Another Sunday Afternoon
Another fine organ concert on the 1962 Rudolf von Beckerath Organ at this year’s Saint Paul Cathedral Organ Concert Series, the last concert of five. Amanda Plazek Bruce played works by
Johann Sebastian Bach
Peter Kolar
Jean Langlais
John Dixon
Aaron Shows
Dieterich Buxtehude
Zsolt Gárdonyi
Marcel Dupré.
The concert got recorded and will hopefully be broadcast on Classical WQED-FM Pittsburgh — providing that this station will exist any longer. You might have heard that the funding of public radio and tv is no longer guaranteed.
Hass und Heat
In Berliner Kinos laufen aktuell zwei Filmklassiker aus dem Jahr 1995. Das war wohl das Jahr, in dem sich mein Kinointeresse zu einem veritablen Berufswunsch formierte. La Haine (Hass) von Matthieu Kassowitz habe ich interessanterweise nie gesehen, ich meinte wohl immer (vermutlich durch die Berichterstattung bzw. Rezeption), das wäre ein Film, der sich als Epigone von Scorseses Siebziger-Jahre-Schaffen und dem damals mega angesagten Frühwerk von Scorsese-Schüler Tarantino geriert, zudem auch noch in Schwarzweiß (für mich lange Zeit in den meisten Fällen der Inbegriff des artsy selbstverliebten Autorenkinos) mit ein paar jungen Typen als Hauptfiguren, die beim Herumhängen in Paris infantile Machosprüche raushauen, Drogen konsumieren und mit Waffen hantieren, was mich alles einfach nie die Bohne interessierte, als Filmzuschauer auch nicht. Und was soll ich sagen, ich hatte drei Jahrzehnte lang genau das richtige Bild von dem Film. Natürlich hat er tolle Kameraarbeit, und die Musikauswahl macht auch Spaß… aber irgendwie berührt hat mich das ganze Ding dann doch nicht. Von dieser Art Herumhänger und Sprücheklopfer hab ich seither hier in Berlin eh mehr als genug jeden Tag.
Einen Tag später mal wieder Michael Manns Heat, der vor 30 Jahren sicherlich enorm einflussreich auf mein Verständnis von Kino war, und den ich alle zehn Jahre mit großer Begeisterung gesehen habe und jedes Mal noch besser fand, nun als neu restauriere digitale Fassung. Interessant, dass mich dieser Film nicht kalt lässt, schon damals als Jugendlichen nicht, geht es doch um zwei lebenserfahrene Männer nach Jahrzehnten im Beruf, die allem ein bisschen überdrüssig sind. (Und ja, mit Waffen hantieren.) Überhaupt ist Michael Mann ein ausgesprochener Männer(figuren)-Regisseur; in der Folge von Heat habe ich mich allen seinen Filmen eingehend gewidmet und seine Regiearbeit intensiv studiert, und immer wieder frage ich mich, ob das eigentlich so die einzigen Männerfilme sind, mit denen ich was anfangen kann. Offenbar schafft(e) Michael Mann es, weit darüber hinaus sehr vieles und und sehr tief zu erzählen, so dass man sich auch in diesen Filmen wiederfinden kann, wenn man nicht Meistergangster oder LAPD Detective ist.
Außerdem die grandiose, quasi dokumentarische Verwendung von zahlreichen unglamourösen Hinterhof-Drehorten in L.A. — was sollte mich das vor 30 Jahren interessieren… hat aber bei mir als BRD-Kind offenbar viel angesprochen, dieses aufmerksame, von aufrichtigem Interesse geprägte Erzählen eines „anderen“ Los Angeles. (Heute würde man sicherlich weit mehr Schwarze und „People of Color“ besetzen.) Und dann ist der Film natürlich von einer phänomenalen Regie und Filmsprache gezeichnet; das hat mich sicherlich geprägt, wie Michael Mann mit einer solchen souveränen Meisterschaft immer haargenau den richtigen Ton trifft, eine Leistung auf dem Höhepunkt seines Könnens — offenbar wie die beiden Hauptfiguren.

Wir haben den Film mit der Tochter angeschaut, die mit ihren 16 Jahren heute fast so alt ist wie ich damals. Auch ihr hat der Film sehr gut gefallen (bei La Haine hätte sie sich, jede Wette, gelangweilt). Witzigerweise hat sie anfangs die beiden Hauptfiguren verwechselt — für Menschen meiner Generation natürlich skurril, De Niro und Pacino zu verwechseln, aber in diesem konkreten Fall eigentlich in gewisser Weise auch wieder „richtig“.
Hätte ich vor 30 Jahren La Haine gesehen und nicht Heat, wäre mein Kinoverständnis und meine wären meine Vorlieben heute ganz andere?
Sweet nightmares are made of this (1982, remake)
Der Kollege drehte sich eine Zigarette, er sass mir gegenüber in unserem Zwei-Mann-Büro. Zwei Psychologen, einer hatte Liebeskummer. Michael, um aus dieser Nummer raus zu kommen, flieg nach London, über Weihnachten, das ist doch deine Stadt. Du musst einfach ständig wach sein, saug Piccadilly auf, das tut richtig weh, aber gut, alleine, ganz alleine, saug die Einsamkeit auf. In vollen Zügen. Das hilft. Down to the bottom! Ja, sie ist bestimmt die schönste Frauen Regensburgs. Du warst ihr Ausbruch, sie hat die Reissleine gezogen.
Die Würfel sind gefallen. Er hatte ja so recht. Ich wohnte noch immer am Ende der Welt, die Wölfe der Tschechei kamen manchmal über die Grenze, und ein Buch mit Kurzgeschichten von Richard Brautigan lag neben dem Bett. Ich fuhr von Bergeinöden nach Frankfurt und besorgte mir ein Flugticket nach London. So allein wollte ich auch nicht sein, und so kündigte ich meinem alten Würzburger Freund David Webster meinen Besuch an. Er freute sich darauf, mich wiederzusehen.
In Frankfurt verweigerten sie mir die Einreise nach London. Ich landete in Büros, und musste sogar zu einem amerikanischen Konsulat, wieso musste ich auf das fucking amerikanische Konsulat? Ein Riesentheater, und ich war sauer, und zeigte das auch. Da klärte es sich, dass ich als Amerikareisender gebucht war, ohne Visum, alles war ein Missverständnis im Frankfurter Nieselregen. Lauter Sorrys und Entschuldigungen, und Lufthansa schenkte mir ein Ticket für die Business Class, mit Sekt und allem Drum und Dran für eine Dreiviertelstunde Flug in den Londoner Nebelregen.
Heiligabend war ich bei den Websters eingeladen, bis dahin hatte ich zwei Tage: billige Absteigen, alte Cafes, und ich besorgte mir sofort ein Musikmagazin. Musik sollte Teil meiner Selbsttherapie sein. Ich liess mich in einem Pub nieder, erleichtert nach dem Tagesstress, der Kaktus auf der Ablage über mir geriet in Bewegung und plumpste dem Mann hinter mir in den Nacken. Ein Aufsschrei. Ich kümmerte mich sofort um ihn, zog ihm einzelne Stachel raus, ein paar Stellen waren blutig, aber er blieb freundlich. Der Pubbesitzer hatte sogar ein Desinfektionsmittel. Am Abend ging ich in den Marquee Club, um Jah Wobble & The Invaders of the Heart zu erleben.
Jah Wobble hatte einen Trenchcoat an, der aussah, als wäre er den ganzen Tag durch den Londoner Dunkelregen gewandert. Man konnte hören, dass Jah Wobble nach der Zeit mit Public Image Ltd. noch viel mehr in die Welt des „elektrischen Miles“ eingetaucht war. Dunkel pulste sein Bass durch den Raum. Eine Trompete mit Wah-Wah-Pedal verschickte knappe telegraphische Notizen, der Drummer hämmerte wohltuende Monotonie. Da erkannte ich sie und taufte sie Healy. Du bist die Fremde, mit der ich diese Nacht erobern werde. Sie stand alleine an der Seite, und trug auch einen fucking beautiful Trenchcoat. Hoffentlich war sie kein Jah Wobble-Groupie. War sie nicht.
