• Über die Handschrift eines Künstlers (Gastbeitrag von Lea Matusiak)

    Die Szene spannt sich auf, wie ein Augenaufschlag. Musik ertönt über ein paar signifikanten Hintergrundgeräuschen. Es bauen sich mit den Bildern Momente einer Szene auf. Kurze Zeit scheint es ein normales Intro in einen normalen Film zu sein. Nein. Auf einmal knallen Bild und Ton direkt los. Es startet ein Mix aus moodhaften Motiven, die collagenhaft in Sekunden eine Lebensgeschichte erzählen und im euphorischen Wechsel zu Soundtrack und eigenem bildhaften Überraschungsmoment stehen. Ruckartig. Faszinierend eigensinnig. Ein Wimpernschlag später. Aggressiv. Verwegen. Nicht aggressiv. Brutal nah. Man taucht direkt ein in diese Stimmung, wie in ein Eisbecken. Man wird regelrecht unter Wasser gezogen.

    Wer die Filme kennt, erinnert sich vielleicht an diesen Effekt. Ich spreche von den Werken des Regisseurs Guy Ritchie, welche eine eigenartige Faszination auf mich ausüben und die ich zu ergründen versuche. Ich fasse diese bestimmte Stimmung auf und treibe darin, solange ich es soll. Es ist so mitreißend, dass der Nachklang auch nach dem Film erhalten bleibt. In welcher Form auch immer. Nicht zu verkennen: Der Fakt, dass ich mich darin wiederfinde, Werke desselben Künstlers zu vergleichen, um konzeptionelle Gemeinsamkeiten festzustellen, was einen Teil dieser Faszination begründen vermag.

    Das Basisgefühl entnehme ich dem Track Growing Up Londinium des mehrfach ausgezeichneten Briten Daniel Pemberton, der unter anderem für den Film King Arthur: Legend of the Sword (2017) einen monumentalen und gleichzeitig feinsinnigen Soundtrack gebaut hat. Für mich ist dieser Track ein Sinnbild für ebendiesen Guy-Ritchie-Effekt. Die Wirkung der Filmmusik macht einen undenkbar großen Anteil am Erlebnis des Films aus. Phil Blumenthal schreibt in seinem Beitrag auf www.filmmusicjournal.ch, dass einem der Blick ins Booklet bereits vieles über den gewählten Musikansatz verrät: “Nicht nur, weil Pemberton selbst in einem ausführlichen Kommentar seinen Ansatz süffisant und detailliert beschreibt, sondern auch, wenn man sich die Besetzungsliste anschaut. […] Ein „Ancient Ensemble“ bestehen aus fünf Personen, etliche Solisten mit mittelalterlichen Instrumenten wie die Tromba Marina, die Hardanger-Fidel, das Hurdy-Gurdy, der Londinium Bass Bulge… die Liste geht noch um einige Positionen weiter. Mit dieser Besetzung kreierte Pemberton auch im Zuge vieler Improvisations-Sessions eine mal konventioneller klingende, oftmals jedoch brachial experimentelle Filmmusik.” Ein Ansatz, der auch zum Thema des Films passt: Eine moderne Aufbereitung, die die historisch klassischen Elemente integriert – und eben in ganz eigenem Stil wiederbelebt.

    Der lässige Einsatz von Text und Typo im Filmbild, teilweise auch im Standbild, um Charaktere vorzustellen, ist ebenfalls ein Element, dessen sich der Regisseur gerne bedient. Das erzeugt besonders in Filmen wie Bube, Dame, König, grAS (1998), snatch – Schweine und Diamanten (2000) oder Rock N Rolla (2008) dieses besondere Gangster-Flair. Gerade bei besonderen Namen, die keine “echten” Vornamen sind, sondern einfach nur Spitznamen, hat das fast schon etwas Schulfilmhaftes. Untermauert von großartigen Dialogen, oft mit kecker Schnauze, Witz, dem ein oder anderen Dialekt und einer Leichtigkeit, die mich nicht zuletzt gerne an die legendäre Burger-Szene aus Pulp Fiction von Quentin Tarantino erinnert. Auch die Erzählperspektive wechselt sich zwischendurch ab: Die Handlung wird beispielsweise in Form eines Interviews erzählt, der Protagonist wird ausgefragt und das Bild switcht zwischendurch immer wieder, sodass der Zuschauer das Erzählte direkt und zügig miterleben kann. In The Gentlemen (2020) führt uns sogar ein einziger Dialog schon nach den ersten 5 Minuten des Films über seine gesamte Lauflänge erst ein in die Verwirrungen und Verstrickungen der Geschichte selbst, aber eigentlich besteht dieser Film nur aus einem bedrohlichen Live-Pitch beim Barbecue – mit jäher Unterbrechung. Und nicht zu vergessen: Der allwissende Erzähler, der zwischendurch auch gerne mal sein Stimmchen erhebt und dahinfliegende Szenen kommentiert. Alles zusammen: Ein bestechlicher Mix, der mich so nahbar teilhaben lässt, als würde ich das Gespräch direkt vor Ort mit anhören. Es kommt fast schon ein verwegenes Gefühl auf, wie wenn man eine Diskussion oder einen Streit mitanhört, die einen gar nichts angehen.

