• Der Hitze fern auf Langeoog

    Kurzentschlossen, fuhr ich vier Stunden zur Fähre, setzte über, und quartierte mich in einem kleinen Appartment ein. Nur ein richtig heisser Tag in sieben langen Tagen, „Spring Hill Fair“ auf einem alten Walkman, Steve Swallows „kleine Wintermusik“, und Erinnerungen an den „den letzten Bus nach Woodstock“ – ich fühlte mich seltsam jung und sprang erst mal ins Meer, mit Blick zur roten Sonne, die bald ins kühle Nass eintauchen würde. Diesmal all alone, seltsam beschwingt, das Echo dunkler Wochen fast schon, aber nicht wirklich, lange her! „you think I’m young I’m not half those things / why did it rain? / the days ran away from us / heaven never knew / the chances that it left for us / fast and slow, breeze to wind…“

    Die Romane, die ich gerade lese, nehmen einen Faden der Jugendzeit auf, meine Lust an rororo-Krimis, deren Cover ewig schwarzweiss waren (die neueren reprints dann auch mal in Farbe), und zu deren führenden Vertretern damals Colon Dexter zählte, mit seinen Inspektor Morse-Romanen. Der Ort: Oxford und Umgebung. Als ich vor Woche Simon Masons „Mord im November“ entdeckte, gab es kein Halten mehr, und einmal mehr tauchte ich in das alte, neue Oxford ein, das uns in der Regel bekannt ist, etwa aus ruhig inszenierten, aber auch fesselnden Verflilmungen mit dem alten, aber auch dem jungen Inspektor Morse.

    Simon Mason hat ein spannendes Ermittlerduo eingeführt mit den „chalk-and-cheese cops“ DI Ryan und DI Ray Wilkins, die keineswegs miteinander verwandt sind und aus fast absurd gegensätzlichen Lebenswelten stammen. Der Glücksfall ist, dass Simon Mason grossartig schreibt, das Erbe von Colin Dexter in ein heutiges Oxford transportiert – hervorragend geplottet, humorvoll, und dunkel über alle Seitenränder hinaus. Die ersten beiden Romane (von mittlerweile fünfen) liegen in gelungener Übersetzung vor, und ich bin gerade mittendrin im dritten, „Lost And Never Found“. Ein umwerfender Sprachfluss ist diesen Romanen zueigen, in die Tiefe gehende Geschichten, allerbester Stoff zum Versinken!

    Jetzt, der Hitze entkommen, liest sich das alles noch rasanter, die ersten Cafés öffnen, einen „morning swim“ habe ich schon hinter mir, es dauert seit meiner Kindheit immer um die eine Minute, bis mir im Meer warm wird. Die Wellen helfen! Ein Strandkorb ist angemietet. Der Geruch von Sonnenmilch versprüht einen Zauber wie eh und je. Mit dem E-Bike fahre ich die alten Runden, durch den Wald, „Waldbaden“ inclusive , zum Fährhafen mit seiner Fischstube am Deich entlang, und auch mal wieder vorbei an dem Hotel, in dem ich mich einst mit sieben Jahren in die Hotelmanagerin verknallte, „Haus Westfalen“ hiess es damals, in der Zeit, als Hoppy Kurrat noch für den BVB kickte, und die gebundene Ochsenschanzsuppe ein Klassiker war auf kurzen Überfahrten. Ein Hauch von Wehmut mischt sich in jeden Taumel kleiner Glücksschübe.

  • „Das heisst aber nicht, dass wir jetzt wieder zusammen sind“

    „Wir holten Docs Outfit von Neil Young, dem der Siebziger, diese Muttonchops, der buschige Backenbart, und einige der Kleidungsstücke sind direkt von ihm geklaut. Ich denke, man kann keinen Film über diese Zeit und diese Kultur machen, ohne direkt auf Neil Young zu gucken.“ (Paul Thomas Anderson)

