Steven Spielberg wird 80

In den letzten zwei Wochen gab es in Berliner Kinos Vorführungen einer ganzen Reihe von Spielberg-Filmen. Diese Chance musste ich nutzen, auch wenn ich nicht alle (wieder-)sehen konnte, die ich gerne besucht hätte. Immerhin, meine Ausbeute:

Jaws (aka Der weiße Hai) — tatsächlich zum ersten Mal gesehen, da ich für die Erstsichtung immer drauf gewartet hatte, dass der mal wieder im Kino gezeigt wird. Hat sich gelohnt, auch weil es die ganz neue restaurierte Version zum 50. Jubiläum mit nettem Spielberg-Intro war. Einiges kam mir bekannt vor, da man über die Jahre ja schon so einige Szenen irgendwann mal irgendwo gesehen hat, überrascht hat mich, dass die zweite Hälfte dann vollständig mit den drei Männern auf dem Schiff spielt. Da wird der Film dann sozusagen elementar — Mensch gegen Natur. Interessant auch, wie souverän Spielberg damals, 1974, als gerade 27-Jähriger, die Mittel beherrschte, und wie viel Geld man dem jungen Mann für sie eine überraschend aufwendige Produktion anvertraute; ich hatte einen kleineren Film erwartet. Und dann übernachte mich, wie normal die Figuren aussehen und wie wenig mainstreamig das Ganze ist; ich hatte mehr so was Angepasstes erwartet wie Spielbergs spätere Filme und wie Blockbuster-Kino ab Star Wars dann geworden ist. Bekommt 4½ Sterne von mir für hervorragendes Erzählen mit der Sprache des Kinos.

Lincoln — ebenfalls zum ersten Mal gesehen. Den hatte ich damals, 2012, nicht geschaut, weil die Rede davon war, dass es ein langer historischer Dialogfilm in dunklen Räumen des 19. Jahrhunderts sei. Das reizte mich nicht wirklich. Der Film ist aber hervorragend – obwohl er genau das ist, was ich erwartet hatte, inklusive herausragender Leistung von Daniel Day-Lewis. Verblüfft hat mich, wie gegenwärtig das Ganze ist, jetzt noch, im Jahr 2026. Ein bemerkenswert weitsichtiger Film, der zwei Aspekte von Spielbergs Können bezeugt, die man sonst nie hört und ihm selten zugute hält: Erstens ein gewisses politisches Bewusstsein und zweitens ein kluges Erzählen in Dialogen und mit differenzierten Charakteren, die mehr sind als die typisierten Figuren in den meisten seiner Blockbuster. Starke 4½ Sterne.

Vor allem letzteres, d.h. kompetentes Erzählen in Dialogszenen, zeichnet auch Saving Private Ryan aus, neben selbstredend der damals weithin gelobten audiovisuellen Inszenierungsvollendung der Kriegsszenen. Der Film von 1998 ist deutlich besser, als ich ihn in Erinnerung hatte, seit ich den vor bald 30 Jahren erstmals gesehen hatte. Der Film ist auch vielschichtiger und ambivalenter, als gemeinhin gesagt wird. Größter Schwachpunkt ist leider die Musik, die am meisten zu dem generellen Eindruck von Kitsch und Sentimentalitätsgedusel beisteuert. Schade. Stark, wie Spielberg innerhalb eines solch immensen Produktionsaufwands in allen möglichen Aspekten klassische Autoren-Regiekunst an den Tag legt. Der Regie-Oscar für diese Leistung ist auf jeden Fall verdient, muss ich nun nach dem Wiedersehen uneingeschränkt anerkennen. Und ich hatte witzigerweise den entscheidenden Storytwist am Schluss komplett vergessen. In vieler Hinsicht hat mich die Qualität des Films beim Wiedersehen überrascht. Ich würde 5 Sterne vergeben, wäre die Musik nicht so bombastisch und rührselig. Daher leider nur 4½.

Ebenfalls erstmals seit der damaligen Kinoauswertung (1993!) wiedergesehen: Jurassic Park. Funktioniert gut, aber im direkten Nebeneinander mit Jaws fällt auch sehr auf, wie ähnlich sich die beiden Filme sind. Allerdings ist Jurassic Park streckenweise doch auch etwas albern und scheut sich nicht vor Unglaubwürdigkeiten zugunsten von Suspense. Ein paar Szenen sind im Spannungsaufbau arg überzogen und bis an die Albernheit ausgereizt. Und letztlich fügt der Film Jaws nichts hinzu. Außer vielleicht zwei Kinder und Richard Attenborough. Es fällt auch auf, wie Jurassic Park (so auch im direkten Vergleich mit Jaws) viel mehr als Popcorn-Blockbusterkino mit Typen statt Charakteren konzipiert ist, Plotstruktur vor Glaubwürdigkeit. Schwache 4 Sterne.

