• Der Fantasieraum eines leeren Volleyballfeldes

    Mich faszinieren Volleyballfelder, etwa in Naherholungsgebieten immer schon, ähnlich wie asketisch arrangierte leere Strandkörbe auf weiten Sandstränden. Hier, am Stoteler See, nicht weit von Bremerhaven, träume ich sofort, in flüchtigen Bildern von meinem „high life“ als Volleyballer, auf diversen ostfriesischen Inseln in den Grossen Ferien, wo immer ein bunter Haufen zusammenkam, oder einst in Furth i. Wald, einst, als wir die Silbermedaille des Rundinger Wanderpokals in fünf Sätzen gewannen, eine knappe Niederlage trotz aufopferungsvollen Kampfes gegen die französische Garnison. Es sind nur flüchtig flackernde Bilder, keine Tagträumerei. Lange her. Bei meinem Spaziergang um den See lernte ich einen Angler kennen, und seine Freude auch an Stunden, in denen nichts passiert. Kein grossmäuliges Anglerlatein, sehr angenehm. Loxstedt-Stotel ist ein Bilderbuchprivovinzstädtchen, hier im Norden ist es einmal mehr weniger heiss, abends versinke ich wahlweise Colin Walshs „Kala“ oder einer Folge von „Widow‘s Bay“. Eine Dienstreise mit kleinen Ausflügen. Gestern erzählte mir jemand, Cuxhaven habe einen Strand mit Mallorca-Feeling – ich hoffe, er meinte feine Sandstrände und keine Ballermann-Community. Auf den Balearen demonstrieren sie schon lange und massiv gegen die Kahlschläge des Tourismus für die Natur. Leere Volleyballfelder haben ihren eigenen Charme.

  • Keigo Higashino (1958-2026)


    „Keigo Higashino’s Journey Under the Midnight Sun is a subversive treasure. One reviewer dubbed him the Japanese Stieg Larsson, and he definitely deserves to be ranked with the titans of the crime genre. And even more so: if David Foster Wallace had written a thriller, it would probably read something like a novel by Keigo Higashino. Compulsion, games, systems within systems, cultural bewitchment, politics: these two writers would have had a lot to discuss.“  

    Es gibt jene raren Meisterwerke, die einen dunklen Sog entfalten, alle Genredefinitionen vergessen machen, zugleich Gesellschaftsroman, Psychothriller, Zeitreisen und sonstwas sind – Unter der Mitternachtssonne von Keigo Higashino gehört sicher in diesen letzten Kreis episch-mäandernder „Schmöker“, in den man sich auf wundersame Weise verlieren kann. Es gibt gute Gründe, sich beim Lesen ein kleines Namensverzeichnis anzulegen, mit kurzen Stichwörtern zu den handelnden Personen. Es funktioniert aber auch ohne eine akribische Notizsammlung: jede Figur wird unverkennbar eingefangen in ihrer ganz eigenen Art, das Lebens zu meistern, oder an ihm zu scheitern (das letzere ist der Normalfall), und so werden die Klänge der anfangs exotischen, kaum erinnerbaren, Namen wie wiederkehrende Motive einer Symphonie von Großstadtstimmen wahrgenommen, die ihre einsamen Totentänze unter der Mitternachtssonne aufführen. In seltsamer Schwerelosigkeit. Was für ein Buch! „Unter der Mitternachtssonne“ ist unendlich spannend – und wohl einer der zehn, zwölf besten „Kriminalromane“, die ich, seit ich Erwachsener bin, gelesen habe.

  • Eno (3)

