• The Sky Will Still Be There Tomorrow 

    Meine Frau gehört zu den Menschen, die beim Stichwort „Jazz“ eher distanziert reagieren. Freiwillig würde sie nie auf ein Jazzkonzert gehen, aber immer wieder haben gute (musik- und kunstliebhabende) Freunde uns zu Jazzkonzerten mitgenommen (wo sie oftmals ihre Vorbehalte bestätigt findet), da einer dieser Freunde gut vernetzt in der Berliner Jazzszene (bzw. einem bestimmten Teil davon) ist und diese Musiker gerne auch mal einlädt, bei seinem Geburtstag zu spielen. Die „Jazz“-Musik von bspw. ECM ist diesem Freund eher zu sphärisch und zu wenig kraftvoll, Gruppen wie Art Ensemble of Chicago ausgenommen. Selbst leidenschaftlicher (wenn auch nicht professioneller) Saxofonist, verirrte er sich vor ein paar Jahren in ein Konzert von Charles Lloyd, bei dem der Altmeister mit Zakir Hussain spielte – und spricht bis heute davon, dass das Konzert wie „Don Cherry auf Valium“ gewesen sei (wenngleich er das Können der Musiker nicht in Abrede stellt).

    Ich erlebte Lloyd im gleichen Saal – der Pierre Boulez Saal eignet sich hervorragend für diese Art von Musik – zwar nicht bei diesem Aufritt, aber bei anderen, u.a. einmal mit dem „Chapel Trio“, mit Bill Frisell und Thomas Morgan, und zuletzt mit dem „Ocean Trio II“, d.h. Gerald Clayton und Marvin Sewell, plus Jakob Bro als Special Guest. Vor einem Jahr nahm ich meine Frau in einen Film mit – Music for Black Pigeons – ohne ihr zu sagen, worum es geht, schon gar nicht verriet ich, dass es ein Dokumentarfilm über (ältere) Jazzmusiker ist. Das Ende vom Lied war, dass sie vollauf begeistert von dem Film war und ihn seitdem jedem aus vollem Herzen empfiehlt. Außerdem hat sich seitdem ihr Verständnis von „Jazz“ geändert, sie hat sich im Anschluss sehr gerne in meine Jakob-Bro-CD-Sammlung gestürzt und großen Respekt für die älteren Herren in diesem Film gewonnen.

    Als eben Ende des letzten Jahres Charles Lloyd mit Jakob Bro nach Berlin kam, konnte ich sie dort also gerne mit hinnehmen, und sie war ebenfalls sehr begeistert von dem intensiven Abend mit dem 85 Jahre alten Wahlkalifornier. Im Pierre Boulez Saal wird immer streng darauf hingewiesen, dass man keinesfalls das Mobiltelefon herausnehmen dürfe, und schon gar nicht dürfe man fotografieren oder „filmen“. Ich weiß nicht wie, aber irgendwer „filmte“ offenbar das komplette Konzert, wie diese Aufnahmen bei YouTube zeigen — und wie es aussieht, saß er fast genau dort, wo wie saßen. Vielleicht hinter uns? Diese Videos zeigen sehr schön, wie Lloyd seinen Musikern immer viel Raum gibt und selbst oftmals über längere Strecken nur dabei sitzt, bevor er wieder mit dem Saxofon oder der Flöte einsteigt. 

    Nach dem Konzert wechselte ich wie häufiger ein paar Worte mit Jakob [der, nur nebenbei bemerkt, fast auf den Tag gleich alt ist wie ich, nur vier Tage unterscheiden sich zwischen unseren Geburtstagen], und da erzählte er mir, dass er in der darauffolgenden Woche mit Charles Lloyd in Kopenhagen ein Duoalbum aufnehmen würde. Als wir uns letztens im Februar wieder im Pierre Boulez Saal trafen (als er diesmal mit Ambrose Akinmusire und Gregory Hutchinson die Stücke aus dem Album Owl Song spielte), bestätigte er, dass die Aufnahmen gut gelaufen seien, aber er konnte leider keine Angabe dazu machen, ob wir nochmal die Chance bekommen, die beiden gemeinsam auf der Bühne zu erleben. In jedem Fall würde ich, sollte es noch einmal möglich sein, ohne zu Zögern Karten für Lloyd in irgendeiner Gruppe kaufen. 

