• Doppelbilder

    „Doesn’t seem to be a shadow in the city 
    All around, people lookin‘ half dead“
    (The Lovin Spoonful, Summer In The City)  

    Es war ein Sommer in den Sechzigern, in dem die Siebziger schon rückwärts ein paar Schatten warfen, eine Ahnung erfüllter Zeiten, die ersten Jukeboxen, ledergebundene Single-Alben in unserer kleinen Kirchhörder Welt. 1967. Conny war ein älterer Teenager, und er hatte die grösste Kollektion an Singles. Wenn ich mal bei ihm vorbei kam, legte er gerne The Small Faces auf, und kurz blitzten all die Dinge auf, von denen Frischlinge gerne träumten. Einmal fiel ich bei Conny nach Sekunden in eine tiefe Trance, als er, frisch aus dem Single-Presswerk, „Summer In The City“ auflegte, von The Lovin‘ Spoonful. Es war wohl eines der ersten Lieder, bei denen mir bewusst wurde, wie bezaubernd die alltäglichen Sounds einer grossen Stadt sein konnten. Der erste Riff, die Melodie, die Stimme John Sebastians. Ich bat Conny inständig, mir die Single einen Tag zu leihen, ich sagte nicht, dass ich sie unendlich oft hören wollte. Schliesslich gab er nach, und ich musste ihm versprechen, die Ware am folgenden Tag um Punkt 17 Uhr bei ihm abzuliefern. Das war ja nun kein Problem, oder doch, ein kleines. Ich war so umrauscht von dem Song, dass ich dachte, in einer Zeit, in der wir alle Grenzen überschreiten würden, wäre es kein Problem, diesen himmlischen Song noch ein bisschen länger zu behalten.

    „Pictures Of Lily helped me sleep at night“
    (The Who, Pictures of Lily
    )

    Ich hatte die „Bravo“ neben dem Bett liegen, und war nicht erfreut, zu lesen, dass The Kinks, meine Lieblingsband, mal wieder betrunken auf der Bühne aufeinander losgegangen waren. „Hot town, summer in the city / Back of my neck getting dirty and gritty / Been down, isn’t it a pity / Doesn’t seem to be a shadow in the city“. Irgendwann nachmittags rief mich Uwe an (mit dem ich selten zu tun hatte, er besass als Erster „Hey, Joe“ von Jimi Hendrix), und sagte mir, er habe eine Überraschung für mich, und ich möge doch zu unserem Bolzplatz kommen. Als ich dort war, traten Uwe und Conny hinter einer Hecke hervor, und Conny schlug mir voll in den Bauch, so dass mir die Luft wegblieb und ich auf den Boden kippte. Er erinnerte mich an unsere Abmachung, und als ich wieder Luft bekam, entschuldigte ich mich. Jetzt war Uwe dran, und schlug noch einmal mit voller Wucht zu. Ich bekam es mit der Angst, und wartete, bis der Atem wieder einigermassen auf und ab ging. Dann rannte ich los, was verrückt war, weil die beiden älter waren, und mich jederzeit einholen und weiter auf mich einprügeln konnten. Stattdessen traf mich ein Stein an der Schläfe, und ich sank schreiend zu Boden. Das Blut floss über Augen und Nase, und ich weiss heute nicht mehr, welcher Zeuge der Ereignisse dafür gesorgt hatte, dass ich ins Krankenhaus kam und mit etlichen Stichen genäht wurde. Am Tag darauf legte ich kdie Single, verpackt in in einen Umschlag, in Connys Briefkasten. Ich sah ihn nur noch aus der Ferne danach, und dann nie mehr. Hier und da noch hatte ich Doppelbilder, und selbst meine „Pictures Of Lily“ waren eine Zeitlang leicht verwackelt.

  • Adrift

    Der Roman „Umlaufbahnen“ (Orbital) von Samantha Harvey verzichtet weitgehend auf Handlung oder einen Spannungsbogen. Es ist eine Meditation über die Erde und das Treiben der Menschen darauf. Insofern ist so etwas wie ein spoiler alert unnötig: 6 Charaktere leben und arbeiten in 400 km Höhe auf einer Raumstation, die mit einer Geschwindigkeit von 28000 km/h um die Erde kreist und diese so an einem Tag 16mal umrundet. Das ist auch die Idee des schmalen Buches: ein Tag, 16 Umlaufbahnen mit den Menschen auf dieser Raumstation. Wobei elementare Einheiten wie Tag und Nacht in diesen Höhen eine andere Bedeutung haben; 24 Stunden sind dort oben kein Tag.

