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  • „End To End“ – eine Erinnerung an Barre Phillips und eine Begegnung mit Ray Davies

    I bless the light
    I bless the light that shines on you, believe me
    And though you’re gone
    You’re with me every single day, believe me
    (The Kinks, Days)

    1981 erschien im österreichischen Bläschke-Verlag mein Lyrikband „Die Landung der fliegenden Teppiche“, in der Zeit, als ich in der Fachklinik Furth i.W. für Alkohol- und Medikamentenabhängige meine erste Stelle als Psychologe antrat, mit jeder Menge Schallplatten als Teil meines survival kit in einer Gegend, die den meisten von uns wie das absolute Hinterland vorkam. Damals lief in meiner Wohnung im Örtchen Bergeinöden auch, neben all dem üblichen Verdächtigen, „Send Me A Lullaby“, die erste raue Platte der Australier, und die Go-Betweens und ich, das war eine Beziehung, die von Dauer war.

    In dem Büchlein (der Umschlag war ganz weiss gehalten mit blauen Lettern) war eine Gruppe von Gedichten dem Album „Three Day Moon“ von Barre Phillips gewidmet. Tatsächlich waren die Titel der Stücke dieses umwerfenden Albums auch die Titel der Gedichte, und ich schrieb die einzelnen Texte, während die jeweiligen Stücke liefen. Ich musste also recht oft die Tonnadel auf den jeweiligen Anfang stellen. Leider habe ich kein Exemplar des Buches mehr zur Hand , sonst hätte ich für Flowworker das schönste davon rausgesucht. An die Schönheit der Musik kamen meine Texte nicht wirklich heran, und „Three Day Moon“ wird heute, nach Olafs und Martinas Hamburg- und Zeitreisen, auf den Plattenteller gelegt. In memory of Barre Phillips!

    Einem anderen hero meines musikalischen Lebens bin ich heute Nacht im Traum begegnet, Ray Davies. Der Ort war ein Kammermusiksaal in London, dem Purcell Room nicht unähnlich. Dort wurde seine neue Platte gespielt, auf einer Surroundanlage, und sie war bei ECM erschienen. Ich hielt das Album in der Hand: auf der Rückseite stand unten in kleinen Buchstaben der Name Ray Davies, und eine schwarze Linie führte nach oben, wo in dem gleichen Schrifttyp „piano“ stand, keine „vocals“.

    Etwas von der Musik bekam ich zu hören, es war strenge elektroakustische Musik, allein die sparsamen Linien dies Klaviers setzten sich mit ihrem meldischen Sound von gelegentlich abrupten Geräuschsalven ab. Sehr seltsam. Ray Davies sass im Hintergrund, ich ging rüber und begrüsste ihn mit freundlichen Worten, und als ich ihm sagte, ich hätte nie damit gerechnet, ihn bei ECM zu erleben, schmunzelte er vielsagend. In einem Bistro nebenan traf ich eine Frau namens Lajla. Kein Witz. (Eine alte Spielregel der Traumdeutung: Träume sind so fantastisch: wenn du sie erzählst, schmücke sie nie aus, erfinde nichts dazu!)

    Gestern kam, im realen Leben, mit der Post eine Neuauflage der Platte „Headquarters“ der Monkees, über die Norman Maslow im Internet was erzählt hatte, ich dachte an meinen im September verstorbenen Blutsbruder Matthias, und wunderte mich einmal mehr, wie tief der Schmerz ging, obwohl wir nach der Kindheit ohne jeden Streit andere Wege gingen. Natürlich hatte ich mir das Album als Fahrkarte in die Kindheit besorgt, aus purer Nostalgie. Es ist ein wenig Zeit ins Land gegangen, die Teppiche fliegen wieder, diesmal ins Nirgendwo.

