Tatami
Ein unerwartet intensiver Kinobesuch: „Tatami“ von Zar Amir und Guy Nattiv. Fantastisch guter Film, klarer 5-Sterne-Film; ich wüsste gesagt nichts, was ich daran auszusetzen fände. Perfekt erzählt, in sagenhaft tollen Bildern (Kamera: Todd Martin) und von exzellenter Regie mit grandiosen Schauspielerinnen inszeniert. Auch in der epd film gibt es die Höchstwertung – „ein politischer Thriller um strukturelle Unterdrückung und individuelle Freiheit“. Die Kampfszenen wirken so eindringlich wie einst jene in „Raging Bull“.
Iranische Filme, die bei uns im Kino oder auf Festivals laufen, sind eigentlich zuverlässig sehenswert, oft hervorragend, seit ich Kinogänger bin, und so wollte ich eigentlich schon schreiben, „Tatami“ dürfte ein sicherer Kandidat für den „Oscar für den besten internationalen Film“ sein – und dann sah ich, dass es eine US-Produktion ist. Ob die so mutig sind, so einen kleinen Film mit relativ unbekannten Schauspielerinnen für den „nationalen“ Oscar zu nominieren…? Kann ich mir kaum vorstellen, auch wenn in den letzten Jahren ja immer mal wieder auch Filme mit nicht-englischsprachigen Dialogen für die großen Preise nominiert worden sind. Aber vor allem hat Guy Nattiv derzeit ja noch einen anderen, weitaus größer vermarkteten Film mit Helen Mirren als „Golda“ im Oscar-Rennen, für den die Hauptdarstellerin als Nominierte quasi gesetzt ist. Den hab ich allerdings nicht angeschaut: mir sah das zu sehr nach musealem Austattungs-Geschichtsstundenkino aus. Sicher inhaltlich und schauspielerisch interessant, ästhetisch oder künstlerisch allerdings eher nicht so relevant.
„Tatami“ sieht man an, dass die Leute hinter der Kamera Ahnung vom emotional ausgelegten großen Kino haben, und der Film ist auch klar als Genrestoff als hochspannender Thriller im Sportmilieu erzählt; es gibt auch einige Kamerakniffe, die verraten, dass das Ganze nicht super-billig und super-indie gewesen sein kann, doch die Geschichte wird immer sehr präzise, sehr klar und ganz nah an den Charakteren erzählt. Für mich ein wichtiger Faktor. Die Komponistin der eindrucksvollen, die Spannung hervorragend zuspitzenden Filmmusik, Dascha Dauenhauer, ist übrigens Deutsche (wenn auch in Moskau geboren) und hat nach ihrem Studium in Berlin und Potsdam in kürzester Zeit eine internationale Karriere hingelegt. Vor drei oder vier Jahren hat sie noch Musik für kleine deutsche Filme geschrieben, war allerdings in einem Jahr gleich für drei Deutsche Filmpreise nominiert, bevor sie, noch als Filmmusik-Studentin in Potsdam, für mehrere, auch international wahrgenommene große Serien die Musik schrieb. Aufgefallen ist sie mir wohl erstmals in der ebenfalls außerordentlich gelungenen und bewegenden Miniserie „Deutsches Haus“, die meisterlich inszeniert war.
Hier ein aktueller kleiner Text über aktuelle iranische Filme: „Wenn Filme Widerstand sind„. In der Frankfurter Allgemeine gab’s letztens auch ein überaus lesenswertes Interview mit den beiden Regieführenden:
Frau Amir, identifizieren Sie sich als Künstlerin mit dem Schicksal der Sportlerin?
Zar Amir: Unbedingt. Die Geschichte, die der Judoka zustößt, ist mir fast genau so zugestoßen, auch Kollegen und Regisseuren. In einem Land wie in Iran verstehen wir die Athleten sehr, sehr gut. Ich verstehe nur nichts von Judo.
Warum war das Milieu dieses Sports so relevant für die Story?
