• Reise um den Jazz in 55 Minuten


    The flowworker all star think tank ensemble is kindly asked for input of uninhibited brilliance!

    Am 18. Juli um 21.05 Uhr widmet mein Kollege Michael Frank Joni Mitchell eine knappe Stunde. „Both Sides Now“ nennt er seinen Ausflug in die Jazzwelten von Joni Mitchell. Zwei Wochen vorher gibt es, am 4. Juli, ebenfalls im Deutschlandfunk, meine Ausgabe der JazzFacts mit Neuem von der improvisierten Musik. Ich habe keine Ahnung, was Odilo Clausnitzer Anfang Juni vorstellen wird, aber ich ahne, er wird mir einiges, und das mit guten Gründen, vor der Nase wegschnappen, wie das aktuelle „Borderlands“-Doppelalbum bei Intakt, das Oded Tzur-Album bei ECM, auch Bill Frisells „Orchestras“ (Blue Note) sind fast schon überfällig (s. Besprechung von Richard Williams in The Blue Moment). Wer weiss, ob das „Central Park“-Opus mit Wadada Leo Smith dann nicht auch schon „Geschichte“ ist. Immerhin habe ich wenigstens Niklas Wandt beauftragt, ein feines, experimentelles Werk aus dem Hause Pyroclastic vorzustellen. Das Label Clean Feed bietet mindestens einen Kandidaten (s. Coverabbildung, oben). Sonst gibt es keine festen Buchungen, auch Tom Skinners „Voices Of Bishara Live at Mu“ (International Anthem) will erst noch gehört werden. Ich bin neugierig, was sich in den nächsten Wochen einfindet. Zuletzt konnte ich aus dem Vollen schöpfen, aber nun nähert sich die sommerliche „Jazzpause“. Ich hoffe auf Sidsel Endresens Cd von „Punkt Editions“, aber das wäre fast schon ein Vorgriff auf dem Herbst. So viele Namen rauschen durch diese Zeilen durch, und es ist fraglich, ob all das am Ende eine kompakte Struktur annimmt voller Leit- und Unterthemen – oder ob die Hörer, mit jeder Neuvorstellung, in eine gänzlich andere Welt transportiert werden. Es darf improvisiert werden. Let’s call it an „outpost of dreams“.

  • Der Anfang Vom Ende

    Irgendwann im letzten Spätsommer waren C und H endlich zu Besuch in unserem Garten. Es war ein lauer Nachmittag, wir plauderten gemütlich bei Limo, Kaffee, Kuchen über dies und das. C war in meinen ersten Berufsjahren ein wichtiger Bezugspunkt, sehr erfahren, intellektuell, mit einer Künstlerseele. Und durch und durch mit Initiativkraft gesegnet, ständig hatte er Projekte am Laufen, inszenierte mindestens ein Theaterstück mit Schülern pro Jahr, gründete eine Beratungsstelle, schrieb Konzepte oder Artikel. Nachdem er 2015 in den Ruhestand ging, war es still zwischen uns geworden: wir telefonierten dann und wann mal, liefen uns hier und dort zufällig über den Weg. Ich hatte ein leicht schlechtes Gewissen, mich so wenig zu melden, um so glücklicher war ich dann, als das Treffen endlich klappte – und auch noch sehr nett, nicht beklemmend, langweilig oder ähnliches war.

    Ganz der Unternehmer bat er mich kurze Zeit später, ob ich nicht in seinem kleinen Lesezirkel ein Buch vorstellen könne. Ich zierte mich ein wenig, so etwas ist nicht wirklich mein Fall, sagte dann aber zu. Vor zwei Monaten erreichten mich dann eine Mail von H, dass es ihm sehr schlecht ginge. Er verbrachte lange Zeit auf der Intensivstation, wo er natürlich noch eine Strichfassung des nächsten Theaterprojekts mit seiner Seniorengruppe erstellte, im Herbst sollten „Die 12 Geschworenen“ auf die Bühne kommen. H schrieb weiter Mails, der Tonfall wurde immer tapferer, doch Anfang des Monats kam dann die Nachricht, dass er gestorben ist.

