Demnächst in diesem Theater …
Mark Hollis in Hamburg (1998) (ein Interview)

… oder in den Klanghorizonten Ende September!On Memory Lane, some years ago: The guy from „Zen Sounds“ is strolling through Mark Hollis‘ life, and time‘s rush (and the coffee I am drinking some miles before Bremen) is now filled with sugar and sadness. By chance, I made one of the two last interviews he ever did, in 1998, in Hamburg, before the release of „Mark Hollis“. And I was meeting him before In 1991 or 1990. In that week when the huge cover of Talk Talk‘s „Laughing Stock“ circled on the roof of Polydor Records‘ skyscraper, I sat in his little appartment near „Angel Station“, with Markus Müller (who is now the CEO of the Monschau Jazz Festival, remember his FMP book, or the ECM exhibition in München…), and we listened to his stories, for example about Mark’s neverending love for that first Duke Ellington piece of his only album with John Coltrane… „listen, these first moments of Elvin Jones there“, and whenever I come across the name of that Underground station, it hurts. „Angel Station“. For fuck’s sake. When meeting him again in the big Hamburg hotel, there was (really strange, and unexpected) this joy, unfiltered, similar to seeing an old friend again, a big smile on his side, on my side then, too. In those two hours, while drinking tea, there was a very kind, heartfelt connection. If I now think back to that scene, after all those years, it brings a tear to my eyes. I’m NOT „romanticizing“ this. All these special moments in life, you don’t return to them necessarily in your last moments, on the deathbed, you can bring them up – en passant, and they can serve. Everything wounded will flow. Little helpers on the way. The elevation of a (sudden) melancholic vibe. Mark Hollis never released any more offical recordings after his solo work. In 2001, he produced two songs for jazz saxophonist Jan Garbarek’s daughter Anja on her album Smiling & Waving. And, there I was, sitting in Anja‘s living room in Notting Hill – on her wall the magnified cover of Brian Eno‘s „On Land“, Anja talking about her album, and about the last appearance of Mr. Hollis in a record studio.
Sampling Sam (in dear memory of Ian McCartney)
Was für ein Album! Chapeau! Das Besondere daran ist, wie die Musik Niederlagen euphorisch klingen lässt. Je nach Stimmung kann es ein aufbauendes Album sein („It’s all right“ dient dabei als Schlachtruf) oder ein einzigartig niederschmetterndes. Es sind vielschichtige Porträts: farbenfrohe Städte, bevölkert von einsamen Menschen, romantische Gesten, die mit Schweigen beantwortet werden, wunderschöne Abende, die ins Leere laufen. Wie zu Liedgut gewordene Edward Hopper-Gemälde, nur, dass den Protagonisten ihr Lächeln nicht vollkommen abhanden gekommen ist. Die unmittelbarsten Stücke des Albums wechseln zwischen Stimmungen hin und her wie ein Flugzeug, das durch die Wolken taucht. Ein Song reitet auf seinem leuchtenden New-Wave-Groove, während der Sänger eine Geliebten darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt. Ein anderer Haus beginnt mit einem traurigen Krankenhaus-Puls und Schilderungen einer langen, schlaflosen Nacht, doch er steigert sich zu einer Einladung, zu seltsamer Eleganz in einem Luxusauto. „Morgen werde ich da sein“, singt er am Ende stolz, „Oh, warte nur ab.“ Manchmal glaubt man ihm das. Einige von euch werden dieses Album kennen. Ich habe eine wundervolle Cd-Edition wiederentdeckt bei meiner Inventur. Es bleibt nur übrig, was mir unverwüstlich ist. Dieses Album gehört dazu, aus der Abteilung „slow burner“. Um welches Traumteil handelt es sich wohl?
Fly The Ocean…

Es gibt grossartige Musikalben, die so ganz anders klingen als Lieder und Instrumentalstücke, die sie wesentlich inspiriert haben. Die Byrds haben über Wochen „A Love Supreme“ gehört, bevor sie „Eight Miles High“ einspielten. Brian Eno verlor sich in den Räumen von Miles Davis‘ „He Loved Him Madly“, als er über Jahre hinweg an „On Land“ arbeitete. Und Pan American aka Mark Nelson hörte bei der Arbeit an seinem neuen Werk , wieder und wieder, bis er jeder Windung dieser Songs in seinem Inneren nachspüren konnte, „Promised Land“ von Chuck Berry, und „You Belong To Me“ von Jon Stafford. Vielleicht schwebten diese beiden Lieder auch von Anfang allein durch sein viszerales Gedächtnis. Es ist ein unfassbar persönliches (aber nicht im Privaten verharrendes) Album geworden, ohne eine einzige greifbare Songzeile – hier und da auftauxhende Stimmen wie dem Horizont abgelauscht. Der Titel des Albums, Fly The Ocean In A Silver Plane“, stammt aus dem Song von Jo. (m.e.)