  • Through the 90s und Der Walkman-Effekt

    Es ist schon eine Weile her, dass Ingo aufforderte, 25 unserer Lieblingsalben den 90ern, die wir immer noch mögen, aufzulisten. Dabei sollten die Alben auch aus den 90er Jahren stammen. Innerhalb weniger Stunden gab es mehrere Listen und die Zahl der Kommentare ging Richtung Rekordhöhe. Im Verlauf dieser comments schrieb Ingo, er würde sich für meine Liste interessieren, und deshalb habe ich mich damit beschäftigt, obwohl solche Listen nicht mein Ding sind. Ich brauchte Zeit, weil ich in Ingos Vorgaben nicht denke. Was ich in den 90ern gehört habe und was damals eine Bedeutung für mich hatte und mir heute noch gefallen würde, stammte nicht unbedingt aus den 90ern. Zum Beispiel „Songs for the ten Voices for the two Prophets“ von Terry Riley, aber auch alte Pink Floyd Platten und ein paar Glanzstücke von Genesis. Umgekehrt habe ich einiges aus meiner Liste erst später entdeckt. So hatte mich Ingo vor ein paar Jahren in beeindruckender Einschätzung meines Musikgeschmacks auf „Plastikman: Consumed“ (1998) aufmerksam gemacht, ein Album, das seither auf dem Stapel meiner ständig gehörten CDs liegt. Das Jahrzehnt der 90er brachte eine starke Veränderung in meinem Musikhören, für mich einen Quantensprung. Anfangs habe ich noch mit der Geige in Orchestern gespielt (ich erinnere mich an Brahms und an L’Arlésienne von Bizet); im Februar 1995 entdeckte ich Michaels Sendung „Radio Unfrisiert“ im Hessischen Rundfunk, verlor nach wenigen Sendungen diese Spur, und am Ende des Jahrzehnts war ich süchtig auf seine Klanghorizonte, die meinen Musikgeschmack mehr als den jeden anderen Flowworkers geprägt haben. Hier also meine Liste, die zu keiner verwertbaren Antwort im Rahmen von Ingos Studie beitragen kann. (Und die Reihenfolge hat auch keine Bedeutung.)

    01) The The: Slow Emotion Replay (Der Titeltrack erinnert an die Titelmelodie der Serie „Northern Exposure“ und ist eventuell sogar ganz identisch. Dieser Track gefällt mir aber nicht, aber der Vorspann von „Northern Exposure“ ist maximal cool. Was ich immer noch gern höre, sind die Scenes from Arctic Twilight. Das ist eine ruhige elektronische Musik ohne Gesang.

    02) US 3 Hand on the Torch (das ist die Beschriftung. Die Musik erinnert mich an die Stimmung in der Dachgeschloss-WG eines Freundes, dafür genügen schon die ersten Takte.)

    03) R.E.M.: up

    04) Sonic Youth: Washing Machine

    05) Radiohead: Kid A

    06) Radiohead: OK COMPUTER

    07) Labradford: A Stable Reference

    08) Labradford: Labradford

    09) Labradford: Prazision LP

    10) Labradford: Mi media naranja

    11) Labradford: El luxo so

    12) Plastikman: Consumed

    13) Bark Psychosis: Codename: Dustsucker

    14) Bark Psychosis: Independency

    15) Boards of Canada: Skam

    16) Boards of Canada: Music has the right to children

    17) Boards of Canada: Twoism

    18) Nils Petter Molvaer: Khmer

    19) Eivind Aarset: électronique noire

    20) Underworld: Dirty Epic Cowgirl

    21) Flying Saucer Attack: Further

    22) Jon Hassell: City: Works of Fiction

    23) Bugge Wesseltoft: It’s snowing on my piano

    24) The American Analog Set: the golden band

    25) The American Analog Set: Through the 90s: singles and unreleased

    Beim Aufräumen meiner Sammlung von Audiokassetten habe ich einige Teile gefunden, als Originale aus den 90ern, die mich nie begeistern konnten:

    Sonic Youth: Daydream Nation
    Keith Jarrett/Gary Peacock/Jack DeJohnette: Tribute, ECM 1990, zwei Kassetten

    Mit der Wiederentdeckung der Audiokassette geht auch ein angepasstes Angebot an Abspielgeräten einher. Abgesehen davon, dass kleine Kompaktanlagen auf dem Billigsektor wieder Kassettendecks haben und das Angebot an Walkmen mit und ohne Digitalisierungsfunktion und mit zeitgemäßer Stromversorgung beachtlich geworden ist, bietet FiiO ein upper class upgrade-Modell des Walkman an, mit Lithiumbatterie, möglichem Strombetrieb durch die Powerbank und dem Versprechen eines 100-prozentigem Analoghörgenusses.

