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  • Die letzten Tage

    Als ich vor 25 Jahren nach Berlin zog, war gerade das „Arsenal“, das in der Stadt jedem Filmmenschen vertraute und enorm wichtige „Kommunale Kino“ an den Potsdamer Platz umgezogen. Der Potsdamer Platz sollte ja, wie die Geschichte es in den 1920ern angefangen hatte, wieder der pulsierend-lebendige Mittelpunkt Berlins werden, an der Schnittstelle von Ost und West, Nord und Süd Berlins. In die 8. und 9. Etage des „Filmhauses“ frisch eingezogen: die Filmhochschule „DFFB“ ein (herübergekommen aus alten Westberliner Gebäuden am Theodor-Heuss-Platz), darunter die „(Freunde der) Deutsche(n) Kinemathek“, seit 1970 verantwortlich für die Sektion „Forum“ bei der Berlinale und eben für das Kino „Arsenal“ mit seinen großen Retrospektiven, Werken der gesamten Filmgeschichte, besonderen Gästen und Premieren und so weiter, darunter über mehrere Etagen das Deutsche Filmmuseum — gemeinsam verwalten die Organisationen auch das Filmarchiv der Deutschen Kinemathek, mit Werken aus allen Epochen des deutschen und internationalen Films. Im Erdgeschoss das Filmbuch-Fachgeschäft (kam später, ich weiß nicht mehr sicher, was in den 2000ern in den Räumen war) und die Bar „Billy Wilder’s“, und im Untergeschoss dann das Kino „Arsenal“ und die Studios der DFFB. Auch die Berlinale sollte vornehmlich am Potsdamer Platz stattfinden; immerhin gab es über Jahre dort die höchste Kinosaaldichte Europas (mit den 8 Sälen des mittlerweile geschlossenen CineStar, den 18 Sälen des Cinemaxx, zwei IMAX-Kinos, dem DFFB-Kinosaal, den beiden Arsenal-Sälen und während der Berlinale auch dem „Berlinale Palast“, während des übrigen Jahres ein Theater).

    Das Arsenal war seit jeher der Ort, wo sich in Berlin die wahrhaft Filminteressierten zusammenfanden; das erzählt dir jeder. Als ich nach Berlin kam, hörte ich laufend Leute sagen, dass das neue Arsenal-Kino keinen Charme mehr habe, zu kühl und steril, man da nicht mehr gerne hingehe. Wie der gesamte Potsdamer Platz ja sowieso unter Berlin-Bewohnern unbeliebt war wie kein anderer Ort. Niemand in Berlin schien ihn je zu mögen – obwohl Berlin-Besucher ihn immer gleich besuchen wollten. Zwischenzeitlich ist von der lebendigen Atmosphäre, die vor 20 Jahren dort alltäglich war, nichts mehr übrig. 

    Schon als ich 2004 als Regiestudent an der DFFB begann und über Jahre tagtäglich in den 8. und 9. Stock des „Filmhaus“ am Potsdamer Platz – mein zweites Zuhause für viele Jahre – ging, war bekannt, dass der Mietvertrag fürs Filmhaus und alle Institutionen nur für 20 Jahre, bis 2020 gelten sollte. Was danach geschehen sollte? Niemand wusste es. 

    2020 war ich schon lange nicht mehr an der Filmakademie, aber sehr viele bleiben dieser Institution lebenslang verbunden, und ich besuche bis heute immer wieder mal die noch immer fast wöchentlich stattfindende Dokumentarfilm-Gruppe von Andres Veiel, der an der DFFB seit fast 20 Jahren der wichtigste und kontinuierlichste Dokumentarfilmregie-, ach was sage ich… der kontinuierlichste Regiementor ist. Und auch wenn das Angebot in erster Linie für die aktuell Studierenden gemeint ist, sind Ehemalige und Freunde jederzeit willkommen, auch um eigene Projekte in verschiedenen Stadien zu zeigen und zur Diskussion zu stellen. Gelegentlich trifft man Leute nach Jahren dort wieder.

    2020 also wurde der Mietvertrag, der die DFFB laut Berichten ein Drittel ihres Jahresbudgets kostete, noch um eine Galgenfrist bis 2024 verlängert, und zwischen zahlreichen Direktorenwechseln wurde nach Wegen gesucht, wohin mit der Akademie. 