    Erst jetzt, nach mehr als zehn Jahren, sah ich „Inherent Vice“ zum ersten Mal, Paul Thomas Andersons Verfilmung von Thomas Pynchons Roman gleichen Namens. 2014 bekam er ein bunt gemischtes Echo, und ich geselle mich nun, nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen habe, nach nur leichtem Zögern, auf die Seite seiner Fans. Manche seiner Filme lagen mir mehr als andere, und seine Zeitreise in die frühen 1970er Jahre nach Hippie-California ist ein zweieinhalbstündiger Trip, in dem mich ein paar Sachen besonders gefesselt haben. Etwa die Art, wie er, abseits des Soundtracks von Johnny Greenwood, Lieder aus jener alten Zeit mit dem herrlich zerfaserten Plot kurzschliesst. Da kann ich mich gut reinfallen lassen, wenn auf einmal Cans grösster Hit aus „Ege Bamyasi“ den Ton angibt, oder zwei Lieder von Neil Young den Soundtrack einer alten Liebe des dauerbekifften Doc Sportello befeuern. Es ist der vielfach gebrochene Mythos vom Detektiv mit dem reinen Herzen, weicher, mit einem fragileren Ich ausgestattet als die Sam Spades und Philip Marlowes des alten Hollywood, von eine aberwitzigen Situation in die nächste gerät, und stets haarscharf am kompletten Desaster vorbeischrammt. Von Anfang wurde ich das Gefühl nicht los, dass Doc Sportello seiner Lang-Verflossenen hinterhertrauert. Und dass da irgendwann im Laufe des Filmes was passieren muss, das ihn von diesem Trauma erlöst. Ja, Freunde des psychedelischen Kinos, und dann passiert genau das, die gute alte Tante „Katharsis“ betritt den Raum, und unser „private eye“ traut einmal mehr seinen Augen nicht: „sexual healing“!

    Nicht nur Doc Sportello wähnte sich kurz vor Ende des Films in einer Zeitmaschine, auch der Verfasser diesr Zeilen sass in einer solchen und nahm unterwegs folgende Seelennahrung zu sich, an einem langen Wochenende: Tale Spinnin‘, ein unterschätztes Album von Weather Report in Surround, „Spring Hill Fair“ von den Go-Betweens, einmal mehr „Dume“ von Neil Young (die Neufassung von „Zuma“ als Doppelalbum), und „Original Soundtracks 1“ von den Passengers: bei dieser Scheibe weiss man auch nicht so recht, ob man in einem neu vertonten Antonioni-Film sitzt oder in einem abgedrehten Science Fiction-Movie. Und, kein Witz, ich hörte mir das nieendenwollende Stück „magnificent seventies“ vom American Analog Set an! Das alles übrigens ohne Dope!

  • Before and after Hollywood (two friends of Rachel Worth recommend the Go-Betweens)

    „Dressed in a white shirt with my hair combed straight
    Here in my black shoes and me without a date
    Me without hindsight, me without
    When will change come, just like spring rain“

    As someone who lived on Lovers Lane, 16 from start on, the summer of 1981 and 1982 in the Northern area of the Bavarian Wood, not so far away from the town where Robert found the love of his life, as someone who bought a single of the GoBe‘s in the Rough Trade record shop in Notting Hill, besides a single from Aztec Camera, in December 1982, well, well, they become lifers, life‘s company, all of these records. Two killer songs on their raw, punky, garage rock of their debut album were enough to know, this band would stay with me. „16, Lovers Lane“ got a bad review in Spex“, the German rock magazine who celebrated them from earl years on, but they were wrong – be careful with experts! Activating my critical eye, here is my highly sober rating of them all:

    Send Me A Lullaby (1981) – ***
    Before Hollywood (1983) – ****
    Spring Hill Fair (1984) – *****
    Liberty Belle and The Black Diamond Express (1985) – *****
    Tallulah (1987) – ***
    16, Lovers Lane (1988) – *****
    The Friends Of Rachel Worth (2000) – ***1/2
    Bright Yellow, Bright Orange (2003) – ****
    Ocean‘s Apart (2005) – ****1/2


    Thomas Pannhorsts Liste:

    Send Me A Lullaby (1981) – ***
    Before Hollywood (1983) – ****
    Spring Hill Fair (1984) – *****
    Liberty Belle and The Black Diamond Express (1985) – ****1/2
    Tallulah (1987) – ***
    16, Lovers Lane (1988) – *****
    The Friends Of Rachel Worth (2000) – ***1/2
    Bright Yellow, Bright Orange (2003) – ****
    Ocean‘s Apart (2005) – *****

    Seit den frühen 1980er Jahren begegnet mir immer wieder der Name Mat Snow. Ein Musikjournalist meiner Generation, und wir waren uns bei vielen Alben absolut einig. Unvergesslich, sein persönlicher Zugang zur Musik, der nie die musikhistorische Absicherung im Visier hatte. Danmals, 1983, kannte kaum jemand The Go-Betweens, als er für den NME das zweite Werk des Trios aus Brisbane besprach.