Guy Nattiv: Judo ist ein Sport mit Würde, Ehre und Regeln. Die Wichtigste ist, den Gegner zu respektieren. Wenn man ihn nicht ehrt, ehrt man den Sport nicht. Die iranische und die israelische Judoka, die eventuell gegeneinander antreten müssen, ehren beide diesen Sport und können das Politikgeschachere ihrer Regierungen nicht respektieren.
(Ein weiteres Interview mit Guy Nattiv hält epd film bereit.)
– 15 –
15 Talk Talk – Spirit Of Eden
Zwischen 10 – 15 erweitert sich mein Radius. Kommt vorher die Musik entweder durch meine Eltern, meine große Schwester oder das Radio in mein Kinderzimmer (bzw. durch den Fernseher ins Wohnzimmer), werden die Tore zur Welt immer größer, zahlreicher, die Möglichkeiten Musik zu hören auch. Aus dem Kinderzimmer ist ein größeres Jugendzimmer geworden, ein Auslandsaufenthalt meiner Schwester löst innerhalb des Hauses einen Raumtausch aus. Und der Radiorekorder wird durch eine gebrauchte Kompaktanlage von Schneider abgelöst.
In der mittelgroßen niedersächsischen Stadt gibt es allein in der Fußgängerzone 5 Läden (mit Namen wie Record Corner, Brinkmann, Montanus Aktuell oder Radio Deutsch), die mindestens eine große Abteilung für Schallplatten, Kassetten und die neuen, funkelnden CDs haben.
Dann gibt es da noch eine wunderbare Institution: die Musikbibliothek. Die ist in einem spätmittelalterlichen Gebäude mitten in der Stadt ansässig und hat zwei Besonderheiten. Zum einen den großen Saal (die Decken müssen mindestens 4 m hoch sein) mit Hörplätzen. Ich kann also im Katalog nachschauen, was ich hören will, der Bibliothekar (ein sehr freundlicher Mensch) sucht mir den Tonträger aus dem Archiv und macht ihn an. Ich bin an meinen zugewiesenen Platz, setze die Kopfhörer auf und tauche in die Musik ein. Etwas später gibt es dann dort die Möglichkeit, sich CDs auszuleihen. Es ist natürlich streng verboten, die dann auf eine Leerkassette aufzunehmen, aber daran hat sich auch damals niemand gehalten. Wobei ich mir einbilde, dass meine Eltern ziemlich streng gucken.
Mit 12 oder so beginne ich dann außerdem regelmäßig „Musik Express / Sounds“ zu lesen. Im ersten gekauften Heft ist „Gracelands“ von Paul Simon die Platte des Monats, die dann auch gleich gekauft wird – immer noch ein schönes Album mit einigen tollen Songs. Auch ansonsten ist mein Musikgeschmack nicht sonderlich ausgefallen: U2, Supertramp, Queen, Dire Straits, The Housemartins, David Bowie, Die Toten Hosen, Rolling Stones, Marius Müller-Westernhagen, The Cure, immer noch The Beatles und etwas später kommen dann The Doors oder Pink Floyd dazu. Schlussendlich spiele ich zwei, drei Jahre E-Bass und komme in Kontakt zu der Jazz Musik von Weather Report oder Chick Corea.
Eines Tages lese ich im „Musik Express / Sounds“ die Besprechung einer Platte des Monats: Spirit Of Eden von Talk Talk. Der Rezensent ist schwer begeistert, die Beschreibung der Musik klingt interessant, ungewöhnlich, das Cover sieht wunderschön aus. Und als ich am Freitag derselben Woche meine Runde in die Musikbibliothek mache, hat der freundliche Bibliothekar gerade die neuen Erwerbungen einsortiert, darunter eben die neue Talk Talk, die ich mitnehme, genau so wie „The Whole Story“, eine Greatest Hits Compilation von Kate Bush.
Nach dem ersten Hören habe ich Kopfschmerzen, so etwas habe ich noch nie gehört. Was ist das für Musik – ist es überhaupt Musik? Die CD läuft das ganze Wochenende, meine Familie ist genervt (‚kannst Du nicht wenigstens mal etwas anderes anmachen?). Für mich ist die Musik wie ein Rätsel, das ich ergründen möchte. Ich nehme sie auch auf Kassette auf, „The Whole Story“ kommt auf die Rückseite. An dem Wochenende ist in der Tageszeitung ein Gemälde von Dalí in schwarz-weiß abgedruckt, das ich ausschneide und als Cover benutze.