    Heute feiert er seinen 86. Geburtstag, und zu diesem Anlass erscheint sein neues Album The Sky Will Still Be There Tomorrow, mit einer All-Star-Besetzung — Jason Moran, Larry Grenadier und Brian Blade. Auch wenn wir von Lloyd in den letzen zehn Jahren, seit seinem letzten ECM-Album (der Duo-CD mit Jason Moran), im Schnitt jedes Jahr eine neue Platte geschenkt bekamen, bietet dieses Doppelalbum seine ersten Studioaufnahmen seit 2017 (als Vanished Gardens eingespielt wurde). Die 15 Stücke bieten sechs neue Kompositionen, vermutlich während der Corona-Zeit (die seine Frau Dorothy in einem vom Pierre Boulez Saal finanzierten und dort vorgestellten Dokumentarfilm mit der Kamera begleitete) geschrieben, sieben Neueinspielungen von Stücken, die auf früheren Alben bereits auftauchten, und zwei neue Interpretationen traditioneller Lieder. „Charles Lloyds […] neues Album [ist] ein Meisterwerk voller Wärme und fröhlichem wissendem Optimismus […] und schöpft aus den Klängen und Schwingungen seines ganzen Lebens“, schreibt Mauretta Heinzelmann. „The Sky Will Still Be There Tomorrow stands as one of his best late-career master works.“ schreibt heute Thom Jurek über das Album und vergibt 4,5 Sterne, John Fordham gibt im Guardian sogar 5. Ich glaube, dem muss ich vollauf zustimmen, auch wenn ich es gerade erst zum ersten Mal höre. Die souveräne Vielseitigkeit und Ruhe des späten Charles Lloyd, wie ich sie sowohl in seinen Konzerten als auch auf seinen letzen Alben (u.a. dem „Trio of Trios“) erlebte, zeichnet diese gut anderthalb Stunden sehr aus. 

    Heute Abend war ich im übrigen, hier die Straße runter, mit eingangs erwähnten Freunden in einem Jazzclub-Konzert von Dave Douglas, der seine Band „Gifts” präsentierte, mit der er, auch auf dem Album, das offiziell Mitte April erscheint (aber heute schon erhältlich war), neue Kompositionen spielt, die vom Leben und der Musik Charles Lloyds inspiriert sein sollen – so die Beschreibung des Konzertprogramms: Das „Gifts Quintet” reflektiert die Weisheit, Vision und Positivität des Komponisten und Saxophonisten auf innovative Weise und erforscht insbesondere Lloyds Faszination für die Musik von Billy Strayhorn. Der Klang des Quintetts konzentriert sich auf die Liedform und erforscht deren Möglichkeiten auf so noch nie gehörte Art und Weise. Ich habe das zwar so deutlich in dem Auftritt nicht herausgehört, habe aber die CD mitgenommen und bin gespannt, wie sich diese hochspannende, facettenreiche Besetzung auf dem gut einstündigen Album macht (James Brandon Lewis, Ian Chang und Rafiq Bhatia; live war noch Tomeika Reid dabei). Fürs erste nun aber: The Sky Will Still Be There Tomorrow — aber wenn Charles Lloyd morgen noch unter uns ist, muss man mit jedem neuen Tag von neuem dafür dankbar sein. Immerhin dürfen wir uns noch auf und über neue Musik des Altmeisters freuen. 