    Mit Brian Enos Musik verbinde ich, ins Blaue geraten, 150 Stories. Eher 200. Sie alle mal niederzuschreiben und in eine poetische Form zu bringen, wäre etwas, das mich reizen würde. Als ich mit meiner Verlobten 1976 oder 1977 in Padua und Venedig war, war bald auch ein italienisches Musikmagazin fortwährend an meiner Seite, das es formal wie inhaltlich leicht mit der deutschen „Sounds“ aufnehmen konnte – es schien mir sogar besser zu sein. Darin war auch eine lange Besprechung von Brians „Another Green World“ zu finden, die ich natürlich mit grossem Interesse las. Da ich das grosse Latinum hatte, konnte ich die italienische Texte des Magazins ganz gut verstehen, weil sie sich in vertrauten Zusammenhängen bewegten. Zeile für Zeile schwebte ich hin und her, zwischen der ungewohnten Sprache, meinem taufrischen Erinnerungen an die Musik, die daheim in Würzburg in Dauerschleife lief – und meinen intuitiven Übersetzungen, hin und her, hin und her. Endlich offenbarten meine nach der Schulzeit rasch schrumpfenden Lateinkenntnisse einen tieferen Sinn. Das Heft stellte auch Plattenläden in Padua vor, und natürlich steuerte ich eines dieser Geschäfte an, das von diesem freestyle Magazin „Sun Ras italienisches Wohnzimmer“ genannt wurde. Tatsächlich fand ich darin über hundert Sun Ra-Platten, und sofort umfingen mich wohlige Schauer, weil eine heiss geliebte Platte lief, die kaum einer kannte, „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble, beide Seiten, während ich Sun Ras verrückte Cover auf mich wirken liess. Wir bekamen einen doppelten Espresso, das weiss ich noch ganz genau, und die Welt stand eine Weile still. Und das war nicht mal die ganze Geschichte. Der Clou ist, dass es nicht ein Buch über Eno sein würde oder „meine Geschichte“, sondern eine „Hörgeschichte“, die entspannt gelesen und genossen werden kann, aber auch bedachtes Lesen belohnt, zum Verweilen, zum Kreisen einlädt, zum angehaltenen Atem, ohne den Atem anzuhalten. Ein kammerpoetisches Spiel an der Grenze von Lyrik und Storytelling. „Just as interesting as ignorable“.

  • “You And Your Dog“

    „Wir sind so an Meiburgs Gesang gewöhnt, dass das Auftauchen einer anderen Stimme – insbesondere einer so unverwechselbaren wie der von Laurie Anderson, die spricht, als würde sie den Zuhörer direkt ansprechen – ein ziemlicher Schock ist. Während sich „The New World“ oft so anfühlt, als würde man – manchmal holprig – flussabwärts getragen, ist „You And Your Dog“ der Moment, in dem wir sanft unter einem Himmel aus funkelnden Sternen in ein Delta hinausgleiten. Anderson geht behutsam mit den von Meiburg geschriebenen Worten um und erzählt eine traumhafte Geschichte von zwei Freunden, die einen Strandspaziergang machen, sich verlieren und einander nie wieder ganz finden können. Die Kombination aus ihrer sanften, beruhigenden Stimme und seinen magisch-realistischen Worten verschmilzt zu etwas Schönem, das wie Sandkörner durch die Finger rinnt. Die Botschaft, vielleicht – und die Botschaft von „The New World“ im weiteren Sinne – ist, dass das Leben vergänglich ist. Aber die Tatsache, dass wir hier, gemeinsam, zur gleichen Zeit auf diesem Planeten existieren, ist sowohl außergewöhnlich als auch wunderbar.“ (Louis Pattison)

    LISTEN!

    Jonathan Meiburg appears as head of Shearwater, he had a central role in Okkervil. And he‘s part of Loma, yes, the band, Brian Eno got to know better after he fell in love with a song of them. So Jonathan knows Brian from the studio. Now, he has released „The New World“, one of the best albums of his life and of this year. A Talk Talk vibe at times without turning to pastiche. A singing voice to open up strange places. He‘s a friend of Laurie Anderson, too, who does the spoken word piece at the end of the album. And what a great track and video that is: just look and listen! I‘m generally not so much interested in videos except for reasons of time traveling. But this one, me oh my. All in all this is an album about worlds falling apart, in most different ways. Don‘t be afraid, there‘s something uplifting, too. (M.E.)

