„time of farewells“ – revelations of september (update)
„The passage of time
Is flicking dimly up on the screen
I can’t see the lines
I used to think i could read between
Perhaps my brains have turned to sand“
(From Another Green World)
the sad news at the beginning: brian whistler will leave us after so many years, he will be missed, honestly. thank you for everything. my fave story was the one including a missed opportunity and the vibes of steve winwood. the albums of next month are by enzo favata, named „ritornare“ (brian will love it, i bet!), and, no surprise, „punching the clown“ by lambchop. The archival discovery is a double cd, the re-appearance of two albums of mr. „infinite guitar“ alias michael brook. the book of september is „kala“ by colin walsh, a deeply poetic crime novel, the film a documentary, worth re-watching and centered around ryuichi sakamoto, „coda“. And, no doubt, andy beta’s conversation with steve tibbetts is worth staying just a little bit longer. i have to think, too, about a very good tv-series. but there it came (days after my first round-up) out of nowhere, on arte: „familiengeheimnisse“ (original spanish title: „pubertad“). in regards to the radio column nothing new under the sun, except this: in my last radio show ever there will be a quite intense story told by laurie anderson for a radio portrait i did way back in 1994 – thanks to the people in the archive it didn‘t get lost. robert wyatt can be heard, too, in that „blue hour“ – he always was in „talking mood“ whenever we met in london between 1991 and 2003. and finally you can hear brian eno speaking on an iphone from a faraway place – what a fine closer!
postscriptum:
jan bang‘s text on nils petter molvaer‘s be quiet can be found HERE!
Rick Hollands kleines Manifest
Das hat so etwas von einem Ritual – manchmal ist es schwer, die dafür notwendigen Voraussetzungen zu wahren und bereit zu sein. Man könnte sagen, genau darin besteht die Arbeit: so bereit wie möglich zu sein. Als ich gestern darüber nachdachte, habe ich ein Manifest geschrieben. So vieles im Leben untergräbt diese Voraussetzungen für die Bereitschaft; im Moment gibt es Trauer, Verantwortung und Konstrukte von Sicherheit, Angst, Anspannung und Alarm, während die Welt am Rande alter Paradigmen knirscht und in neue übergeht und dabei ihre furchterregenden Zähne entblößt. (R.H.)

In Making WorkI won’t be distracted by the relationships around the work
There is nothing that lives on after the work that needs tending
The behaviour is the workExplaining is not part of the work or necessary for showing it
Work could also be called behaviour, composition, way of seeingMaterials do not need separating, colours, sounds, the matter is not the main event, even while it does form and then reform, with us in it
It follows that spirit or intelligent awareness exists to be joinedSanfte Verstörungen im archaischen Raum – das neue Album von Lambchop (3/3)
Jedes Lambchop-Album vor und nach FLOTUS war ein eigensinniges Werk, das weder Moden noch Strömungen folgte. Viele beklagen sich, dass er seit FLOTUS immer wieder mit seinem „Kumpel Auto-Tune“ ins Studio ging, der eigenen Stimme elektronische Verwandlungen zukommen liess, als würde dadurch die Musik zwangsläufig weniger „authentisch“. Unsinn. Wie brachte es Kurt vor Jahren auf den Punkt, als ich ihn zu FLOTUS interviewte:

