• Ein Hauch von Wehmut (für Renata Calani)

    Einige Soloalben von Haruomi Hosono habe ich in den letzten Jahren (never too late) entdeckt, und sie haben mir richtig gut gefallen, abseits rein historischer Würdigung, ja, mitunter gingen sie richtig tief. Wiederkehrende Elemente sind das Kindliche, das nichts Kindisches versprüht, sowie das Naive, das kaum einmal ohne doppelten Boden daherkommt. Bin gespannt, was Jan Reetze, unser „Hosono-Experte“, dazu vermelden wird.

    David Sheppards Besprechung findet sich in der Oktoberausgabe von „Mojo“, und zusammen mit dem wohl letzten Streich, „Love“, von Kevin Rowland und seinen Dexy Midnight Runners, bin ich sehr neugierig, wieviel Magie von diesen beiden In-Die-Jahre-Gekommenen noch einmal freigesetzt wird. Über ein gewisses Quantums Nostalgie hinaus, ohne das man der Musik von Haruomi und Kevin kaum begegnen kann.

    Ein Hauch von Wehmut vielleicht auch – zumindest habe ich etwas von diesen Gefühlslagen gespürt, als ich heute in meiner kleinen Höhle zwei Alben auf mich wirken liess, die mich packten wie einst im Mai, oder sogar noch etwas mehr: „The Colour Of Spring“ von Talk Talk, sowie „Vagabond Ways“ von Marianne Faithfull. (m.e.)

    A propos Haruomi und Wehmut:

    „Für Scotch und Candlelight auf El Hierro und anderswo“

    (Ein Lieblingsfilm aus Haruomis Kindheit. Von seinen 23 Alben kenne ich nur zwei wirklich gut: „Omni Sight Seeing“ und „Medicine Compilation From The Quiet Lodge“, es gäbe also viel zu entdecken! Die Coverstory, die vor einige Monaten im „Wire“ zu lesen war, ist eine exzellente Einführung. HIER noch ein wenig Nachschub von Kevin Lozano!)

  • Boom Boom Boom – Sound Of Heartbreak

    Künstler sind bekanntlich nicht immer die besten Kritiker ihrer eigenen Werke. In San Francsico in der Mission Street stand im Jahr 2000 ein Studio, keine Ahnung, ob es heute noch existiert. 

    Das Viertel befand sich in einem schlechten Zustand und wartete auf die überfällige Renovierung. Die Hintertür des Toast bot einen Blick auf verfallene Gebäude; außer einem Donut-Laden an der Ecke waren die einzigen Nachbarn Ratten und die Hausbesetzer. Im Inneren des Toast herrschte eine undefinierbare Stimmung.

    Unser Protagonist hatte Probleme in seiner langjährigen Beziehung. Anstatt wie üblich mit einer Handvoll fertiger Songs zu den Sessions zu kommen, verbrachte er offenbar einen Großteil seiner Zeit damit, auf dem Studioboden des „Toast“ zu sitzen und auf gelbe Blöcke zu kritzeln, während die Band fernsah und sich damit abmühte, das Fehlen von grundlegenden Küchengeräten zu verstehen.

    „Wir hatte einige großartige Momente im Studio, die Musik war gefühlvoll, sie war nicht glücklich oder ausgeglichen. Irgendwann gab ich auf und verwarf das Album. Ich war nicht glücklich damit, oder vielleicht war ich auch nur allgemein unglücklich. Ich weiß es nicht. Es war ein sehr trostloses Album, sehr traurig und unbeantwortet.“

    So der Meister. Wie gesagt, manchmal täuscht sich ein Künstler in der Bewertung eigener Arbeiten. Von beträchtlicher emotionalen Fallhöhe aus, einer als zu roh und heftig empfundenen Privatheit, setzte sich sein hartes Urteil fest. Ab ins Archiv – Staub ansetzen!

    Irgendwas muss Ewigkeiten später den Blickwinkel verschoben haben, gut so. Endlich erschien „Toast“. Man besorge es sich auf Vinyl, weil der Meister bekanntermassen sehr viel Sorgfalt auf Produktion und Fertigung legt. Den Rest besorgt Crazy Horse.