  • “Belladonna Nocturne“

    Die vierzehn originalen Kompositionen kommen allesamt, wie der Titel suggeriert, als Nachtstücke daher, aber wer sagt, das sie durchweg besänftigen!? Besser niemand. Auch sollte man bestimmten Begrifflichkeiten nicht trauen, die immerzu aus dem Köcher gezogen werden, wenn der berühmte Produzent und Musiker ein Instrumentalalbum veröffentlicht: „Ambient“, oder, die jüngste Mode, „Ambient Americana“. Das sind durchweg Verengungen des Blicks, Floskeln, die alles, was Klang ist, runterbrechen, auf eine meditative Affäre, Beruhigung. Es geht so ganz anders zu auf „Belladonna Nocturne“, und das ist nicht allein den Schlagwerkwirbeln und variablen Metren von Brian Blade geschuldet: jede einzelne Komposition ist eine dramaturgisch vielstimmige, mindestens doppelbödige Veranstaltung, gesegnet mit Stolperfallen, Einrissen, Brüchen, Lichtungen, Brandungen, und unberechenbaren Schattierungen. Vermeiden wir bitte das Wort „atmosphärisch“! Diese konzentrierte Ware mal galant vorbeirauschen lassen, wäre ein Irrtum und ein wenig anstrengend. Es empfiehlt sich, dem Raum zu verdunkeln, die Sinne zu schärfen, und auf Reisen zu gehen mit vierzehn Short Stories, die eher an Raymond Carver erinnern als an einen Soundtrack für entspannte Gemütslagen. Unglaublich, dieses Album!

    The 14 original compositions are all, as the title suggests, presented as “night pieces,” but who says they’re all soothing!? Better not to say so. Nor should one trust certain terms that are constantly trotted out whenever this famous producer and musician releases an instrumental album: “ambient,” or, the latest trend, “Ambient Americana.” These are, without exception, narrow-minded labels—clichés that reduce everything that is sound to a meditative experience, to calmness. Things are quite different on “Belladonna Nocturne,” and that’s not solely due to Brian Blade’s drumming flourishes and variable meters: every single composition is a dramaturgically polyphonic, at the very least ambiguous experience, blessed with pitfalls, insights, breaks, clearings, surges, and unpredictable nuances. Let’s please avoid the word “atmospheric”! To let this concentrated work simply rush by gracefully would be a mistake and a bit exhausting. It’s best to dim the lights, sharpen your senses, and set off on a journey with fourteen short stories that are more reminiscent of Raymond Carver than a soundtrack for relaxed moods. This album is incredible!

  • That Summer of 1976

    Some days ago, Thomas, Andy Beta and I exchanged and talked about our favourite Marion Brown albums. Underrated in every way is Brown‘s last album for Impulse, named „Vista“, produced by Ed Michael in New York, Besides the appearance of jazz maestros like Reggie Workman or Stanley Cowell (whose „Illusion Suite“ will soon be released on ECM’s „Luminessence vinyl series), the album is notable, too, for the appearance of ambient pioneer Harold Budd on celesta and gong on his own composition “Bismillahi ‘Rahmani ‘Rrahim” that would appear in longer form on Brian Eno-produced album “The Pavilion of Dreams” in 1978. „Vista“ as a whole is a never-ending summer love affair, the deepest kind of „easy listening“, in the same way, you could call Eno‘s „Music for Films“ modern mood music. Few albums in my life are more connected to that perfect summer vibe and breeze in the mid-1970‘s, all gates open, all fields green. How I long to feel that summer in my heart, but, why longing, HERE it is! In other words, „Vista“ is a labour of love. Thinking of summer vibes, maritime moods, floating spheres, there will be one album that may match and mirror moods of „Vista“ this year, Enzo Favata‘s „Ritornare

  • Michaels drei Lieblingsserien für erfüllte Sommerabende, und ein exzellenter Thriller mit Emma Thompson

    „„Widow’s Bay“ ist eine Horrorkomödie über eine kleine Insel in New England, auf der ein jahrhundertealter übernatürlicher Fluch lastet. Das Beste an diesem Film ist seine absolut meisterhafte Beherrschung des Tons. Meistens, wenn so etwas versucht wird, gerät die Balance ein wenig aus dem Lot; entweder sind die Schreckmomente zu parodistisch oder ironisch, oder die Witze dienen lediglich als faule Spannungsbrecher. „Widow’s Bay“ schafft es jedoch irgendwie, beides genau richtig hinzubekommen. Der Film ist gleichzeitig eine wunderbar bissige, spritzige, charakterbasierte Komödie und jene Art von wirklich beunruhigendem Horror, bei dem man unbewusst den Atem anhält. Dass es dem Film gelungen ist, dies zu erreichen, ohne irgendetwas zu verwässern, grenzt an ein Wunder.“ (Stuart Heritage, The Guardian)

