Fragments of a Snowy Month
Pausenaufsicht, während Schnee liegt, ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Einerseits habe ich Verständnis für die Kinder, für die die weiße Pracht eine große Magie hat. Nicht alle Kolleg*innen haben dieses Verständnis, viele sind ängstlich, dass bei den Schneeballschlachten und dem Rutschspaßen etwas passiert – auch nicht ganz zu unrecht, ich glaube es gab in der letzten Woche drei Gehirnerschütterungen an unserer Schule. Ein Beleg dafür, dass viele Kinder und Jugendliche deutlich über die Stränge schlagen. Insofern freue ich mich über eine Woche Pause (Zeugnisferien) und hoffe, dass der Schnee dann weggeschmolzen ist, auch wenn es derzeit nicht danach aussieht.
Der eisgraue Januarhimmel Niedersachsens ähnelt dem klaren Sternhimmel Afrikas vermutlich wenig, das Album „African Skies“ von Kelan Phil Cohran & Legacy ist aber viel zu gut, um nicht auch im Schneegestöber zu funktionieren. Diese Gebrauchsmusik, ein Soundtrack zu einer Show im Planetarium Chicagos in den frühen 90ern, Klänge zwischen Jazz und Minimal Music eines Sun Ra Gefährten, schafft es verträumt und funky gleichzeitig zu sein.
Deutsches Fernsehen: Die Fortsetzung der Ku’damm Staffel hat uns wieder sehr gut gefallen, bei der zweiten Staffel „Tage, die es nicht gab“ fanden wir die Auflösung enttäuschend, bis dahin gab es aber gute Krimiunterhaltung.
Vor über 20 Jahren musste ich mal Anfang Januar in einer eiskalten Wohnung meine ersten Unterrichtsstunden während eines Praktikums vorbereiten (meine erste Doppelstunde habe ich damals acht Stunden lang geplant), letzte Woche war bei uns zwei Tage lang die Heizung ausgefallen. Auch wenn wir im Wohnzimmer noch mit Holz Heizen konnten wurden die Temperaturen doch unangenehm.
Robert Wyatts „Rock Botton“ war mir unbekannt, bis ich es kurz vor Weihnachten erstand. Wenig überraschend gefallen mir die wunderbar versponnen Klangtexturen sehr, auch diese Musik bringt mich an andere Orte. Und sie ist auch ein Kaninchenbau, der überraschendes zu Tage bringt. Der Name Mongezi Feza klingelte im Kopf, eine Recherche ergab, dass ich über ihn in dem dicken Wälzer von Joe Boyd gelesen haben muss. Eine Radiostunde von Niklas Wandt brachte mich dann zu der Bruderschaft des Atems, bei deren Stück MRA bestimmt kaum jemand still sitzen kann.
Build a Bridge / Shine a Light
Zwar nicht mehr ganz neu, aber der Song rettet mein Wochenende.
2025 Selection

01. Anouar Brahem. After The Last Sky (Heartbreaking instrumental music)
02. DJ Koze. Music Can Hear Us (Psychedelic magic potion. Album title of the year.
03. Rosalía. Lux (Grand Gesture. Believe The Hype.)
04. Makaya McCraven. Off The Record. (Groove Monsters At Work)
05. Lucrecia Dalt. A Danger To Ourselves (Night Music)
06. Jeremiah Chiu & Honer. Different Rooms (Chaos & Order)
07. Little Simz. Lotus (Lyricist of the Year)
08. Cosmic Ear. Traces (Looking for Don Cherry)
09. Natural Information Society and Bitchin Bajas. Totality (Flow statement)
10. Tortoise. Touch (In Fuzz We Trust)
11. Butterfly. The Music Of Butterfly (Trump supporter making fragile music)
12. The Utopia Strong. Collapse (Turn on, tune in, drop out.)Bonus Album For Tomorrow (Merry Xmas To Everyone) HERE!
Überraschungen
Anfang des Jahres hätte ich nicht gedacht, dass ich viel Zeit mit den Emotionen und Gedanken dieser drei Menschen verbringen werde: ein Musiker, ein Autor und ein Welterklärer.
Die Musik von John Fahey (1939 – 2001) kenne ich aus der Ferne schon lange. Ich erinnere mich an einen Spaziergang vor über 20 Jahren durch Friedrichshain, bei dem ich eine von einem Freund gebrannte CD in einem Discman hörte (es war etwas umständlich, man musste das Gerät die ganze Zeit in der Hand tragen). Ich war angetan, habe dann irgendwie nie den Faden aufgenommen. Bis ich diesen Sommer zwei Alben in einem Schallplattenladen stehen sah. Die begeistern mich so sehr, dass ich seitdem noch zwei weitere kaufe – und andere Gitarristen für mich entdecke, wie den meditativen Robbie Basho, oder mir bekannte noch mehr höre, wie die feine Folkgitarre von Bert Jansch.
Auch von Richard Powers hatte ich vor über zwanzig Jahren mal sehr gerne ein Buch gelesen, auch bei ihm habe ich dann nie weitergelesen, um dann in diesem Jahr gleich in vier Büchern zu versinken. Über zwei habe ich hier schon geschrieben; die anderen beiden fand ich „nur“ sehr gut, nicht ganz so herausragend. Aber Orfeo hat schon großartige Passagen (alleine die Erzählung, wie Olivier Messiaen Quator pour la fin du tempskomponiert, lohnt das Lesen) und Erstaunen eignet sich vielleicht wegen der relativen Kürze am Ehesten als Einstieg. Ich lese auf jeden Fall weiter.
