Spiel mit dem Unbekannten – ein kleines Porträt von Paul Bley aus dem Jahr 1992
DER LINK
Dank des „Radiohoerers Henry“, und dank unserer Redaktionsassiatentin Martina Bedzent liegt nun der Link vor zu einer Ausgrabung aus den Archiven. Anno 1992. Als Einstimmung ein Text aus alten „Mana-Zeiten“:
Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie dieses Trioalbum besitzen, in knisterndem Vinyl, mit Paul Bley, Bill Connors und Jimmy Giuffre. Sie haben eine Rarität in Händen, ein lang vergriffenes Stück Historie, einen kleinen Meilenstein. Ich bekam diese Platte, wenn ich mich recht entsinne, von Jazz by Post zugeschickt, meinem Pasinger Stammlieferanten für aufregenden Jazz in den 70er und frühen 80er Jahren. Carol Goss hat das Cover mit schneller Hand gezeichnet, in kurzer Zeit den Ideen in ihrem Kopf flüchtigen Halt geboten. Paul Bley hatte damals ein eigenes Schallplattenlabel ins Leben gerufen, Improvising Artists Inc. (I.A.I.). Auf einem anderen Werk spielte er an der Seite des Sun Ra -Companion John Gilmore. Und da war sein Solo-Piano-Album „Alone, Again“: ganz nah kam es heran an den Zauber seines Klassikers „Open, To Love“ (ECM). Ein Meister der Andeutung, der Pausen, des Ausschwingens einzelner Töne. Auf „Open, To Love“, erzählte er mir früh in den Neunzigern, in einem Bremer Hotel, wollte er (neben allem, wer da eine Rolle spielte, Carla (Bley), Annette (Peacock), ihre Präsenz, ihre Schatten, ihre kargen Kompositionen), die Hüllkurven von elektronischen Sounds auf dem Flügel nachempfinden. Aber zurück zu der anfangs erwähnten Schallplatte: „Quiet Song“ ihr Titel, und Sie sollten, statt jetzt eine Rezension zu erwarten (in der dann Worte auftauchen würden wie „skelettiert“, „leuchtend“, „Gesänge“, aber natürlich auch „Jimmy“ und „Bill“, dessen schönstes Soloalbum „Theme From A Gaurdian“ bitte bald von ECM wieder ans Tageslicht befördert werden möge), sich langsam, aber sicher auf die Suche machen nach dieser Produktion, vorausgesetzt, Sie mögen flüchtige, widerständige Töne!
My musical teenager life (1965-1975)
Als Ingo sich vor Tagen erkundete, was denn so unsere Lieblingsalben der 1960er Jahre wären, wurde mir klar, dass ich, Jahrgang 1955, ein Kind der 1970er Jahre bin. Denn in den „wild sixties“ bestand meine Sammlung ais einem Haufen Singles und nur sehr wenigen Langspielplatten. Die Kinks waren meine Band, auf Augenhöhe mit den Beatles, aber ich hatte vom ihnen nur einen Haufen Singles. Keine Lust hatte ich, aus ich meiner heutigen Sicht die Klassiker jenes Jahrzehnts zu versammeln, und so schrieb ich meine Bestenliste mit einem Augenzwinkern Richtung Ror Wolf bzw. der „Poesie“ seines Fussballbuches „Punkt ist Punkt“. Hätte er ein Musikbuch geschrieben, ein imaginäres „Sound ist Sound“, hätte sie dort einen guten Platz gefunden.
Meine schönsten Alben der 1960er Jahre
1. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
2. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
3. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
4. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
5. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
6. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
7. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
8. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
9. Pink Floyd: A Saucerful of Secrets
10. The Rolling Stones: AftermathCarefully remembered and evaluated by Michael E.
Dann ging es richtig los. Der grösste Teil der „Prägungen“ meiner Vorlieben, was Genres betrifft und Seelennahrung, meine „gates of perception“ entstand zwischen 1970 und 1975, mit Wucht: ob es die hohe Kunst von Neil, Joni und Leonard war, der Free Jazz und alles andere auf Impulse, der „elektrische Miles“, Soft Machines drittes Album, die frühen „golden years“ of ECM, Gustav Mahler, und, kein Witz, um den Nikolaustag des Jahres 1975 herum, meine Story mit Brian Eno. Genug Stoff, genug Fundamente für ausgefüllte Radionächte im Deutschlandfunk viele Jahre später. Es gefiel mir natürlich als Carla Bley in einem Interview erzählte, für wie unerschöpflich und reich sie die Musik von Sgt. Pepper und Gustav Mahler hielt (etwa zur Zeit zwischen „Escalator Over The Hill“ und Tropic Appetites“)

Bei dem Engländer verwunderte es mich anfangs, dass mich seine frühen Ambient-Platten genauso bezauberten wie seine Songs. Ich weiss noch genau (jetzt folgt eine Repertoire-Geschichte, aber man verzeihe mir in diesen Wochen eine Portion Nostalgie), wie ich im Zeitschriftenladen „Montanus“ in Würzburg die neue Ausgabe des „Melody Maker“ oder „NME“ in die Hönde bekam und einen gnadenlosen, hämischen Verriss von „Music For Airports“ las.