    Und morgen werde ich nun in besagtem Lesezirkel ein Buch vorstellen „Der Anfang vom Ende“ von Mark Aldanow. Warum dieser Titel? C schrieb mir, als ich mich nicht entscheiden konnte, dass es am einfachsten sei ein Buch über ein Thema zu nehmen, womit man sich ohnehin gerade beschäftigt. Der Roman lag oben auf meinem Stabel mit Literatur aus und über Russland, der sich angehäuft hatte, weil ich eine Unterrichtsreihe zur Geschichte der Sowjetunion vorbereitet habe. 

    Der Roman ist lesenswert: in den 30er Jahren reist eine Gruppe sowjetischer Diplomaten nach Paris, mit unterschiedlichen Aufträgen. Dabei ist ein alter bolschewistischer Kämpfer, desillusioniert und des Lebens überdrüssig, ein erfolgreicher Diplomat, dazu noch ein General. Die letzteren haben unter den Bolschewiki Karriere gemacht, waren aber ursprünglich in anderen politischen Lagern verortet, der eine bei den Menschewiki, der andere hatte schon unter dem Zaren gedient. Es entspannen sich unterschiedliche Konstellationen, in dem gut 600 Seiten dicken Buch spielen auch noch andere Charaktere größere Rollen: der kulturpessimistische französische Schriftsteller, dessen Sekretär, der einen Mord begehen wird, die junge und sehr hübsche Sekretärin des Diplomaten, die den drei Russen den Kopf verdreht. Es gibt viel Handlung, Spuren werden gelegt, die ins Leere laufen. Das Buch ist humorvoll, aber auch durchzogen von Paranoia. Und erzählt vom Epochenbruch, vom Untergang eines alten Europas, von der Ungewissheit, was kommen wird, von einem Tanz auf dem Vulkan am Vorabend des zweiten Weltkriegs.

    Zurück zu C und seiner Leidenschaft, dem Theater. In den letzten Monaten war ich auch damit beschäftigt, mit meiner Klasse ein Stück auszusuchen, um es Ende Oktober aufzuführen. Die Wahl der Schüler*innen fiel ausgerechnet auf „Die 12 Geschworenen“. 

  • Journeys

    Der Sommer nähert sich, die Zeit der „beach books“, der Alben, die einst unseren „summer of 24“ definieren werden. Lange habe ich keine „favourite tv shows“ mehr notiert, und so stöberte ich in den letzten 72 Stunden, nach dem Wiederhören eines Rune Grammofon Klassikers, in aktuellen und alten Gedächtnisspuren, auf der Suche nach flüchtigem und andauerndem Glück (trans-medial), den Tiefen mit Flowfaktor 10/10 auf der Spur. Natürlich ist und bleibt das „strictly personal“, doch wird der eine und die andere fündig werden, auch mal den Kopf schütteln, und vielleicht so manchen „lifer“ entdecken. Das hat natürlich auch mit Suche nach verlorener und gewonnener Zeit zu tun, mit der Schallplatte „Chiaroscuro“, und anderen „desert island experiences“. Ich widme diese Liste der „Grossartigkeiten“ unserer Pflegetochter Marjan, die bald mit dem „blauen Pass“ in hundert Länder reisen darf, und mir gestern ein paar Urdu-Passagen übersetzte aus dem neuen Album von Arooj Aftab, das den Texturen der Nacht nachspürt.

    Fünf „beach books“ (die man auch anderswo lesen kann):

    1. Katja Eichinger: Das grosse Blau (ein Traum für ein Flowworker Parallellesen)
    2. Andreas Pflüger: Endgültig (besser spät als nie entdeckt)
    3. Rupert Thomson: How To Make A Bomb
    4. Shehan Karunatilaka: Die sieben Monde des Maali Almeida
    5. Ron Rash: Der Friedhofswärter (bin auf Seite 112, bis jetzt klasse!)

    Fünf neue „women‘s albums“:

    1. Beth Gibbons: Lives Outgrown *****
    2. Julia Holter: Something In The Room She Moves ****1/2
    3. Jessica Pratt: Here In The Pitch ****
    4. Arroj Aftab: Night Reign ****
    5. Sam Morton: Daffodils and Dirt ****

    Fünf Serien der Marke „deep and thrilling“:

    1. John Sugar (one season only)
    2. Shogun (one season only)
    3. Criminal Record (one season only)*
    4. Blue Lights (season 1&2)
    5. Peaky Blinders (the whole journey, six seasons)**

    *Criminal Record is unnerving television. A modern-day hard-boiled detective story with intricate plots, the morally ambiguous, and plenty of suspense and intrigue. There’s everything you’d want from a contemporary London-set thriller here…

