• “Batik“


    Es war Hochsommer, es war der August des Jahres 1978, als ich mir die brandneue Schallplatte „Batik“ zulegte, meine Heroen Ralph Towner und Jack DeJohnette spielten hier zusammen, was nicht oft vorkam(aus dem Kopf fällt mir nur das vorzügliche Album „Deer Wan“ von Kenny Wheeler ein), und der Dritte im Bunde war der Bassist Eddie Gomez. ECM 1121. Es war ein Jahr der Nullpunkte, Abgründe, Trennungen, und Leerstellen in meinem Leben. Die Musik erschien mir seltsam nervös, fahrig, und ich weiss nicht mal, ob ich sie durchhörte – sie fiel durch. Und zwar so gründlich, dass ich ihr bis in die letzte Woche nie eine weitere Chance gab. Als ich mir nun die CD-Version der ECM-Serie „Touchstones“ besorgte, und mir alle Zeit der Welt nahm, musste ich leicht schmunzeln: es waren meine Ohren, die damals nicht in bester „Aufnahmestimmung“ waren, denn das Album ist über seine fünf Kompositionen hinweg mitreissend, wilder, auffahrender in manchen Passagen, als man es von Towner gemeinhin gewohnt sein mag, aber, hey, wunderbar vitalisierende Musik der Sorte „free-the-chamber“, „folk-the-dream“, „paint-the-horizon“! Diese rund sechzehn Minuten lange Reise des Titelstücks: very trippy! Wer ein Freund von Ralph Towners Musik ist, und diese Platte nicht kennt, wird ein Fest erleben! Zwei Anmerkungen: zum einen: die Cd-Version ist mit einer blauen Grundfarbe ausgestattet, die originale LP-Version verströmte eindeutig einen rostbräunlichen Rotton. Eine ästhetische Entscheidung? Zum andern: das „Sequencing“ der fünf Stücke für die Vinyl-Version ist perfekt und alternativlos. Fast jeder, der die Stücke in zufälliger Reihung hören würde, käme wohl zu der gleichen Schlussfolgerung, die auch, was die CD angeht, von mir ein „High Five“ bekommt! „In the words of Scott Yanow: The music unfolds slowly but logically, and Towner’s quiet sound displays a lot of inner heat. Highlights include „Waterwheel“ and the 16-minute „Batik.“ Well worth listening to closely, at a high volume.“

    (aus unserer kleinen Serie „Wiedergehört nach Ewigkeiten“)

  • Hans Schifferle

    Liebe Leser, liebe Flowies. Gestern, als ich Roedelius’ alte Tonbänder nach Bonn brachte, zeigte mir TP ein neues Filmbuch, das spätestens auf der Rückfahrt viele Erinnerungen in Gang setzte. Natürlich kannte ich Texte und Kritiken von Hans Schifferle (1957–2021), vor allem aus der Süddeutschen Zeitung und bis zurück in die zweite Hälfte der 1970er Jahre. Und ich mochte sie sehr, ihren schrägen unkonventionellen Blick auf die Dinge, wie sowieso die ganze Bande um Michael Althen, HG Pflaum, Peter Buchka und Co. Dieses Filmbuch werde ich ganz sicher lesen, durchforsten, und es wird mich dazu bringen, alte und neue Spuren aufzuspüren. Und ich glaube, ich werde hier nicht ein einsamer Leser dieser Werkschau sein. Alles andere als trockene akademische, schulgebundene Kost erwartet euch hier. (m.e.)

    „Hans Schifferle schrieb sein Leben lang über Filme. Sein Verhältnis zum Kino war von existenzieller Natur. Er wollte Kino erleben und nicht nur Filme schauen. Hans Schifferle akzeptierte keine Genregrenzen und fand auch in vermeintlich zweit- und drittklassigen Filmen einen Reichtum, den andere nur in anerkannten Klassikern sehen wollten. Dank seines immensen film- und kulturhistorischen Wissens, seines Stilbewusstseins, seiner analytischen Fähigkeiten und nicht zuletzt seiner konzentrierten Hingabe an den jeweiligen Film entstanden unter seiner Autorenschaft Filmkritiken und Essays, die lustvoll zu lesen sind und den cineastischen Horizont erweitern. Prägend für Schifferles Akkulturation war die Münchner Kinoszene der 1980er Jahre, als mit dem Filmmuseum und dem Werkstattkino zwei außergewöhnliche Bildungsstätten auf sich aufmerksam machten, ein „Living Cinema“, das darüber hinaus eine neue Generation von Filmkritikern hervorbrachte. Schifferle veröffentlichte reichhaltig und breit gestreut: Er schrieb für die „Süddeutsche Zeitung“, den „Kölner Stadt-Anzeiger“, für „epd Film“, diverse Stadt- und Lifestyle-Magazine, er publizierte in Filmbüchern, Festivalkatalogen, in Publikumszeitschriften und cinephilen Spezialjournalen. Der vorliegende Band enthält zahlreiche Texte von Hans Schifferle, Fotos und Dokumente sowie einen Essay von Ulrich Mannes.“ (Pressetext des Verlages)