    Der Dezember stand im Arsenal ganz im Zeichen des Abschieds. Jeden Tag gab es besonders kuratierte, einmalige Filmvorführungen mit Gästen und Einführungen. Die Berliner Film- und Cineastenwelt traf sich dort. Dirk von Lowtzow, Sänger und Texter von Tocotronic, erwähnt in seinem 2020/2021 verfassten Corona-Tagebuch, das er über 365 Tage von seinem 50. Geburtstag an am 20. März 2020 geschrieben hat, immer wieder das Arsenal-Kino und den Potsdamer Platz. Ein Film, über den er in seinem Buch schrieb, wurde Anfang Dezember noch einmal gezeigt, Dirk las zur Einstimmung die Passage aus seinem Buch. Am vorvergangenen Wochenende wurde Ulrike Ottingers achtstündiger „Taiga“ gezeigt, viele Besucher kamen. In den Pausen gab es mongolisches Essen. Nun hat das Arsenal seine Pforten geschlossen, und alle sind wehmütig. Ob das neue Arsenal, das Anfang 2026 auf dem Gelände eines ehemaligen Krematoriums („Silent Green“) in Wedding eröffnet wird, wieder den Charme haben wird, den das Arsenal am Potsdamer Platz hatte, fragen sich einige.

    Die Institutionen des Filmhauses werden in alle Winde zerstreut. Die DFFB landet in Zwischennutzung im Berliner Außenbezirk Adlershof, wo keiner der Studenten freiwillig hingehen würde. Und auch die Dozenten nicht. Später zieht die DFFB in einen Neubau in Wedding oder Moabit. 

    Letzte Woche der letzte gemeinsame Abend der Veiel-Gruppe im 9. Stock des Potsdamer Platzes. (Die weiteren Treffen finden in der Akademie der Künste statt.) Die Büros sind bereits ausgeräumt, Ende der Woche werden alle Türen verschlossen. Manche der anwesenden Studentinnen hatten 2013 hier zu studieren begonnen und machten noch einmal Fotos von sich vor der Fensterfront, wie damals, bei Studienbeginn. Ein ehemaliger Kommilitone, der gemeinsam mit mir 2004 angefangen hatte und mit dem ich im Winter 2004 einen gemeinsamen Dokumentarfilm im ersten Studienjahr gemacht habe, kam auch vorbei. Auch wir machten ein Foto von uns, wo wir einst Jahren tagtäglich zu mittag aßen, auf der Terrasse der 9. Etage, von der vor zehn Jahren ein depressiver Student in den Tod sprang und auf der einer der Direktoren, so geht die Legende, zur Provokation seinen Hintern entblößte und deshalb rausgeworfen wurde. 

    Ich ging ein letztes Mal die Gänge ab, in denen ich so viel Zeit verbracht habe. Meinen letzten Besuch im Arsenal hatte ich am vorletzten Abend, bei einer Vorführung eines persönlichen Dokumentarfilms eines israelischen Filmemachers, den er 2011 gemeinsam mit einem palästinensischen Freund gedreht hatte. Er bricht beim Publikumsgespräch nach dem Film in Tränen aus, sagt, er hätte nie für möglich gehalten, dass sich sein Land so entwickelt, habe abgewunken, als ihm palästinensische Freunde damals von genau dieser Angst erzählten. Er sagt, er erkenne sein Heimatland nicht wieder. Er lebt seit bald zwei Jahren in Lissabon. Es versteht die Welt nicht mehr. Er hofft, dass er im neuen Arsenal wiederkommen darf und dass sein Besuch als letzter Gast des alten Arsenals kein böses Omen sei.

  • Noch ein kleiner Rückblick

    Von denen, die Platten vor die Kamera halten und darüber erzählen, zähle ich Norman Maslow zu den sympathischeren Erscheinungen. Er ist in der Musik drin, ohne sich aufzuspielen. HIER ist sein Jahresrückblick, in dem er von seinen Lieblingsplatten 2024 aus der Abteilung „reissues“ und „archival discoveries“ erzählt (minus Jazz, minus Boxsets). Komplett authentisch, und Ahnung hat er auch. Aber natürlich: jeder hört die Welt auf seine Weise. Ein paar seiner Empfehlungen werde ich mir mal „vorknöpfen“. Und weil er mich darauf neugierig gemacht hat, nenne ich diese Zeitreise irgendwann im Januar „Michael öffnet Normans Plattenschrank“. Die folgende Schallplatte hat nichts mit Normans Auswahl zu tun, wohl aber mit den guten alten Zeiten: bis vor wenigen Tagen wusste ich gar nichts von ihrer Existenz. Und ich kann mir vorstellen, dass sie Mr. Maslow sehr mochte und mag. Aber wie gefällt sie euch? (Und HIER noch ein kleiner Nachtrag: seine favourites in der Abteilung Boxsets 2024, an dritter Stelle mein geliebter American Analog Set).