    Der Gesang waidwund, und das Spiel auf der Elektrischen aus einsamen Tiefen. Es gehört zu den Paradoxien solcher Musik, dass dieses break up-Album aus dem obersten Regal nicht wenige von uns, vom ersten bis zum letzten Ton, mit Leben erfüllt, mit élan vital. As tears roll by …

  • Caetano

    1987 kaufte ich mir meine erste Platte von Caetano Veloso, und sie ist bis heute einer meiner liebsten geblieben. Seine ganz wilden Jahre lagen hinter ihm, und obgleich der Sound moderner wurde, diente alles den Liedern, seiner Fähigkeit, sanft-eindringliche Melodien zu kreieren und sie mit dem passenden Ambiente auszustatten. Allein das Cover mach deutlich, dass es sich hier auch um perfekte „Music for Summer Evenings“ handelt. Jahre später erschien das in meinen Ohren nicht minder andockende „Estrangeiro“, hier war der Klang noch wesentlich experimenteller, und ein gewisser Arto Lindsay gesellte sich zu den Kollaborateuren. Ein gewisser Detlef (!) Diederichsen war in einer langen Besprechung hin und weg, und ich verstand das gut. Als ich dann in den 1990er Jahren, oder war es noch später, Julio Medems Meisterwerk „Terra“ im Kino entdeckte, hatte ich meinen absoluten Caetano-Favoriten gefunden, den Song „Terra“, der sich auf dem leisen akustischen Album „Muito“ einfand, spät in den 1970ern, und mich mit der Verzögerung von zwei Jahrzehnten so verzauberte wie einst „Waterloo Sunset“ von den Kinks.

    “Noite de Hotel“

    “Terra“

    “O Estrangeiro“

  • Music for Late Summer Evenings (2) – „LC“ (The Durutti Column)

    In ihrer Sammlung perfekter Spätsommeralben taucht, bei The Aquarium Drunkard, kaum überraschend, auch Viny Reilly auf. Seit dem Debutalbum begegnete mir die Musik aus der Wekstatt des Produzenten Martin Hannett immer wieder, nahm mich mal mehr, mal wenger gefangen. Aber wenn sie mich im richtigen Moment erwischte, war ich gefesselt von Anfang bis Ende all dieser raffiniert perlenden Melancholien. Damals fand die Musikkritik alle möglichen Assoziationsräume dafür, denn in Punk- und Post-Punk-Zeiten war diese „bedroom chamber music“ auf wundersame Weise abseitig. Man sprach von Ambient, Minimal, Impressionismus und der Luftigkeit von ECM. Vor ziemlich genau zehn Jahren wanderte Ian McCartney durch Liverpool. Seine Notizen von jenem Tag finden sich weiter unten. Er war ein grosser Freund vom The Durutti Column. Rest in peace, my Glasgewian friend! (m.e.)

    „Vini Reillys Gitarrenskizzen schweben wie etwas Unvollendetes in der Luft und weigern sich, endgültig ihren Platz zu finden. „The Return of the Durutti Column“, im Sommer 1979 aufgenommen und zu Beginn eines neuen Jahrzehnts bei Factory Records veröffentlicht, verwandelt Abwesenheit in eine Entstehungsgeschichte und dient zugleich als ästhetischer Entwurf für den gesamten Ansatz des Projekts. Diese Ausdrucksweise wurde auf dem zweiten Album, „LC“ aus dem Jahr 1981, vertieft und verfeinert. Drückt diesen August auf „Play“ und lasst die sechzehn Titel im Hitzeschleier vergehen. Der Nachmittag wird sich um den Rest kümmern.“ (j.gage)

    Psychogeography of Liverpool, August 2016 (by Ian McCartney)

    Some cities lend themselves better to psychogeography than others. Maritime cities – seagull cities – do well in this respect. There are so many seagulls in Liverpool they have a representative on the City Council: Mr Squawk. He speaks in mystic aphorisms. He eats french fries off the sidewalk with dignity and nonchalance. His favourite book is „Preep, the Little Pigeon of Trafalgar Square“ by Milton Shulman. His favourite song is „Thorn of Crowns“ by Echo & The Bunnymen.

    And you walk around this city-state pyschogeobubble and there is so much cosmos in there you have to ask yourself if you are in a dream. Wait for me on a blue horizon. Wait for me on a new horizon. Few are the places, said Mr Squawk, that make you question the aperçus of Raoul Vaneigem. I asked Mr Squawk what the fuck he meant by this. He said, „ … well Vaneigem said that to be rich nowadays merely means to possess a large number of poor objects but to be here, in Liverpool, is to be rich. Objects or no objects, ground or fucking sky. My only regret is that Manchester had The Durutti Column and we didn’t …“

    But I digress. Or do I? Psychogeography doesn’t come with a map or an itinerary, just stars to hold and songs to sing. Yeah. An infinity of cups unbroken.

