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  • Ladies Night

    »Gordon opened her set with “BYE BYE,” the first song on The Collective, in which she proves something fans have known for years: She could read the phone book or a grocery list (or, in this case, a tally of items to pack for a trip) and make it sound cool.« – Rolling Stone (Fotos)

    Samstag Abend bei Kim Gordon im „Festsaal Kreuzberg“.

    Zu meiner Überraschung war der Support von Gudrun Gut richtig, nun ja, gut. Auch der Sound super. Ich hatte befürchtet, das würde so eine Berliner „Professionelle Dilettanten“-Nummer… Gudrun Gut begrüßte zur „Ladies Night“ und spielte dann etwa eine Dreiviertelstunde lang rein elektronisches Zeug, sehr rhythmisch, man könnte es als minimalistisch-brachialen Elektro-Pop bezeichnen, zwischendurch auch mal atmosphärisch, aber alles sehr druckvoll und gar nicht altbacken. Ihre minimalistischen Pop-Art-Texte sind sicher Geschmackssache (mein Geschmack ist es eher nicht), ist halt wohl so ne Ur-NDW- oder Berliner-Stil-Sache, aber die Musik überzeugte. Großer Jubel für die ältere Dame – sie selbst sagte vor ihrem letzten Stück (Garten) auch: „In meinem Alter ist das ganz schön anstrengend.“ Sehr unterhaltsam, wie sie Laurie-Anderson-like ihre Stimme bei jedem Stück anders verfremdete, einmal als AutoTune-Popsängerin. Richtig gut, das Ganze, ein absolut angemessener „Support Act“. Und tatsächlich gab es etliche Gudrun-Gut-Alben am Merch-Stand zu kaufen – auch wenn ich mir das zu Hause wahrscheinlich eher nicht anhören würde, vor allem, glaube ich, wegen der Texte. Aber ich konnte gut sehen, warum Gudrun Gut von vielen als so eine wichtige, einflussreiche Künstlerin gesehen wird – und was viele jüngere (Elektronik-)Interpretinnen an ihr finden.

    Nochmal ein paar Jahre älter ist ja schon Kim Gordon; ihre Liveband sind drei sehr viel jüngere Frauen (oder möglicherweise nonbinäre Musiker*innen). Und da ging es richtig gut ab. Für Fans ein Fest! Klasse, wie da nichts wie eine Sonic-Youth-Gedächtnis-Show anmutete, sondern frischer, wilder und kantiger als jede vergleichbar alte (oder auch ältere) Band oder „Ikone“ der Ü70-Rockmusik daherkommt (bzw. auch Ü50- und Ü60-Interpreten, wenn ich mir die aktuell tourenden Rockbands so ansehe). Die Band fantastisch gut: Die Schlagzeugerin Madi Vogt hat Charisma und mitreißende Power (kam hinterher sympathisch zum Publikum und verschenkte viele Drumsticks und Setlists), auch die superjunge Bassistin Camilla Charlesworth fand ich beeindruckend gut, im Wechsel oder parallel prägte sie das Klangbild entscheidend auch an einem Synthesizer, und die zweite Gitarristin Sarah Register hatte offenbar ein bisschen was von der Meisterin gelernt und tobte sich an Effekten und Noise/Feedback aus (war leider manchmal ein wenig zu leise im Vergleich, fand ich), und Kim Gordon selbst souverän (und gewohnt wortkarg) vorne am Bühnenrand.

    Gespielt wurde das tolle neue Album The Collective quasi eins zu eins, zumal in großartig. Nach weniger als einer Dreiviertelstunde ging die Band schon von der Bühne – kam dann nochmal für fünf Stücke zurück – vier vom vorigen Album No Home Record und eine Single(?) namens Grass Jeans, wohl der konventionellste Rocksong des Abends – aber ebenfalls stark! Und klar, die eine oder andere tolle Gitarren-Noise/Feedback-Passage gab’s übrigens auch zwischendurch. Aber die elektronischen Elemente waren doch das Bestimmende, es gab bei weitem nicht so viel Gitarrenkrach wie bei Sonic Youth (die ich zwei Mal live in Berlin sah, einmal bei der „Daydream Nation“-Jubiläumstour, einmal bei der Tour zu Murray Street).