Und auch wiedergesehen: A.I. – Artificial Intelligence. Schwächer, als ich den in Erinnerung hatte vom Kinobesuch 2001. Durchaus interessant, visuell wird einiges geboten, aber es wird doch vieles dialogisch erzählt, ohne wirklich die Dialog-Vielschichtigkeit zu erreichen, die es z.B. in Lincoln und sogar in Private Ryan gibt. Es geht letztlich nicht wirklich in die Tiefe, auch wenn es sich den Anschein gibt. Ich kann gut verstehen, warum ein guter Filmfreund, der sich immer intensiv mit Kubrick beschäftigt hat, meinte, dass der gute Stanley schon wusste, warum er sich gegen eine Realisierung entschieden hatte. Leider findet Spielberg streckenweise keine richtige bzw. angemessene Form, übertreibt es irgendwann mit dem Kitsch und der Langsamkeit, zum Ende wird es immer alberner und quatschiger, und John Williams’ haarsträubend übertreibende Musik trägt hier auch eindeutig zum Nachteil des Gesamtergebnisses bei, auch wenn er immer wieder zu interessanten, für ihn neuen musikalischen Ideen greift. Für 3 Sterne reicht es gerade noch.

Gestern dann Disclosure Day. Ja, das ist tatsächlich der beste Spielberg-Film seit … The Fabelmans. Im Ernst: Wer immer geschrieben hat, es sei der beste seit 20 Jahren (also seit München), hat weder The Fabelmans gesehen noch Lincoln, und offenbar auch nicht Bridge of Spies, The Post, Big Friendly Giant und wohl noch ein paar andere … Nein, dieser Film ist ein ziemliches Durcheinander, ein sagenhafter Mumpitz. Spielberg goes Nolan. Und John Williams’ Musik trägt wieder einmal massiv zu Kitsch und Übertreibung bei. Nein, leider ist das Ganze viel näher an dem Quatsch von A.I. als an Spielbergs besten Filmen, trotz so mancher gekonnter Spannungsszene. Die Albernheit bzw. Überzogenheit der Suspense-Konstruktion einiger Szenen erinnert lautstark an Jurassic Park (aber auch an James Bond), und dass Spielberg bzw. sein Drehbuch kein Ende findet und noch alles mögliche auch noch erzählt werden muss, ohne dass es einen Mehrwert bringt, erinnert wie der esoterische Edeltrash an A.I. und so manche B- bis C-Movies. Was hat den Mann nur geritten, nach dem Karrierehöhepunkt, diesem persönlich-berührenden Autorenfilm The Fabelmans, zum Ende seines achten Lebensjahrzehnts nun so einen ausufernden Eso-Quatsch zu verfilmen?

Ich muss mich sehr wundern… habe heute morgen Rezensionen gelesen, etwa bei Artechock – und bekam das Gefühl, in einer alternativen Realität zu leben. Wir waren im Kino gestern doch recht frustriert, und ich hätte all das auch gerne gesehen, was z.B. bei Artechock steht, aber ich kann diese Lobhudelei überhaupt gar nicht mit dem Film zusammenbringen, den wir gestern erlebt haben. Dabei war ich nach Fabelmans und auch anderen Spielberg-Filmen der letzten 25 Jahre wirklich guter Dinge und dachte, das wird bestimmt ein souveränes, vielleicht sogar starkes Spätwerk. Doch je länger das ging, desto schlechter wurde mein Urteil. Eine ganze Weile lang dachte mich mir noch, „okay, es bietet leider nicht das, was zu Anfang als Erwartungshaltung geschürt wurde, aber immerhin ist es unterhaltsam, fast wie ein besserer James-Bond-Film“, doch je länger es sich hinzog, desto frustrierter waren wir; und und das habe ich auch bei anderen Besucher*innen aus deren Nachgesprächen im Kinofoyer rausgehört. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Filmkritiker*innen großen Spaß an all der Christopher-Nolan-Esoterik und den erzählerischen Albernheiten haben und das Ganze intellektuell als Märchen mit Trash-Faktor akzeptieren. Da bin ich jetzt mal gespannt, ob die Meinung der normalen Allgemeinheit da ähnlich von den vielleicht intellektuell abgehobenen Rezensionen abweicht, wie das ja manchmal der Fall ist. Ich kann trotz einer gewissen Hochachtung vor Spielbergs Können leider nur 2 Sterne geben, eher für technisch beeindruckende Elemente.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert