• Lovers Rock, and other healing music

    It is a very good blog, and Stephan Kunze’s „Zen Sounds“ delivers in the same way as we deliver when something hits us deep. You just have to pay. Being hit deep, that happened lately, when Stephan listened to the new album „Soft Power“ by Ezra Feinberg, a Jewish psychoanalyst, living in Brooklyn. Like Stephan and me, Ezra, too, fell in love withe Steve McQueen’s fabulous film Lovers Rock. Mr. Feinberg sees one scene particularly before his eyes that inspired the musician and composer. A quote from Stephan Kunze‘s text:

    “It’s at this London soundsystem party in the late 70s, an incredible long shot of people dancing and singing at the top of their lungs, just this ecstatic release. We would have these reggae dance parties in our apartment, just my wife and I and our two little kids, listening to the song ‘Silly Games’ from that scene in the film. It was a way to keep joy alive.” While those living-room parties inspired the vibe of Feinberg‘s  Soft Power, it’s clearly not a reggae or dub record. “The influence is not on the musical surface”, he nods, “but the spirit is very much there.” While those living-room parties inspired the vibe of Feinberg‘s  Soft Power, it’s clearly not a reggae or dub record. “The influence is not on the musical surface”, Ezra nods, “but the spirit is very much there.” Soft Power is an irresistibly joyous album but difficult to categorize – somewhere between ambient, jazz, minimal music, krautrock and outsider pop, its rich sound palette mainly derived from analog synths, organs, acoustic guitars and wind instruments.“

    (Meanwhile I do have the audio files at my place, and a quiet hour soon will decide, if Ezra‘s music is just nice or interesting, or if it hits me that deep, that it will find its place into the Klanghorizonte at the end of July.)

  • Sequencing an hour of jazz & improvised music

    When the Punktfestival, Kristiansand, will open its gates in early September, this album is about to be released. And what an album it is (that I can say after a first listening session some hours ago)! Two months earlier this work, simply named „Punkt Live Remixes, Vol. 2“ (by Sidsel Endresen, Jan Bang and Erik Honore), will be one album (and a central one) in my edition of „JazzFacts“ at Deutschlandfunk radio, 9.05 p.m. July 4th.

    By the way, and in regards to depth and flow and sensuality, these „live remixes“ of Sidsel, Erik and Jan certainly belong to the „class A“ works of explorative „song worlds“ from Beth Gibbons‘, Norma Winstone‘s, Jessica Pratt‘s and Julia Holter‘s 2024 records – with the small difference that Sidsel‘s vocal journeys are strictly stepping back from „words with meaning“. And it will be a special pleasure – within my jazz hour – to compare the albums of Sidsel and Norma in regards to their very different approach to language.

  • Monthly Revelations (June 2024)


    ALBUM – Warrington Runcorn New Town Development Plan: Your Community Hub FILM – Das leere Grab (von Agnes Lisa Wegner & Cecile Mlay) PROSE – Nils Jockel: Kellertänzer TALK – „Der mit den Tönen tanzt“ (Jan Bang) POETRY – „Wenn der Ostwind weht“ (Cornelia Schleime) BINGE – „The Return Of Twin Peaks“ (David Lynch) ARCHIVE – Jonny Trunk: Audio Erotica (Hi-Fi Brochures 1950s – 1980s)

  • Unter Kraftwerks Einfluss

    Vor einigen Wochen habe ich in einer „Elektro Beats“-Sendung des RBB im Gespräch mit Olaf Zimmermann gesagt, der Einfluss Kraftwerks auf die amerikanische Musikszene werde in Deutschland gern ein bisschen überschätzt. Das führte zu einem spürbar aufgeregten Protest eines Hörers und einem daraus folgenden kleinen Email-Pingpong. Meine (leicht nachbearbeitete) Antwort auf seine letzte Message stelle ich nun auch hier in den Blog, just for fun — vielleicht interessiert sie ja jemanden.

    Lieber M., ich bitte Dich, bei dem zu bleiben, was ich in der Sendung gesagt habe: dass man in Deutschland den Einfluss Kraftwerks auf die amerikanische Musikszene gern ein bisschen überschätzt. Nicht mehr und nicht weniger.