    Mein liebster Theorie-Reader aus dem Jahrzehnt versammelt Essays zur Postmoderne: „Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik“ 1990 bei Reclam Leipzig erschienen, mit Beiträgen von Michel Foucault, Paul Virilio, Gilles Deleuze, Hélène Cixous, Luce Irigaray, Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard und anderen. Philosophieästhetisch war das Buch damals Avantgarde und es ist immer noch lesenswert und antiquarisch erhältlich. Heute habe ich nochmal den Essay „Der Walkman-Effekt“ von Shuhei Hosokawa gelesen. Danach besteht die Bedeutung des Walkman in der Distanz, die er zwischen dem Anderen und dem Ich entstehen lässt. Der Walkman verschafft ein Überlegenheitsgefühl, er macht denjenigen, der ihn aufgesetzt hat, zum Geheimnisträger und in der Gesellschaft des Spektakels zum Schauspieler, während die anderen nur Zuschauer bleiben.

  • Zwischen den Jahren

    Eigentlich versuche ich zwischen den Jahren so wenig wie möglich zu machen – Fernsehen, lesen, Musik hören, essen, trinken, schlafen. In diesem Jahr hatten sich die „Kinder“ (die sind 21 und 25 Jahre alt, deswegen die Anführungszeichen) gewünscht einen Ausflug zu machen. So kam es, dass wir gestern (praktisch zwischen der dritten Staffel von The Bear) mit der Regionalbahn nach Hamburg (und zurück) gefahren sind.

    Wenn man von Bahnfahrten redet, ist das Gejammer und Gezeter groß, und ja: die erste Bahn ist ausgefallen. Allerdings ging eine viertel Stunde später schon die nächste Verbindung Richtung Hamburg. Und ja: auf dem Rückweg mussten wir eine Stunde im Zug stehen. Es sind am Samstagnachmittag einfach viele Menschen im Großraum Hamburg unterwegs. Die Stadt war auch ansonsten brechend voll.

    Wahnsinnig viel haben wir nicht gemacht. Mit der U-Bahn ging es weiter Richtung Schanzenviertel. Dort sind wir die Marktstraße hoch und runter flaniert, haben ein lecker Ciabatta gekauft, bei Zardoz habe ich das erste Album von Codona in recht gutem Zustand erworben (und die kleine Hündin ist sehr freundlich mit Hundekeksen versorgt worden – ich vermute, das war ihr Highlight der Fahrt, ansonsten scheint ihr Hamburg nicht so gut zu gefallen). Anschließend haben wir im Bullerei Deli lecker gegessen. Wir waren im April schon einmal dort gewesen, damals hat es drei von vier Personen gut geschmeckt, genau so war es diesmal auch – nur das im April meine Frau, gestern mein Sohn etwas enttäuscht war.

    Anschließend Kaffee trinken, dann habe ich längere Zeit in einem Wollladen gewartet. Ich bin da recht routiniert drin und zum Glück gab es auch in diesem Geschäft ein bequemes Sofa, von dem aus ich das bunte Treiben beobachten konnte. Danach haben sich unsere Wege noch einmal kurz getrennt, so dass ich schnell noch mal in die Plattenrille gehetzt bin, um dort zwei Platten (Drum Ode von David Liebman, Landsapes von Rena Rama) zu erwerben. Danach ging es mit der Regionalbahn wieder nach Hause, wo wir das Ciabatta vor dem Fernseher und den letzten Folgen von The Bear verputzten

    Stehen gelassen habe ich in der Plattenrille (unter anderem) Three Day Moon von Barre Phillips, der zwischen den Jahren verstorben ist – R.I.P.

  • Eine kleine Veränderung der Wahrnehmung

    Das Album steht ziemlich einzigartig und ein wenig einsam in der Landschaft ihrer Musik herum. Jedenfalls bei mir daheim, und ich kenne ihre Musik, seit ich mit 16 „Blue“ zu Weihnachten bekam, ein Album, das reinhaute in meine junge Seele und meinen jungen Körper wie wenig anderes.

    Als Jahre und Jahre später „The Hissing Of Summer Lawns“ erschien, immer noch in den Siebzigern, wo so vieles, was sie anfasste, zu Gold wurde, hagelte es ein paar böse Verrisse, was leicht passiert, wenn Erwartungen enttäuscht werden. Ich mochte das Werk immer ganz gerne, aber es war mir nie so nahe wie Hejira oder Blue, und kam auch nicht an meine intensiven Stunden mit Court and Spark umd Mingus heran. 