    Hinterher, nachdem schon das komplette Equipment von den Bühnenarbeitern rausgeräumt worden war, wartete eine kleine Gruppe beinharter Fans (zwei oder drei Männer zwischen 30 und 40 und ca. 10 Frauen zwischen 20 und 40) noch ewig (bis nach Mitternacht) drauf, ihre Platten und Bücher signiert zu bekommen. Frau Gordon schien hinter der Ausgangstür auf die Fahrt zum Hotel zu warten; als das Taxi vor der Tür stand, wollte sie schnell (mit Baseball Cap) an den Fans vorbei zum bereitstehenden Gefährt eilen („I have to check-in at my hotel“), ließ sich dann aber doch von den jungen Frauen erweichen, noch ganz flott auf jede/s Platte/CD/Buch ihre drei Kreuze zu kritzeln. So waren am Ende alle glücklich.

  • The Straight Horn of Rudi Mahall

    Bei Two Nineteen Records gibt es immer wieder packende Alben mit Größen der Berliner Jazzszene, aber das kleine, leidenschaftlich geführte Label ist bislang weitestgehend unter dem Radar geblieben, trotz Namen wie Alexander von Schlippenbach, Henrik Walsdorff  und Sven-Åke Johansson. (Vor nicht allzu langer Zeit habe ich eine der Aufnahmen mit der Kamera im Studio begleitet, für Christian von der Glotz’ Sextettplatte Limbo.) Einige der Namen tauchen immer wieder auf, gerade auch, wenn man eine Weile hier in der Stadt lebt, etwa Rudi Mahall. Gestern gab’s hier im Viertel die „Record Release Party“ zur LP The Straight Horn of Rudi Mahall (gepresst in goldenem Vinyl); es wurde das komplette Album gespielt, mit größerer Begeisterung noch als auf dem kurzweiligen Album. 

    Das ganze ist natürlich eine heitere Hommage an den Klassiker The Straight Horn Of Steve Lacy, auf dem der Sopransaxophonist 1960 im Quartett mit Charles Davis, John Ore und Roy Haynes Stücke von von Monk, Taylor und Parker spielte. Mahall spielt allerdings die B-Klarinette (sonst derzeit häufig die Bassklarinette), die übrigen drei bilden sonst das Trio Oùat – der schwedische Berliner Joel Grip am Kontrabass, der Franzose Simon Sieger, der hier nicht nur in die Tasten haut, sondern auch zur Posaune greift, und der seit Ewigkeiten in Berlin lebende Schlagzeuger Michael Griener. Letzterer schrieb auch die Liner Notes auf der LP und zitiert eingangs Rudi Mahall: „Jeder hasst die Klarinette. Sie war damals und ist auch heute noch ein ziemlich unbeliebtes Instrument in der Jazzmusik. Mit Klarinette kannst du nichts erreichen.“ Einige inspirierende Zeilen über die Platte schrieben letzte Woche schon Eyal Hareuveni und Peter Margasak; ich nahm die Gelegenheit wahr und wollte von Rudi nach dem Konzert ein paar Worte hören.

    ijb: Unser gemeinsamer Freund Robert [der bei der Platte nominell als Produzent fungiert und sie auf seinem Label Two Nineteen Records herausbringt] wird auch nach Jahren nicht müde, als großer Fan von dir zu aufzutreten. Wann immer er über dich redet, ist er immer total begeistert. Glaubst du, dass diese Platte jetzt das rüberbringt, was Robert an dir so toll findet?

    Rudi: [Diese Platte] war erst gar so geplant. Wir haben das eigentlich ins Blaue aufgenommen. Und dann habe ich mir das angehört, und fand das gut – sehr gut sogar, eigentlich so veröffentlichungswert, wie es war. Und dann hatte Michael Griener diese witzige Coveridee. Ich habe mir das als CD vorgestellt, und dann haben wir Robert gefragt. Der hat sich das angehört, war total begeistert und stand riesig drauf. Ja, das ist, glaube ich, sein Ding … 

    ijb: … ja, er liebt ja auch diese Art Standards aus dieser Zeit …

    Rudi: Ja, solche Stücke mag er – und wenn man so ein bisschen was damit macht. Da steht er drauf. Und dann hat er gleich gesagt: „Nee, das muss jetzt eine Schallplatte werden, damit es was Besonderes wird.“

    ijb: Hast du das Projekt angefangen – oder eher Michael?

