Die letzte Endeckung des Jahres
Tommy Perman und Andrew Wasylyk made a wonderful album on Clay Pipe Music, and they will be my first interview partners in 2025. „Ash Grey And The Gull Glides On“ will be, simply said, a revelation for all friends of Cluster, Moebius & Roedelius with or without Eno, Boards of Canada, the moody side of experimental electronica, though it sounds different from all names mentioned, and never strolls along well troden paths. You can easily fall for this album full of surprises and sidesteps – the old playbook doesn‘t work here. A little wonder.
Einer schreibt, und so launig versuchen manche Kritiker zu umschreiben, was sie hören, mit Stichwörtern und Vergleichen, die allesamt ein wenig hinken und treffen zugleich. „Das eröffnende, gedämpfte, flatternde Climb Like A Floating Vapour beginnt fast wie Dub-Techno, bevor Saxophon und Klavier es in etwas verwandeln, das an eine moderne Soft Machine erinnert.“ Oder : „“Remain In Memory“Full Of Light ist ein sehr cooler Kontrabass-Groove. Das Stück, das sich um mehrere Mantras – „Hand zu Hand, Herz zu Herz“ – gruppiert, bewegt sich in einem Bereich zwischen den US-Post-Rockern Tortoise / Isotope 217 und Sun Ra’s Twin Stars Of Thence“. „Ash Grey And The Gull Glides On“ ist im Nachhinein bei meinen zwanzig Lieblingsalben des Jahres gelandet.
Fernfahrer
Meine kleine Reihe über die Suche nach meinem Blutsbruder ist noch nicht zuende erzählt. Zwar endete die Suche selbst so traurig wie nur irgend möglich, mit der Nachricht seines Todes Ende September, und in dem Bewusstsein, ihn im Juli nur um drei Häuser verpasst zu haben. Aber natürluch brachte das alles eine Flut von Erinnerungen mit sich aus der Zeit zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr, ein Quantum Wehmut, und die Wederbegegnung mit alten Volksschulkameraden, die ich erstmals nach Ewigkeiten wiedersah. Ihnen werde ich demnächst wieder begegnen, „Im Alten Dorfkrug“ oder sonstwo im Südwesten meiner alten Heimat. Ich hoffe, K. besiegt seine Erkrankung, M. hält weiter die Ohren steif, und ich sehe endlich seine Schwester wieder, das „Gedächtnis vom Weissdornweg“. Dann kramen wir noch ein paar alte Dinge zusammen.
Eine rein sentimentale Angelegenheit? Es geht nicht nur darum, sich an alten Geschichten zu erfreuen – mit der da stets mitschwingenden Traurigkeit. Oder doch – vielleicht ist das schon alles. Naja, da ist schon noch mehr im Spiel. Wäre meine Kindheitsgeschichte mit Matthias ein Film, im Soundtrack wäre sicher „The Fun Of Watching Fireworks“ dabei, vom American Analog Set. Und lauter alte Lieder aus der Zeit zwischen 1961 und 1966, auch alte Schlager, sowieso „unser“ Donovan, und eine Fernsehserie aus der alten Bundesrepublik, „Fernfahrer“, die damals, Sonntags um die Mittagszeit, über die Mattscheiben flimmerte, und Matthias und ich sahen die eine und andere Folge gemeinsam. Es war uns ein Fest. Komm, wir machen eine Zeitreise: HIER ist eine Folge daraus.
(Als das dritte Schuljahr begann, kingelte Matthias bei mir. Mein Vater hatte mir gerade eindringlich mitgeteilt, jetzt begänne „der Ernst des Lebens“. Das erzählte ich Matthias sofort, noch bevor wir über den Spielplatz gingen, und bei Zurli klingelten. Ich lachte laut: „Mattes, das erzählte mir mein Vater schon letztes Jahr. Aber der Ernst des Lebens kann doch nicht jedes Jahr anfangen. Das geht doch gar nicht.“ Wir hatten unseren Spass daran, die Vernunft unserer Eltern so kindlich wie gewitzt auszuhebeln!)