“Fly The Ocean In A Silver Plane“
„Zwei Lieder bildeten das Rückgrat dieser Musik. Lieder, die ich schon immer geliebt habe – es scheint, als hätte ich sie schon geliebt, bevor ich sie überhaupt gehört hatte. Das erste, und die Quelle des Titels, ist „You Belong to Me“ von Jo Stafford. Abgesehen von den für unsere modernen Ohren unübersehbaren kolonialen Anklängen ist es auch eine wunderschöne Romanze aus der Mitte des Jahrhunderts – und eine Ode an die Bedrohung durch eine immer kleiner werdende Welt. Das Lied beschwört die Einsamkeit und das Geheimnisvolle des Alleinseins und des Zurückgelassenwerdens. Der Sänger bittet seinen Geliebten nicht, den Horizont zu verschließen, sondern erinnert ihn lediglich daran, zurückzukehren, wenn die Reise vorbei ist. Der „Silver Plane“ des Übergangs, der Veränderung und des Dazwischen beiseite zu lassen zugunsten der Geborgenheit fester Erde.“ (Mark Nelson)
„Der zweite Song ist „Promised Land“ von Chuck Berry. Auch hier geht es um eine Reise, und auch dieser Song bewegt sich mühelos zwischen Allegorie und Erzählung. Der Sänger ist unterwegs durch das von Rassentrennung geprägte Amerika und versucht, das gelobte Land Kalifornien zu erreichen. Der Song ist sowohl eine abenteuerliche Geschichte, die an Mark Twain erinnert, als auch ein amerikanisches Epos, das sich gut in die Reihe von Herman Melville einreiht. Als der Held es endlich nach Kalifornien schafft, ist sein erster Impuls, zu Hause anzurufen und der Alten Welt zu versichern, dass er sicher in der Neuen angekommen ist.“ (Mark Nelson)
12 records, 12 horizons

Bill Wells: Dreams 24/25 is fantastic. (for people who like Colossal Youth, Wissenswertes über Erlangen, Himmelblau)
Don Cherry: Relativity Suite (1973) is fantastic. (for people who like Brown Rice, Bitter Funeral Beer, Tropic Appetites)
Jonathan Richman: Only Frozen Sky Anyway is fantastic. (for people who like Embrace The Herd, Pink Moon, Cosmic Thing)
Asher Gambedze: Semblance Of Return is fantastic. (for people who like Geechee Recollections, On The Corner, Good News From Africa)Pan American: Fly The Ocean In A Silver Plane is fantastic (for people who like Mi Media Naranja, Close , La Douxième Journee)
Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet: Dansere (1975) is fantastic. (for people who love Ruta and Daitya, Solstice, Yellow Fields)
Björn Meyer: Convergence is fantastic. (for people who like Souvenance, Emerald Tears, Stone Flute)Khelan Phil Cohran and Legacy: African Skies is fantastic. (for people who like Love and Peace (the reggae masterpiece), Music For 17 Musicians, Spirits
O.S.T. Sirāt is fantastic. (for people who like Lohn der Angst, Locke, Tierra)
Tinariwen: Hoggar is fantastic. (for people who like Siwan, Teatro, Nebraska)
Eivind Aarset: Strange Hands is fantastic. (for people who like Dream Logic, Nerve Net, Skywards)Étienne Nillesen: Twee is fantastic. (for people who like Singing Drums, Dream House, Life Of)

No Pussyfooting (for Mikal Gilmore who once opened me up for „the idea of passivity“)
“the most enjoyable pop electronics since Terry Riley’s A Rainbow in Curved Air and that it was…more visionary and more romantic than James Taylor could dream of being.”