Und ich kaufe mir „Sketches Of Spain“ von Miles Davis als meine erste eigene CD überhaupt. Im Musik Express stand, dass das ein Lieblingsalbum von Mark Hollis sei.
Insgesamt läuft in der Zeit „Spirit Of Eden“ sicher nicht so oft wie „Damenwahl“ von den Toten Hosen. Aber ich habe seither das Talk Talk Album sehr viel häufiger gehört, es hat mich musikalisch geprägt, hat Türen in unterschiedliche Richtungen geöffnet – Jazz, Avantgarde, Psychedelia, Blues – und mich die Schönheit von Klängen gelehrt.
5 – 10
Bei Pitchfork gibt es die schöne Reihe „5 – 10 – 15 – 20“ , in der Künstler über die Musik ihres Lebens erzählen und dabei alle 5 Lebensjahre einen Eintrag setzen. Ein ganz passendes Thema für einen Blog Post, auch weil ich die fünfer Reihe seit letztem Jahr einmal durch habe. Also, habt Geduld mit mir, hier kommt die Musik, die mich geprägt hat, immer 10 Jahre auf einmal, sonst kann das ja niemand lesen. (Inspiriert hat mich dazu Stephan Kunze von zensounds, dessen Post sich größtenteils hinter einer Paywall versteckt).
5 Beatles „Greatest Hits“
Um ehrlich zu sein habe ich nur wenig Erinnerungen daran, in diesem Alter Musik gehört zu haben, trotz einer 5 Jahre älteren Schwester. Im Auto liefen aber oft Kassetten, obwohl meine Eltern sich auch bei der Musik selten einig waren. Ich erinnere mich daran viel Louis Armstrong gehört zu haben, „Simon & Garfunkel’s Greatest Hits“, aber vor allen erinnere ich eine „Greatest Hits“ Compilation der Beatles – vielleicht hieß die Zusammenstellung auch „Best of“, ich habe sie nicht wieder gefunden. Goldene Schrift auf weißem Hintergrund. Einige Lieder mochte ich besonders: „Penny Lane“, „Yellow Submarine“, „She Loves You“, „I want to hold your Hand“, „Help“ – eher die frühen, scheinbar fröhlichen Songs, zu denen ich auf der Rückbank rumhampeln konnte.
10 – Trio „Da Da Da“
Mit 10 hatte ich nun wirklich schon meine ersten eigenen Kassetten. Meine Schwester überredete mich, mir „Let’s Dance“ von David Bowie zu Weihnachten zu wünschen. Das ist natürlich immer noch ein Klasse Album, aber wenn ich ehrlich bin habe ich das damals nicht wirklich oft gehört. Ganz selten kann es auch nicht gewesen sein, ich habe die Abfolge der Lieder immer noch präsent und es war damals ja nicht so viel Musik verfügbar, da musste ich mit dem wenigen auskommen, was ich hatte.
Ganz toll war es, Lieder aus dem Radio aufzunehmen. Die Leerkassette steckte immer im Tapedeck. Das erste stand ganz nahe am Radio, es wurde also noch aus den Lautsprechern aufgenommen, aber irgendwie hatte ich dann bald eine Kombination aus Kassettenrekorder und Radio, mit der das einfacher ging. Und dann war ich froh, wenn der Moderator die Lieder angekündigt hat und eine kurze Sprechpause vor dem Lied kam. Oft waren auf den Kassetten aber die ersten Töne verschluckt und die Moderatoren sprachen über die Schlussakkorde der Stücke. Egal. Hauptsache Musik.
Ich war trotzdem glücklich, endlich die aktuellsten Hits der Neuen Deutschen Welle zu haben. Oder Culture Club. Matt Bianco. Paul Young. Und das ganze dann auch noch einmal die Woche bei Formel Eins (unvergessen der Name Kai von Kotze im Abspann) oder der ZDF Hitparade mit Dieter Thomas Heck (der Auftritt von Purzle Schulz mit dem Song „Sehnsucht“ hat mich damals verstört, ich konnte nicht einschlafen).
Trio waren da natürlich die coolsten in meiner nicht mehr ganz kleinen Kinderwelt. „Da Da Da“ war wirklich sehr seltsame, ungewöhnliche, fremde Musik, die beim Hören einen wohligen Schauer auslöste – ich musste immer wieder unfreiwillig lachen. Und das mit dem Rumhampeln, das ging dazu natürlich auch richtig gut. (tbc)
Restaurant d‘ Horizont

Hinter dem großen Fenster rauscht das Wasser bis zu der Linie, von der ab der Himmel beginnt. Am Abend, wenn das Sonnenlicht grell auf die Körper trifft, beginnt ein Schattenspiel. Die Kellner tragen die Tabletts auf der Höhe ihres Kopfes in einer eleganten Haltung. Sie präsentieren die Teller und Gläser mehr, als dass sie sie liefern. Bevor die Sonne für immer hinter dem Meer verschwindet, taucht sie die Szenerie in rotes Licht. Hinter der Fassade der Geschäftigkeit wird jetzt etwas spürbar: ein Teil von etwas gewesen zu sein.
Der Rausch beim Texte-Sequencing
Vor mehr als einem Jahr habe ich mit der Planung begonnen und ich habe mich viele Monate auf das Projekt konzentriert; nun ist es fast abgeschlossen. Im Februar 2025 feiere ich das 20-jährige Bestehen meiner Literaturwerkstatt in Darmstadt. Dann wird eine Anthologie bei hochroth Heidelberg erscheinen, für die ich eine Auswahl meiner Lieblingstexte aus rund 250 Seminaren zusammengestellt habe: Auszüge aus Romanen und Kurzgeschichten, Gedichte, Kürzestgeschichten, und eine Filmszene ist auch dabei. Auf 54 Seiten – das ist der Umfang der hochroth-Bücher, die Stück für Stück von Hand hergestellt werden – bringe ich mein Vorwort, Texte von 27 Autorinnen und Autoren und die Kurzbiographien unter. Der letzte Schritt war eine Herausforderung, für die ich mir mehrere Tage Zeit genommen habe: Wie die Texte in eine Reihenfolge bringen? Sehr hilfreich war dabei das, was Michael immer wieder über das Sequencing der Musikstücke bei der Zusammenstellung seiner Sendungen schrieb. Also nicht nur von Stück zu Stück, von Text zu Text denken, sondern in großen Linien, in Spannungsbögen, in Strukturen, und schließlich auch in einem Rahmen. Motive aufgreifen, Stimmungen, Themen. Dabei halfen mir meine Analyse, Zufall, Intuition und eine Prise Magie. Die Auswahl der Texte selbst habe ich ohne Rücksicht auf die Zusammenstellung getroffen. Auszüge aus längeren Texten mussten auch ohne Kenntnis des Gesamtzusammenhangs funktionieren. Aus dem aktuellen Seminar sind alle Autorinnen und Autoren vertreten; schließlich stellt das Buch auch eine Gemeinschaft her. Hier ein Einblick, ohne Namen zu nennen, ohne an dieser Stelle zu viel zu verraten, nur einzelne Punkte, an die angedockt wird. Verbindungslinien gäbe noch mehr. Zwei Texte erzählen von etwas, während sich eine Gruppe von Personen versammelt. Den einen Text, eine Seminarsituation, setze ich an den Beginn, den andern Text ans Ende des Buches. Zwischen die ersten beiden Prosatexte setze ich ein Gedicht, das einen gemeinsamen Gedanken aufgreift: die Suche nach Worten. Der dritte Prosatext endet mit einer irreal anmutenden Szene, die, was damals im Seminar fast alle überrascht hat, jedoch realistisch ist. Der nächste Text beginnt mit einer Szene, die sich in einem Klassenzimmer abspielt und nicht real geschehen kann, auch wenn die Lehrerin gerade abwesend ist. Einem zweifelnden Liebesgedicht folgt ein düsteres Liebesgedicht. Dann: Unheimlichkeiten, mildes, abendliches