Nach dem Konzert lud ich sie zu einem Drink ein, nachdem ich mich freundlich vorgestellt hatte. Why me, fragte sie mich, und ich sagte, your eyes. Sie hatte ein kleines Appartment in West Hampstead. Sie legte eine gemeinsame Lieblingsplatte auf, Chairs Missing von Wire, und dann schliefen wir miteinander. In dieser Nacht lösten sich die Bilder der schönsten Frau Regensburgs in den Umarmungen einer Wildfremden auf. Wir kifften, lachten, und mochten einander – small talk with a beating heart. Sie hatte kleine feste Brüste und einen extrem schlanken Körper, Londoner Regenblässe. Sexual Healing. Ein wenig.
Ich wanderte den ganzen Tag durch Hampstead Heath, ich hörte spät am Abend John Peel im billigen Hotelzimmer (er spielte Musik von Howard Devotos Band „Magazine“, ich weiss es noch genau, einen Song aus „Second Hand Daylight“, oder „The Correct Use of Soap“, wunderbar) und am nächsten Abend, Heiligabend, traf ich bei den Websters ein. Es gab Gans, Rotkohl, und Plumpudding. Es waren noch andere Gäste da. Ich hatte mir einen Infekt eingefangen, und später nachts 38.9 Grad Fieber. Ich schnupfte. David sagte: Michael, erzähl, wie war das Jahr? Wollt ihr das wirklich hören? Ja, Mann! Und ich erzählte die ganze Geschichte. Bis zu dem Augenblick, wo mein Kollege sich eine Zigarette drehte. In einer Fachklinik für Suchtabhängige. Ich ruinierte die Party mit dieser Story, leider. Obwohl ja alles so magisch anfing, mit einem Western mit James Stewart, und dem berühmten Song der Gruppe Grauzone. Ich hätte gerne als Entschuldigung einen Weihnachtsbaum gestiftet. Für Mrs. Webster wurde ich zum roten Tuch.
Das Allerschönste in diesen Tagen waren die Fahrten mit der Underground, besonders die Augenblicke, wenn man die letzte Treppe zum Tageslicht betrat. Immer wieder gerne: Piccadilly Circus, die bunten, flackernden Werbetafeln im Dauerregen. Ich kam mir vor wie in einer ungeschriebenen Geschichte von Richard Brautigan. Eine, in der Duftkerzen Patchouli verströmen, die Kinks im Radio „Mr. Pleasant“ spielen, ein Hirschbraten mit Preiselbeerrahm serviert wird, und ein paar Glückskekse am Tannenbaum hängen.
Musik aus der Zukunft
Am 19. März 2022 lief im Deutschlandfunk die dreistündige Sendung „Aus den Trümmern zu den Sternen. Eine lange Nacht über elektronische Musik aus Deutschland“, von Steffen Irlinger und Tom Noga. Ich habe meine Aufnahme neulich wiedergehört. Das Fazit der Sendung war, wie uns allen bekannt, dass die Impulse der elektronischen Musik aus Deutschland von Ende der 60er bis Mitte der 70er Jahre, aber auch darüber hinaus, in der Musikgeschichte bis heute nachwirkt und noch Jahrhunderte nachwirken wird.

Am meisten begeistert an der Aufnahme hat mich ein Auszug aus dem Album, das für Tangerine Dream zum größten Erfolg wurde: Phaedra (1974). (Das Album würde ich auf die Liste der Musik aufnehmen, die zu meinem musikalischen Archetyp gehört, über den ich einmal in einem Text auf manafonistas schrieb.) Phaedra entstand aus Material, das beim Herumprobieren an einem neuen elektronischen Gerät in einem Londoner Studio aufgenommen wurde. Zum 50-jährigen Jubiläum erschien eine sechsteilige Box, mit Outtakes und anderem.