  • „Flickers in windows with 40-watt bulbs and TV“

    good that I‘ve never been a fan,
    just an enchanted listener –
    and, sadly so, two, three imaginary
    records did, what imaginary albums do,
    they‘ll never appear. Here, one song
    of those two or three neverever works
    to dream about


    Dieser Song wird zu hören sein im Abspann der bald Premiere feiernden Doku über Brian Enos Werk und Leben. Kein Lied aus dem Archiv, eher ein aus dem Ärmel geschütteltes, neues Lied, ein Rückblick auf gelebtes Leben, mit wundersam beiläufigen Zeilen, die einst dem jungen Eno so leicht von der Hand gingen. So ist das mit der Stimme im Alter, sie rutscht tiefer, hat nicht mehr die gleiche Strahlkraft, another gravity. Von mir aus könnte er gerne zwölf Songs dieser Art in Szene setzen…aber da sind wir wieder bei den imaginary albums.

    All I remember if gathered together would be
    Solitary fireworks flashed over a fathomless sea
    I try to recall all the treasures I found in those days
    But the connection is weak
    And the moment is lost in the haze
    Feeling new feelings
    Ketty Lester
    , Dee Clark, Bobby Vee
    Walking the dyke out to dark
    Where the river turns to the sea
    Flickers in windows with 40-watt bulbs and TV
    The flurry of gnats in a meadow, sunset 1963

  • on such a day


    with sun-drenched memories, my sentimental friend
    only decades away, a piano solo album circling
    (with a wakefulness close to highnoon dreaming),
    i do my little tricks slowing time down
    one is sitting in my garden reading clouds,
    two, all those reverberations
    of non-stop traffic on Redding Road
    (once upon a time, but now and now again),
    another one, from cave to cave, Mr. Hersch
    in Lugano.

  • Was Thomas Köner anno 1998 hörte

    Das waren besondere Jahre, als Thomas in meiner Nachbarschaft wohnte, und all diese besonderen, anfangs aus Gong-Samples entstandenen, Werke schuf, mit Namen wie „Teimo“ und „Permafrost“, die Brian Eno und Holger Czukay faszinierten, als ich sie ihmen schickte. Zwischendurch machte er mich auf Alben aufmerksam, die er selbst sehr gerne hörte, weil ihr Sound so wunderbar war, die Produktion, der Ausdruck, der enorm klar im Raum stehende Gesang, was immer. Dass die erste Cd von Gas dazu gehörte, aus dem Hause des Labels Basic Channel, kein Wunder, hatte Thomas selber doch auch zu diesem pulsierenden Elektro-Terrain seinen Beitrag geleistet mit „Porter Ricks“. Aber überraschender waren da schon die Alben „Sutras“ von Donovan, und „Moon Safari“ von Air. So überraschend aber auch nicht, wenn man sich einmal auf sie einliess. Donovan-Songs sangen wir schon auf dem Schulhof der Brüder-Grimm-Schule, die Refrains zumindest, von „Sunshine Superman“, „Mellow Yellow“, und sowieso die befreiende Passage nach all den wunderlichen „spoken words“, von „Atlantis“.

  • A journey with Fred Hersch



    On April, 19, a very special solo piano album will be released, on vinyl and cd: even whithout knowing about Fred Hersch’s life, and thus possibly projecting one’s thoughts on the music, „Silent, Listening“ very much is a journey in itself, an unforgettable one, I suppose, a meditation on life grounded in complete surrender to the here and now. The record will be part of my jazz radio hour at the Deutschlandfunk on April, 4. “A living legend” (The New Yorker) within jazz’s piano pantheon, Fred Hersch was also one of the first openly gay, HIV-positive jazz musicians. He made his Princeton University Concerts debut as part of the „Healing with Music“ series to discuss this profound relationship to music. „Silent, Listening“ is a strangely uplifting album. Its title contains the best way to participate in this journey. After his brilliant duo album with Enrico Rava on ECM now available on vinyl, too), Fred returned to the famous studio in Lugano, and in my jazz magazine (and on „flowworker“) he will speak about his new, „nocturnal“ solo trip.

    Here are my six questions for Fred:

    One – the best way to listen (silently) to this album is from start to end. No distractions. Once you‘re inside, every composition has a unique atmosphere, and it all comes together in a perfect sequence. Can you say something about the „story“ of this album, framed by two standards that, from the titles, suggest drama and, well, no happy ending („winter of my discontent“) – then again, how warm sounding and heartfelt is that last piece! I divert. So what is it that makes this for you a kind of „nocturnal journey“? 