    **We‘re happy to report that we fell hard for Peaky Blinders. However familiar its building blocks, the U.K. gangster drama is positively bursting with irrepressible energy, and it’s proof that, whatever a show’s premise, capable execution is everything. A dance from abyss to abyss. Noir and deep. There is probabyly no lover of Nick Cave‘s musical worlds who doesn‘t fall for this epic journey. P.J. Harvey, Leonard Cohen, Tom Waits, all these usual suspects, are joining the festival of noir. On the last two seasons Anna Calvi delivers. Sometimes haunting and overwhelming, always powerful and affecting, Calvi brings Shelby’s life before our eyes purely with her sound. Impressively, she plays all of the instruments – including ones she was less comfortable with, namely violin, piano and percussion – the results are unforgettable and the rawness is completely intended.

    Fünf „journeys into the past“:

    1. American Analog Set: New Drifters (boxset from Numero Group that makes me want to write a long poem of 30 pages.)
    2. Cluster: Zuckerzeit (the eccentric country cousin to the sleek futurism of Kraftwerk’s Autobahn, another 50-year-old.)
    3. Henriksen / Bang / Kleive: Chiaroscuro (a Rune Grammofon classic)
    4. Mal Waldron: The Call (a truly buried ECM treasure from 1971)
    5. Neil Young & Crazy Horse: Fucking Up (wild reimaginings of „Ragged Glory“)

  • A species on the brink of extinction?

    After going to the cinema, I went to Saturn and came across the album „Prelude to Ecstasy“ by a band called The Last Dinner Party, decided to buy it, without ever having heard anything by this band. The cover photo shows five young women in extravagant clothes on what pretends to be a painting on a wall above a fireplace in an apparently prosperous old living room crammed with candles, flowers and other knickknack.

    There was a two-page article about the album (or the band) in DER SPIEGEL not long ago (headline: „A species on the brink of extinction“), but I hadn’t read it, merely removed it from the magazine and kept it on a pile of articles „to be read sometime in the future“. I came across it earlier today, but still only read the short abstract: „The music year 2024 starts unexpectedly – with a rock band. The Last Dinner Party, five women from London, are the hype of the hour. But why is that?“

    Surprised to find out, months later, that there was supposed to have been a „hype“, seems funny. But also raises questions: Was this „hype“ one of those that only music writers had longed for and simply claimed was going on? Usually, as someone reading a lot about current releases in a variety of international print and web magazines, one notices at least that something like that is going on. I guess I didn’t pay much attention to the release at the time, because I may have had the impression it was just another girl-band à la Goat Girl, Wet Leg (Wet Kiss? Long Leg? What’s that hyped duo called again?), Warpaint or something… Was it possibly just a „hype“ that happened during the first week of February? Normally, something is only considered as such when many magazines write about it and you can’t help at least hearing about it repeatedly over a certain period of time (a few weeks or months or so, like with Floating Points & that late sax Altmeister whose name I can’t think of right now, or with Kamasi Washington, being a „hype“ again with every album he puts out, or with Nils Frahm or Adrianne Lenker). Has anyone around been aware of the „hype“ around The Last Dinner Party? If so, can they briefly enlighten me where (and on what grounds) this hype took place, if it did?

    Looks like the album did get a lot of positive reviews, and I somehow didn’t even notice it. That was probably during the Berlinale, when it passed me by.

    Now I just listened to it. Interesting album. Well-produced retro pop like this is always kind of fashionable (aka „hype“?); particularly in the 2020s, when it’s done by an all-female band. I’ve only listened to it through once so far and was a bit startled at one point wondering „Which album did I actually put on? I don’t even have any ABBA albums…“ (or else: „Is this genuinely an ABBA cover? And if so, why?“)
    Yes, ABBA just always seems to go down well with both the general public and special interest listeners… I’ve never been able to get excited about them. Anyway, interesting album. Very upbeat and charming.