Zwar liebte ich dieses erste Frippertronics-Album vom ersten Tag an, als ich es zu hören bekam, aber das dauerte bis zum Winter 1975! Da ich mich, alter Hut, nie begeistern konnte für die ersten zwei Roxy Music-Alben, fiel Eno erst mal hinten runter, und dann schrieb noch der geschätzte Manfred Sack in der ZEIT einen bösen Verriss über No Pussyfooting, in Richtung eines drogenvernebelten „Klaus“ der „minimal music“. Aber alles kam, wie es kommen musste, als ich innnerhalb weniger Wochen „Taking Tiger Mountain“, „Evening Star“, „No Pussyfooting“ „Discreet Music“, und „Here Come The Warm Jets“ erstand. Mein persönliches Shangrila im Winter 1975. Es gab noch eine Welt nach den Kinks und den Beatles. Meine ersten fünf Eno-Platten, und alle gingen durch die Decke in meinem Würzburger Studentenwohnheim. Einzige Ausnahme war Seite 1 von „Evening Star“, namens „Index Of Metals“. Damit wurde ich nie warm.
Manfred Sack war übrigens wichtiger Multiplikator der frühen ECM-Jahre, allein den rhapsodischen Stil von Keith Jarretts Soloalben mochte er nicht. Ich habe so gut wie alle Frauen in meinem Leben nehr oder weniger verrückt gemacht mit meiner Liebe zu Brians Musik. Manche mochten ihn aber auch, früher oder später. Nach wie vor krieche ich in die beiden langen Stücke von No Pussyfooting hinein, die Klänge beglücken mich, ich habe sie nie rein historisch oder analytisch gehört. Ob „Swastika Girls“ oder „The Heavenly Music Corporation“.
Natürlich, nach so langer Zeit, bildet sich eine feine nostalgische Patina, wie bei alten Teekannen, aber die Faszination bleibt unangestastet. Wie bei dem ersten This Heat-Album. Wie bei „Low“. Wie bei „Marquee Moon“. Wie bei „Time Fades Away“. Wie bei „Chairs Missing“.

When Eno in, I think, July 1972, said, “Would you like to plug in?” without explaining how his tape setup worked, he gave me the technical means to build layered sound – emulating, if you like, a string quartet [with the fuzz].
Along with Eno, you’re one of a small cadre of cult English eccentrics – people you’ve often worked with, such as Robert Wyatt, Peter Hammill, David Sylvian…
You’re putting me in good company there.
…even Peter Gabriel, though I guess he’s on a different level, commercially.
Peter Gabriel is one of the industry’s genuine good guys. And I have a deep, abiding and ongoing respect for Robert Wyatt. I think one of the reasons I was asked to produce Matching Mole’s Little Red Record is that Robert was too good and generous a person to be able to take that role on himself, a role which fell to me in King Crimson, which is one of the reasons I have a terrible reputation in the industry. I believe I was never paid for producing that, but you don’t work with Robert to earn a living, you work to be in Robert’s creative space. Similarly with Eno. [Label and management] EG acted to prevent [1973’s] (No Pussyfooting) from having a major release at the time as they felt working with this leftfield character, Fripp, would handicap Eno’s chance of having a commercially successful career. However, David Bowie listened to it – maybe Iggy Pop mentioned it to him, as I was told that Iggy could whistle all the main themes to (No Pussyfooting). When Bowie invited Eno to Berlin for Low, I later heard that he was interested in inviting me too, but I was in retreat at Sherborne House, and I didn’t get the call until July 1977. I think my best work as a guitarist has been mainly with Eno and Bowie.

HERE a flowie „waterfally“ interview from 1998 with Robert sharing my questions with wonderful lad Michael Frank. The long quote is taken from an extended interview with Fripp from the July edition of Uncut. i loved No Pussyfooting from day one!
Michael sells another holy grail
Einen habe ich noch. Diesen heiligen Gral, eine vier-Cd-Box, verkaufe ich nur, weil ich ihn zweimal besitze. Ein Freund schenkte mir damals das Teil, wegen einer 4‘40-Version von Lou Reeds „I‘m Set Free“, welche Brian Eno so wundervoll coverte. Das war genau der Grund, warum ich mir, neben meiner Lust auf die Box an sich, diese magische Matrix selbst zeitgleich kaufte. Jetzt gehen die Preise durch die Decke – bei mir gibt es die Schatzkiste für 160 Euro (incl. Package). Und nicht verhandelbar. Schaut euch bei Discogs um! Auf Wiedersehen!