    Two – … and this second piece: Night Tide Light. Though it has it abstract moments, no easy melody, it also  a very sensual sphere. Introverted as it is (or night time music, so to speak) it gets me every time…

    Three – In May 2023 you returned to Lugano’s Auditorio Stelio Molo RSI. After the duo with Enrico Rava. Your support now and then Stefano Amerio behind the controls. And Manfred Eicher (with his very long history of solo piano recordings). I once was witness in the immense space there, when Tigran Hamasyan sat at the piano, so I know the place. Are there memories, conversations with Manfred, certain ideas, tiny moments, whatever… something you remember vividly from those two days?

    Four – some titles reference not so nice things from the past, for example Akrasia  with its recurring short deep notes – and nevertheless tender moments in between. Uncanny, a bit, and nevertheless a strangely floating piece of music. In regards to your knack for computer games and detective novels during lockdown, is this a kind of musical study of overcoming obstacles? 

    Five – there‘s a very distant echo in my ears, in regards to space, giving the sounds time for decay, short, breathing silences, to Paul Bley‘s early ECM piano solo album „Open To Love“. You may know it well or not – a kind of heigtened sensitivity can be perceived from my listener‘s side from the first sound onwards in your forthcoming work. Do you have a strategy (yoga, meditation…) to create a certain  mood or state of mind, for such a trip… or is it enough to focus on the moment and give it a go? 

    Six – this album never appears like a sentimental journey in spite its beautul  takes on some old and famous melodies. Like „The Wind“. In the end, afterwards, when mixing and listening to the whole album for the first time: what did you surprise most? In spite of the fact you have a lifetime of knowledge about your playing? 

  • Fleeting thoughts on Julia Holter songs (1)

    “My heart is loud,” Julia Holter sings on her sixth album Something in the Room She Moves, following an inner pulse. The Los Angeles songwriter’s past work has often explored memory and dreamlike future, but her latest album resides more in presence: “There’s a corporeal focus, inspired by the complexity and transformability of our bodies,” Holter says. Her production choices and arrangements form a continuum of fretless electric bass pitches in counterpoint with gliding vocal melodies, while glissing Yamaha CS-60 lines entwine warm winds and reeds. “I was trying to create a world that’s fluid-sounding, waterlike, evoking the body’s internal sound world,” Holter says of her flowing harmonic universe. 


    Sun Girl

    Michael: „Sun Girl“ appears like a dreamscape at a beach. There’s a thin line between song and texture, the words ethereal. The mood nearly on the brink of falling apart, then it flows again, in short rhytmic bubbles, aJoao Gilberto bossa lightness. But no bossa. Apparitions all over the place, foreground turning background and vice versa.

    Olaf: This sounds like Musique Concrete with instruments instead of sounds / field recordings. Not a song, but a walk through a jungle, across a river using the bass line as stepping stones. Change is constant, everything is in flux, sunlight through spray and haze. The weightlessness of it all, pop apparitions.

    These Morning

    Olaf: After the misty swirl of „Sun“ a moment of calmness, the perfect sonic rendition of that sweet moment between sleep and wakefulness. Not fully awake yet, the mind wanders without the intellect by its side – through this garden of circular sounds. Love this song and its textures, the trumpet, the bass again – „just lie to me, just lie to me, just lie to me“. (I don’t really know why this song reminds me of „goodbye stranger“ by Supertramp).

    Michael: „These morning get sunrise / Tall fjord, some time lost / Brush aside any words sinking to the abyss ago“. This again like notes from a dream, fragmented, pastel coloured, wonderful Wurlitzer (even the words themselves not fully awake). The first seconds like a classic pop ballad, but then the dream-o-sphere takes over, the singer gets lost in structures drifting apart,  a strangely joyous feel in surroundings that may possibly harm you.

