All die freien Räume (ECM 1187)

Nur zwei Alben veröffentlichte der Pianist und Synthesizerspieler Rainer Brüninghaus als Bandleader, „Freigeweht“ (1981) und „Continuum“ (1984), und sie haben über all die Jahrzehnte hinweg nichts an Ausstrahlung verloren: „Freigeweht“ liegt nun in der ECM-Vinylserie „Luminessence“ mit tadelloser Pressung und Gatefoldcover vor, ergänzt von einem klugen Essay, der dieses kleine Meisterstück im Rückblick einordnet und verschiedene Facetten erhellt, etwa Spuren von Minimalismus in diesem sogenannten „kammermusikalischen Jazz“. Aber was heisst schon „Kammermusik“ bei so vielen sperrangelweit geöffneten Aussichten!? Vielen wird es so ergehen, dass sie sich diese lyrisch-aufregende Musik wieder und wieder anhören, weniger, um sich wohligen Erinnerungen zu überlassen, oder analytisch den Geistern eines anderen Zeit nachzuspüren (das wären allenfalls Begleiterscheinungen): alle Beteiligten sind schlichtweg „on fire“, von dem Komponisten selbst, der das Understatement jedem virtuosen Fingerzeig vorzieht, über den Meistertrompeter und die Schlagzeuglegende, bis hin zur „wild card“ des Oboisten und Englisch-Horn-Spielers! Für eine jüngere Generation von Hörern mag dieses Werk eine Eintrittskarte sein, andere aussergewöhnliche Alben des ECM-Katalogs kennenzulernen, in denen Brüninghaus als Sideman seine diskret-vielschichtige Magie verströmt, etwa Eberhard Webers „The Colours Of Chloe“, „Yellow Fields“ und „The Following Morning“, oder Jan Garbareks „I Took Up The Runes“. „Freigeweht“ reiht sich da, ohne grosses Aufheben, nahtlos ein: einsame Klasse in bester Gesellschaft!
(Die Wiederveröffentlichung erscheint am 24. Februar. Musik: 10 / Klangqualität: 10 / Sequenz der Stücke: 10 / Fertigung und Gestaltung: 10 / Repertoirewert: 10)
“Shoot wildly, but have plenty of targets“ – some reverbs on Brian‘s third lecture

In der Eröffnung dieser Vorlesung holt Brian Eno ein Buch mit Bildern des russischen Malers Kandinsky hervor, um Parallelen zu veranschaulichen zwischen den frühen, „konventionellen“ Abbildungen von „Realität“ in Kandinskys „gegenständlcher“ Phase (in der Musik wären das die Songs) zu seinen zunehmend abstrakter werdenden Bildern (das wäre, um bei der Analogie zu bleiben, „Ambient Music“, bei welcher die Figur, das umrissene Objekt, aus der Landschaft verschwunden wäre).Auf dem Bild, das Brian in die Kamera hält (s.o.) , sind noch Reste des „gegenständlichen“ Abbildens zu erkennen, das Abstrakte hat deutlich zugenommen. Eno erzählt die Geschichte, wie Kandinsky einmal auf ein Gemälde stiess, dass ihn sehr faszinierte. Er merkte anfangs gar nicht, dass es von ihm selbst war, da es versehentlich auf den Kopf gestelllt war, also, verkehrt herum aufgehangen wurde. Auf Anhieb war es abstrakt, selbst die „Reste des Gegenständlichen“ waren – ich sag es mal so – von der Bildfläche verschwunden.
DON‘T UNDERESTIMATE THE POWER OF „LOW PASS FILTER“!
Jan Bang could tell you something about this power.
Ein zentrales Thema der Stunde sind „40 Tricks“, die manche berühmt gewordene Songs „benutzt“ haben, und die einen Teil ihres Zaubers ausmachen.
Oft kleine oder grosse Details, die einem beim nicht-analytischen Hören gar nicht auffallen. Ruft euch einfach die (up front-)Basslinie aus Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ in Erinnerung!