    „From The sleeve‘s studious allusion to Dylan‘s 1965 covers to the final dedication „to our parents“, this record looks back to the past – childhood, lost love, and lost Utopias. These are fragile feelings, hard to express, but The Go-Betweens fly straight to the heart with passion and intelligence. „Before Hollywood“ contains some of the most beautiful music I‘ve ever heard.“

  • Unspeakable

    There it was, the last sentence of Mike Gates‘ five star review of Steve Swallow‘s „Winter Songs“: „Warm and inviting, it feels like a proper old-school contemporary jazz session of the very best kind.“ The phrase „old-school“ creates a problem. I am not too interested in an old-school jazz session. And Steve Swallow transcends this category with „Winter Songs“. As immaculate as it is, as melodic and as far away from any upheaval (on the surface), the whole album with all its short pieces is the best album he‘s ever made as a bandleader.

    This is a strangely adventurous, whimsically courageous, deeply honest album in which only the surface structure makes you think of „old school“, nostalgia, good friends drinking tea and having a good time. True that is, but beneath these known formula there‘s hiding a love of life, a melancholia, something blue and velvet and blue velvet. What an album! All these bitter-sweet in-betweens! Another lifer! In the same way, „Belladonna Nocturne“ is not just simply „old school ambient music“. In spite of life’s backward glance and all that. As Wyndham Wallace writes:

    „With broader horizons than 2022’s intimate Player, Piano, Lanois’ ninth solo album is envisaged as an inevitably darker successor to 2005’s similarly instrumental Belladonna. He’s still worldbuilding, his affectingly lush, resonant production wonderfully showcased amid “Steel Mill”’s textured minimalism and the quietly spectral “Marionette”, both distant, jazz-affiliated cousins of Angelo Badalamenti’s Twin Peaks score. But he’s more experimental, with “Canadian National”’s felted piano gently unpredictable and “Warp Sustain” pitching layers of treated guitar and pedal steel against one another. If “Snow Lake” and “Early Days” sound Eno-esque, that’s indicative of Lanois’ role on Apollo.“

  • Let‘s wait and listen!

    „Meiburg’s interest in the natural world has often seen Shearwater bracketed with a generation of indie-folk musicians drawing on nature and tradition to invest their music with a sort of hand-me-down authenticity. But Shearwater’s music is frequently both smarter and deeper than that of his peers. There is arguably no modern musician working today who has better assimilated the approach Talk Talk’s Mark Hollis took on his masterworks Spirit Of Eden and Laughing Stock: a richly orchestrated art music assembled in a way that feels simultaneously intimate in sentiment and gigantic in scope.“ (Louis Pattison, Uncut, August 2026)

  • He called it „a lifer“


    The first person I ever heard the word „a lifer“ from, was Braveheart Ian McCartney, who spoke or better wrote about it in regards to a handful albums that became life‘s company or worth living a life with. A matter of the heart. Did he even mention it when Lajla an i met him for dinner in Glasgow in early 2016? It rang a bell, but why did i never stumble upon this word in album reviews, apart from the glory days of Manafonistas and the later years of Flowworker? Ian called Harold Budd‘s and Brian Eno‘s „The Plateaux Of Mirror“ „a lifer“, for example. He could listen to it endlessly, and, in fact, he returned to that album again and again. And to its successor, „The Pearl“. Same, but different. I agreed wholeheartedly with his passion for these albums and adopted the term. See my post from some days ago: „Five Lifers“. Nearly everybody is using it from our little group. Here comes another „lifer“:


    Speaking along with Jan Bang on encounters between Moroccon / North African traditions and sax players it is not far-fetched to think of another „killer album“ or should I say „lifer“„The Trance of Seven Colors“ by Mahmoud Ghania’s ensemble feat. Pharoah Sanders (produced by Bill Laswell, and recorded in 1994 in Essauouira (!)), or, in its spiritual neighborhood, Jan Garbarek‘s album with Tunesian oud master Anouar Brahem „Madar“, an album that became „a lifer“ for me since its ECM vinyl reissue. The album has everything Robert Wyatt is speking about „the breathing thing“ that music has to emulate, if it‘s striving to surivive season and style.