    „The Blue Yusef Lateef“ Ist bei Speakers Corner 2023 neu aufgelegt worden in einem sehr akkuraten „analog remaster“. Als Cd und Stream ist das Album sowieso auch verfügbar. Erschienen bei Atlantic Records in dem wilden Jahr 1968.

    Besetzung: Sonny Red – Alto Saxophone / Blue Mitchell: Trompete / Cecil McBee, Bob Cranshaw – Bass / Roy Brooks – Drums / Kenny Burrell – Guitar / Buddy Lucas – Harmonica / Hugh Lawson – Piano / Yusef Lateef – Tenor Saxophone, Flute, Tambura, Koto, Percussion / Produktion: Joel Dorn.

    Bei dem Namen des Produzenten werden einige aufhorchen. Hat er nicht einiges, das Richtung „smooth jazz“ ging, auf den Weg gebracht?! Ich horche auf, wenn ich Cecil McBee am Bass erlebe. Ein alter Meister seines Fachs. Sowieso sind hier einige „cracks“ versammelt. Und natürlich: Yusef hat früher von weltoffenen Horizonten geträumt als Don Cherry. Man denke nur an seinen Klassiker „Eastern Sounds“.

    Haben wir hier ein sehr interessantes, spannendes Album vorliegen, oder doch etwas zuviel auf „mood music“ gerimmten „good feel“-Jazz? Oder etwas irgendwo dazwischen? Ich sage mal, irgendwo dazwischen. (m.e.)

  • „Von Captain Underpants zu La Chimera“: Kinotage im Homecinema

    Eröffnet wurde das kleine Filmfestival zwischen den Jahren mit einer Kindervorstellung. Es gab erst „Captain Underpants“, dann Vanilleeis in der Pause, anchliessend „Paddington“, den Film mit dem Bärenflüchtling aus Peru (er würde in einem Europa, in dem die neuen Faschisten das Sagen hätten, kaum Asyl erhalten). Der kleine J., gerade mal 3 geworden, ging mit E., bevor „Paddington“ begann, eine Etage tiefer zu seinen Spielsachen – in dem animierten Film gibt es traurige und unheimliche Szenen, die ihm allzu nah gehen könnten (wer möchte schon mit drei Jahren sehen, wie ein trautes Heim geflutet wird?)

    Es folgen in den kommenden Tagen weitere Filme für das Erwachsenenkino. Ich gebe den Vorführer und erzähle den jeweils fünf Anwesenden (sold out, jede Vorstellung, schon jetzt) zuvor ein paar kleine Hintergründe (bei den Kindern schenke ich mir das natürlich, die wollen immer , dass es gleich losgeht!). Auf dem Programm steht die soundsovielte Wiederholung von „Barry Lyndon“, und ein Film, den ich schon lange sehen wollte, „Das letzte Duell“. Und, klare Kante, ein Film mit Hund, „Arthur The King“ : „a sports adventure drama. The true story follows Michael and his group of racers who compete in the Adventure Racing World Series. Along the way, they meet a dog who begins to follow them around.

    Zu Sylvester dann traue ich dem gesammelten Enthusiasmus aus der Ecke der Verfechter des „magischen Realismus“. Da steht dann um 21.00 Uhr „La Chimera“ auf dem Programm. „Der beste Indiana Jones Film des Jahres“, damit wird dieses Movie augenzwinkernd beworben: „O’Connor is a first-class Jean-Paul Belmondo-like brooder, until he something trips him up and he beams like a little boy“. Denken wir uns ein bisschen Fellini dazu, und es passt.

    Ein Quantum Eskapismus ist, wohldosiert, antidepressiv, Seelennahrung, und schärft die Sinne für die Welt am Abgrund da draussen.