Und dann bin ich im Sommer über die Lage der Nation Podcasts auf den Soziologen Aladin El-Mafaalani gestoßen, habe seitdem zahlreiche Podcasts mit ihm gehört (drei bei jung & naiv) und gerade auch ein Buch von ihm geschenkt bekommen (Misstrauensgemeinschaften, noch nicht gelesen). Diese politisch-soziologischen Analysen sind empfehlenswert; zum Beispiel die Gedanken zu der Rolle von Kindern in alternden Gesellschaften finde ich sehr erhellend.
saturday special
Robbie Basho The Art of the Steel String Guitar 6 & 12
Rosalía Lux
Bert Jansch Jack Orion
Lucrecia Dalt A Danger to Ourselves
David Sylvian Blemishweekend nourishment
DJ Koze Music can hear us Steve Tibbetts Safe Journey Eberhard Weber Yellow Fields Lucretia Dalt A Danger To Ourselves Rick Deitrick Gentle Wilderness Nik Bärtsch’s Ronin Awase John Fahey I Remember Blind Joe Death Steve Tibbetts Exploded View Bark Psychosis Hex
Kino: Downton Abbey – Das große Finale Stream: Voice of the Eagle: The Enigma of Robbie Basho
Eine kleine Hörgeschichte
An einem Montag im Mai 2022 bekomme ich ein quadratisches Paket mit Steve Tibbetts Album „Safe Journey“, das ich wenige Tage zuvor auf Ebay ersteigert habe.
Am Sonntag zuvor war die Quelle zu Besuch und hat mir frisch gebackene Space Cookies mitgebracht.
Am Dienstag muss ich ein Gespräch zwischen zwei Konfliktparteien moderieren, habe aber keinen Unterricht. Dann ist an diesem Montag eine Sitzung des Schulvorstands, dem ich als Delegierter des Kollegiums angehöre. Ungefähr eine Stunde diskutiere ich mit mir selbst, dann entschließe ich mich mit schlechtem Gewissen eine E-Mail zu schreiben, Kopfschmerzen vorzutäuschen und meine Teilnahme an der Sitzung abzusagen.
Die Gelegenheit ist einfach viel zu günstig für eine stoned deep listening session, zumal meine Frau erst spät nach Hause kommt und meine Tochter auch nicht da ist. Sturmfrei also.
Ich entschließe mich wie immer zwei Kekse zu essen und lege 45 Minuten später, als sich die ersten Symptome räkeln und regen, „Safe Journey“ auf.
Danach verschwimmen meine Erinnerungen. Irgendwann schleppe ich mich aufs Sofa. Sitzen ist viel zu anstrengend, die Musik kommt auf dem sweet spot viel zu intensiv. Später kommt meine Frau ins Wohnzimmer und fragt, was bei mir los sei.

Als ich am nächsten Tag aufwache, bin ich noch so stoned, dass ich das Mediationsgespräch absagen muss. Das Nachglühen des Rausches, das noch bis an den späten Nachmittag anhält, kann ich schon genießen, trotz nun schlechtestem Gewissen. Ich verbringe Zeit im sonnigen Garten, höre später „Safe Journey“ nochmal.
Ich höre das Album am nächsten Tag wie neu. Im Rausch ist die Musik eine Wesenheit, die mich in 1000 Zungen anruft, um mir die Rätsel des Universums, von Steve Tibbetts und seinen Mitmusikern eigens für mich gechannelt, mitzuteilen. Sie liegen vor mir in ständig wechselnden Formen, in denen ich lesen kann wie in einem Buch. Beim letzten Stück öffnen die Klänge meine Fontanelle, um die kosmische Weisheit direkt zu übertragen. Vielleicht ist sie direkt in mein Unterbewusstsein gelangt, ich erinnere mich an gar nichts.
Am nächsten Tag telefoniere ich mit der Quelle und werde ausgelacht: Ich hätte ja mal nachfragen können, wie die Dosierung der Cookies sei, schließlich sei schon einige Zeit vergangen, seit ich das letzte Mal etwas bekommen habe. Von den übriggebliebenen Keksen esse ich immer nur einen halben und bin anschließend sehr zufrieden.
Auch wenn das alles nur bekiffter Quatsch war, ist es trotzdem ein intensives spirituelles Erlebnis, das ich nicht missen möchte.
RIP Danny
Seit neun Jahren habe ich eine Spotify Mitgliedschaft. Meine erste große Entdeckung durch den Algorithmus war die Musik von John Martyn. Ziemlich schnell merkte ich, dass bei den schönsten Aufnahmen von ihm immer Danny Thompson Bass spielte. Den kannte ich auch von „Avocet“ von Bert Jansch, einem anderen Lieblingsalbum, das nur wenig früher entdeckte (Danke, Herr Engelbrecht!). Noch später stellte ich fest, auf wie vielen unglaublichen Aufnahmen er Bass spielte.
HIER ein sehr schöner Überblick!
Oder HIER, in fünf Teilen!Danny Thompson hat mit 86 Jahren die kosmische Adresse gewechselt.