Weitere ausgewählte in der Sendung an- oder ausgespielte Alben und Titel:
Neu! (ohne Titel, 1972)
Kraftwerk: Autobahn (1974): Langfassung von ca. 22 Minuten und Kurzfassung von ca. drei Minuten, zu der es kam, nachdem ein US-amerikanischer Musikmanager mit der Band Kontakt aufgenommen hatte. (Der Erfolg des Songs während der Tournee durch die USA hatte auch damit zu tun, dass die Worte „fahrn, fahrn, fahrn“ an den Song „Fun Fun Fun“ von The Beach Boys erinnerte.)
Kraftwerk: Das Model
Kraftwerk: Radio Activity
(Bemerkenswert bei beiden Songs, dass sie inhaltlich keine angreifbare Position beziehen, sondern beliebig interpretierbar sind).
Ash Ra Tempel: Ash Ra Tempel (1971)
Ash Ra Tempel: Seven up (1973), mit Timothy Leary
Manuel Göttsching: E2 – E4 (1984) (Wurde in den 90er Jahren von DJs gespielt und remixt)
Harmonia: Tracks & Traces (1996 veröffentlicht, aber 20 Jahre früher aufgenommen, mit Brian Eno, Roedelius, Möbius und Michael Rother)
Cluster & Eno (1977)
Eno, Möbius, Rodelius: After The Heat (1978)
David Bowie: In dem Track „Warszawa“ aus dem Album „Low“ (1977) ist der Einfluss der deutschen elektronischen Musik klar erkennbar. Bowie bezeichnete die während seiner Zeit in Berlin entwickelte Arbeitsweise als „Teil seiner DNA“.
Tangerine Dream: Electronic Meditation (1971)
Tangerine Dream: Alpha Centauri (1971)
Tangerine Dream: Atem (1973)
Klaus Schulze: Irrlicht (1971)
Klaus Schulze: Cyborg (1973)
Ich habe alle erwähnten Titel und Tracks mit Youtube verlinkt.
„Sowieso nur ein gefrorener Himmel“
imagine a summer campfire feel, all
along tracks of purity and wit, kind
of naked, too. now imagine these songs
being even more naked while
rocking in quite nonchalant ways.
as a last step, imagine a room with
a flower, a shadow of the disappeared,
and strum simple, strum, strum – the guitar. (m.e.)
Manche halten ihn für einen Scharlatan, das ist auch schon Don Cherry passiert. Ich habe Jonathan Richman immer gemocht, aber erst seit einihej Jahren intensiver gehört – und sein neues Album spricht mir mit Charme, Witz und Wehmut aus der Seele. Ich habe das Album gestern auf dem staureichen Autobahnen zwischen Dortmund, Düsseldorf und Aachen herum auf bandcamp rauf und runter gehört. Die Lp und Cd-Versionen aus den USA sind schwer zu bekommen und teuer. Ein paar Zeilen aus Pitchfork: „Though he doesn’t dwell on the subject, death is the thread that ties together Only Frozen Sky Anyway. He admits as much in the record’s brief liner notes, writing of the deceptively lively “Se Va Pa’volver” that it represents a theme that took shape during the album’s recording sessions this past January: “The song is about how our friends are leaving, in their dying, on an errand, only to return. In another role. With another mission.” Nun, ich teile nicht „message“, aber die Fantasie!
(Neben „Modern Lovers 88“ habe ich nun also ein weiteres Lieblingsalbum von Jonathan gefunden – im folgenden zu lesen, ein paar ältere Texte aus dem alten Blog, zu „Modern Lovers 88“, von unserem einstigen Gefährten Bob T. Bright (2013), sowie Mark Smotroff (2018) – und von meiner Wenigkeit, das kleine hemdsärmelige Gedicht ganz oben.)