„With the help of technology I’ve been freed up to realize a song idea in a fuller more complete and complex way. But that said it still needs the human touch to be a Lambchop record or performance. It is that intimacy that Lambchop has with the listener that is one of the cool things about FLOTUS. I feel it’s still there in the sound and the songs.“
Die Werke wurden seitdem vielleicht noch erratischer, noch radikaler, und es ist schon ein besonderes Kunststück, dass jetzt, „auto-tune“-befreit, das Unheimliche noch mehr Raum gewinnt, als wäre dieses Werk eine Sammlung amerikanischer Gespenstergeschichten. „Punching The Clown“ hat enorme Tiefe, schwarzen Humor, ist so noir wie noir nur sein kann, und doch hält es, ich wiederhole mich gerne, ein verdammtes Quantum Trost bereit. Nun hier der dritte und letzte Teil von Sams Ausführungen. (m.e.)
„Was hat zum Beispiel „White ‚People‘“ mit Allen Toussaints „Night People“ zu tun, mit dem es eine augenzwinkernde textliche Ähnlichkeit aufweist? Man könnte es als Parodie auffassen, doch dann verleiht Wagner dem Song den kraftvollsten, verzweifeltsten Gesang des Albums und brüllt die Worte, als wolle er die Nachbarn vor einem herannahenden Sturm warnen. Er ist lustig, bis er es nicht mehr ist – wenn auf einen Witz à la „Wir sind so pleite, dass wir nicht einmal mehr aufpassen können“ ein aufrichtig besorgtes „Mein Gott …“ folgt – und selbst dann ist es irgendwie lustig.„White People“
Da der Film als Inspirationsquelle genannt wurde, habe ich mir den Film „Punching the Clown“ aus dem Jahr 2009 angesehen, in dessen Mittelpunkt die Höhen und Tiefen eines Komikers und Musikers stehen, der seinen Weg nach Los Angeles sucht. Angesichts der Darstellung der ständigen Demütigungen in der Unterhaltungsindustrie – eine Art „Inside Llewyn Davis“ für die Indie-Szene der 2000er Jahre – stellte ich mir den Titel als Metapher für die Beziehung zwischen aufstrebenden Künstlern und ihrem launischen Publikum vor. Als der Ausdruck im Drehbuch auftaucht, stellt sich heraus, dass es sich um einen Euphemismus für Masturbation handelt. Wer hätte das gedacht. Und doch scheinen beide Interpretationen in der Welt von Lambchop ihre Berechtigung zu haben.
Zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere haben sie bereits viel Lob von Kritikern erhalten – „Nixon“ wurde im Jahr 2000 von Uncut zum Album des Jahres gekürt, noch vor „Kid A“ – und große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es ist schwer vorstellbar, dass es heute Indie-Songwriter mit Country-Einflüssen gäbe, die nicht von ihnen geprägt wären, insbesondere solche wie MJ Lenderman und Dan Wriggins von Friendship, die in ein und demselben Verspaar ernsthaft und absurd, kosmisch und zurückgezogen, todernst und urkomisch dumm klingen können. Und im Gegensatz zu vielen Songwritern seiner eigenen Generation bewahrt Wagner in seiner Kunst nach wie vor ein Gefühl der Unvorhersehbarkeit, die Herausforderung, mit jedem neuen Song neue Ebenen zu entdecken und niemals altbekanntes Terrain zu wiederholen – was auch bedeutet, sein eigenes Vermächtnis niemals zu ernst zu nehmen.
Auch wenn „Punching the Clown“ das geheimnisvollste und beunruhigendste Album in der Diskografie von Lambchop ist, liegt doch ein Triumph darin, dass es zugleich ihr emotional direktestes ist. Trotz all seiner Abschweifungen und Irreführungen, auffälligen Unterbrechungen und tränenreichen letzten Worte klingt es so, als käme Wagner endlich zum Kern der Sache.“The days and nights of „Laughing Stock“
„a portrait of an album by Talk Talk“
Mein Musikbuch des Jahres 2026 steht schon jetzt ausser Frage, es ist schlicht exzellent: Graeme Thomsons „In Another World – The Four Seasons of Talk Talk“.