    1) John Sugar, Staffel 2 (Apple +)
    2) Maximum Pleasure Guaranteed, Staffel 1 (Apple +)
    3) Widow‘s Bay, Staffel 1 (Apple +)

    Dead Of Winter – Eisige Stille“ (prime, bluray, dvd)

    Man nehme meine Empfehlungen mit gebotener Vorsicht auf, denn bei etlichen Filmen, die hier über die Jahre begeisterte Resonanz auslösten, blieb ich komplett gelangweilt zurück, ob es um etliche „Linklaters“ geht, um Baumbach-Filme a la „The Meyerowitz Stories“ oder „Marriage“, um „Die Fablemans“ von Stephen Spielberg oder James Ivorys „Was vom Tage übrig blieb“ (wo übrigens auch Emma Thompson mitwirkt).

    „Dead Of Winter“ benutzt einige „basics“ des Klassikers „Fargo“ der Coen-Brüder: eine irre Psychopathin, gandenlose Winterlandschaften, und eine starke weibliche Protagonistin. Allerdings webt der Regisseur James Kirk daraus eine ureigene Geschichte von Liebe, Tod, Trauer und Wahnsinn. Ein Drehbuch der Extraklasse, das jeder Oberfläche einen eigenen Abgrund unterlegt.

    Wie man puren Horror und schwarzen Humor eins werden lassen kann, beweisen die beiden neuen Serien „Maximum Pleasure Guaranteed“ (wo es auch um Vereinsamung in virtuellen Wirklichkeiten geht) und „Widow‘s Bay“ (wo ein „Nebel des Grauens“ a la John Carpenter mehr als einen Abstecher nach „Twin Peaks“ bereithält!), dermassen raffiniert, dass die Stories weit über die Erfüllung genretypischer Muster hinausgehen. Bleibt noch der Privatdetektiv John Sugar, mit Colin Farrell: auch die zweite Staffel eine Meditation über essentielle Fragen des Lebens: Kino pur im TV-Format!

    Ich weiss ziemlich genau, was mich an diesem „quartet of excellence“ fesselt, dieser „sehr“ persönliche Faktor, der meistens in Filmkritiken ausgespart wird. Gutes Entertainment allein langweilt mich genauso wie – mitunter (!) – kanonisierte Filmkunst. Das „gewisse Etwas“ ist zwar nicht so schwer in Worte zu fassen, aber selten ein schlagendes Argument. Weil: strictly personal! Der Filmkritiker ist letzlich ein unverlässlicher Erzähler, aber mit der Zeit lernen wir bestimmte Unverlässlichkeiten besonders schätzen!

    Zugabe: Um hier auch bei Filmen auf drei Empfehlungen zu kommen, möchte ich an zwei ältere Filme erinnern, die ich erst lange nach ihrer Entstehung entdeckt habe, und seitdem wieder und wieder und wieder ansehen kann, so sehr gerate ich jedesmal in ihren Bann.

    Medium Cool“ (Haskell Wexler, USA, 1969)
    Das rote Eichhörnchen“ (Julio Medem, Spanien, 1993)

    Es ist schon ein paar Jahre her, da sah ich einen anderen meiner vier Lieblingsfilme des Basken über eine Woche lang an, jeden Tag einmal, in den Abendstunden, „Tierra“. Es war ein unvergesslicher Trip, jedesmal öffneten sich Horizonte, jedesmal das volle Programm von Wirbelschauern, Ergriffenheit und tiefer Trance! Ich stellte mir keine klugen Fragen, ich ordnete das, was ich sah, nicht in die üblichen Fächer. Ein Film, der mir ein paar Schlüssel in die Hand gab, ich musste nur den Mut haben, die eine und andere Pforte zu öffnen.

  • “Ascension“

    Jetzt wurde dieses Album also wieder auf den Markt gebracht, mit beiden Fassungen, die damals aufgenommen wurden: eine Ur-Opus des Free Jazz, ein weiteres Statement von John Coltranes unentwegtem Verschieben der Grenzen – er verstörte damit so viele seiner alten Hörer, wie Miles Davis mit „Bitches Brew“. Free Jazz!