„What do I like about this album? Intimacy. God. There are so few people in the audience you barely hear the sound of one hand clapping. But Lou is actually nice to them. He makes jokes. They play the songs you thought they’d left behind with Cale” “Black Angel’s Death Song”. “Venus in Furs”. Different verses in familiar songs. Wildly different takes of songs played in different ways in different sets. Doug Yule’s harmonies on “Waiting For My Man”. Four CDs. Near enough five hours of Velvet Underground. You could listen to this for the rest of your life and never buy another disc.“ (from a review)
“The big river“
Nun. ich verändere (Ingos Gedankenspiel folgend) das zu „kuratierende“ Album, und möchte mich statt „Hejira“ (das würde ewig brauchen) „Bright Red“ von Laurie Anderson widmen. Hier sind noch viele Akteure greifbar – Joey Baron war auch dabei. Es würde eine schönes kleines Buch der Reihe 33 1/3 werden. Erstmal ging ich aber auf Nummer sicher, ob das Album denn immer noch den Zauber von 1994 verströme – und genau das tut es. Aber hallo! „The big river“, das war, Jahre zuvor die Weser bei Forst, als Eno bei den Jungs von Harmonia lebte – jetzt spielte wieder ein grosser Fluss eine Rolle in die Entstehung eines Albums. Laurie erinnert sich:

„Es ist schon komisch, mir war gar nicht bewusst, wie wenige davon Studioalben sind. Mit Ausnahme von „Strange Angels“ stammen sie wohl alle aus Live-Aufnahmen. Ich glaube, das habe ich noch nie zuvor gesagt. Oh, vielleicht war „Bright Red“ etwas mehr im Studio entstanden. Ja, „Bright Red“ wurde sehr stark im Studio aufgenommen, und zwar hier in diesem Studio, von dem aus man einen wirklich wunderschönen Blick auf den Hudson River hat. Wir schauten auf den Fluss hinaus, und wenn die Musik ganz natürlich dazu zu passen schien, war das unser Schnittkriterium. Brians Motto lautete: Wenn es zum Fluss passt, kommt es auf die Platte. Wenn der Fluss zum Beispiel sehr unruhig und lebhaft war und die Musik so „pah-bah-dah-dah“ machte – wow, das sieht toll aus! – oder wenn er ruhig war und eine Art Ambient-Stimmung herrschte. Wir haben immer versucht, uns an die Natürlichkeit des Flusses anzupassen – sie zu spüren –, in diesem Fall den Hudson, und zu sehen, ob es passte. Das war eine sehr unfehlbare Regel, denn sie zeigte einem, wenn man es zu kompliziert machte, nicht natürlich.“
P.S. Gestern traf das Doppellivealbum von Laurie mit Sexmob ein, einfach nur rundum positive erste und zweite Eindrücke, und Steven Bernsteins Jazztruppe machr einen fabelhaften Job, vitalisiert, bereichert, neue Ideen für classics und unbekannter Stücke…. Formidabel… „What preserves the feeling of the performance the most is how much of Anderson’s conversation with the audience is included. There’s a notable difference in her tone of voice when she’s talking versus when she’s performing a spoken-word piece, and its interesting to hear the shift when her voice is meant to lull.“ Beeindruckend, die kleine Yoko Ono-Nummer dieser freewheelin’ Buddhistin… und es geht weiter und weiter…. a magic storyteller after all these years…
Die Sache mit Laurie (2026 short story remix)
2014. Those were the days, my friend. Kristiansand. Punktfestival. Ich stand früh auf und ging duschen. Auf Endlosschleife lief „This Is The Day“ von „The The“, kleiner Affirmationstrick. Ich duschte lange, und liess am Ende den Wasserstrahl eiskalt sein Werk verrichten. Ich frühstückte mit Christoph Giese und Jan Bang, und wie immer, wenn wir drei zusammensitzen, gibt es gute Musikgespräche – und viel zu lachen. Gestern eine Story aus Dublin, welche das Zwerchfell in Schwung brachte. Der Papst wollte Bono sprechen, der Hausmeister hielt zitternd den Hörer in der Hand, Brian Eno hatte jede Unterbrechung untersagt. „It‘s the p..o..pe..“!