    Anstelle eines Plots, einer Handlung, steht das Geflecht aus den Gedanken, Gefühlen und vor allem Wahrnehmungen der Astronaut*innen (4 Männer, 2 Frauen) im Zentrum. Die Fenster zur Erde ziehen sie magisch an, sie beobachten den Planeten, die Wolkenformationen eines Taifuns, die Lichter der Großstädte bei Nacht (die einzigen Hinweise auf menschliches Leben, die sie aus der Höhe wahrnehmen können), das Spiel von Sonnenlicht und Schatten, die Gebirge, die Wüsten,…. Samantha Harvey findet hier eine ganz eigene Sprache, durchzogen von einer spröden Sinnlichkeit; der schwindelerregende Fortschritt der Menschheit wird deutlich, vor allem aber die Demut gegenüber dem blauen Planeten.

    Die Erde ist „(E)in Planet, der vom Zentrum ins Abseits verbannt wurde – um ihn wird sich nicht gedreht (abgesehen von seinem knubbeligen Mond), er dreht sich selbst um andere. Er beheimatet uns Menschen, die wir größere und noch größere Objektive für unsere Teleskope polieren, die uns zeigen, dass wir kleiner und noch kleiner sind als gedacht. Da stehen wir und staunen. Und mit der Zeit erkennen wir, dass wir nicht nur an den Außenlinien des Universums stehen, sondern dass das Universum nur aus Außenlinien besteht, es keinen Mittelpunkt gibt, nur eine schwindelerregende Masse von tanzenden, taumelnden Dingen, und dass vielleicht all unser Wissen nur aus einem ausgeklügelten und sich ständig weiterentwickelnden Bewusstsein für unsere eigene Fremdartigkeit besteht, dass wir mithilfe der wissenschaftlichen Forschung das menschliche Ego immer weiter zertrümmern, bis es am Ende ein brüchiges Gebilde ist, durch dessen Risse Licht hereindringt.“

    Gegen Anfang und Ende des Buches wird auf das Gemälde „La Meninas“ von Velázquez verwiesen. Ebenso wie das Buch hat das Gemälde zahlreiche Bedeutungsebenen, es zeigt das „Spiegellabyrinth des menschlichen Lebens“, es erzählt auch von dem Ende der Herrschaft der Habsburger in Spanien. Zwar am Rande und doch im Vordergrund des Bildes findet sich ein Hund, der sich als einziges Wesen nicht an dem Spiel der Blicke beteiligt, sondern das eitle Treiben um ihn herum („all die Wege, die sie finden, keine Tiere zu sein“ schreibt Harvey über die Mitglieder des Hofes auf dem Bild) gelassen zu ertragen scheint.

    „Umlaufbahnen“ schafft es, die Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit der Erde und das Treiben der Menschen darauf aus einer ganz neuen Perspektive zu zeigen und öffnet so zahlreiche Bedeutungsebenen. Der Roman hat eine Tiefe und Intensität, so dass die schnelle Lektüre lange nachhallt. Auch ohne Spannungsbogen hat das Buch einen enormen Sog, dem ich mich sehr gerne hingegeben habe.

  • Das schönste Buch des Jahres 2025

    Vor wenigen Wochen versammelten sich renommierte Journalisten und verrieten dem Publikum der SZ ihren Favoriten unter den Erzählwerken. Elke Heidenreich begann ihren kleinen Text mal gleich mit dem Auftakt „Das schönste Buch des Jahres 2024…“ und sang eine präzise Lobeshynmne auf Samantha Harveys „Umlaufbahnen“. Ein Buch das es locker in meine Top 10 gebracht hat, und, ehrlich gesagt, meist sind die Tips von Frau Heidenreich für mich insofern aufschlussreich, weil ich ihnen besser nicht Folge leiste. Ist ja alles auch sehr relativ.


    Über das Cover kann man natürlich streiten. Aber, ähem, ich habe gerade, vielleicht, also, ich sage „vielleicht“, das schönste Buch des Jahres 2025 gelesen. Es hat knapp 600 Seiten, ich habe es über weite Strecken „verschlungen“, einmal abends 110 Seiten am Stück gelesen, was nah an meinen persönlichen Leserekord kommt. Es pendelt raffiniert zwischen verschiedenen Zeiten und spielt sich zu zwei Dritteln in einer Gegenwart ab, die 1975 Gegenwart war. In einem Feriencamp. Die Boys und Girls, die da auftauchen (und Liz Moore versteht es, ihnen wahres Leben und Lebendigkeit einzuhauchen), sind also in dem Alter, in dem ich war, als ich im Würzburg anfing Psychologie zu studieren. My Generation. Sozusagen. Ich werde jetzt aber nicht gleich die Who und „Live at Leeds“ auflegen. Und diese Identifikationsebene hat auch nicht meine Urteilskraft getrübt.