    Ian McCartney hat mit „A Lifer“ eine neue Bedeutung und Konnotation geschaffen, so seltsam einleuchtend, dass wir sie hier all übenommen haben. im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet ein „lifer“ meist eine Person, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, und, je nach Kontext, können andere semantische Ebenen mitschwingen: ein „lifer“ ist der erste Vogel einer bestimmten Art, den ein Beobachter in seinem Leben jemals in freier Wildbahn gesehen hat. In den USA wird ein lebenslanger Berufssoldat gerne „a lifer“ genannt. Gelegentlich wird der Ausdruck scherzhaft für Personen verwendet, die sich überdurchschnittlich stark in ein Thema, ein Spiel, oder eine Subkultur vertiefen, also auf Personen, die einen Narren an etwas gefressen haben. Aber eine Langspielplatte, der man sich absolut verschrieben hat, „a lifer“ zu nennen, hat es vor Ians Eingebung des Augenblicks schlichtweg nie gegeben. Eine dezente Verschiebung, ein sprachlicher side-step.

    Coming back to „Madar“. When it was released in 1994, i Iiked it from start on, but i think I made the mistake to never play it loud. Now, when only slightly turning up the volume, you realize the extreme dynamics of the Oslo recording session: some passages are so quiet you can hear the famous needles fall, the grass grow, the horizon sigh (overtly poetic, but i want to light your fire, too) – other passages are making your walls tumble, your belly shake, all the while the sound is crystal clear. An immaculate digital, yes, digital, high end production that is on par with three musicians, a tone engineer, and a producer „at the peak of their powers“, to use a more frequently used phrase. What else can I say. It‘s a lifer! There‘s a jukebox in heaven that plays that stuff all night long.

  • „Five Lifers“

    Langspielplatten haben, anders als Cds, das ideale Format, mit der Gefühlsladung der Musik assoziiert zu werden. Umso mehr, je reizvoller sie per se sind, oder als Äquivalent der Klänge herhalten können. Wundervoll der magische Realismus von Mati Klarwein auf Jon Hassells „Dream Theory in Malay“ (wir lieben ja auch seine Cover für Miles Davis und Santana), oder die Farb- und Schattenspiele auf Michael Brooks „Hybrid“; von den beiden ECM-Covern ganz zu schweigen – anders als „Madar“ wartet Steve Kuhns Solopianoalbum „Ecstasy“ noch auf seine Wiederveröffentlichung. Jedes Album „five stars“!

    „In Sizilien gibt es viele Osterprozessionen. Zu diesem Anlass fertigt man Gebäck an, welches das Lamm Gottes darstellen soll. Der Fotograf hat dieses Bild gemacht, weil die Augen auf diesem Teilchen so vollkommen jenseitig wirken, als stammte das Geschöpf von einem anderen Planeten. Der Glitzerschmuck auf der Stirn erschien mir  wie ein Symbol für das Strömen von Ideen.“ (Mark Hollis, Hamburg, 1997)

  • Patience der finalen Horizonte (3) – „the visible center“

    “Mark Hollis clearly needed someone to bounce off; to surprise him, challenge him, start the engine, back him up. An accomplice. In this sense, his relationship with Friese-Greene is especially key. It is comparable to the one enjoyed by David Bowie and his long-term producer Tony Visconti, had Visconti also co-written all the songs; or Bowie and Brian Eno, had Eno, not Visconti, also produced those three „Berlin“ records.“ (Graeme Thomson)