Das ist genau der Teil der Lesung, bei dem klar wird, wieso Eno gerne „Professor Pop“ genannt wird. Was dabei übersehen wird, ist, dass viele seiner „Entdeckungen“ nicht von verkopften Experimenten herrühren, sonderm von purem Enthusiasmus für einen Sound, einen Song, eine Klangwelt.
Hört euch den Titelsong seines 1974er Albums „Here Come The Warm Jets“ an, über den ich vorgestern ausführlich schrieb. Da kann man gewiss einige Tricks aus Enos „Trickkiste“ ausfindg machen, aber es wäre reines „mindfucking“, wenn damals nicht so ein umwerfender, tief emotionaler Song herausgekommen wäre.
Genauso betrachtet Eno seine Ambient Music als „funtionale Musik“, und befrachtet sie nie mit transzendentalen, mystischen Bedeutungsebenen. Ironischerweise bringt diese sogenannte „funktionale Musik“ oft weitaus tiefere Resonanzen hervor, als diese nüchterne Herangehensweise vermuten lässt. Als ich Brian 1993 kundtat (Gegenstand des Interviews war das Album „Neroli“), dass ich viele Hörer kenne, die seiner Musik eine archetypische, mitunter jenseitige Qualität zuschreiben (als Beispiel führte ich „The Plateaux Of Mirror“ an), verwies er solche Reaktionen ins Feld persönlicher Freiheiten. Und beschreibt akribisch, wie er den Klaviersound von Harold Budd bearbeit hat. Aber ich schweife ab, allerdings nur zu gerne. „Here we are in the years“…

Hier ein Ausschnitt des „Recaps“ von der dritten Lesung. „School Of Song“ leistet hervorragende Arbeit, das ganze Team. „Eno presents a list of recurring “40 tricks” that many successful songs employ. These are not formulaic recipes guaranteeing hits, but patterns that inject energy, memorability, and emotional pull into music.“ Here‘s a screenshot of the list, so you cannot click on the links.
By the way, all these „tricks“ can be called „oblique strategies“, too, they undermine standard patterns, or „business as usual“. Let‘s go to the area of BACKING VOCALS & VOICE, and what Brian comes to mind here. ,Don‘t forget this is part of a webinar on songwriting. My flowworker exrcise for you dear reader: can you name another song with trick no. 18: „Instrument shadowing singing“?- A majority of popular hits incorporate backing vocals in some form. They invite communal participation and keep the track from being too self-centered on the lead singer.
- They also add harmonic depth. Short call-and-response (“Is she really going out with him?” “Let’s ask her!”) transforms a monologue into a conversation.
- Also mentioned: the deep voice on Litany and The Lord’s Prayer.
- The autotune-like natural voice of Emma Robinson (“Stay” by Rihanna)
Brian Eno sah sich selber eine Zeitlang (viel zu lang) als Backgroundsänger: das hielt manch besonderen „impact“ bereit, man lege nur „Remain In Light“ auf den Plattenteller.
Zappas Soul, or: Selfie with Big Swifty in the Electric Cave
Es gab in meinen zwei letzten Jahren auf dem „Max Planck“ ein Transistorradio in der Küche, und da spielte eines morgens Frank Zappa. Es war die Zeit seines fulminanten Jazz-Rock-Epos „The Grand Wazoo“, und bei diesem unvergesslichen Liveaufritt gab ein gewisser George Duke den Keyboardmeister, der Frank Zappas vertrackten Synkopen in jeden hintersten Winkel und darüber hinaus folgte. Ich hatte grossen Spass an dieser Musik, zumal ich meinen leichten „Kater“ vom Vorabend mit zwei grossen Gläsern Milch und einer Alka-Seltzer gut in den Griff bekam. Was für eine verspielte, wandlungsfreudig rockende Big Band!Frank Zappas Hang zur Satire sorgte dafür, dass ich das Opus irgendwo zwischen den Marx Brothers und Monty Python einsortierte. Nie in meinem Leben liess ich auch nur den geringsten Lacher los beim Ansehen eines Films der britischen Komiker, während der anarchistische Humor von Groucho und Co. mich meistens leichtfüssig einfing. Es passt dazu, dass ich „The Grand Wazoo“ seit damals mit einem gewissen Hin- und Hergerissensein hörte: enweder liess mich die ausgefuchste Big Band kalt, oder sie packte mich mit ihrer immensen Spiellaune, die, live dargeboten, noch manch freien Extralauf und Schabernack bereithielt.

