lied, wenn nicht wie zum ersten Mal (das war ohnehin nicht so beglückend, damals), sondern, als würde ich mich ganz anders duch die Klänge hindurch bewegen. Es war fast schon surreal, wie die Lieder, wie Jonis Gesänge, und zwar alle auf diesem Album, mich einfingen, umgarnten, beseelten. Und der einzige Zaubertrank, den ich zuvor zu mir genommen hatte, war ein kaltes Glas Ovomaltine.
[AT 11]: Asmus Tietchens: Musik unter Tage

Um hier die im Manafonistas-Blog begonnene Tietchens-Reihe fortzusetzen:
Ein an Asmus‘ Filteraltar hängender, wenn ich es richtig erinnere, handgeschriebener Zettel sagte einst: „Das Ziel ist der Wahnsinn“. Leider habe ich das Foto nicht mehr. Aber es gibt nur wenige Einspielungen des Meisters, die mir so unmittelbar an diesem Gerät entstanden zu sein scheinen wie diese fünf Tracks, auch wenn als Soundquellen lediglich der Moog Sonic Six und der Minimoog angegeben werden.
Die Musik unter Tage ist eine Cassettenveröffentlichung, 1983 mit unbekannter Auflage auf dem amerikanischen Aeon-Label erschienen. Als solche war sie letzter Teil einer Art Serie, zu der noch die weiteren Cassetten-Releases Musik an der Grenze (1982), Musik im Schatten (1982) und Musik aus der Grauzone (1981) gehören.
Die Musik unter Tage passt in diese Reihe: bohrend, undurchschaubar, ziemlich lichtlos. Mit Ausnahme des Titels „Gelber Himmel“ bestehen die Tracks aus jeweils einem liegenden, durchweg undefinierbaren Dauerklang, der überlagert wird von gefiltertem Rauschen und/oder Klängen, die mir im wesentlichen mit selbstoszillierenden Filtern erzeugt zu sein scheinen. Die Tracks 1 („Strenge Klänge“) und 2 („Dämmerattacke“) gehen dabei ineinander über, ebenso die Tracks 4 („Maschine 6B“, mit 18 Minuten Spieldauer das längste Stück) und 5 („Einer 5“). Lediglich Track 3, „Gelber Himmel“, kommt ein wenig munterer daher, hier ist ein Konglomerat diversen Gefiepses zu hören, das auch ein wenig im Stereopanorama umhergeschickt wird. „Einer 5“, das letzte Stück, ist eine Art Kombination aus beiden Bauprinzipien.
Die für Tietchens gelegentlich typische ökonomische Denkweise, wie wir sie auf späteren Platten noch näher kennenlernen werden, zeigt sich darin, dass einiges Klangmaterial dieser Stücke in späteren Einspielungen wieder auftaucht.
Verglichen mit den deutlich klarer ausgearbeiteten Sky-Einspielungen ist dies ein alles in allem eher simpel strukturiertes Werk; auch innerhalb der Cassetten-Werkgruppe erreicht Tietchens hier nicht die Qualität der Musik an der Grenze. Viel Zeit, behaupte ich mal, hat er in die Aufnahmen nicht investiert. Insofern ist dies sicherlich keine seiner wichtigeren Einspielungen, aber seine Handschrift immerhin wird schon deutlich; da ist jemand erkennbar „auf dem Weg“. Das macht die Musik unter Tage dann doch zu einem Puzzleteil seines Gesamtwerks.
Musik unter Tage
Aeon (Fort Collins, Colorado, 1983), keine Bestellnummer
Keine spätere WiederveröffentlichungDie letzte Endeckung des Jahres
Tommy Perman und Andrew Wasylyk made a wonderful album on Clay Pipe Music, and they will be my first interview partners in 2025. „Ash Grey And The Gull Glides On“ will be, simply said, a revelation for all friends of Cluster, Moebius & Roedelius with or without Eno, Boards of Canada, the moody side of experimental electronica, though it sounds different from all names mentioned, and never strolls along well troden paths. You can easily fall for this album full of surprises and sidesteps – the old playbook doesn‘t work here. A little wonder.