Licht, ein sonnendurchfluteter Wald, Gedanken, wie Wald entsteht, dann der einzige Text, in dem ein Stück Natur beschrieben wird, ohne Menschen. Im nächsten Gedicht bewegt sich jemand durch ein Stück Natur, in Aufruhr. Ein Prosatext endet in einer Art gemeinsamem Urschrei, im Hintergrund der Mond, ein nächtliches Licht, das ein Gedicht aufnimmt. Weitere Texte behandeln Fragen der Zugehörigkeit. Zwei Prosatexte sind einerseits verbunden dadurch, dass sie in der Vergangenheit spielen, der eine 1935, der andere 1911, zum zweiten auch durch eine Zeichnung, einmal am Rand, einmal im Zentrum. Es folgt eine irritierende, verunsichernde Erfahrung eines berufstätigen Mannes auf dem Nachhauseweg. Ein Mädchen, ein Mann: das ist auch die Konstellation im nächsten Text. Machtausübung zwischen den Geschlechtern. Wie einer Rollenzuschreibung entfliehen? Der Gedanke des Neuanfangs verbindet zwei Texte. Ein Kaffee to go im Sommer im letzten Gedicht. Dann schließt sich der Kreis. Und noch ein Gedanke aus dem musikalischen Sequencing: Kill your darlings. Wenn es dem gelungenen Sequencing dient, lasse ich bei solchen Autorinnen, von denen ich mehrere Gedichte aufgenommen habe, eines weg. Selbst wenn die Verbindungslinien nur indirekt wirken, bin ich mir sicher, dass sie wirken.
Viele Autorinnen und Autoren der Anthologie sind auf unterschiedlichen Gebieten im Literaturbetrieb in Erscheinung getreten: Sie haben in Zeitschriften und Anthologien publiziert, Bücher veröffentlicht, Preise und Stipendien erhalten. Sie leiten eigene Schreibseminare, geben Literaturzeitschriften und Anthologien heraus, sind Mitglieder von Autorenvereinigungen, sitzen in Jurys von Literaturpreisen, machen Radiosendungen, organisieren Lesungen etc. Literarische Texte zu schreiben und daran zu feilen, bis Literatur daraus wird: Das ist ein langer Weg ins Ungewisse hinein. Und man hört sie doch.
„Preferably fantastic new jazz“

Also, am ersten Donnerstag im September ist das Magazin der JazzFacts wieder mal an der Reihe, in einem guten Monat, und dafür suche ich spannende Neuheiten aus der improvisierten Musik. Niklas Wandt stellt die neue Arbeit von Florian Weber („Imaginary Cycle – Music for Piano, Brass Ensemble, and Flute“) vor, Karl Lippegaus eine weitere Besonderheit (s. Cover in rot) – und das sind zwei Musterbeispiele für hochspannenden „jazz and beyond“ – ich habe mich bislang allein für die Cd „Our Time“ von Trygve Seim und Frode Haltli erschienen., mit der die Stunde ausklingen wird. Meditationen aus der Himmelfahrtskirche in München. Wenn also jemand sehr beeindruckt ist von dieser oder jener Arbeit, die gerade erschienen ist oder bis September rauskommt (mit dem einen oder anderen interessanten „offical video“ oder einer Kostprobe auf „bandcamp“), der lasse es mich wissen! Zuweilen nehme ich auch Archivausgrabungen oder „reissues“ ins Programm, aber dabei muss es sich um besondere Schätze halten. Wie vor Monaten das „Carnegie Hall“-Konzert von Alice Coltrane!(Bei mir lief gerade eine alte LP des italienischen Labels „Soul Note“, die ich mir aus Toni Nees riesigem Musikarchiv geliehen habe, und die er einst, als sie in seine Hände fiel, endlos, wieder und wieder, gehört hat, „And Far Away“, vom Kenny Drew Quartet.)

P.S. Kaum gepostet, kam die erste Empfehlung in mein Email-Fach geflattert. „Breaking The Shell“. Danke, Ingo!