    „Sometimes, of course, gritty,
    dark, real stuff is dripping,
    blood on its tracks,
    from the screen.“

    P.S.: 22.12., morgens. Gestern abend hat der Besuch der „italophilen“ Annelie dazu geführt, dass der Sylvesterplan über den Haufen geworfen wurde, und nun ein anderer toller Film zur Jahreswende her muss. Wir schauten also zu dritt „La Chimera“: wonderful, wonderful! Danach bekam ich Lust, eine Paolo Conte-Platte aufzulegen😉. Auf jeden Fall schaute ich heute morgen nach, was mein Sparringspartner in Sachen Filmkritik im Guardian dazu schrieb, der gute Peter: HIER. Wie er vergab auch ich alle fünf Sterne (aber lest die Besprechung besser erst nach dem Sehen (der Film ist, synchronisiert, als DVD erhältlich. Ob er bestreamt wird irgendwo, weiss ich nicht).

    Eine magische Sequenz (von zahllosen),
    als ich anfangs meinen Ohren nicht traute,
    in einem Film ohnehin voller Täuschungen
    und Trugbilder:
    ein Stück von Kraftwerk!

    Als zweiundzwanzigstes Türchen im Adventskalender der Flowies nun doch ein Blick auf die ersten Sätze von Peter Bradshaws Preisung: „Der neue Film von Alice Rohrwacher ist eine betörende Fantasy-Komödie über eine verlorene Liebe: geschwätzig, aufrüttelnd und feierlich in ihrem absolut unverwechselbaren Stil. Es ist ein Film voller Leben, in dem die Figuren kämpfen, singen, stehlen und die vierte Wand durchbrechen, um uns direkt anzusprechen. Wie schon in ihrem vorherigen Film Happy as Lazzaro stellt Rohrwacher Italien als eine Schatzkammer vergangenen Ruhms dar, als eine nekropolitische Kultur von alter Qualität. Sie kann für die heutigen Artefakte und die von den Toten auferweckten Geister geplündert werden, aber um den Preis einer schrecklichen Traurigkeit: dem Gefühl, sich mit Geistern zu umgeben.“

  • Jazzauslese 2024 (für Rosato)

    Just listen HERE

    Das Trio Loewner / Clausnitzer / Engelbrecht

    Thomas schrieb uns zwei Mitspielern: „… Gestern habe ich unsere Sendung für heute Abend sendefertig gemacht. Das Nachhören und Schneiden war ein großer Spaß und ich denke mir ist es gelungen, die entspannte und unterhaltsame Gesprächsatmosphäre zu bewahren. …“ Kann man sieben Tage in der Audiothek des DLF nachhören.

    P.S. Am Ende der Sendung geht es um das Ziegenhorn, das Karl Seglem erstmals einem grossen Publikum bekannt gemacht hat. Mit allerfeinsten audiophilen Produktionen. Als wir die Sendung aufnahmen, wusste wir noch nicht, dass die Trompeterin und Ziegenhornspielerin Hildegunn Øiseth Ende Januar zu hören sein wird als special guest auf „Under The Surface“, dem neuen Werk des Julia Hülsmann Quartet.

    P.P.S. Aaron Parks hätte ich auch gerne mit den Jungs „gespielt“. Und besprochen. Als ich das Teil bekam, das auch Mr. Whistler sehr schätzt, flog mich eine Erinnerung einer alten Rosato-Besprechung an, von einem früheren Album des 40-jährigen Pianisten: die neue Arbeit ist einmal mehr bezaubernd, an einer Stelle schwebt Zawinuls Wetterbericht durch die klimatisierte Studioluft.

    I would also have liked to ‘play’ Aaron Parks with the boys. And discussed it. When I got the piece, which Mr Whistler also appreciates very much, I was struck by a memory from an old Rosato review, from an earlier album by the 40-year-old pianist: the new work is once again enchanting, at one point Zawinul’s weather report floats through the air-conditioned studio air. „Little Big III“ is something to discover, a perfect tool for time-travellers.

