Richard Williams‘ blue moment
Heute Vormittag habe ich die letzte Seite von „Regime Change“ zugeschlagen, Maggie Habermans und Jonathan Swans epischer Analyse der ersten 15 Monate von Donald Trumps zweiter Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten. Es ist eine aus nächster Nähe beobachtete Darstellung von Größenwahn in Echtzeit, die ihren Höhepunkt erreicht, als der Angriff der USA und Israels auf den Iran in der Straße von Hormus scheitert – eine überhebliche Fehleinschätzung, von der man zutiefst hofft, dass sie letztendlich Trumps Ruf in den Augen der Geschichte prägen wird. Man kann nur rätseln, wer die Quelle ist, die den beiden „New York Times“-Reportern solch außergewöhnliches Material geliefert hat.
Jetzt brauche ich etwas zum Anhören, und hier liegt „Peace Anthems“ griffbereit, ein neues Album mit zehn kurzen Stücken von Künstlern, die mit Red Hook Records verbunden sind – dem Label, das vor fünf Jahren vom Produzenten Sun Chung gegründet wurde und dessen erste Veröffentlichung „Hanamichi“ des verstorbenen Pianisten Masabumi Kikuchi war. Die neue Veröffentlichung, die zeitlich auf das Jubiläum abgestimmt ist, wurde von Chung speziell bei den Künstlern in Auftrag gegeben, die eingeladen wurden, Stücke beizusteuern, die vom Thema Frieden inspiriert sind.
Der Trompeter Wadada Leo Smith und die Pianistin Amina Claudine Myers, deren Album „Central Park“ 2024 auf vielen Bestenlisten des Jahres stand, steuern zwei Skizzen bei: „Sonic Requiem X“ und „Reflections on Palestine“. Smith ist außerdem auf „Three Years Later“ zusammen mit dem Schlagzeuger Andrew Cyrille und dem Modularsynthesizer-Spieler Qasim Naqvi zu hören, dessen Solostück „Al Badawi“ das Album eröffnet.
In „Imaginary Lines“ verschmelzen die Gesänge von Moor Mother mit der Elektronik von BlankFor.ms. In „War Is Over“ sind die Sängerin Martha Deribe und die Pianistin Simone Maggio zu hören. Der Gitarrist Taylor Deupree, die Posaunistin Kalia Vandever und der Bassist Thomas Morgan tragen zu Deuprees Komposition „Wither Light and Airy“ bei. Kit Downes hat in den Stücken „Into the Woods — Three Weary Calls“ und „Closing Meditation for OM“ – wobei letzteres die Sequenz abschließt – zweimal Gelegenheit, sein Können an der Pfeifenorgel unter Beweis zu stellen.
Die Stimmung ist zurückhaltend und nachdenklich, als hätten sich die Interpreten darauf geeinigt, die Botschaft sanft in die Ohren der Zuhörer dringen zu lassen. Es handelt sich um kleine Tondichtungen, deren Stärke in ihrer Zartheit liegt. Und nirgendwo wird dies deutlicher als in einem Stück namens „The River of Imjin“ des koreanischen Saxophonisten und Komponisten Sungjae Son (oben abgebildet), dessen vorheriges Album „Near East Quartet“ 2016 erschien, zu einer Zeit, als Sun Chung als hauseigener Produzent für das ECM-Label tätig war.
In „The River of Imjin“ – dessen Name durch eine Schlacht zwischen chinesischen und UN-Truppen (vorwiegend britisch) während des Koreakriegs 1951 bekannt wurde – überlagert Son zwei Refrains einer Melodie, die wie eine alte methodistische Hymne klingt, mit seinem Tenorsaxophon, seiner Bassklarinette und einer Pumporgel. Wenn Sie schöne Erinnerungen an Thelonious Monks „Abide With Me“, John Surmans „Doxology“ oder Don Cherrys „Desireless“ haben, dann passt dieses Stück perfekt dazu. Nach 414 Seiten, in denen Trumps Versuch beschrieben wird, die Welt in seine eigene Dunkelheit zu ziehen, reichen manchmal schon zwei Minuten und 15 Sekunden Musik aus, um das Licht wieder anzuschalten.
* Peace Anthems is out now on Red Hook Records. All proceeds will go to the International Red Cross: HERE!
Ein Hauch von Wehmut (für Renata Calani)