Um 11 Uhr begann der Soundcheck für meine „Electronic Griot“-Performance damit, dass Tony Valbergs Tischlampe von 1953 einen Wackelkontakt hatte. Er besorgte eine Ersatzbirne. Der CD-Player mit den acht vorbereiteten Tracks spielte die Musik nicht ab, es musste ein Ersatzgerät herbeigeschafft werden. Ich wurde etwas nervös, aber schliesslich war alles geregelt, der Raum angenehm verdunkelt, wie nachts im Deutschlandfunk. In der Lounge sass Laurie Anderson, die ich begrüsste und an unsere zwei Begegnungen in den Neunzigern erinnerte, die sie ganz sicher völlig vergessen hatte nach 2580 Interviews.
Mich überkam eine angenehme tiefe Ruhe, kein Anflug von Lampenfieber, ausser der latenten Furcht, Tonys Lampe aus dem letzten Jahrhundert würde mal zwischendurch den Blick auf meine Papiere verdunkeln, aber es gab ja eine zweite Glühbirne. Um 11.45 Uhr startete auf dem Schallplattenspieler das Ensemble Economique, und der Saal füllte sich. Um 12 Uhr ging ich zu meinem ipad in einer hinteren Ecke des Raums (mit dem tragbaren Mikrofon war ich mobil) und legte los, las die letzten zwei Abschnitte der Short Story von Richard Brautigan. „I had never seen anybody set fire to a radio before.“ Und das Ende mit den brennenden Liedern.
Ich ging zu meinem gemütlichen Sitzplatz, der Raum war gut gefüllt. Ich war konzentriert und seltsam entspannt, einige meiner Geschichten hatten ein trauriges Ende, und verströmten einen Hauch von Melancholie, wie der Anblick von Herbstblumen, die ihre Köpfe hängen lassen. Die Zeit verging wie im Flug, die Zuhörer waren aufmerksam, lachten viel, und ich bekam einen herzlichen Applaus. Ich beantwortete noch ein paar Fragen. Wildfremde Menschen und einige gute Bekannte bedankten sich für meine Show. Beim Hinausgehen kam ein junger Mann, der mir verriet, er habe an zwei Stellen Tränen in den Augen gehabt. Eine Frau fragte mich, ob meine Nachtsendung in Köln genauso ablaufen würde, und ich sagte, ja, genau in der Art, ich würde nur das Wort „fuck“ weglassen. Laurie kam zu mir und sagte, mein Vortrag habe ihr wunderbar gefallen. Und noch zwei sehr schöne Sätze mehr. Ich brachte meine Cds und Schallplatten aufs Zimmer und kehrte sofort in den Seminarraum zurück, wo Jana Winderen, eine Soundforscherin aus Oslo, die sich gern in der Nähe von Eisbergen rumtreibt, und Mike Harding vom englischen Label Touch ihren Vortrag hielten.
Danach betrat Laurie Anderson das Podium, und erzählte von dem Film über ihren erblindeten Hund, und wie er mit seinen Pfoten auf den Tasten eines Pianos zu einer besonderen „Hundemusik“ beitrug. Laurie versteckte sich nicht hinter ihren Geschichten, und erzählte sehr persönliche Dinge. Mit der Technik gab es einige Probleme, und auch sie hatte plötzlich, wie ich zuvor, eine hölzerne Stuhllehne in der Hand. Bei ihrer letzten Story war das Ende, mit ihrer unnachahmlichen Stimmmodulation, so sinnlich wie bitter, unvergesslich. Am Ende des Tages fiel ich totmüde ins Bett träumte von den Beatles in Mono!
“Belladonna Nocturne“ (18. Juni)

„More background HERE“
Was Emmylou Harris hier wohl anstellt, in dieser neuen Nachtmusik, wenn sie einmal auftaucht? denn es soll ja ein Instrumentalalbum sein. Das erzählte mit Monsieur Lanois vor langer Zeit zu „Wreckin‘ Ball“ :
„Wir brachten für die Aufnahme von »Wrecking Ball« ein sehr gemischtes Team zusammen. Der Mix der Charaktere hat viel mit dem Resultat zu tun. Ich mochte es immer, verzweifelte Seelen einer bestimmten Sorte einzuladen. Larry Mullen am Schlagzeug wirkt hier recht überraschend, aber ich kenne seine Faszination für Country; hier fand er eine Gelegenheit, diese Leidenschaft auszuleben – an den dunklen Rändern von Country – und einmal aus dem »System« U2 auszusteigen. Der Bassist kam vom Funk. Keine homogene Einheit, und doch konnte man bald die Logik hinter dem Wahnsinn erkennen.
