• Michael Franks Erinnerungen an drei frühe Kraftwerkkonzerte


    1971, wenige Monate vor meinem 14. Geburtstag, habe ich im Audimax der Freiburger Universität während der Sommerferien mein allererstes Rock-Konzert besucht – in Obhut des knapp zwanzigjährigen Sohnes einer befreundeten Familie. Auch das werde ich ihm nie vergessen. Leider lebt er schon lange nicht mehr. 

    Die Wörter „Rock-Konzert“ und „Kraftwerk“ passen vermutlich in der heutigen Wahrnehmung der Band nicht mehr zusammen, aber 1971 war das, was Kraftwerk live ablieferten, ganz eindeutig Rockmusik. Und das lag nicht zuletzt an Drummer Klaus Dinger. Die Band trat damals als Trio auf, Gründungsmitglied Ralf Hütter war gerade mal nicht dabei, aber immerhin noch Florian Schneider-Esleben. Und Michael Rother spielte auf seiner Gibson Les Paul mitunter Riffs, die problemlos in Jam-Sessions diverser Rockbands passen würden. Aufgrund der ungewöhnlichen Klangfarben, die bei Kraftwerk 1971 zu hören waren, wurde daraus natürlich Rock der experimentelleren Sorte.

    Ich nehme an, dass sich die meisten noch an „das erste Mal“ der Begegnung mit Rockmusik in voller Konzertlautstärke erinnern können – das Erlebnis, bestimmte Frequenzen nicht nur über die Ohren sondern im Körper wahrzunehmen, vor allem tiefe Töne direkt im Brustbein und oder Magen zu spüren, war für mich gleichzeitig leicht beunruhigend und euphorisierend. Letzteres Gefühl gewann im Sommer 1971 aber schnell die Oberhand. 

    Kraftwerk spielten vor allem Stücke von ihrer ersten LP, „Ruckzuck“ gab’s sogar zweimal. Beim Versuch, das Konzerterlebnis anhand der Debüt-LP zu wiederholen, fand ich die Studioversionen von „Stratovarius“ und „Vom Himmel hoch“ ein bisschen verhalten. Mir kam es so vor, als ob die Groove-Passagen der Nummern im Konzert länger und heftiger ausgekostet wurden. Trotzdem hörte ich mir die Platte oft und gern an. 1971 war das Trio auch in der TV-Sendung „Beat-Club“ von Radio Bremen mit einer Nummer zu sehen, allerdings im Vergleich zum Konzerterlebnis auch eher schaumgebremst. Näher an dem Live-Sound, den ich 1971 in Freiburg hörte, ist ein Mitschnitt von Radio Bremen aus dem Gondel-Kino vom 25.6.71. Er kursiert seit mehreren Jahren in LP und CD-Form und auf youtube. 

    Knapp zwei Jahre später, im Mai 1973, habe ich ein Konzert von Hütter und Schneider-Esleben im damaligen Kunstverein am Kölner Neumarkt besucht. Sie spielten in einem kleinen Raum, der wie ein mittelgroßes Büro- oder Ausstellungszimmer wirkte. Sie firmierten damals, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, als „Ralf und Florian“. Das war ein gutes halbes Jahr bevor die gleichnamige LP erschien. Ob ihre Single „Kohoutek-Kometenmelodie“ schon erschienen war, konnte ich bisher nicht herausfinden. 

    In den kurzen Notizen, die ich mir damals zu dem Konzert gemacht habe, steht, dass sich ihre Musik zu deutlich ruhigeren und entspannteren Stücken hin entwickelt hatte. Heute würde ich das wohl als eine leicht zugängliche Art von Minimal Music bezeichnen. In Erinnerung blieb mir auch, dass Florian Schneider-Esleben vor dem Konzert mit seinem Campingstuhl rückwärts umkippte. Eine unbeabsichtigte Slapstick-Einlage, die er ohne Blessuren überstand. 

    Am 22. März 1975, einem Samstag, traten Kraftwerk in der Sendereihe „Nachtmusik“ im großen Sendesaal des WDR in Köln auf. Das war knapp ein halbes Jahr nach Veröffentlichung ihrer LP „Autobahn“. Karten gab’s umsonst, wenn man sich rechtzeitig drum kümmerte. Moderiert wurde der Abend von Winfried Trenkler, dessen Sendungen „Pro Pop Music Shop“ oder „Rock In“ ich und viele andere eine Menge musikalische Anregungen verdanken. 

