„Systems of Romance“, and Punkt 2025
Quite incredible, but true, the following story! In the spring of 1983, a man named Randall Wulff (aka Lewis) turned up at the Music Lab Studio in Los Angeles with a white Mercedes convertible, an attractive girlfriend, perfectly styled hair, and a (succinctly put) handful of ethereal synth-pop-folk songs. Wulff commissioned photographer Ed Colver, best known for documenting the West Coast punk scene, to shoot the stark monochrome album cover. By the time Colver realised that the cheque had bounced, Wulff had already disappeared. There were rumours that he had gone to Las Vegas or possibly Hawaii, but most likely he had returned to Alberta, Canada, where a quarter of a century later a vinyl collector named Jon Murphy found a copy of ‘L’Amour’ at a flea market. Private pressing.
What a strange round of songs! If you find sounds that are constantly moving close to their own dissolution exciting. ‘The closer you listen, the more unsettling – and yet enticing – it all sounds.’ Randall Wulff had painted his masterpiece when it came to disappearance and submersion. If David Lynch had heard this album back then, he would have transported one or two songs from it into the Twin Peaks soundtrack. And Angelo wouldn’t have complained. Neither would Julee Cruise. Light in the Attic made the album available years back. By now, „L‘Amour“has turned into a nearly buried treasure again.
And, what made me, in the first place, return to the unabashed romantic songs – „romantic“ with a twist – by Lewis, Jan Bang‘s „Reading The Air“? A guy named Chris Duncan who‘ll be joining the artists of PUNKT 2025! Of course it was Jan Bang who discovered him. We changed a few mails in regards to that rare breed of uninhibited romanticism with a decent quantum of blue & noir. I highly recommended Jessica Pratt‘s opus, „Here In The Pitch“.
The new program – HERE – is full of highlights, amongst them the première of „After The Wildfire“, a new spoken word-project by Erik Honoré, Trygve Seim’s „Different Rivers“ (25 years after its ECM release, followed by an unforgettabele review of Konrad Heidkamp in „Die Zeit“), Jon Balke presenting „Skrifum“ live on stage – and Chris Duncan!
Tortoise
Auch wenn ich seit „Standards“ (also seit 24 Jahren) kein neues Tortoise Album mehr richtig gehört habe, freue ich mich darüber, dass sie noch gemeinsam Musik machen und veröffentlichen. Die ersten 3-4 Alben haben meine Hörgewohnheiten geprägt und ich lege die immer noch gerne mal auf. Die letzten Alben vom Gitarristen der Band, Jeff Parker, waren alle großartig. Der NEUE Song gefällt mir sehr und dass sie bald „a larger body of work“ rausbringen ist eine gute Nachricht.
monthly revelations (april)
album: anouar brahem
film: neil young coastal (april, 17, one evening, worldwide)
prose: „und man hört sie doch.“ (hg: martina w.)
talk: erik and jan on „manafon variations“
radio: „playlist in motion“
binge: „families like ours“
archive: joe henderson
„Bei der Auswahl von Titeln für seine Kompositionen, die die palästinensische Erfahrung thematisieren, war Anouar Brahem nicht von einem didaktischen oder propagandistischen Ziel getrieben: Dies wären Ziele, die seiner feinfühligen (…) Sensibilität völlig fremd wären. Aber er konnte auch nicht den Eindruck erwecken, dass seine Musik von der Wut, der Trauer und dem Kummer, die Gaza in ihm auslöste, unberührt blieb. Es ist zu früh, um zu sagen, ob man sich an dieses „Quartett für das Ende der Zeit“ als Vorbote des Endes von Gaza erinnern wird, oder vielmehr als Vorbote des lang ersehnten Endes des Leidens in Gaza. Man kann jedoch sicher sein, dass dieses Album für immer die Spuren seiner Herkunft tragen wird. „Musik erinnert sich an uns“, schreibt Jeremy Eichler in Time’s Echo, seiner ergreifenden Studie über Musik, die nach der Shoah komponiert wurde. „Musik spiegelt die Menschen und Gesellschaften wider, die sie geschaffen haben, sie fängt etwas Wesentliches ein, das sie in die Zeit ihrer Entstehung zurückversetzt. Die Erinnerung wird von den Kadenzen, den Offenbarungen, den Trübungen und dem tragischen Pathos der Musik heimgesucht“.