„In other words: Although I knew Jonathan Richman and the Modern Lovers through Roadrunner, Ice Cream Man and Egyptian Reggae, which I heard around the time of the first punk explosion, for some reason I never really listened to him very closely which is quite a long time to allow such a treasure to escape from your life … meanwhile I find myself more and more captivated by his enchanting music. What I find so great about him: Jonathan’s music is small and homespun in its sound and in its lyrical interest and yet manages to seem limitless in the possibilities it suggests of its possible meaning.“
„Whether he is writing about being a mosquito or about honey bees or parachute jumpers, about the joys of driving along a New England freeway or dancing in a lesbian bar; however small or parochial the nature of his concerns, the expansive nature of the joy that the lyrics give rise to in the listener and the vibrancy and ebullience of the music are such that any one of his songs could charge you with sufficient energy to still have room to counter the next wave of misery that is an inherent part of the human condition, but which he manages to somehow dissipate through his songwriting.“
„Although there are so many of his songs that are great, I particularly love ‚Twilight in Boston‚ because it expresses the joy of the mundane – of the prosaic, with precisely the deftness of touch that avoids slipping into the mawkish (of course, this is subjective). It happens to refer to Boston, but this could be an experience that anyone could have, anywhere in the world – at any time. It’s sung with that gleeful sense that enjoyment comes from the here and now, from the smallness of things, which at the same time are connected to something greater.“
Nachdem ich diese Texte zusammenstellte, merkte ich, welche Lust ich mal wieder verspürte, „Modern Lovers 88“ zu lauschen – ich stiess auf die Wiederveröffentlichung „zum Dreissigjährigen“ dank Marks Besprechung – aber sie hatte sich irgendwo in meinem Archiv versteckt. Nach zehn Minuten hatte ich sie ausfindig gemacht und laufen lassen, von der ersten bis zur letzten Rille. Wunderbar! Manchmal altert auch die Begeisterung für Dinge, warum auch immer, in diesem Falle erfüllte mich das Hören mit purer Freude. Die Sache mit Jonathan lässt sich nicht runterbrechen auf das ewige Kind im Manne, oder eine bewährte Regression im Dienste des Ichs. Sie geht um einiges tiefer, selbst da, wo ein Hetero in einer Lesbenbar singt.
Joe und Jan

JOE MEEK
Ein Portrait von Jan ReetzeHardcover, 312 Seiten
Pop, Beat, Rock’n’Roll, Sound-Experimente: Die Geschichte des innovativsten Hitmachers der Sechziger Jahre.
Die erste Joe-Meek-Biografie in deutscher Sprache erscheint im September 2025.“Luminal“ & „Lateral“
„Lieben oder hassen?! Ich liebe die Musik von David Sylvian. Einige seiner Songs sind für mich zeitlose Klassiker. Mit Melanie Dalibert ist es allerdings ganz anders, die Musik überlebt bei mir keine Minuten. Wenn ich lese, was David Sylvian über seine Zusammenarbeit mit Melanie schreibt, ist meine Reaktion: Wieso höre ich das nicht? Bin ich zu sehr mit dem Virus Jazz infiziert, um von dieser Musik noch erreicht zu werden? Übrigens geht es mir mit Brian Eno und seiner Musik der letzten Jahre genauso. Dafür muss ich wohl im Seniorenheim leben.“ (radiohoerer henry)

Flowworker: ***** („Luminal“) & **** („Lateral“)Warum ich noch nicht über das Büchlein „What Art Does“ von Brian Eno und Bette A. geschrieben habe, ist rasch erzählt: ich bin allzu vertraut mit all den Gedanken über Kunst, Feelings, Surrender, Play, etc. die Brian in dieser „unfinished theory“ ausbreitet, nach seinem Anspruch so verständlich, dass es auch nicht auf den Kopf gefallene Teenager verstehen können, und herrlich bunt bebildert ist es zudem! Wäre ich Kunstlehrer, wäre das Stammlektüre in meinen Klassen. Ab und zu schmökere ich mit Vergnügen in dem Bändchen.