    Kraftwerk traten an dem Abend zu viert auf, neben Hütter und Schneider-Esleben waren Karl Bartos und Wolfgang Flühr auf der Bühne. Flühr und Bartos trommelten mit ihren Drum-Sticks auf kleinen Pads und triggerten so elektronische Perkussionklänge. Hatte ich vorher noch nicht gesehen/gehört. Mit Kraftwerk anno 1970/71hatte das natürlich nichts mehr zu tun, weder optisch noch klanglich. Der Schwenk zu schlichten Spieluhr-Melodien und Akkordfolgen war endgültig vollzogen worden. In der damaligen Zeit von Progrock- und Hardrock-Mainstream hatte das einen ganz eigenen Charme. Die Band spielte an diesem Abend Stücke von allen bis dahin erschienenen LPs: 

    „Kling-Klang“, „Tanzmusik“, „Kohoutek-Kometenmelodie“,„Ruckzuck“, „Autobahn“ und nach Sendeschluss um 24 Uhr noch die Zugabe „Kristallo“. Zumindest  „Kohoutek-Kometenmelodie“ ist von diesem Konzert auf youtube überliefert.

  • Kohoutek, der Komet (und andere Zeitreisen ins Jahr 1974)

    Es ist ja nicht so, dass das grosse weite Weltall völlig aussen vor war, als Kraftwerks „Autobahn“ erschien, im Jahre 1974. Jawohl, die „Kometenmelodien“.  Als Jan Reetze, am kommenden Sonntag zu Gast in den „Electro Beats“ (in Kürze mehr dazu!), die letzten Seiten seiner Liebeserklärung an ein 50 Jahre altes Album verfasste, erinnerte er kurz vor Ende noch einmal daran:

    „Und Kohoutek, der Komet von Seite 2, wir wollen ihn nicht vergessen, war zwar beim Erscheinen des Albums schon wieder ins kalte All zurückgekehrt, aber er wird in rund 78.000 Jahren wieder zu sehen sein. Ich freue mich schon heute darauf. Bis dahin bleibt uns seine Melodie.“

    So weit, so gut. Ich habe im folgenden meine Favoriten jenes Jahres 1974 zusammengestellt und gelistet. Ich zählte – hey, nineteen – noch zu den Teenagern, und so naiv und romantisch ich in vielen Dingen sein mochte, in der Musik gab es weitaus weniger Verirrungen als in der Liebe. Ich kehre noch heute zu all diesen Platten zurück, solche Konstanz hätte ich mir anderswo auch gewünscht. Das sieht nicht von ungefähr wie eine playlist der Zeitreisen früherer Klanghorizonte-Nächte aus. Hier also die Patience über meine „alltime favorites“ jenes Jahres. Five star albums all of them!

    Über einige dieser Platten, die nun ein halbes Jahrhundert ihre tiefen „impacts“ liefern, wird in diesem Jahr viel zu lesen sein. Und ich weiss, wer bei mir, bei allem Respekt, hier nicht auftaucht, mit dem 1974er Output, von Steely Dan bis Bob Dylan („Planet Waves“), von Steve Wonder bis Roxy Music, von Frank Zappa („Apostroph‘“) bis Supertramp. Und Nummer 21 wäre bei mir wohl Randy Newmans „Good Old Boys“. Ein grosser Fan dieses Albums (und von meiner Nummer 12) war und ist übrigens, nicht so naheliegend, Brian Eno.



    1. Brian Eno: Taking Tiger Mountain (by strategy) (ein Abend im Studentenwohnheim , der vieles auf den Weg brachte) 2. Robert Wyatt: Rock Bottom  (dass ich schon beim ersten Hören „ergriffen“ war, ist bescheiden ausgedrückt) 3. Brian Eno: Here Come The Warm Jets (der reine surreale wunderbare Wahnsinn) 4. Neil Young: On The Beach (weiss gar nicht, wann die Platte mir in die Hönde kam, ein constant companion immerzu) 5. Keith Jarrett: Belonging (ich kann mich sogar an den ersten Blick auf das Cover mit den vier Luftballons erinnern, in dem Laden meines Dortmunder Musikdealers) 6. Terje Rypdal: Whenever I Seem To Be Far Away (purer Sehnsuchtsstoff) 7. Weather Report: Mysterious Traveler (the adventurousness of a „signature sound“) 8. Miles Davis: Get Up With It  Part 1 & 2 (nicht nur wegen dem 30-Minüter „He Loved Him Madly“) 9. Joe Henderson: The Elements (das eine Werk der alten „Legende“ zur Abteilung „spiritual jazz“) 10. Kraftwerk: Autobahn (seltsam magische Anziehung, ein Kumpel hatte die Platte immer wieder laufen, aus den grössten Boxen der Nachbarschaft)