(aus den liner notes von Adam Shatz zu Anouar Brahems „After The Last Sky“, übersetzt aus einer französischen Vorlage mit deepl ins Deutsche, die Cd enthält die englische Fassung)
Doppelgänger
„Die New York Trilogie“ war das erste Buch von Paul Auster, das ich gelesen habe, in der zweiten Hälfte der 90er. Gleich der erste Teil, „Stadt aus Glas“, ist eine Story, die jedes auch nur annähernde Gefühl von Gewissheit, Zuversicht und der Möglichkeit von Kontrolle auf faszinierende Weise zerstört. Durchdachtes, systematisches und scheinbar vernünftiges Vorgehen wird ad absurdum geführt. Konturen verschwimmen, so wie das Gespür für den Raum und die Zeit. Auch das Subjekt verschwindet. Im Jahr 1994 erschien „City of Glass“ als Graphic Novel, von Paul Karasik und David Mazzucchelli. Erst jetzt habe ich dieses Buch gelesen bzw. angesehen. Die visuelle Umsetzung ist ein ästhetisches Meisterstück. Sofort lebte ich wieder ganz gebannt in der Welt des Paul Auster, aber auf eine andere Art als gewohnt: in der visuellen Doppelgängerversion. Wer David Mazzucchellis Arbeit kennt, zum Beispiel „Asterios Polyp“ (vor zehn Jahren schrieb ich auf Manafonistas darüber, hier der Link), weiß, dass sie weit darüber hinausgeht, eine Story etwa in einer Aneinanderreihung von Film-Still-Pannels umzusetzen. Das Ziel ist immer, für die Besonderheiten einer Geschichte visuelle Äquivalente zu schaffen und damit weitere Nuancen oder Interpretationsmöglichkeiten hinzuzufügen.
Hier ein paar Beispiele, Details, ohne zu viel zu verraten. Daniel Quinn, die Hauptfigur (jedenfalls ein Name dieser Hauptfigur), sitzt über einen langen, unbestimmten Zeitraum in einem Häuser-Zwischenraum vor dem Haus seiner Auftraggeber, um sie zu beschützen. Die Dauer wird visuell veranschaulicht, indem Quinn mit der Mauer verschmilzt. Dass Quinn an dieser Stelle seinen Verstand verliert und mit einem anderen Blick auf seine Umgebung schaut, zeigt ein verwischtes Pannel.
In der zweiten Hälfte des Buches trifft Daniel Quinn den Schriftsteller Paul Auster. Während Paul Auster von seinem aktuellen Buchprojekt erzählt, einem Essay über Don Quixote, und man bei einer filmischen Umsetzung oder einem konventionellen Comic erwarten könnte, dass die Bilder von einem der Männer zum nächsten wechseln, ändern Mazzucchelli und Karasik allmählich raffiniert die Perspektive. Plötzlich sehen wir die Männer beim Lunch als Schattenriss und im Vordergrund einen Teddybär, Baseballhandschuhe und einen Spielzeug-LKW. Es folgt der Blick ans Fenster, dann aus dem Fenster, von verschiedenen Stockwerken aus, und während man den Dialog der Männer weiterliest, fragt man sich gleichzeitig, wohin die Bilderfolge führen mag. Die Perspektive nähert sich schließlich dem Gehweg unten vorm Haus und einem rätselhaften Gegenstand, der dort liegt, dann erkennen wir einen Jojo, den eine Hand ergreift und ein paar Bilder später steht Paul Austers Sohn Daniel im Wohnzimmer und begrüßt den Gast. „City of Glass“ ist durchzogen vom Motiv des Doppelgängers, und Daniel ist sogar ein mehrfacher Doppelgänger.
Die größte Herausforderung war die Umsetzung der Rede eines Mannes, der als Kind neun Jahre lang eingesperrt war. Im Buch beschreibt Paul Auster diese Rede so: „Machine-like, fitful, alternating between slow and rapid gestures, rigid and yet expressive, as if the operation were out of control, not quite corresponding to the will that lay behind it.“ Die sprachlich in gebrochenem Englisch gehaltene Rede wird etwa so illustriert: Die Bilder nähern sich vom Körper zum Gesicht zum Mund, gehen in die Mundhöhle, dann in ein Gewässer, aus dem ein alter Mann mit einem Boot und Ruder auftaucht, der alte Mann führt die Rede fort, die Bilder gehen in seinen Mund, dort taucht eine Art Höhlenzeichnung auf, Formen verschiedener Gegenstände wiederholen sich in den aufeinanderfolgenden Bildern usw. bis zu einer vergitterten Tür und einer gebrochen liegenden Marionette. Immer wieder tauchen in der Graphic Novel Variationen einer Kinderzeichnung auf, die man als Zeichnungen des eingesperrten Jungen interpretieren kann. Über einer dieser Zeichnungen steht eins der Grundprinzipien postmoderner Literatur: „Everything becomes essence: The center of the book shifts, is everywhere…“
Doppelgänger finden sich auch außerhalb des Buches bzw. der Graphic Novel. Paul Auster ist einer davon. Ein anderer ist ein Schriftsteller, der sich mit grundsätzlichen Umwälzungen der Sprache um 1900 befasste und in eine Schreibkrise geriet: Hugo von Hofmannsthal. Der aus dem Gefängnis entlassene Mr Stillman beschreibt die Ausgangslage in der Graphic Novel so: „When things were whole our words could express them. But things have broken apart, and our words have not adapted.“ Es geht ihm darum, eine angemessene Sprache für die neue Gegenwart zu finden. Hugo von Hofmannsthal beschreibt in seinem Chandos-Brief ein ähnliches, aber anders gelagertes Problem: „Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ Für Stillman stellt sich beispielsweise konkret das Problem, dass ein defekter Regenschirm nicht mehr als Regenschirm bezeichnet werden kann; deshalb erfindet er neue Wörter. Das ist sein Buchprojekt. Stillman glaubt also an die Möglichkeit, das Wesen der Dinge in die Sprache der Menschen zu übersetzen. Hugo von Hoffmansthal glaubte das nicht. Im Chandosbrief entwickelt er die Position, dass die Reflexion der Sprache selbst als Element moderner Literatur wesentlich ist.
Am 8. April 2025 erscheinen alle drei Teile von Paul Austers „New York-Trilogie“ als Graphic Novel, umgesetzt von Paul Karasik, Lorenzo Mattotti und David Mazzucchelli.
Another Day At The Radio
klanghorizonte deutschlandfunk
Donnerstag, 27. März, 21.05 Uhr
Macie Stewart: When The Distance Is Blue
David Sylvian: Died In The Wool – Manafon Variations (2011)
Paul Bley: Open, to love (1973)
Jon Balke: Skrifum
Alabaster DePlume: A Blade Because A Blade is Whole
Andrew Wasylyk & Tommy Perman: Ash Grey And The Gull Glides On (2024)
David Sylvian: Died In The Wool – Manafon Variations
Brahem / Bates / Lechner / Holland: After The Last SkyTalking voices (in order of their appearance): Macie Stewart, Erik Honoré, Jon Balke, Alabaster DePlume aka Gus Fairbarn, Tommy Perman, Andrew Wasylyk, and Jan Bang
… click HERE to listen to the „blue hour“!
Die unvergesslichen Momente von „Anora“
In der SZ gab es ein paar Jahre lang eine Rubrik am Ende des Jahres, in dem von vielen Schreibern die schönsten Filmmomente erinnert wurden. Dabei wurden nicht einfach die jeweilige Szenen gelistet, sondern beschrieben, umschrieben, analysiert, mit einer überschaubaren Anzahl von Zeilen. Hochinteressant. Meinen „unforgettable moment“ von „Anora“ werde ich hier nicht kundtun, dafür einen meiner absoluten „Filmkritik-Momente“ des letzten Jahres.