Zuletzt hörte ich das Album in wunderbar gelungenem Surround, und das Pendel schlug wieder aus in Richtung der unbändigen Freude von einst, anno 1972, in der Küche mit dem silbernen Toaster, dem kleinen Metallradio, George Dukes irrwitzigen Läufen, meinen 17 Lenzen, und zwei rasch heruntergestürzten Milchgläsern! Aber, im Vergleich, und im Gegensatz zu den historischen Rückblicken, mag ich den Vorgänger, „Waka Jawaka“, noch etwas mehr, purer Jazzrock von Mr. Zappa, und ich frage mich einmal mehr, wieso ich zu Zappa in meinen gesetzten Jahren tiefer vordringe als damals, in der wilden Jugendzeit. „Waka Jawaka“ in Surround und Stereo, das ist beides rundum gelungene Klangkunst voller body & soul!
Ich schrieb eine längere Mail an die grosse „Zappa Family“, die für all die wunderbaren „reissues & archival discoveries“ sorgt. Darin ging es um eine andere Zappa-Lieblingsplatte, die ich in meinen Studentenjahren am liebsten hörte, „Zoot Allures“ (ich glaube, mich an die 4-stars-Besprechung in Down Beat zu erinnern) – und eine Gemehmigung, in einem Beitrag für den NDR auf ein „sehr inoffizielles“ Interview zurückgreifen zu dürfen, in dem Zappa einen einminütigen Lachanfall bekam. Demnächst mehr dazu. Long story short: sie schickten mir, neben einem freundlichen „Yes“, die Vinylwiederveröffentlichungen der beiden Fusion-Werke. Und sie klingen so fantastisch, wie es Mark Smotroff in „Analog Planet“ beschrieben hatte. Und sie haben SOUL (vielleicht habe ich das damals nicht wahrgenommen, morgens in der Küche, bei den zwei Milchgläsern. Es war das Jahr, in dem ich wie verrückt, Bo Hanssons „Lord of the Rings“ hörte.
Five Short Stories

Jede Schallplatte, die einmal in deinem Leben einen persönlichen Nachhall fabriziert hat, erzählt eine Geschichte. Wie kurz und klein auch immer. Und es ist stets ein Stück gelebte Leben. Was in den kommenden Tagen, noch vor Sylt folgt, sind fünf kurze Kurzgeschichten, ihre Titel: Tauhid, The Correct Use Of Soap, We‘ll Talk About It Later, The Golden Band.
Eine Gespenstergeschichte
„After his unceremonious exit from The Velvet Underground in the Fall of 1968, his affairs first seemed promising. He‘d just married the designer Betsey Johnson, the young couple parading that day through New York with matching white corsage and boutonniere. They lived together in a sprawling loft near La Guardia Place, in Manhattan. He had made Nico‘s „The Marble Index“, then The Stooges‘ crucial debut. A true musical Zelig, he was in the hunt for other production work.“ (die ersten Zeilen der neuen liner notes der Domino-Edition von John Cales „Paris 1919“, verfasst von Grayson Haver Currin)

Die vier „Musikbücher“, die auf meiner Leseliste für 2025 ganz oben stehen, sind von Robyn Hitchcock, Brian Eno, Mark Doyle, und Jan Reetze. Das Buch mit dem geringsten Überraschungsgehalt wird wohl Enos „What Art Does“ sein, weil ich mit seinen Gedanken sowieso sehr vertraut bin. Ich hoffe auf spannende Abschweifungen, sideteps, kleine Stories fernab seiner „repertoire stories“.Mit Robyns Zeitreise ins Jahr 1967 habe ich unlängst begonnen – und bin fasziniert (ich habe überhaupt kein Album von ihm). Gerade lese ich, wie der junge Robyn in Bob Dylans „Highway 61 Revisited“ eintaucht. Den letzten Anstoss, das Buch zu lesen, gab eine Empfehlung von Michael Chabon. Und nach seinem feinen Buch über Kraftwerks „Autobahn“ bin ich gespannt auf Jans kommenden Streich: es wird das Buch mit dem grössten „Surprise“-Faktor sein, denn das „Objekt“ seines Interesses kenne ich nur sehr wenig. A propos Überraschung: comment 1 enthält genau das!
