Boom Boom Boom – Sound Of Heartbreak
Künstler sind bekanntlich nicht immer die besten Kritiker ihrer eigenen Werke. In San Francsico in der Mission Street stand im Jahr 2000 ein Studio, keine Ahnung, ob es heute noch existiert.
Das Viertel befand sich in einem schlechten Zustand und wartete auf die überfällige Renovierung. Die Hintertür des Toast bot einen Blick auf verfallene Gebäude; außer einem Donut-Laden an der Ecke waren die einzigen Nachbarn Ratten und die Hausbesetzer. Im Inneren des Toast herrschte eine undefinierbare Stimmung.
Unser Protagonist hatte Probleme in seiner langjährigen Beziehung. Anstatt wie üblich mit einer Handvoll fertiger Songs zu den Sessions zu kommen, verbrachte er offenbar einen Großteil seiner Zeit damit, auf dem Studioboden des „Toast“ zu sitzen und auf gelbe Blöcke zu kritzeln, während die Band fernsah und sich damit abmühte, das Fehlen von grundlegenden Küchengeräten zu verstehen.
„Wir hatte einige großartige Momente im Studio, die Musik war gefühlvoll, sie war nicht glücklich oder ausgeglichen. Irgendwann gab ich auf und verwarf das Album. Ich war nicht glücklich damit, oder vielleicht war ich auch nur allgemein unglücklich. Ich weiß es nicht. Es war ein sehr trostloses Album, sehr traurig und unbeantwortet.“
So der Meister. Wie gesagt, manchmal täuscht sich ein Künstler in der Bewertung eigener Arbeiten. Von beträchtlicher emotionalen Fallhöhe aus, einer als zu roh und heftig empfundenen Privatheit, setzte sich sein hartes Urteil fest. Ab ins Archiv – Staub ansetzen!
Irgendwas muss Ewigkeiten später den Blickwinkel verschoben haben, gut so. Endlich erschien „Toast“. Man besorge es sich auf Vinyl, weil der Meister bekanntermassen sehr viel Sorgfalt auf Produktion und Fertigung legt. Den Rest besorgt Crazy Horse.
Der Gesang waidwund, und das Spiel auf der Elektrischen aus einsamen Tiefen. Es gehört zu den Paradoxien solcher Musik, dass dieses break up-Album aus dem obersten Regal nicht wenige von uns, vom ersten bis zum letzten Ton, mit Leben erfüllt, mit élan vital. As tears roll by …
4 Kommentare
Michael Engelbrecht
Aus einem alltem comment:
Turn up the volume macht Sinn:)
Ich habe nun in all den Zeiten fast alle Neil Young with Crazy Horse Alben gehabt, und dieses ist alles andere als mehr desselben – es hat eine besondere Aura / Atmosphäre, und ein fantastisches Sequencing der Tracks, einen beeindruckenden Sound sowieso.
Hier track für track:
Quit 🎩🎩🎩🎩
Standing In the Light of Love 🎩🎩🎩🎩
Goin’ Home 🎩🎩🎩🎩
Timberline 🎩🎩🎩
Gateway of Love 🎩🎩🎩🎩🎩
How Ya Doin’? 🎩🎩🎩🎩🎩
Boom Boom Boom 🎩🎩🎩🎩🎩
Jan Küveler
Die Offenbarung von „Toast“, die es umstandslos in die erste Riege katapultiert, ist der existenzielle Grübeldrive von „Boom Boom Boom“. Auf „Are You Passionate?“ hatte der Song noch „She’s a Healer“ geheißen, war aber vom automatisiert gut gelaunten Funk der MGs irgendwie sediert, als hätte man ihn mit Tranquilizern zugedröhnt.
Hier schwankt und swingt er über epische zwölf Minuten langsam nach Hause, mit jazzig-minimalistischen Soli von Gitarre, Klavier und sogar einem sehnsüchtigen Saxofon. Man lauscht hingerissen und ertappt sich bei der leisen Hoffnung, dass sich im musikalischen Archiv von Neil Youngs Herz noch viele weitere Ex-Freundinnen tummeln mögen.
Thomas Pannhorst
Ich muss gestehen, dass ich dieses Album, welches vor vier Jahren herauskam, beinahe auf dem Dauerparkplatz der zu kurz gehörten Meisterweke hätte stehen lassen.
Ich habt beide recht, „Toast“ ist ein Höhepunkt in seinem Gesamtwerk.
Die Frau, die dazu beitrug, hätte ich gerne kennen gelernt…
flowworker
Peggy Snodgrass war es wohl. Eine Freude, sie an der Seite von Neil zu erleben, in dem feinen Konzertfilm Heart of Gold.