  • Music for Late Summer Evenings (1)

    „Keine Jahreszeit regt so sehr zum rituellen Musikhören an wie der Spätsommer. Während die Tage in einem Hitzeschleier versinken und die Abende noch ein wenig länger andauern, offenbaren alte Platten unerwartete Facetten und hören sich an, als wären sie für solche „dog days“ wie geschaffen.“

    While Bill Connors might be known to some as a fusion shredder with Return to Forever, this stuff is pure atmosphere, right down to the eerily surreal cover photo. The perfect accompaniment to that particular midsummer malaise; play this on a warm, overcast day when there’s nothing else to do but sit on the porch and watch the storm roll in. *| j annis

    *(siehe auch: monthly revelations: ARCHIVE, two other classics from and with Bill Connors)

  • Daniel Lanois from a record store

    “What‘s in his bag?“

    Es ist eine Freude, Dan auf seinem Stöbern durch alte und nicht so alte Platten zu folgen, mit ein paar Überraschungen, Altvertrautem, und richtig guten kurzen Kurzgeschichten. Ich höre ihm immer gerne zu. Ich verrate nicht zuviel, wenn ich verrate, dass es mit einer Platte beginnt, die ich erst neulich aus meinem Regal gefischt habe, und die einfach nicht aufhört, grossartig zu sein, „Yellow Moon“ von den Neville Brothers. Ein Album, auf die sich wohl alle Flowies einigen könnten. Lanois‘ „Belladonna Nocturne“ ist eines unserer Alben des Monats August!

  • Long buried treasure

    Andy Hamilton, The Wire, September 2026. Der Beginn seiner Würdigung dieses lang vergrabenen Schatzes. Von diesen Dreien ist der Saxofonist Carlos Ward am wenigsten bekannt, aber ich hatte das Glück, ihn einmal für ein 45-minütiges Porträt im Deutschlandfunk interviewen zu können. Manchen werden sich an seine Zusammenarbeiten mit Dollar Brand alias Ibdullah Ibrahim erinnern, oder an sein feines Saxofonspiel auf dem tollen Paul Motian-Alben „Tribute“. In der Begegnung war er überaus freundlich, über seinen alten Weggefährten Dollar wollte er kein Wort reden – da ist es wohl zu einem Bruch gekommen. Ein grosses Lob an WeWantSounds, die uns schon viele Entdeckungen beschert haben.

  • Michael’s final „Klanghorizonte“ (Sept. 24th)

    Nearly everybody has a story to tell with „field recordings“, that will always trigger the knowledge about some of the most adventurous sounds being „out there“. Some of those albums became famous, some very much stayed under the radar (very much like the spaces they had been exploring). Even the so-called well-known can easily turn into stranger things. By  chance, I once discovered an old album named „Trains in the Night“ beautifully capturing the sounds of old locomotives in England‘s vast hinterland, and the nature around. Listening to the compositions of artists like Jana Winderen or BJ Nilsen, is always a special experience. Is the howling of the wind real, or enhanced by electronics? How can someone „document“ sounds that cannot be be heard within our „normal“ range of perception? In a way the act of „cartographing“ distant areas includes sharpened senses, adequate tools – and inventiveness. When I was sinking, literally, into the „music“ of Jana‘s „arctic“ record, I couldn‘t help but remember, in moments passing by, old sci-fi movies and books, but from minute to minute I was more and more drawn into the sounds themselves and forgetting my sepia-tinged nostalgia. Where-am-I-music of a rare kind. Like all of the albums of this hour! (m.e.)


    Brian Eno
    Robert Wyatt
    Ryuichi Salamoto & Alva Noto

    Annette Peacock
    Daniel Lanois
    Lambchop
    Seefeel
    Laurie Anderson
    Jana Winderen
    Brian Eno

    „Listening to „Camille“ by Annette Peacock from „An Acrobat´s Heart as I´m writing to you, Michael. What a beautiful and original recording this is. Picturing Jan Erik clearly in front of me at this very moment. He was such a nice and gentle person that contributed to so many wonderful recordings. A gentleman with acute ears and a big heart, always welcoming musicians into his wonderful Rainbow studio. And the Cikada quartet sits just perfect for this piece. Like the sound of leafs falling off a tree.“ (Jan Bang)