Auf Mark Doyles früh im Februar erscheinendes „Taschenbuch“ stiess ich erst, als Norbert E. mich auf die letztjährige, aus seiner Sicht wunderbare, Wiederveröffentlichung von John Cales Liederalbum von 1973 hinwies. Und ich kann nur zutimmen, in jeder Hinsicht. Auf dieser nun als Doppel-Vinyl vorliegenden Ausgabe (auf den Seiten drei und vier finden sich Outtakes und andere Überraschungen wie „Fever Dream 2024: You’re A Ghost“) finden sich, neben einem Blatt voller „lyrics“, auch ein paar Porträtfotos des Künstlers als junger Mann.
Unschlagbar das Coverfoto mit leichtem „Gilb“ und dezenter Überbelichtung, das wie ein Schnappschuss des Zeitreisenden John aus dem alten Paris wirkt. Eine Gespenstergeschichte besonderer Art ist „Paris 1919“ ohnehin, und der wohl von Mark Doyle selbst verfasste Pressetext ist eine gelungene Einstimmung. Ich gönne all denen, die die Schallplatte nie oder nur flüchtig gehört haben, ein – möglicherweise – unvergessliches erstes Mal. Stoff zum Versinken!

„John Cale’s enigmatic masterpiece, Paris 1919, appeared at a time when the artist and his world were changing forever. It was 1973, the year of the Watergate hearings and the oil crisis, and Cale was at a crossroads. The white-hot rage of his Velvet Underground days was nearly spent; now he was living in Los Angeles, working for a record company and making music when time allowed. He needed to lay to rest some ghosts, but he couldn’t do that without scaring up others. Paris 1919 was the result.
In this vivid, wide-ranging book, Mark Doyle hunts down the ghosts haunting Cale’s most enduring solo album. There are the ghosts of New York – of the Velvets, Nico, and Warhol – that he smuggled into Los Angeles in his luggage. There is the ghost of Dylan Thomas, a fellow Welshman who haunts not just Paris 1919 but much of Cale’s life and art. There are the ghosts of history, of a failed peace and the artists who sought the truth in dreams. And there are the ghosts of Christmas, surprising visitors who bring a nostalgic warmth and a touch of wintry dread. With erudition and wit, Doyle offers new ways to listen to an old album whose mysteries will never fully be resolved.“… once upon a time of warm jets coming …
„Sollte Ingo nochmal zu einem Dekaden-Rückblick aufrufen und uns nach den zwanzig persönlichen Lieblingsalben der Siebziger Jahre fragen, hätte ich leichtes Spiel: sieben ECM-Platten, sieben Brian Eno-Platten („Here Come The Warm Jets“ wäre dabei), einmal Joni Mitchell, einmal Alice Coltrane, einmal Robert Wyatt, einmal Bob Dylan, einmal Leonard Cohen, einmal Neil Young, einmal King Crimson – und John Cales „Paris 1919“. Das macht, ratzfatz, 20. (m.e.)