Ich weiss nicht, ob jemals jemand von den Lesern dieser Zeilen eine solche Vorfreude auf ein Album entwickelt hat wie ich in jenen Minuten (es war ein heisser Sommertag anno 1978, glaube ich), eine Vorfreude, die allein auf einem fast schon hasserfüllten Artikel fusste. Dass der Kollege einen an der Waffel hatte, war mir sofort klar (Punk war offensichtlich seine Religion, und brachte damals ein paar erstaunlich reaktionäre Musikkritiker hervor, erinnert sei, in der seligen Sounds, an Alfred Hilsbergs dumpfbackigen Verriss von „London Calling“). Während sich also der englische Kritikaster amüsierte über die Dämlichkeit des Wortes „Ambient“, klopfte ich den Text ab auf seine wenigen sachdienlichen Informationen ab, und mein Herz machte einen weiteren Sprung, als ich las, dass Robert Wyatt für die Klaviertöne sorgte.

Als sich Wochen später das Album endlich zum ersten Mal auf meinem Plattenteller drehte, übertraf seine stille Wucht meine kühnsten Träumereien. Ich höre es heute noch liebend gerne, und spürte von Anfang an, dass den Klängen weitaus mehr als ihr Merkmal einer rein „funktionellen Musik“ innewohnte, etwa eine leise, seltsame, sprachlich überhaupt nicht greifbare, Melancholie! An einem öffentlichen Ort hörte ich Brians Flughafenmusik nur im Café und den vulkanischen Pfaden von Jameos del Agua auf Lanzarote. Jahr für Jahr, looping the loop. Auch das unvergessen.
The „take your time“ philosophy
Ich musste 50 werden, um Zugang zu Aretha Franklin zu finden. Bei Gustav Mahler war ich ab ungedähr 18 Feuer und Flamme, und hörte seine Symphonien, regelmässig, bis ich 25 war. Ich las Biografien verglich Symphonien, hatte meine Sammlung an Platten, dirigiert von Szolty (meinem Helden!), Bernstein und Walter. Warum erschien mir Barenboim so handzahm? In der Zeit begegnete mir auch ein Interview mit Carla Bley, in der sie rundum „Ecalator Over The Hill“ und dem nicht minder grossartigen Opus „Tropic Appetites“ ihre Liebe zu Mahler und Sgt. Pepper bekundete. Ich schmunzelte. Aber Aretha, ja, sie packte mich erst viel später. Lebenserfahrung? Eher wohl der richtige Moment. Und dann auch erst fand vor zehn, fünfzehn Jahren, dieser Song zu mir, zu dem Richard Williams in seinem Nachruf auf „The Blue Moment“ so einiges schreibt, hier meine Lieblingspassage… : (m.e.)
„When I called my old friend Pete Wingfield to check a couple of musical points, he observed that it was a record embodying the “take your time” philosophy — something almost extinct in today’s music scene. It’s a relaxed record because the mood in the studio was relaxed, and the musicians were allowed to get on with doing their thing. Other examples might be Aretha’s “I Never Loved a Man”, Don Covay’s “It’s Better to Have (and Don’t Need)”, Marvin Gaye’s “I Want You” or Bill Withers’ first album.“
Flughäfen sind Inspirationsquellen
Ich frage mich immer, wohin so viele Menschen reisen. An ihrer Kleidung kann man ihre Herkunft abschätzen, man weiß aber nicht, was ihr Ziel ist. Auf den Flughäfen gibt es keine Kleiderordnung, jeder trägt, was er will. Man sieht die Bermudashorts neben dem Smoking, das Minitop neben den langen Hippieröcken. Bei der herrschenden Hitze zur Zeit ist es nicht erstaunlich, dass manche junge Frauen viel Körper zeigen. Ich lese nie an Flughäfen, es ist viel zu interessant zu schauen, was da in den langen Laufstegen passiert. Welche Geschichten, welche Geheimnisse laufen da an mir vorbei? Es ist auch interessant, dass die Fliegerschwarmintelligenz immer nur zwei Richtungen kennt, Querläufer haben es schwer.