    Dann ist da ja noch der Schnitt. Guy Ritchie lässt die Cuts so gezielt setzen, dass es einem buchstäblich ins Auge springt. “Das hat etwas zu bedeuten!”, schreit mein Hinterkopf, aber dann fesselt schon wieder etwas anderes meine Aufmerksamkeit, dass ich die Technik hinter dem Manöver glatt vergesse. Vielleicht ist es auch eher die besondere Kamerafahrt. Wenn auf einmal innerhalb eines Takes die Wiedergabegeschwindigkeit der Bilder beschleunigt wird. Oder es einen prompten Zoom innerhalb eines Bildes beispielsweise auf ein Szenenelement gibt. Oder der seitlich beschleunigte Schwenk von einer Person zur anderen, der dann prompt wieder zum Stehen kommt, so als ob beide Personen an einem runden Tisch säßen, die miteinander sprechen. Wusch. Und wieder zurück. Das lässt sich beobachten in King Arthur: Legend of the Sword (2017) und vielen anderen Werken. Ein Volltreffer.

    Zugegeben: Keines der genannten Elemente selbst ist ein Unikat mit einer eindeutigen Unterschrift seines Urhebers. Es ist die Kombination der genannten Elemente und Techniken, die den Stil und damit die Handschrift des Künstlers ausmachen. Brutal nah. Ruckartig aggressiv. Faszinierend eigensinnig. Der unverkennbare Guy Ritchie-Effekt.

  • Aus der Jazzredaktion des Deutschlandfunks (für Jürgen Becker)


    Seit 1990 ist das mein regelmässig wiederkehrender Blick auf Köln. Aus den Räumen der Jazzredaktion. Die 17. Etage des Funkhauses. Einmal, früh in meiner Zeit dort, wurde ein DDR-Spion vor meinen Augen abgeführt. Meinem Lieblingslyriker der alten Bundesrepublik begegnete ich im Fahrstuhl, er war dort Hörspielredakteur. Immer wieder bekam ich dort oben grünes Licht für Aufträge, zu Interviews nach München, London, oder Oslo zu reisen. Später durfte ich als verlängerter Arm von Harald Rehmann Konzerte zum Einkauf „klarmachen“, ob beim Punktfestival, Kristiansand, oder zuvor beim Festval Musica Visual de Lanzarote. Unvergesslich all die Erinnerungen an die Konzerte, etwa von Eberhard Weber und David Darling, solo, in den Höhlen von Jameos De Agua oder noch anderen, tiefergelegten Räumen wie dem Boden eines Vulkans, den Brian Eno und Peter Schwalm mit Klängen umspielten (und es wurde eiskalt). Und auch das Punktfestival hatte von Anfang an einen besonderen Zauber. Die Konzerte im Agden Theater, die Live-Remixe (Jon Hassell meets Sidsel Endresen), die Vorträge, die freundschaftlichen Bindungen. Zurück zum Sender: dreissig Jahre lang, immer wieder, in kurzen, später längeren Wochentakten, die Fahrten zum Nachtradio, für die „Klanghorizonte“, von Dortmund, später von Aachen aus, und zurück. Und zwischendrin die schönste Musik, Storytelling, und die kleine Besetzung, nachts, in einem grossen Funkhaus.

  • Ank Anum: From Nowhere to No. 29 in Michael’s Desert 100 (for Leah Kardos)

    in regards to my no. 1:

    Not forgetting all things lost
    in the fire of our lives
    (as far as we can remember).
    Sometimes, from a distance, everything
    (losses first, and hands still to hold)
    falls into place. No catchy songs,
    no singalongs, no fairytale parallel worlds,
    no hooks, no future evergreens, oh,
    hold on, in their own peculiar way
    Brian Eno’s modern day lamentations are
    a collection of future „everblues“,
    haunting, uncanny, anti-
    grandiose, epic, enigmatic &
    beautiful in a dark way. (m.e.)