    Hammerbuch. Familienroman (über mehrere Generationen), eigentlich gar nicht mein Ding, aber egal. Ein Kriminalroman mit Tiefgang. Kein Mysteryroman, wie der Titel suggerieren könnte. „Der Gott des Waldes“ ist eine Geschichte vornehmlich weiblicher Befreiungsakte, und deren Scheitern als Option (was nun auch nicht mein Thema ist, weil das oberflächlich als „Frauenbuch“ abgetan werdem könnte). Ist es aber nicht, oder nur wieder so eine falsche Fährte – in einem Buch voller falscher Fährten. Zudem bekommt man gleich auch noch einen epischen Kurs in „Survivaltraining“ geliefert. „Wenn du dich verlaufen hast, setz dich hin. Und schrei laut.“ Und, das muss ich nun auch einräumen, ich war so drin in dem Buch, dass ich als auf das furiose Ende zulief, ein paar mal eine wirklich schaurige Gänsehaut erlebte, ehrlich. Auf keinen Fall den Klappentext lesen. Erscheint im Februar bei C.H. Beck. In meinen Top 10 wird es locker landen. Ein Pageturner mit langem Nachhall, versprochen! (Aber ich kann ja viel erzählen.) P.S. Ende März ist Liz Moore auf der LitCologne.

  • More songs about space flights and bus rides (echoes on Eno‘s second lecture)

    Music For Airports 2/1
    Apollo: Deep Blue Day
    My Life In The Bush Of Ghosts: Moonlight In Glory
    Cale / Eno: Cordoba
    „The Elderly Brothers“: Cerulean Blue

    I know the stories how Discreet Music and Music for Airports grew out of special experiences of Brian, in the studio experimenting with tape speed and synchronisation – and on a freshly built airport on Cologne. By the way, I never stooped returbing to these two albums. But the big fun of the second lecture was what I didn‘t know. Here are some of these moments including some aspects of the song CORDOBA. Please listen to this one before continuing reading. What kinds of feelings you have when listening to Cordoba? This photo was taken at Bundeskunsthalle, Bonn, August 1998, during my public talk with Brian. As you see, we sat quite relaxed there: this was the part with long drinks under an umbrella, and sharing our thoughts on some pieces we had brought along. Brian started with The Supremes.

    • One morning Brian was sitting in that new airport KÖLN / BONN the father of Florian from Kraftwerk once had built. Everything was impressive, the newness of every single element, the sunlight floating the spaces. But that German disco music?! In that space Brian found it slightly unnerving. He went to the bar, and asking for the music, someone told him something like this: „Oh, das ist unser Hans. Der bringt uns seine Kassetten von zuhause mit und dreht auf.“ Maybe, without Hans and his tape of German Disco Music (whatever that exactly was), Brian might never have composed Music For Airports. Sitting there, slightly impressed at first, then slightly bored by the music, he though about what kind od sounds he would want to listen to on airports. Music that should you make care less about your ego, your fears…. Thank you, Hans!

    • The time of John and Brian working on the album „Wrong Way Up“ was not easy. The thing with the lyrics, not easy, too. In a corner of the studio Brian read a book titled something like „Learning Spanish in 30 Days“. He found a list of phrases. They started to combine the phrases. Small changes. Repetitions. I always liked the song (as I liked the while album), for me the song with Cale‘s softly sung/spoken sentences had quite a dreamy atmosphere. Listen to it again, dear reader…. Now with the lyrics in comment 3. And afterwards, taken from the lyric pages of Tom Boon‘s Eno web, a bit of background of the song that fits very well to what Brian told yesterday (comment 4).

    • Brian shows how Deep Blue Day from Apollo grew from an improvisation on an omnichord. It finally got its special magic by slowing down the original tempo.

    • Though the homework is connected to the Cordoba piece and some other backgrounds, the lecture focussed on the stories behind some ambient classics. Of course Brian tried to find ways to find a fusion songs and ambient music: the most radical examples for a melange between these two worlds, are the albums THE SHIP and FOREVERANDEVERNOMORE. In facts, ANOTHER GREEN WORLD, released on November, 14, 1974, was, with its many instrumental pieces, the first attempt to combine, intertwine both of these „worlds“.