Ich bin auf meinem Rückflug auf meine Insel mit Zwischenstopp auf Menorca. Der erste Eindruck lädt ein, wiederzukommen. Es herrscht ruhiges freundliches sauberes Mittelmeer Ambiente. Menorca hat das Glück, im Schatten von Mallorca zu liegen.
Mein Abschiedsaufenthalt führte mich in einen Raum bei einem Freund, wo nur Musik als Ausstattung vorhanden war. Überall Kabel, Geräte, Schallplatten und CDs. Ich habe mal die herumliegenden CDs fotografiert, um Euch zu fragen, ob Ihr die Musik kennt und ggfs schätzt.Paul Bley, Gary Peacocks, Paul Motian: „Not two Not one“ // Freddy King: „Getting Ready“ // Franci Elt‘ok Jazz // Vintage Taj Mahal: „The complete 1971 performance” // Chubby Carrier and the Bayou Swamp Band: „WHO stole the HotSauce” // Travis: „12 Memories” // Hanna Paulsberg Concept // Magnus Pro: „Daughter of the sun” // Harald Haerter: „Cósmic”
Das rasende Parlando des Herrn Nagelsmann
Hier auf Langeoog ist Fussballromantik noch eine halbwegs leichte Nummer, weil so manches von Kindheit durchdrungen ist. Ich kann mich als BVB-Fan seit 1966 an jede Weltmeisterschaft erinern. Das Wembleytor sah ich mit meinem Blutsbruder noch in Schwarzweiss, mein Lieblingstorwart aller Zeiten, Hans Tilkowski, hatte keine Chance. Damals in London dabei war auch unser Vorstopper, Wolfgang Paul, der vor einigen Tagen gestorben ist. R.I.P. 1970, auch unvergesslich, „Schnelllliiinger“ und das „Jahrhundertspiel gehen die Italiener! 1974 waren dann die Holländer besser, aber wir hatten Gerd Müller.
Tempus fugit – nach 2014 schied Deutschland stets trostlos in den Vorrunden aus, und die aktuelle Mannschaft macht seit dem Ecuador-Spiel fast so wenig Hoffnung wie dieser unsägliche Bundestrainer. Im Vorfeld der WM trat Julian in einen Fettnapf nach dem anderen – erst die Abkanzelung von Undav, zuletzt der selbstgefällig nichtssagende Auftritt im Sportstudio (wäre das nicht so zum Fremdschämen gewesen, hätte er seinen Platz in der Geschichte dieser Traditionssendung des ZDF sicher gehabt – neben dem „Schweiger“ Norbert Grupe – die Älteren werden sich erinnern!), sowie der Wortbruch gegenüber Oliver Baumann zugunsten dieses „Torwarts mit der besonderen Aura“.
Julian Nagelsmann liebt seine eigene Eloquenz offenbat so sehr, dass er die Abzüge in der B-Note gar nicht mit bekommt, er parliert in einem leisen, wenig modulationsfreudigen up-tempo-staccato, als müsse analog zu den 180 beats von „hard core techno“ ebensoviele Worte pro Minute unterbringen. In dem Interview nach dem Ecuador-Flopspiel gab er sich renitent, besserwissend, abgenervt; nur wenige haben mitbekommen, dass er sich nach dem Schlusspfiff erstmal die Schiedsrichterin schnappte und zwei Minuten auf sie einredete wegen des völlig zurecht (!!!) zurückgenommenen Elfmeterpfiffs (die gleiche Schiedsrichterin, die Germany das komplett irreguläre 1:0 geschenkt hat – nach „hohem Spiel“ incl. Kopftreffer – mit freundlicher Unterstützung eines nicht minder verpeilten VARs!).
Man muss also kein Meister des Orakels sein, um zu erraten, wie es weitergeht. Nach einem quälerisch anzuschauenden oder überraschend leichtfüssigen Sieg gegen Paraguay wird „Die Mannschaft“ (alter abgeschaffter Werbesprech aus der Ära Oliver Bierhoff) gegen Frankreich sang- und klanglos ausscheiden. Natürlich könnte das auch schon heute Abend passieren. Wir können jedenfalls tief entspannt zuschauen, ob der flotte Herr Nagelsmann seiner „Spielidee“ weiterhin dezent bockig vertraut – mit dem derangierten Pavlovic auf der Sechs und dem „Kinderfussball“ (Marcel Reif) des sich selbst weiterhin suchenden Musiala. Egal. Nach der WM ist hochwahrscheinlch Schluss mit diesen auf Dauer so penetranten wie irrlichternden Auftritten eines Hochbegabten. Was Fussballromantik angeht, fällt mir eine andere Insellandschaft ein, die gerade ein modernes Fussballmärchen schreibt: Cap Verde!
(m.e.)