    And how then could it be
    That we appear at all?
    In all this rock and fire
    In all this gas and dust
    Are we not each a flame?
    All born to live in light
    All born to give our light 


    1) Brian Eno: Foreverandevernomore
    2) Talk Talk: Laughing Stock
    3) Robert Wyatt: Rock Bottom
    4) Joni Mitchell: Hejira
    5) Ralph Towner: Solstice
    6) Robert Wyatt: Rock Bottom
    7) Brian Eno: On Land
    8) Keith Jarrett: The Survivors´ Suite
    9) David Bowie: Black Star
    10) Brian Eno: Another Green World / Music For Films
    11) Neil Young: Tonight‘s The Night
    12) Beth Gibbons: Lives Outgrown
    13) Miles Davis: In a silent way
    14) Leonard Cohen: Songs of Love and Hate
    15) Paul Bley: Open, To Love
    16) Eno / Byrne: My Life in The Bush Of Ghosts
    17) Fire! Orchestra: Echoes
    18) Steve Tibbetts: Life Of
    19) Underworld: Second Toughest In The Infance
    20) Talking Heads: More Songs About Buildings And Food
    21) P.J. Harvey: I Inside The Old Year Dying
    22) The Go-Betweens: Spring Hill Fair
    23) Jan Garbarek: Sart
    24) The Beatles: Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band
    25) Young Marble Giants: Colossal Youth
    26) Jon Hassell/Brian Eno: Possible Musics
    27) Laurie Anderson: Big Science
    28) The Flaming Lips: Yoshimi Battles The Pink Robots
    29) Ank Anum: Song Of The Motherland
    30) Wire: Chairs Missing


    31) Weather Report: Mysterious Traveller
    32) Floating Ponts / Pharoah Sanders: Promises
    33) Dadawah: Peace and Love
    34) David Bowie: Low
    35) Neil Young: On The Beach
    36) Marion Brown: Geechee Recollections
    37) Codona: Codona 3
    38) Jacques Brel: Brel (his last one, with clouds on the cover)
    39) Soft Machine: Third
    40) a choice between 66 roots reggae albums
    41) King Crimson: Discipline (or three other Crimons, growers forever)
    42) Bill Callahan: Apocalypse
    43) John Coltrane: A Love Supreme
    44) Brian Eno: Taking Tiger Mountain (By Strategy)
    45) J.J. Cale: Naturally
    46) Edvard Vesala: Nan Madol
    47) Punkt: Crime Scenes 
    48) Gavin Bryars: The Sinking of the Titanic (Obscure Records)
    49) Gary Peacock: Paradigm – Voice Fron The Past
    50) Van Morrison: Veedon Fleece 


    51) Arve Henriksen / Audun Kleive / Jan Bang: Chiaroscuro
    52) Brian Eno: The Ship
    53) Robert Fripp: Exposure
    54) Talking Heads: More Songs about Buildings and Food
    55) John Coltrane: A Love Supreme
    56) Wilco: A Gost Is Born
    57) Laurie Anderson: Big Science
    58) Thomas Köner: Novaya Zemlya
    59) Harold Budd & Brian Eno: The Plateaux of Mirror
    60) Lambchop: Showtunes
    61) Sidsel Endresen / Jan Bang / Erik Honoré: Punkt Live Remixes Vol. 2
    62) Lucinda Williams: Essence
    63) Punkt: Crime Scenes
    64) David Sylvian: Manafon
    65) Keith Jarrett: Belonging
    66) Robert Fripp: Let The Power Fall
    67) Egberto Gismonti / Jan Garbarek / Charles Haden: Magico
    68) Anthony Braxton: New York, Fall 1976
    69) David Holland: Conference Of The Birds
    70) Can: Tago Mago 
    71) Kraftwerk: Autobahn
    72) Robert Wyatt: Dondestan
    73) Holger Czukay: Ode To The Peak Of Normal
    74) The Go-Betweens: Liberty Belle and the Black Diamond Express
    75) Miles Davis: Bitches Brew
    76) Natural Infornation Society: Since Time Is Gravity
    77) Keith Jarrett: Bremen / Lausanne
    78) Joe Henderson: The Elements
    79) Music from the Penguin Cafe Orchestra (Obscure Records)


    The wonderful Moon Safari from Air is on no. 185. There‘s a constant flowflowflow amongst my 100 Desert Island Discs. Yes, there are errors, double placings etc, but I am working on this list til Saturday, and as soon as it is finished, it will vanish. Number 100, too, is a five star album.  The personal is more important than the canonical element.