    Wenn Du ein paar Jahre hier in den USA lebst, dann merkst Du, dass es hier keine Rolle spielt, was in Deutschland passiert oder was Deutschland zu irgendeiner Angelegenheit meint. Wie oft lese ich in der deutschen Presse oder in deutschen FB-Kommentaren, „das Ausland“ würde sich mal wieder über diese bekloppten Deutschen kaputtlachen oder nur noch den Kopf schütteln — die Wahrheit ist aber, dass Deutschland in der New York Times mit viel Glück auf Seite 5 in einer viertel Randspalte vorkommt. Wenn Du hier irgendwen auf der Straße fragst, wer der deutsche Bundeskanzler ist, wird das der eine oder andere mal gehört haben, aber wer die deutsche Außenministerin ist, weiß hier kein Mensch. Mit Kraftwerk ist das nicht anders. Eher kennen die Leute Giorgio Moroder oder Hans Zimmer, aber die leben ja hier.

    Dieser Spruch „More influential than the Beatles“, auf den Du mich hinweist, ist erstens uralt, stammt, glaube ich, aus der Los Angeles Times, und war zweitens schon immer unsinnig. Woran wird denn das gemessen? Der Spruch vergleicht in geradezu klassischer Weise Äpfel mit Birnen, ohne dass es irgendeine empirische Möglichkeit gibt, den Einfluss zu messen. Was, konkret, soll es denn gewesen sein, das Kraftwerk in die amerikanische Musikszene eingebracht hat, das es nicht zumindest im Entwicklungsstadium hier schon gab? Also lass uns das mal unter PR abheften.

    Aber wenn Du mir nicht glaubst, dann lass mich auf zwei Bücher hinweisen, die Du vielleicht glaubwürdiger findest. Das erste ist von Will Hermes und heißt „Love Goes to Buildings on Fire“ (ich nehme an, Du kannst den Titel einordnen). Hermes schildert die Entwicklung der New Yorker Musikszene vom Punk bis zum HipHop, und das sehr kompetent, detailliert und liebevoll. Kraftwerk kommt darin genau zweimal vor, die Nennungen beziehen sich auf Trans Europe Express, und auch da nur auf das Titelstück, nicht auf den Rest des Albums. Der DJ Afrika Bambaataa hat das Stück für sich entdeckt, weil es sich exzellent in das einfügen ließ, was er und andere bereits machten (die Wurzeln dessen habe ich Dir früher schon genannt — u.a. den Motown- und Stax-Soul und den elektrischen Miles Davis). Dadurch wurde das Stück eine Zeitlang zu einer Art „Dance Music Template“ bei New Yorker DJs, die das Stück, besonders den „Metall auf Metall“-Teil immer wieder spielten. Grandmaster Flash zum Beispiel hat das Stück fest in seine Shows eingebaut, aber unverändert und ohne DJ-technisch irgendwas damit anzustellen. Von da aus ging es dann u.a. nach Detroit. Blondie, die Du erwähnst, haben es live auch eine Zeitlang in ihre Shows eingebaut als eine Art Teppich, auf dem sie eigene Sachen spielten.

    Das war’s aber dann im wesentlichen. Es haben sich einfach Wege zu einem bestimmten Zeitpunkt überkreuzt. Kraftwerk ist danach seinen Weg weitergegangen, und die HipHop/House-Szenen sind ihren Weg ebenso weitergegangen. Die letztere war dabei vorrangig angetrieben durch die ständigen neuen Produkte der Musikelektronikindustrie. Schon Kraftwerks auf TEE folgendes Mensch-Maschine-Album war ja ein völlig anderes Ding, auch wenn die Kraftwerker so clever waren, die Platte von Leanard Jackson, dem Assistenten des alten Motown-Veteranen Norman Whitfield, abmischen zu lassen (wobei ich dessen Einfluss nicht wirklich heraushöre).

    Und nochmal: Ich rede von den USA, nicht von England — da sah es anders aus mit Kraftwerks Einfluss.