    (Für Martina W.) Das ist das Zentrum der Sendung, in einer Stunde, in der es, in der jetztigen Version, und wenn ich die alte Laurie-Sendung im Archiv finde, O-Töne geben wird von Robert Wyatt, Graeme Thomson, und Laurie Anderson. Keinen Ton sage ich in diesem Mittelteil, in dem drei Stücke von Daniel, Talk Talk und Seefeel laufen. Natürlich kann alles auch ganz anders kommen. Zum Beispiel, wenn dermassen aufregende neue Alben erscheinen (oder archivarische Entdeckungen), dass der „Klanghorizonte Klassiker-Anteil“ stark zurückgefahren wird. Zum Beispiel veröffentlicht „WeWantSounds“ im September, wie Thomas P. gestern verlauten liess, einen alten Schatz von Don Cherry, eine Trioaufnahme mit Dollar Brand und Carlos Ward. Und, by the way, was wird das „ECM“-Album dieser „blue hour“ sein? Ein Klassiker – oder kommt da im Oktober noch ein „Kracher“? Ein Dank an die Runde auch für die (Wieder-)Entdeckung von Seefeel. Grossartiges Album. Damals, 1993, spielte ich tatsächlich ihr Debut „Quique“, ich erinnerte mich allein dank des Covers. Circles closing.

    Zwischendrin liest Graeme zwei Passagen aus seinem Buch „In Another World“. Das erste Stück der Stunde erzählt vom Londoner Nebel, im letzten Stück, dem „showdown“, geht es ins Hinterland. Und neben dem River Themse spielt der Hudson River eine Rolle. Also geht es fast zu wie in dem alten Spiel „Stadt – Land – Fluss“. Leider könnte das sich aber auch das als Fata Morgana erweisen, denn ohne Lauries alten OTON aus dem Jahre 1994 wackelt das ganze Konstrukt. Das Buch von Graeme Thomson über Talk Talk zu lesen, ist wirklich eine grosse Freude, nicht nur, weil all meine Erinnerungen an die Treffen mit Mark Hollis so lebendig werden. Nebenbei: Graeme vergleicht „The Colour Of Spring“ in mancher Hinsicht mit „Hounds Of Love“, was ich interessant finde, weil ich mich, anders als jeder, den ich kenne, nie so mit dem Album anfreunden konnte. Wie gesagt: eine Patience dauert ihre Zeit, und das Finale der Horizonte, ich sag’s mit Augenzwinkern, der dreifache „showdown“ mit field recordings und zwei Liedern, wird nicht verraten. Ich sage nur: STADT – LAND – FLUSS!

    Playing time: Für Anfang September ist „Alighting“, im Rahmen des Punktfestivals von Kristiansand, ein neues Album von Jan Bang angekündigt. Dort wird das interessante Duo Arild Andersen / Jan Bang ein Konzert von Erland Dahlen live remixen! Am 11. September erscheint „Yours Sincerely“, ein brandneues Werk des Altmeisters Haruomi Hosono. Die Klanghorizonte werden am 24. September um 21.05 Uhr im Deutschlandfunk gesendet. Vom 25. bis 27. Sepember findet in der Geburtstadt von Brian Eno das „Fifth Woodbridge Ambient Music Festival“ statt. Am 27. September spielt das Eivind Aarset Quartet im Musikbunker in Aachen, an einem Sonntagabend um 19.00 Uhr.

  • „Life’s Backward Glance“


    You live almost like a cult when you’re younger. We had our meeting points at River Mersey, loud singing, and campfire. Each person would have their thing they were into most and they’d bring that to the table. We’d all gravitate to certain things – Everyone loved Lee Perry, I loved Jimmy Cliff and doo-wop groups. My grandad had all these old records, like Reader’s Digest Hawaiian and choral records, and that’s where we’d pick a lot of stuff up from.“ (James Skelly, The Coral)

    „Es war, lang her, Mai 75, auf unserer Zeltreise in die Bretagne, dann natürlich auf dem Weg nach Paris, wo wir die richtige Ausfahrt verpassten, und anderthalb mal den Boulevard Peripherique umrundeten, da hatte ich nur eine Kassette dabei, und einen dieser winzigen Kassettenrecorder, und so lief, wenn überhaupt, entweder „Ruth Is Stranger Than Richard“ von Robert Wyatt, oder „Hotel Hello“ von Gary Burton und Steve Swallow“ (M.E.)