  • Alter wilder Westen

    Manafonistas, der Blog, ist eine Fundgrube alter feiner Texte, und jeder kann nach Lust stöbern. Zuweilen fehlt ein Satz, eine Wendung, und, schwups, landet das remixte Material in der Gegenwart. Die Suche nach alter Zeit ist auch die Suche nach alten Geschichten, die wir uns früher erzählt haben. Eine Freude, sie wie alte Teppiche auszukllopfen, und zu neuem Leuchten zu bringen! So erging es mir mir den Texten vom wilden Westen und Arild. Ich bin Arild einige Male begegnet, und edaure es bis heute, dass ich sein Konzert mit Jan Garbarek und Edvard Vesala 1972 im alten Domicil verpasst habe. Irgendetwas Typisch-Siebzehnjähriges muss dazwischen gekommen sein. Die Platte „Triptykon“ ist so grossartig!

    Am Kiosk kauften wir als Kinder kleine, verpackte Fotos,  man konnte nie wissen, was darin enthalten war, ausser etwas aus der grossen fremden Welt der Erwachsenen und der Geschichte. Nie vergesse ich das Foto der vom Himmel gestürzten Fussballmannschaft von Manchester United. Auch Schwarz-Weiss-Bilder von Western waren beliebt. Ich hatte Robert Fuller im Kopf, und „Am Fuss der blauen Berge“.

    Der Held in meinen Serienträumen hiess Okko und rettete mich aus lauter gefährlichen Situationen. Leider zog er, als ich sieben war, seiner Wege, und ich durfte mich allein auf die Abenteuer des Verliebens machen. Nicht ganz allein, denn im Radio begleitete mich Caterina Valente durch manche Tagträumerei.

    Die alten Wildwestfilme wirkten für Kinder verdammt realistisch, und als ich heute The Searchers von John Ford nach Ewigkeiten wiedersah, dauerte es, bis ich den Film halbwegs wieder mit den Augen des Heranwachsenden sah. Die grosse Leinwand half dabei.

    Wie in vielen Dramen, gab es auch hier einen Narren, der letztlich für die richtige Spur sorgt. Sein Traum vom Schaukelstuhl ist ein uralter, von Buster Keaton über J.J. Cale bis Kurt Wagner. Die humorvollen Szenen überlagern keinesfalls das Bittere und Dunkle des Films, der so viel vom Stammesdenken und dem alten Westen erzählt.

    John Ford und John Wayne schürften in Abgründen. Einmal reitet John Wayne durch den Schnee, ein Mann mit vielen Gesichtern, der keinen Zweifel lässt, sein Ziel zu erreichen, „as sure as the turning of the earth“, wie er in unnachahmlicher Art sagt (man muss es im Original sehen, dann können auch Altlinke die Klasse von Wayne erkennen).

    Und am Ende, das traurig ist, und doch versöhnlich, dreht sich John Wayne um und verlässt das sichere Heim. Man glaubt es kaum, aber sein Gang hat Grazie, und er scheint, ansatzweise, im Einklang mit sich selbst. Zwei Seiten der Furchtlosigkeit, eine glasklare Entschlossenheit – und ein befriedetes Herz (neben all den unsichtbaren Tränen).

  • nine rooms to remember (var. 1)

    (1) Eivind Aarset: Strange Hands
    (2) Jonathan Richman: Only Frozen Sky Anyway 
    (3) Pan American: Fly The Ocean In A Silver Plane

    (4) Etienne Nillesen: Twee 
    (5) Björn Meyer: Convergence
    (6) Irmin Schmidt: Requiem

    (7) O.S.T. Sirāt     
    (8) Tinariwen: Hoggar    
    (9) Erik Honoré: Temporary Empire

  • „Klanghorizonte, 28. Mai, Deutschlandfunk, 21.05 Uhr“

    Interviewanfragen: Etienne Nillesen, Irmin Schmidt, Björn Meyer

    TRIO ONE – DEEP SPACE

    Peter Thomas Sound Orchester: Raumpatrouille Orion
    Gregory Uhlmann: Extra Stars
    Eivind Aarset: Strange Hands

    TRIO TWO – DEEP SOUND

    Etienne Nillesen: Twee (Snare Drum Solo Album)
    Irmin Schmidt: Requiem (Piano Solo Album plus field recordings)
    Björn Meyer: Convergence (Electric Bass Solo Album)