    Das änderte sich vorgestern. Ich glaube, wenn man eine alte Platte aus den Siebziger Jahren wieder hört, gleichen sich die „neuen“ Hörerlebnise den alten an. Klar, kennen wir! Auch das, was man darüber dachte, findet sich in den jetzigen Empfindungen gespiegelt. 

    Es war also, gelinde gesagt, eine kleine Überraschung, als ich gestern „The Hissing Of Summer Lawns“ erlebte, erst in Quad (einer wundervollen Surroundversion, ich hatte sie vor einem halben Jahr schon gehört, aber da passierte noch nichts), später dann, als Abgleich, in der Stereoversion. 

    Wie nie zuvor, war ich „in der Musik“ drin. Weder alte Reflexe noch Einordnungen funktionierten, und ich hörte jedes Lied, wenn nicht wie zum ersten Mal (das war ohnehin nicht so beglückend, damals), sondern, als würde ich mich ganz anders duch die Klänge hindurch bewegen. Es war fast schon surreal, wie die Lieder, wie Jonis Gesänge, und zwar alle auf diesem Album, mich einfingen, umgarnten, beseelten. Und der einzige Zaubertrank, den ich zuvor zu mir genommen hatte, war ein kaltes Glas Ovomaltine.

  • [AT 11]: Asmus Tietchens: Musik unter Tage

    Um hier die im Manafonistas-Blog begonnene Tietchens-Reihe fortzusetzen: 

    Ein an Asmus‘ Filteraltar hängender, wenn ich es richtig erinnere, handgeschriebener Zettel sagte einst: „Das Ziel ist der Wahnsinn“. Leider habe ich das Foto nicht mehr. Aber es gibt nur wenige Einspielungen des Meisters, die mir so unmittelbar an diesem Gerät entstanden zu sein scheinen wie diese fünf Tracks, auch wenn als Soundquellen lediglich der Moog Sonic Six und der Minimoog angegeben werden.

    Die Musik unter Tage ist eine Cassettenveröffentlichung, 1983 mit unbekannter Auflage auf dem amerikanischen Aeon-Label erschienen. Als solche war sie letzter Teil einer Art Serie, zu der noch die weiteren Cassetten-Releases Musik an der Grenze (1982), Musik im Schatten (1982) und Musik aus der Grauzone (1981) gehören. 

    Die Musik unter Tage passt in diese Reihe: bohrend, undurchschaubar, ziemlich lichtlos. Mit Ausnahme des Titels „Gelber Himmel“ bestehen die Tracks aus jeweils einem liegenden, durchweg undefinierbaren Dauerklang, der überlagert wird von gefiltertem Rauschen und/oder Klängen, die mir im wesentlichen mit selbstoszillierenden Filtern erzeugt zu sein scheinen. Die Tracks 1 („Strenge Klänge“) und 2 („Dämmerattacke“) gehen dabei ineinander über, ebenso die Tracks 4 („Maschine 6B“, mit 18 Minuten Spieldauer das längste Stück) und 5 („Einer 5“). Lediglich Track 3, „Gelber Himmel“, kommt ein wenig munterer daher, hier ist ein Konglomerat diversen Gefiepses zu hören, das auch ein wenig im Stereopanorama umhergeschickt wird. „Einer 5“, das letzte Stück, ist eine Art Kombination aus beiden Bauprinzipien. 

    Die für Tietchens gelegentlich typische ökonomische Denkweise, wie wir sie auf späteren Platten noch näher kennenlernen werden, zeigt sich darin, dass einiges Klangmaterial dieser Stücke in späteren Einspielungen wieder auftaucht.

    Verglichen mit den deutlich klarer ausgearbeiteten Sky-Einspielungen ist dies ein alles in allem eher simpel strukturiertes Werk; auch innerhalb der Cassetten-Werkgruppe erreicht Tietchens hier nicht die Qualität der Musik an der Grenze. Viel Zeit, behaupte ich mal, hat er in die Aufnahmen nicht investiert. Insofern ist dies sicherlich keine seiner wichtigeren Einspielungen, aber seine Handschrift immerhin wird schon deutlich; da ist jemand erkennbar „auf dem Weg“. Das macht die Musik unter Tage dann doch zu einem Puzzleteil seines Gesamtwerks.