  • „Leaving the dream“

    Zum ersten Mal hörte ich einen Song von „Hejira“, in einer Radiosendung im Westdeutschen Rundfunk, nachmittags. Welche Nebensächlichkeiten sich da einbrennen – ich sehe ein herbstliches Nachmittagslicht im Garten, Karl Lippegaus moderiert, es regnet graue Schleier, Jonis Stimme strömt aus Lautsprechern aus Mahagoniholz, und ich weiss, dass diese Musik nicht einfach bloss nachhallen wird, sie wird Begleiterin sein, from station to station, all ihren Fluchttendenzen und Flüchtigkeiten zum Trotz. Das Lied besass etwas, das, wie sich bald herausstellte, alle Songs des Albums auszeichnet, einen vorwärtstreibenden, sanften wie unnachgiebigen Puls, ein Flirren wie von Luftspiegelungen erzeugt. Jeder, der das Album lieben gelernt hat, sieht in diesem Moment das Cover vor sich, das perfekt zu den Texturen der Musik passt. Die Juli-Ausgabe von UNCUT erzählt die Geschichte, viele Geschichten, die sich um Hejira ranken. Und sie beginnt ungefähr so:

    „Im März 1976 packte Joni Mitchell ihr Auto – einen großen, kastenförmigen Mercedes 280 SE, den sie Bluebird nannte und den sie 1969 mit ihrem ersten Tantiemenscheck gekauft hatte – und begab sich auf die I-15, um nach Damariscotta, Maine, zu fahren, das sehr, serh weit von Los Angeles entfernt war. Sie hatte keinen Führerschein, aber das sollte sie nicht aufhalten. Eigentlich sollte sie The Hissing Of Summer Lawns in Europa promoten. Stattdessen begab sie sich auf eine wilde Verfolgungsjagd quer durch das Land, mit einem alten Liebhaber und seiner neuesten Flamme sowie mehreren Anhängern voller emotionaler, psychologischer und pharmazeutischer Probleme.

    Ein paar Monate später kehrte sie nach LA zurück, nachdem sie über 10.000 Meilen zurückgelegt hatte. Sie war allein durch das ganze Land gefahren, um den Golf von Mexiko herum, durch den tiefen Süden und die Sonora-Wüste. Ihre Verluste waren zahlreich: ein Verlobter (ihr Schlagzeuger John Guerin), ein Haufen Geld von der abgesagten Tournee, ein Großteil ihres kommerziellen Erfolgs, ihr Ego (für drei Tage, nachdem sie zu Beginn ihrer Reise in Boulder dem abtrünnigen buddhistischen Guru Chögyam Trungpa begegnet war), und anscheinend eine ganze Oktave ihres Stimmumfangs. Aber sie kehrte von ihren Reisen mit einer seltenen und kostbaren Traumfracht zurück: den neun Songs, die Hejira bilden.“

  • Chiaroscuro (revisited)


    Chiaroscuro entstand während einer Reise durch Norwegen. In einigen Clubs waren vielleicht zwanzig, manchmal  fünfzig Zuhörer dabei. Ich erinnere mich, das erste Stück, „Opening Image“, wurde auf einer Mini-Disc aufgenommen. Es wurde so leise aufgenommen, das du das Rauschen hören konntest. Das Rauschen war übermächtig, wir mussten was damit machen. Und Erik Honore, nun, er ist der perfekte Produzent, ein  Meister der Töne, er findet stets auf kreative Art Lösungen für ein Klangproblem. Er schlug vor, den Synthesizer einzusetzen, um noch mehr Rauschen zu erzeugen, das neue Rauschen zum alten hinzuzufügen, und mit dieser Dynamik des Rauschens zu arbeiten, so dass das Rauschen selbst eine Art Instrument wird.“ (Jan Bang)

    This year‘s Punktfestival will see the original line-up of „Chiaroscuro“ on center stage celebrating Arve Henriksen’s groundbreaking album, where the acclaimed trumpeter is joined by Jan Bang and Audun Kleive. Let‘s call it back-to-the-roots magic! In regards to Jan‘s memories of that old concert tour, one question arises: with that lack of tape hiss during that forthcoming concert, will there be samples of the old noises, and a synthesizer in action for covering them up? No kidding, the original remix of the recorded sound definitely had an impact on the final magic. (m.e.)