The texture of a phalanx of expertly tuned kazoos in perfect harmony„The title track was built on the concept of Eno’s metaphor for the guitars as he envisioned them with a sound like “warm” jet engines. But you, me, and the lamp post, couldn’t have failed to notice the prominent positioning of a pornographic playing card on the album’s cover featuring a woman [presumably] urinating. A warm jet of a different kind, ahem. But the guitars did sound impressive. Paul Rudolph of The Pink Fairies was the man responsible though the treatment by Eno gave the playing the texture of a phalanx of expertly tuned kazoos in perfect harmony. The guitars had the spotlight to themselves for a while before Simon King’s Moon-esque drums were sloooooowly faded up while Eno began singing the verses that sounded so full of hope and promise. It sounded so anthemic, that it hardly mattered that the drums seemed to be paying in a different song [and possibly tempo] to the rest of the music. But hearing them come in was still exciting. This was a song whose vibe just stuck to me all day after hearing it. It’s playing in my mind right now. It will continue unspooling until hours later, I’m sure. It was a bold ending to a bold album.“ (postpunkmonk)
If anybody tells me what this song is about, lyricwise, congratulations! And – HERE – a video from the time of the recording in the quite early 70‘s. Please look at it carefully. I do ask you now another question about this video: look at it, and particularly at the passages between 1‘10-1‘16 and 2‘16-2‘23. Who‘s that woman up front? I will come back to it, and more. (m.e.)
- Wenn man mit den Alben aufgewachsen ist, die den Soundtrack fürs eigene Leben lieferten, zumindest für die ersten 20, 25 Jahre, dann ist das ein ganz anderer Zugang zur Musik, als wenn man solche Alben, die Geschichte schrieben, im langen Danach entdeckt, zehn, zwanzig, dreissig Jahre später.
- Die vier Songalben von Brian in den Siebzigern waren für mich, damals in den Siebzigern, reine Seelennahrung. Here Come The Warm Jets perfekter Traumstoff. Das Werk erschien am 14. Februar 1974. Es war Enos erster Songstreich nach seiner Zeit bei Roxy Music, und man hört den Stücken an, wie da einer an Ideen und Vielfalt „explodiert“. Es gibt keinen schwachen Moment auf diesem Werk, und man konnte Hymnenarriges hören, surreale Lyrics, puren Pop, Drone, spoken-word, potentielle Ohrwürmer, Proto-Punk vor Punk, und ich bin mir sicher, Kevin Shields hat in dem Titelsong „Hier kommen die warmen Strahlen“ eine Inspiration für „My Bloody Valentine“ gefunden: so kann man eine Melodie in einem Soundfeld „vergraben“. Bei Kevin war es mitunter purer, erfindungsreicher Noise, unter dem, von ferne, eine allerfeinste Melodie durchschimmerte. Hier war es ein instrumentaler epischer Klangrausch, unter dem sich Enos hymnischer Gesang ausbreitete, die lyrics nah an der Unkenntlichkeit, was seiner Vorstellung von lyrics als „sculped sound“ ohnehin nahkam. Und wie schon auf dem melancholischen letzten Song des Vorgängers „Taking Tiger Mountain (By Strategy) geriet dieser Song einmal mehr, im Sequencing der Stücke, zum perfekten Finale, zum hinreissenden letzten Horizont.
- Aufschlussreich, diesen kleinen youtube-Schnappschuss von der Aufnahmesession des Titelsongs zu sehen. An den Drums übrigens der Drummer von Hawkwind, und cool, was postpunkmonk zu diesem Auftauchen des Schlagzeugs aus dem Nichts anmerkt (s.o.)
- man sieht dem Filmchen auch die „Glam-Era“ an mit Enos rotlackierten Fingernägel – zudem spiegeln Russell Mills‘ „graphic illustrations“ das weite surreale Feld der Texte (ich habe mal im comment 1 aus Tom Boons EnoWeb die Anmerkungen zu den „unfassbaren“ lyrics kopiert)
- die oben angegebenen Miniausschnitte aus dem Filmchen offenbaren zwei Sachen, mich zum Schmunzeln bringen: schaut euch zum einen Enos Gesicht an: er strahlt übers ganze Gesicht, pure Lebensfreude, und zum andern sind da zwei Frauen im Bild, eine neben Eno (verdeckt), und eine leicht schräg vor ihm: ich finde das Gesicht dieser Unbekannten hinreissend schön, und frage mich: ist das eine gute Bekannte von Eno, seine Freundin zu der Zeit, oder völliger Zufall, dass sie da im Bild ist?
