Assoziationen zu der Erinnerung eines anderen (Teil 2)
Steve Kuhn: Meine eindeutig liebste ECM-Platte von Steve Kuhn ist heute ein fast vergrabener Schatz: sein Soloalbum „Ecstasy“ ist beispielhaft, was meine Idee von „wild-romantisch“ angeht, das Ausreizen der Räume zwischen „hingetupft“ und „voller Dröhnung“ (ohne auch nur einmal im Pathos zu versinken).
Joe Henderson: Habe fast alles Blue-Notige von ihm verpasst, und meines ersten beiden und lange einzigen Alben dieses grossen Saxofonisten waren zwei innig geliebte Scheiben aus der „Fusion“- und „Spiritual Jazz“-Ecke der Siebziger Jahre, „Multiple“ (mit dem Gespann Dave Holland / Jack DeJohnette) sowie „The Elements“ (oh my god!)… wann immer ich Blue Note rückwärts entdeckte, mochte ich seinen warmen, durchdringenden Hornklang, etwa auf dem famosen „laid back jazz“ von Kenny Burrells „Midnight Blue“.
John Abercrombie: ich habe mal ein langes Interview mit John Abercrombie gemacht. Wer will, kann das Porträt HIER nachhören. Ich verstehe, wieso John sein zweites Duo-Album mit Ralph Towner, „Five Years Later“ höher einschätzte, als ihr Debut „Sargasso Sea“, aber ich liebte beide (und sehe heute noch mein kleines, am Morgen sonnengeflutetes Zimmer im Würzburger Studenenwohnheim vor mir, in meinen Wochen mit „Sargasso Sea“).

Kenny Wheeler: müsste ich meinen Favoriten von Kenny auswählen, käme ich früher oder später auf „Deer Wan“. Mit John Abercrombie und den üblichen Verdächtigen für das Jahr 1977. Bei „Sideman Kenny“ denke ich an das erste Azimuth-Album, und an sein Spiel auf Anthony Braxtons grossem Wurf „New York, Fall 1976“.
Kunst in Norwegen
Frisch zurück gekommen in Berlin war ich gestern, quasi nebenan, bei einer langen, sehr tollen Konzertveranstaltung mit Dell-Lillinger-Westergaard und vielen Gästen. Enorm beeindruckend vor allem Christian Lillinger. Zwar kannte ich ihn schon, aber nicht in diesem Umfang. Unfassbar, was der so alles auf dem Schlagzeug anstellt.


Am Freitag wollte ich auf dem Blog eigentlich mein neu geschnittenes ECM-Interview zu John Surmans Achtzigstem posten, aber hab’s zeitlich einfach nicht hinbekommen bzw. wusste nicht genau, was ich da noch an Blogeintrag hinzufügen sollte. Nicht alle Beiträge der letzten Tage gelesen, gerade nur mal überflogen, aber es scheint, niemand hat zu diesem Anlass an Surman erinnert..? Daher hier ohne weitere Ausführungen mein Gespräch mit ihm, schon vor einiger Zeit in seinem Heimstudio aufgezeichnet, und nun pünktlich zum runden Geburtstag editiert.
In Norwegen haben wir aufgrund des unablässigen Regenwetters und der teils einstelligen Temperaturen leider wenig Zeit in der Natur verbracht, dafür umso mehr in beheizten Innenräumen und Museen. Zum Abschluss der Reise endlich mal im Nasjonalmuseet in Oslo: Das neue Gebäude hatte ich bislang nur immer von außen gesehen, während der Bauzeit und seit der Fertigstellung 2022. Was könnte es da Besseres geben als eine Doppelretrospektive mit Mark Rothko und Anna-Eva Bergman? Das geht großartig zusammen. Aber es fällt dabei auf: Retrospektiven können den Kunstwerken gegenüber auch ungerecht werden, selbst wenn die Auswahl und Präsentation hervorragend ist und man daran nichts aussetzen kann. Rothkos Werke verlangen eigentlich viel Raum und Zeit. Sieht man so ein großes Lebenswerk im Schnelldurchlauf, stellen sich plötzlich einzelne, große, Intensive Gemälde kleiner dar, als sie eigentlich sind. Die Bilder verschiedener Jahre schnurren zu einem über-intensiven Farbkosmos zusammen und stehen plötzlich in ein und derselben Zeitebene unmittelbar nebeneinander, wie in einer Zeitreise sich begegnend. Diese persönlichen Werke, in denen so viel Emotionalität festgehalten wurde, scheinen sich auf die Füße zu treten, in der Gegenwart gefangene Zeugen verschiedener Vergangenheiten.