    Rudi: Nein, Michael. Der hatte die Idee, und wir haben es dann gemeinsam durchgezogen.

    ijb: Aber es steht ja dein Name vorne drauf. Man denkt, das ist deine Platte.

    Rudi: Na ja, gut, weil ich das straight horn spiele … Ja, es ist ja immer so, dass der Bläser vorne ist, und der bestimmt, wo es langgeht. Daher denkt immer so schön, da gäbe es jetzt einen Bandleader … gerade auch, wenn ein Name so groß drüber steht. Aber nein, das ist in dem Fall nicht so.

    ijb: Diese Stücke sind ja eigentlich alles Standards. Da habt ihr Jimmy Giuffre, Gillespie, Bechet, Dolphy, Ellington, aber dann auch mal Verschiedenes in einem Stück zusammengemischt. Wie seid ihr die Auswahl angegangen?

    Rudi: Michael hat zwei Stücke rausgesucht und ein bisschen arrangiert. Und den Rest habe ich rausgesucht, im Wesentlichen alles Stücke, die ich sonst auch gerne spiele. Das war ja ne ganz lockere Sache: Wir haben uns hier getroffen, eine Stunde geprobt, und dann haben wir aufgenommen. Ich habe mir ein paar Sachen ausgedacht, was man damit machen kann, so head arrangements; bei In-stable mates zum Beispiel: Der Bass und die Klarinette spielen das Thema, und dann werden die von den anderen beiden immer wieder unterbrochen. Die lassen uns nicht ausreden, wir lassen sie nicht ausreden. So ganz einfache Ideen.

    ijb: Total super, diese Auswahl der Stücke – eigenwillige Zusammenstellung mit total unterschiedlichen Namen. Du bist ja in sehr, sehr vielen Projekten aktiv. Ich sehe deinen Namen dauernd auf irgendeinem Veranstaltungshinweis.

    Rudi: Ist ja ein Beruf. Wenn man das so als Beruf hat, dann spielt man möglichst viel, damit das Geld reinkommt. Wenn die Band eine gute ist, kann die auch mal ein paar Jahre nicht spielen. Ich habe da einige Beispiele, wo es schon seit 30 Jahren so geht, wo immer mal wieder was passiert, und dann wieder ne Weile lang gar nichts. Mit der Enttäuschung– bzw. jetzt mit „Monk’s Casino“ („Die Enttäuschung“ plus Alexander von Schlippenbach) – läuft es eben genauso: Da bemüht sich jeder. Jeder schreibt Stücke, und die spielt man zusammen, und dadurch hat es immer was Frisches, was Abwechslungsreiches, weil das ja oft alles überhaupt nicht zusammen passt.

    ijb: Ich habe dich ja letzthin mit Schlippenbach, Barry Altschul und Joe Fonda gesehen. Wie kam das zustande?

    Rudi: Schlippenbach und Altschul haben mal miteinander gespielt, und ich glaube, die haben auch mal zu dritt mit Joe Fonda gespielt. Der Schlippenbach wollte eine Band mit den beiden und Evan Parker machen, aber der hatte keine Lust zu verreisen. Schlippenbach hat dann halt mich gefragt.

    ijb: Aber die Band gibt es nicht weiter? Das war nur das eine Mal?

    Rudi: Doch wir spielen sogar in Amerika nächstes Jahr. Joe Fonda hat das irgendwie geplant. 

    ijb: Okay, wenn ihr das macht, dann komme ich mit. Ich nehm die Kamera und mache einen Tourfilm mit euch.