    Es war damals mein erstes Coltrane-Album, ich war um die 18 und hatte Joachim Ernst B’s Jazzbuchklassiker verschlungen – dort nahm ich wohl die Spur auf. In der Folge entdeckte ich andere Free Jazz-Alben des Frühverstorbenen, die mich mehr packten, dauerhaft und folgenreich, wie etwa das über drei Lps verteilte „Concert in Japan“: wer sich in dieses Album verliebte, hatte den sog. Free Jazz endgültg für sich entdeckt, radikaler geht es nicht, und doch wurde mir seltsam bewusst, welche melodischen Anteile und Elemente (und viel mehr als Spurenelemente) in dieser kollektiven Exstase mitschwangen, bei Coltrane, Sanders, Alice, Rashied, und Garrison. Das wurde bei Verächtern dieser Kost nie wahrgenommen oder unterschlagen. Dass diese japanischen Konzerte übrgens allesamt in Mono waren, mochte bei manchen die Akzeptanzschwelle noch etwas erhöhen.

    Nun bin ich neugierig, wie ich auf „Ascension“ anno 2026 reagiere, denn kleine Ewigkeiten lang habe ich es nicht mehr gehört, anders als etwa „Crescent“ oder „Interstellar Space“. Im September jährt sich John Coltranes 100. Geburtstag – die Jazzredaktion des Deutschlandfunks liess sich einiges für diesen Monat einfallen – und sollte ich in den Klanghorizonten am 24. September wenigstens am Rande darauf eingehen, dann vielleicht mit einer Platte von Marion Brown, der zu den Solisten auf „Ascension“ gehört und später bei „Impulse“ und anderswo wunderbar freigeistige wie melodische Alben veröffentlichte – wir berichteten darüber. (m.e.)

    „Die Kraft der Soli von „Ascension“ ist gewaltig, wobei die instrumentale Stimme jedes einzelnen Musikers ihren eigenen Weg bahnt – Pharoah Sanders’ übertriebene Obertöne, Archie Shepps herzliche Flamme, Marion Browns süße Schärfe, McCoy Tyners funkelnde Kraft. All dies entfaltet sich in einem Raum, den Coltrane geschaffen hat und in dem absolut kein Platz für Ego ist. Es war das Ego, das den feurigen Rashied Ali davon abhielt, an der Session teilzunehmen, da er nicht bereit war, sich die Schlagzeugpartie mit Elvin Jones zu teilen. („Stell dir vor, er wäre dabei gewesen!“, sagte Courtney Pine.) Ali bereute diese Entscheidung später, entwickelte sich jedoch zu einem prägenden Schlagzeuger der Free-Jazz-Ära und ersetzte schließlich Jones in Coltranes letzter Besetzung: einem Quintett mit Sanders am Tenorsaxophon, Alice Coltrane am Klavier und Garrison am Bass.

    „Niemand bei einer kommerziellen Plattenfirma hätte 1965, hätte man ihm die erste Pressung davon gegeben, gesagt: ‚Das müssen wir veröffentlichen‘“, sagt Kahn. „Es ging so weit über die Erfahrung und das Verständnis aller bei Impulse! oder dessen Muttergesellschaft ABC hinaus.“ Doch Coltrane hatte sich seine Freiheit verdient. 1963 hatte Produzent Bob Thiele ihn zu zugänglicheren Projekten gelenkt – ein Album mit Duke Ellington, eines mit Johnny Hartman und eine Sammlung von Balladen. Coltrane willigte ein und lieferte einige der kommerziell erfolgreichsten Aufnahmen seiner Karriere ab, wenn auch zu seinen eigenen Bedingungen, wobei er oft Material wählte, das außerhalb des Standard-Jazz-Repertoires lag. „Er hatte 1963 getan, was Thiele wollte“, sagt Kahn. „Jetzt waren sie an der Reihe, das zu tun, was er wollte.“

    (Uncut, August 2026)

    „Thank you for publishing a feature that treated Ascension not as a difficult historical artefact, but as a living work of art that still speaks with urgency, power and humanity more than sixty years after it was recorded.“ (Federico Forni, London)