Man kann eigentlich nicht genug Zeit in diesen Räumlichkeiten verbringen, um dem emotionalen Gehalt dieser Bilder gerecht zu werden. Fast aus Überforderung kaufte ich den Ausstellungskatalog, obwohl ich weiß, dass die Bilder darin nicht ansatzweise so lebendig sind wie in echt. Aber wie oft kann man sie in real life sehen? Und erinnern und die Erfahrung im Kopf reproduzieren kann ich sie vielleicht mit Hilfe dieses tollen Buchs. Daneben seine Zeitgenossin Anna-Eva Bergman. Kannten sich die beiden? Bei aller Unterschiedlichkeit treten hier auf einmal erstaunliche Parallelen zutage. Einige Bilder hatte ich im alten Gebäude vor einigen Jahren schon gesehen. In drei Wochen komme ich wieder her, und dann nehme ich mir noch einmal etwas mehr Zeit für die beiden Ausstellungen. (Nachdrückliche Empfehlung, die oben verlinkten Videobeiträge zu den Ausstellungen anzuschauen, wer es bis in drei Wochen nicht nach Oslo schafft.)


Einige Tage zuvor besuchten wir, Empfehlung von Benedicte Maurseth, das Astruptunet in Jølster: Wohnhäuser, Ateliers und Gärten, einst von Nikolai Astrup und seiner Familie bewohnt und bewirtschaftet, nun wieder in einen Zustand versetzt, der dem nahekommt, wie er zu deren Lebzeiten war. Dazu ein Haus mit einem soliden Querschnitt durch Werk und Werkzeug der Astrups, Malerei, Drucke, Textilkunst. Eindrucksvoll. Besonders gut: Die typischen norwegischen Sonntagswaffeln und Sveler (dicke Pfannkuchen). Auch im Regen einen Besuch wert.






Pablo, Duke, und Ray

Nicht nur Joe Baron war in jungen Jahren ein Jazzsnob, wie er mir mal erzählte, ich auch, gelegentlich. Hungrig nach aufregenden Neuheiten auf ECM, Impulse, und anderen, kleinen „independant labels“ in Europa und Übersee in den Siebziger Jahren, begegneten mir in Plattenläden auch Schallplatten von Pablo Records, dem Unternehmen von Norman Granz. Ich erinnere mich an schön klingende, gediegene Aufnahmen von alten Jazzmusikern, sehr ruhig, sehr traditionell, nie verwegen. Das war nichts für mich. Jüngeren Hörern ging es ähnlich mit den Beatles, die diese Fabelhaften nicht mitbekamen, als sie die Welt eroberten, sondern viel später, in schwärmerischen Rückschauen und Oldieshows. So hatte auch Schmalzlocke Elvis bei mir nie die geringste Verzückung hervorgerufen. Nicht mal hätte ich Lust, die Pablo-Platten des Gitarristen Joe Pass zu hören, ausser als, was weiss ich, „audiophiles Vergnügen“. Das war und wurde nie „meine Musik“, genauso wie Oscar Peterson.
Klar wurde damals von mir der Pablo mit der Wanne ausgeschüttet. In den letzten zehn Jahren nämlich habe ich in dem Werkverzeichnis uralter Labels so manchem Schatz – vergraben oder nicht – freigelegt: meist unbestrittene Klassiker wie „Way Out West“ oder „Midnight Blue“, aber auch anderen „Perlen“ lausche ich gerne mit und ohne Scotch und Candlelight. „This One‘s for Blanton“ ist definitiv meine Lieblingsplatte von Pablo Records, wobei ich mich nie gegen Duke Ellington „gewehrt“ habe. Früh stolperte und staunte ich über die eine oder andere seiner Platten, wie die mit Coltrane, doe mit Mingus, manch uralte knisternde sowie mit dem roten Cover, eine traumhafte Schallaufzeichnung aus der Frühzeit des Mediums. Vor Jahren kam ich an ein sagenhaftes Remaster heran. Und obwohl mich solche Kostümfilme und Glanzformate selten packen, war ich ratzfatz im Kino, als Coppolas „Cotton Club“ anlief. Und nun ist im Mai dieses Jahres, leider sündhaft teuer, diese komplett ausgeruhte, allerfeinste Platte von Duke und Ray rausgekommen. Ein Pablo Remaster.