    Das zweite Buch hast Du ja vielleicht schon selbst entdeckt, das Kraftwerk-Buch von Carsten Brocker. Das ist eine Dissertation, sie zu lesen ist harte Arbeit. Lohnt sich aber in unserem Zusammenhang, denn Carsten ist selbst Musiker (er spielt bei Alphaville) und analysiert gründlich und bis in kleinste Details hinein, was von Kraftwerk sowohl technisch wie musikalisch und zeitlich in die House- und HipHop-Szene eingegangen ist. Er kommt nach vielen Seiten und Exkursen letztlich zu dem selben Schluss wie ich, nämlich dass das alles so gewaltig nicht war.

    Jetzt kannst Du Dir noch den Spaß gönnen, den ich mir gerade gegönnt habe, nämlich mal das Web zu durchforsten, welches eigentlich die meistgesampelten Platten in House und HipHop sind. So leid es mir tut, Kraftwerk taucht erst unter ferner liefen auf.

    Und nun nochmal, damit es klar ist: Das alles heißt nicht, das Kraftwerk hier in den USA nicht seine Fans hat. Ich würde auch jedem, der sie noch nicht gesehen hat, empfehlen, sie sich nicht entgehen zu lassen. Kraftwerk ist ein absolut solitäres Projekt. Aber was man wirklich von ihnen hier in Erinnerung hat, sind die Roboter in den roten Hemden und schwarzen Krawatten. Die bekommen bei ihrem Erscheinen auf der Bühne noch immer mehr Beifall als die eigentlichen Musiker.

    Damit dann auch schöne Grüße an den von Dir wegen seiner Bundestagsrede erwähnten König Charles, der Kraftwerk offenkundig auch kennt. Aber klar, er ist ja Engländer.

  • “All these blue moments“

    Ich erinnere mich an den Pausenhof des Max Planck-Gymnasiums, 15 Minuten zu Fuss vom Stadion Rote Erde entfernt, wohin wir ab und zu zum Training hingingen, und ich endlich ein Autogramm meines grossen Helden Hans Tilkowski  bekam. Ich erinnere mich, wie Klaus, unser bester Gitarrist, immer wieder die berühmten „Ba Ba Ba‘s“ von „Barbara Ann“ intonierte, und wir mit Leib und Seele die Mehrstimmigkeit probten. Wir waren offen für die kalifornischen Botschaften der Beach Boys. Den Beatles standen sie viel näher als die Stones, und man weiss, was Brian Wilson alles anstellte, um ein transatlantisches Pendant von Sgt.Pepper zu entwickeln. 

    Ich erinnere mich, wie ich 1990, um Mitternacht herum, John Zorn nach einem Konzert mit „Naked City“, in seinem Mannheimer Hotelzimmer interviewte, und er mir seine Version der tiefen Melancholie vieler Brian Wilson-Songs kundtat, eine abgrundtiefe Tottraurigkeit, die sich in  vielen Winkeln der Lieder verbarg und, als Unterströmung,  die Klänge von Glück, Strand und Liebe dezent aushebelte, und die so viel früher, als es die späteren Hollywood- und Drogendramen besorgten, manch naive Hippieträume zu Grabe trug.

    Vielleicht habt ihr „Love and Mercy“ gesehen, das Brian-Wilson-Biopic von 2014: da gibt es einen Moment, in dem sich Paul Dano als junger Brian ans Klavier setzt und einen Song spielt, den er gerade geschrieben hat. Als seine Hände die ersten Akkorde von „God Only Knows“ spielen, überkommt uns ein Gefühl des schieren Staunens. Ich meine, woher kamen diese Sachen, diese Stimmlagen, diese Progression, diese Melodie?  

    Darüber und über vieles andere habe ich nachgedacht, als ich Anfang des Monats las, dass Brian aufgrund seiner fortschreitenden Demenz und nur wenige Wochen nach dem Tod seiner zweiten Frau Melinda unter eine formelle Vormundschaft gestellt worden war. „Won’t last for ever“, sang er  1964 mit großer Voraussicht auf einer großartigen Single. Sechzig Jahre später hat ein Gericht in L.A. entschieden, dass seine persönlichen, medizinischen und finanziellen Angelegenheiten von nun an unter der Kontrolle seiner Familie und seiner Freunde stehen.