    Trio Three – DEEP TRANCE

    O.S.T. Sirāt 
    Tinariwen: Hoggar
    Sunn O)))*

    *Liner notes for the album are provided by award-winning British writer Robert Macfarlane, famed for his works concerning landscape and the multifaceted relationship between humanity and nature. Macfarlane negotiates the peaks and valleys of the SUNN O))) sound in a poetic, philosophical manner

  • Reise nach Bonn

    (Text vom 1. Februar)

    Der „heilige Gral“. Das ist einer dieser Ausdrücke, die sich in den Musikjournalismus eingeschlichen haben, wenn man von der Höhepunkt eines Lebenswerkes spricht, manchmal ist das „common sense“, manchmal Geheimtip. Ich biete nun den „heiligen Gral“ von Hans Joachim Roedelius an, für 300 Euro. Ich verkaufe dieses „Opus magnum“ (noch so ein beliebter, etwas zu oft verwendeter Ausdruck) nur an Leute, die eine enge Beziehung zur Musik von Roedelius haben. Bei Discogs findet sich derzeit noch ein Exemplar für 200 Euro, ansonsten beläuft sich der Handelswert bis 400, 500 Euro aufwärts.


    Zu meinem Verkaufsservice kommt aber etwas hinzu: ich bringe diese Schatzkiste mit drei Lps (und den beiliegenden Cds derselben Musik persönlich vorbei (mit meinem Toyota erreiche ich jeden Ort in Deutschland von NRW aus innerhalb von acht Stunden) incl. einer kostenfreie Übernachtung in einem Gästezimmer und einem gemeinsamen Abendessen (in einem Restaurant Ihrer Wahl, oder zuhause). Als besondere „Dienstleistung“ biete ich einen langen Abend voller Musikgespräche an, die natürlich stets weit über Musik hinausführen können.

    Bei dieser lang vergriffenenen, numerierten Sonderedition handelt es sich un einen umfassenden Einblick in die Tonskizzen, Miniaturen, Improvisationen von HJR, die an jenem legendären Ort in Forst, Niedersachsen, entstanden sind, als Moebius, Roedelius und Rother zusammenarbeiteten und als Harmonia spannende Alben in die Welt setzten, ganz zu schweigen von frühen Werken von Cluster sowie Cluster & Eno. Natürlich handelt es sich bei diesem Boxset nicht um das beste Album seines Lebens, vielmehr um einen spannenden Einblick in das Entwickeln von Klangideen, welche später im Studio in Weilerswist, aber auch in Forst letzte Gestalt annahmen.

    Insofern ist „Tape Archives“, wenngleich kein „heiliger Gral“, kein „opus magnum“, so doch eins rundum interessantes, hervorragend gestaltetes Dokument, das eine ganz eigentümliche Sogkraft entfaltet, und das ich allein deshalb zum Verkauf anbiete, weil ich es damals, nach meinem „open air-Seminar“ über Eno, Cluster und Harmonia vor Ort, also in der Nähe von Forst, von zwei (!) TeilnehmerInnen geschenkt bekam. HIER mein damaliger Einladungstext!

    (Text vom 1. März)

    Der heilige Gral wird heute in Bonn übergeben. Unterweges höre ich SUSHI / ROTHI / REIBEKUCHEN, das feinsinnig-funkige, aber keineswegs weltbewegende Jamming von Brian Eno, Holger Czukay und Peter Schwalm vom August 1998 – ich war damals vor Ort dabei, einen Tag nach meinem „public talk“ mit Brian. Gut zwei Jahrzehnte später tauchte Bonn in einer Songzeile von Enos „Foreverandevernomore“ auf. Der Schatten der alten BRD.

    (Michael Engelbrecht)

  • Die britischen Cousins und Cousinen von Crazy Horse

    Mein „Uncut“-Spiel geht so. Jeden Monat, wenn das Heft erscheint, fliege ich über die Plattenkritiken und suche mir danach drei Alben aus von Künstlern, die ich noch nie gehört habe, und bei denen ich mir vorstelle, dass sie mir sehr gut gefallen könnten. Da schaue ich genau hin, und lese den Text en detail. Diesmal ist eines der drei von mir ausgesuchten Alben von einer britischen Band namens „Brown Horse“, die angeblich guten alten Gitarrenrock so fulminant darbietet, dass man nicht in seliger Nostalgie an alte deutsche „Oma Rock Cafés“ denkt. Und tatsächlich, ein Treffer! The 1970‘s meet the 1990‘s. Das Rad muss nicht neu erfunden werden für eine wilde Fahrt!