    • There is no replacement for listening. After the letcure, I am now in the mood to put on „Wrong Way Up“. Many years after the release of „Wrong Way Up“, Pitchfork publishes a long essay on the album that is worth reading: HERE.

    • My second interview with Brian (published in Jazzthetik in 1990) was (one half) about some of the songs. Here some things he said on the song „Empty Frame“ that ring a bell in regards to Brian‘s recurring thoughts about surrender: „So, all of those images of power beyond your own conciousness, beyond your own will, and of separation, are to do with the sea image for me. The other thing that’s in there, is about a little ship that is always falling apart, that they always are trying to fix up again. It says in there „the broken sails“. This is also a very poignant image to me of the notion of people constantly trying to repair their sails. What do you have a sail for? To catch wind, to catch the other forces that are around, the controllable forces. The wind is the force that you can do something about. The sea is not, you know. But of course, the wind also keeps breaking your sails, so you always have to sow them back together again. It’s an endless struggle to try to keep going in any kind of a line. Because the other implication in this kind of song is „Why don’t you surrender? Why don’t you surrender to the tide and see where you go?“ And in one of my old songs „Julie with…“, that’s what happened in that song, the people have surrendered. They’ve stopped, they’ve stopped rowing the boat and they suddenly have allowed themselves to become completely, not victims exactly, but to have fallen under the control of this powerful force.
    • Time maybe to listen to that „blue piece“ of „The Elderly Brothers“ on the tracklist.

  • Der Zusammenhalt. Ein Alpenmärchen

    In jedem Erwachsenen lebt noch das Kind

    Manga wusste nicht, wie sie in die ihr vollkommen ungewohnte und fremde Gegend geraten war.

    Sie war an einem schneebedeckten Berghang aufgewacht.Als sie sich aufrichtete und umhersah, entdeckte sie auf der gegenüberliegenden

    einen Wolf- Er stand da mit gefletschten Zähnen- Sie rief blinzelt hinüber: Hey Wolf, Rotkäppchen war schon.

    Er knirschte über den Grat: Du hast so schöne breite Wangen, zum Reinbeissen schön- Manga kullerte ihre Augen rund um die Stirn ,

    klimperte heftig mit einem verführerischen Augenaufschlag: Ach weisst du, die Welt ist so ohne Hoffnung, lass uns wenigstens zusammenhalten in der verheerenden Lage.

    Der Wolf hatte ihr sitzend zugehört. Langsam erhob er sich und sprang mit einem galanten Riesensatz hinüber zu ihr. Wow, staunte das Mädchen,

    Das kann ich nicht. Ich kann dafür singen und tanzen, das werde ich dir bei Gelegenheit beweisen.

    Sie liefen gemeinsam den Berg hinauf. Oben angekommen sahen sie weit und breit nur Berge. Kein Haus, kein Licht, nichts-

    Was werden wir essen, fragte das Mangamädchen. Lass mich dafür sorgen, mit mir wirst du nicht verhungern..

    Sie hätte den Wolf am liebsten getätschelt.  Wo werden wir schlafen. Überall gibt es Felsvorsprünge dafür.

    Weisst du, ich weiss garnicht wie ich hierherkam. Bei mir zuhause blühen die Kirschbäume auf grünen Wiesen.

    Es ist bestimmt schön dort, woher du kommst.Aber dort bin ich nicht, ich bin ja hier mit dir, wir sind zu zweit, das ist doch auch schön.

    Ja stimmt, aber hier ist es so kalt. Ich werde dafür sorgen, dass du immer warm hast.. Manga lächelte ihn an: du bist so liebevoll.

    Ach weisst du, ein böser Wolf war schon. Ich gebe mir Mühe der Welt zu zeigen, dass es auch anders geht.Soll heissen, der Welt etwas Bleibendes zu geben:

    Es soll mal erzählt werden: da lebte ein Wolf in der Bergwelt, der bis zu seinem Ende liebevoll zu einem fremden Mädchen war.

    Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

  • „Into The Piano“ – Jon Balke‘s forthcoming masterpiece

    Beim Schreiben dieses folgenden Textes versuchte ich, mir darüber klar zu werden, was genau die Software mit den Tönen innerhalb des Klaviers anstellt, und wie der Pianist mit ihnen interagiert. Beides ist mir trotz des Hörens der CD, trotz des genauen Lesens der press info, und trotz des Videos, ziemlich unklar. Daher die Fragen am Ende.