„Oder um es noch deutlicher zu sagen: Das Leben ist ein Chaos, der amerikanische Traum eine Lüge und die Hollywood-Romanzen sind Fiktion, wenn nicht gar Betrug. Sean Bakers Anora bietet ein saures Korrektiv, indem er einen Film wie Pretty Woman unter eine Tatortlampe hält, um uns die Flecken auf den Laken und die Daumenabdrücke auf dem Kristall zu zeigen. Aber vor allem ist sein Film kein Wermutstropfen. Er ist heftig, frisch und witzig, lässt kaum einen Takt aus und lässt seine 140 Minuten Laufzeit im Galopp vergehen. Bakers frühere Filme (Tangerine, The Florida Project, der unterschätzte Red Rocket) hatten bereits gezeigt, dass er ein überschwänglicher Führer durch die Schattenseiten Amerikas ist. Anora ist jedoch sein bisher aufrichtigstes, aufschlussreichstes und am besten umgesetztes Werk. Je dunkler es wird, desto kühner und heller wird es.“
Schön und treffend ausgedrückt von Xan Brooks im Guardian. „Anora“ ist ein mitreissender Film, und der letzte Satz seiner sehr lesenswerten Besprechung könnte Anreiz genug sein, Unentschlossene zu dieser „wilden Fahrt“ zu animieren. Dem Regisseur ist das Kunststück gelungen, wie ein grelles C-Movie anzufangen, und, allem Grotesken und Absurden zum Trotz, ab einem bestimmten Moment, den jeder Zuschauer für sich selber rausfinden könnte, an Tiefe zu gewinnen. Jim Jarmusch wird ihn bestimmt auch sehr mögen, manchmal dachte ich von ferne, ohne meine Empfindungen dingfest machen zu können, an „Down By Law“. Ich werde werde mich mal auf die Suche nach den drei von Xan erwähnten Filmen begeben. Hätte nach den ersten zwanzig Minuten nicht für möglich gehalten, wieviele vermutlich unvergessliche Momente diese „Tragikomödie“ bereithält. (m.e.)
„Everything Wounded Will Flow“ – Robert Fripp speaks
Let’s celebrate one year of Flowworker!
On this morning today, at the end of March 2025, I strolled through our early „flowflow“-posts. Once upon a time, a good year ago, „Manafonistas 2“ was installed, not possible without the support of a new webmaster in action, Nevzad K.! Instead of a little „flowflow“-jubilee party, or telling the true story behind the crash of „Manafonistas 1“, I chose one of my favourite posts of those „early days“, in fact one of my, well, 350 favourite posts ever. No clapping on my shoulder this is – I’m only one of two guys mumbling questions in a room full of strangers.
This thing came into being by total surprise. With some revealing thoughts, sidesteps & stories by the leader of the legendary league of gentlemen! Michael Frank contacted me asking for permission using our old interview with Robert Fripp from 1998 for this or that. We met him inside the big lounge of Hyatt, Cologne. The waterfall sounds like tape hiss, a deliberate scenario by the management to make „eavesdropping“ difficult.
When broadcasting excerpts of this talk later, after midnight at the radio, funny things happened. While the listener heard nothing for a minute or longer, I heard Robert‘s voice strangely doubled on my headphones, and I said to the woman in the control room: „Ich höre Überblendungen.“ And this was the first thing after quite a period of dead air that everybody could hear in that „live situation“.
Besides from that, I had forgotten most of the content of our 1998 conversation. Now, listening to it again in the first place, I was surprised by some nice passages of that interview, amongst them background stories on the creation of „No Pussyfooting“ by Fripp & Eno. And about the strategies of the record company to delay the original release. And that‘s only the beginning! Kudos to Michael Frank for sharing this buried treasure!
Putting the ancient interview a bit into context: many years later Discipline Global Mobile released what I would call my favourite boxset ever. EXPOSURES. 32 compact discs reflecting Robert‘s „solo journeys“ between 1977 and 1983. Still available for 114 Euros. I’ve had the idea for some time now that to make my last ever hour of „Klanghorizonte“ centered around this boxset and the long story I had written about it. If you‘re in the mood for Robert, give it thirty minutes of very slow reading and daydreaming time – HERE!
But, for now, lose yourself under an artificial waterfall!March Nourishment
Ich dachte, die vergangene Woche würde ereignisarm werden und dann entdeckte ich Stapel über Stapel in Stapeln auf meinem Schreibtisch, die abgearbeitet werden müssen (zum Teil wenigstens auch schon mussten, ein bisschen habe ich erledigt).
Dann war da noch ein dickes Buch: Die Wurzeln des Lebens. Ein Roman, wie ein Baum, mit Wurzeln (neun fein ausgearbeitete Charaktere werden auf den ersten 200 Seiten vorgestellt, zunächst hat man das Gefühl, acht packende Kurzgeschichten zu lesen), einem Stamm (die Menschen treffen sich, Handlungsstränge entstehen), einer Krone (die Verbindungen verzweigen sich) und schließlich den Samen, die für neues Leben sorgen. Es gibt einen Programmierer, Öko-Terroristen, ein Paar, das einander (nicht) besitzt, eine Baumwissenschaftlerin, einen Professor für Verhaltenspsychologie, jede Menge Bäume, Wälder, vieles mehr. Ein wirklich faszinierender Roman. Ich habe vor 20 Jahren ein Buch von Richard Powers gelesen, „Der Klang der Zeit“, das mir damals gefallen hat; aber irgendwie habe ich nie mehr zu einem Buch dieses Autors gefunden. Nach „Die Wurzeln des Lebens“ habe ich den Impuls, in einen Buchladen zu gehen und mir jeden verfügbaren Titel von ihm zu kaufen. Und seltsamerweise ist es schon das zweite Waldbuch, das ich in diesem Jahr gelesen habe.