Einer schreibt, und so launig versuchen manche Kritiker zu umschreiben, was sie hören, mit Stichwörtern und Vergleichen, die allesamt ein wenig hinken und treffen zugleich. „Das eröffnende, gedämpfte, flatternde Climb Like A Floating Vapour beginnt fast wie Dub-Techno, bevor Saxophon und Klavier es in etwas verwandeln, das an eine moderne Soft Machine erinnert.“ Oder : „“Remain In Memory“Full Of Light ist ein sehr cooler Kontrabass-Groove. Das Stück, das sich um mehrere Mantras – „Hand zu Hand, Herz zu Herz“ – gruppiert, bewegt sich in einem Bereich zwischen den US-Post-Rockern Tortoise / Isotope 217 und Sun Ra’s Twin Stars Of Thence“. „Ash Grey And The Gull Glides On“ ist im Nachhinein bei meinen zwanzig Lieblingsalben des Jahres gelandet.
Fernfahrer
Meine kleine Reihe über die Suche nach meinem Blutsbruder ist noch nicht zuende erzählt. Zwar endete die Suche selbst so traurig wie nur irgend möglich, mit der Nachricht seines Todes Ende September, und in dem Bewusstsein, ihn im Juli nur um drei Häuser verpasst zu haben. Aber natürluch brachte das alles eine Flut von Erinnerungen mit sich aus der Zeit zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr, ein Quantum Wehmut, und die Wederbegegnung mit alten Volksschulkameraden, die ich erstmals nach Ewigkeiten wiedersah. Ihnen werde ich demnächst wieder begegnen, „Im Alten Dorfkrug“ oder sonstwo im Südwesten meiner alten Heimat. Ich hoffe, K. besiegt seine Erkrankung, M. hält weiter die Ohren steif, und ich sehe endlich seine Schwester wieder, das „Gedächtnis vom Weissdornweg“. Dann kramen wir noch ein paar alte Dinge zusammen.
Eine rein sentimentale Angelegenheit? Es geht nicht nur darum, sich an alten Geschichten zu erfreuen – mit der da stets mitschwingenden Traurigkeit. Oder doch – vielleicht ist das schon alles. Naja, da ist schon noch mehr im Spiel. Wäre meine Kindheitsgeschichte mit Matthias ein Film, im Soundtrack wäre sicher „The Fun Of Watching Fireworks“ dabei, vom American Analog Set. Und lauter alte Lieder aus der Zeit zwischen 1961 und 1966, auch alte Schlager, sowieso „unser“ Donovan, und eine Fernsehserie aus der alten Bundesrepublik, „Fernfahrer“, die damals, Sonntags um die Mittagszeit, über die Mattscheiben flimmerte, und Matthias und ich sahen die eine und andere Folge gemeinsam. Es war uns ein Fest. Komm, wir machen eine Zeitreise: HIER ist eine Folge daraus.
(Als das dritte Schuljahr begann, kingelte Matthias bei mir. Mein Vater hatte mir gerade eindringlich mitgeteilt, jetzt begänne „der Ernst des Lebens“. Das erzählte ich Matthias sofort, noch bevor wir über den Spielplatz gingen, und bei Zurli klingelten. Ich lachte laut: „Mattes, das erzählte mir mein Vater schon letztes Jahr. Aber der Ernst des Lebens kann doch nicht jedes Jahr anfangen. Das geht doch gar nicht.“ Wir hatten unseren Spass daran, die Vernunft unserer Eltern so kindlich wie gewitzt auszuhebeln!)
2024: Reissues & Discoveries
Wie in jedem Jahr habe ich viele (zu viele ?!) Schallplatten gekauft, die nicht 2024 erschienen sind, auf Flohmärkten, in Fachgeschäften. Hier eine Auswahl in unterschiedlichen, zum Teil spontan zusammengezimmerten Kategorien, ohne Reihenfolge.
Reissues
Taylor / Winstone / Wheeler: Azimuth // Aphex Twin: Selected Ambient Works II // Ank Anum: Song From The Motherland
Solo
James Newton: Axum // Steve Lacy: Straws // Rick Deitrick: Gentle Wilderness
ECM
Rabih Abou Khalil: Nafas // Egberto Gismonti: Dança Dos Escravos // Rainer Brüninghaus: Freigeweht
Jazz
Andreas Røysum Ensemble: Mysterier // Baikida E.J. Carroll: Orange Fish Tears // Pharoah Sanders: Thembi
Space
Tangerine Dream: Phaedra // Tony Scott: Music For Voodoo Meditation // Alva Noto & Ryuichi Sakamoto: Insen
Into The 90ies
Isotope 217: The Unstable Molecule // Karate: Unsolved // Jim O’Rourke: Eureka
The Roots Of The Rhythm Remain
Don Cherry & Latif Khan: s/t // Batsumi: s/t // Musiques & Tradition Du Monde: Bali (Musique Sacrée)
Musick To Play In The Dark
Tor Lundvall: Last Light // Henryk Gorecki: Symphony Of Sorrowful Songs (Gibbons, Penderecki, PNRSO) // Bark Psychosis: Codename: dustsucker
Bonus – Time Of The Season
In diesem Jahr hat Paul Auster seine kosmische Adresse geändert. Auch ihm zu ehren lese ich morgen „Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“ vor, die man sich HIER und HIER anschauen (die beiden Ausschnitte folgen in dem Film Smoke aufeinander) und HIER im Original lesen kann. Frohes Fest!