    1

    On Monday, I’m going to the Apollo cinema to see ‘Misty’, a film about the life of jazz pianist Erroll Garner. It’s a long way from Erroll’s album ‘Concert By The Sea’ to Jon Balke’s solo work ‘Skrifum’. Both share a total immersion in the material of the sounds, the one whirls with immense speed, the other seems to listen to every single sound, staging an ethereal realm of shadows and reflections parallel to the ‘real sounds’. It fascinates me how a different space comes into play with each piece (all tracks consist of one word alone). En passant, never crashing, gate after gate opens up. Sometimes there are traces of the Far East, sometimes a hint of Cage’s ‘In A Landscape’, a distant memory, once (and with a gentle shiver from vortex to vortex), of ‘The Plateaux Of Mirror’ by Eno and Budd, and and and and. Despite all the fleeting chains of association, you end up in the exciting, quiet presence of a horizon that is by no means aseptically cool. An experiment from the sound laboratory – and at the same time ‘blue jazz magic’! *****


    2

    Wir können gerne, in der Folge, über Psychoakustik reden, und über Philosophie.

    A cuppa tea, dawn, and „Skrifum“ plays, the forthcoming piano album by Jon Balke. It‘s his fourth solo trip on ECM, after „Book of Velocities“ (the late John Kelman loved it very much), „Warp“ (2016 – jazz album of the year at Deutschlandfunk, in the ears of Harald Rehmann and myself) and „Discourses“ (2020). And again it‘s different from the one before, as the third one was different from the second one, and the second from the first.

    So far, so good. Along with Tommy Perman and Alabaster dePlume, Jon Balke is the third man talking on his new piece of art, in my radio hour on March, 27. His electronic audio tool is named „Spektrafon“: a live processing software he helped develop with technology professor Anders Tweit. Using this interface, Jon Balke is now able to directly manipulate ambient audio sound from the piano in real time – pulling out frequencies and sustaining them as chords of harmonics, showers of sparkling overtones, or eerie drones. Activated and energized reverberation thus becomes new material for improvised interaction and dialogue, often with quite beautiful results.

    So far, so good. All these sentences rely on the background informations of ECM Headquarter – and me working on my playlist in motion you can find in the RADIO column of our „monthly revelations“. Skrifum means “write” in Icelandic and, for all the technological sophistication employed, there is an almost calligraphic quality to the melodic lines and sounds that Balke carefully shapes along the way: writing, drawing and designing the music in the changing light and lengthening shadows cast by the processed material.

    Ich übersetze die letzten Sätze mit Deepl, um mir ihren Inhalt noch klarer vor Augen zu führen: Skrifum bedeutet auf Isländisch „schreiben“, und trotz aller technischen Raffinesse haben die melodischen Linien und Klänge, die Balke auf dem Weg dorthin sorgfältig formt, eine fast kalligrafische Qualität: Er schreibt, zeichnet und entwirft die Musik im wechselnden Licht und den länger werdenden Schatten, die das verarbeitete Material wirft.

    So weit, so gut. Das alles steuert auf zwei, drei Fragen zu, die ich stellen werde. Den kreativen Prozess führt Jon besagtem Hintergrundtext weiter aus: “The Spektrafon’s sound feeds back in ways that demand space,” says Jon Balke. “So I take that opportunity to play mostly monophonically and to focus on every single note and its weight and position in the soundscape.” Zu deutsch: „Der Klang des Spektrafons ist sehr raumfordernd. Ich nutze also die Gelegenheit, meist monophon zu spielen und mich auf jede einzelne Note und ihr Gewicht und ihre Position im Klangbild zu konzentrieren.“ Eine fast kalligraphische Qualität also – man sehe sich nur das Cover an. So sieht es aus, wenn Jon Piano spielt, und dabei das Spektrafon bedient: HIER!

    Am Montag gehe ich ins Apollo-Kino, um „Misty“ zu sehen, einen Film über das Leben ses Jazzpianisten Erroll Garner. Es ist ein weiter Weg, von Errolls Album „Concert By The Sea“ bis zu Jon Balkes Solowerk „Skrifum“. Restlose Versenkung in das Material der Töne haben beide gemeinsam, der eine wirbelt mit immensem Tempo, der andere scheint jedem einzelnen Sound zu lauschen, inszeniert, parallel zu den „realen Tönen“, ein ätherisches Reich von Schatten und Spiegelungen.