    Im Auto hörte ich an diesem Tag einige Lieblingslieder, von „Surfer Girl“ bis „Surf’s Up“ und darüber hinaus. „Please Let Me Wonder“. „Wendy“. „Girls on the Beach“. „Caroline, No“. „When I Grow Up (To Be a Man)“. „Let Him Run Wild“. „The Little Girl I Once Knew“. „She Knows Me Too Well“. „The Warmth of the Sun“. „Kiss Me Baby“. Und natürlich „Don’t Worry Baby“, das wahrscheinlich mehr von der Essenz in einem einzigen Stück zusammenfasst als alle anderen: die sonnengeküssten Harmonien, die Autos, die Mädchen, die jugendliche Verzückung und die narürlich wieder unterschwellige Traurigkeit. Und die Art und Weise, wie Brian anfing, die Standardbesetzung Gitarre-Tasten-Bass-Schlagzeug wie eine neue Art von Orchester klingen zu lassen.

    Und dann sah ich mir „The Beach Boys“ an, eine neue 112-minütige autorisierte Dokumentation unter der Regie von Frank Russell und Thom Zimny, die die Geschichte der Gruppe von ihrer Gründung in der Garage der Familie Wilson in Hawthorne, Kalifornien, im Jahr 1961 bis zum Comeback in den frühen 1980er Jahren erzählt. Als Stream könnt ihr euch das jetzt auf Apple + anschauen. Eine sinnvolle zeitliche Einschränkung, auch wenn sie bedeutet, dass Brians  Renaissance im 21. Jahrhundert mit den Pet Sounds-Konzerten und der SMiLE-Neuauflage ausgelassen wird. Ich sah Brian Wilson damals in der Frankfurter Oper, und es war sehr speziell.  Nun, ich habe hier eigene Erinnerungen mit dem neuesten Text von Richard Williams verwoben. Nebenan zu lesen in seinem Blog „The Blue Moment“. Es gab bekanntlich schon viele Filme über die Beach Boys, und dieser hier ist sehenswert allein wegen seiner Fülle an Archivmaterial, auf und abseits der Bühne. Und nicht nur deshalb. All these blue moments, you know what I mean. Allerdings verdanken sich diese „blue moments“ nicht einer kritischen Reflexion, da gehen die Macher eher mit Märchenonkelnbrille ans Werk, sondern unserem „Lesen zwischen den Bildern“. Das sanfte Erschauern beim Eintauchen in alte Zeiten. The impact of childhood and singing „Barbara Ann“ on the schoolyard.

  • „Monthly Revelations“ Filmempfehlung: „Das Leere Grab“

    Bei der Berlinale hatte ich als Spielstättenleitung im Haus der Berliner Festspiele die Premierenveranstaltung des Dokumentarfilms „Das leere Grab“ mit anschließendem langen Publikumsgespräch und hochrangigen Gästen aus Politik und Kultur verantwortet, den Film aber nicht gesehen. Nun startet er in den deutschen Kinos, und wir nahmen dies zum Anlass eines „Familienausflugs“, da in der Schule auch gerade das Thema deutsche Kolonialgeschichte durchgenommen wurde, unsere Tochter dafür recherchieren und einen Vortrag oder ein Video abgeben und auch eine Klassenarbeit zum Thema schreiben musste.

    Ich finde es immer wieder von Neuem interessant, dass es hierzulande so üblich ist, dass Otto Normalverbraucher (will sagen: der gemeine Deutsche) gerne über andere urteilt, gerade auch in politischen Fragen – und gerade auch über die Politik und Geschichte anderer Länder. Aber dass die deutsche Kolonialgeschichte erst jetzt, lange im 21. Jahrhundert und sehr langsam aufgearbeitet wird, kann ich immer wieder nur unfassbar finden. (Siehe auch: der im letzten Jahr bei der Berlinale uraufgeführte Spielfilm „Der vermessene Mensch“) Vielleicht weil unser 20. Jahrhundert mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust eine noch drastischere Periode und mit der darauf und daraus folgenden, Jahrzehnte langen Teilung in zwei konkurrierende deutsche Staaten eine Art „Pausemodus“ der Vergangenheitsbewältigung zu bieten hat? 