A playlist of dreams

If they would ask me to make a surprising Klanghorizonte hour on the last evening of 2024, it would look like this, including reissues and albums from the near future besides music from the near future, as well as stuff at hand by now. Of course, one piece or another will end up in my March show, and maybe all. Merry christmas!01 – Trees Speak: Timefold
02 – Feliciá Atkinson: Space As An Instrument
03 – Andrew Wasylyk / Tommy Perman: Ash Grey And The Gull Glides On*
04 – Rainer Brüninghaus: Freigeweht
05 – Jon Balke: Skritum**
06 – Joni Mitchell: Hejira Demos
07 – Ambrose Akinmusire: Honey From A Winter Stone
08 – Sam Amidon: Salt River***
09 – Alice Zawadski / Fred Thomas / Misha Mullova-Abbado: Za Górami
10 – V.A. – Even the Forest Hums: Ukrainian Sonic Archives 1971-1996
11 – Terry Riley: Shri Camel****
* an interview with Tommy Perman or even both men from Scotland is in preparation.
** the forthcoming album of Jon Balke will be released at the end of February. From the very first note, Norway’s Jon Balke proposes a new sonic dimension with Skrifum, continuing a line of inquiry begun with Warp (2016) and Discourses (2020), solo piano albums which also processed the acoustic environment in which the music was heard.
*** „whether he’s covering Mariah Carey like she’s Bessie Jones or working with the likes of Nico Muhly and Thomas “Doveman” Bartlett, Sam Amidon has always pondered just what’s so folk about folk music. For Salt River he promoted the experimental jazz saxophonist Sam Gendel from sideman to full collaborator, and together, they emphasise the synthlike quality in Amidon’s spidery guitar playing and the rhythmic elements of old folk tunes like “Golden Willow Tree”. Best might be their interpretation of the traditional ballad “Tavern”, which thrums with New Wave percussion, reeling fiddle and a breathtaking solo by Gendel. Folk bends under their queries, but doesn’t break.“ (Uncut, Jan. 2025)
**** i lost a copy of this Riley album years and years ago. I just remember I loved it, and may look for a wonderful passage for the closing minutes.
Die letzten Tage
Als ich vor 25 Jahren nach Berlin zog, war gerade das „Arsenal“, das in der Stadt jedem Filmmenschen vertraute und enorm wichtige „Kommunale Kino“ an den Potsdamer Platz umgezogen. Der Potsdamer Platz sollte ja, wie die Geschichte es in den 1920ern angefangen hatte, wieder der pulsierend-lebendige Mittelpunkt Berlins werden, an der Schnittstelle von Ost und West, Nord und Süd Berlins. In die 8. und 9. Etage des „Filmhauses“ frisch eingezogen: die Filmhochschule „DFFB“ ein (herübergekommen aus alten Westberliner Gebäuden am Theodor-Heuss-Platz), darunter die „(Freunde der) Deutsche(n) Kinemathek“, seit 1970 verantwortlich für die Sektion „Forum“ bei der Berlinale und eben für das Kino „Arsenal“ mit seinen großen Retrospektiven, Werken der gesamten Filmgeschichte, besonderen Gästen und Premieren und so weiter, darunter über mehrere Etagen das Deutsche Filmmuseum — gemeinsam verwalten die Organisationen auch das Filmarchiv der Deutschen Kinemathek, mit Werken aus allen Epochen des deutschen und internationalen Films. Im Erdgeschoss das Filmbuch-Fachgeschäft (kam später, ich weiß nicht mehr sicher, was in den 2000ern in den Räumen war) und die Bar „Billy Wilder’s“, und im Untergeschoss dann das Kino „Arsenal“ und die Studios der DFFB. Auch die Berlinale sollte vornehmlich am Potsdamer Platz stattfinden; immerhin gab es über Jahre dort die höchste Kinosaaldichte Europas (mit den 8 Sälen des mittlerweile geschlossenen CineStar, den 18 Sälen des Cinemaxx, zwei IMAX-Kinos, dem DFFB-Kinosaal, den beiden Arsenal-Sälen und während der Berlinale auch dem „Berlinale Palast“, während des übrigen Jahres ein Theater).
Das Arsenal war seit jeher der Ort, wo sich in Berlin die wahrhaft Filminteressierten zusammenfanden; das erzählt dir jeder. Als ich nach Berlin kam, hörte ich laufend Leute sagen, dass das neue Arsenal-Kino keinen Charme mehr habe, zu kühl und steril, man da nicht mehr gerne hingehe. Wie der gesamte Potsdamer Platz ja sowieso unter Berlin-Bewohnern unbeliebt war wie kein anderer Ort. Niemand in Berlin schien ihn je zu mögen – obwohl Berlin-Besucher ihn immer gleich besuchen wollten. Zwischenzeitlich ist von der lebendigen Atmosphäre, die vor 20 Jahren dort alltäglich war, nichts mehr übrig.
Schon als ich 2004 als Regiestudent an der DFFB begann und über Jahre tagtäglich in den 8. und 9. Stock des „Filmhaus“ am Potsdamer Platz – mein zweites Zuhause für viele Jahre – ging, war bekannt, dass der Mietvertrag fürs Filmhaus und alle Institutionen nur für 20 Jahre, bis 2020 gelten sollte. Was danach geschehen sollte? Niemand wusste es.
2020 war ich schon lange nicht mehr an der Filmakademie, aber sehr viele bleiben dieser Institution lebenslang verbunden, und ich besuche bis heute immer wieder mal die noch immer fast wöchentlich stattfindende Dokumentarfilm-Gruppe von Andres Veiel, der an der DFFB seit fast 20 Jahren der wichtigste und kontinuierlichste Dokumentarfilmregie-, ach was sage ich… der kontinuierlichste Regiementor ist. Und auch wenn das Angebot in erster Linie für die aktuell Studierenden gemeint ist, sind Ehemalige und Freunde jederzeit willkommen, auch um eigene Projekte in verschiedenen Stadien zu zeigen und zur Diskussion zu stellen. Gelegentlich trifft man Leute nach Jahren dort wieder.
2020 also wurde der Mietvertrag, der die DFFB laut Berichten ein Drittel ihres Jahresbudgets kostete, noch um eine Galgenfrist bis 2024 verlängert, und zwischen zahlreichen Direktorenwechseln wurde nach Wegen gesucht, wohin mit der Akademie.
Der Dezember stand im Arsenal ganz im Zeichen des Abschieds. Jeden Tag gab es besonders kuratierte, einmalige Filmvorführungen mit Gästen und Einführungen. Die Berliner Film- und Cineastenwelt traf sich dort. Dirk von Lowtzow, Sänger und Texter von Tocotronic, erwähnt in seinem 2020/2021 verfassten Corona-Tagebuch, das er über 365 Tage von seinem 50. Geburtstag an am 20. März 2020 geschrieben hat, immer wieder das Arsenal-Kino und den Potsdamer Platz. Ein Film, über den er in seinem Buch schrieb, wurde Anfang Dezember noch einmal gezeigt, Dirk las zur Einstimmung die Passage aus seinem Buch. Am vorvergangenen Wochenende wurde Ulrike Ottingers achtstündiger „Taiga“ gezeigt, viele Besucher kamen. In den Pausen gab es mongolisches Essen. Nun hat das Arsenal seine Pforten geschlossen, und alle sind wehmütig. Ob das neue Arsenal, das Anfang 2026 auf dem Gelände eines ehemaligen Krematoriums („Silent Green“) in Wedding eröffnet wird, wieder den Charme haben wird, den das Arsenal am Potsdamer Platz hatte, fragen sich einige.
Die Institutionen des Filmhauses werden in alle Winde zerstreut. Die DFFB landet in Zwischennutzung im Berliner Außenbezirk Adlershof, wo keiner der Studenten freiwillig hingehen würde. Und auch die Dozenten nicht. Später zieht die DFFB in einen Neubau in Wedding oder Moabit.