  • „Nine Doors, Breathing Space“


    „I’m listening live on internet from Tahiti. So coooool. Thank you!“ (Jérôme Descamps) Die Idee war, neun aktuelle Alben vorzustellen – alle klanglich wie stilistisch sehr, sehr weit voneinander entfernt, und doch jazznah! Die Überschrift habe ich mir von einer Komposition von Steve Tibbetts geliehen. Besonderer Dank geht, neben Niklas und Karl, an Jérôme Descamps (Tahiti), Eric Chenaux (ländliches Frankreich), Wadada Leo Smith und Ingo J. Biermann (Central Park) für den Tanz über Architektur. Und 1000 Dank an Martina Bedzent für all das organisatorische Beiwerk ringsum so eine Jazzstunde herum! Die Reise kann beginnen! Ein Fest von Synchronizitäten!



    Kronos Quartet and friends meet Sun Ra: Outer Spaceways Incorporated  
    Malcolm Jiyane Tree-O: True Story 

    Sidsel Endresen – Jan Bang – Erik Honoré: Punkt Live Remixes Vol. 2   
    Wadada Leo Smith & Amina Claudine Myers: Central Park’s Mosaics of… 
    B1: Christophe Monniot: Six Migrant Pieces (Karl Lippegaus) 
    William Parker / Cooper-Moore / Hamid Drake: Heart Trio
    B2: Modney: Ascending Primes (Niklas Wandt)  

    Eric Chenaux Trio: Delights Of My Life 
    Christelle Séry / Jérôme Descamps: Te Ti‘amã

  • Das Glück des Brötchenholers (1/3)


    „And o‘ my love, I still recall the pleasures that we knew
    The rivers and the waterfall, where in I bathed with you
    Bewildered by your beauty there, I’d kneel to dry your feet
    By such instructions you prepare a man for Boogie Street“

    (Leonard Cohen)


    Es hilft anzunehmen, diese kleine Geschichte in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts anzusiedeln, aber sie ist natürlich zeitlos. Und könnte sich auch morgen früh abspielen. Am Meer, auf dem Festland. Wenn wir miteinder Sex hatten, die Nächte ihrem besonderen Rhythmus folgten, in dem ausgiebiger Schlaf, intensive Träume, ein zweiter Akt, den Ton angaben, gab es immer auch, was wunder, den folgenden Morgen. In der Regel waren wir rauschhaft befriedet, das Vögeln hatte keine schwelenden Konflikte verschleiert, und fast jeder dieser Morgen mit wechselnden oder relativ konstanten Partnern war ein Fest. Ich glaube nicht, dass es Menschen hilft, zu lange im Nachdenken über das eigene Selbst zu verweilen – und warum?! Weil ich im Laufe der Jahre eine Lösung für alles Grübeln über die eigene Identität gefunden habe: das Glück des Brötchenholers. Die Frauen in meinem Leben (und ich spreche nun dezidiert, aus Gründen der literarischen Verdichtung , des „Plotting“, und des Augenzwinkerns von meinem Leben vor dem Millenium) waren zumeist sehr helle im Kopf, vedammt profunde Wesen (die Schönheit noch unverblichen), und wenn wir überhaupt den Sex der Nacht ins Frühstück einfliessen liessen, dann kannten all meine Gegenüber nur drei Wendungen für den Rausch: ficken, vögeln, oder miteinander schlafen. Fast eine Typologie: denn alle blieben einer dieser drei Wendungen treu. Es gab nichts anderes, meine zwei Londonerinnen lasse ich mal aussen vor. Ich tendierte selbst zu „miteinander schlafen“, und wunderte mich über manche meiner Kopfkissenteilerinnen, dass sie es Ficken oder Vögeln nannten. Mir schien das wenig romantisch, aber zugleich machte es mich an, und ich visierte gerne eine weitere Nacht an, und manchmal eine kleine Ewigkeit (Leonard Cohen konnte aus den Zwischenzonen der Exstase grosse Lieder schmieden.) Der entscheidende Faktor jedenfalls, welcher kritische Urteilskraft und pure Sinnlichkeit auf den Punkt brachte, war das Glück des Brötchenholers. Und der war in der Regel nun mal ich. Wenn ich beim Gang zum Bäcker spürte, dass meine Füsse sanft über dem Boden schwebten, wenn ich offen war für eine launigen Wortwechsel mit der Bäckersfrau, und Bilder der vergangenen Nacht unangestrengt den Akt des Brötchenholens begleiteten, war ich in milde Euphorie gehüllt, in schönes Einsssein mit der Welt ringsum, und hatte alle dringlichen Fragen des Lebens pulverisiert. Floating on a moment… Ich achtete auch auf den Strassenverkehr, damit es mit nicht so erging, wie dem Protagonisten in Francois Truffauts letztem Film. Das wurde zur Blaupause, und ein Dauerzustand. Im Glück des Brötchenholers wurde alles Fragen nach dem, was das Ich ausmacht, zu einer heiteren Luftspiegelung. Ich ging komplett im Transportieren der jeweiligen Brötchentüten auf, und so absurd sich das anhören mag, wenn man diese Zeilen laut liest, das ganze Leben wurde pure Gegenwärtigkeit, mein Bewusstsein ein Schwebebalken – zu den besonderen Geschenken, die das Leben bereithält, zählt fraglos das fast unsichtbare Lächeln einer Geliebten beim Rüberreichens des Honigtopfens: „Vögeln wir gleich wieder?“ Das war dann der Moment, da ich zu gerne Brian Enos „Music For Airports“ auflegte, und (wir sind in den Achtzigern) etwas später die Auslaufrille der Schallplatte den Soundtrack unseres Morgenficks begleitete.