Orte für den Nebel, Orte für das Schmelzen
Auch die Schrifttypen auf der Rückseite des LP-Covers schienen den Titel „Von Nebel und Schmelzen“ ernst zu nehmen, und die letztes Reste der Druckerpatrone (oder des Farbbandes der Schreibmachine – es war der Dezember 1977, als dieses Album enstand) zu verfeuern, als wären die Buchstaben selbst, ob Namen, Orte oder Titel preisgebend, von der Auflösung bedroht. Wo kam Bill Connors her, wo ging er hin?

Als der Gitarrist, dessen Lebensweg vom elektrischen Sound der Rockmusik (Stones, Hendrix, das volle Programm) und des Fusion Jazz zum akustischen Klangbild des ECM-Kammerjazz überging, zwischen 1975 und 1980, um es dann wieder mit der riesigen Spielwiese des elektrifizierten Sounds und ihren fortlaufend neuen Spielzeugen aufzunehmen, entstanden eine gute Handvoll Alben, bei Manfred Eichers Hauslabel oder Paul Bleys I.A.I., einer Art ECM-Parallelwelt, in der dem kanadischen Pianisten etwa das zweithinreissendste Solopianoalbum seines Lebens gelang, „Alone, Again“, Jahre nach dem Geniestreich „Open, to love“.
Es wundert mich nicht, dass Bill Connors fast ein halbes Jahrhundert später mit Wehmut auf diese Phase, und nicht zuletzt auf „Of Mist And Melting“, zurückblickt, dass jetzt in einer makellosen Pressung in der Vinyl-Serie „Luminessence“, neu aufgelegt wurde, mit feinem Gatefold-Cover und klugen „liner notes“ von Friedrich Kunzmann. An Connors‘ Seite Jan Garbarek, Jack DeJohnette und Gary Peacock, und zwar in jener Fabulierlust und Konzentration, die in den 1970er Jahren des Münchner Labels stilbildend und Abenteuer zugleich waren. Leicht irreführend könnte es übrigens sein, wenn der Leser dieser Zeilen mit meiner fahrlässig hingeworfenen Vokabel vom „Kammerjazz“ sogleich andere Schubladen zieht, vom „lyrischen Sound“, von der „Stille zwischen den Tönen“. Ein kleiner Teil der Wahrheit ist schon zuviel des Irrtums.
Denn dieses unfassbar aufregende Album treibt die Dynamik von „aus der Haut fahrend“ und „in sich versunken“ dermassen auf die Spitze, dass reines Staunen und Gänsehaut zu den meistgenannten Begleitphänomenen des „deep listening“ zählen dürften. Bill Connors gefährlich ruhiges, seltsam kontrolliertes Spiel auf der Akustikgitarre drängt in keinem Augenblick ins Rampenlicht, und doch sind Ekstase, stille Präsenz, Hitze und immense Reibung allgegenwärtig – die Fenster dieser „Jazzkammer“ ohnehin sperrangelweit aufgerissen. Das mit dem Nebel und dem Schmelzen ist eben ein verdammt weites Feld.

Was man übrigens auch an jenem anderen Meilenstein sieht, der im gleichen Dezember 77 entstand: „Places“, von Jan Garbarek, einmal mehr mit Bill Connors, Jack DeJohnette. Was Wunder, dass das Cover einmal mehr in allen möglichen schillernden Grautönen daherkam! Das Quartett vervollständigte diesmal der britische Pianist John Taylor, der mir einmal mit Schmunzeln von der leicht defekten kleinen Orgel erzählte, die auf „Places“, trotz des edlen Konzertflügels, auf regen Zuspruch stiess und für manch hinterhältigen Zauber sorgte. Ein Schelm, wer an Robert Wyatts beschädigte Mini-Yamaha-Orgel denkt, die schon auf „Rock Bottom“ reizvolle Unterströmungen bescherte!
„B-Western: Showdown der gebrochenen Herzen“
Hans Schifferle hätte ich gerne mal, damals in den 1970er und 1980er Jahren, als ich öfter in München war, kennengelernt. Als mir Thomas P. das neue „Schifferle-Buch“ zeigte, erinnerte ich mich sofort, wie bereichernd die Filmbesprechungen der SZ in meiner Studentenzeit in Würzburg waren auch später in Furth. I.W., und sowieso sonstwo, als eine „alte Bande“ von Filmkritikern, zu denen auch irgendwann Hans S. zählte, mich auf viele Filme abseits des Mainstreams neugierig machte, mit einem unverbrauchten, lebendigen Schreibstil. Unvergessen, wie ich 1976 und 77 öfter vor Ort war, mit der schönsten Frau des östlichen Ruhrgebiets an meiner Seite, und in einem kleinem Theater Urs Widmers Theaterstück „Stan und Ollie in Deutschland“ sah und am Abend darauf in Schwabing in einem Uraltkino Robert Altmans „Nashville“. Vielleicht sass Hans Schifferle nur zwei Reihen hinter mir. Mit C. landete ich in jenen Tagen natürlich auch in der Gleichmannstrasse 10 bei „Jazz By Post“, wo ich Paul Bleys Solopianoalbum „Alone Again“ kaufte (kann man ohne Zögern seinem Meisterwerk „Open, to love“ an die Seite stellen)!