Ziemlich früh stießen wir auf einen aufregenden Sound, Ich nannte ihn den »Sound der Crystals«. Die Crystals waren eine Vokalgruppe aus den frühen 60ern mit einem mysteriösen und energetischen Sound. Mir war nie klar, wie sie diesen Sound hinbekamen, vielleicht war es sogar eine Phil-Spector-Produktion. Ich stieß zufällig darauf, hatte die Kopfhörer auf, war mit Emmylou im Studio, sie sang, und am Ende des Liedes sagte ich zum Toningenieur Malcolm Burn: »Berühre nichts, nimm deine Hände vom Mischpult, ich will analysieren, was wir da haben!« – es war etwas Besonderes, ich wollte diesen Sound nicht einfach festlegen, ich wollte ihn betonen, gestalten, verstärken. Und es war auf einmal gleichsam der „Sound der Crystals“, der sich in Emmylous Mikrofon hineinschlängelte; zwischen ihren Gesangslinien und all der Kompression, die wir benutzten, entfalteten sich die Instrumente wie in einem Riesenpilz. Ich entschied, dass die Musiker ganz nah bei Emmylou spielen sollten.“
Asher Gambedze, Jeff Parker ETA IVtet, Lambchop, The Mountain Goats, Daniel Lanois, Pan American, Andrew Wasylyk, Björn Meyer, Jason Moran, Bill Wells, Aldous Harding, Kevin Morby, Kurt Vile, And Also The Trees, Tinariwen, Sunn O))), Irmin Schmidt, Eivind Aarset, Boards Of Canada, Seefeel vielleicht auch – da braucht es keine Halbjahresliste zur Auffrischung des Gedächtnisses, das füllt ja nun schon aller Voraussicht nach mehr als die Hälfte meiner zwanzig „desert island-Lanzarote-Alben“ für 2026.
„Jeff, Anna, Bennie, Hans-Joachim und Dieter“
„Die Stücke der Band schweben und tanzen und entfalten sich mit einer ruhigen, geduldigen Anmut, die daher rührt, dass sie hervorragende Zuhörer mit scharfem Gespür sind – Musiker, die zwar wissen, wie man richtig loslegt, aber erkennen, dass es viel wirkungsvoller ist, gemeinsam eine Atmosphäre zu schaffen.“

Olaf hat mir gerade eine Nachricht geschickt, die mich einmal mehr schmunzeln liess. Dieses „Jeff Parker ETA IVtet“ ist ja nun schon ein gewöhnungsbedürftiger Bandname – das erste Live-Album des Quartetts kenne ich bis heute nicht. Aber dann kam das nachfolgende Doppelalbum zu uns, einmal mehr von International Anthem, „The Way Out Of Easy“, und wir waren einhellig begeistert. Keine Sekunde ausgefranster Improvisationen, alles vom ersten bis zum letzten Sound, vier Schallplattenseiten lang, mitreissend, zwingend, und ein wenig unglaublich.
Nun also der nächste Streich, und wieder traute ich meinen Ohren nicht – und dann doch. „Happy Now“, diese zwei lange Stücke, aber alles andere als dem vorigen Abenteuer ähnelnd. Eine andere Lockerkeit, mehr Raum, andere „vibes“. Und dann schickte mit Olaf zwei Sätze aus einer Plattenkritik: „Live, the IVtet is transfixing, playing long-form improvisational ambient jazz that finds the sublime middle ground between Bennie Maupin’s The Jewel in the Lotus and Cluster’s Sowiesoso.“ Gar nicht übertrieben, und doch ein kühn definierter „middle ground“, der aber auch ein Fingerzeig ist, warum mich, respektive Olaf und mich, dieses Album so umhaut!
Morgen muss aber erst mal Schluss damit sein, dann widme ich mich den „Klanghorizonten“, die mehr aus Vignetten und Episoden, prögnanten Stücken und einem offenen Ende am Schluss bestehen – keine Chance für dieses berauschende „Jeff Parker IVtet“ ohne eine dieser alten Radionächte! Umd wenn Manfred Eicher auf der Seite 2 dieser Langspielplatte Anna Butters‘ luftig-dynamischem Bassspiel lauscht (die sowieso ein weiblicher „wizard“ ist, könnte es auf ECM 2027 das erste Basssoloalbum einer Bassistin geben.