Eno (3)
Mit Brian Enos Musik verbinde ich, ins Blaue geraten, 150 Stories. Eher 200. Sie alle mal niederzuschreiben und in eine poetische Form zu bringen, wäre etwas, das mich reizen würde. Als ich mit meiner Verlobten 1976 oder 1977 in Padua und Venedig war, war bald auch ein italienisches Musikmagazin fortwährend an meiner Seite, das es formal wie inhaltlich leicht mit der deutschen „Sounds“ aufnehmen konnte – es schien mir sogar besser zu sein. Darin war auch eine lange Besprechung von Brians „Another Green World“ zu finden, die ich natürlich mit grossem Interesse las. Da ich das grosse Latinum hatte, konnte ich die italienische Texte des Magazins ganz gut verstehen, weil sie sich in vertrauten Zusammenhängen bewegten. Zeile für Zeile schwebte ich hin und her, zwischen der ungewohnten Sprache, meinem taufrischen Erinnerungen an die Musik, die daheim in Würzburg in Dauerschleife lief – und meinen intuitiven Übersetzungen, hin und her, hin und her. Endlich offenbarten meine nach der Schulzeit rasch schrumpfenden Lateinkenntnisse einen tieferen Sinn. Das Heft stellte auch Plattenläden in Padua vor, und natürlich steuerte ich eines dieser Geschäfte an, das von diesem freestyle Magazin „Sun Ras italienisches Wohnzimmer“ genannt wurde. Tatsächlich fand ich darin über hundert Sun Ra-Platten, und sofort umfingen mich wohlige Schauer, weil eine heiss geliebte Platte lief, die kaum einer kannte, „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble, beide Seiten, während ich Sun Ras verrückte Cover auf mich wirken liess. Wir bekamen einen doppelten Espresso, das weiss ich noch ganz genau, und die Welt stand eine Weile still. Und das war nicht mal die ganze Geschichte. Der Clou ist, dass es nicht ein Buch über Eno sein würde oder „meine Geschichte“, sondern eine „Hörgeschichte“, die entspannt gelesen und genossen werden kann, aber auch bedachtes Lesen belohnt, zum Verweilen, zum Kreisen einlädt, zum angehaltenen Atem, ohne den Atem anzuhalten. Ein kammerpoetisches Spiel an der Grenze von Lyrik und Storytelling. „Just as interesting as ignorable“.