    Musik unter Tage
    Aeon (Fort Collins, Colorado, 1983), keine Bestellnummer
    Keine spätere Wiederveröffentlichung

  • Die letzte Endeckung des Jahres

    Tommy Perman und Andrew Wasylyk made a wonderful album on Clay Pipe Music, and they will be my first interview partners in 2025. „Ash Grey And The Gull Glides On“ will be, simply said, a revelation for all friends of Cluster, Moebius & Roedelius with or without Eno, Boards of Canada, the moody side of experimental electronica, though it sounds different from all names mentioned, and never strolls along well troden paths. You can easily fall for this album full of surprises and sidesteps – the old playbook doesn‘t work here. A little wonder.

    Einer schreibt, und so launig versuchen manche Kritiker zu umschreiben, was sie hören, mit Stichwörtern und Vergleichen, die allesamt ein wenig hinken und treffen zugleich. „Das eröffnende, gedämpfte, flatternde Climb Like A Floating Vapour beginnt fast wie Dub-Techno, bevor Saxophon und Klavier es in etwas verwandeln, das an eine moderne Soft Machine erinnert.“ Oder : „“Remain In Memory“Full Of Light ist ein sehr cooler Kontrabass-Groove. Das Stück, das sich um mehrere Mantras – „Hand zu Hand, Herz zu Herz“ – gruppiert, bewegt sich in einem Bereich zwischen den US-Post-Rockern Tortoise / Isotope 217 und Sun Ra’s Twin Stars Of Thence“.Ash Grey And The Gull Glides On“ ist im Nachhinein bei meinen zwanzig Lieblingsalben des Jahres gelandet.

  • Fernfahrer

    Meine kleine Reihe über die Suche nach meinem Blutsbruder ist noch nicht zuende erzählt. Zwar endete die Suche selbst so traurig wie nur irgend möglich, mit der Nachricht seines Todes Ende September, und in dem Bewusstsein, ihn im Juli nur um drei Häuser verpasst zu haben. Aber natürluch brachte das alles eine Flut von Erinnerungen mit sich aus der Zeit zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr, ein Quantum Wehmut, und die Wederbegegnung mit alten Volksschulkameraden, die ich erstmals nach Ewigkeiten wiedersah. Ihnen werde ich demnächst wieder begegnen, „Im Alten Dorfkrug“ oder sonstwo im Südwesten meiner alten Heimat. Ich hoffe, K. besiegt seine Erkrankung, M. hält weiter die Ohren steif, und ich sehe endlich seine Schwester wieder, das „Gedächtnis vom Weissdornweg“. Dann kramen wir noch ein paar alte Dinge zusammen.

    Eine rein sentimentale Angelegenheit? Es geht nicht nur darum, sich an alten Geschichten zu erfreuen – mit der da stets mitschwingenden Traurigkeit. Oder doch – vielleicht ist das schon alles. Naja, da ist schon noch mehr im Spiel. Wäre meine Kindheitsgeschichte mit Matthias ein Film, im Soundtrack wäre sicher „The Fun Of Watching Fireworks“ dabei, vom American Analog Set. Und lauter alte Lieder aus der Zeit zwischen 1961 und 1966, auch alte Schlager, sowieso „unser“ Donovan, und eine Fernsehserie aus der alten Bundesrepublik, „Fernfahrer“, die damals, Sonntags um die Mittagszeit, über die Mattscheiben flimmerte, und Matthias und ich sahen die eine und andere Folge gemeinsam. Es war uns ein Fest. Komm, wir machen eine Zeitreise: HIER ist eine Folge daraus.

    (Als das dritte Schuljahr begann, kingelte Matthias bei mir. Mein Vater hatte mir gerade eindringlich mitgeteilt, jetzt begänne „der Ernst des Lebens“. Das erzählte ich Matthias sofort, noch bevor wir über den Spielplatz gingen, und bei Zurli klingelten. Ich lachte laut: „Mattes, das erzählte mir mein Vater schon letztes Jahr. Aber der Ernst des Lebens kann doch nicht jedes Jahr anfangen. Das geht doch gar nicht.“ Wir hatten unseren Spass daran, die Vernunft unserer Eltern so kindlich wie gewitzt auszuhebeln!)