    Something In The Room She Moves

    Michael: The sense of the surreal is enhanced  on the title track, and I love the variety of her singing here. And the  sense of drama: all the instruments with their passages of power and coming to a halt, taking a breath –  and clearly, you don‘t know what this is all about, but it is all brillliantly executed with a clear sense of purpose and place. And the jazz feel here: bass and saxophone are not just colouring the scene (Robert Wyatt would love Julia‘s „jazz vibes“).

    Olaf: Is „the scene/ on a beach or green screen“? The music has a flow, that is natural and hyper-artificial at the same time – I do agree: it is a „sense of the surreal“. Again: I love that bass playing, a touch of Eberhard Weber – this breakdown, bass, organ, saxophone, is gorgeous & stunning – strong ECM vibes.

    Materia

    Olaf: Keyboard and voice in a cathedral, beautiful echos / sound reverberations / sublime sound treatments. So far the shortest song and almost a conventional pop ballad. (digression: How is this all rooted in the „pop“ tradition? Definitely not in the song structure – there is nothing like a verse-chorus-formula here. The instrumentation/arrangement is more jazzy and avantgard-ish than pop… but it definetely has a „pop“ sensibility. So what kind of music are we listening to?). The last seconds of the song are breathtaking „what of love is a matter of love is a …

    Michael: Everything in this song on the verge of falling apart: more than a whisper, less than a „real“ song. Ethereal is the word. It is strange sending emails for every single song, I am very curious about the whole experience of the album. Definitely water is the element here, there, and everywhere.

    Meyou

    Michael: Another meditation with certain Meredith Monk echoes, the only words here are me and you, and how they melt into one another. Classic love song area, with Gregorian moods, and minimal / disturbing eruptions. What all happens, when nearly nothing happens.

    Olaf: Classic love song area – a fitting description! A the same time it is far from being a classic love song. A tonal experience: first only one voice singing and breathing, then different voices join in, delicate sounds and treatments in the background, the stage gets wider – until at the end, we only hear that one voice again. Me You. I don’t know whether I really like this, but it does recalibrate the ears, cleanses them for the second half of the album. So also a classic closer for side A of an LP.

    Olaf und Michael mailten sich während freier Stunden zwischen Niedersachsen und Sylt ein paar Impressionen zu Julia Holters in Kürze erscheinendem Album „Something In The Room She Moves“. Sie hörten Song auf Song der Schallplattenseite A. Das Sequencing schien perfekt. Beide waren sich sicher, Seite B würde mit einem rhythmischen Power-Track loslegen. Und so kam es: Spinning

    (Julia Holter gesellt sich wahrscheinlich dazu, wenn es um die Seite B geht, und ein paar grundsätzliche Gedanken und Empfindungen zu ihrem Werk. Wir sind gespannt.) 

  • „The Greatest Night In Pop“

    Bei so einem Titel laufe ich schon weg. Aber als ich in der SZ las, dass Bob Dylan nur ein Mensch sei, wurde ich hellhörig. Eine unfassbare Menge von Superstars kam für einen Abend und eine Nacht im Jahr 1985 zusammen, um für die Welthungerhilfe (Äthiopien) einen Song aufzunehmen, „We Are the World“. Faszinierend finde ich an dieser Doku, die man auf Netflix sehen kann, dass all die zusammengetrommelten Stars ins „Brennglas“ eines so gar nicht beabsichtigten sozialpsychologischen Experiments gerieten. Dezent hielt ein Schild eine Botschaft für Alle bereit: „Leave your Ego at the door“. Manche kannten sich nur von der Ferne, von flüchtigen Begegnungen, manche etwas besser, Kumpel, Konkurrenten (wo bleibt Prince ab?) – und hier trudelten sie nun ein, in Limousinen, Taxis, mit dem Flieger, um dem Song, der in Eile gestrickt war, Leben einzuhauchen, mit Quincy Jones als Produzenten, Lionel Richie als nimmermüden Mediator und Ko-Komponisten, sowie Michael Jackson als Vorsänger – so viele illustre Fuguren, die damals weder Schall noch Rauch waren, und jeder sollte, solo oder mehrstimmig, einige Zeilen singen. Bruce Springsteens Stimme klang nach langer Tour wie zerbrochenes Glas, Waylon Jennings haute als einziger ab, weil er als „american boy“, kein Suaheli singen wollte (wozu es garnicht kam). Paul Simon, Stevie Wonder, Cindy Lauper – das ganz grosse Aufgebot, und es ist spannend, sie „after hours“ zu erleben. Übernächtigt. Blass. Auf der Jagd nach einem Fishburger, einem Autogramm, einem gelungenen take. Am Ende war Diana Ross einfach nur traurig, dass alles so schnell vorbei war. Und, ja, Bob Dylan ist tatsächlich ein Mensch!