  • 2024 listening list



    I don’t focus much on new music, nor do I prioritize listening to something based on its being newly released. That being said, here’s a random list of some of the stuff I’m listening to which happened to come out in 2024, in no particular order:

    Planetarium – Ben Monder (a monster of a record – (3 CDs and stays coherent and focused all the way thru)

    Touch of Time – Arve Henriksen, Harmen Fraanje – (quiet, meditative sound paintings)

    Milton and Esperanza – Milton Nascimento and Esperanza Spalding -( joyous, affectionate and intimate music)

    Moondial – Pat Metheny – (soothing, calm pieces played on a lovely sounding baritone guitar)

    Y’ Y – Amaro Frietas – (earthy, impressionistic, Amazonian jungle sounds)

    Little Big III – Aaron Parks – (Little Big’s third album might be their best so far – trippy “jam band” music with great writing.)

    Balalake Sissoko and Derek Gripper – Balalake Sissoko and Derek Gripper (Kora master with classical guitarist who has beautifully brought Malian kora repertoire to the guitar)

    Taking Turns – Jakob Bro – (lovely stuff, much of which is related to Black Pigeons.)

    Celebration – Wayne Shorter (perhaps the best live last quartet album)

    First Song – Soren Bebe Trio (another beautiful, understated album by the quiet Danish pianist.)

    The Sky Will Still Be Here Tomorrow – Charles Lloyd – (a gorgeous album by the master of subtlety.)

    Out of Into – Motion I – Joel Ross, Gerald Clayton, Immanuel Wilkins, Matt Brewer and Kendrick Scott – (cutting edge burning state of the art jazz from the next generation of masters.)

    I’ve been following Joel Ross’s career for a long time, as well as Gerald Clayton’s. I’ve seen both of them together and separately a number of times and in different contexts. They are both incredible bearers of the flag, steeped in the history and yet looking forwards, as are all their compatriots. Fearless, essential stuff.


  • The Nineties (a Christmas challenge)

    Hallo an alle hier!

    Ich habe eine kleine Bitte bzw. Aufgabe an alle, die hier lesen (stelle die Frage auch anderen und werde deren Antworten hier teilen). Ich habe, wie vor einiger Zeit zum Thema „beste Musik der 80er“, an einer großen Musikfeunde-Querschnitt-Listenschreiberei mitgemacht, wo wir alle unsere jeweils „100 Alben der 90er für die Ewigkeit“ aufgelistet haben. Und daraus wurde dann eine Gesamtliste erstellt. 

    Bevor ich nun meine persönliche Liste kundtue, würde ich gerne von vielen anderen, vor allem auch von vielen, die eben nicht wie ich in den 90ern Teenager waren — und von möglichst vielen, die sich in einem anderen musikalischen Umfeld bewegt haben als die meisten, die an der genannten Umfrage teilgenommen haben, erfahren: 

    Was würdet ihr persönlich als die „besten 10“ (oder 20 oder 25 … gerne bei Bedarf auch mehr oder weniger) Alben der 1990er nennen? Ich meine explizit nicht: die objektiv besten oder popkulturell als relevant geltenden Alben. Sondern: diejenigen, die euch persönlich mit Blick von heute am meisten bedeuten, am stärksten berühren,  die ihr auf einen einsame Insel mitnehmen würdet, wenn ihr alle anderen Alben wegwerfen müsset. Die Musik, die für euch ganz persönlich eure 1990er auf den Punkt bringen. 

    Hello to everyone here!

    I have a small request or challenge for those who are reading this (I’ll also ask others and will share their answers here). I took part in a big music lovers poll as I did some time ago on the “best music of the 80s” issue, where we all now ranked our “100 albums of the 90s for eternity”. And then a collective list was created from these.

    Before I share my personal selection, I would love to hear from many others, especially those who were not teenagers in the 90s like myself – and from as many people as possible who found themselves in different musical environments than most of those who took part in the aforementioned poll:

    Which would you personally name as the „best 10“ (or 20 or 25 … you are welcome to pick more or less if you like) albums of the 1990s? I clearly don’t mean: those albums that are considered to be objectively the best or the most relevant in terms of pop culture. But rather: the ones that matter most to you personally with today’s perspective, that touch you the most, that you would take with you to a deserted island if you had to throw away all the other albums. The music that, for you personally, sums up your 1990s.

    Thanks to everyone.