    80) Van Morrison: Veedon Fleece
    81) Television: Marquee Moon
    82) Jon Balke: Warp 
    83) Brian Eno: Music For Airports
    84) Meredith Monk: Dolmen Music
    85) The Kinks: a best of compilation
    86) Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowledge Its Grace
    87) Bo Hansson: Lord of the Rings
    88) Al Green: a best of compilation
    89) Colin Walcott / Don Cherry / Nana Vasconcelos: Codona 2 (or 3)


    90) Ryuichi Sakamoto: Left Handed Dream (or Async)
    91) T. Rex: Electric Warrior
    92) Caetano Veloso: Estrangero
    93) Don Cherry: Brown Rice
    94) Robert Wyatt: Shleep
    95) Billie Holiday: Lady In Satin
    96) Lewis: L’Amour
    97) Bob Dylan: Desire
    98) Lankum: False Lankum
    99) Alice Coltrane: Journey in Satchinanda
    100) Pharoah Sanders: Tauhid

  • my three best jazz albums of 2024 (so far (out))

    At the end of a year at the Deutschlandfunk, at least for some time now, this is a big question: which three records you wanna choose? You will talk about them, you will defend them, you will sing their praise. So it‘s personal. A love affair of sorts. Some people will buy it and regret it, haha. Beforehand, there‘s another talk to happen: is there enough jazz in them to call them jazz albums, and the degree of improvising may add to the final impact of being seen and listened to as a jazz album. Sometimes the casual appearance of a blown horn may seal the deal. So here they are, after some (hopefully inspired) conversation with myself, my three best albums of this genre, in this year, so far, stretching a bit the limits of jazz (and all that jazz) 1) Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowledge Its Grace. 2) Eric Chenaux: Delights Of My Life. 3) Sidsel Endresen / Jan Bang / Erik Honoré: Punkt Live Remixes, Vol. 2. A friend of mine wrote about the impression this last album left on him, confessing how blown away he is from the track I recently played on air with „that African singer“. I take that as a special sign of approval: did he mean Sidsel or the sample in the back? Nevermind: just listen, it might turn into a delight of your life – to perceive its beauty, and acknowledge its grace.

  • Ladies Night

    »Gordon opened her set with “BYE BYE,” the first song on The Collective, in which she proves something fans have known for years: She could read the phone book or a grocery list (or, in this case, a tally of items to pack for a trip) and make it sound cool.« – Rolling Stone (Fotos)

    Samstag Abend bei Kim Gordon im „Festsaal Kreuzberg“.

    Zu meiner Überraschung war der Support von Gudrun Gut richtig, nun ja, gut. Auch der Sound super. Ich hatte befürchtet, das würde so eine Berliner „Professionelle Dilettanten“-Nummer… Gudrun Gut begrüßte zur „Ladies Night“ und spielte dann etwa eine Dreiviertelstunde lang rein elektronisches Zeug, sehr rhythmisch, man könnte es als minimalistisch-brachialen Elektro-Pop bezeichnen, zwischendurch auch mal atmosphärisch, aber alles sehr druckvoll und gar nicht altbacken. Ihre minimalistischen Pop-Art-Texte sind sicher Geschmackssache (mein Geschmack ist es eher nicht), ist halt wohl so ne Ur-NDW- oder Berliner-Stil-Sache, aber die Musik überzeugte. Großer Jubel für die ältere Dame – sie selbst sagte vor ihrem letzten Stück (Garten) auch: „In meinem Alter ist das ganz schön anstrengend.“ Sehr unterhaltsam, wie sie Laurie-Anderson-like ihre Stimme bei jedem Stück anders verfremdete, einmal als AutoTune-Popsängerin. Richtig gut, das Ganze, ein absolut angemessener „Support Act“. Und tatsächlich gab es etliche Gudrun-Gut-Alben am Merch-Stand zu kaufen – auch wenn ich mir das zu Hause wahrscheinlich eher nicht anhören würde, vor allem, glaube ich, wegen der Texte. Aber ich konnte gut sehen, warum Gudrun Gut von vielen als so eine wichtige, einflussreiche Künstlerin gesehen wird – und was viele jüngere (Elektronik-)Interpretinnen an ihr finden.