Zu „Fragmented Suite for Piano and Bass“ bemerkt Mark Smotroff in „Analog Planet“, dass diese Suite ein Wunder sei: „Ich kann mir gut vorstellen, dass Jerry Garcia (von Grateful Dead) mit den beiden zusammensitzt, denn das Stück beginnt als eine Art repetitiver Vamp, ähnlich wie „Dark Star“ von The Dead. Im Ernst! Und während ich „verrückt“ träume (um einen Ausdruck von Duke zu benutzen), kann ich auch kantige Spieler wie Fred Frith oder Henry Kaiser hören, die sich dem schrägen Spaß von „Fourth Movement“ anschließen. Und nicht nur das: This One’s for Blanton ist eine so ruhige, intime Aufnahme, dass man an manchen Stellen die Musiker im Studio atmen und sich bewegen hören kann.“ Für Mr. Ellington ist übrigens das ganze Opus die Beschwörung einer anderen fernen Zeit.Das ist natürlich alles gut so, wie es gewesen ist. Damals ging es um Aufbruch, neue Horizonte, es waren wilde Zeiten, jede Pharoah Sanders Platte, jede ECM Veröffentlichung ganz heisser Scheiss, grosses Abenteuer, und es gab keinen Grund, sich da im grossen Stil vor den Altvorderen zu verneigen. Mit den Jahren wirst du ruhiger, aber wenn das Feuer nicht mehr brennen würde, wäre es schlimm. It is better to burm out than to rust, sang Neil oder so ähnlich, jeder Song „a remix in your head“.
the coot and the canoe
THIS is a reel made by Henning Bolte with a sequence of music by the infamous Bonzo Dog Dooh-Da Band from the 60s. Some of the old wise guys may remember their degree of sophisticated humour rivaling the wild bunch who did The Life Of Brian. The hick-up with ’sorry‘ mumble is a typical BDDB thing. Hick! Hugh!
(The reel is now discreetly embedded in the first line of this clarifying note, at the word HERE, the original is retaining its full place consuming glory on the blogroll some days back, on August 27.)
(greeting from the aesthetic department of sudden enlightenment and simple tricks)
In Sachen Hassell
Lieber Michael Engelbrecht, ich wollte ihnen schon länger schreiben, aber es kam immer was dazwischen, zuletzt ein Umzug innerhalb von Stuttgart. Ich bin vor gut zehn Jahren zu ihren Sendungen gekommen, und eine meiner ersten Einkäufe war damals das Doppelalbum „Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street“ von Jon Hassell. Ich hatte mir gerade einen neuen Plattenspieler besorgt (Rega), und ich weiss noch genau, dass die ersten drei Platten auf dem Rega neben Jon Hassell das erste Dire Straits-Album und „Little Criminals“ von Randy Newman waren. Und dann bekam ich kurz darauf das Hassell-Album zum Geburtstag ein zweites Mal (kein Wunder, dass es mittlerweile ein Sammlerstück ist)! Obwohl ich ein paar Leute kenne, die bestimmte Platten zweimal kaufen, um immer ein perfektes Exemplar zu besitzen, erscheint mir das übertrieben, und gerne schenke ich ihnen die andere, noch ungespielte Hassell. Lassen sie mir nur die Anschrift zukommen, und sehen sie es als Dankeschön für spannende Radioabende. Mit freundlichen Grüssen, Wolfgang Bender!
Monica Salamaso trio live



I’ve been a fan of Monica Salmaso for a number of years, first encountering her on a couple of albums by the now defunct group Vento em Madeira. This was a kind of super group of Brazilian artists which created unbelievably sophisticated, free and adventurous music, some of which seemed to be comprised of intricately written out arrangements, but according to Ms Salamaso, were completely made up and refined in the studio on the fly and then rigorously rehearsed. Yet the evolved arrangements are balanced with free playing, loosening up the music with a completely spontaneous vibe that entices the listener to revisit these albums. My favorite of the three albums put out by this group was Brasilia. All three are sadly out of print, but worth tracking down.