  • „How deep is your love“

    In der SZ wird in der Wochenendausgabe auf den Film „Saturday Night Fever“ hingewiesen, der heute Abend auf Arte um 20.15 Uhr läuft, als „einer der zentralen Filme, die parallel zu den Zeitläuften das Lebensgefühl der westlichen Siebzigerjahre-Jugend einfangen“. Nun, so stromlinienförmig lief das damals nicht ab, und wenn man bei vielen Einzelwesen von damals das „Herausrevoltieren“ aus konservativen Kreisen nachzeichnet, tritt immer wieder Überraschendes zutage. Von Anfang an fand ich die von John Travolta gespielte Figur kurz-vor-ätzend. Trotz meiner gesammten romantischen Sehnsüchte und Transzendierungsideale: die Disco-Welt kam darin nicht vor, sie hatte zuviel Glitzerpomp und Balzgehabe für mein Empfinden. So dauerte es durchaus lange und war schon fast detektivischem Rückblick geschuldet, dass mir eines klar wurde: wie wunderbar und, ja, auch sehnsuchtstrunken, der Soundtrack der Bee Gees für „Saturday Night Fever“ ist. Wenn man ihn nur trennte von diesen angestrengtem Rumgewuppe zwischen Neonlicht und Discokugeln. Von der exzessiven Haarpflege ganz zu schweigen! Ich erinnere mich an einen Besuch mit meiner grossen Liebe der 1970er in einer Diskothek jener Jahre. In Würzburg.

    Frisch verliebt waren wir, und es lief ein Song von dem wunderbar ausgeflippten ersten Kate Bush-Album, und sehr zu meiner Freude, mein Lieblingssong von 10CC, „Dreadlock Holiday“. Ich lotste meine hinreissende Christiane auf die Tanzfläche, wir schwangen die Hüften, und ich konnte meinen Blick kaum abwenden von ihrem alsbald herrlich verschwitzten Gesicht. I wanted to kiss her forever! Rückblickend war das der einzige haftengebliebene „Disco-Moment“ meines Lebens, schon damals etwas verleidet dadurch, dass Afroamerikanern der Zutritt verwehrt blieb. In unserem Liebesnest im Internationalen Studentenhaus lief dann, vor und nach Mitternacht, und früh am Morgen, der „Soundtrack unseres Lebens“, „Desire“ von Bob Dylan, „Zuma“ von Neil Young, und „Yellow Fields“ von Eberhard Weber. Thank you for the days!

  • Andrew Jackson Asshat und andere Erhabenheiten

    Back when Fiona Talkington’s show on the BBC and mine on DLF were airing at the same time, we had quite a few things in common—from Talk Talk to ECM, from Robert Wyatt to all those “Norwegians”— but when it came to good old choral music, the overlap ended—with a few exceptions, such as the “mystery of Bulgarian women’s voices” and, and… I’d have to think about that one. We would certainly experience both classic goosebumps and unpretentious emotion if we were in the same room listening to Lambchop’s new album, which features no fewer than two choirs doing their thing. A wonderfully profound album that proves once again that Kurt Wagner’s ever-evolving long-term project stands alongside the old masters, from Mark Hollis to Robert Wyatt—these two were chosen with care. Ever since Is A Woman, I’ve been waiting for new albums with the same anticipation as I do for signs of life from Brian Eno and Robert Wyatt. Punching The Clown is an absolutely captivating album. If there‘s a jukebox in heaven, Mr. Hollis is listening with awe.

    Früher, als, parallel, Fiona Talkingtons Sendung in der BBC und meine im DLF liefen, hatten wir etliche Gemeinsamkeiten, von Talk Talk bis zu ECM, von Robert Wyatt bis zu all den „Norwegern“, aber bei der guten alten Tante Chormusik hörten die Schnittmengen auf, bis auf wenige Ausnahmen, etwa dem „Mysterium der bulgarischen Frauenstimmen“ und, und… da muss ich schon nachdenken. Ganz gewiss würden wir sowohl klassische Gänsehaut wie unprätentiöse Ergriffenheit erleben, wären wir in einem Raum, um Lambchops neues Album zu hören, in dem gleich zwei Chöre ihr Wesen treiben. Ein traumhaftes tiefes Album, das einmal mehr beweist, das Kurt Wagners evolutionsfreudiges Langzeitprojekt sich in der Nähe alte Meister bewegt, von Mark Hollis bis Robert Wyattdiese Zwei sind mit Bedacht ausgewählt. Seit Is A Woman wartete ich auf neue Alben mit der gleichen Vorfreude wie auf Lebenszeichen von Brian Eno und Robert Wyatt.

