„spaces between“
Als ich ein paar Tage am Ende der Aufnahmen von Tigran Hamasyans „Atmosphères“ in Lugano dabei war, trafen wir uns abends (s. Foto mit Arve und Manfred) in der City: ein warmer Sommerabend, und als ich Jan Bang (der nicht dazustossen konnte) am kommenden Tag von diesem Treffen erzählte, brachte er es auf den Punkt: Manfred habe wohl „old stories“ erzählt.

Zu den in die Jahre Gekommenen in der Runde zählte auch ich, und ein Thema waren rare Aufnahmen der ECM-Historie, aber eben nicht akademisch abgehandelt, sondern nach Lust und Erinnerung aus dem Gedächtnis aufgetischt. Diese „alten Geschichten“ waren einmal reines Gegenwartsabenteuer, ihre Resultate nach wie vor auf Tonträger gebannt.
Eine Frage stellt sich: kann man den Zauber aus der Zeit der Entstehung und des „ersten Hörens“ neu entfachen, wenn man, nach Jahren oder kleinen Ewigkeiten, zu ihnen zurückkehrt, oder schaltet die Zeit einen Filter dazwischen, der selbst für den „ersten Zeugen“ der Musik, und das ist Manfred Eicher durchweg gewesen, eine wie immer geartete Mixtur aus Wehmut, stiller Freude, meditativem Erinnern, bereithält?
Ich brachte die für mich wunderbarste Platte ins Spiel, die der Schlagzeuger und Komponist Edward Vesala je gemacht hat, „Nan Madol“, in jenen frühen 1970er Jahren, in denen sogar Sonnenuntergänge das ästhetische Empfinden mit einem Lächeln passierten, so tollkühn „romantisch“ waren diese neuen Tönen in der damaligen „Jazzlandschaft“.

Es ist wie mit alten Liebesgeschichten in Würzburg oder anderswo: sie fliessen hier und da in Texte ein, und werden eben nicht Wirrungen oder „Phasen“ zugerechnet, analytisch aus dem Spiel genommen, abgehandelt. „Thank you for the days“. Die Magie mochte ihre Risse haben, Blindheiten, Verrücktheiten, was immer, aber gesehen, gehört und gefühlt haben wir – und wie wir das haben! Und es war gut. Wie das Auflegen einer alten Platte a la „Nan Madol“. Nichts nutzt sich ab, etwas Neues blitzt hier auf und da. Ein Traumalbum. Ein Melodienrausch.
Als das Meisterwerk des Finnen später wiederveröffentlicht wurde, erhielt es ein sehr nüchternes Cover, wie ein Versteckspiel des Unerschöpflichen. Ein Fehler. Denn diese Musik, die selbst Atheisten als „spirituell“ erleben können, „zum Heulen schön“, unfassbar wild und sanft und verwegen (und wahrscheinlich selbst eine grosse „Lovestory“), hat in jenem alten Farbenspiel der untergehenden Sonne ihr perfektes Pendant erhalten. Ich sehe den Raum vor mir, in dem ich „Nan Madol“ zum ersten Mal hörte. Ich sehe das enge Bett im Studentenwohnheim, die grosse Mattratze in Grasfilzing, den Schlaf in ihren Augen. Ich lege meistens „Yellow Fields“ auf, aber auch, in den besonderen Momenten für den Soundtrack unseres Lebens, after hours, „Nan Madol“. Here we go again. Just listen! Old stories? Dream On! (michael e.)
„If jazz was ever meant to be a religion, its prayers might sound something like Nan Madol. The title means “spaces between,” and no description of this music could be more apt. The album is an eclectic mandala of drones, eruptions of ecstatic liberation, and snatches of melody from both near and far. Influences range from Japanese folk melodies to Alpine herding calls, and all of them strung by a powerful understatement of continuity.“ (tyran g.)
6 Kommentare
flowworker
Edward Vesala drums, percussion, harp, flutes
Juhani Aaltonen saxophones, bells, flutes, voice
Sakari Kukko flute
Seppo Paakkunainen flute, soprano saxophone
Pentti Lahti soprano saxophone, bass clarinet
Charlie Mariano alto saxophone, flute, nagaswaram
Elisabeth Leistola harp
Recorded April 25/26, 1974 at Alppi Studio, Helsinki
Engineer: Harry Bergman
An ECM Production
flowworker
„opening circles, closing circles“ , eine Jazzsendung aus dem Jahre 2018
Thomas Pannhorst
„Nan Madol“ als auch „Lifelines“ sind Gefährten seit Jahren, die alten LPs werden immer jünger. Am Wochenende in Ostfriesland gelangen sie bei mir zurück in ihre Jugend.
flowworker
Beide Alben sind Zeitreisen besonderer Art. Arild Andesen Lifelines erschien 1981, ind gehört zu seüüden wenigen ECM Alben der Jahre 1972 bis 1982, die ich nie gehört oder besessen habe. Das habe ich erst vor wenigen Jahren nachgeholt. Und was für ein grossartiges Album, nicht zuletzt auch mit diesem faszinierenden Steve Dobrogosz am Piano, der in Skandinavien berühmter war als im Rest von Europa.
Nan Madol hingegen life’s company von Anfang an. Arild und Edvard kamen dann zusammen bei Jan Garbareks drittem Ecm-Album Triptykon. Free Jazz beeinflusst von Ayler und doch auch schon sehr „nordisch“. „Best Garbarek album“, sagte mir Vesala mit einem Schmunzeln in einem Interview.
Ich war mit meinen zarten 17 Jahren nicht gerade Free Jazz-kundig, aber emotional packte mich die Musik durchweg. Triptykon und Nan Madol liefen in den Wochen nach Erscheinen unzählige Male. Es war das mein fast surreale Empfinden, die Räume dieser Musik betreten zu können. Zwei Platten, die mir damalls so nah kamen wie Thick As A Brick oder Caravans zweites Album. Windows to anotwhr world.
Übrigens, nicht weit von deinem Ort in Ostfriesland wohnt Toni Nee, der zu einem flowie-Treffen nach Düsseldorf kam, und in dessen Wohnzimmer ich nach einem Langeoog Urlaub das Vergnügen hatte, Eberhard Webers Chorus zu hören – er hat auch kleine feine Lautsprecher der Firma MANGER😉… und eine allerfeinste Vinylsammlung!
Thomas Pannhorst
Die Welt ist klein und gute Musik und Boxen finden sich darin immer wieder 😅 die beiden Aufnahmen kenne ich seit etwa einem Jahrzehnt, ich besitze das „unechte“ Cover Motiv von Nan Madol. Die Musik zählt. Triptykon hat mich bisher nicht gepackt, vermutlich weil mir Garabeks messerscharfes Spiel Schnittwunden zugefügt hat 🤷♂️ die sind mittlerweile verheilt und die Ohren robuster geworden. Second chance…
Olaf Westfeld
Ich habe auch die Version mit dem „unechten“ Cover. Trotzdem schöne Musik. In Areous Vlor Ta beginnt alles zu blühen – das Wunder des Frühlings. (Lifelines wird noch ein Gefährte von mir.)