Dann war da noch Jackson Lamb. Trotz der für mich immer schwer zu schluckenden übertriebenen Gewaltausbrüchen haben wir die ersten drei Staffeln von „Slow Horses“ hier im Nu weggeschaut. Originelle Charaktere, feinstes Storytelling, beste Serienunterhaltung (und dazu noch ein toller Mick Jagger Song).
Dann war da noch ein Reissue: als ich mich vor 12 Jahren oder so auf den Weg machte, tiefer in das ECM Universum einzutauchen, griff ich aus irgendwelchen Gründen unter anderem zu „Open, To Love“ von Paul Bley. Und ich schwöre, dass ich damals auch schon das Gefühl hatte, eigentlich elektronischer Musik zu lauschen – das Interview von Michael hat diesen Eindruck bestätigt. Sounds and Spaces to get lost in.
Dann stand da auf einmal Don Cherrys „Relativity Suite“ im Plattenladen vor mir, am Wochenende nachdem ich hier und da darüber gelesen hatte. Leider nicht ganz billig, die Vernunft hat dann nicht gesiegt. Die Pressung ist nicht perfekt, aber der Vorbesitzer ist sehr sorgfältig mit Vinyl und Cover umgegangen. Die Musik ist toll, auch sie geht tief zurück zu den Wurzeln des Lebens.
Und dann schließlich noch zwei Alben. Alabaster DePlume bedankt sich auf seinem neuen Album bei seinem Schmerz und ist als Soundschamane unterwegs, der aus Folk, Jazz, Spoken Words und was weiß ich noch alles einen heilenden Zaubertrank braut. Noch häufiger habe ich allerdings „The Music Of Butterfly“ gehört. Dahinter verbergen sich Vincent Gallo (der vor 20 Jahren mal Alben auf Warp veröffentlichte, damals auch eine heiße Akte als Regisseur und Schauspieler war, vor über 40 Jahren mit Basquiat in New York eine gemeinsame Band hatte und definitiv kein Sympathieträger ist) und Harper Simon (der in der Plastic Ono Band spielt und einen verehrungswürdigen Vater hat). Spärlich instrumentiert – Gitarre, Bass, Drum Machine, Analoge Synthesizer – dazu der körperlose Gesang von Gallo; als hätten Thom Yorke und die Young Marble Giants in New York eine Platte aufgenommen und diese dann penibel gemastered und gepresst. Ich habe nicht viele Alben, die so gut klingen. Streng limitiert, nicht günstig, Künstler ein Republikaner – trotzdem ein tolles Album (der Titel des vorherigen Posts beschreibt die Musik von Butterfly auch ziemlich gut).
Und im April drehen sich dann bestimmt Natural Information Society & Bitchin Bajas auf meinem Plattenteller.
“Folk music, surrealism, the blues, the avant-garde, deep intelligence, primitive emotion.”
In den letzten Tagen waren meine Erinnerungen ab und an unterwegs in einem Damals, das die erste Hälfte der Siebziger Jahre darstellt, mit einem Arsenal von Zeitreisetechniken: Alltagstrancen, Rumstöbern im Netz, „Köln 75“, der Film, das Wiederhören der langen ersten Seite von „The Köln Concert“, und, nicht zuletzt, das Versinken in der „Relativty Suite“ von Don Cherry nach Ewigkeiten… die Platte gehörte im Wintersemester 74/75 im Doppelzimmer 510 des „I-Hauses“ zur Grundausstattung der Musikversorgung von David Webster und mir.Ein zufällig zusammengewürfeltes Schicksalsduo für zwei Semester, David lernte den Free Jazz kennen, und ich drang tiefer denn je ins „Weisse Album“ der Beatles vor. Dank der Erinnerungen von Richard Williams öffnete sich jene Tür im fünften Stock wieder, als er zu seinen Don Cherry-Inselalben kam. Das Stichwort lieferte ein Satz von Ethan Iverson: “Folk music, surrealism, the blues, the avant-garde, deep intelligence, primitive emotion.” – es wae an Ornette Colemans Album „Science Fiction“ von 1972 gerichtet.