    Es fasziniert mich , wie da mit jedem Stück (alle Titel bestehen allein aus einem Wort) ein anderer Raum ins Spiel kommt. En passant, nie krachend, öffnet sich da Pforte auf Pforte. Es gibt mal fernöstliche Spuren, mal einen Hauch von Cages „In A Landscape“, eine ferne Erinnerung, einmal (und mit sanftem Schauer von Wirbel zu Wirbel), an „The Plateaux Of Mirror“ von Eno und Budd, undundund.

    Bei allen flüchtigen Assziationsketten landet man letztlich und in einem fort in der aufregenden, stillen Gegenwart eines keinesfalls aseptisch-unterkühlten Horizonts. Ein Experiment aus dem Klanglaboratorium – zugleich auch „blue jazz magic“! *****

    Nun die Fragen: wie triggert
    Jons asketisches Spiel, das
    das zuweilen durchaus up tempo ist,
    diese elektronischen Sphären, wie

    genau entsteht der Sound
    im Klavier, wie laufen da,
    in Sekundenbruchteilen,
    ästhetische Entscheidungen ab?

  • Enos Songseminar (erste Lesung) – „Spiel mit verdeckten Karten“ (for Tom Boon, co-seminarist aka Mr. EnoWeb)

    (1) Alles, was ich in dieser Woche schreibe, findet sich hier, und dreht sich, in engeren und weiteren Umlaufbahnen, um Brians erste „lecture“. Das heisst, dieser Text wird immer wieder mal ergänzt. Eher ein Wimmelbild voller Gedanken als ein ausgefeiltes Mosaik. Zeitgleich mit dem Webinar habe ich mit einer Psychologin eine „Luzide Traum-Gruppe“ ins Leben gerufen, die sich einmal pro Woche trifft.

    (2) Wie schön, dass Brians Vortrag mit einem „reality check“ begann. Das machen wir, die wir luzide Träumer lieben, täglich. Alle Songs, die in diesem Text auftauchen, sind in irgendeiner Art Teil der Vorlesung, oder höngen assoziativ damit zusammen. Ein Paradestück eines ex-zentrischen Liedes von Richard Dawson wird hier genauso viel Sinn machen wie ein italienisches Fischrezept und eine Erinnerung an Brians „Spider and I“. Oder dieser seltsame Song aus dem Jahre 1957: The Silhouettes: Get A Job

    (3)„The best thing of getting ahead is to get started.“ Dieser Satz von Mark Twain hätte hervorragend in die erste Vorlesung gepasst. In voller Länge: American writer Mark Twain commented, “The secret of getting ahead is getting started. The secret of getting started is breaking your complex overwhelming tasks into small manageable tasks, and starting on the first one.” 

    (4) In Berlin sassen Eno und Bowie zusammen und arbeiteten an einem Track, der später „Moss Garden“ heissen sollte. Als Inspiration zog jeder der beiden – verdeckt – eine Karte aus den „Oblique Strategies“. Und ohne den Inhalt auszutauschen, versuchte jeder, der jeweiligen Anweisung, die im nachhinein ziemlich widersprüchlich erschienen, nachzukommen.

    (5) Eine Art Hassliebe pflegt Eno zu Songlyrics. Zu leicht ziehen sie seiner Meinung nach die Aufmerksamkeit von dem Klängen auf die Worte, den Sänger, die Bedeutung. Er stellte diverse Strategien vor, diese Bedeutungseben auszuhebeln, von „unsinnigen Wörtern“, wie sie auf „Get A Job“ auftauchen, über andere Limitierungen, die einen frischen Zugang zu Wörtern als Klang befeuern. Es ging um die Klangmuster englischer Glockenspiele, um Haikus – und folgendes kleines Gedicht von Rick Holland hätte auch auch wunderbar in diese erste Vorlesung gepasst:

    Vaults

    Danil Pulin and young I sub stars
    Daniel Pulin sad
    I accompanying in proximity to his pain
    I so young, Danil so sad.
    But both aghast at upwards vast
    Backs to a flint wall
    Sitting on cold grass
    So far from familial warmth
    Of any kind
    Gazing up - Danil talks of star magic
    and Star shoots that instant across a vast night sky
    Both of us GASP
    Danil is an outcast, glass, short sight, so solo
    I accompanying - through my own odd
    Two young boys and a night-time
    Star magic upwards


    Danil Pulin and Stars (a writing exercise in not using letter ‘e’ – prompt from Roger Robinson book ‘On Poetry’)


    (6) Damit das alles nicht ausufert, arbeite ich doch nur an diesem einen langen Echo, und mit einer klaren Spielregel. Jeder Subtext wird mit fettgedruckten Buchstaben markiert. Ich sollte mir also gut überlegen, was ich aufgreife, weiterspinne, was nicht. Denn nach 12 ist Schluss. Und dieses sechste Echo ist somit schon mal sinnfrei verschossen.