    Nochmal ein paar Jahre älter ist ja schon Kim Gordon; ihre Liveband sind drei sehr viel jüngere Frauen (oder möglicherweise nonbinäre Musiker*innen). Und da ging es richtig gut ab. Für Fans ein Fest! Klasse, wie da nichts wie eine Sonic-Youth-Gedächtnis-Show anmutete, sondern frischer, wilder und kantiger als jede vergleichbar alte (oder auch ältere) Band oder „Ikone“ der Ü70-Rockmusik daherkommt (bzw. auch Ü50- und Ü60-Interpreten, wenn ich mir die aktuell tourenden Rockbands so ansehe). Die Band fantastisch gut: Die Schlagzeugerin Madi Vogt hat Charisma und mitreißende Power (kam hinterher sympathisch zum Publikum und verschenkte viele Drumsticks und Setlists), auch die superjunge Bassistin Camilla Charlesworth fand ich beeindruckend gut, im Wechsel oder parallel prägte sie das Klangbild entscheidend auch an einem Synthesizer, und die zweite Gitarristin Sarah Register hatte offenbar ein bisschen was von der Meisterin gelernt und tobte sich an Effekten und Noise/Feedback aus (war leider manchmal ein wenig zu leise im Vergleich, fand ich), und Kim Gordon selbst souverän (und gewohnt wortkarg) vorne am Bühnenrand.

    Gespielt wurde das tolle neue Album The Collective quasi eins zu eins, zumal in großartig. Nach weniger als einer Dreiviertelstunde ging die Band schon von der Bühne – kam dann nochmal für fünf Stücke zurück – vier vom vorigen Album No Home Record und eine Single(?) namens Grass Jeans, wohl der konventionellste Rocksong des Abends – aber ebenfalls stark! Und klar, die eine oder andere tolle Gitarren-Noise/Feedback-Passage gab’s übrigens auch zwischendurch. Aber die elektronischen Elemente waren doch das Bestimmende, es gab bei weitem nicht so viel Gitarrenkrach wie bei Sonic Youth (die ich zwei Mal live in Berlin sah, einmal bei der „Daydream Nation“-Jubiläumstour, einmal bei der Tour zu Murray Street).

    Hinterher, nachdem schon das komplette Equipment von den Bühnenarbeitern rausgeräumt worden war, wartete eine kleine Gruppe beinharter Fans (zwei oder drei Männer zwischen 30 und 40 und ca. 10 Frauen zwischen 20 und 40) noch ewig (bis nach Mitternacht) drauf, ihre Platten und Bücher signiert zu bekommen. Frau Gordon schien hinter der Ausgangstür auf die Fahrt zum Hotel zu warten; als das Taxi vor der Tür stand, wollte sie schnell (mit Baseball Cap) an den Fans vorbei zum bereitstehenden Gefährt eilen („I have to check-in at my hotel“), ließ sich dann aber doch von den jungen Frauen erweichen, noch ganz flott auf jede/s Platte/CD/Buch ihre drei Kreuze zu kritzeln. So waren am Ende alle glücklich.

  • The Straight Horn of Rudi Mahall

    Bei Two Nineteen Records gibt es immer wieder packende Alben mit Größen der Berliner Jazzszene, aber das kleine, leidenschaftlich geführte Label ist bislang weitestgehend unter dem Radar geblieben, trotz Namen wie Alexander von Schlippenbach, Henrik Walsdorff  und Sven-Åke Johansson. (Vor nicht allzu langer Zeit habe ich eine der Aufnahmen mit der Kamera im Studio begleitet, für Christian von der Glotz’ Sextettplatte Limbo.) Einige der Namen tauchen immer wieder auf, gerade auch, wenn man eine Weile hier in der Stadt lebt, etwa Rudi Mahall. Gestern gab’s hier im Viertel die „Record Release Party“ zur LP The Straight Horn of Rudi Mahall (gepresst in goldenem Vinyl); es wurde das komplette Album gespielt, mit größerer Begeisterung noch als auf dem kurzweiligen Album. 

    Das ganze ist natürlich eine heitere Hommage an den Klassiker The Straight Horn Of Steve Lacy, auf dem der Sopransaxophonist 1960 im Quartett mit Charles Davis, John Ore und Roy Haynes Stücke von von Monk, Taylor und Parker spielte. Mahall spielt allerdings die B-Klarinette (sonst derzeit häufig die Bassklarinette), die übrigen drei bilden sonst das Trio Oùat – der schwedische Berliner Joel Grip am Kontrabass, der Franzose Simon Sieger, der hier nicht nur in die Tasten haut, sondern auch zur Posaune greift, und der seit Ewigkeiten in Berlin lebende Schlagzeuger Michael Griener. Letzterer schrieb auch die Liner Notes auf der LP und zitiert eingangs Rudi Mahall: „Jeder hasst die Klarinette. Sie war damals und ist auch heute noch ein ziemlich unbeliebtes Instrument in der Jazzmusik. Mit Klarinette kannst du nichts erreichen.“ Einige inspirierende Zeilen über die Platte schrieben letzte Woche schon Eyal Hareuveni und Peter Margasak; ich nahm die Gelegenheit wahr und wollte von Rudi nach dem Konzert ein paar Worte hören.

    ijb: Unser gemeinsamer Freund Robert [der bei der Platte nominell als Produzent fungiert und sie auf seinem Label Two Nineteen Records herausbringt] wird auch nach Jahren nicht müde, als großer Fan von dir zu aufzutreten. Wann immer er über dich redet, ist er immer total begeistert. Glaubst du, dass diese Platte jetzt das rüberbringt, was Robert an dir so toll findet?