Einige Soloalben von Haruomi Hosono habe ich in den letzten Jahren (never too late) entdeckt, und sie haben mir richtig gut gefallen, abseits rein historischer Würdigung, ja, mitunter gingen sie richtig tief. Wiederkehrende Elemente sind das Kindliche, das nichts Kindisches versprüht, sowie das Naive, das kaum einmal ohne doppelten Boden daherkommt. Bin gespannt, was Jan Reetze, unser „Hosono-Experte“, dazu vermelden wird.
David Sheppards Besprechung findet sich in der Oktoberausgabe von „Mojo“, und zusammen mit dem wohl letzten Streich, „Love“, von Kevin Rowland und seinen Dexy Midnight Runners, bin ich sehr neugierig, wieviel Magie von diesen beiden In-Die-Jahre-Gekommenen noch einmal freigesetzt wird. Über ein gewisses Quantums Nostalgie hinaus, ohne das man der Musik von Haruomi und Kevin kaum begegnen kann.
Ein Hauch von Wehmut vielleicht auch – zumindest habe ich etwas von diesen Gefühlslagen gespürt, als ich heute in meiner kleinen Höhle zwei Alben auf mich wirken liess, die mich packten wie einst im Mai, oder sogar noch etwas mehr: „The Colour Of Spring“ von Talk Talk, sowie „Vagabond Ways“ von Marianne Faithfull. (m.e.)
A propos Haruomi und Wehmut:
„Für Scotch und Candlelight auf El Hierro und anderswo“

(Ein Lieblingsfilm aus Haruomis Kindheit. Von seinen 23 Alben kenne ich nur zwei wirklich gut: „Omni Sight Seeing“ und „Medicine Compilation From The Quiet Lodge“, es gäbe also viel zu entdecken! Die Coverstory, die vor einige Monaten im „Wire“ zu lesen war, ist eine exzellente Einführung. HIER noch ein wenig Nachschub von Kevin Lozano!)
Music for Late Summer Evenings (2) – „LC“ (The Durutti Column)
In ihrer Sammlung perfekter Spätsommeralben taucht, bei The Aquarium Drunkard, kaum überraschend, auch Viny Reilly auf. Seit dem Debutalbum begegnete mir die Musik aus der Wekstatt des Produzenten Martin Hannett immer wieder, nahm mich mal mehr, mal wenger gefangen. Aber wenn sie mich im richtigen Moment erwischte, war ich gefesselt von Anfang bis Ende all dieser raffiniert perlenden Melancholien. Damals fand die Musikkritik alle möglichen Assoziationsräume dafür, denn in Punk- und Post-Punk-Zeiten war diese „bedroom chamber music“ auf wundersame Weise abseitig. Man sprach von Ambient, Minimal, Impressionismus und der Luftigkeit von ECM. Vor ziemlich genau zehn Jahren wanderte Ian McCartney durch Liverpool. Seine Notizen von jenem Tag finden sich weiter unten. Er war ein grosser Freund vom The Durutti Column. Rest in peace, my Glasgewian friend! (m.e.)

„Vini Reillys Gitarrenskizzen schweben wie etwas Unvollendetes in der Luft und weigern sich, endgültig ihren Platz zu finden. „The Return of the Durutti Column“, im Sommer 1979 aufgenommen und zu Beginn eines neuen Jahrzehnts bei Factory Records veröffentlicht, verwandelt Abwesenheit in eine Entstehungsgeschichte und dient zugleich als ästhetischer Entwurf für den gesamten Ansatz des Projekts. Diese Ausdrucksweise wurde auf dem zweiten Album, „LC“ aus dem Jahr 1981, vertieft und verfeinert. Drückt diesen August auf „Play“ und lasst die sechzehn Titel im Hitzeschleier vergehen. Der Nachmittag wird sich um den Rest kümmern.“ (j.gage)
Psychogeography of Liverpool, August 2016 (by Ian McCartney)
Some cities lend themselves better to psychogeography than others. Maritime cities – seagull cities – do well in this respect. There are so many seagulls in Liverpool they have a representative on the City Council: Mr Squawk. He speaks in mystic aphorisms. He eats french fries off the sidewalk with dignity and nonchalance. His favourite book is „Preep, the Little Pigeon of Trafalgar Square“ by Milton Shulman. His favourite song is „Thorn of Crowns“ by Echo & The Bunnymen.
And you walk around this city-state pyschogeobubble and there is so much cosmos in there you have to ask yourself if you are in a dream. Wait for me on a blue horizon. Wait for me on a new horizon. Few are the places, said Mr Squawk, that make you question the aperçus of Raoul Vaneigem. I asked Mr Squawk what the fuck he meant by this. He said, „ … well Vaneigem said that to be rich nowadays merely means to possess a large number of poor objects but to be here, in Liverpool, is to be rich. Objects or no objects, ground or fucking sky. My only regret is that Manchester had The Durutti Column and we didn’t …“
But I digress. Or do I? Psychogeography doesn’t come with a map or an itinerary, just stars to hold and songs to sing. Yeah. An infinity of cups unbroken.
Music for Late Summer Evenings (1)