Letzte Woche der letzte gemeinsame Abend der Veiel-Gruppe im 9. Stock des Potsdamer Platzes. (Die weiteren Treffen finden in der Akademie der Künste statt.) Die Büros sind bereits ausgeräumt, Ende der Woche werden alle Türen verschlossen. Manche der anwesenden Studentinnen hatten 2013 hier zu studieren begonnen und machten noch einmal Fotos von sich vor der Fensterfront, wie damals, bei Studienbeginn. Ein ehemaliger Kommilitone, der gemeinsam mit mir 2004 angefangen hatte und mit dem ich im Winter 2004 einen gemeinsamen Dokumentarfilm im ersten Studienjahr gemacht habe, kam auch vorbei. Auch wir machten ein Foto von uns, wo wir einst Jahren tagtäglich zu mittag aßen, auf der Terrasse der 9. Etage, von der vor zehn Jahren ein depressiver Student in den Tod sprang und auf der einer der Direktoren, so geht die Legende, zur Provokation seinen Hintern entblößte und deshalb rausgeworfen wurde.
Ich ging ein letztes Mal die Gänge ab, in denen ich so viel Zeit verbracht habe. Meinen letzten Besuch im Arsenal hatte ich am vorletzten Abend, bei einer Vorführung eines persönlichen Dokumentarfilms eines israelischen Filmemachers, den er 2011 gemeinsam mit einem palästinensischen Freund gedreht hatte. Er bricht beim Publikumsgespräch nach dem Film in Tränen aus, sagt, er hätte nie für möglich gehalten, dass sich sein Land so entwickelt, habe abgewunken, als ihm palästinensische Freunde damals von genau dieser Angst erzählten. Er sagt, er erkenne sein Heimatland nicht wieder. Er lebt seit bald zwei Jahren in Lissabon. Es versteht die Welt nicht mehr. Er hofft, dass er im neuen Arsenal wiederkommen darf und dass sein Besuch als letzter Gast des alten Arsenals kein böses Omen sei.
Noch ein kleiner Rückblick
Von denen, die Platten vor die Kamera halten und darüber erzählen, zähle ich Norman Maslow zu den sympathischeren Erscheinungen. Er ist in der Musik drin, ohne sich aufzuspielen. HIER ist sein Jahresrückblick, in dem er von seinen Lieblingsplatten 2024 aus der Abteilung „reissues“ und „archival discoveries“ erzählt (minus Jazz, minus Boxsets). Komplett authentisch, und Ahnung hat er auch. Aber natürlich: jeder hört die Welt auf seine Weise. Ein paar seiner Empfehlungen werde ich mir mal „vorknöpfen“. Und weil er mich darauf neugierig gemacht hat, nenne ich diese Zeitreise irgendwann im Januar „Michael öffnet Normans Plattenschrank“. Die folgende Schallplatte hat nichts mit Normans Auswahl zu tun, wohl aber mit den guten alten Zeiten: bis vor wenigen Tagen wusste ich gar nichts von ihrer Existenz. Und ich kann mir vorstellen, dass sie Mr. Maslow sehr mochte und mag. Aber wie gefällt sie euch? (Und HIER noch ein kleiner Nachtrag: seine favourites in der Abteilung Boxsets 2024, an dritter Stelle mein geliebter American Analog Set).

„The Blue Yusef Lateef“ Ist bei Speakers Corner 2023 neu aufgelegt worden in einem sehr akkuraten „analog remaster“. Als Cd und Stream ist das Album sowieso auch verfügbar. Erschienen bei Atlantic Records in dem wilden Jahr 1968.
Besetzung: Sonny Red – Alto Saxophone / Blue Mitchell: Trompete / Cecil McBee, Bob Cranshaw – Bass / Roy Brooks – Drums / Kenny Burrell – Guitar / Buddy Lucas – Harmonica / Hugh Lawson – Piano / Yusef Lateef – Tenor Saxophone, Flute, Tambura, Koto, Percussion / Produktion: Joel Dorn.
Bei dem Namen des Produzenten werden einige aufhorchen. Hat er nicht einiges, das Richtung „smooth jazz“ ging, auf den Weg gebracht?! Ich horche auf, wenn ich Cecil McBee am Bass erlebe. Ein alter Meister seines Fachs. Sowieso sind hier einige „cracks“ versammelt. Und natürlich: Yusef hat früher von weltoffenen Horizonten geträumt als Don Cherry. Man denke nur an seinen Klassiker „Eastern Sounds“.