    Dass in etlichen Museen in Deutschland (selbst in jüngst neu gebauten und eröffneten wie dem „Humboldt Forum“ im neuen alten Berliner Schloss hier in meinem Stadtteil) noch immer, nach 120, 130 Jahren, zehntausende geraubte Kunstwerke und Skelette und Schädel aus Afrika lagern und als Kolonialgewinne ausgestellt werden und noch immer nicht zurückgegeben werden, ist eigentlich beschämend und müsste die deutsche Bevölkerung, die sonst ja so gern über alle möglichen Verfehlungen urteilt, sprachlos machen. Wie würden all jene urteilen, wenn es andersherum wäre? Wie urteilen Deutsche regelmäßig über die Politik und die Menschen und die Geschichte in den Vereinigten Staaten, in England, Russland, China… Ist es nicht frappierend, dass auch die deutsche Politik im Jahr 2024 nicht aktiv diese geraubten Kunstwerke und Toten zurückgibt?

    Man bleibt als Besucher und Zu-Schauer im Kino irgendwie auch machtlos. Der Film berührt in vielerlei Hinsicht, macht abstraktes Wissen um Kolonialgeschichte mittels heute in Deutschland und Tansania lebender Betroffener auf Täter- und Opferseite sehr gegenwärtig und greifbar. Das ist viel. Aber man geht dann raus ins eigene Leben und kann mit dem Gesehenen nichts konkret tun. Außer Betroffenheit zu fühlen. Gleichwohl kann ich diesen Film nicht genug empfehlen, da er einem sonst sehr abstrakten, historischen Geschichtsbuchthema viele sehr gegenwärtige menschliche Gesichter und Emotionen gibt, die und unmittelbar direkt ansprechen.

    DAS LEERE GRAB – ein Film von Agnes Lisa Wegner & Cece Mlay, Deutschland/Tansania 2024, 97 Minuten, Originalfassung in Suaheli, Deutsch und Englisch, teilweise mit deutschen Untertiteln


  • Album of the Year

    Ich frage mich immer noch ob ich nicht spontan am kommenden Sonntag nach Berlin fahren sollte, um auf das Beth Gibbons Konzert zu gehen. Der Auftritt mit Rustin‘ Man im Audimax der UDK vor 21 Jahren ist eine meiner schönsten Konzert Erinnerungen. Und über die Qualität des neuen Albums hat Michael schon so viel treffendes geschrieben, dass mir dazu nichts mehr einfällt. Die Band scheint die Magie der Musik auch live einzufangen – allerdings ist Magie in diesem Großraumklotz (Verti Music Hall) nur schwer vorstellbar.

  • Small Axe

    1) Lovers Rock  *****
    2) Red, White, and Blue  ****
    3) Mangrove  ****
    4) Education  ***1/2
    5) Alex Wheatle  ****

    What a collection! Alles in einer kleinen Schachtel mit zwei DVDs verpackt. Steve McQueen und einige seiner Wahlverwandten haben fünf Filme inszeniert, die dem strukturellem Rassismus Englands der Jahre 1968-1982 nachspüren, mit lauter wahrhaftigen, oft auf wahren Begebenheiten beruhenden, Geschichten. Mich haben sie, in ihren Stimmungen, an alte englische Filme erinnert, die ich fast schon vergessen hatte. Filme, die Gangsterstories mit allen verfügbaren Grautönen erzählen (Roy Budd sorgte da gerne für die Soundtracks), oder solche, die das Leben der Arbeiterklasse vor Augen führen, ohne romantisierende Züge. Da waren die Bücher von Alan Silitoe, und Kinofilme, die seinen sozialen Realismus aufgriffen. Etwa „Saturday Night and Sunday Morning“. Oder die „Einsamkeit des Langstreckenläufers“. Erinnerungen an Bücher und Filme vermischen sich. Bei  den fünf Filmen von „Small Axe“ spielt die Musik eine noch zentralere Rolle, der Funk, der Soul, der Reggae von damals. Die Lieder liefern Gegen-Erzählungen, andere Blickwinkel, soziale Härte, und Sehnsuchtsstoff. „Red, White, And Blue“ hatte mich dermassen gepackt, dass ich mir zwei alte Al Green-Alben kaufte. Und die Reggae-befeuerte Erzählung von „Lovers Rock“ – wunderbar. Zugleich wurde erfahrbar, auf dieser Party, angesiedelt in Ladbroke Grove anno 82, wie Entgrenzung, Exstase, in der Musik wirken können, nicht ohne gewisse Gefahren. Ein Rausch. Im Dezember 82 war ich auch in London, ich erlebte immerhin Jah Wobble & The Invaders of the Heart, im Marquee Club. Hampstead  Heath. John Peel im Radio. The ghost of „my legendary lady“. Hanne. Sometimes it‘s wonderful to have a broken heart (in retrospect).