    „in early 2024 i heard a song on the radio on my way to get some gas. just a minimal single chord strummed banjo and a small group of voices. it seemed perfect in the moment as the moment became perfect in itself. i never found out who it was, sounded kinda like early country gospel? in a time of searching i discovered a type of gospel singing known as lined out singingwhich is said to have begun in the late 1800s in scotland. it migrated to appalachia and became an obscure root of american gospel, country.… a spontainious call and response type of accapella singing led by a clerk with a chorus of singers revealing the raw beauty and power of the human voice with it’s unique varieties it’s unadorned simplicity gave weight to the words as they were sung. i wanted to make a record that emulated this kind of music.“ (kurt wagner)

    „We’d look out at the river, and if the music seemed to be naturally going with it, this was our editing device. Brian’s motto was: if it goes with the river, it goes on the record. So, for example, if the river was really choppy and active, and the music was going pah-bah-dah-dah – whoa, that looks so great! – or if it was smooth and there was some kind of ambient thing going on. We always tried to match – tried to feel – the naturalness of the river, and in this case the Hudson, and if it seemed to fit. It was a very infallible rule while recording „Bright Red“ in Manhattan, because it showed you when you were making it too difficult, not natural.“ (Laurie Anderson)

    „‘Spring Bloom in the Marginal Ice Zone’ is recorded mostly in the Barents Sea and Arctic regions and the creatures you find there. The Bearded Seal´s hauling sound is recorded right there under the Sea-ice in the Barents Sea. I would say that already out in the field when pushing record the composition process has already started; you make choices when you place the microphone or hydrophones, or ultrasound detectors in a certain place and start listening long before you record anything. Ideas start to form at this early stage. Its all down to the choices you make; even if you choose to leave the recording gear out by itself in the field, where you place it is a compositional choice.“ (Jana Winderen, from my 2018 interview)

    Ten albums, four from 2026, six older ones, five songs, five instrumental pieces – a nearly seamless sequence, in regards to storytelling, dream logic – and different horizons track by track.

  • Eno (3)

    Mit Brian Enos Musik verbinde ich, ins Blaue geraten, 150 Stories. Eher 200. Sie alle mal niederzuschreiben und in eine poetische Form zu bringen, wäre etwas, das mich reizen würde. Als ich mit meiner Verlobten 1976 oder 1977 in Padua und Venedig war, war bald auch ein italienisches Musikmagazin fortwährend an meiner Seite, das es formal wie inhaltlich leicht mit der deutschen „Sounds“ aufnehmen konnte – es schien mir sogar besser zu sein. Darin war auch eine lange Besprechung von Brians „Another Green World“ zu finden, die ich natürlich mit grossem Interesse las. Da ich das grosse Latinum hatte, konnte ich die italienische Texte des Magazins ganz gut verstehen, weil sie sich in vertrauten Zusammenhängen bewegten. Zeile für Zeile schwebte ich hin und her, zwischen der ungewohnten Sprache, meinem taufrischen Erinnerungen an die Musik, die daheim in Würzburg in Dauerschleife lief – und meinen intuitiven Übersetzungen, hin und her, hin und her. Endlich offenbarten meine nach der Schulzeit rasch schrumpfenden Lateinkenntnisse einen tieferen Sinn. Das Heft stellte auch Plattenläden in Padua vor, und natürlich steuerte ich eines dieser Geschäfte an, das von diesem freestyle Magazin „Sun Ras italienisches Wohnzimmer“ genannt wurde. Tatsächlich fand ich darin über hundert Sun Ra-Platten, und sofort umfingen mich wohlige Schauer, weil eine heiss geliebte Platte lief, die kaum einer kannte, „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble, beide Seiten, während ich Sun Ras verrückte Cover auf mich wirken liess. Wir bekamen einen doppelten Espresso, das weiss ich noch ganz genau, und die Welt stand eine Weile still. Und das war nicht mal die ganze Geschichte. Der Clou ist, dass es nicht ein Buch über Eno sein würde oder „meine Geschichte“, sondern eine „Hörgeschichte“, die entspannt gelesen und genossen werden kann, aber auch bedachtes Lesen belohnt, zum Verweilen, zum Kreisen einlädt, zum angehaltenen Atem, ohne den Atem anzuhalten. Ein kammerpoetisches Spiel an der Grenze von Lyrik und Storytelling. „Just as interesting as ignorable“.