„Life’s Backward Glance“


You live almost like a cult when you’re younger. We had our meeting points at River Mersey, loud singing, and campfire. Each person would have their thing they were into most and they’d bring that to the table. We’d all gravitate to certain things – Everyone loved Lee Perry, I loved Jimmy Cliff and doo-wop groups. My grandad had all these old records, like Reader’s Digest Hawaiian and choral records, and that’s where we’d pick a lot of stuff up from.“ (James Skelly, The Coral)

„Es war, lang her, auf unserer Zeltreise in die Bretagne, dann natürlich auf dem Weg nach Paris, wo wir die richtige Ausfahrt verpassten, und anderthalb mal den Boulevard Peripherique umrundeten, da hatte ich nur eine Kassette dabei, und einen dieser winzigen Kassettenrecorder, und so lief, wenn überhaupt, entweder „Ruth Is Stranger Than Richard“ von Robert Wyatt, oder „Hotel Hello“ von Gary Burton und Steve Swallow“ (M.E.)

Es ist schon ein paar Jahre her, da konnte ich einige Hörer der Klanghorizonze mit meiner Begeisterung für das Doppellabum „Coral Island“ anstecken, eine Zeitreise entlang alter englischer Küstenkäffer, mit wunderbaren spoken word-stories und einem Melodientaumel, der in alter Zeit manche Jukebox in Beschlag genommen hätte. Ich hatte immer ein Faible für diese Briten vom River Mersey.  Mit jenem Album knüpften sie an den Thrill von „Magic and Medicine“ an, und blieben in einem kreativen High, dem wir nun „388“ verdanken, ein Retro-Rausch besonderer Art, eine weitere Reise zurück in die Lebensräume ihrer Teenager-Jahre, und ihrer unerschöpflichen Freude an altem Reggae und Ska. Das ganze in rohem Sound, vollkommen unpoliert, ohne billige Imitationen zu servieren, macht „388“ zu einem Hörerlebnis, das gutes altes Vinyl fast zwingend erforserlich macht, und einen dezenten Suchtfaktor auslösen kann.

Und als ich gestern „388“ auflegte, unmittelbar gefolgt von „Coral Island“, ging mir wieder jener Sommermorgen durch den Kopf, aus dem Jahre 1971. Ich war 16, meine Baskenmütze auf dem Kopf, und sass auf einem Pier in Torquay. Ich sah auf die Palmen und hatte bis zu diesem Trip mit den EF-Ferienreisen nach England nichts von den Palmen und dem Golfstrom dort gewusst. Es waren die drei Wochen, in denen ich Neil Young entdeckte.Vor mir auf der Kaimauer lag ein kleines Taschenbuch über das richtige Pfeiferauchen. Ich hatte alles Nötige dabei, und auch den Tabak meiner Wahl. Da es der einzige Tabak ist, den ich je in einer Pfeife rauchte, habe ich ihn nie vergessen: „Mac Baren‘s Mixture Scotish Blend“ verströmte einen süssen Honigduft, das Whisky-Aroma liess sich allenfalls erahnen. Ich befolgte die Anweisungen zum Stopfen der Pfeife sorgsam, aber im Endeffekt scheiterte ich, immer wieder ging mir nach wenigen Zügen die Glut aus. Ich war zu blöd dazu. Schwamm drüber. Ich fühlte mich unbesiegbar, nachdem mich das erste Hören von „After The Goldrush“ in eine tiefe und andauernde Träumerei versetzt hatte.

“Ride That Train“

Das alles kam mir wieder in den Sinn, als ich gestern mit einem Keks mein kleines Coral-Festival veranstaltete. Benannt nach dem legendären TASCAM-Tonbandgerät, das bei den Aufnahmesessions in den Kempston Street Studios in Liverpool zum Einsatz kam, fängt das neue Album „388“ die Band mit ihrem ungebrochenen Elan ein. James Skelly legte eine Regel fest: Alles musste live im Raum eingespielt und noch am selben Tag abgemischt werden, wobei die Ecken und Kanten, das Bandrauschen und die menschlichen Unvollkommenheiten erhalten bleiben sollten, die in der modernen Produktion so oft wegretuschiert werden.

Nehmen wir nur mal diesen frühen Song des Albums her: „Ride That Train“ knüpft an vertrauten Rocksteady-Snare-Groove an und führt eine eingängige Keyboard-Melodie ein, einen Sound, die sich durch das gesamte Album zieht. Klare, leicht verhallte Gitarrenstiche untermalen den Rhythmus mit sanften Offbeat-Akzenten, während James Skellys Gesang im Vintage-Soul-Stil locker über dem Mix schwebt. Schlicht und ergreifend.

Diese Form von Magie und Medizin funktioniert auch im CD-Format. Es ist ihr mittlerweile dreizehntes Album, und sicher, im Kontext ihrer Historie, im Vergleich etwa zu „The Coral Island“ oder „Magic And Medicine“, kein Schlüsselwerk, kein opus magnum. Aber es sind ja oft die Dinge an den Rändern, die anrührender sind und auch tiefere seelische Prozesse befeuern als das, was uns Neunmalkluge als Mass der Dinge und Klänge andienen wollen.

Gestern, spät am Abend, bei Kerzenlicht, legte ich die neue Arbeit von Steve Swallow in meinen Cd-Player, „Winter Songs“, eine ECM-Produkton, die in genau einer Woche in die Läden kommen wird. Und, genauso wie „388“, ist es eine Zeitreise geworden ein Blick zurück, gelassen, nicht ohne Wehmut, doch auch mit stiller Freude – zwei Alben, die eines verbindet, was sich am besten mit dem Titel einer Komposition aus Steve Kuhns wundervollem Solopianoalbum „Ecstasy“ aus der Mitte in der 1970er Jahre in Worte fassen lässt: „Life’s Backward Glance“.

Mike Rodriguez, Trompete. Chris Cheek, Tenorsaxofon. Steve Cardenas, Gitarre. Gil Goldstein, Piano. Steve Swallow, Bass. Adam Nussbaum. Und genau wie bei „388“ hört man hier der Musik alter Freunde zu, die alles, aber auch alles, in ihr Spiel legen, um der Musik – das war wohl ihre gemeinsame Vision – Luft zu geben, Atem, Aura, also etwas, bei dem die üblichen Worte (Analysen, Vorurteile, Lobeshymnen, Schnellschüsse) in eine schöne Leere laufen. Mission erfüllt.

So lässt sich auch mit lyrischer Eleganz, mit makellosem Sound, Zauber auf Zauber entfachen, ohne einen einzigen überflüssigen Ton. Wer die drei letzten Alben von Carla, Steve und Andy ganz besonders mag, wird auch hier fündig werden, und, im seltsamen Glanz eines Rückblickes auf gelebtes Leben, von ferne auch mal die Lichter des „Hotel Hello“ aufflackern sehen!

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