  • „Matala Memories“

    2022 sah Brian Eno dieses keineswegs besondere Foto im Rahmen einer Mail, und er wollte in dem Moment auch gern auf Kreta sein, schrieb er mir. 1970 sah Joni Mitchell natürlich auch diesen Küstenwinkel, als sie mit ihrem flüchtigen Lover Station machte und die Anfänge zu dem Song Carey schrieb. Ich habe dort einen Abend lang, was ein wenig abwegig und leider auch abschüsssig war, in einer dieser Höhlen im Schlafsack verbracht, weil ich zu gerne via Trauminkubation in das hippieske Matala zu Beginn der Siebziger zurückreisen wollte. Immerhin hörte ich die erste Seite von Evening Star im Ohr, von Fripp & Eno. Als ich dann im Dämmer fast ins Meer gepurzelt wäre, brach ich die Unternehmung ab. Im  Widerschein fahler Lampen, sah ich wie aus dem Nichts die Umarmung eines Paares, das sicher schon vor Ewigkeiten den Anblick des Mondes geteilt hatte. Er der ewige Hippie, der hier seit dem summer of loveLiebschaften aneinanderreiht, sie mal wieder vor Ort, und ihre Sprache, mal radebrechendes Griechisch, mal Heraklion-Airport-Englisch, mal Schwabendeutsch. Ein leicht ermüdeter Abglanz. The circle game.

  • Reise um den Jazz in 55 Minuten


    The flowworker all star think tank ensemble is kindly asked for input of uninhibited brilliance!

    Am 18. Juli um 21.05 Uhr widmet mein Kollege Michael Frank Joni Mitchell eine knappe Stunde. „Both Sides Now“ nennt er seinen Ausflug in die Jazzwelten von Joni Mitchell. Zwei Wochen vorher gibt es, am 4. Juli, ebenfalls im Deutschlandfunk, meine Ausgabe der JazzFacts mit Neuem von der improvisierten Musik. Ich habe keine Ahnung, was Odilo Clausnitzer Anfang Juni vorstellen wird, aber ich ahne, er wird mir einiges, und das mit guten Gründen, vor der Nase wegschnappen, wie das aktuelle „Borderlands“-Doppelalbum bei Intakt, das Oded Tzur-Album bei ECM, auch Bill Frisells „Orchestras“ (Blue Note) sind fast schon überfällig (s. Besprechung von Richard Williams in The Blue Moment). Wer weiss, ob das „Central Park“-Opus mit Wadada Leo Smith dann nicht auch schon „Geschichte“ ist. Immerhin habe ich wenigstens Niklas Wandt beauftragt, ein feines, experimentelles Werk aus dem Hause Pyroclastic vorzustellen. Das Label Clean Feed bietet mindestens einen Kandidaten (s. Coverabbildung, oben). Sonst gibt es keine festen Buchungen, auch Tom Skinners „Voices Of Bishara Live at Mu“ (International Anthem) will erst noch gehört werden. Ich bin neugierig, was sich in den nächsten Wochen einfindet. Zuletzt konnte ich aus dem Vollen schöpfen, aber nun nähert sich die sommerliche „Jazzpause“. Ich hoffe auf Sidsel Endresens Cd von „Punkt Editions“, aber das wäre fast schon ein Vorgriff auf dem Herbst. So viele Namen rauschen durch diese Zeilen durch, und es ist fraglich, ob all das am Ende eine kompakte Struktur annimmt voller Leit- und Unterthemen – oder ob die Hörer, mit jeder Neuvorstellung, in eine gänzlich andere Welt transportiert werden. Es darf improvisiert werden. Let’s call it an „outpost of dreams“.