  • Weekend Nourishment

    Die letzte Schulwoche vor den Ferien liegt vor mir, Montag bis Donnerstag werde ich eine 10. Klasse nach Berlin begleiten. Museumsinsel, Bundestag, Gedenkstätte in Hohenschönhausen, Informationszentrum zum Holocaust und wahrscheinlich noch das Humboldtforum stehen auf dem Programm. Zwischendurch schaffe ich es vielleicht noch in einen Plattenladen – das Hostel ist in Friedrichshain, da gibt es eine gewisse Auswahl.

    Hinter mir liegt eine sehr anstrengende Woche. Kurz vor den Ferien sind alle müde und kaputt, dazu musste ich noch ein Mitarbeitergespräch führen, dass eher fordernd war. Nichts gegen den Stress, den meine Frau gerade auf der Arbeit hat – dagegen war meine Woche ein Zuckerschlecken! Dementsprechend war die Stimmung im Hause Westfeld am Wochenende aber ruhig und gedämpft. Und zum Glück ist music ja bekanntermaßen the healing force of the universe. Seit Freitag lagen folgende Alben auf dem Plattenteller:

    Henri Texier: Varech (Low End Theories) / Van Morrison: Common One (Before Spirit Of Eden) / Bengt Berger: Bitter Funeral Beer (Ethnomusicology) / Dino Saluzzi: Kultrum (Nightscapes) / Marthe Lea Band: Asura (Rites Of Spring) / Karate: Unsolved (Guitarworker) / Bark Psychosis: Codename Dustsucker (Nocturnal Sound Paintings) / Henri Texier: Varech (A second time: Jazz Au Lait) / Charlie Haden: Ballad Of The Fallen (Soul Food) / Kalma, Chiu, Honer: The Closest Thing To Silence (Close to silence, and other grooves)

  • Wüste

    Zwei offenbar in Stein gehauene Gesetze des Filmgeschäfts trage ich seit Urzeiten mit mir herum:

    1. Teil 2 ist immer schlechter als Teil 1.
    2. Was ein Film über zwei Stunden dauert, ist zu viel.

    Beides hat sich gestern in Pittsburghs „Manor“ wieder einmal bestätigt; ich kann’s nicht ändern. Ich gestehe, vor allem deshalb ins Kino gegangen zu sein, weil ich als bekennender Hans-Zimmer-Fan in erster Linie seine Musik zu Dune: Part Two in voller Multikanal-Pracht im Kino hören wollte. Zudem habe ich Dune: Part One durchaus gern gesehen. Der hatte seine Logik und war auch optisch ansprechend.

    Seinerzeit beim ersten Dune-Film kannte ich die Musik schon, bevor ich den Film gesehen hatte, und ich konnte nicht recht etwas mit ihr anfangen. Das änderte sich erst, nachdem ich den Film sah. Zimmers Musik gehört, gerade mit ihren fremdartigen, zum Teil verstörenden Sounds, zu seinen stärksten Werken der letzten Jahre. Aber ich musste den Film sehen, um sie zu verstehen. Nun gut, das ist ja auch eigentlich die Aufgabe eines Soundtracks; er ist ja ursprünglich nicht für die Wiedergabe ohne den Film gedacht. Dass Zimmer gern mal Musik und Sounddesign miteinander mischt, kennt man spätestens seit Inception, und auch hier machte er davon sehr effektiven Gebrauch.