Two of the artists featured in that group were in the trio I saw last Saturday evening at the 222, a gallery turned performance space in Healdsburg California. Because of the yearly Brazil camp in nearby Cazadero, Brazilian artists sometimes perform in Healdsburg before heading home. This year, the trio of vocalist extraordinaire, Mônica Salmaso, Guinga, one of Brazil’s most celebrated composers and guitarists, took the stage with the amazing multi-instrumentalist Teco Cardoso on flute, alto flute, bass flute and soprano sax. This trio sounds like a chamber group that happens to play Brazilian jazz, (or perhaps the other way around.) The result was an intimate, passionate performance that pulled on one’s heartstrings one minute and swung madly the next. All three of these artists are virtuosos, but the secret ingredient that really elevates this music is the compositions of the incomparable Guinga. The trio played his compositions exclusively last Saturday night, with the exception of the encore. Guinga’s music is sophisticated both harmonically and melodically, and as complex as some of it is, it gradually gets under one’s skin.
Salmaso possesses an amazing instrument. Sensual, passionate and soulful, this isn’t your breathy Astrid Gilberto type singer (and don’t get me wrong, I like Astrid). Monica’s technique is anything but monochromatic, possessing a palette of colors that covers the entire rainbow of human expression. I only wish I understood the lyrics, because she performs with her entire being, investing her whole self in the stories told in these hauntingly beautiful songs.
Guinga is the consummate accompanist, laying down the backing with a sure hand and an effortless technique, an unerring rhythmic sensibility, all the while casually demonstrating an encyclopedic knowledge of the fretboard, which is always in service to the music. His style is the epitome of good taste. His writing melds the various Brazilian traditions, both folkloric and modern, sprinkling in classical motifs and harmony, occasionally borrowing from the language of Debussy, Ravel and Villa Lobos.
Teco Cardoso delivers a varied banquet of colors on his flutes and sax. He started the set on the rare bass flute, which he played exclusively for the first few tunes. He layed down deep, tasty solo lines, countermelodies and audible percussion parts played on the instrument’s keys. Teco seemed to favor the soprano sax for solos, each one a textbook example of perfect execution and conception, infused with fiery soul. His is a jazz oriented vocabulary, but he peppers it with folkloric flourishes and the result is utterly enchanting. At one point he brought a set of indigenous double wooden flutes, which I first heard on Egberto Gismonti’s classic Solo Meia Dio. But being a wind player, Cardoso took it up several notches, and mesmerized the audience with his bird calls and lovely melodic fills, instantly evoking the depths of the Amazon jungle.
Although the trio leaned heavily into slower, introspective pieces, make no mistake – this little group can really groove. Monica sometimes played pandeiro (and even a camping frying pan,) and really kicked up the excitement on the sambas.
I have a number of Salamonso’s albums. They are all quite different from one another. Some are quite densely arranged, as on her 2004 release, IaIa, and in contrast, her more recent Milton, which features Milton Nascimento’s compositions exclusively, is accompanied solely by master pianist, Andre Mehmari. I tend to prefer the less dense albums.
I searched to see if the trio I saw had any albums out, and the closest thing I could come up with was the Japan Tour 2019, which features the aforementioned three players with the addition of clarinetist Nailor Proveta. It’s a wonderful live performance which features a number of pieces featured in the set I heard, and really captures some of the magic of that memorable evening.
Romantic yet unsentimental, this music covers the spectrum of human emotion. I highly recommend exploring this artist and her talented compatriots.