  • Epping Forest Dreams

    “We ride our bikes way up here after school / You know the way, the shortest way home“, sings Paul Newland to the end of this album. Childhood reminiscences mingle with pastoral impressions of the greenery of Epping Forest, as he looks back on life in earnest, contemplative mode like Sheffield balladeer Richard Hawley. Then it branches off onto a very different path. Limpid piano ripples hang in the air like Harold Budd, the double bass of Mike Seal adds earthy vibrations, and for over ten minutes, vintage synthesizer drones stretch out to the horizon like an endless summer day.“ (The Wire)


    Some notes about this album I found while reading the August edition of WIRE. I then listened to it on Soundcloud, and these new songs and instrumentals stopped me in my tracks. What a melange of dreamspheres and places to go, of wonderful songs and deep meditations. A hot contender for my 20 favourite albums of 2024! (m.e.)

    Clevelode is Paul Newland and his collaborators. Newland was one-half of The Lowland Hundred, a critically acclaimed duo that released three albums, ‘Under Cambrian Sky’ (2010), ‘Adit’ (2011), ‘The Lowland Hundred’ (2014). 

    ‘Muntjac’ is a paean to Epping Forest and its environs, an area on the outskirts of northeast London. It offers reflections on how an individual carries their place of birth – and its cultural identity – with them through life. It is a fluid mix of tender, reflective, psychogeographical songwriting and avant-garde unmade film score. Paul is accompanied on the album by upright bass player Mike Seal (A Different Thread / Farefeld) and Emma Morton of Brighton folk trio Sairie on backing vocals. A FLOWWORKER interview with Paul Newland is in preparation.

    go to bandcamp for more… (listening, ordering, cd out today)

  • Klanghorizonte (am fünfundzwanzigsten Juli)

    Part 1: DISTANT HORIZONS
    Ank Anum: Song of the Motherland (1985)

    (with words from Shabaka Hutchings)
    A Lily: Saru l-Qamar

    Arushi Jain: Delight

    Part 2: IN A STATION OF THE METRO
    Warrington Runcorn New Town Development Plan: Your Community Hub
    OTON (1) – Erik Honoré
    Erik Honoré: Triage
    (Punkt Editions)
    OTON (2) – Erik Honoré
    Pan American & Kramer: Reverberations Of Non-Stop Traffic on Redding Road


    Part 3: EROS NEVER STOPS DREAMING
    Beth Gibbons: Lives Outgrown
    William Parker & Ellen Christi: Cereal Music 
    (In memory of) Richard Horowitz: Eros in Arabia (1981)

    (Richard Horowitz)

    If I were to think of the most memorable concert experiences of my life, the performance by Sussan Deyhim and Richard Horowitz at Che-Coo-la-la in Dortmund in 1987 or -88 would be one of them. And not because ithere happened the first interview I ever did with musicians. The two of them were, no rocket science necessary, in deep love, and without any hint of ostentation, their stage performance with BDSM elements offered a captivating sound journey of archaic and contemporary elements. Unforgettable.