    Rudi: [Diese Platte] war erst gar so geplant. Wir haben das eigentlich ins Blaue aufgenommen. Und dann habe ich mir das angehört, und fand das gut – sehr gut sogar, eigentlich so veröffentlichungswert, wie es war. Und dann hatte Michael Griener diese witzige Coveridee. Ich habe mir das als CD vorgestellt, und dann haben wir Robert gefragt. Der hat sich das angehört, war total begeistert und stand riesig drauf. Ja, das ist, glaube ich, sein Ding … 

    ijb: … ja, er liebt ja auch diese Art Standards aus dieser Zeit …

    Rudi: Ja, solche Stücke mag er – und wenn man so ein bisschen was damit macht. Da steht er drauf. Und dann hat er gleich gesagt: „Nee, das muss jetzt eine Schallplatte werden, damit es was Besonderes wird.“

    ijb: Hast du das Projekt angefangen – oder eher Michael?

    Rudi: Nein, Michael. Der hatte die Idee, und wir haben es dann gemeinsam durchgezogen.

    ijb: Aber es steht ja dein Name vorne drauf. Man denkt, das ist deine Platte.

    Rudi: Na ja, gut, weil ich das straight horn spiele … Ja, es ist ja immer so, dass der Bläser vorne ist, und der bestimmt, wo es langgeht. Daher denkt immer so schön, da gäbe es jetzt einen Bandleader … gerade auch, wenn ein Name so groß drüber steht. Aber nein, das ist in dem Fall nicht so.

    ijb: Diese Stücke sind ja eigentlich alles Standards. Da habt ihr Jimmy Giuffre, Gillespie, Bechet, Dolphy, Ellington, aber dann auch mal Verschiedenes in einem Stück zusammengemischt. Wie seid ihr die Auswahl angegangen?

    Rudi: Michael hat zwei Stücke rausgesucht und ein bisschen arrangiert. Und den Rest habe ich rausgesucht, im Wesentlichen alles Stücke, die ich sonst auch gerne spiele. Das war ja ne ganz lockere Sache: Wir haben uns hier getroffen, eine Stunde geprobt, und dann haben wir aufgenommen. Ich habe mir ein paar Sachen ausgedacht, was man damit machen kann, so head arrangements; bei In-stable mates zum Beispiel: Der Bass und die Klarinette spielen das Thema, und dann werden die von den anderen beiden immer wieder unterbrochen. Die lassen uns nicht ausreden, wir lassen sie nicht ausreden. So ganz einfache Ideen.

    ijb: Total super, diese Auswahl der Stücke – eigenwillige Zusammenstellung mit total unterschiedlichen Namen. Du bist ja in sehr, sehr vielen Projekten aktiv. Ich sehe deinen Namen dauernd auf irgendeinem Veranstaltungshinweis.

    Rudi: Ist ja ein Beruf. Wenn man das so als Beruf hat, dann spielt man möglichst viel, damit das Geld reinkommt. Wenn die Band eine gute ist, kann die auch mal ein paar Jahre nicht spielen. Ich habe da einige Beispiele, wo es schon seit 30 Jahren so geht, wo immer mal wieder was passiert, und dann wieder ne Weile lang gar nichts. Mit der „Enttäuschung“ – bzw. jetzt mit „Monk’s Casino“ („Die Enttäuschung“ plus Alexander von Schlippenbach) – läuft es eben genauso: Da bemüht sich jeder. Jeder schreibt Stücke, und die spielt man zusammen, und dadurch hat es immer was Frisches, was Abwechslungsreiches, weil das ja oft alles überhaupt nicht zusammen passt.

    ijb: Ich habe dich ja letzthin mit Schlippenbach, Barry Altschul und Joe Fonda gesehen. Wie kam das zustande?

    Rudi: Schlippenbach und Altschul haben mal miteinander gespielt, und ich glaube, die haben auch mal zu dritt mit Joe Fonda gespielt. Der Schlippenbach wollte eine Band mit den beiden und Evan Parker machen, aber der hatte keine Lust zu verreisen. Schlippenbach hat dann halt mich gefragt.

    ijb: Aber die Band gibt es nicht weiter? Das war nur das eine Mal?