Viel lieber aber begegne ich der Kunst ohne Metaebene, lasse die Feelings durch mich hindurch strömen und rauschen, wenn ich „Luminal“ oder „Lateral“ auflege, Brian Enos famose neuen Alben mit Beatie Wolfe, und erlebe da, ungefiltert, Surrender, Play, etc., in allen Schattierungen zwischen dem Unerhörten und dem Unheimlichen, zwischen dem Fest und den Erschütterungen des Lebens. Denn all das dringt hier durch, und viel zu fesselnd, in diesen Wochen, um kluge Worte darüber verlieren zu wollen.
Das Erlebnis der Tiefe spielt sich stets im Zwischenraum von Sender und Empfänger ab, und hier, bei den elf Songs von „Luminal“ etwa, bringe ich es schlicht und ergreifend so auf den Punkt, dass mein mutmassliches Songalbum des Jahres 2025 mich so tief erwischt, berührt, umfängt, umgarnt, verführt, auf gut deutsch „haunted“, dass es seinen Platz findet neben meinen Songalben der letzten beiden Jahre von Beth Gibbons und P.J. Harvey. „Luminal“ ist ein Album, das Tore öffnet, tief taucht und, mich jedenfalls, auf seltsam diskrete Weise, mitreißt!
P.S. I never got an interview in the years of „virtual conversations“ (the artist in an empty room (no „Zoom“, no „phoner“) that was technically so perfect (the icing on the cake). And her answers: interesting from start to end and „to the point“! You can listen to her solo talk from Brian Eno’s studio in Notting Hill until the end of September HERE!
„Openness Trio“ und „Chicago Waves“

Ich blätterte durch Seiten, in denen ein Fan des Labels Blue Note in alten Zeiten schwelgte und fachkundig viele Klassiker in Kurzkritiken umkreiste. In späteren Jahren kamen da nicht mehr so viele Alben zusammen, eine neue Generation, neue Besitzer, die Helden starben, usw. Natürlich gab es immer wieder Werke, seit den Neunzigern, die etwas Besonderes waren, ob von Cassandra Wilson, Madlips „Shades of Blue“, und was uns da noch in den Sinn kommen mag.
Wenn ich fünf Alben des Labels hernehmen sollte, aus der Zeit zwischen 1990 und 2025, als „my blue note favorites of new times“, „Openness Trio“ wäre dabei, von Nate Mercereau, Josh Johnson, und Carlos Niño: von der Ästhetik bis zum Cover eigentlich zu einhundert Prozent der Welt von „International Anthem“ „entlehnt“. Das Album entstand, auch eher typisch für IAR, meist in freier Natur, einmal nahm man unter einem mexikanischen Pfefferbaum Platz.
Solche Naturklanginspirationen deuten, wie die ersten Saxofonsekunden des Albums, auf ECM und Jan Garbarek – und ansonsten: Freier Jazz, Psychedelik (immer ein Ausdruck bei verschwimmenden Sounds – mit Carlos Niño kann man gut über „magic mushrooms“ reden), Ambient Music (aber hinhören, bewusst, sollte man schon) – ich lasse die Floskeln ruhen, nur dies noch: das Album ist ziemlich unbeschreiblich! Und hat einen festen Platz in meinem Jahresrückblick!

Wie, in den „archival recordings“ die Langspielplatte „Chicago Waves“, die Neuauflage eines Livemitschnitts des Duos Miguel Atwood-Ferguson / Carlos Niño aus dem Jahre 2018. International Anthem! Strukturell als völlig freie Improvisation angelegt („zwischen Ashram, Free Jazz und Ambient“, merkte ich in den JazzFacts mit einem Schmunzeln an), ist es in mancher Hinsicht ein enger Verwandter des „Openness Trio“, und Miguel gab als Inspirationen das Blau des Lake Michigan an, Jon Hassell, und einen Free Jazz Violinisten, der einst auf Impulse Records ein paar Platten veröffentlichte, Michael White.