LISTEN LISTIGKEIT II – LIVE CONCERTS /most enjoyable, most exciting/
1 (zeitliche Reihenfolge)
- Evi Filippou / Robert Lucaciu
- Sylvie Courvoisier – CHIMEARA = Drew Gress, Kenny Wollesen,
- Nasheet Waits, Nate Wooley, Wadada Leo Smith, Christian Fennesz
- Ab Baars/Berlinde Demian/Joost Buis Trio
- Michel Godard Tuba Trio w/Florian Weber, Anne Paceo
- Sanem Kalfa Televizyon w/Marta Warelis, Ingebrigt Haker-Flåten, Sun-Mi Hong
- North Sea String Quartet = George Dumitriu, Yanna Pelser, Pablo Rodriguez, Thomas van Geleen
- Bonbon Flamme = Valentin Ceccaldi, Luis Lopes, Fulco Ottervanger, Étienne Ziemniak
- Giuseppe Doronzo/Andy Moor/Frank Rosaly
- Bab L’Bluz = Yousra Mansour, Brice Bottin, Ibrahim Terkemany, Jérôme Bartolome
- Shadows of Forgotten Ancestors = Maryana Golovchenko, Kateryna Ziabliuk, Anna Antipova
- Thérapie de Couples = Daniel Erdmann, Vincent Courtois, Théo Ceccaldi, Hélène Duret, Robert Lucaciu, Eva Klesse
- Alessandro Fongaro Hunters In the Snow = George Dumitriu, Yanna Pelser, Pablo Rodriguez, Thomas van Geleen (Northsea String Quartet), Nicolo Ricci, Marta Warelis, Jim Black
- Heiner Goebbels / Muqata’a
- Oren Ambarchi / Muqata’a
- Heiner Goebbels / Ganavya Doraiswamy / Shahzad Ismaily
- Sun-Min Hong Quintet = Alistair Payne, Nicolo Ricci, Charin Im, Alessandro Fongaro
Albums von den hier genannten Gruppen lassen sich (teilweise) leicht auf Bandcamp finden und Videos auf Youtube wie auf Homepages der MusikerInnen
2 - FESTIVALRÜCKSCHAUEN (links in Kommentar)
MUSIC MEETING NIJMEGEN
JAZZDOR BERLIN
MONHEIM TRIENNALE PREQUEL
3 - Neue auffallende(r)/herausragende(r) Musiker(in) der letzten Zeit
Sun-Mi Hong drums
Marta Warelis p, keyb
Sanem Kalfa. voc, cello
Camila Nebbia saxophone
Patricia Brennan vibraphone
(Herkunftsländer: Korea, Polen, Türkei, Argentinien, Mexiko)
4 - CONCERTEN RESIDENZ MÜNCHEN / AUSSTELLUNG DORTMUND,FELDAFING
Diese Konzerte organisiert im Rahmen meiner Münchener Residenz am Starnberger See waren aus der Innensicht des Organisierens, Inszenierens und Ausführens spannend
SCHWERE REITER, MÜNCHEN
Björn Meyer (el.b) - Nour Sokhon (electronics, objects) - Henning Bolte (live drawing, objects)
VILLA WALDBERTA, FELDAFING
Kateryna Ziabliuk (p), Henning Bolte (live drawing), Stanka Hrastelj (poetry, movement), Annika Tudeer (movement), Abraham Gragera (poetry), Pierre Chaumont (video)
Sanem Kalfa (voc, cello), Stanka Hrastelj (birdsong, video), Henning Bolte (live drawing, video)
DOMICIL DORTMUND
Antonio Borghini (b), Henning Bolte (live drawing)
(Herkunftsländer: Schweiz, Bahrain/Libanon, Niederlande, Ukraine/Polen, Slowenien, Finland, Spanien, Kanada, Türkei, Italien)Listen, Listigkeit
Listen sind Inseln in den Wogen des ozeanischen Alltags. Listen sind Inseln im überfülligen Kaos des Alltags. Listen sind mnemotechnische Haltepflöcke unserer Erlebensmomente. Listen sind identitäts- stiftende Vergewisserungsrituaisierungen. Listen sind Wegweiser.
Listen sind … schriftsprachliche Phänomene. Die ersten Zeugnisse von Schriftsprache waren Warenmagazin-/Einkaufslisten. Umberto Ecco hat Sinniges über ihre Verbreitung, ihren Impact und Nutzen bemerkt (La Vertigine della Lista / The Infinity of Lists (2009)). Zu der Überzahl von Listen gehört auch Rabelais’ Liste der Arschabwischer. Ich muss bekennen, dass ich im Allgemeinen nicht so listig im Hinblick auf Musik bin. Ich schwimme lieber in den Wogen des Realitätsozeans. Im allgemeinen Klima der Listigkeit hier fange ich mal mit einer Liste der erlebnisreichsten Live-Performances der letzten Zeit an (Liste im folgenden Beitrag). Ich erlebe im Schnitt 2-3 Live Performances wöchentlich mit allem sozialen Club-Drum-Und-Dran, und da ragt dann das eine oder andere heraus.“ I say and maintain, that of all torcheculs, arsewisps, bumfodders, tail-napkins, bunghole cleansers, and wipe-breeches, there is none in the world comparable to the neck of a goose …” (Rabelais)
“When there is no sun“