    (ijb)

  • Richards Liste

    „Ich mag Straßenmusiker, solange sie keine Verstärkung oder voraufgezeichnete Unterstützung verwenden. Einige von ihnen leben in meinem Kopf weiter. Ein Klarinettist in einem kleinen Garten in der Nähe des Taksim-Platzes in Istanbul im Jahr 1968. Ein Sänger und ein Akkordeonspieler, die 1994 vor einem Einkaufszentrum in Rosario Carlos Gardel huldigen. Ein fließend boppischer Altsaxophonist vor einem Hamburgerladen in der Innenstadt von Atlanta im selben Jahr. Ein älteres Quartett in einem Park in Sofia vor 25 Jahren.

    Der oben abgebildete Akkordeonist spielt regelmäßig vor dem British Museum in Bloomsbury. Er kommt aus Rumänien. Eines Tages in diesem Herbst hörte ich ihn, als ich auf dem Weg von einem schnellen Mittagessen im Caffè Tropea war, dem italienischen Restaurant im Park am Russell Square. Es ist wahrscheinlich mein Lieblingsrestaurant in London und wird seit über 40 Jahren von einer Familie mit Wurzeln in Kalabrien geführt. Einwanderer, was?

    An diesem Tag spielte der Akkordeonist das Thema von Nino Rota aus Der Pate. Während ich zuhörte, ging eine junge Frau vorbei, blieb stehen, holte eine kleine Kamera aus ihrer Tasche und bückte sich, um ihn mit einer raschen, ökonomischen Bewegung zu fotografieren, die erkennen ließ, dass sie wusste, was sie tat. Ich habe ein einziges Bild mit meinem iPhone aufgenommen, das einen der glücklichsten Momente des Jahres festhält.“

    Soweit Richards Williams‘ kleine Einstimmung auf die Liste, in seinem wunderbaren Musikblog „The Blue Moment“. Sein Lieblingsbuch des Jahres ist übrigens Samantha Harveys „Orbital“ (zu deutsch „Umlaufbahnen“), auf Platz 6 seiner Alben des Jahres findet sich eine ECM-Veröffentlichung vom September 2024, von deren Existenz ich bis soeben nichts wusste. Interessant. Und sonst? Überschneidungen und Überraschungen. Michael Shrieve habe ich zuletzt in den Siebzigern an der Seite von Santana erlebt. (m.e.)

  • my 20 fave albums 2024

    01. Beth Gibbons: Lives Outgrown 
    02. Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowlege Its Grace
    03. Erik Honoré: Triage
    04. Fred Hersch: Silent. Listening 
    05. Jessica Pratt: Here In The Pitch 
    06. Anna Butterss: Mighty Vertebratae
    07. Jeff Parker ETA IVtet: The Way Out Of Easy
    08. Jakob Bro: Taking Turns (my radio review: HERE)
    09. Ganavya: like the sky i‘ve been too quiet
    10. Einstürzende Neubauten: Rampen
    11. Nala Sinephro: Endlessness 
    12. Kalma / Chiu / Honer: The Closest Thing To Silence 
    13. Eric Chenaux: Delights Of My Life  
     
    14. Laurie Anderson: Amelia
    15. Danish String Quartet: Keel Road** 
    17. Laurence Pike: The Undreamt-of Centre 
    18 Andrew Wasylyk & Tommy Perman: Ash Grey And The Gull Glides On 
    19. Pan American & Kramer: Reverberations of Non-Stop Traffic on Redding Road 
    20. Tindersticks: Soft Tissue

  • „Weltraum, Mystery, Western, Fussball“: Salman Rushdie‘s 2024 favourite books (and more)

    In der Vorweihnachtszeit versuche ich oft, Schmöker mit Tiefgang zu finden. Unvergessen die Tage der Kindheit, in denen ich an der Nordsee oder daheim im Weissdornweg einen Klaus Störtbecker-Roman las, „Die Geheimnisse von Paris“ von Eugene Sue, oder „Die Frau in Weiss“ von Wilkie Collins, bald darauf in ZDF oder ARD verfilmt mit, wer erinnert sich noch an eine Zeit, in der Frauen solch einen Vornamen trugen, Heidelinde Weiss. So leicht wie früher ist das nicht, so leicht ist man halt nicht mehr zu beeindrucken. Aber mit ein paar Tricks ist die Fährte potentieller Lieblingsbücher aufzunehmen. Und wer immer durch die folgende verzweigte Sammlung von Empfehlungen den einen oder anderen Leserausch erfährt, möge es mir hinterher mitteilen. „Umlaufbahnen“ ist wahrscheinlich das Buch, auf das sich die Flowworker (und special guest Salman😉) am ehesten einigen könnten.