Zwei Graphic Novels
Für ein Leseprojekt in einer 9. Klasse zum Thema deutsche Geschichte 1848 – 1945 lese ich gerade verschiedene Texte (Romane und Comics/graphic novels), die die Jugendlichen dann vorstellen sollen. Hier sind zwei davon, Reinahrd Kleins „Der Boxer“ (2012) und Luz‘ „Zwei weibliche Halbakte“ (2025).

Reinhard Kleins graphic novel basiert auf den Lebenserinnerungen von Hertzko Haft, die er gemeinsam mit seinem Sohn Alan zu Papier gebracht hat und die auf der Rückseite des Einbands zurecht als verstörend beschrieben werden. Hertzko Haft ist 14 als die Deutschen 1939 Polen überfallen und seine Heimatstadt Belchatov besetzen. Zwei Jahre später wird er in einem Zwangsarbeitslager interniert, kurze Zeit später kommt er nach Auschwitz. Dort wird er wegen seiner Statur von einem SS-Aufseher zum Boxer ausgebildet und muss von nun an jedes Wochenende gegen einen anderen Häftling kämpfen. Es sind Schaukämpfe auf Leben und Tod, die Deutschen bringen die Verlierer um. Ende 1944 werden die Lager um Auschwitz aufgelöst, die Häftlinge irren auf Todesmärschen durch Polen und Deutschland. Hertzko Haft gelingt im April 1945 die Flucht, auf der er einen SS-Mann und ein älteres Ehepaar umbringt. Nach Kriegsende führt er vorübergehend ein Bordell für amerikanische Soldaten, um dann in die USA zu emigrieren. Dort hat er eine kurze Karriere als Profiboxer, heiratet schließlich, wird Vater von drei Kindern und eröffnet einen Gemüseladen in Brooklyn. Zeitlebens kann er über die Kriegsjahre nicht reden, wird aber von den Dämonen seiner Vergangenheit gemartert; erst kurz vor seinem Tod berichtet er seinem Sohn seine Lebensgeschichte. Um ehrlich zu sein bin ich mir nicht sicher, ob diese – von Reinhard Kleist in sehr ausdrucksstarken schwarz-weiß Zeichnungen erfasst – für 14jährige nicht etwas zu düster ist; vielleicht eher etwas, um es für Unentschlossene in der Hinterhand zu haben.

Ein preisgekrönter Comic aus Frankreich in deutscher Übersetzung, dessen Autor vor 10 Jahren dem Anschlag auf Charlie Hebdo nur entgeht, weil er an dem Tag Geburtstag hat und deswegen zu spät zur Redaktionssitzung kommt. Seitdem steht Luz unter Polizeischutz. „Zwei weibliche Halbakte“ erzählt von der deutschen Geschichte zwischen 1919 und 1946 (wobei die letzten Ausläufer der Handlung in der Gegenwart enden) aus der Perspektive des titelgebenden Gemäldes von Otto Müller. Man sieht also was sich unmittelbar vor dem Bild abspielt – und sonst nichts. Aus dieser reduzierten Sicht stellt Luz geschichtliche Ereignisse prägnant dar. Das Bild steht lange im Atelier des Malers, bis der es an einen Anwalt und Kunstsammler verkauft, der nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten Selbstmord begeht. Die Sammlung muss verkauft werden, damit die Familie Deutschland verlassen kann, wird dann beschlagnahmt, und das Bild „Zwei weibliche Halbakte“ landet auf der Ausstellung für „entartete Kunst“. Dort betrachten es sowohl pöbelnde Nationalsozialisten, aber auch Kunstliebhaber. Und dann geht die Geschichte weiter – heute kann man das Gemälde in Köln im Museum Ludwig sehen; die Erben des Kunstsammlers wurden zu Jahrtausendwende entschädigt. Die Bilder sind in gedeckten Farben gemalt, von denen einige leitmotivisch wiederholt werden. Immer wieder nutzt Luz die bildliche Tiefe, um im Hintergrund weiteres Geschehen zu zeigen. Ich habe „Zwei weibliche Halbakte“ sehr gerne gelesen. Für meine Schüler*innen ist der Fokus auf „entartete Kunst“ sicher etwas speziell, zudem müssen sie in der Lage sein, sich den Kontext beim Lesen zu erschließen – aber das schaffen einige bestimmt ganz gut.