- Now after listening three times to the song im question, it turned into an earworm. In a lalalalala way i was singing the melod line of the instrumental melody while driving my car to Aldi looking for Bucatini! 😂 (in regards to this treated guitar sequence that made me singalong with it in my mind, i love the descripti of Mr. Postpunkmonk (see above): „…. But the guitars did sound impressive. Paul Rudolph of The Pink Fairies was the man responsible though the treatment by Eno gave the playing the texture of a phalanx of expertly tuned kazoos in perfect harmony.
Doppelbilder
„Doesn’t seem to be a shadow in the city
All around, people lookin‘ half dead“
(The Lovin Spoonful, Summer In The City)Es war ein Sommer in den Sechzigern, in dem die Siebziger schon rückwärts ein paar Schatten warfen, eine Ahnung erfüllter Zeiten, die ersten Jukeboxen, ledergebundene Single-Alben in unserer kleinen Kirchhörder Welt. 1967. Conny war ein älterer Teenager, und er hatte die grösste Kollektion an Singles. Wenn ich mal bei ihm vorbei kam, legte er gerne The Small Faces auf, und kurz blitzten all die Dinge auf, von denen Frischlinge gerne träumten. Einmal fiel ich bei Conny nach Sekunden in eine tiefe Trance, als er, frisch aus dem Single-Presswerk, „Summer In The City“ auflegte, von The Lovin‘ Spoonful. Es war wohl eines der ersten Lieder, bei denen mir bewusst wurde, wie bezaubernd die alltäglichen Sounds einer grossen Stadt sein konnten. Der erste Riff, die Melodie, die Stimme John Sebastians. Ich bat Conny inständig, mir die Single einen Tag zu leihen, ich sagte nicht, dass ich sie unendlich oft hören wollte. Schliesslich gab er nach, und ich musste ihm versprechen, die Ware am folgenden Tag um Punkt 17 Uhr bei ihm abzuliefern. Das war ja nun kein Problem, oder doch, ein kleines. Ich war so umrauscht von dem Song, dass ich dachte, in einer Zeit, in der wir alle Grenzen überschreiten würden, wäre es kein Problem, diesen himmlischen Song noch ein bisschen länger zu behalten.
„Pictures Of Lily helped me sleep at night“
(The Who, Pictures of Lily“)Ich hatte die „Bravo“ neben dem Bett liegen, und war nicht erfreut, zu lesen, dass The Kinks, meine Lieblingsband, mal wieder betrunken auf der Bühne aufeinander losgegangen waren. „Hot town, summer in the city / Back of my neck getting dirty and gritty / Been down, isn’t it a pity / Doesn’t seem to be a shadow in the city“. Irgendwann nachmittags rief mich Uwe an (mit dem ich selten zu tun hatte, er besass als Erster „Hey, Joe“ von Jimi Hendrix), und sagte mir, er habe eine Überraschung für mich, und ich möge doch zu unserem Bolzplatz kommen. Als ich dort war, traten Uwe und Conny hinter einer Hecke hervor, und Conny schlug mir voll in den Bauch, so dass mir die Luft wegblieb und ich auf den Boden kippte. Er erinnerte mich an unsere Abmachung, und als ich wieder Luft bekam, entschuldigte ich mich. Jetzt war Uwe dran, und schlug noch einmal mit voller Wucht zu. Ich bekam es mit der Angst, und wartete, bis der Atem wieder einigermassen auf und ab ging. Dann rannte ich los, was verrückt war, weil die beiden älter waren, und mich jederzeit einholen und weiter auf mich einprügeln konnten. Stattdessen traf mich ein Stein an der Schläfe, und ich sank schreiend zu Boden. Das Blut floss über Augen und Nase, und ich weiss heute nicht mehr, welcher Zeuge der Ereignisse dafür gesorgt hatte, dass ich ins Krankenhaus kam und mit etlichen Stichen genäht wurde. Am Tag darauf legte ich kdie Single, verpackt in in einen Umschlag, in Connys Briefkasten. Ich sah ihn nur noch aus der Ferne danach, und dann nie mehr. Hier und da noch hatte ich Doppelbilder, und selbst meine „Pictures Of Lily“ waren eine Zeitlang leicht verwackelt.
Das schönste Buch des Jahres 2025
Vor wenigen Wochen versammelten sich renommierte Journalisten und verrieten dem Publikum der SZ ihren Favoriten unter den Erzählwerken. Elke Heidenreich begann ihren kleinen Text mal gleich mit dem Auftakt „Das schönste Buch des Jahres 2024…“ und sang eine präzise Lobeshynmne auf Samantha Harveys „Umlaufbahnen“. Ein Buch das es locker in meine Top 10 gebracht hat, und, ehrlich gesagt, meist sind die Tips von Frau Heidenreich für mich insofern aufschlussreich, weil ich ihnen besser nicht Folge leiste. Ist ja alles auch sehr relativ.

Über das Cover kann man natürlich streiten. Aber, ähem, ich habe gerade, vielleicht, also, ich sage „vielleicht“, das schönste Buch des Jahres 2025 gelesen. Es hat knapp 600 Seiten, ich habe es über weite Strecken „verschlungen“, einmal abends 110 Seiten am Stück gelesen, was nah an meinen persönlichen Leserekord kommt. Es pendelt raffiniert zwischen verschiedenen Zeiten und spielt sich zu zwei Dritteln in einer Gegenwart ab, die 1975 Gegenwart war. In einem Feriencamp. Die Boys und Girls, die da auftauchen (und Liz Moore versteht es, ihnen wahres Leben und Lebendigkeit einzuhauchen), sind also in dem Alter, in dem ich war, als ich im Würzburg anfing Psychologie zu studieren. My Generation. Sozusagen. Ich werde jetzt aber nicht gleich die Who und „Live at Leeds“ auflegen. Und diese Identifikationsebene hat auch nicht meine Urteilskraft getrübt.Hammerbuch. Familienroman (über mehrere Generationen), eigentlich gar nicht mein Ding, aber egal. Ein Kriminalroman mit Tiefgang. Kein Mysteryroman, wie der Titel suggerieren könnte. „Der Gott des Waldes“ ist eine Geschichte vornehmlich weiblicher Befreiungsakte, und deren Scheitern als Option (was nun auch nicht mein Thema ist, weil das oberflächlich als „Frauenbuch“ abgetan werdem könnte). Ist es aber nicht, oder nur wieder so eine falsche Fährte – in einem Buch voller falscher Fährten. Zudem bekommt man gleich auch noch einen epischen Kurs in „Survivaltraining“ geliefert. „Wenn du dich verlaufen hast, setz dich hin. Und schrei laut.“ Und, das muss ich nun auch einräumen, ich war so drin in dem Buch, dass ich als auf das furiose Ende zulief, ein paar mal eine wirklich schaurige Gänsehaut erlebte, ehrlich. Auf keinen Fall den Klappentext lesen. Erscheint im Februar bei C.H. Beck. In meinen Top 10 wird es locker landen. Ein Pageturner mit langem Nachhall, versprochen! (Aber ich kann ja viel erzählen.) P.S. Ende März ist Liz Moore auf der LitCologne.
More songs about space flights and bus rides (echoes on Eno‘s second lecture)
Music For Airports 2/1
Apollo: Deep Blue Day
My Life In The Bush Of Ghosts: Moonlight In Glory
Cale / Eno: Cordoba
„The Elderly Brothers“: Cerulean BlueI know the stories how Discreet Music and Music for Airports grew out of special experiences of Brian, in the studio experimenting with tape speed and synchronisation – and on a freshly built airport on Cologne. By the way, I never stooped returbing to these two albums. But the big fun of the second lecture was what I didn‘t know. Here are some of these moments including some aspects of the song CORDOBA. Please listen to this one before continuing reading. What kinds of feelings you have when listening to Cordoba? This photo was taken at Bundeskunsthalle, Bonn, August 1998, during my public talk with Brian. As you see, we sat quite relaxed there: this was the part with long drinks under an umbrella, and sharing our thoughts on some pieces we had brought along. Brian started with The Supremes.