„That’s good“, reagierte Richard darauf, und führte aus: „And, as much as I love Cherry’ work with Coleman, Albert Ayler and Gato Barbieri, my favourite Cherry albums are probably those that best encapsulate the full range of those qualities, and of his imagination. They would be Eternal Rhythm, Relativity Suite from 1973 (with the JCOA, never reissued in any form since its its first appearance on vinyl), and the wonderful Modern Art: Stockholm 1977, a concert at the city’s Museum of Modern Art, which appeared on the Mellotronen label in 2014.“
Das „Modern Art“ Album von 1977 kenne ich gar nicht, aber die fast vergessene „Relativity Suite“ wurde flugs auf dem raren Markt vergrabener Schätze aufgetan, und voller Begeisterung neu gehört. Fast wie beim ersten Mal. Es ist der 13. Januar 1975, nasskaltes Januarwetter. Fünfundzwanzig sorgsam für die grosse Reise in die zweite Heimat ausgewählte Langspielplatten stehen, sorgsam im Schatten platziert, an der Wand, mit dabei „Diary“, „Lord of the Rings“, „Facing You“, und „Third“. Davids Kassettenrecorder gibt „Happiness is a warm gun“ von sich, John Lennon auf der Höhe seiner Kunst, und es ist schon später Abend, fast Nacht.
Während das Album noch läuft, ist David schon eingeschlafen, ich lese bei spärlichem Licht noch ein Kapitel in Ralf Oerters „Entwicklungspsychologie“, auch ein gutes Einschlafmittel, und draussen, nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt, sitzt ein übermüdeter Musikproduzent am Steuer seines zitronengelben Renault und fährt einen unruhig schlafenen Keith Jarrett Richtung Köln. Sie fahren gerade an Würzburg vorbei, und der Produzent verwirft den Gedanken, hier auf einem Rastplatz ein wenig Schlaf nachzuholen. Ich bekomme von alldem natürlich nichts mit, hole am nöchsten Morgen die Post bei Herrn Kopka in der Pforte ab. Ein Päckchen von „Jazz by Post“ ist angekommen, mit Bennie Maupins „The Jewel In The Lotus“. Drei Wochen später verliebe ich mich im rumpeligen Fahrstuhl unseres Wohnheims. Das Leben nimmt einmal mehr volle Fahrt auf.
Das fidele Grab an der Donau
So hat der Schriftsteller Alfred Polgar sein Wien beschrieben. Dieser Satz hat viele Dimensionen. Nicht zuletzt ist er der Titel eines Buches von Georg Stefan Troller, im Untertitel „Mein Wien 1918 – 1938“.
Der Filmemacher, geboren 1921, nimmt uns in diesem Buch mit auf eine Reise durch die Zeit zwischen den Weltkriegen, dokumentiert sie in Zeitzeugenaussagen, Zeitungsartikeln, Filmen, Kabarett, und nicht zuletzt durch seine eigenen Erinnerungen — mit seinen damals schon um die 80 Jahren hat er reichlich davon (heute ist er 103!). Und sie sind keineswegs nur romantisch, sondern Resultat scharfer Beobachtung und eines bisweilen harten, polemischen Humors, wie man es auch aus seinen Filme kennt. Anders wäre die Geschichte auch nur schwer zu ertragen.
Dieses Buch ist bereits 2004 erschienen. Ich, alter Wien-Fan, habe es damals gekauft und irgendwie im Regal vergessen. Jetzt habe ich es wiederentdeckt — was für eine Entdeckung!
Und wie verdammt aktuell sie ist.
Das alte Café Central ist der Ausgangspunkt. Das „alte“, das „klassische“ Wien, das Wien der Caféhäuser, das Wien der Zwischenkriegszeit, der zerfallenden Restbestände der K.u.k.-Monarchie, um sie geht es. Man liest, wie Wien versuchte, nach dem Ersten Weltkrieg so etwas wie eine neue Identität aufzubauen, die dann aber in Jahre des Verschweigens und Verfälschens mündete. Es geht um die Vergeblichkeit solcher Bemühungen, um die an sich selbst verzweifelnde (gelegentlich auch selbstmitleidige) Kulturszene jener Jahre. Denn in Wirklichkeit war natürlich nichts so, wie es zu sein schien, und alle Bemühungen führten — nun ja, man weiß, wohin sie führten. Der Autor erspart uns das nicht.