    11. Eberhard Weber: The Colours of Chloe (an der Mensa Münster kurz nach Erscheinen entdeckt) 12. Joni Mitchell: Court and Spark (perfect songs and stories album) 13. Van Morrison: Veedon Fleece (da flog ich durch, wunderbare Stimmungen) 14. Oregon: Winter Light (how I loved to listen to the best Oregon quartet ever in long, long Würzburg nights!) 15. Jackson Browne: Late For The Sky (perfektes Cover zur Musik, mit all diesen sanften tiefen schleichenden dunkelhellen Lovesongs 16. Edvard Vesala: Nan Madol (noch so ein ECM / Japo-Klassiker, in jenem Jahr gab es aus dem Haus ECM noch manch Ebenbürtiges) 17. John Coltrane w/ Rashied Ali: Interstellar Space (a propos Kohoutek!) 18. King Crimson: Red (der dunklere Stoff, elektrisierend, goose skin elevation) 19. Marion Brown: Sweet Earth Flying (criminally underrated nenne ich dieses tolle Impulse-Werk, u.a. mit Paul Bley) 20. Julian Priester: Love, Love (eine Sternstunde der „fusion era“, immer noch „Wo-bin-ich-Musik“).

  • Unseen

    Gemessen an dem Geklingel, das um diese Ausstellung im Andy Warhol Museum veranstaltet wurde, war das Resultat dann doch eher ernüchternd.

    Das Warhol Museum ist nach eigener Aussage das größte einem Einzelkünstler gewidmete Museum weltweit. Der Bestand an Werken dürfte inzwischen unbezahlbar sein. Klar, dass der Platz selbst in diesem Gebäude nicht ausreicht, um Warhols Werk komplett zu dokumentieren. Die Museumscrew gibt sich viel Mühe, in wechselnde Ausstellungen immer wieder Werke einzubauen, die man auch als regelmäßiger Besucher noch nicht gesehen hat.

    Letztes Jahr ist man deshalb auf die Idee gekommen, durchs Depot zu gehen und eine Auswahl von Werken zusammenzustellen, die noch nie ausgestellt wurden.

    Das Ganze nimmt jetzt etwas mehr als eine halbe Etage ein und ist chronologisch von den 1960ern bis in die 1980er Jahre zusammengestellt — Siebdrucke, Portraits (u.a. drei Beuys-Portraits mit Diamantstaub), Zeichnungen, Werbegrafik, Erotik. Einige dieser letzteren Drucke wurden unter anderem aufgrund ihrer sexuellen Drastik bislang nicht gezeigt und sind etwas verschämt in einem Raum ausgestellt, der von außen nicht einsehbar ist — albern und unnütz, denn inzwischen regen wohl auch sie niemanden mehr ernsthaft auf.

    Dazwischen findet sich einiges Sehenswertes, aber auch Material, das eher unfertig wirkt und die Frage aufwirft, weshalb es überhaupt ausgestellt wurde.

    Wirklich überzeugend ist die ganze Ausstellung nicht. Mein Tipp: Die „Unseen“-Idee wird weiterverfolgt werden. Mit Sicherheit ist noch jede Menge Material vorhanden. Wenn das dann allerdings nicht interessanter ist als die hier jetzt zu sehenden Werke, dann könnte man die Werke von mir aus im Depot belassen. Warhol hat Besseres produziert.

  • Brian Whistler on „Music For Black Pigeons“

    I bought my copy of „Music for Black Pigeons“ a number of months ago, watched it and was very moved by it. But it wasn’t until I revisited it yesterday during a break in a session of free playing with a talented percussionist that I really fully appreciated it. Seeing it with a fellow artist allowed me to see it with fresh eyes and ears. 

    After viewing it a second time, I realized just how artfully this film is executed. It is more than merely just another music documentary, it is really a humanistic art film that focuses on aging, love and the shared passion for artist collaboration. And of course, always the beautiful music.

    While the film centers of guitarist Jakob Bro, the beating heart of this film is in the elder players who recognized his talent and wanted to play with the young Danish maestro. Structurally, the film takes its time, setting the scene for each location, lingering on buildings or street scenes, giving the viewer a sense of place and atmosphere before diving in to the more intimate scenes.

    The brilliant direction and editing takes advantage of the nearly 15 years of filming, exploring the themes of aging and the deepening love between collaborators and lifelong friendships. All of this moves back and forth in time, revealing the personalties of each player through fly on the wall moments in the recording studio and on stage. 

    Punctuating these vignettes are revealing interviews with many of the players. Unlike many such films, the questions are probing, the answers provocative and often profound. As a lifelong musician with a long career in music, I found the artists’ struggle to answer these questions relatable and incredibly insightful. 