„Today we announce the pre-release of the album Breaking the Shell, a groundbreaking new collaborative trio release from drummer Andrew Cyrille, guitarist Bill Frisell, and pipe organist Kit Downes. This highly anticipated album showcases a unique and rarely heard combination of instruments – electric guitar with pipe organ and drums. The result is a meditation on sonancy and an opportunity for three highly creative spirits to roam freely within an entirely new dimension.“

(on air: deutschlandfunk radio, Sept. 6, 9.05 p.m., jazzfacts with m.e.)Paul Lyytinen: Lehto / Korpi (WeJazz)
feature one: Florian Weber: Imaginary Cycle (Niklas Wandt)
Frisell / Cyrille / Downes: Breaking The Shell (Red Hook)
Fresh from the archive: Byard Lancaster on Palm Records (1973-74)
Mark Guiliana: Mark (Edition)
feature two: Miles Okazaki: Miniature America (Karl Lippegaus)
Trygve Seim / Frode Haltli: Our Time (ECM)…i just contacted Souffle Continu in regards to a re-edition of Byard Lancaster‘s four releases for Palm Records (1973-74) … and whoever wants to listen (one more time) to my latest jazz radio magazine, again with contributions by Karl Lippegaus and Niklas Wandt, can do it HERE! Many thanks for support to make this all possible with interviews etc., to Daniel, Christian and Matti (from Galileo Music, ECM, WeJazz). The vinyl edition of Paul Lyytinen‘s forthcoming album will get some extra coverage with an English review on Flowworker.
The Magic of Byard Lancaster III

1973. Or was it 1974. Anyway, it was a hot summer day! Uta, Christiane, and me. We had six days in Paris and lived in two quite rotten appartments in Abbèsses. I was looking for a jazz concert that lived up to my expectations of the city of love‘s mythical history, and, by chance, I found a record store with incredible albums: the rarest works of Sun Ra, German hard core Free Jazz from FMP, a Michael Cuscuna label (that would pubilish gems like a duo album of Charlie Haden, the best Sunny Fortune album ever, and a brilliant Dave Liebman longplayer, with a fine version of the Beatles‘ „Within You, Without You“). The whole world in a little store.Of course all the early ECM stuff – and, unknown for my hungry ears, the French label „Palm“ which had its office just around the corner. I had never ever heard of a guy called Byard Lancaster III (who had just released an album on that label parisienne). The manager told me about this black American guy, he described his style, on the sax, on the piano. And he would play that week in a small theatre in „Mouffetard“ (maybe that was the name of the place, or the area). We went there. A French bass player who did a fine job, Steve McCall (i think, it was him, the magician, on drums and percussion) – and Byard Lancaster III. They only played one set, maybe 45 minutes, and I was totally entranced. I had entered the „blow-away-zone“.
In the time being there, i bought his long player „Us“ which was highly recommended in „le jazz magazine“. Later, when being asked about the best concerts of my life, this evening always popped up. It was free, melodic, soulful, it was running down every road of the avantgarde with blissful nonchalance – not hesitating to dive into some Ray Charles territory with heartfelt singing and piano playing.
At that time I still didn’t know the books of Julio Cortazar, but it still makes me shiver to think that this guy (who later became one of my favourite writers ever, a man who lived jazz, by the way) had been sitting two or three rows behind me. In the years to come, I played Byard‘s album titled „Us“ incredibly often – and, now, for the first time ever, Souffle Continu will open the archive and bring all of Byard‘s albums for „Palm Records“ back to the world from dusty shelves.