    Es ist schon ein paar Jahre her, da konnte ich einige Hörer der Klanghorizonze mit meiner Begeisterung für das Doppellabum „Coral Island“ anstecken, eine Zeitreise entlang alter englischer Küstenkäffer, mit wunderbaren spoken word-stories und einem Melodientaumel, der in alter Zeit manche Jukebox in Beschlag genommen hätte. Ich hatte immer ein Faible für diese Briten vom River Mersey.  Mit jenem Album knüpften sie an den Thrill von „Magic and Medicine“ an, und blieben in einem kreativen High, dem wir nun „388“ verdanken, ein Retro-Rausch besonderer Art, eine weitere Reise zurück in die Lebensräume ihrer Teenager-Jahre, und ihrer unerschöpflichen Freude an altem Reggae und Ska. Das ganze in rohem Sound, vollkommen unpoliert, ohne billige Imitationen zu servieren, macht „388“ zu einem Hörerlebnis, das gutes altes Vinyl fast zwingend erforserlich macht, und einen dezenten Suchtfaktor auslösen kann.

    Und als ich gestern „388“ auflegte, unmittelbar gefolgt von „Coral Island“, ging mir wieder jener Sommermorgen durch den Kopf, aus dem Jahre 1971. Ich war 16, meine Baskenmütze auf dem Kopf, und sass auf einem Pier in Torquay. Ich sah auf die Palmen und hatte bis zu diesem Trip mit den EF-Ferienreisen nach England nichts von den Palmen und dem Golfstrom dort gewusst. Es waren die drei Wochen, in denen ich Neil Young entdeckte.Vor mir auf der Kaimauer lag ein kleines Taschenbuch über das richtige Pfeiferauchen. Ich hatte alles Nötige dabei, und auch den Tabak meiner Wahl. Da es der einzige Tabak ist, den ich je in einer Pfeife rauchte, habe ich ihn nie vergessen: „Mac Baren‘s Mixture Scotish Blend“ verströmte einen süssen Honigduft, das Whisky-Aroma liess sich allenfalls erahnen. Ich befolgte die Anweisungen zum Stopfen der Pfeife sorgsam, aber im Endeffekt scheiterte ich, immer wieder ging mir nach wenigen Zügen die Glut aus. Ich war zu blöd dazu. Schwamm drüber. Ich fühlte mich unbesiegbar, nachdem mich das erste Hören von „After The Goldrush“ in eine tiefe und andauernde Träumerei versetzt hatte.

    “Ride That Train“

    Das alles kam mir wieder in den Sinn, als ich gestern mit einem Keks mein kleines Coral-Festival veranstaltete. Benannt nach dem legendären TASCAM-Tonbandgerät, das bei den Aufnahmesessions in den Kempston Street Studios in Liverpool zum Einsatz kam, fängt das neue Album „388“ die Band mit ihrem ungebrochenen Elan ein. James Skelly legte eine Regel fest: Alles musste live im Raum eingespielt und noch am selben Tag abgemischt werden, wobei die Ecken und Kanten, das Bandrauschen und die menschlichen Unvollkommenheiten erhalten bleiben sollten, die in der modernen Produktion so oft wegretuschiert werden.

    Nehmen wir nur mal diesen frühen Song des Albums her: „Ride That Train“ knüpft an vertrauten Rocksteady-Snare-Groove an und führt eine eingängige Keyboard-Melodie ein, einen Sound, die sich durch das gesamte Album zieht. Klare, leicht verhallte Gitarrenstiche untermalen den Rhythmus mit sanften Offbeat-Akzenten, während James Skellys Gesang im Vintage-Soul-Stil locker über dem Mix schwebt. Schlicht und ergreifend.

    Diese Form von Magie und Medizin funktioniert auch im CD-Format. Es ist ihr mittlerweile dreizehntes Album, und sicher, im Kontext ihrer Historie, im Vergleich etwa zu „The Coral Island“ oder „Magic And Medicine“, kein Schlüsselwerk, kein opus magnum. Aber es sind ja oft die Dinge an den Rändern, die anrührender sind und auch tiefere seelische Prozesse befeuern als das, was uns Neunmalkluge als Mass der Dinge und Klänge andienen wollen.