Auslöser war ein Filmdreh. Troller, dem wegen des geplanten Abrisses der Zugang zum alten Café Central behördlich verwehrt wurde, ließ sich mit seinem Filmteam heimlich im Gebäude einschließen und wurde nächtens in einem Kellerraum fündig: Dort fand er sie aufbewahrt, die Überbleibsel des alten Caféhauses, die Tische, die Schachbretter, Garderobenständer, Geschirrteile, die alte Kasse, „sogar eine Originalnummer des expressionistischen Sturm„, und unter dem Teppich ein Mosaik: „Eingang Café Central“. Damit beginnt das Buch, „Der Neubeginn 1918 – 1924“ heißt das Kapitel, und man ahnt bereits dort, dass der Neubeginn keiner sein wird.
Das Café Central war, wie Polgar sagt, gelegen „unterm wienerischen Breitengrad am Meridian der Einsamkeit. Kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“
Wir begegnen den klingenden Namen damaliger Stammgäste: Schnitzler, Werfel, Kraus, Musil, Kisch, Kuh, Torberg, Friedell, Klimt, und und und. Ein intellektueller, überwiegend jüdischer Zirkel.
Eine große Zahl ebenso großer Namen fliegt en passant vorbei, von Fritz Lang bis zu Conrad Veidt, von Gustav Mahler bis zu Arnold Schoenberg, von Kurt Tucholsky bis zu Erich Kästner. Ein spezieller Favorit Trollers ist der jüdische Kabarettist und Autor Jura Soyfer, „der Wundermann“ (Troller), dessen Weg quer durch das ganze Buch immer wieder beleuchtet wird. In jenen Zwischenkriegsjahren gehörte Soyfer zu den produktivsten Wiener Satirikern, im winzigen Kabarettkeller ABC fand man ihn ebenso wie im renommierten Ronacher. Seit Urzeiten habe ich Soyfers literarisches Werk im Regal stehen, zwei schmale Bände, Lyrik und Prosa. Denn zu mehr kam er nicht: Beim Versuch, auf Skiern in die Schweiz zu flüchten, wurde er entdeckt. Er starb 1939 im KZ Buchenwald. (Die Wiener Band Schmetterlinge widmete ihm eines ihrer besten Alben: Verdrängte Jahre — Österreich zwischen den Kriegen; erschienen 1981; mit etwas Glück kann man die LP manchmal noch gebraucht finden.)
„Geh’ma halt a bisserl unter“ heißt einer von Soyfers bissigen Kabaretttexten. Er weist den Weg in den Fortgang der Geschichte: in den Untergang, der sich dann aber leider nicht nur als a bisserl erwies. Am Anfang stand, was Karl Kraus als „Die Ratten betreten das sinkende Schiff“ bezeichnete — die vor den aufkommenden Nazis nach Österreich fliehenden Deutschen nämlich. Ihre Flucht half ihnen nicht, denn die Fluchtursache folgte ihnen — und sie wurde willkommen geheißen.
Troller schildert dieses Umkippen der österreichischen Gesellschaft bis 1938. Er selbst gehörte zeitweilig zur Bündischen Jugend: „Wir waren inmitten von lauter fanatischen Mitläufern, sowas wie ein Stück Basisdemokratie: Frühhippies, Ökologen, Aussteiger, Widerständler, Selbstverwirklicher.“ Es war eine sehr ambivalente Bewegung. Sie ließ sich in Teilen einkaufen, und damit passte sie ins allgemeine Bild. Troller schildert die immer weiter zunehmende Bereitschaft der Österreicher, sich mit den neuen Herren zu arrangieren. Ihre Gemeinheit, ihre Kleinkariertheit, die Politisierung jeder gesellschaftlichen Banalität, der zunehmende Antisemitismus, der in offenen Judenhass kippte.
Und jeder, der heute mit offenen Augen durch die politische Landschaft läuft, wird zusammenzucken, wie aktuell das alles wirklich ist.
Georg Stefan Troller:
Das fidele Grab an der Donau
Mein Wien 1918 – 1938
(inkl. zwei Fotostrecken)
Artemis & Winkler, Düsseldorf und Zürich 2004
ISBN 3-783538-07188-9