    HIER der Eröffnungssong „Sorrow Reigns“, und im folgenden ein paar Worte dazu von dem alten „Rock-Hasen“ Alan Jones, der „Total Dive“ zum „album of the month“ erkoren hat. Dass solche Musik mit ihren gesammelten Doom-Elementen nicht wirklich runterzieht, sondern wohl durchweg faszinieren kann, mag als Paradoxie erscheinen, aber sei‘s drum: „sharing the darkness“ und „exploring the shadows“ sind immer schon eine heilsame Strategie in Musik und Psychotherapie gewesen. Ich habe mir gleich ihre Tourdaten angeschaut: leider kommen sie nicht nach Germany. Wie gerne würde ich in Brighton oder Minneapolis dabei sein. Vielleicht schicke ich Steve Tibbetts zu diesen entfernten Verwandten von „Crazy Horse“! Oder unser Country Girl! (m.e.)


    „Die Songs handeln durchweg von Trennung, Abschied, Verlust und Untergang. Erinnerungen spielen darin eine große Rolle. Es ist fast immer Nacht, die unheimlichen Stunden vor Tagesanbruch aind fast ein Leitmotiv. Das Wetter ist ausnahmslos schrecklich. Das Album beginnt mit dem ersten der drei Songs von Emma Tovell. „Hier unten herrschen Kälte, Blut und Trauer“, singt Patrick Turner und klingt dabei so atemlos wie ein Mann, der von einem Mob mit Heugabeln verfolgt wird. Seine Stimme wird fast von einem spektakulären Gitarrenausbruch und heftig peitschender Lap-Steel-Gitarre verschluckt, wobei das ganze schwungvolle Geschehen von Rowan Brahams wogenden Keyboards untermalt wird. Tovells Texte sind sparsam, voller Spannung, ausrufend; am Ende des Songs verzweifelt.“

    Zugabe? BITTE SEHR! Und welche Inspiration nennt Emma Tovell? „Smog’s Knock Knock is a perfect indie-rock album, melancholic, brooding but also kinda funny. Callahan’s pinned-together fragments of a break-up written on the road, with its gentle darkness rubbing up against wicked guitar riffs, is definitely one of the benchmarks for my contributions to Total Dive.“

  • ECM 2844 – Meditation und Tanz

    Wer einmal in dieser Musik angekommen ist, spürt wahrscheinlich, wie perfekt das Cover gewählt ist! Ich hatte über Wochen dermassen intensiv Steve Tibbetts‘ ECM-Alben für das Radioportrait gehört, dass kaum Raum war für anderes.

    So blieb meine erste Begegnung mit dem zweiten Soloalbum von Björn Meyer erstmal oberflächlich. Aller Ehren wert, fein, fein, sehr schön. So ratterten die üblichen Reflexe, ein Brimborium von Flüchtigkeiten. Das änderte sich gestern, als ich mich ganz auf dieses Album einliess, eingespielt mit seiner elektrischen Bassgitarre und diversen „treatments“.

    Was für eine gelassene, gelegentlich unheimliche Tiefe! Etwas Dunkles strömt in den Raum, wirft Schatten ins Lichterfüllte. Meditation und Tanz zugleich.

    Mir kam zudem ein Sinn in den Sinn, für den Titel „Convergence“. Josef Engels beschliesst seine Besprechung in „Rondo“ so: „Convergence“ ist kein Blockbuster mit Explosionen und Muskelspiel, sondern feines Autorenkino mit Tiefenwirkung!

  • Die verschwundenen Plattenläden

    Eine 

    zu bittersüße Lektüre. 

    Wenn ich heutzutage 

    durch bestimmte Teile Londons 

    gehe, bin ich oft versucht, 

    mir Scheuklappen aufzusetzen, 

    da so viele scheinbar unauslöschliche 

    Säulen der Stadt verschwunden sind. 

    Ray’s Jazz Shop mit seinen Doppeltüren 

    und den exzentrischen Zeitungsausschnitten

    mit „Jazz-Namen” an der Wand – 

    „Colonel Al Haig” – und den schmerzlich

     vermissten Bob Glass und Ray Smith 

    hinter der Theke; Dobell’s hinter The Mousetrap; 

    Mole Jazz und 

    der verstorbene, großartige 

    Ed Dipple; die beiden Filialen 

    von Vinyl Experience; 

    Rhythm Records; Intoxica; Sounds That Swing; 

    der Rough Trade-Keller in Neal’s Yard… 

    alles längst verschwunden. 

    Dann plötzlich letztes Jahr 

    Harold Moores Records! 

    Ausgelöscht und ersetzt 

    durch eine Modeboutique. 

    Von den Londoner Buchhandlungen 

    will ich gar nicht erst anfangen. 

    Deshalb bin ich nach Schottland gezogen.

    Alasdair Dickson