    Gestern, spät am Abend, bei Kerzenlicht, legte ich die neue Arbeit von Steve Swallow in meinen Cd-Player, „Winter Songs“, eine ECM-Produkton, die in genau einer Woche in die Läden kommen wird. Und, genauso wie „388“, ist es eine Zeitreise geworden ein Blick zurück, gelassen, nicht ohne Wehmut, doch auch mit stiller Freude – zwei Alben, die eines verbindet, was sich am besten mit dem Titel einer Komposition aus Steve Kuhns wundervollem Solopianoalbum „Ecstasy“ aus der Mitte in der 1970er Jahre in Worte fassen lässt: „Life’s Backward Glance“.

    Mike Rodriguez, Trompete. Chris Cheek, Tenorsaxofon. Steve Cardenas, Gitarre. Gil Goldstein, Piano. Steve Swallow, Bass. Adam Nussbaum. Und genau wie bei „388“ hört man hier der Musik alter Freunde zu, die alles, aber auch alles, in ihr Spiel legen, um der Musik – das war wohl ihre gemeinsame Vision – Luft zu geben, Atem, Aura, also etwas, bei dem die üblichen Worte (Analysen, Vorurteile, Lobeshymnen, Schnellschüsse) in eine schöne Leere laufen. Mission erfüllt.

    So lässt sich auch mit lyrischer Eleganz, mit makellosem Sound, Zauber auf Zauber entfachen, ohne einen einzigen überflüssigen Ton. Wer die drei letzten Alben von Carla, Steve und Andy ganz besonders mag, wird auch hier fündig werden, und, im seltsamen Glanz eines Rückblickes auf gelebtes Leben, von ferne auch mal die Lichter des „Hotel Hello“ aufflackern sehen!

  • “Traumstadien“

    „Early in 2025 I stumbled across a Youtube Video of Duke Ellington being interviewed on an old American TV show, in which he claims „No this is not Piano, this is Dreaming“ whilst playing the piano. A few days later, still thinking of this clip, I wondered what a piano having a dream would sound like… and then the idea that I should make an album which sounds like a piano dreaming! Dream States was therefore born. During the heatwaves of summer 2025 I found it hard to sleep some nights and crept down into my music room and started to make music, music for a dreaming piano.“

    Made by Neil Stringfellow as Audio Obscura with the exception of the first 40 seconds which are sampled from a TV interview of Duke Ellington speaking and playing piano. 

    TRÄUM ICH ODER WACH ICH?

    Wie würde ein Piano klingen, das einen Traum hat? Ein Album füllt mir da ein, dass dieser Frage schon mal nachgegangen ist, Player, Piano“ sein Titel. Wenn es zu Daniel Lanois’ Selbstverständnis zählt, stets mit einem Fuss in der Vergangenheit, und dem anderen in der Zukunft zu stehen, bekommt hier die gute alte Zeit eindeutig Vorrang, auf den ersten Ton zumindest.

    Rasch aber spürt der, der sich mit offenen Ohren in die Musik fallen lässt, dass hier kein regressives Schwelgen am Werk ist, und auch nicht in die klassische Falle getappt wird, den nächsten unausweichlichen „sweet stuff“ in der Nachfolge von Erik Saties goldenen Oldies zu verzapfen.

    Diese Platte ist eine kleine Sensation. Ein Wunder sowieso, wie er sein Zweit- oder Drittinstrument hernimmt, und ihm demassen verführerische Figuren entlockt, jenseits von Kitsch und Erhabenheit. Hier und da mit den richtigen falschen Tönen, dass nur das normierte Denken zuckt, und jeder andere aus dem Staunen keinen Weg herausfinden möchte. Was der gebürtige Kanadier hier veranstaltet, ist schichtweg ein Traum. Was für Auren, Farben, Treatments, Nachhallkurven und Drumherumgeschimmer – was für eine intime Veranstaltung!

    Danny Boy hat neben berühmten Produktionen (Dylan, Neville Brothers, Gabriel, u2), neben eigenen rar gesäten, betörenden Songalben, auch  eine stattliche Anzahl rein instrumentaler Musik veröffentlicht „Player, Piano“ gehört neben „Belladonna“ (2005) und „Goodbye To Language“ (2016) zu den drei instant classics  seiner Ambient-Discographie. Und, natürlich, nicht zu vergessen, der heilige Gral, „Apollo“, das Trio mit den zwei Enos, das nach mehr als drei Jahrzehnten eine qualitativ ebenbürtige Fortsetzung erfuhr.