Hans Schifferle hatte stets ein Faible für das Kino abseits des Mainstreams, für B-Movies, „Schmuddelfilme“, „alte Serien aus der goldenen Zeit des TVs“, Horrorfilme, Krimis, Erotikfilme, den ganzen schönen Unrat, der ihm einen unverstellten und unschuldigen Blick auf die Dinge verriet, abseits der landläufigen Abkanzelung sog. „zweitklassiger Filme“ mit dem Werkzeug eines arroganten Traditionalismismus oder einer rigiden Psychoanalyse, die überall nur männliche deformierte Psychen aufdeckte, reaktionäre Frauenbilder u.v.m. Auch John Wayne hat in tollen Filmen mitgespielt, auch wenn wir James Stewart fast alle lieber mochten, klar, als Kinder den 1960er, 1970er Jahre. Eine von Hans Schifferles letzten Veröffentlichungen war ein Text über alte, fast vergessene Western, die im Schatten der arrivierten Regisseure ihren eigenen Underground kreiierten. Seine Zeitreisen war stets eine Fundgrube von Entdeckungen. In dem ihm gewidmeten Buch „Berufung:Kritiker“ entdeckte ich einen durchaus lyrischen Text über den Schauspieler Lex Barker, der eine Jugenderinnerung heraufbeschwörte: wie ich ihn in einem abgelegenen Hotel auf Mallorca früh in den 1970er Jahren am Swimmingpool, neben Maria Adorf sitzend, ablichtete. Der kurze Höhepunkt meiner Karriere als Paparazzo. Leider ist das alte Dia verloren gegangen. (m.e.)

Beim Filmfestival von Venedig hat der Western mit den neuen Filmen der Coen-Brüder und von Jacques Audiard eine kleine Renaissance erlebt. Die Liebe zu diesem Genre scheint ungebrochen. Die komplexe Geschichte des Genres, auf der auch die Venedig-Filme basieren, ist lebendig im cinephilen Alltag. Es gibr zurzeit kaum eine Filmgattung, die auf dem DVD- und Blu-ray-Markt mit so vielen Neuerscheinungen von alten, klassischen Filmen aufwarten kann wie der Western. DVD-Labels wie Koch Media, Filmjuwelen, White Pearl Classics oder Western Perlen lassen mit ihren Wiederveröffentlichungen und Neuentdeckungen von kleinen und vergessenen Western vor allem aus den 50er und frühen 60er Jahren die Geschichte des Westerns in einem neuen Licht erscheinen. Zu diesem Thema ist kürzlich auch ein Buch erschienen: Gregor Hausers »MÜNDUNGSFEUER«, eine kenntnisreiche labour of love über »Die 50 besten B-Western der 50er Jahre und ihre Stars«.

Es versetzt in Erstaunen, dass man selbst als Cinephiler beim Betrachten dieser vielen wieder zugänglichen Filme erkennen muss, dass der gute alte amerikanische Western tatsächlich ein terrain vagueist, eine geradezu unbekannte filmische Gattung. Natürlich, man kennt die großen Western von John Ford, Raoul Walsh, Howard Hawks und William A. Wellman, auch die Westernperlen von Anthony Mann, Budd Boetticher, Sam Fuller, Nicholas Ray, Jack Arnold oder Joseph H. Lewis. Aber all diese Filme, die uns häufig durch die französischen Kritiker der Autorentheorie vermittelt wurden, bilden nur die Spitze des Eisbergs. Was ist mit Westernspezialisten wie Lesley Selander, Sidney Salkow, George Sherman, Lew Landers oder Joe Kane, dem hyperaktiven Topregisseur des kleinen Republic-Studios? Was ist mit den jüngeren wagemutigen Filmemachern wie Joseph Pevney, Alan H. Miner oder Paul Wendkos? Man kann jetzt den Humus eines Genres entdecken, der die Meisterwerke erst ermöglicht hat, einen vielschichtigen Kosmos aus vitalen kleinen Filmen und größeren Produktionen, die von der Filmgeschichte verschluckt wurden. Ein neues Bild von einem traditionellen Genre entsteht dabei.