Das Album „Laughing Stock“ ist der Herbst von Talk Talk. From the flowflow diary, years ago:
„The guy from „Zen Sounds“ is strolling through Mark Hollis‘ life, and time‘s rush (and the coffee I am drinking some miles before Bremen) is now filled with sugar and sadness. By chance, I made one of the two last interviews he ever did, in 1998, in Hamburg, before the release of „Mark Hollis“. And I was meeting him before In 1991 or 1990.
In that week when the huge cover of Talk Talk‘s „Laughing Stock“ circled on the roof of Polydor Records‘ skyscraper, I sat in his little appartment near „Angel Station“, with Markus Müller (who is now the CEO of the Monschau Jazz Festival, remember his FMP book, or the ECM exhibition in München…), and we listened to his stories, for example about Mark’s neverending love for that first Duke Ellington piece of his only album with John Coltrane… „listen, these first moments of Elvin Jones there“, and whenever I come across the name of that Underground station, it hurts. „Angel Station“.
When meeting him again in the big Hamburg hotel, there was (really strange, and unexpected) this joy, unfiltered, similar to seeing an old friend again, a big smile on his side, on my side then, too. In those two hours, while drinking tea, there was a very kind, heartfelt connection. If I now think back to that scene, after all those years, it brings a tear to my eyes. I’m NOT „romanticizing“ this. All these special moments in life, you don’t return to them necessarily in your last moments, on the deathbed, you can bring them up – en passant, and they can serve. Everything wounded will flow.“
Einladung für Nikolaus
Norbert, Marzellus, Ella, Lorenz, Olaf (Ost), Interaktionist, ihr seid herzlich eingeladen, mir Anfang Dezember, via Email, eure 3, 5, 10, 12, oder 20 „desert island albums“ (DES JAHRES 2026!!! – Nachtrag von M.E.) zu servieren, „ranked or not ranked, with or without short comments“! Habe ich jemanden vergessen? Nachdem ich gestern nacheinander zwei ergreifende Stunden verbrachte, mit „12 Conversations“ (erste Hören in aller Ruhe) und Bowies „Blackstar“ (erstes Wiederhören nach zwei, drei Jahren – immens bewegend), schaute ich noch einmal auf meine Halbjahresliste, und stellte fest, dass sich mittlerweile, und in einem Fall von gestern auf heute, folgende Alben als meine ganz persönlichen „favourites of the deep stuff“ herausgeschält haben – ich kann sie wohl alle wieder und wieder hören, deep as deep can go! Solch eine Auswahl ist immer persönlich und zielt in keiner Weise auf einen Konsens, oder auf eine besondere Expertise. Auf jeden Fall sind das Werke, die ich nahtlos neben meine drei Alben von 2025 platziere, „Close“ von Steve Tibbetts, „Liminal“ von Brian Eno und Beatie Wolfe sowie „After The Last Sky“ von Brahem / Bates / Lechner / Holland. In zufälliger Reihenfolge handelt es sich um:
- Jeff Parker ETA IVtet: Happy Today
- Ryuichi Sakamoto / Alva Noto: 12 Conversations
- Seefeel: Sol Hz
- Daniel Lanois: Belladonna Nocturne
- Lambchop: Punching The Clown
Die achte Unterhaltung
Heute kommt das DHL-Päckchen mit den „12 Conversations“ von Sakamoto und Noto. Zuvor bekam ich schon die audio files. Als ich meine Playlist für die Klanghorizonte endlich fertiggestellt hatte, war da noch ein „blinder Fleck“ – ich hatte schliesslich keinen einzigen Ton dieser letzten Zusammenarbeit der Zwei gehört, die Mitte Septmeber als LP, DL, und CD erscheinen wird. Ich schätzte ihre Duo-Alben sehr, wollte aber keine nostalgisch anmutende Wiederholung ihres „Sounds“ erleben. Da ich nur begrenzte Zeit hatte, wählte ich nach dem Zufallsprinzip ein Stück aus, „Conversation No. 8“, und lasuschte entspannt wie konzentriert in meinem Toyota, auf dem Weg zum Aldi. Ich schmunzelte. Auf Anhieb offenbarte sich etwas Neues, und ich spürte, wohl jedes dieser Klang gwordenenen Gespräche würde eine andere Richtung einschlagen. Die achte Unterhaltung allein war schin fessend, in jedem Augenblick. Und dermassen berührend, dass ich sie gleich zweimal hintereinander laufen liess. Und dann noch einmal auf dem Parkplatz. Das Klavier, umhüllt von einer Art Chor, wie ein unbekanntes Schlaflied, oder das Echo eines fernen Folksongs, irgendwo in einem Niemandsland zwischen Harold Budd und Roger Eno und Terje Rypdals „After The Rain“, und doch ganz anders.
After The Rain

Ich lese, dass After The Rain am 1. Oktober 1976 erschien. Auch weil ich in jener Zeit so gut wie jede ECM-Platte kaufte, weiss ich, dass sie früh im Oktober als Päckchen von jazz by post zu mir kam. Und ich sehe die Szene vor mir, im Studentenwohnheim an der Fridenstrasse, einen Katzensprung vom Audi Max entfernt. Unten kam die Post an, und Herr Kopka, unser Hausmeister, überreichte mir die gut verpackte Ware aus der Gleichmannstrasse 10. Ruckzuck war ich in meinem Zimmer 513 und legte das Album auf. Wunderbar. Befriedet. Und glücklich verliebt. Die Dinge änderten sich in der Folge etwas.
Summertime 76/77
Some weeks ago, some of us talked about our favourite Marion Brown albums. Underrated in every way is Brown‘s last album for Impulse, named „Vista“, produced by Ed Michael in New York, Besides the appearance of jazz maestros like Reggie Workman or Stanley Cowell (whose „Illusion Suite“ will soon be released on ECM’s „Luminessence vinyl series), the album is notable, too, for the appearance of ambient pioneer Harold Budd on celesta and gong on his own composition “Bismillahi ‘Rahmani ‘Rrahim” that would appear in longer form on Brian Eno-produced album “The Pavilion of Dreams” in 1978.