    „Punching The Clown“ ist ein absolut hinreissendes Album. Ich verwette meine „1“ in Charakterkunde aus dem Vordiplom, dass es bei Lajla, Olaf, einem der beiden Jans, und Thomas „Lambchop“ ein Top 5-Album 2026 wird! Bei mir stellt es sich momentan so dar: 1) Daniel Lanois: Belladonna Nocturne 2) Lambchop: Punching The Clown 3) Shearwater: The New World 4) Jeff Parker ETA IVtet: Happy Today 5) Asher Gamedze: A Semblance of Return (gleichauf mit Björn Meyers Convergence und Seefeels Sol Hd)

    Auf „On The Militant“, einem Titel aus dem 1996 erschienenen Album „How 1 Quit Smoking“ von Lambchop, erinnert sich Kurt Wagner an eine bedrückende Entdeckung auf einer Baustelle: „KKK“ ist dort in den frischen Zement eingeritzt. Wagner kratzt die Initialen mit einem Schraubenzieher ab, aber der Schaden ist unauslöschlich und reicht weit tiefer als ein bisschen „zerknitterter Beton“.

    Zu Lambchops Leitstern gehört schon seit langem ein Gespür für Unbehagen und Misstrauen gegenüber dem, was unter dem Alltäglichen liegt, für Momente, in denen Verstörendes an die Oberfläche bricht, doch im Laufe der Zeit sind seine schlafwandlerisch-wachsamen Texte abstrakter geworden, sein verstärkter Einsatz von „Auto-Tune“ und Verzerrung mischte sich seit 2016 in seine Sicht auf die Dinge. Er beschreibt „Auto-Tune“ es als „ein Kumpel an meiner Seite“ ein, welcher als Stoßstange diente oder Stossdämpfer, eine Möglichkeit, Abstand zu seinen dunkelsten Gedanken zu gewinnen.

    Es ist daher bemerkenswert, dass „Punching The Clown“ – das erste Album von Lambchop seit dem von Narben und Erschütterungen gezeichnete Opus „The Bible“ von 2022 – wieder Wagners wundersam melanhcholische, unbearbeitete Stimme in den Mittelpunkt stellt, wodurch die hauchdünne Intimität seiner frühen Werke teilweise wiederhergestellt wird.

    Anstatt die musikalische Begleitung nicht selten mit Maschinen auszulagern, hat Wagner (in Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Andrew Broder) zwei Chöre engagiert – das „Eau Claire Vocal Sextet“ und der 12-köpfige „London Chor“ – einfühlsam agierende Formationen, die Wagners Bedürfnis nach einem „Call-and-Response“ im Gospel-Stil erfüllen. Statt zu übertönen und zu überdecken, ist reflektierendes Zuhören ihre Agenda.

    „A Doctor In The House“ versprüht eher die düstere Atmosphäre vergangener Zeiten und das Flackern einer Öllampe; „Andrew Jackson Asshat“ hingegen steht im Kontrast zur Hässlichkeit seines Titels und fliesst mit einem rauschhaften Gesangswirbel herab, einer Kaskade von Judee Sills ähnlich, während Wagner über die „ewige Seele“ sinniert, jenes Etwas, das uns vielleicht überdauert.

    Das soll aber nicht heißen, dass „Punching The Clown“ sich völlig von seiner Zeit löst. Ryan Olsens Inszenierung lässt nach wie vor unheimliche Störungen und Verzerrungen zu: nicht zuletzt der Ausruf „Lambchop! Kein Scheiß!“ mischt „Just West Of“ ordentlich auf; da ist der Klang eines kleinen Risses im Raum-Zeit-Gefüge auf „Weakened“, einer Studie am Sterbebett. Ohne in Parolen zu verfallen, fängt Wagner anderswo auch die dunklen Schwingungen der amerikanischen Gegemwart ein, aktuelle politischen Unruhen werden mal zu latenter Wut, zu stillen Subversionen verarbeitet, oder zu einem gehörigen Unbehagen angesichts einer vulgären Parade.

    (Victoria Segal, Mojo, September & ein paar Einmischungen von M.E., übersetzt mit Deepl – „Punching The Clown“ erscheint am 21. August als cd, vinyl, dl – flowworker album of the month in september)