(der Auftakt eines Textes von Hans Schifferle von 2018, HIER in in toto)

Postscriptum mit einem Hauch Wildwest aus dem tiefen Bayern (als ich mal auf einem anderen Blog Einspruch einlegte gegen Standard-Abkanzelungen alter Western, flogen mir gleich einige Bleikugel um die Ohren):
Ganz witzig finde ich, wie schlecht hier oft Filme bei Uschi abschneiden, die ich ganz famos oder erschütternd oder sonstwie gelungen finde, beispielsweise Anora… undundund … Uschis verallgemeinernde Abfertigung des Westerns als „riesige Spielwiese fürs Macho-Wettpinkeln“, holla-di-ho, was für Entrüstungsarien! (Michael)
Die seltsame Art des Michael E. etwas „witzig“ zu finden und sich damit gleichermassen wunderbar zu offenbaren, auf der “ … riesigen Spielwiese der Macho-Wettpinkler … “ derjenige zu sein, der am weitesten pinkeln kann, ist auch eine Aussage! (Little Hans)
Wenn ich mich recht erinnere, wurden Western hier schon differenzierter besprochen und auch positiv konnotiert, z B der Neowestern, die Filme der Coens und das Lied vom Tod waren durchaus keine Verrisse. Uschi meinte mit der Spielwiese wohl eher die B-Movies, den alten John Ford, filmtechnisch durchaus beachtlich, handlungstechnisch eher banal. Oder guckt sich noch jemand freiwillig John Wayne an? Also genauer lesen und dann verreissen. (Jörg R.)
Da ich aber etwas unpräzise war, kamen da gleich einige dahergesprungen wie aus der Shiloh Ranch, bemühten „Pimmelmetaphorik“, machten aus einer „Arie“ gleich eine „Orgie“, und statt Frau selber sprechen zu lassen (die vielleicht gerade am Herd stand und den Porridge machte, oder Steak mit Bohnen) wurde genaueres Lesen angemahnt, und der humorvolle Kommentator (ich) samt Pimmel des Feldes verwiesen…. Ich sags ja, wie im Wilden Westen!!! Zur Abkühlung der Gemüter empfehle ich allen den grossartigen alten Western „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“. (Michael)
2025 sum-up: best albums of the year



- Valerie June: Owls, Omens and Oracles – forward-thinking Americana soul-pop album that treats optimism as an active, hard-won stance, shaped by M. Ward’s warm, textured production.
Americana with folk, pop, blues, gospel, soul inflections. - Eliana Glass: E – an austere, intimate piano-led songwriting debut inspired by Carla Bley, Annette Peacock, and Nina Simone that makes reinterpretation feel like autobiography through phrasing, silence, and minute emotional shading
- Saba Alizadeh: Temple of Hope – A tense electro-acoustic collage that fuses kamancheh, modular synths, and historical radio into music suspended between rebellion and hope.
Avant-garde electronic, ambient, modern classical, drone, Middle Eastern traditions - Vijay Iyer and Wadada Leo Smith: Defiant Life – Trumpet and keys meet in long-form conversations that feel like politically attentive essays in sound, dedicated to liberation histories and lived resilience.
Spiritual jazz, free improv, chamber jazz. - Robert Plant: Saving Grace – Plant’s late-career reinvention leans into a rootsy touring band and cover versions, prioritizing communal feel over legacy spectacle.
Folk, blues, gospel, acoustic roots reinterpretations. - The Weather Station: Humanhood – A continuous, improvisation-informed flow that braids acoustic instruments and synth textures into an unusually vivid portrait of breakdown and tentative repair.
Folk-rooted art pop with jazz-leaning ensemble movement. - James Brandon Lewis: Abstraction Is Deliverance – surprisingly ballad-leaning quartet record that keeps the tenor intensity, but lets melody, patience, and space do the persuasive work.
Modern jazz in John Coltrane tradition, spiritual jazz, post-bop. - Amina Claudine Myers: Solace of the Mind – a distilled personal statement that threads gospel, blues, and jazz lineage into a direct, expressive document led by Myers’ keyboard language and voice.
Spiritual jazz, gospel-rooted jazz, blues. - Benedicte Maurseth: Mirra – Hardanger fiddle, wildlife sound, and subtle electronics create a specific landscape listening experience centered on the Hardangervidda plateau and wild reindeer.
Contemporary Norwegian folk, Nordic ambient folk, electro-acoustic chamber jazz. - Maiya Blaney: A Room with a Door that closes – challenging and slow-burning, both intimate and nervous record where small timbral details and restraint are the main drama.
Electronic Indie folk/rock, singer-songwriter from Brooklyn. - Barker: Stochastic Drift – A kickless techno/electronic album that uses harmonic surprise and “drift” as structure, making each track feel guided by curiosity rather than grid.