    Rudi: Doch wir spielen sogar in Amerika nächstes Jahr. Joe Fonda hat das irgendwie geplant. 

    ijb: Okay, wenn ihr das macht, dann komme ich mit. Ich nehm die Kamera und mache einen Tourfilm mit euch.

  • „Nine Doors, Breathing Space“


    „I’m listening live on internet from Tahiti. So coooool. Thank you!“ (Jérôme Descamps) Die Idee war, neun aktuelle Alben vorzustellen – alle klanglich wie stilistisch sehr, sehr weit voneinander entfernt, und doch jazznah! Die Überschrift habe ich mir von einer Komposition von Steve Tibbetts geliehen. Besonderer Dank geht, neben Niklas und Karl, an Jérôme Descamps (Tahiti), Eric Chenaux (ländliches Frankreich), Wadada Leo Smith und Ingo J. Biermann (Central Park) für den Tanz über Architektur. Und 1000 Dank an Martina Bedzent für all das organisatorische Beiwerk ringsum so eine Jazzstunde herum! Die Reise kann beginnen! Ein Fest von Synchronizitäten!



    Kronos Quartet and friends meet Sun Ra: Outer Spaceways Incorporated  
    Malcolm Jiyane Tree-O: True Story 

    Sidsel Endresen – Jan Bang – Erik Honoré: Punkt Live Remixes Vol. 2   
    Wadada Leo Smith & Amina Claudine Myers: Central Park’s Mosaics of… 
    B1: Christophe Monniot: Six Migrant Pieces (Karl Lippegaus) 
    William Parker / Cooper-Moore / Hamid Drake: Heart Trio
    B2: Modney: Ascending Primes (Niklas Wandt)  

    Eric Chenaux Trio: Delights Of My Life 
    Christelle Séry / Jérôme Descamps: Te Ti‘amã

  • Das Glück des Brötchenholers (1/3)


    „And o‘ my love, I still recall the pleasures that we knew
    The rivers and the waterfall, where in I bathed with you
    Bewildered by your beauty there, I’d kneel to dry your feet
    By such instructions you prepare a man for Boogie Street“

    (Leonard Cohen)


    Es hilft anzunehmen, diese kleine Geschichte in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts anzusiedeln, aber sie ist natürlich zeitlos. Und könnte sich auch morgen früh abspielen. Am Meer, auf dem Festland. Wenn wir miteinder Sex hatten, die Nächte ihrem besonderen Rhythmus folgten, in dem ausgiebiger Schlaf, intensive Träume, ein zweiter Akt, den Ton angaben, gab es immer auch, was wunder, den folgenden Morgen. In der Regel waren wir rauschhaft befriedet, das Vögeln hatte keine schwelenden Konflikte verschleiert, und fast jeder dieser Morgen mit wechselnden oder relativ konstanten Partnern war ein Fest. Ich glaube nicht, dass es Menschen hilft, zu lange im Nachdenken über das eigene Selbst zu verweilen – und warum?! Weil ich im Laufe der Jahre eine Lösung für alles Grübeln über die eigene Identität gefunden habe: das Glück des Brötchenholers. Die Frauen in meinem Leben (und ich spreche nun dezidiert, aus Gründen der literarischen Verdichtung , des „Plotting“, und des Augenzwinkerns von meinem Leben vor dem Millenium) waren zumeist sehr helle im Kopf, vedammt profunde Wesen (die Schönheit noch unverblichen), und wenn wir überhaupt den Sex der Nacht ins Frühstück einfliessen liessen, dann kannten all meine Gegenüber nur drei Wendungen für den Rausch: ficken, vögeln, oder miteinander schlafen. Fast eine Typologie: denn alle blieben einer dieser drei Wendungen treu. Es gab nichts anderes, meine zwei Londonerinnen lasse ich mal aussen vor. Ich tendierte selbst zu „miteinander schlafen“, und wunderte mich über manche meiner Kopfkissenteilerinnen, dass sie es Ficken oder Vögeln nannten. Mir schien das wenig romantisch, aber zugleich machte es mich an, und ich visierte gerne eine weitere Nacht an, und manchmal eine kleine Ewigkeit (Leonard Cohen konnte aus den Zwischenzonen der Exstase grosse Lieder schmieden.) Der entscheidende Faktor jedenfalls, welcher kritische Urteilskraft und pure Sinnlichkeit auf den Punkt brachte, war das Glück des Brötchenholers. Und der war in der Regel nun mal ich. Wenn ich beim Gang zum Bäcker spürte, dass meine Füsse sanft über dem Boden schwebten, wenn ich offen war für eine launigen Wortwechsel mit der Bäckersfrau, und Bilder der vergangenen Nacht unangestrengt den Akt des Brötchenholens begleiteten, war ich in milde Euphorie gehüllt, in schönes Einsssein mit der Welt ringsum, und hatte alle dringlichen Fragen des Lebens pulverisiert. Floating on a moment… Ich achtete auch auf den Strassenverkehr, damit es mit nicht so erging, wie dem Protagonisten in Francois Truffauts letztem Film. Das wurde zur Blaupause, und ein Dauerzustand. Im Glück des Brötchenholers wurde alles Fragen nach dem, was das Ich ausmacht, zu einer heiteren Luftspiegelung. Ich ging komplett im Transportieren der jeweiligen Brötchentüten auf, und so absurd sich das anhören mag, wenn man diese Zeilen laut liest, das ganze Leben wurde pure Gegenwärtigkeit, mein Bewusstsein ein Schwebebalken – zu den besonderen Geschenken, die das Leben bereithält, zählt fraglos das fast unsichtbare Lächeln einer Geliebten beim Rüberreichens des Honigtopfens: „Vögeln wir gleich wieder?“ Das war dann der Moment, da ich zu gerne Brian Enos „Music For Airports“ auflegte, und (wir sind in den Achtzigern) etwas später die Auslaufrille der Schallplatte den Soundtrack unseres Morgenficks begleitete.