    Zimmers Musik zu Dune: Part Two ist noch stärker verwoben mit dem gesamten Sounddesign des Films als im ersten Teil, wenngleich bestimmte, sofort wiedererkennbare Schlüsselklänge und -motive wieder auftauchen. Trotzdem wirkt sie weniger eindrucksvoll, sondern eher wie eine über den Film gespannte Kopie.

    Der Film selbst ist natürlich — das weiß man eigentlich vorher — eine Sauce aus verquaster Mystik, gemixt mit Elementen aus Mantel-und-Degen-Filmen, Sandalenfilmen und Zukunftsschmonzetten. Frank Herberts Roman gibt es so vor, wobei das Verblüffende ist, wie hochentwickelte Technologie verquickt wird mit seltsam archaisch anmutenden Schwerter- und Dolchkampfszenen und anderen seltsamen Ritualen, die von den Darstellern mit einem Ernst zelebriert werden, dass man fast schon schmunzeln möchte. Auch mit kriegerischen, lautstark donnernden Massenaufmärschen ist der Film überfrachtet.

    Ich kann mich erinnern, dass ich den Roman Anfang der 1980er gelesen habe und er mich schon damals nicht überzeugt hat. Wenn ich das laut sagte, wurde mir oft entgegengebracht: „Ja, aber da sind ja auch die ökologischen Anhänge, und die sind doch nun aber wirklich …“ Nein, sind sie nicht. Auch damals schon war jeder Gartenratgeber gehaltvoller.

    166 Minuten also ständiger Krawall und pathetische Dialoge. Meine Tasse Tee ist schon das nicht, und dazu dann noch die latent irre Lautstärke, die sich in heutigen Kinos offenbar eingebürgert hat. Und wenn dieses ganze Getue dann, womit Regel 2 ins Spiel kommt, einfach nicht enden will; wenn sich eine Szene an die andere hängt, ohne dass die Geschichte nennenswert vorankommt, dann kommt ein Punkt, an dem ich mich dabei ertappe, wie meine Gedanken davonfliegen und zum Beispiel an den Herrn der Ringe andocken, oder an die Harry-Potter-Filme. Zumal Dune; Part Two dann, ich hoffe, man kann das ohne zu spoilern sagen, mit einem (noch dazu voraussehbaren) Cliffhanger endet.

    Wenn ein Regisseur seine Story nicht in zwei Stunden unterbringen kann, dann hat er sie einfach nicht hinreichend durchdacht. Dabei bleibe ich.

    Soviel zu Dune: Part Two.

  • „Module der wahren Freude“


    The only way to learn Indian classical music, really, is by listening to it – over and over, until the shapes of the ragas are absorbed into your marrow until expression becomes automatic. Arushi Jain is a singer, pianist, and modular synthesist with an unorthodox vision of that centuries-old tradition – one that’s electronic, for a start, and resolutely DIY.

    (Chai Ravens)


    Die Möglichkeiten von modularen Synthesizern und anderen Signifikanten der Elektronischen und New-Age-Stimmungswelten der 80er Jahre sind facettenreich erforscht, mal etwas zu jauchzend und gefühlsselig, mal widerständig und innovativ. Arushi Jain versucht ihren „crossover“ als Gratwanderung zwischen diesen Polen. Als Basis für ihre neuen Stücke wählt sie den Bageshri-Raga und andere Idiome der klassischen indischen Musik, „was mal an Suzanne Ciani in ihren kosmischsten Momenten erinnert, und mal daran, was passieren könnte, wenn Boards Of Canada jemals ein Indo-Jazz-Album für ECM aufnehmen würden“. So sieht es jedenfalls der Musikkritiker Jason Anderson in der Aprilausgabe von „Uncut“. Mystisch verschwurbelt kommt sie ganz und gar nicht daher, auf dem Opus namens „Delight“. Ein kühnes Unterfangen, der reinen Freude auf die Spur zu kommen in diesen Zeiten. Ein famoses Album, das einen schnell reinzieht in immerneue Texturen, Empfindungen, Verwunderungen. Arusha Yain knows the yin and yang of things and is ready for, as one track is called, „playing in the abyss“.