Ambient techno, experimental electronic, IDM with jazzy elements. - Goldie presents Rufige Kru: Alpha Omega – a drum&bass veteran’s update of classic jungle urgency that stresses long-form momentum and modern sound design over nostalgia
- billy woods: Golliwog – dense, horror-tinged rap album that turns dread and history into sharply lit scenes over a wide, unsettled palette of production.
Underground / alternative hip-hop - Saya Gray: Saya – shape-shifting set that splices folk guitar intimacy and studio mutation into songs that keep re-forming midstream.
Art pop, indie, folk, experimental singer-songwriter hybrid. - FKA twigs: Eusexua – club-minded pop record where precision dance production and elastic vocals make sensuality feel engineered and cinematic at once.
Alternative pop with electronic and dance orientations. - Erkki-Sven Tüür: Aeris – Tüür’s Symphony No. 10, scored for horn quartet and orchestra, unfolds as a single drama of shifting energies with seamless transitions.
Orchestral modernism, ECM New Series.
Contemporary chamber jazz, electro-acoustic piano, ambient minimalism. - Maria Iskariot: Wereldwaan – punchy Dutch-language punk album that pairs blunt hooks with a restless, DIY bite.
- Kronos Quartet and Mary Kouyoumdjian: Witness – A testimony-driven chamber work where spoken voice and string writing function like documentary memory, not decoration.
Contemporary chamber music, string quartet, documentary composition. - Signum Quartett: A Dark Flaring: Works from South Africa – a sharply curated set of contemporary South African string works, played with clarity that makes timbre and tension the narrative.
- John Glacier: Like a Ribbon – Rap treated as texture and atmosphere, where fragmented images and production detail carry as much meaning as plot.
Experimental UK rap, ambient-leaning electronic hip-hop. - Anika: Abyss – guitar-heavy, confrontational turn that amplifies Anika’s speak-sing into a raw rock record that stares back rather than soothing.
- Little Simz: Lotus – confessional UK hip-hop that threads jazz, punk, afrobeat, and funk into tightly written narratives about fallout and renewal.
- Annahstasia: Tether – Neo-folk debut anchored by an unmistakable low-register voice that makes quiet acoustic songs feel physically close and emotionally decisive.
- Loraine James: Whatever the Weather II – electronic miniatures indexed by temperature readings that feel like diaries of shifting states, porous between IDM, ambient, and pop fragments.
IDM, ambient electronic, experimental pop abstraction. - Rosalía: Lux – Structured in four movements and sung across many languages, Lux reframes orchestral pop as a modern oratorio that roars through genre, romance, and religion.
- Lonnie Holley: Tonky – Spoken-poetry narratives ride lush collaborative arrangements, turning autobiography into communal protest, grief, and tenderness.
Experimental folk-soul-jazz collage, spoken word, art-rock-adjacent production. - Christian Wallumrød: Percolation – Piano pieces that pivot from bent-note, church-tinged harmonies into playful experiments with synth sounds, beats, and treated autoharp.
Post-jazz, electro-acoustic, modern chamber ambient. - Jon Balke: Skrifum – Solo piano treated as an environment, with monophonic focus and processed space turning “writing” into audible texture.
- Jonny Greenwood: One Battle After Another – nervy, motif-driven film score whose string writing and tension architecture can stand as album listening, not just accompaniment.
- Meredith Monk: Cellular Songs – late-career summit that builds organism-like vocal pieces from simple motifs, expanding “cellular” logic into rich ensemble form.
Bonus Tracks:
Elton and Brandi: Who Believes in Angels? – Classic songcraft that thrives on contrast, pairing Elton’s melodic theatricality with Brandi Carlile’s direct, narrative drive.
Sokratis Sinopoulos and Yann Keerim: Topos – Lyra and piano trace a meeting point between Greek folk memory and chamber-jazz restraint. A beautiful, moving , intimate duo.
- Valerie June: Owls, Omens and Oracles – forward-thinking Americana soul-pop album that treats optimism as an active, hard-won stance, shaped by M. Ward’s warm, textured production.
Michaels 12 Wiederveröffentlichungen des Jahres (strictly ranked, reflected & researched)
Here comes a radio story, but before that old repertoire anecdote, here are my three radio show dates of 2026: 22. Januar, 21.05 Uhr – „Die Minesota – Kathmandu – Connection“ („die ECM-Jahrzehnte von Steve Tibbetts“) // 28. Mai, 21.05 Uhr „Klanghorizonte“ // 24. September, 21.05 Uhr „Klanghorizonte“

Charm and a smile are involved when you listen to an old album and fall in love (at least a little bit) with it decades after it has seen the light of day. In this case I blame it on a young woman that I never gave Tangerine Dream a real try. It must have been 1976, summertime, when i listened to Zündfunk radio in Würzburg, Michael Hütter at the microphone, and TD in the middle of their Virgin years. Hutter invited guests, listeners of the show, from time to time. I thought „hey“, i thought „wow“, i liked her voice (soooo much), as i liked what she said. „There is more resistance in the music of Brian Eno than in the works of Tangerine Dream.“ I swear she used the word „Widerstand“. At that point I thought of Tangerine Dream as free floating drug music anyway, nice, yes, but a bit relying too much on special effects and the newest sounds from the day. My few listenings (and this girl‘s words) sealed the deal of my nearly life long distance with TD. I was so impressed by that radio voice, I was thinking hard of how to reach out for her. I didn‘t. I think she‘s still alive and kicking.