„Zwei Karten für die Hafenstraße, Alter!“
Das war verblüffend, wie oft mir pure Irritation begegnete, wenn ich ausserhalb der Rituale von Klassentreffen ein paar ausgewählte Jungs, die damals Kumpel waren, anschrieb oder anrief, um mal ein Treffen auszumachen. Nicht ganz unverständlich, wenn, was Volksschulzeiten betrifft, nicht mal verstreute Begegnungen über die Jahre einen Anknüpfungspunkt ergaben. Und Mädels kamen gar nicht vor, da wäre Befremden durchaus verständlich.
Ich rede von Freunden, mit denen ich in unseren Dortmunder Vororten eine Reihe von kleinen und grossen Abenteuern erlebte, wenn nicht gleich auf dem Level von Enid Blytons „Fünf Freunden“, so doch unvergesslich genug – wenn, ja, wenn man nicht irgendwann die Kindheit zu einem „anderen Land“ erklärt, und Vorstösse dorthin im gesetzten Alter mit diversen Erstverdächtigungen begleitet werde, ob da einer verrückt geworden sei, oder depressiv, oder gar Geld wolle.
Da war, einmal, das schon in der Stimme spürbare Unverständnis der Gattin eines meiner Jugendkumpels zwischen 11 und 17, das nur noch getoppt wurde von der höflich-unterkühlten Sprache von Hans S., der ein kleines Treffen in Aussicht stellte, wenn er seine Mutter, die immer noch in dem Haus gegenüber wohnte, hochgradig senil, in zwei Wochen in eine Seniorenresidenz bringe. Ganz kurz sprach ich davon, wie ich die stolze Frau damals erlebt habe, und es entstand der Ansatz einer kurzen, doch recht förmlichen Unterhaltung.
Wenige Tage später eine förmliche Absage. Immerhin hatte ich rausgefunden, dass es die anderem drei Kumpel vom Wildbannweg noch gab. Als ich ihm auf wenigen Zeilen einige Erinnerungen und Gehemnisse auftischte, von einem gemeinsam durchgeführten telepathischen Experiment, bis zu diskret gehaltenen Liebeleien (die Namen blieben auch jetzt, aus Respekt vor den Lebenden und Toten ungenannt), war klar, in diesem und den kommenden Leben würde ich von H. nichts mehr hören. Ein komplettes Verschwinden von Interesse und Neugier.
Bleibt also mein 2024 wiedergefundener Schulkamerad Zurli, mit dem ich demnächst Haus um Haus in unserem alten Dornröschenweg abgehen, und seine Erinenrungen mit meinen anreichern werde und umgekehrt. Ursprünglich wollte ich im letzten Jahr vor allem meinen einstigen „Blutsbruder“ Matthias finden, kam dafür ein paar Monate zu spät. Jetzt bin ich guter Dinge, dass Zurli, Klaus (wieder bald gesund, hoffentlich!) und ich bald im alten Dorfkrug sitzen werden und der Zeit kurzfristig ein Schnippchen schlagen. In der Jukebox kann es dann gar nicht sentimental genug zugehen, von „Yesterday“ bis „Walk On The Wild Side“! Und, Zurli, es wird wieder Zeit für einen Sonntagsspaziergang! Mitte August, herrliches Sommerwetter, der BVB spielt bei Rot Weiss Essen, die erste Pokalrunde, und ich habe zwei Karten füre die Hafenstrasse, Alter! (Dank an Freddie R. – die Tickets waren ratzfatz ausverkauft!