    (7) Als kleines Schmankerl befasst sich „das siebte Echo“ mit einem Fischrezept, das zu einem wiederkehrenden Ritual deines Alltags werden könnte. Wenn Richard Dawson einen Song schreiben kann über den Zauber von Kleingartenanlagen – HIER – aus seinem im Februar rauskommenden Album „End Of The Middle“, wird mir sicher ein feines Loblied auf ein Kartoffelbett gelingen: und diese Kreation hat zudem ein bisschen was mit Enos Webinar zu tun, geht es doch zuweilen um „breaking the routine“ sowie minimalen Imput mit maximalen „Impact“. Aber hier nun das, was dein Leben verändert:

    Wenn ihr euch die Zutaten für das folgende Rezept besorgt, und es sind nur wenige Zutaten, kommt es auf die Details an. Die geschälten Kartoffeln (mit Hilfe einer Mandoline) in feine Scheiben schneiden. Um den Kartoffeln etwas die Stärke zu nehmen und aie davor zu bewahren, im Ofen zu sehr zu verschmelzen, kann man die Scheiben einfach in kaltem Wasser abspülen. Aber auch ohne diesen Schritt geraten sie sehr gut, nur halt etwas cremiger. Am besten, du probierst beide Varianten aus und entscheidest dann, was dir besser schmeckt.

    Knoblauch und Ptersilie fein hacken und mkteinander vermengen. Unbehandelte Zitronen gut waschen und einige wenige feine Scheiben davon herunterschneiden, um sie unter die Kartoffelscheiben zu mischen. Die genaue Menge findest du schon selber raus, je nach der Grösse deines Bleches. Die Kartoffeln und die Zitronenscheiben auf eben diesem Blech oder in einer Gratinform ausbreiten und salzen. Einen Teil der Knoblauch-Petersilie-Paste darüber verteilen und grosszügig supergutes Olivenöl hinzufügen. Mit deinen Händen alles gut miteinander vermengen, sodass Kartoffel- und Zitronenscheiben von Salz, Olivenöl, Petersilie und Knoblauch überzogen sind. Uff, das wäre geschafft!

    Die Kartoffeln nun in den auf 180 Grad vorgeheizten Ofen schieben und schon einmal vorgaren. Je nach Menge und Dicke dauert es 10, 15 Minuten, bis die Kartoffeln weich im Inneren und an den Rändern golden und knusprig werden. Damit sie gleichmässig garen, kann man sie zwischendurch einmal umschichten. Während Kartoffeln tendenziell gar nicht gar genug sein können, ist Fisch oft sehr viel früher gar, als du denkst. Bleibt er nur zwei Minuten zu lang im Ofen, gerät er trocken, und sein Potential ist ruiniert.

    Nun also zum Fisch: du kannst so gut wie jeden nehmen, und wenn dir das Rezept einmal in Fleisch und Blut übergegangen ist, wirst du Fisch nur noch selten anders zubereiten wollen, versprochen! Die Einfachheit dieses Rezepts ist genial: zu einem bestimmten Zeitpunkt legst du den Fisch als ganzen auf das Kartoffelbett. Die mitsen oben genannten Zutaten aromatisierten Kartoffeln geraten knusprig und cremig, die Zitronen karamelisieren an ihren Rändern leicht und liefern eine feine Süsse und Säure. Der Fisch bleibt bei sich, und darf seine ganze Frische und Qualität zeigen.

    Wähle einen Fisch, der sich in glänzender Frische mit prallen, glasklaren Augen präsentiert. Steibutt, Seelachs, Rotbarsch, Wolfsbarsch, Dorade, Saibling, Forelle, whatever – auf einem Kartoffelbett fühlt sich jeder Fisch wohl (das gilt natürlich auch für Filets). Wichtig: den gewählten Fisch auf der Oberseite mit einem scharfen Messer mit wenigen parallelen Schnitten einschneiden und etwas von der Petersilie-Knoblauch-Mischung darauf verteilen. Auch das Innere des Fisches damit einreiben.