my favourite archival stuff from 2024 (1/6)
All of these 13 „chapters“ contain what I call „healing music“. For all the good reasons. But please don‘t buy them all simultaneously – a slight overdose of magic can have terryfying side effects. Though written with a permanent smile, it’s deadly serious stuff, and a countdown to ecstasy. Chapter 13 is a record I lost at somwhere under my rainbow, and whenever I read the name of its very British secret agent, I missed it, I missed the humour, the extravagance, the charming obliqueness. Finally „Wewantsounds“ saved the album from obscurity. „Dancing The Line“, by Steve Beresford and Anni Marie Beretta. David Toop has joined this fashion party, by the way. Something like Robert Wyatt overtaken by 1980‘s spirit of Roxy Music…

Chapter 12 on this countdown to Shangrila is NOT the only time travel sheding telling lights on the most adventurous decade of history since the invention of polyphonic singing. Can: Live In Paris 1975. Most of their live appearances were secretly bootlegged, and a challenge for ears adapted to high fidelity, but this concert from Paris came quite close to a decent recordig. And, like „electric Miles“ (remember „Aghartha“!), this heavenly music corporation offered deep trance work in sheer and freeweelin’ abundance. (to be continued)
„Lady in the Lake“, and all that noir that matters

Eine Zeitreise in die Sechziger Jahre hält dieser Roman von Laura Lippman bereit, der im Original „Lady in the Lake“ heisst, und jüngst das erhalten hat, was man eine „kongeniale“ Version für das Serienformat nennt. Eine komplexe Geschichte mit einer guten Portion Politik, Rollenmodelle, Feminismus und Rassismus in den USA der Sechziger Jahre, die nicht unter der Last der vielen zeitgeschichtlichen Themenstränge einbricht. Sprachlich brilliant, greift auch die Verfilmung gerne aus die berühmte Stimme aus dem Off zurück. In diesem Jahr gibt es einige rundum überzeugende TV-Serien zu entdecken, die Kriminaldramen mit hohem „Flowfaktor“ und beachtlicher „Seelentiefe“ erzählen , von „True Detective, season 4“ über „Criminal Record“, „Blue Lights, season 2“, „Presumed Innocent“ und „Under The Bridge“, bis hin zu „Sugar“ und „Lady In The Lake“. Alles zu finden in den einschlägigen Streamingdiensten.my favourite archival stuff 2024 (2/6)
Es geht um meine 12 Favoriten, was Wiederveröffentlichungen und Archivausgrabungen des Jahres betrifft. Countdown time. Öffnen wir Kapitel 10, number 10, die zwei Zauberworte heissen „Shadow Puppeteer“. Ein kleiner Rückblick zuerst. Es war in der Mitte der Siebziger Jahre, da stand sie mit Frank Perry und einem weiteren Gefährten auf der Bühne im Schlossgarten von Moers, an einem sehr warmen Frühlingstag – ihr Mann, Keith Tippett, war kurzfristig erkrankt, und was da passierte, war reine Magie. Ein, zwei Jahre später erschien ihr berühmtes Album „Sunset Glow“, das auch eine Hommage an den aus dem Fenster gestürzten Robert Wyatt enthielt. Viele halten es, wie Robert selbst, für ein „sister album“ von „Rock Bottom“. Diese „Gruppe von Moers“ wurde übrigens auf einem Album des kleinen englischen Labels „Ogun“ dokumentiert. Wer das Leben als freie Improvisatorin wählt, zählt zum Underground, und gelangt kaum je in die grossen Arenen, die ihr zu Beginn ihrer Karriere zuwinkten, als sie mit einem gewissen Brian Auger, und damals noch als Julie Driscoll, unterwegs war. Das interessierte sie aber nicht sonderlich. Eines ihrer schönsten Alben (und da gibt es einige, die noch entdeckt werden wollen), neben dem „Glühen des Sonnenuntergangs“, war „Shadow Puppeteer“, aus dem Jahre 1999, das Anfang diese Jahres erstmals auf Vinyl herauskam – ein grossartige Pressung nebenbei bemerkt, und ein Doppelalbum ohnegleichen! Auf „Shadow Puppeteer“ spielt und singt sie alles selbst. „Shadow Puppeteer“ ist eine Suite von Kompositionen und Improvisationen, in denen Julies Stimme und verschiedene Instrumente (Windspiele, Tamburin, Mandoline, Daumenklaviere, Zithern und Glocken) auf mehreren Spuren zu hören sind: was für eine Ausdruckskraft, was für eine Fantasie! Wer sich auf die vier Schallplattenseiten einlässt, denkt sehr bald nicht mehr in den dickhäutigen Rastern der Sprache, und begegnet der Verführungskunst des Unaussprechlichen. (wird fortgesetzt mit den Kapiteln 9, 8, 7, auf einen Schlag)