Ein halbes Jahr, oder anderthalb Jahre, bevor diese Platte in Rom entstand, war ich auf der einzigen Verlobungsreise meines Lebens, etwas nördlicher allerdings, zwischen Perugia und Padua. Mit einem Abstecher nach Venedig natürlich, einem damals weitgehend verdreckten „Sehnsuchtsort“ voller Giftschilder, und selbst der Platz mit den Tauben strahlte nur lang verblichenen Glanz aus. Gut zwanzig Jahre früher war Katherine Hepburn vor Ort, als David McLean dort „Summertime“ (1955) drehte. Ein kultureller power spot meines Trips war ein Plattenladen in Perugia oder Padua, nichts weniger als ein Sun Ra-Shangrila: über zwei Regalreihen verteilt, so viele seiner auf kleinen, obskuren, wagemutigen Labels vertriebenen Schallplatten! Italien war für Sun Ra scheinbar ein perfekter Ort des Verweilens zwischen zwei Weltraumerkundungen. Wäre mein Geldbeutel besser gefüllt gewesen, ich hätte ich im grossen Stil zugeschlagen. Christiana war daran gewöhnt, dass ich sie in manchen Plattenladen schleppte, und (was man so alles erinnert) sie war dabei, als ich in Paris, Im Quartier Latin (grosser Laden, erster Stock), „Fast Last!“ von Lester Bowie erstand, und „New York, Fall 1976“ vom Anthony Braxton Quartet. Und in München, bei Elektro Egger in der Gleichmannstrasse 10, erster oder zweiter Stock, Paul Bleys „Alone, Again“ (auf diesem kleinen feinen Paul Bley-Label, Improvising Artists Inc. (IAI), in dem auch mal ein Album namens „Turning Point“ mit dem Sun Ra-Weltenwanderer John Gilmore erschien, an der Seite von Paul Bley, Gary Peacock und Paul Motian).

„New Steps is one of several albums done with this basic lineup in January of 1978. This album is billed to the Sun Ra Quartet, but it sounds like there’s a bass player present on at least some of the cuts (it could be Ra, but he’d need three hands). There are two standards amongst a program of Ra originals, and things get started with a stellar version of „My Favorite Things.“ The music quickly takes its only sharp turn toward outer space as Ra introduces listeners to „Moon People,“ the only track where Ra emphasizes synthesizerk over piano.“
So beginnt Sean Westergaards Besprechung von „New Steps“. Ich kam auf das Album, und speziell das unten zu hörende Stück „When There Is No Sun“ – ein wunderschönes Beispiel für „spacige evergreens“ in seinem Werkeverzeichnis – weil Søren Skov es auswählte für eine Stunde der Sendung „Hidden Tracks“ auf byte FM, in der er auch über sein fantastisches Album „Adrift“ sprach (ich warte in diesen Tagen auf seine audio-files, für mein JazzFacts-Magazin am 5. September). Gilles Peterson hatte mal vor Jahren eine sehr gelungene Sun Ra-Compilation herausgebracht, wo die melodische Seite des Meisters im Vordergrund stand. Jedenfalls begeisterte sich Søren Skov für das hingebungsvolle, neugierige Saxofonspiel seines Kollegen John Gilmore auf dieser Komposition („humble“ ein Wort seiner Wahl) – ganz und gar traumhaft in der Tat! Seans Besprechung eines Albums, das im Laufe der Jahre mit zwei Covergestaltungen im Handel war, geht dann so weiter:

„Sun Steps“ is a slow tune featuring some beautiful piano playing from Sun Ra. In fact, the remainder of the album is on the mellow side („When There Is No Sun“ is the only track with vocals), and features some great statements by John Gilmore and Ra. Michael Ray is in fine form as well, if somewhat less exuberant than usual. With such a small group, solo space is ample, and Luqman Ali’s understated drumming really holds things together nicely. New Steps is another fabulous release from Sun Ra, but all the Horo albums can be difficult to find.“
Recorded in Rome, Italy, January 1978. Such a brilliant piece from the album that i downloaded at bandcamp for 10 Euros, . You can download it on Bandcamp. Thanks for Søren Skov‘s recommendation! The old vinyl is a bit more expensive, between 260 and 490 Euros! In a region of „moon prices“, comparable to the vinyl edition of Jon Hassell‘s fantastic double album „Last Night The Moon….“ Any guys out there who want to make me a nice gift?! 😉Eine Art Unverwundbarkeit
Vielleicht ist meine Sendung über Brian Blade noch irgendwo vorhanden in den Archiven des Deutschlandfunks. Um Mitternacht herum, nach seinem Auftritt im Quartett von Wayne Shorter in der Kölner Philharmonie, sassen wir in einer kleinen Ecke am Ende des Flurs in einem nahgelehenen Hotel , und ich stellte die Fragen, die man stellt, wenn man in 55 Minuten Radio einen grossartigen Schlagzeuger und seine Vita nahebringen möchte. Ein Teil des Gesprächs drehte sich um seine Aufnahmen mit Dan Lanois, ein Teil um seinen Mentor Ed Blackwell, auch dessen fantastische Duoalben an der Seite Don Cherry (MU und EL CORAZON), wir sprachen über die tiefen Spuren, die frühe Jahre in New Orleans hinterlassen haben, und über den kaum fassbaren Zauber des Wayne Shorter Quartetts. Unspeakable, and all happens without a net.