„Keine Jahreszeit regt so sehr zum rituellen Musikhören an wie der Spätsommer. Während die Tage in einem Hitzeschleier versinken und die Abende noch ein wenig länger andauern, offenbaren alte Platten unerwartete Facetten und hören sich an, als wären sie für solche „dog days“ wie geschaffen.“

While Bill Connors might be known to some as a fusion shredder with Return to Forever, this stuff is pure atmosphere, right down to the eerily surreal cover photo. The perfect accompaniment to that particular midsummer malaise; play this on a warm, overcast day when there’s nothing else to do but sit on the porch and watch the storm roll in. *| j annis

*(siehe auch: monthly revelations: ARCHIVE, two other classics from and with Bill Connors)
Daniel Lanois from a record store
Es ist eine Freude, Dan auf seinem Stöbern durch alte und nicht so alte Platten zu folgen, mit ein paar Überraschungen, Altvertrautem, und richtig guten kurzen Kurzgeschichten. Ich höre ihm immer gerne zu. Ich verrate nicht zuviel, wenn ich verrate, dass es mit einer Platte beginnt, die ich erst neulich aus meinem Regal gefischt habe, und die einfach nicht aufhört, grossartig zu sein, „Yellow Moon“ von den Neville Brothers. Ein Album, auf die sich wohl alle Flowies einigen könnten. Lanois‘ „Belladonna Nocturne“ ist eines unserer Alben des Monats August!
Kate Wolf and Jesse Ballard
Bei unserem kurzen, aber intensiven Austausch in Düsseldorf bat mich Michael darum, mal was über meine Zeit in San Francisco zu schreiben.
Ich lebte Ende der 70er Jahre in Haight Ashbury, also mitten im „Music Meltingpot of the 70‘s“. Neben den Maestros – Garcia und Weir – and singing beauty queens wie Grace Slick gab es scheue Musiker, die mich bis heute inspirieren, lebendig machen und zu den Werten des Daseins ein erfreuliches Bewusstsein verströmen.
KATE WOLF war eine Protagonistin der feinen Töne, leider mit 44 Jahren verstorben. Sie singt über die Liebe “First Love of my life” mit ruhiger Samtstimme und einfachen Gitarrenakkorden. Sie beschwört vollkommen kitschlos “Green Eyes”. Mit diesem Lied kam sie mir näher, aber tief erwischt hat sie mich mit “The Wind Blows Wild”. Sie singt mit ruhigem Timbre eine lange Ballade über den Abschied vom Leben. Es ist ihr letzter Song vor ihrem Tod.
JESSE BALLARD kam aus Santa Barbara, wo ich einige Vorträge an der Uni, auf dem Boden liegend, angehört habe. Jesse ist auch schon gestorben. Vor drei Jahren in Berlin. Jeder, der im „Rickenbakers“ verkehrte, kannte Jesse. Sein Song “Mac” wurde von allen leise mitgesummt. Er singt über seinen Freund Mac, der aus dem Vietnamkrieg in einem „dark green bag“ zurückkehrte. Jesse singt mit starker Stimme die berührenden Balladen aus unserer Zeit. Immer wieder kehrte er zurück nach Southern California. Den letzten Trip schaffte er nicht mehr lebend, seine Frau holte ihn in Berlin ab. Jesses Lieder, die er alle selbst geschrieben hat, und am Klavier oder an der Gitarre begleitet, sind beides, lebendig und schwermütig, kãmpferisch und friedliebend. Ich mochte ihn sehr. Traf ihn natürlich im Rickenbakers.
Es gibt einige Videos auf YouTube, die unser gemeinsamer Freund Paul Stutenbäumer gedreht hat, sehr sehenswert, weil alle kleine Geschichten aus dem Leben erzählen.
Lajla Nizinski
Long buried treasure

Andy Hamilton, The Wire, September 2026. Der Beginn seiner Würdigung dieses lang vergrabenen Schatzes. Von diesen Dreien ist der Saxofonist Carlos Ward am wenigsten bekannt, aber ich hatte das Glück, ihn einmal für ein 45-minütiges Porträt im Deutschlandfunk interviewen zu können. Manchen werden sich an seine Zusammenarbeiten mit Dollar Brand alias Ibdullah Ibrahim erinnern, oder an sein feines Saxofonspiel auf dem tollen Paul Motian-Alben „Tribute“. In der Begegnung war er überaus freundlich, über seinen alten Weggefährten Dollar wollte er kein Wort reden – da ist es wohl zu einem Bruch gekommen. Ein grosses Lob an WeWantSounds, die uns schon viele Entdeckungen beschert haben.
The thing with Andy Beta, and other „August Revelations“
So often I stumbled on writings by Andy Beta, in recent months. I read Richard Williams‘ text on Andy‘s Alice Coltrane biography, I read about his favourite Marion Brown album (I kindly prefer three other ones), I read about his weak spot for Frederikbergs Records (some stories to tell here, both of us), and shared his enthusiasm about an old free jazz album by Charles Tyler, one of Albert Ayler‘s close companions. Finally I saw and immediately Diven into his very, very long and in-depth interview with Steve Tibbetts. Which is now one of our monthly revelations of August – in the TALK column.