Haben wir hier ein sehr interessantes, spannendes Album vorliegen, oder doch etwas zuviel auf „mood music“ gerimmten „good feel“-Jazz? Oder etwas irgendwo dazwischen? Ich sage mal, irgendwo dazwischen. (m.e.)
„Von Captain Underpants zu La Chimera“: Kinotage im Homecinema

Eröffnet wurde das kleine Filmfestival zwischen den Jahren mit einer Kindervorstellung. Es gab erst „Captain Underpants“, dann Vanilleeis in der Pause, anchliessend „Paddington“, den Film mit dem Bärenflüchtling aus Peru (er würde in einem Europa, in dem die neuen Faschisten das Sagen hätten, kaum Asyl erhalten). Der kleine J., gerade mal 3 geworden, ging mit E., bevor „Paddington“ begann, eine Etage tiefer zu seinen Spielsachen – in dem animierten Film gibt es traurige und unheimliche Szenen, die ihm allzu nah gehen könnten (wer möchte schon mit drei Jahren sehen, wie ein trautes Heim geflutet wird?)
Es folgen in den kommenden Tagen weitere Filme für das Erwachsenenkino. Ich gebe den Vorführer und erzähle den jeweils fünf Anwesenden (sold out, jede Vorstellung, schon jetzt) zuvor ein paar kleine Hintergründe (bei den Kindern schenke ich mir das natürlich, die wollen immer , dass es gleich losgeht!). Auf dem Programm steht die soundsovielte Wiederholung von „Barry Lyndon“, und ein Film, den ich schon lange sehen wollte, „Das letzte Duell“. Und, klare Kante, ein Film mit Hund, „Arthur The King“ : „a sports adventure drama. The true story follows Michael and his group of racers who compete in the Adventure Racing World Series. Along the way, they meet a dog who begins to follow them around.“

Zu Sylvester dann traue ich dem gesammelten Enthusiasmus aus der Ecke der Verfechter des „magischen Realismus“. Da steht dann um 21.00 Uhr „La Chimera“ auf dem Programm. „Der beste Indiana Jones Film des Jahres“, damit wird dieses Movie augenzwinkernd beworben: „O’Connor is a first-class Jean-Paul Belmondo-like brooder, until he something trips him up and he beams like a little boy“. Denken wir uns ein bisschen Fellini dazu, und es passt.
Ein Quantum Eskapismus ist, wohldosiert, antidepressiv, Seelennahrung, und schärft die Sinne für die Welt am Abgrund da draussen.
„Sometimes, of course, gritty,
dark, real stuff is dripping,
blood on its tracks,
from the screen.“P.S.: 22.12., morgens. Gestern abend hat der Besuch der „italophilen“ Annelie dazu geführt, dass der Sylvesterplan über den Haufen geworfen wurde, und nun ein anderer toller Film zur Jahreswende her muss. Wir schauten also zu dritt „La Chimera“: wonderful, wonderful! Danach bekam ich Lust, eine Paolo Conte-Platte aufzulegen😉. Auf jeden Fall schaute ich heute morgen nach, was mein Sparringspartner in Sachen Filmkritik im Guardian dazu schrieb, der gute Peter: HIER. Wie er vergab auch ich alle fünf Sterne (aber lest die Besprechung besser erst nach dem Sehen (der Film ist, synchronisiert, als DVD erhältlich. Ob er bestreamt wird irgendwo, weiss ich nicht).
Eine magische Sequenz (von zahllosen),
als ich anfangs meinen Ohren nicht traute,
in einem Film ohnehin voller Täuschungen
und Trugbilder:
ein Stück von Kraftwerk!Als zweiundzwanzigstes Türchen im Adventskalender der Flowies nun doch ein Blick auf die ersten Sätze von Peter Bradshaws Preisung: „Der neue Film von Alice Rohrwacher ist eine betörende Fantasy-Komödie über eine verlorene Liebe: geschwätzig, aufrüttelnd und feierlich in ihrem absolut unverwechselbaren Stil. Es ist ein Film voller Leben, in dem die Figuren kämpfen, singen, stehlen und die vierte Wand durchbrechen, um uns direkt anzusprechen. Wie schon in ihrem vorherigen Film Happy as Lazzaro stellt Rohrwacher Italien als eine Schatzkammer vergangenen Ruhms dar, als eine nekropolitische Kultur von alter Qualität. Sie kann für die heutigen Artefakte und die von den Toten auferweckten Geister geplündert werden, aber um den Preis einer schrecklichen Traurigkeit: dem Gefühl, sich mit Geistern zu umgeben.“