  • June Revelations (Album & Archive)



    Album – Dass englische Städteplanung vom Ende der Siebziger Jahre mal eine hochinteressante Reihe von Alben aus der Sparte „Elektronika“ auf den Weg bringen würde, ist eine kleine Überraschung. Was uns ein gewisser Gordon Chapman-Fox seit Jahren anbietet, ist ein wundervoll-hintersinniger Soundtrack zu „kommunalen Stadtgeschichten“. Der vierte Teil dieser Serie fand sich speziell im alten Königreich auf vielen Jahresbestenlisten anno 2023. Hauntology and psychogeography, composed by a sharp political mind. Der Transfer zur alten Bundesrepublik ist nur ein Katzensprung. „Your Community Hub“ ist der fünfte Streich dieser Klangveranstaltung mit dem poetischen Namen „Warrington Runcorn New Town Development Plan“. Wer sich schlau machen möchte, schaue zu Bandcamp, oder in die Juni-Ausgabe des Magazins „Electronic Sound“, in der sich auch ein Gespräch mit Mr. Trunk findet, hier ein Auszug…

    Archive – Wir bleiben im Reich (von Fall zu Fall) beseelter Objekte, und, was die Autorenschaft angeht, im alten England: wer durch Jonny Trunks neuen Bilder- und Erzählband schmökert (und hier ist genussvolles Schmökern angesagt, für alle Freunde alter Hifi-Gerätschaften), wird unweigerlich an seine eigene Kinder- und Jugendtage denken. (Mir fällt, läge ich auf eine Couch und würde zum freien Herumspinnen ermuntert, sogleich eine schwere Tonbandmaschine einfallen, mit der ich abends, im ersten Semester in Münster, in der Wohnung eines, in den wenigen Monaten dort, versterbenden Rentnerpaares, auf alten BASF-Bändern, meine musikalische Grundversorgung und und Seelennahrung sicherte. Danke, Leonard. Danke, Bo Hansson.) „Audio Erotica: Hi-Fi Brochures 1950s – 1980s“ ist weitaus mehr als eine obskure Broschürensammlung. In den Klanghorizonten war Johnny Trunk öfter zu Gast, ein Spezialist für Zeitreisen in die gesammelten Unheimlichkeiten der Kindheit, von wilden Comics, über erste Horrorfilme und die grosse weite Welt der „library music“, bis hin zu surrealen Trickfilmserien.

  • „At The Marquee“

    1 – War der Marquee Club wirklich das größte Musiklokal der Welt, wie der Untertitel einer neuen Geschichte des Clubs nahelegt? Die Carnegie Hall, das Olympia in Paris, das Ronnie Scott’s, die Berliner Philharmonie, das Village Vanguard und einige andere mögen dafür sprechen. Aber von der Eröffnung im Jahr 1958 bis zur Schließung des letzten Clubs, der diesen Namen trug, im Jahr 2006, hatte der Club einen berechtigten Anspruch auf diesen Titel, da seine Attraktionen im Laufe der Jahre von Dexter Gordon, Chris Barber und Dudley Moore über Alexis Korner und Long John Baldry, die Stones, die Yardbirds, Manfred Mann, Graham Bond, Little Stevie Wonder, The Who, David Jones/Bowie, Sonny Boy Williamson, Rod Stewart, Jimi Hendrix, King Crimson, Led Zeppelin, Fela Kuti, Genesis, Dr. Feelgood und Dire Straits bis hin zu den Damned, den Sex Pistols (als Support von Eddie and the Hot Rods), The Jam, The Police, Motorhead bis hin zu REM und Guns N‘ Roses und Hunderten und Hunderten von anderen, von denen die meisten noch in der Entstehungsphase sind, einschließlich fast aller britischen Blues- und Prog-Rock-Bands, die über die Musicians Wanted-Rubriken des Melody Maker zusammengetragen wurden.

    (Richard Williams, zu einem Buch über diesen legendären power spot, s. nebenan: The Blue Moment)

    2 – Der Kollege drehte sich eine Zigarette, er sass mir gegenüber in unserem Zwei-Mann-Büro. Zwei Psychologen, einer hatte Liebeskummer. Michael, um aus dieser Nummer raus zu kommen, flieg nach London, über Weihnachten, das ist doch deine Stadt. Du musst einfach ständig wach sein, saug Piccadilly auf, das tut richtig weh, aber gut, alleine, ganz alleine, saug die Einsamkeit auf. In vollen Zügen. Das hilft. Down to the bottom! Ja, sie ist bestimmt die schönste Frauen Regensburgs. Du warst ihr Ausbruch, sie hat die Reissleine gezogen.  