Within the department of film and television, i followed my own weak spots for brilliant detectives. In this case you can see that old Buster Keaton movie „Sherlock Jr.“, a bit more than 100 years old, and a short appraisal of the second season of the „John Sugar“ series with Colin Farrell followng the cinematic trail of all those infamous detectives from the film noir era.
Another time travel experience of the darker kind: Reetze reviews a historic novel by Anja Kampmann, „Die Wut ist ein heller Stern“. In our „ARCHIVE“ column, I remember and listen to two ECM classics that had both been recorded at the end of 1977 – classics that deserve the label classics – Bill Connors‘ „Of Mist And Melting“, and Jan Garbarek‘s „Places“ (always one of my ten favorite Jan Garbarek albums).

And our albums of August? If Jan Bang finds a blue hour, he will soon write his notes on Nils Petter Molvaer‘s „Be Quiet“ and I will add my take on Daniel Lanois‘ „Belladonna Nocturne“, a „no-ambient-ambient album“, „country-existential“, so to speak. I am also fond of the forthcoming Shearwater work „The New World“ with its subtle Talk Talk vibes.
Thank you so much, Buster Keaton – interstellar space from Alice Coltrane to John Sugar, and a timeline of 100 years, joyous zigzagging!
m.e.
Heute in San Sebastian

Nils Petter Molvær tritt heute, am 24. Juli um 18:30 Uhr, im Auditorio Kursaal in San Sebastián auf. Das Konzert ist Teil des 61. Jazzaldia Festivals, bei dem er sein berühmtes Album Khmer neu interpretiert. Das Foto von Jan Bang entstand eine Minute vor Einlassbeginn.
Khmer reste aussi provocateur et magnétique qu’à ses débuts, un voyage hypnotique qui oscille entre intensité, beauté et vibrations électroniques. Un pont entre les générations et les genres, une œuvre magique qui continue d’inspirer, toujours vivante et toujours nouvelle. Un joyau de l’histoire du Jazz norvégien qui nous emmènera vers des territoires inexplorés, beaux et vibrants.
Ed, Mattias, Nils Petter, and Daniel

Höchst faszinierend, wie diese Suite in einem Flow als ein klassisches Album workt. Wie ich las, gab eine Depression im Zuge der Entwicklung im Jahr 2020 Ed O’Brien Anstoß für die Arbeit an Blue Morpho. Und mit diesem Hintergrundwissen ist es gleich nochmal eindrucksvoller, wie diese sieben subtil ausufernden Stücke vielschichtig eine inspirierende Erfahrung, einen persönlichen, sozusagen inneren Weg nacherleben lassen. Ich meine, ich greife nicht zu hoch, wenn ich nach einigen Hördurchgängen dieses Albums von einem Meisterwerk spreche, das im aktuellen Jahr den Status eines Klassikers verdient hat und womöglich das beste Radiohead-Album seit fast 20 Jahren ist.
(ingo j biermann)

While the A-side of the Mattias de Craene & Black Koyo album is more up tempo, the B-side has a slightly different feeling: a quieter and dream like assembly of different soundscapes, of chants that gives a sense of a physical place. A Bridge of Dust and Air is a collage of textures, abrupt digital noise as If captured from a signal station: Background chants, almost whispering voices and distant singing; field recordings from Mattias´ visits in Marocco that includes the sound of waves, sounds from the minaret, bird calls and children playing. A project like this has many layers: the traditional music inherited from generations of players that has been developing through migration and in meetings with other traditions; Mattias de Craene´s search for a spirituality in music; New technology and ancient traditions. Neither jazz nor world music, but an assembly of what resonates within himself.
(jan bang)
These are our „albums of July“. Looking forward to August, our monthly revelations will probably be Nils Petter Molvaer‘s „Be Quiet“ (presented by Jan Bang, who was on the mixing desk, too) and Daniel Lanois‘ „Belladonna Nocturne“ (highly recommended by myself). „I am very curious if there will be song albums this year that will impress you to the same degree or even more than Lambchop‘s Punching The Clown will possibly do.“ This I emailed to Jan Bang, and his answer was: „Haven’t heard the Lambchop album yet, but the Ed O’Brien song «Incantations» comes close to brilliance.“
(m.e.)