A playlist of dreams

If they would ask me to make a surprising Klanghorizonte hour on the last evening of 2024, it would look like this, including reissues and albums from the near future besides music from the near future, as well as stuff at hand by now. Of course, one piece or another will end up in my March show, and maybe all. Merry christmas!01 – Trees Speak: Timefold
02 – Feliciá Atkinson: Space As An Instrument
03 – Andrew Wasylyk / Tommy Perman: Ash Grey And The Gull Glides On*
04 – Rainer Brüninghaus: Freigeweht
05 – Jon Balke: Skritum**
06 – Joni Mitchell: Hejira Demos
07 – Ambrose Akinmusire: Honey From A Winter Stone
08 – Sam Amidon: Salt River***
09 – Alice Zawadski / Fred Thomas / Misha Mullova-Abbado: Za Górami
10 – V.A. – Even the Forest Hums: Ukrainian Sonic Archives 1971-1996
11 – Terry Riley: Shri Camel****
* an interview with Tommy Perman or even both men from Scotland is in preparation.
** the forthcoming album of Jon Balke will be released at the end of February. From the very first note, Norway’s Jon Balke proposes a new sonic dimension with Skrifum, continuing a line of inquiry begun with Warp (2016) and Discourses (2020), solo piano albums which also processed the acoustic environment in which the music was heard.
*** „whether he’s covering Mariah Carey like she’s Bessie Jones or working with the likes of Nico Muhly and Thomas “Doveman” Bartlett, Sam Amidon has always pondered just what’s so folk about folk music. For Salt River he promoted the experimental jazz saxophonist Sam Gendel from sideman to full collaborator, and together, they emphasise the synthlike quality in Amidon’s spidery guitar playing and the rhythmic elements of old folk tunes like “Golden Willow Tree”. Best might be their interpretation of the traditional ballad “Tavern”, which thrums with New Wave percussion, reeling fiddle and a breathtaking solo by Gendel. Folk bends under their queries, but doesn’t break.“ (Uncut, Jan. 2025)
**** i lost a copy of this Riley album years and years ago. I just remember I loved it, and may look for a wonderful passage for the closing minutes.
Noch ein kleiner Rückblick
Von denen, die Platten vor die Kamera halten und darüber erzählen, zähle ich Norman Maslow zu den sympathischeren Erscheinungen. Er ist in der Musik drin, ohne sich aufzuspielen. HIER ist sein Jahresrückblick, in dem er von seinen Lieblingsplatten 2024 aus der Abteilung „reissues“ und „archival discoveries“ erzählt (minus Jazz, minus Boxsets). Komplett authentisch, und Ahnung hat er auch. Aber natürlich: jeder hört die Welt auf seine Weise. Ein paar seiner Empfehlungen werde ich mir mal „vorknöpfen“. Und weil er mich darauf neugierig gemacht hat, nenne ich diese Zeitreise irgendwann im Januar „Michael öffnet Normans Plattenschrank“. Die folgende Schallplatte hat nichts mit Normans Auswahl zu tun, wohl aber mit den guten alten Zeiten: bis vor wenigen Tagen wusste ich gar nichts von ihrer Existenz. Und ich kann mir vorstellen, dass sie Mr. Maslow sehr mochte und mag. Aber wie gefällt sie euch? (Und HIER noch ein kleiner Nachtrag: seine favourites in der Abteilung Boxsets 2024, an dritter Stelle mein geliebter American Analog Set).

„The Blue Yusef Lateef“ Ist bei Speakers Corner 2023 neu aufgelegt worden in einem sehr akkuraten „analog remaster“. Als Cd und Stream ist das Album sowieso auch verfügbar. Erschienen bei Atlantic Records in dem wilden Jahr 1968.
Besetzung: Sonny Red – Alto Saxophone / Blue Mitchell: Trompete / Cecil McBee, Bob Cranshaw – Bass / Roy Brooks – Drums / Kenny Burrell – Guitar / Buddy Lucas – Harmonica / Hugh Lawson – Piano / Yusef Lateef – Tenor Saxophone, Flute, Tambura, Koto, Percussion / Produktion: Joel Dorn.