  • Epping Forest Dreams

    “We ride our bikes way up here after school / You know the way, the shortest way home“, sings Paul Newland to the end of this album. Childhood reminiscences mingle with pastoral impressions of the greenery of Epping Forest, as he looks back on life in earnest, contemplative mode like Sheffield balladeer Richard Hawley. Then it branches off onto a very different path. Limpid piano ripples hang in the air like Harold Budd, the double bass of Mike Seal adds earthy vibrations, and for over ten minutes, vintage synthesizer drones stretch out to the horizon like an endless summer day.“ (The Wire)


    Some notes about this album I found while reading the August edition of WIRE. I then listened to it on Soundcloud, and these new songs and instrumentals stopped me in my tracks. What a melange of dreamspheres and places to go, of wonderful songs and deep meditations. A hot contender for my 20 favourite albums of 2024! (m.e.)

    Clevelode is Paul Newland and his collaborators. Newland was one-half of The Lowland Hundred, a critically acclaimed duo that released three albums, ‘Under Cambrian Sky’ (2010), ‘Adit’ (2011), ‘The Lowland Hundred’ (2014). 

    ‘Muntjac’ is a paean to Epping Forest and its environs, an area on the outskirts of northeast London. It offers reflections on how an individual carries their place of birth – and its cultural identity – with them through life. It is a fluid mix of tender, reflective, psychogeographical songwriting and avant-garde unmade film score. Paul is accompanied on the album by upright bass player Mike Seal (A Different Thread / Farefeld) and Emma Morton of Brighton folk trio Sairie on backing vocals. A FLOWWORKER interview with Paul Newland is in preparation.

    go to bandcamp for more… (listening, ordering, cd out today)

  • Klanghorizonte (am fünfundzwanzigsten Juli)

    Part 1: DISTANT HORIZONS
    Ank Anum: Song of the Motherland (1985)

    (with words from Shabaka Hutchings)
    A Lily: Saru l-Qamar

    Arushi Jain: Delight

    Part 2: IN A STATION OF THE METRO
    Warrington Runcorn New Town Development Plan: Your Community Hub
    OTON (1) – Erik Honoré
    Erik Honoré: Triage
    (Punkt Editions)
    OTON (2) – Erik Honoré
    Pan American & Kramer: Reverberations Of Non-Stop Traffic on Redding Road


    Part 3: EROS NEVER STOPS DREAMING
    Beth Gibbons: Lives Outgrown
    William Parker & Ellen Christi: Cereal Music 
    (In memory of) Richard Horowitz: Eros in Arabia (1981)

    (Richard Horowitz)

    If I were to think of the most memorable concert experiences of my life, the performance by Sussan Deyhim and Richard Horowitz at Che-Coo-la-la in Dortmund in 1987 or -88 would be one of them. And not because ithere happened the first interview I ever did with musicians. The two of them were, no rocket science necessary, in deep love, and without any hint of ostentation, their stage performance with BDSM elements offered a captivating sound journey of archaic and contemporary elements. Unforgettable.