    Die Würfel sind gefallen. Er hatte ja so recht. Ich wohnte noch immer am Ende der Welt, die Wölfe der Tschechei kamen manchmal über die Grenze, und ein Buch mit Kurzgeschichten von Richard Brautigan lag neben dem Bett. Ich fuhr von Bergeinöden nach Frankfurt und besorgte mir ein Flugticket nach London. So allein wollte ich auch nicht sein, und so kündigte ich meinem alten Würzburger Freund David Webster meinen Besuch an. Er freute sich darauf, mich wiederzusehen.

    In Frankfurt verweigerten sie mir die Einreise nach London. Ich landete in Büros, und musste sogar zu einem amerikanischen Konsulat, wieso musste ich auf das fucking amerikanische Konsulat? Ein Riesentheater, und ich war sauer, und zeigte das auch. Da klärte es sich, dass ich als Amerikareisender gebucht war, ohne Visum, alles war ein Missverständnis im Frankfurter Nieselregen. Lauter Sorrys und Entschuldigungen, und Lufthansa schenkte mir ein Ticket für die Business Class, mit Sekt und allem Drum und Dran für eine Dreiviertelstunde Flug in den Londoner Nebelregen.

    Heiligabend war ich bei den Websters eingeladen, bis dahin hatte ich zwei Tage: billige Absteigen, alte Cafes, und ich besorgte mir sofort ein Musikmagazin. Musik sollte Teil meiner Selbsttherapie sein. Ich liess mich in einem Pub nieder, erleichtert nach dem Tagesstress, der Kaktus auf der Ablage über mir geriet in Bewegung und plumpste dem Mann hinter mir in den Nacken. Ein Aufsschrei. Ich kümmerte mich sofort um ihn, zog ihm einzelne Stachel raus, ein paar Stellen waren blutig, aber er blieb freundlich. Der Pubbesitzer hatte sogar ein Desinfektionsmittel. Am Abend ging ich in den Marquee Club, um Jah Wobble & The Invaders of the Heart zu erleben.

    Jah Wobble hatte einen Trenchcoat an, der aussah, als wäre er den ganzen Tag durch den Londoner Dunkelregen gewandert. Man konnte hören, dass Jah Wobble nach der Zeit mit Public Image Ltd. noch viel mehr in die Welt des „elektrischen Miles“ eingetaucht war. Dunkel pulste sein Bass durch den Raum. Eine Trompete mit Wah-Wah-Pedal verschickte knappe telegraphische Notizen, der Drummer hämmerte wohltuende Monotonie. Da erkannte ich sie und taufte sie Healy. Du bist die Fremde, mit der ich diese Nacht erobern werde. Sie stand alleine an der Seite, und trug auch einen fucking beautiful Trenchcoat. Hoffentlich war sie kein Jah Wobble-Groupie. War sie nicht.

    Nach dem Konzert lud ich sie zu einem Drink ein, nachdem ich mich freundlich vorgestellt hatte. Why me, fragte sie mich, und ich sagte, your eyes. Sie hatte ein kleines Appartment in West Hampstead. Sie legte eine gemeinsame Lieblingsplatte auf, Chairs Missing von Wire, und dann schliefen wir miteinander. In dieser Nacht lösten sich die Bilder der schönsten Frau Regensburgs in den Umarmungen einer Wildfremden  auf. Wir kifften, lachten, und mochten einander – small talk with a beating heart.  Sie hatte kleine feste Brüste und einen extrem schlanken Körper, Londoner Regenblässe. Sexual Healing. Ein wenig.

    Ich wanderte den ganzen Tag durch Hampstead Heath, ich hörte spät am Abend John Peel im billigen Hotelzimmer (er spielte Musik von Howard Devotos Band  „Magazine“, ich weiss es noch genau, einen Song aus „Second Hand Daylight“, oder „The Correct Use of Soap“, wunderbar) und am nächsten Abend, Heiligabend, traf ich bei den Websters ein. Es gab Gans, Rotkohl, und Plumpudding. Es waren noch andere Gäste da. Ich hatte mir einen Infekt eingefangen, und später nachts 39.5 Grad Fieber. Ich schnupfte. Ich glühte. David sagte: Michael, erzähl, wie war das Jahr? Wollt ihr das wirklich hören? Ja, Mann! Und ich erzählte die ganze Geschichte. Bis zu dem Augenblick, wo mein Kollege sich eine Zigarette drehte. In einer Fachklinik für Suchtabhängige. Ich ruinierte die Party mit dieser Story, leider. Obwohl ja alles so magisch anfing, mit einem Western mit James Stewart,  und dem berühmten Song der Gruppe Grauzone. Ich hätte gerne als Entschuldigung einen Weihnachtsbaum gestiftet. Für Mrs. Webster wurde ich zum roten Tuch.