Bei dem Namen des Produzenten werden einige aufhorchen. Hat er nicht einiges, das Richtung „smooth jazz“ ging, auf den Weg gebracht?! Ich horche auf, wenn ich Cecil McBee am Bass erlebe. Ein alter Meister seines Fachs. Sowieso sind hier einige „cracks“ versammelt. Und natürlich: Yusef hat früher von weltoffenen Horizonten geträumt als Don Cherry. Man denke nur an seinen Klassiker „Eastern Sounds“.
Haben wir hier ein sehr interessantes, spannendes Album vorliegen, oder doch etwas zuviel auf „mood music“ gerimmten „good feel“-Jazz? Oder etwas irgendwo dazwischen? Ich sage mal, irgendwo dazwischen. (m.e.)
„Von Captain Underpants zu La Chimera“: Kinotage im Homecinema

Eröffnet wurde das kleine Filmfestival zwischen den Jahren mit einer Kindervorstellung. Es gab erst „Captain Underpants“, dann Vanilleeis in der Pause, anchliessend „Paddington“, den Film mit dem Bärenflüchtling aus Peru (er würde in einem Europa, in dem die neuen Faschisten das Sagen hätten, kaum Asyl erhalten). Der kleine J., gerade mal 3 geworden, ging mit E., bevor „Paddington“ begann, eine Etage tiefer zu seinen Spielsachen – in dem animierten Film gibt es traurige und unheimliche Szenen, die ihm allzu nah gehen könnten (wer möchte schon mit drei Jahren sehen, wie ein trautes Heim geflutet wird?)
Es folgen in den kommenden Tagen weitere Filme für das Erwachsenenkino. Ich gebe den Vorführer und erzähle den jeweils fünf Anwesenden (sold out, jede Vorstellung, schon jetzt) zuvor ein paar kleine Hintergründe (bei den Kindern schenke ich mir das natürlich, die wollen immer , dass es gleich losgeht!). Auf dem Programm steht die soundsovielte Wiederholung von „Barry Lyndon“, und ein Film, den ich schon lange sehen wollte, „Das letzte Duell“. Und, klare Kante, ein Film mit Hund, „Arthur The King“ : „a sports adventure drama. The true story follows Michael and his group of racers who compete in the Adventure Racing World Series. Along the way, they meet a dog who begins to follow them around.“

Zu Sylvester dann traue ich dem gesammelten Enthusiasmus aus der Ecke der Verfechter des „magischen Realismus“. Da steht dann um 21.00 Uhr „La Chimera“ auf dem Programm. „Der beste Indiana Jones Film des Jahres“, damit wird dieses Movie augenzwinkernd beworben: „O’Connor is a first-class Jean-Paul Belmondo-like brooder, until he something trips him up and he beams like a little boy“. Denken wir uns ein bisschen Fellini dazu, und es passt.
Ein Quantum Eskapismus ist, wohldosiert, antidepressiv, Seelennahrung, und schärft die Sinne für die Welt am Abgrund da draussen.
„Sometimes, of course, gritty,
dark, real stuff is dripping,
blood on its tracks,
from the screen.“P.S.: 22.12., morgens. Gestern abend hat der Besuch der „italophilen“ Annelie dazu geführt, dass der Sylvesterplan über den Haufen geworfen wurde, und nun ein anderer toller Film zur Jahreswende her muss. Wir schauten also zu dritt „La Chimera“: wonderful, wonderful! Danach bekam ich Lust, eine Paolo Conte-Platte aufzulegen😉. Auf jeden Fall schaute ich heute morgen nach, was mein Sparringspartner in Sachen Filmkritik im Guardian dazu schrieb, der gute Peter: HIER. Wie er vergab auch ich alle fünf Sterne (aber lest die Besprechung besser erst nach dem Sehen (der Film ist, synchronisiert, als DVD erhältlich. Ob er bestreamt wird irgendwo, weiss ich nicht).