  • „Rock Bottom“ (1974)

    Wir hatten uns verabredet, zwei Freunde, und Ingrid U., die Frau, die mich einst bei einem Lagerfeuer mit vielen jungen Hippies und Gitarrengeklampfe, küsste, und es hinterher bereute, weil ich noch nicht reif genug sei, und sie sich nicht wirklich einlassen wolle. Marokko war von zuhause ausgezogen, zwei Strassen weiter, Singerhoffstrasse. Er gab mir ein paar Flugblätter, auf denen stand, dass Robert Wyatt im „Underground“ spielen würde. Wie bitte?! Robert Wyatt?! Ich musste sofort los. Eine riesige Wendeltreppe führte in eine unterirdische Kelleranlage, und ich staunte nicht schlecht, Alan Bangs, Winfrid Trenkler und Klaus Schäfer anzutreffen. – Alan Bangs, okay, Radio, Winfried, okay, Radio… aber wie kommst du hierhin, Klaus? Mein Klassenkamerad vom Max Planck. Ich kannte seine Vorlieben, The Byrds, Leonard Cohen, deshalb wunderte ich mich.

    Er lachte nur und sagte, Robert Wyatt und seine Freunde würden ja nicht jedes Mal die Sterne vom Himmel rocken. Soso. Ich ging zu den „Bullaugen“, durch die ich auf eine Art See schauen konnte, von welcher die Musik zu uns herüberströmte. Es störte mich nicht, dass ich die Musiker gar nicht sah, es erklangen Versionen von „Sea Song“ und „Last Straw“, die ich so noch nie gehört hatte. Zwischendurch fragte ich mich, wo der Saxofonist Gary Windo sei. Von Klaus bekam ich noch ein Papier in die Hand gedrückt, mit der „Playlist“. Man würde hier das Album „Rock Bottom“ erarbeiten, hiess es. Ich war wie weggetreten, und erwachte gegen 1.15 Uhr, nach der ersten Traumphase. Das war ein Traum aus dem Jahre 2018, ich machte mir einen Kakao, und schrieb den Traumtext auf. Nichts ausgeschmückt, nichts erfunden. Winfrid Trenkler habe ich übrgens nie persönlich getroffen. Aber ich sah sie schon, die vielen dünnen Fäden auf der Suche nach der alten Zeit….

    Ich war noch neunzehn Jahre, als ich „Rock Bottom“ in einem der zwei relevanten Dortmunder Plattenläden stehen sah. Vielleicht war es am offiziellen Erscheinungstag, am 26. Juli 1974, vielleicht etwas später. Neben mir stand ein anderer Musiknarr, etwas füllig, den ich öfter in der „Schallplatte“ sah. Er brachte mich auf den neuesten Stand. Dass Robert Im Jahr zuvor betrunken aus einem hochgelegenen Fenster in London gestürzt war, dass er lange Zeit im Krankenhaus, all das wusste ich aus dem „Melody Maker“, aber völlig unvorbereitet traf mich dieses erste Werk danach. Das blässlich-weisse Cover (nicht unbedingt ein „eye catcher“, Dekaden später tauchte das Album auch mal mit einem farbigen Cover auf). Ich flog bestimmt über die Namen (Gary Windo, Ivor Cutler…). Daheim angekommen, legte ich „Rock Bottom“ sofort auf. Ich war im Himmel, und Robert am „Felsgrund“, am „Nullpunkt“. Ganz nah am Tod, an der Selbstaufgabe. Und er war zurückgekehrt…..