  • 2024: Reissues & Discoveries

    Wie in jedem Jahr habe ich viele (zu viele ?!) Schallplatten gekauft, die nicht 2024 erschienen sind, auf Flohmärkten, in Fachgeschäften. Hier eine Auswahl in unterschiedlichen, zum Teil spontan zusammengezimmerten Kategorien, ohne Reihenfolge.

    Reissues

    Taylor / Winstone / Wheeler: Azimuth // Aphex Twin: Selected Ambient Works II // Ank Anum: Song From The Motherland

    Solo

    James Newton: Axum // Steve Lacy: Straws // Rick Deitrick: Gentle Wilderness

    ECM

    Rabih Abou Khalil: Nafas // Egberto Gismonti: Dança Dos Escravos // Rainer Brüninghaus: Freigeweht

    Jazz

    Andreas Røysum Ensemble: Mysterier // Baikida E.J. Carroll: Orange Fish Tears // Pharoah Sanders: Thembi

    Space

    Tangerine Dream: Phaedra // Tony Scott: Music For Voodoo Meditation // Alva Noto & Ryuichi Sakamoto: Insen

    Into The 90ies

    Isotope 217: The Unstable Molecule // Karate: Unsolved // Jim O’Rourke: Eureka

    The Roots Of The Rhythm Remain

    Don Cherry & Latif Khan: s/t // Batsumi: s/t // Musiques & Tradition Du Monde: Bali (Musique Sacrée)

    Musick To Play In The Dark

    Tor Lundvall: Last Light // Henryk Gorecki: Symphony Of Sorrowful Songs (Gibbons, Penderecki, PNRSO) // Bark Psychosis: Codename: dustsucker

    Bonus – Time Of The Season

    In diesem Jahr hat Paul Auster seine kosmische Adresse geändert. Auch ihm zu ehren lese ich morgen „Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“ vor, die man sich HIER und HIER anschauen (die beiden Ausschnitte folgen in dem Film Smoke aufeinander) und HIER im Original lesen kann. Frohes Fest!

  • A playlist of dreams


    If they would ask me to make a surprising Klanghorizonte hour on the last evening of 2024, it would look like this, including reissues and albums from the near future besides music from the near future, as well as  stuff at hand by now. Of course, one piece or another will end up in my March show, and maybe all. Merry christmas!

    01 – Trees Speak: Timefold
    02 – Feliciá Atkinson: Space As An Instrument
    03 – Andrew Wasylyk / Tommy Perman: Ash Grey And The Gull Glides On*
    04 – Rainer Brüninghaus: Freigeweht
    05 – Jon Balke: Skritum**
    06 – Joni Mitchell: Hejira Demos
    07 – Ambrose Akinmusire: Honey From A Winter Stone
    08 – Sam Amidon: Salt River***
    09 – Alice Zawadski / Fred Thomas / Misha Mullova-Abbado: Za Górami 
    10 – V.A. – Even the Forest Hums: Ukrainian Sonic Archives 1971-1996 
    11 – Terry Riley: Shri Camel**** 

    * an interview with Tommy Perman or even both men from Scotland is in preparation.  

    ** the forthcoming album of Jon Balke will be released at the end of February. From the very first note, Norway’s Jon Balke proposes a new sonic dimension with Skrifum, continuing a line of inquiry begun with Warp (2016) and Discourses (2020), solo piano albums which also processed the acoustic environment in which the music was heard.

    *** „whether he’s covering Mariah Carey like she’s Bessie Jones or working with the likes of Nico Muhly and Thomas “Doveman” Bartlett, Sam Amidon has always pondered just what’s so folk about folk music. For Salt River he promoted the experimental jazz saxophonist Sam Gendel from sideman to full collaborator, and together, they emphasise the synthlike quality in Amidon’s spidery guitar playing and the rhythmic elements of old folk tunes like “Golden Willow Tree”. Best might be their interpretation of the traditional ballad “Tavern”, which thrums with New Wave percussion, reeling fiddle and a breathtaking solo by Gendel. Folk bends under their queries, but doesn’t break.“ (Uncut, Jan. 2025)

    **** i lost a copy of this Riley album years and years ago. I just remember I loved it,  and may look for a wonderful passage for the closing minutes.