Eine magische Sequenz (von zahllosen),
als ich anfangs meinen Ohren nicht traute,
in einem Film ohnehin voller Täuschungen
und Trugbilder:
ein Stück von Kraftwerk!Als zweiundzwanzigstes Türchen im Adventskalender der Flowies nun doch ein Blick auf die ersten Sätze von Peter Bradshaws Preisung: „Der neue Film von Alice Rohrwacher ist eine betörende Fantasy-Komödie über eine verlorene Liebe: geschwätzig, aufrüttelnd und feierlich in ihrem absolut unverwechselbaren Stil. Es ist ein Film voller Leben, in dem die Figuren kämpfen, singen, stehlen und die vierte Wand durchbrechen, um uns direkt anzusprechen. Wie schon in ihrem vorherigen Film Happy as Lazzaro stellt Rohrwacher Italien als eine Schatzkammer vergangenen Ruhms dar, als eine nekropolitische Kultur von alter Qualität. Sie kann für die heutigen Artefakte und die von den Toten auferweckten Geister geplündert werden, aber um den Preis einer schrecklichen Traurigkeit: dem Gefühl, sich mit Geistern zu umgeben.“
Jazzauslese 2024 (für Rosato)
Just listen HERE
Das Trio Loewner / Clausnitzer / Engelbrecht
Thomas schrieb uns zwei Mitspielern: „… Gestern habe ich unsere Sendung für heute Abend sendefertig gemacht. Das Nachhören und Schneiden war ein großer Spaß und ich denke mir ist es gelungen, die entspannte und unterhaltsame Gesprächsatmosphäre zu bewahren. …“ Kann man sieben Tage in der Audiothek des DLF nachhören.

P.S. Am Ende der Sendung geht es um das Ziegenhorn, das Karl Seglem erstmals einem grossen Publikum bekannt gemacht hat. Mit allerfeinsten audiophilen Produktionen. Als wir die Sendung aufnahmen, wusste wir noch nicht, dass die Trompeterin und Ziegenhornspielerin Hildegunn Øiseth Ende Januar zu hören sein wird als special guest auf „Under The Surface“, dem neuen Werk des Julia Hülsmann Quartet.
P.P.S. Aaron Parks hätte ich auch gerne mit den Jungs „gespielt“. Und besprochen. Als ich das Teil bekam, das auch Mr. Whistler sehr schätzt, flog mich eine Erinnerung einer alten Rosato-Besprechung an, von einem früheren Album des 40-jährigen Pianisten: die neue Arbeit ist einmal mehr bezaubernd, an einer Stelle schwebt Zawinuls Wetterbericht durch die klimatisierte Studioluft.
I would also have liked to ‘play’ Aaron Parks with the boys. And discussed it. When I got the piece, which Mr Whistler also appreciates very much, I was struck by a memory from an old Rosato review, from an earlier album by the 40-year-old pianist: the new work is once again enchanting, at one point Zawinul’s weather report floats through the air-conditioned studio air. „Little Big III“ is something to discover, a perfect tool for time-travellers.