Ich hatte Wayne bereits backstage 10 Minuten interviewt, und wusste damals noch nicht, dass seine kryptischen, surreal anmutenden Antworten Teil seines Spiels waren, selber eine gewisse Freude an solchen Befragungssituatuonen beizubehalten. Die Vier sind meines Wissens nie ins Studio gegangen, ihre an Zahl recht überschaubaren Werke sind allesamt Dokumente von Liveauftritten. Als Wayne mit seiner Frau alte Aufnahmen, diesseits und jenseits dieser Band (die ich zu den aufregendsten längerlebigen „Saxofon-Viererbanden“ der Historie zähle, in drei Atemzügen mit dem „amerikanischen“ Quartett von Keith Jarrett, und dem John Coltrane Quartett) für die Zeit nach seinem nahenden Tod durchging, fiel die erste Wahl auf „Celebration, Vol. 1“, aus Kopenhagen. Let‘s talk great double albums in jazz history. Circle – Paris Concert, for example.
So, und langsam komme ich zum Kern dieser Tagebuchnotiz. Ich lege jedem Leser und jeder Leserin dieser Zeilen die Idee ans Herz, sich die Musik als Doppel-Cd oder Doppel-Lp zu besorgen, an einem Abend alle Störfelder zu beseitigen, sanftes Licht oder Dunkelheit herzustellen, und den Kopenhagener Auftritt von 2014 auf sich wirken zu lassen. Nicht als posthume Dankbarkeitserweisung, sondern, weil ich ja nicht der einzige bin, der hier etwas Besonderes erlebt hat und erleben wird. Natürlich sollte man eine grundsätzlich Lust an solch offenen, raffinierten, abzweigungsfreudigen Improvisationnen haben. Alles fliesst, alles mäandert.

Am liebsten würde ich hier die Geschichten solcher privater Hörabende lesen, sollten die Michaels (und der Wolfgang) aus Saarbrücken und Bremen, Toni aus Ostfriesland, Norbert aus Hamburg, klar, Ulrike aus Düsseldorf, Lorenz aus Leinfelden-Echterdingen, Andreas aus Ostrwalhausen (oder wie das Kaff heisst), alle anderen El Hierro- und Lanzarote-Reisenden der nahen Zukunft, und ein paar Flowworker sich auf diese wunderbare Klangreise begeben. Einfach nur die Begleitumstände, die Randdaten, den jeweiligen Hörraum, die Stimmung vorher und nachher. Die Vorbereitungen. Der ausgewählte Wein, oder andere massvoll eingesetzte Drogen. Das Foto zeigt übrigens unsere sehr relaxte Katze Fusel, in einer kleinen Pause, nachdem sie die ersten zwei Seiten des Doppelalbums gehört hatte. Nur so eine Idee, am besten gleich vergessen, oder auch nicht. Free choice, time for improvisors!
Ich ertappte mich jedenfalls dabei, über weite Strecken völlig sprachlos zu sein. Das Wort sublim wird vielleicht auftauchen, wenn ich im Radio dazu ein paar Sätze sage. Würde die Welt hinter Tonis Fenster, wie vor zwei Jahren, wieder mal tiefdunkel werden (in shocking moments while time stands still and nature forgets breathing), und ein Baum von einem Tornado der Stufe F2 aus dem Erdboden gerissen, er würde, mitten in „Orbits“, einfach nur weiter atmen, wohlwissend, dass seine Bande, Frau und Hund, nebenan weilen, keinerlei Furcht empfinden: zuweilen gewährt Musik wie diese ein tiefes Empfinden von Unverwundbarkeit. It sends you places.