    Wir werden stöbern und magische Bücher finden!

    „My favourite novel this year was James (Mantle) by Percival Everett. By giving the runaway Jim from Huckleberry Finn his own voice (or voices) and his dignity – James, not Jim – he adds a dimension that’s missing from the original, and, I think, improves on it. I loved and admired Hanif Kureishi’s memoir Shattered (Hamish Hamilton), in which he brilliantly faces a physical catastrophe with honesty, courage, and his characteristic dark humour. And if I find this year’s Booker winner, Orbital (Vintage), by Samantha Harvey in my stocking I’ll be very pleased. I’m obsessed by space travel myself, and this is a writer I don’t know and I should clearly change that.“

    Eine feine Tradition des Guardian, viele Schriftsteller nach ihren Lieblingsbüchern zu befragen. Ich bin schon öfter fündig geworden, gerade bei „favourite writers of mine“. In diesem Fall war ich etwas schneller als Salman, besser gesagt, zwei seiner Bücher habe ich schon eine Weile, und sie liegen auf meiner to-read-Liste an zweiter und dritter Stelle. Die Bücher von Percival und Samantha liegen in deutscher Übersetzung vor. Ich hoffe sehr, dass in Samanthas Buch auch Musikalisches reinspielt, dann würde ich, wenn es nicht Mozart oder Beethoven wären, gerne in die Klanghorizonte im März einbauen. Denken wir nur an das, was Astronauten einst auf Apollo-Missionen ins Weltall mitnahmen!


    Der Roman, der bei mir an erster Stelle auf dem Stapel meines Vertrauens liegt, ist der jpngste Roman von Liz Moore, der übrigens Ende Januar bei C.H. Beck verlegt wird: ich habe gerade mal füfzig Seiten gelesen, und schon hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen! Schon der Vorgänger, „Long Bright River“, auch bei Beck rausgekommen, war grosse, einsame Klasse. Sie begann übrigens als Musikerin, bis sie herausfand, dass das Schreiben ihre Berufung war. Ende März wird Liz Moore zur LitCologne kommen, und vermutlich werde ich sie dort – nicht nur zu ihrem neuen Buch, sondern auch zu ihren „desert island albums“ – befragen. Denn, es ist kein Klischee, wenn ich sage, dass Moores Schreibstil einen ureigenen „Sound“ besitzt.


    Und, beim Schmökern durch die Guardian-Liste, kam mir auch der neue Roman von Kevin Barry vor Augen, der zu meinen geheimen favourite writers zählt, ein lupenreiner „Western“. Dieser Autor ist so richtig von noch keinem deutschsprachigen Verlag entdeckt worden. (m.e.)

    Und, um dem ganzen noch einen Dreh zu geben, hier die Leseräusche 2024 von Kevin Barry (natürlich ebenfalls aus dem Guardian), und diese Deepl Übersetzung lasse ich mal so stehen, ohne ihre kleinen lustigen Übersetzungsfehler zu korrigieren (David Peace schätze ich sehr) …

    „Der treibende Rhythmus und die vorwärtsdrängende Erzählkraft der Romane von David Peace gehören zu den Glanzstücken der zeitgenössischen Belletristik, und Munichs (Faber), seine Erzählung der Flugzeugkatastrophe von Manchester United im Jahr 1958, war ein Buch, auf das es sich zu warten lohnt. Eine obsessive, hart erkämpfte Erzählung, emotional, aber kühl dargestellt, ist es so gut wie alles, was er bisher geschrieben hat. In Cathy Sweeneys Breakdown (W&N) verlässt eine Frau ihr Haus in einem Dubliner Vorort und versucht, sich von den Fesseln ihres Lebens zu befreien. Ein brillant beherrschter Roman – eine Autorin mit großem Talent, das sie zu nutzen weiß. Ein würdiges Gegenstück zu Miranda Julys großartigem All Fours (Canongate). Für meinen eigenen Strumpf wurde ich lange genug für meine Ignoranz gescholten, weil ich Janet Frame nie gelesen habe, also ist es an der Zeit, mit The Edge of the Alphabet (Fitzcarraldo) zu beginnen.“