monthly revelations (january)

(albums) bridget hayden and the apparitions: cold blows the rain (film) all we imagine as light (prose) 33 1/3: leah kardos: kate bush‘s hounds of love (talk) „sound systems could be risky“ – dennis bovell talking, with a few introductory words from flowworker hq (radio) radio & storytelling (binge) die toten von marnow (2) (archive) annette peacock: an acrobat‘s heart
my 20 fave albums 2024
01. Beth Gibbons: Lives Outgrown
02. Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowlege Its Grace
03. Erik Honoré: Triage
04. Fred Hersch: Silent. Listening
05. Jessica Pratt: Here In The Pitch
06. Anna Butterss: Mighty Vertebratae
07. Jeff Parker ETA IVtet: The Way Out Of Easy
08. Jakob Bro: Taking Turns (my radio review: HERE)
09. Ganavya: like the sky i‘ve been too quiet
10. Einstürzende Neubauten: Rampen
11. Nala Sinephro: Endlessness
12. Kalma / Chiu / Honer: The Closest Thing To Silence
13. Eric Chenaux: Delights Of My Life
14. Laurie Anderson: Amelia
15. Danish String Quartet: Keel Road**
17. Laurence Pike: The Undreamt-of Centre
18 Andrew Wasylyk & Tommy Perman: Ash Grey And The Gull Glides On
19. Pan American & Kramer: Reverberations of Non-Stop Traffic on Redding Road
20. Tindersticks: Soft Tissue„Weltraum, Mystery, Western, Fussball“: Salman Rushdie‘s 2024 favourite books (and more)
In der Vorweihnachtszeit versuche ich oft, Schmöker mit Tiefgang zu finden. Unvergessen die Tage der Kindheit, in denen ich an der Nordsee oder daheim im Weissdornweg einen Klaus Störtbecker-Roman las, „Die Geheimnisse von Paris“ von Eugene Sue, oder „Die Frau in Weiss“ von Wilkie Collins, bald darauf in ZDF oder ARD verfilmt mit, wer erinnert sich noch an eine Zeit, in der Frauen solch einen Vornamen trugen, Heidelinde Weiss. So leicht wie früher ist das nicht, so leicht ist man halt nicht mehr zu beeindrucken. Aber mit ein paar Tricks ist die Fährte potentieller Lieblingsbücher aufzunehmen. Und wer immer durch die folgende verzweigte Sammlung von Empfehlungen den einen oder anderen Leserausch erfährt, möge es mir hinterher mitteilen. „Umlaufbahnen“ ist wahrscheinlich das Buch, auf das sich die Flowworker (und special guest Salman😉) am ehesten einigen könnten.
Wir werden stöbern und magische Bücher finden!

„My favourite novel this year was James (Mantle) by Percival Everett. By giving the runaway Jim from Huckleberry Finn his own voice (or voices) and his dignity – James, not Jim – he adds a dimension that’s missing from the original, and, I think, improves on it. I loved and admired Hanif Kureishi’s memoir Shattered (Hamish Hamilton), in which he brilliantly faces a physical catastrophe with honesty, courage, and his characteristic dark humour. And if I find this year’s Booker winner, Orbital (Vintage), by Samantha Harvey in my stocking I’ll be very pleased. I’m obsessed by space travel myself, and this is a writer I don’t know and I should clearly change that.“
Eine feine Tradition des Guardian, viele Schriftsteller nach ihren Lieblingsbüchern zu befragen. Ich bin schon öfter fündig geworden, gerade bei „favourite writers of mine“. In diesem Fall war ich etwas schneller als Salman, besser gesagt, zwei seiner Bücher habe ich schon eine Weile, und sie liegen auf meiner to-read-Liste an zweiter und dritter Stelle. Die Bücher von Percival und Samantha liegen in deutscher Übersetzung vor. Ich hoffe sehr, dass in Samanthas Buch auch Musikalisches reinspielt, dann würde ich, wenn es nicht Mozart oder Beethoven wären, gerne in die Klanghorizonte im März einbauen. Denken wir nur an das, was Astronauten einst auf Apollo-Missionen ins Weltall mitnahmen!

Der Roman, der bei mir an erster Stelle auf dem Stapel meines Vertrauens liegt, ist der jpngste Roman von Liz Moore, der übrigens Ende Januar bei C.H. Beck verlegt wird: ich habe gerade mal füfzig Seiten gelesen, und schon hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen! Schon der Vorgänger, „Long Bright River“, auch bei Beck rausgekommen, war grosse, einsame Klasse. Sie begann übrigens als Musikerin, bis sie herausfand, dass das Schreiben ihre Berufung war. Ende März wird Liz Moore zur LitCologne kommen, und vermutlich werde ich sie dort – nicht nur zu ihrem neuen Buch, sondern auch zu ihren „desert island albums“ – befragen. Denn, es ist kein Klischee, wenn ich sage, dass Moores Schreibstil einen ureigenen „Sound“ besitzt.