- One morning Brian was sitting in that new airport KÖLN / BONN the father of Florian from Kraftwerk once had built. Everything was impressive, the newness of every single element, the sunlight floating the spaces. But that German disco music?! In that space Brian found it slightly unnerving. He went to the bar, and asking for the music, someone told him something like this: „Oh, das ist unser Hans. Der bringt uns seine Kassetten von zuhause mit und dreht auf.“ Maybe, without Hans and his tape of German Disco Music (whatever that exactly was), Brian might never have composed Music For Airports. Sitting there, slightly impressed at first, then slightly bored by the music, he though about what kind od sounds he would want to listen to on airports. Music that should you make care less about your ego, your fears…. Thank you, Hans!
- The time of John and Brian working on the album „Wrong Way Up“ was not easy. The thing with the lyrics, not easy, too. In a corner of the studio Brian read a book titled something like „Learning Spanish in 30 Days“. He found a list of phrases. They started to combine the phrases. Small changes. Repetitions. I always liked the song (as I liked the while album), for me the song with Cale‘s softly sung/spoken sentences had quite a dreamy atmosphere. Listen to it again, dear reader…. Now with the lyrics in comment 3. And afterwards, taken from the lyric pages of Tom Boon‘s Eno web, a bit of background of the song that fits very well to what Brian told yesterday (comment 4).
- Brian shows how Deep Blue Day from Apollo grew from an improvisation on an omnichord. It finally got its special magic by slowing down the original tempo.
- Though the homework is connected to the Cordoba piece and some other backgrounds, the lecture focussed on the stories behind some ambient classics. Of course Brian tried to find ways to find a fusion songs and ambient music: the most radical examples for a melange between these two worlds, are the albums THE SHIP and FOREVERANDEVERNOMORE. In facts, ANOTHER GREEN WORLD, released on November, 14, 1974, was, with its many instrumental pieces, the first attempt to combine, intertwine both of these „worlds“.
- There is no replacement for listening. After the letcure, I am now in the mood to put on „Wrong Way Up“. Many years after the release of „Wrong Way Up“, Pitchfork publishes a long essay on the album that is worth reading: HERE.
- My second interview with Brian (published in Jazzthetik in 1990) was (one half) about some of the songs. Here some things he said on the song „Empty Frame“ that ring a bell in regards to Brian‘s recurring thoughts about surrender: „So, all of those images of power beyond your own conciousness, beyond your own will, and of separation, are to do with the sea image for me. The other thing that’s in there, is about a little ship that is always falling apart, that they always are trying to fix up again. It says in there „the broken sails“. This is also a very poignant image to me of the notion of people constantly trying to repair their sails. What do you have a sail for? To catch wind, to catch the other forces that are around, the controllable forces. The wind is the force that you can do something about. The sea is not, you know. But of course, the wind also keeps breaking your sails, so you always have to sow them back together again. It’s an endless struggle to try to keep going in any kind of a line. Because the other implication in this kind of song is „Why don’t you surrender? Why don’t you surrender to the tide and see where you go?“ And in one of my old songs „Julie with…“, that’s what happened in that song, the people have surrendered. They’ve stopped, they’ve stopped rowing the boat and they suddenly have allowed themselves to become completely, not victims exactly, but to have fallen under the control of this powerful force.“
- Time maybe to listen to that „blue piece“ of „The Elderly Brothers“ on the tracklist.
- One morning Brian was sitting in that new airport KÖLN / BONN the father of Florian from Kraftwerk once had built. Everything was impressive, the newness of every single element, the sunlight floating the spaces. But that German disco music?! In that space Brian found it slightly unnerving. He went to the bar, and asking for the music, someone told him something like this: „Oh, das ist unser Hans. Der bringt uns seine Kassetten von zuhause mit und dreht auf.“ Maybe, without Hans and his tape of German Disco Music (whatever that exactly was), Brian might never have composed Music For Airports. Sitting there, slightly impressed at first, then slightly bored by the music, he though about what kind od sounds he would want to listen to on airports. Music that should you make care less about your ego, your fears…. Thank you, Hans!