1) Paul Bley: Open, To Love (ECM) 2) Bennie Maupin: The Jewel In The Lotus (ECM) 3) Tim Buckley: Happy Sad 4) Miles Davis: Agharta 5) Spain: The Blue Moods Of Spain 6) Garbarek / Brahem / Hussain: Madar (ECM) 7) Ø: Sysivalo (archival discovery) – „an austere, yet texturally rich strand of icy minimalism, these recordings from the Pan-Sonic co-founder Mika Vainio felt like sanctuaries crafted from permafrost.“ 8) Arthur Russell: Open Vocal Phrases Where Songs Come In And Out (archival discovery) 9) Tangerine Dream: Phaedra 10) David Sylvian: Manafon Variations (My interview on „Manafon Variations“) 11) The Passengers: Original Soundtracks, Vol. One 12) Keith Hudson & Soul Syndicate: Nuh Skin Up Dub
my favourite reissues of 2025
„Anyone familiar only with the string-drenched, bucolic epics of Stars Of The Lid’s 21st-century work may be surprised by the Austin duo’s debut album, released on vinyl for the first time this year. A home-recorded set of guitar-based drones, „Music For Nitrous Oxide“ is as unsettling as it is meditative, laced with samples of Twin Peaks, Star Trek: The Next Generation and Apocalypse Now.“ (Jon Dale)

What a number of re-releases and archival discoveries, every year. The memory lane, buried treasures, lost classics, and more. Some of them were kind of enlightening, at least elevating for me. One was Tim Buckley‘s „Happy Sad“, I missed that one when i was young and, well, „happy sad“, so to speak. Awesome sound. Deep soul searching and passionate. Then, I still remember, in those 1970‘s in Würzburg, I was never into The Grateful Dead, with the tiny exception of „Blues For Allah“: that really hit me then and it hits me now with its vinyl reissue by Rhino. Haven‘t listened to it in decades, and it haunts me again.

From all the great ECM reissues (from the „Luminessence series“), Paul Bley‘s „Open, to love“ is the standout, one of the early ECM solo piano strokes of genius. An album to always return to. The real re-discovery was Jan Garbarek blowing his horns in a way your walls may come down during the ride. On „Madar“ he‘s accompanied by Anouar Brahem and Shaukaut Hussain. What an absolute and audiophile delight, this release from 1992. Another burner for the happy few who ever came across it, was the double vinyl reissue of David Sylvian‘s „Manafon Variations“: radical, sensual, deep-diving! Moving to my music in surround, 2025 was the year I finally fell in love with an album by Tangerine Dream, „Phaedra“. I‘m far away from calling Rod Stewart‘s „Atlantic Crossing“ a guilty pleasure, but I always preferred his ballads, and side two of that ancient album (now brought to the public in shining quad) is a series of irresistible ballads. Okay, we have all listened to „Sailing“ too often, but so what?! Steve Wilson‘s newest remixes of some early King Crimson works are killer – and a heavenly experience for surrounders: „In The Wake Of Poseidon“ and ther jazz-driven „Lizard“.

In America one of the most heartbreaking break-up albums ever came out as a double vinyl, and I easily trust Norman Maslov that it still puts a spell on you. This album about love falling apart always meant more to me than the canonical – and great – „Tusk“ by Fleetwood Mac. Oh, oh, no reason to keep you waiting: i am speaking of The Jayhawks‘ „Rainy Day Music“! Looking out of the window, i am sure you‘ll find your own „rainy day music“, for all the good reasons! The Stars of the Lid’s debut may be a good choice here! As is that 1995 classic (at least for some of us): Spain’s „The Blue Moods Of Spain“ (blue vinyl reissue)! Did I forget some more for this list? Sure I did. One album from the new Bruce Springsteen boxset of never before released works that immediately drew me inside: the Tex-Mex borderline ballad brilliance of „Inyo“ from Mr. Springsteen, and another double album in blue vinyl, Miles Davis‘ „Agharta“. I am sinking deeper and deeper into my blue velvet sofa.