Und, beim Schmökern durch die Guardian-Liste, kam mir auch der neue Roman von Kevin Barry vor Augen, der zu meinen geheimen favourite writers zählt, ein lupenreiner „Western“. Dieser Autor ist so richtig von noch keinem deutschsprachigen Verlag entdeckt worden. (m.e.)
Und, um dem ganzen noch einen Dreh zu geben, hier die Leseräusche 2024 von Kevin Barry (natürlich ebenfalls aus dem Guardian), und diese Deepl Übersetzung lasse ich mal so stehen, ohne ihre kleinen lustigen Übersetzungsfehler zu korrigieren (David Peace schätze ich sehr) …

„Der treibende Rhythmus und die vorwärtsdrängende Erzählkraft der Romane von David Peace gehören zu den Glanzstücken der zeitgenössischen Belletristik, und Munichs (Faber), seine Erzählung der Flugzeugkatastrophe von Manchester United im Jahr 1958, war ein Buch, auf das es sich zu warten lohnt. Eine obsessive, hart erkämpfte Erzählung, emotional, aber kühl dargestellt, ist es so gut wie alles, was er bisher geschrieben hat. In Cathy Sweeneys Breakdown (W&N) verlässt eine Frau ihr Haus in einem Dubliner Vorort und versucht, sich von den Fesseln ihres Lebens zu befreien. Ein brillant beherrschter Roman – eine Autorin mit großem Talent, das sie zu nutzen weiß. Ein würdiges Gegenstück zu Miranda Julys großartigem All Fours (Canongate). Für meinen eigenen Strumpf wurde ich lange genug für meine Ignoranz gescholten, weil ich Janet Frame nie gelesen habe, also ist es an der Zeit, mit The Edge of the Alphabet (Fitzcarraldo) zu beginnen.“
„Mach‘s noch einmal, Schimanski!“ – Eine Empfehlung für den Weihnachtsbaum

Ich wusste gar nicht, dass Edward Berger, dem wir die exzellenten wie fesselnden Filme „Konklave“ und „Im Westen Nichts Neues“ verdanken, nach Hajo Gies zu den späteren Regisseuren der Schimanski-Filmen zählte. Ein oder zwei hat er, glaube ich, gemacht. Hat er irgendwann Hajo über die Schulter geschaut, wie einst Clint Eastwood seinem Lehrmeister – wie hiess er noch gleich – Don Siegel! Damals sah ich noch ziemlich regelmässig „Tatort“. Mochte den verrückten Kressin, und Schimanski am liebsten. Haferkamp wäre meine Nummer drei.Früher in Dortmund, wenn wir uns bei Freunden trafen, war es ein geschätztes Ritual am 2. Weichnachtstag, vorwiegend unter Jungs, spät abends im Fernsehen nach knallharten Filmen Ausschau zu halten – gerne „Dirty Harry“, und aus solch seltsamen Verknüpfungen stammt heute mein alljährlicher Bingewatchtipp für die Zeit zwischen den Jahren. Und für den schnellen Adrenalinkick: perfektes Popcornkino bietet Netflix derzeit mit dem „Reisser“ „Carry On“ (Peter Bradshaw gibt zwei Sterne, ich vier).
Wie heute wohl die „Schimi“-Filme auf mich wirken würden? Was, es waren nur siebzehn? Egal, ein paar Flowworker und Leser würden sich bestimmt für ein grosses Bingewatching finden. Zum Beispiel drei Wochen Langeoog, und jeden frühen Abend im Medienzimmer ein Tatort. Mit anschliessendem Talk am Meer, mit oder ohne Eiergrog. Als Opener dann den herrlich durchgeknallten Tatort aus den frühen Jahren – ohne Frage ein TV-Meilenstein – Regie Samuel Fuller – mit den „toten Tauben auf der Beethovenstrasse“, und viel Can-Musik. Aber ohne Götz George.