    Den Fisch des Vertrauens auf den fast garen Kartoffeln platzieren, und unter wachsamer Beobachtung zwischen fünf und fünfzehn Minuten garen lassen. Zwischendurch an der dicksten Stelle einmal vorsichtig einstechen und den Gargrad kontrollieren. Den perfekten Gargard erkennt man daran, dass das Fleisch nicht mehr ganz durchsichtig, aber noch etwas glasig und überaus saftig ist. Und dann, ratzfatz, das Blech sofort aus dem Ofen nehmen, und heiss auf die Mitte des Tischs stellen. (sorry, Jan from Pittsburgh that you can‘t join the party with your allergy – but what about a T- Bone Steak (that reminds me of the beautiful Neil Young song with minimal lyrics and smashed potatoes! And back we are in song territory!)

    (photo taken in 2014, in Brian‘s Notting Hill studio, one day before the interview with Eno & Hyde, a short time after his travel to Morocco – the hat is from there!)

    (8) Die erste „lecture“ begann also mit einem Traum. Brian wurde vo einem dunklen Uber in immer fremdartiger wirkende Regionen Südlondons gefahren, die ihm völlig unbekannt waren. Der Fahrer trug eine eigenwillige Haarpracht. Am Ende der Fahrt öfnete, so erinnere ich es, eine korpulente Frau die Tür, und fragt Eno: „Are you the speaker?“. Tatsächlich, enthüllt Brian, sei dies gar kein Traum gewesen, sondern eine reale Erinnerung an eine Fahrt an ein Kunstinstitut, in dem er einen Vortrag hielt. Anschliessend ermunterte er alle Teilnehmher, sich in der Folge zwei kurze Filme anzusehen, und sich von ihnen zu einem kleinen Song anregen zu lassen. Man möge alles Urteilen vermeiden, und ganz frei den Angeboten der eigenen Empfindungen und Assoziationen folgen. Man bekam zu dem zu entwickelnden Lied ein paar schriftlich formulierte Ideen mit auf den Weg. Danach gäbe es eine zehnminütige Pause, die man nach diesem Kraftakt entspannter Imagination auch nötig habe. Einer dieser Sätze lautete (wiederum ging es darum, Konventionen auszuhebeln): „Ein Song kann aus nur einem einzigen Wort bestehen“. Das hat fast Koan-Qualität, dachte ich mir und summte ein launiges „Ommmm“ vor mich hin.

    (9) Was für mich so faszinierend ist: in der Tradition jener britischen Kreativschmieden, an denen Eno Kunst studierte, unterrichtet er hier auch. Alles ist durchdacht, aber nicht in kleinen akkuraten Bausteinen zusammengesetzt. Brian stromert durch seinen eigenen Wissens- und Erfahrungsfundus, und dockt, quer durch die Jahrzehnte, an alten und neueren Liedern an. Und ich kenne diese Songs soooo gut. Eine Freude, zu hören was er über die Songtexte von „Spider and I“ und „Miss Shapiro“ kundtat! Unterschiedlicher können zwei „lyrics“ kaum sein. Und so gleite ich mit Brian vorwärts und rückwärts durch die Jahrzehnte. Durch gelebtes Leben hindurch, und bleibe dabei, im Idealfall, erfinderisch statt nostalgisch!

    (10) – Brian Eno und Herbie Hancock – ich wusste gar nicht, dass die Zwei mal gemeinsam im Studio waren. Es gibtjedenfalls keine recordings. Aber die Story war gut. Und die Sache mit „Spider and I“: ja, es gibt, neben der romantischen auch die unheimliche Dimension dieses Songs: eine welt nach einer möglichen Katastrophe, das einsame Driften durch dem leeren Raum. Ich habe eine ganze persönlich Geschichte mit diesem Song, sie führt zurück in das Jahr 1978. ich habe sie bestimmt schon einmal erzählt. Die Wintersonne von Gerbrunn bei Würzburg ist mein Zeuge.

    (11) – Gestern Abend (12.00 pacific time) war ich bei der ersten Serie der Questions and Answers dabei. Die Fragensteller werden per Zoom zugeschaltet, Eno nimmt Aspekte ihre Antworten auf, um dann, konzentriert und mäandernd zugleich („I‘m the master of tangents“) darauf einzugehen. Leider war mein Wlan etwas zu stotterig, ich werde mir die Aufzeichnung in Ruhe ansehen.

    (12) – Dieses Seminar ist so überfliessend an Anekdoten, Techniken, Erinnerungen, Homeworks, dass ich es nicht weiter in „literarischer Form“ begleiten möchte. Erst am Ende, ein Rückblick. Ich nehme einfach dran teil, I enjoy, I surrender!