    Was er da sang, wie er sang, hauchte, mit der papierdünnen Stimme, umschlang mich. Alle Klänge umrauschten mich. Irgendeiner schrieb in „Sounds“, das wäre halt ein ganz gutes Jazzrockalbum, würde den Stand des Jazzrock in England gut repräseentieren. Was für ein Unsinn. Dieses Album war so, so, so viel mehr. Das ging nicht allein im blidlichen Sinne in tiefste Tiefen. Es dauerte nicht lange, da hatte „Rock Bottom“ sich auf meinem Plattenspieler eingenistet, und bald hatte ich es so oft (und am Stück) gehört wie das fantastische Doppelalbum „Third“ von Soft Machine, mit jener magischen Seite 3, die allein Roberts Song „Moon In June“ gehörte. Ich kehre bis heute zu dem Album zurück, wurde es nie satt. Kann nicht passieren. Seitdem kaufe ich mir so ziemlich jede Platte von und mit Robert Wyatt. Ihn später mit Alfie in London zu treffen, zu wunderbar langen Gesprächen – das waren Sternstunden. Aber nicht im Sinn einer Verehrung, sondern im Sinne einer Verbundenheit. Gegen Ende des letzten Interviews (nach drei Londonreisen „nur“ ein Telefonat) fragte ich ihn nach seiner Version von Federico Lorcas „Cancion Del Julietta“ (aus Comic Opera), einem dunklen Text voller Weltabgeschiedenheit.

    „Diese dunklen Träume sind nicht immer nur alptraumhaft, sie öffnen auch eine neue Landschaft aus verstörenden Bildern. Und das macht Lorca oft. Oft sind seine Motive gleichsam unter Wassser angesiedelt, in einem Leben unter der Oberfläche des  Ozeans. Tief unten. Das spricht mich sehr an, denn diese Zonen stelle ich mir oft vor, seit der Zeit, in der mein Album „Rock Bottom“ entstand. Mit meinem Geist scheine ich einmal dort gewesen zu sein, auf eine Weise, die ich nicht weiter erklären kann.“

    (ein Live-Remix aus alten Mana-Texten, zu dem ich im Hintergrund „Shades of Blue“ von Madlib, und „Second Toughtest of the Infance“ von Underground auflegte. Jaja, 1974…. Jan Reetze veröffentlichte vor Monate seine Liebeserklärung an ein 50 Jahre altes Album, Kraftwerks „Autobahn“. Aus jenem Jahr kämen für mich, sollte mich jemand sponsern, zuallererst folgende zwei Album gewordene „Lebensbegleiter“ in Frage: „Rock Bottom“ und „Taking Tiger Mountain (By Strategy)“. Robert hat auch seinen Auftritt auf Enos zweitem Songalbum – und, falls es jemand nicht weiss, er spielt auch die Pianotöne auf Music For Airports. Erstmals las ich von diesem Ambient – Album etliche Wochen, bevor ich es in die Hände bekam, im „Montanus“ in Würzburg, wo ein Scharfrichter kein gutes Haar an der Platte lies – allerdings konnte er das Teil niedermachen wie er wollte, immerhin erfuhr ich von dem Punkpuristen, dass Mr. Wyatt das Klavier beisteuerte, und da ich schon „Evening Star“ (die sanfte Seite) und „Discreet Music“ liebte, war ich von dem Moment an in fiebriger Erwartung:).

  • Identität und Fußball

    “ Wer bin ich?“ Ist die dauerwellige Modefrage nach der Identität. In den 60 er Jahren fragten wir uns weniger nach unserem Ich sein, uns interessierte mehr “ Was wollen wir?“ Wir wollten Steppenwölfe sein, wir waren geboren, um wild und frei zu sein. ( Der Film „Born to be wild“ kommt ab Donnerstag in die Kinos).Wir wollten Gerechtigkeit und waren gegen Atomkraft und Krieg. Bei der schwierigen Frage nach der eigenen Identität tut sich die Generation X mit den Eindeutigkeiten für das Ich sehr schwer. Das Gendern scheint als Geländer notwendig zu sein für die Haltung auf einer gleichberechtigten Lebensbühne.

    Die Frage nach einer nationalen Identität kam mir gestern während des Spiels Portugal gegen Slowenien. Da identifizierte sich eine ganze Nation mit einem einzigen Spieler : Ronaldo. Dass diese Last für einen Einzelnen nicht zu tragen ist, zeigte sich in seinem Scheitern beim 1. Elfmeter. Ronaldo war verzweifelt, Tränen flossen. Als sich beim Elfmeterschießen die ganze Mannschaft um einen Sieg bemühte, kam Ronaldo ’s Identität, die sich durch Stolz, Stärke und Können auszeichnet zurück. Die Weitergabe des Helden an den neu gekürten King of the game, der portugiesische Torwart hielt gleich drei Elfmeter, war rührend mit anzusehen. Hier zeigte sich besonders schön, dass der Zusammenhalt wichtiger ist als die trendige Frage nach dem Selbst.