    Das Allerschönste in diesen Tagen waren die Fahrten mit der Underground, besonders die Augenblicke, wenn man die letzte Treppe zum Tageslicht betrat. Immer wieder gerne: Piccadilly Circus, die bunten, flackernden Werbetafeln im Dauerregen. Ich kam mir vor wie in einer ungeschriebenen Geschichte von Richard Brautigan. Eine, in der  Duftkerzen Patchouli verströmen, die Kinks im Radio „Mr. Pleasant“ spielen, ein Hirschbraten mit Preiselbeerrahm serviert wird, und  ein paar Glückskekse am Tannenbaum hängen.

    3 – Ich war zweimal in meinem Leben im Marquee, 1982 im Dezember, und, nach kleiner Recherche rausgefunden, am 15. Juli 1970, um Steamhammer zu erleben. Gates of perception. Mein alter Freund Uwe Zemlin war wesentlich öfter dort. Seine Erinnerungen würde ich hier gerne nachlesen. Write a little story! (m.e.)

  • Diese Anklage ist richtig

    Das Abgrundtief-Niederträchtige ist der Hamas genauso zueigen wie den Kriminellen der israelischen Regierung, die willentlich an einem Genozid in Palästina mitwirken, durch die Ermordung von Kindern, Frauen und zahllosen anderen Unschuldigen. Und durch die jahrelange Duldung der Ermordung von Palästinensern durch faschistoide israelische Siedler. Hier eine Klarstellung von Ronen Steinke aus der SZ. (M.E.)


    Nimmt man den gesamten Globus in den Blick, wie dies ein Internationaler Strafgerichtshof tun sollte, dann gibt es gewiss viel grausamere Kriegsherren als den seit zusammengerechnet 16 Jahren regierenden Premierminister Israels, Benjamin Netanjahu. Man braucht nur direkt nebenan zu schauen, im Nachbarland Syrien sitzt – vom Internationalen Strafgerichtshof unbehelligt – ein Diktator in zweiter Generation, Baschar al-Assad, der Zehntausende Menschen in Folterkellern verschwinden lässt, Fassbomben auf Wohngebiete abwerfen lässt und dabei nicht einmal so tut, als würde er, wie Netanjahu, einen grundsätzlich legitimen Verteidigungskrieg führen müssen.

    Blickt man in die Galerie der jüngeren Zeitgeschichte, dann sind es sogar überhaupt nur wenige Regierungschefs, die jemals offiziell durch die internationale Justiz zu Straftatverdächtigen erklärt worden sind. Was nun mit Netanjahu geschieht, ist selten: Am Montag hat der Chefankläger des Weltstrafgerichts verkündet, er wolle einen Haftbefehl gegen den Israeli erwirken, ungeachtet aller amtlichen Würden – so wie zuvor etwa gegen den Russen Wladimir Putin, der sein Nachbarland ohne jede glaubwürdige Rechtfertigung überfiel. Oder einst auch gegen Slobodan Milošević, den politischen Einpeitscher der serbischen Völkermörder-Truppen in Srebrenica und an vielen weiteren Orten des Balkans.

    Mit der Totalität jener Angriffskriege kann man die schwierige Kriegsführung Israels gegen eine Terrorarmee, die Kibbuzim und Dörfer angegriffen hat und sich seither in Tunnels und hinter Zivilisten verschanzt, nicht vergleichen. Mit ihnen aber wird man den Israeli Netanjahu jetzt rechtshistorisch in eine Reihe stellen. Das ist die Bedeutung dieses juristischen Schrittes in Den Haag. Auch wenn es noch einige Tage dauern dürfte, bis die Richter dort aller Erfahrung nach dem beantragten Haftbefehl zustimmen, und auch wenn Netanjahu dann noch länger auf freiem Fuß bleiben dürfte, weil der Staat Israel ihn natürlich nicht ausliefert.