(Myself in Gerbrunn, Würzburg, summer 1977. i was 22 years young. Fact is there are not more than five photos from my life or me between 1970 and 1990. Sometimes i return to them because they are a gate for memories. Very close to my reading place here there were about 100 albums, with Brian Eno, Marion Brown and a lot of ECMs. And if you enlarge the photo you will see a ring. I have never been a guy who liked wearing rings. This was the only exception ever. Mein Verlobungsring.) „Vista“ as a whole is a never-ending summer love affair, the deepest kind of „easy listening“, in the same way, you could call Eno‘s „Music for Films“ modern mood music. Few albums in my life are more connected to that perfect summer vibe and breeze in the mid-1970‘s, all gates open, all fields green. How I long to feel that summer in my heart, but, why longing, HERE it is! In other words, „Vista“ is a labour of love. Thinking of summer vibes, maritime moods, floating spheres, there will be one album that may match and mirror moods of „Vista“ this year, Enzo Favata‘s „Ritornare“
Horizonte
Nach meinem jetzigen Informationsstand („Hörensagen“) gibt es im kommenden Jahr keine „Klanghorizonte“ mehr, nur noch „classical“ und „nonclassical“ mit fortschreitender Verknappung der Sendeplätze für all das, was unter dem „labeling“ von „non classical“ angeboten wird (Jazz, Weltmusik, Rock, Elektronik etc.) – eine durchweg unerfreuliche Angelegenheit, zugleich eine Fortschreibung der alten und falschen Aufspaltung von „E-und U-Musik“. So oder so wird es tatsächlich die letzte von mir moderierte Ausgabe der „Klanghorizonte“ sein, am 24. September um 21.05 Uhr.
Und nach dem Motto „Das Beste kommt am Schluss“ spielte ich in allerlei Variationen meine Lieblingspatience „Perpetuum Mobile Playlist“ durch – immerhin ist nun das Ende klar definiert, die letzten drei Stücke stehen fest. Letzte Zweifel daran wurden gestern beseitigt, als ich die digitalisierte Version meines Laurie Anderson-Porträts aus dem Spätherbst 1994 zugesandt bekam. Aus der Sendereihe mit dem Obertitel „Studiozeit“: „Geschichten aus der Nervenbibel“ (Anfang Oktober poste ich diese „Ausgrabung“ in voller Länge).
Ich erinnerte mich schon vor Wochen an einen besonderen OTON von Laurie Anderson, der wie gemalt wäre für das Finale vom Finale: Laurie Anderson – Jana Winderen – Brian Eno. Ein kleiner Fehler unterlief mir (oder ein gezielter Euphemismus?), als ich damals in ihrer Erinnerung an eine Reise durch Nepal das Wort „body bag“ mit „Schlafsack“ übersetzte, und nicht mit „Leichensack“. Aber sei‘s drum. Ich kann mir keinen besseren showdown vorstellen als diese drei Tracks, begleitet von einem Schlusstext meinseits (über „field recordings“ platziert), und Lauries Kunst des Storytelling.
Nachtrag: Mittlerweile ist das viertletzte Stück Musik ebenfalls gesetzt, zum einem passt es perfekt vor Lauries fernöstlcher Erinnerung, zum andern ist es für mich eines der überragenden Alben des Jahres 2026, einfach „unglaublich“, „Sol.Hz“ von Seefeel! Das Feld wird offensichtlich von hinten aufgerollt! Ein Horizont nach dem andern!
Ein Hauch von Wehmut (für Renata Calani)

Einige Soloalben von Haruomi Hosono habe ich in den letzten Jahren (never too late) entdeckt, und sie haben mir richtig gut gefallen, abseits rein historischer Würdigung, ja, mitunter gingen sie richtig tief. Wiederkehrende Elemente sind das Kindliche, das nichts Kindisches versprüht, sowie das Naive, das kaum einmal ohne doppelten Boden daherkommt. Bin gespannt, was Jan Reetze, unser „Hosono-Experte“, dazu vermelden wird.
David Sheppards Besprechung findet sich in der Oktoberausgabe von „Mojo“, und zusammen mit dem wohl letzten Streich, „Love“, von Kevin Rowland und seinen Dexy Midnight Runners, bin ich sehr neugierig, wieviel Magie von diesen beiden In-Die-Jahre-Gekommenen noch einmal freigesetzt wird. Über ein gewisses Quantums Nostalgie hinaus, ohne das man der Musik von Haruomi und Kevin kaum begegnen kann.
Ein Hauch von Wehmut vielleicht auch – zumindest habe ich etwas von diesen Gefühlslagen gespürt, als ich heute in meiner kleinen Höhle zwei Alben auf mich wirken liess, die mich packten wie einst im Mai, oder sogar noch etwas mehr: „The Colour Of Spring“ von Talk Talk, sowie „Vagabond Ways“ von Marianne Faithfull. (m.e.)
A propos Haruomi und Wehmut:
„Für Scotch und Candlelight auf El Hierro und anderswo“

(Ein Lieblingsfilm aus Haruomis Kindheit. Von seinen 23 Alben kenne ich nur zwei wirklich gut: „Omni Sight Seeing“ und „Medicine Compilation From The Quiet Lodge“, es gäbe also viel zu entdecken! Die Coverstory, die vor einige Monaten im „Wire“ zu lesen war, ist eine exzellente Einführung. HIER noch ein wenig Nachschub von Kevin Lozano!)