  • Can stone cold thrillers be heartwarming? Lou Berney did it again!


    “The stoner thriller canon has a new candidate: Lou Berney’s Dark Ride…The author has a gift for creating characters and stories that infuse even the most sordid corner of humanity with unforced gentleness…This is the story of one man’s transformation from apathetic stoner to avenging angel…it also keeps the pages turning at a rapid clip. Berney’s thrillers have more weight than most, and more soul, and Dark Ride lives up to his established standards.”  — Los Angeles Times

    “Stellar… a friend of Marihuana and pure escapism with self-esteem laid low, Hardly is a memorable figure covering the ground between anti-hero and kind-of-hero with a deeply life-affirming message in face of the most digusting evil. This book, though being, on the surface, an adrenaline-fuelled, and, well, dark ride, even manages to contain a subtle sense of humour in our stoner’s survival package. Let‘s call it a hard-boiled „Entwicklungsroman“.“ – M. E., Flowworker

    Dark Ride is Lou Berney at his best. This story of a disaffected scare actor at a theme park who finds his purpose in the defense of two abused children is both thrilling and heartbreaking but ultimately life affirming. The story of a man who finally stands for something after a lifetime of falling for anything will haunt you.“ — S.A. Cosby, author of brilliant crime novels Der letzte Wolf and Blacktop Wasteland

    P.S. At one point in the new novel, Mr. Reetze, there’s a track playing in Elenor’s car that seems to be a Kraftwerk track, possibly from „Autobahn“. I once asked Lou Berney about the music in my beloved „The Long And Faraway Gone“, and that the way he „soundtracks“ it never seems contrived.  Here his answer that will make Lajla smile:

    „Thanks for that! Much appreciated. I don’t have any rules except that — the music has to be an organic part of the story or the character, and not something I’m imposing. Sometimes I’m really influenced by what I’m listening to as I write. While I was writing The Long and Faraway Gone, I listened to a lot of Lindi Ortega, a fantastic roots-country singer-songwriter whose music really helped me get in the mindset of my characters. So I put her in the novel. She’s the singer in the red cowboy boots, at the Land Run, in the background of a conversation between Wyatt and Candace.“

  • „Geschehen in der Vorgeschichte“

    I have a little story to tell. My favourite lyric book of the moment is Jürgen Becker’s „Fenster und Stimmen“ (Suhrkamp Verlag, 1982). I found it in an „Antiquariat“, and fell in love with it again, like decades ago. And while sinking deeper into the words and paintings (by Jürgen’s late wife), I even remember some of the phrases, pictures, words from that summer of 1982 – and looking by my side, I see a younger Michael – reading, dreaming, singing: “I drive my car up a one-way street / Dirty looks from everyone I meet / I ask the Lord my soul to keep / No reply — must be asleep.”  I remember my ars vivendi (haha) of reading poems in those days: staying at every poem for a long, long while, sometimes with Brian Eno‘s Discreet Music floating from the speakers. One day in Begeinöden, near Arnschwang, the mailman rang twice at the food of my hill (all those blue, blue skies around), and brought me this book of poems, along with two ECM records from Jazz By Post, Gleichmannatraße 10. The summer of 1982. I easily remember my love, „Come on, Eileen“ (as well as „Abracadabra“ from the Steve Miller Band) were our songs. I can still see, now, from my window in Bergeinöden, in that other life, in a long gone century, the green, green grass, I hear the soft, soft voice of my goddess making my soul shiver, my heart tremble. Our cries. Our melting. Our small talk before and after sex. It was the 80‘s, and on the turntable „Remain In Light“!

    (Ich bin auf Seite 45 meines geplanten Erzählwerks „Der schwarze Hund von Grasfilzing“. Das Recherchieren der damals gelesenen Bücher und gehörten Platten erweitert Erinnerungsräume. All die Wahrheiten lassen sich dann noch viel leichter erfinden.)