    Und trotzdem: Nichts von diesen Vergleichen entlastet Netanjahu, weder moralisch noch juristisch. So wie es den israelischen Premier auch nicht entlastet, dass gleichzeitig mit ihm und seinem Verteidigungsminister Joav Gallant auch noch die drei wichtigsten Köpfe der Gegenseite, der terroristischen Hamas, für einen Haftbefehl ausgesucht worden sind, was auf den ersten Blick wie eine sonderbar undifferenzierte Gleichmacherei aussieht. Natürlich weisen die mörderischen Taktiken der Hamas eine ganz andere Abgründigkeit auf. Die Hamas-Planer sind es schließlich, die den Krieg und das Leid auch ihrer eigenen Zivilbevölkerung provoziert und genau so gewollt haben. 

    Aber das trägt nicht sehr weit als Ausrede für Netanjahus eigene Entscheidungen. Das humanitäre Völkerrecht mit seinem zentralen Appell, Zivilisten zu schonen, bindet alle Seiten in einem Krieg, oder es ist wertlos. Es geht dem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs erkennbar nicht um die Tatsache, dass Israel sich verteidigen muss. Sondern allein um die Art und Weise, wie es dies tut. 

    Und wer, wie Netanjahu und die israelische Militärführung, mit so großer Beharrlichkeit die zunächst vorsichtigen, zuletzt immer eindringlicheren Ermahnungen internationaler Juristen wie auch politischer Partner in den Wind geschlagen hat, im Städte- und Häuserkampf auf Zivilisten Rücksicht zu nehmen und diese etwa nicht hungern zu lassen – der hat sich selbst dafür entschieden, eine rote Linie zu überschreiten. Die Anklage gegen Netanjahu ist deshalb richtig.

    Eine Zäsur ist sie gleich in doppelter Hinsicht. Erstens zeigt die internationale Strafjustiz ein Selbstbewusstsein, das neu ist. Erstmals trifft eine Anklage aus Den Haag einen langjährigen, engen Verbündeten des politischen Westens; das hätten die Juristen dort sich in den Anfangsjahren nach der Eröffnung des Weltstrafgerichts um die Jahrtausendwende herum kaum getraut. Der Strafgerichtshof ist auf Finanziers aus Europa angewiesen, auf die millionenschwere Unterstützung von Staaten wie Deutschland – und die Juristen dort werden nun bang verfolgen, was es für diese Unterstützung bedeutet, wenn sie von ihrer justiziellen Unabhängigkeit zunehmend mutig Gebrauch machen. (R.S.)

    Gaza ist ein Friedhof

    Es gibt überhaupt keinen Grund, Künstlern Antisemitismus und Israelhass zu unterstellen, die gegen die schweren Kriegsverbrechen der Israeli in Gaza protestieren. Ob Brian Eno, Julia Holter, Susan Sarandon, Jonathan Glazer. Um nur ein paar zu nennen. 2/3 der unschuldigen Opfer, zigtausende (!), sind Kinder und Frauen. Wer das mit unvermeidlichen Kollateralschäden rechtfertigt, verrät nur seinen eigenen Menschen verachtenden Zynismus  Widerlich das rücksichtslose Töten der israelischen Kriegsführung, so widerlich wie das entsetzliche Gemetzel der Hamas. Ich bin erschüttert von dem fortgesetztem Waffentransport nach Israel aus Deutschland. Gaza war ein Gefängnis, jetzt ist Gaza ein Friedhof. Eine Zwei-Staaten-Lösung ist die einzige produktive Lösung, Netanjahu und seine Rachepolitik versucht das mit aller mörderischen Macht zu verhindern. (m.e.)

    There is absolutely no reason to accuse artists of anti-Semitism and hatred of Israel who protest against the serious war crimes committed by the Israelis in Gaza. Whether Brian Eno, Julia Holter, Susan Sarandon or Jonathan Glazer. Just to name a few. 2/3 of the innocent victims, tens of thousands (!), are children and women. Those who justify this with unavoidable collateral damage only betray their own contemptuous cynicism. Disgusting the ruthless killing of Israeli warfare, as disgusting as the horrific carnage of Hamas. I am shocked by the continued transport of weapons to Israel from Germany. Gaza was a prison, now Gaza is a cemetery. The two states solution is the only productive solution, Netanyahu and his revenge politics are trying to prevent that with all their murderous might.

    (Am 19. März sind in Utrecht Tausende Kinderschuhe aufgestellt worden, um auf die getöteten Kinder im Gazastreifen aufmerksam zu machen.)