    There are so many highlights it’s hard to pick just a couple. I loved every moment Lee Konitz is onscreen. He is painfully honest and real, and his humbleness is completely genuine. Here is a guy who has been a part of so many scenes in several important eras, and still demonstrates a childlike beginner’s mind in relation to Bro’s contemporary approach to modern music, and even though he admits to not fully understanding what’s going on, nonetheless embraces the moment and throws himself into the music wIth spontaneity, imbuing every note in each solo with meaning, great heart and wisdom. Just watching the love and recognition amongst his peers, especially the look on Jakob Bro’s face as Lee overdubs a brilliant solo that can only come from a lifetime of dedication to his craft, is worth the price of admission. 

    I also loved the portrait of nerdy bassist Thomas Morgan as we watch his morning regimen, getting on the PC (programming in DOS no less,) to cue up an incredibly diverse program of music while he performs his morning stretches and his own peculiar variations on yoga postures, then selecting his clothes for the day. Delightful as is his quirky interview, which starts off with one the longest pauses in documentary history.   

    There are a great many musicians featured in this documentary. From memory and in no particular order: Bill Frisell, Thomas Morgan, Joe Lovano, Joey Baron, Paul Motian, Jorge Rossy, Craig Taborn , Palle Mikkelborg, Arve Henricksen, the late John Christiansen, Mark Turner, Andrew Cyrille and several others. A number of these artists are also interviewed, as well as the ones I mention here.

    I don’t want to give too many things away here for those who haven’t had the pleasure of viewing this film, but I will also add that the beautiful  scene with Manfred Eicher in the studio with Bro and compatriots recording Bro’s tune dedicated to Tomacz Stanko, really touched my heart. The camera wanders around the control room and rests on a picture of a younger Eicher and Stanko and other photos from a decades long association. In his interview, Manfred Eicher tries to express his feeling about his many years in the recording studio with Stanko, finding himself at a loss for words, before he is finally overcome with emotion and unable to continue.

    In the end, this film is a poignant portrait of elder musicians with really young hearts meeting with a younger generation of open creative artists, who are still willing to exploring the edges of creative boundaries, even towards the end of their lives. The film also makes it clear that it’s the music that transcends the disparities of race, age, gender and cultural origins. All of these differences are ultimately superficial when artists come together with a common purpose. 

    I want to add that this film looks absolutely gorgeous; even though it was released on DVD, it looks as good (and sometimes better) as many of my BluRay discs. I honestly don’t know how they pulled that off, but they did. Also the sound, which is in Dolby Digital, sounds equally amazing, as good as many uncompressed Master Audio HD soundtracks in my Bluray collection.

  • Spätwerke und anderer zeitloser Stoff


    „Das Pferd rennt. Was für einen Ritt wir haben. Ich will den Vibe nicht durcheinander bringen.“ (Neil Young) Letzte Dinge sind keine Altersfrage. Der Mythos „Forever Young“, er wird gerne praktiziert auf den Coverbildern meiner geschätzten Musikmagazine UNCUT und MOJO. Oft bekommen wir Porträts alter Lieblinge aus ihren wilden frühen Tagen präsentiert, ein steter Trigger für Erinnerungen, für „Regressionen im Dienste des Ichs“. Sogenannte Spätwerke werden vielleicht für Teile der Hörerschaft verdaulicher, wenn die „vibes of good old times“ mitschwingen. Es gehörte natürlich zu den basics des Rock und anderer Alternativkulturen, ähem, das Bewusstsein zu erweitern (love, sex, politics, friendship, neighbourhood & other worlds)…galoppieren wir hier mal querfeldein durch Dunkelzonen, wenn Zeit sich nur marketingtechnisch nicht mehr endlos dehnt, Fenster kleiner werden, und nicht mehr täglich der Sprung durchs Feuer auf der Agenda steht.

    Selbst das Damals ist trügerisch. Neil Young bot uns vor Monaten in UNCUT ein strahlendes Lächeln, das uns aber ratzfatz in seine sehr ungroovigen Jahre 1973 bis 1975 transportierte, wo Scham, Angst, schlechte Träume die Tage und Nächte füllten, und ein Meilenstein wie „On The Beach“ drei Jahre Psychoanalyse auf der klassischen Couch ersetzte. Neben alllem anderem (s.o.) auch den Dämonen des eigenen Lebens kühn zu begegnen, das war, unausgesprochen, ungeplant, eines der unter die Haut gehenden Dinge (in manchen Schlüsselwerken) von Scott Walker, Neil Young, Leonard Cohen, Joni Mitchell und anderen „spirits“, die unser Leben ja auch deshalb stetig begleiten, weil ihre besten Alben nicht bloss gelebtes Leben von „station to station“ aufrollen, sondern auch in unseren dunkelsten und zweitdunkelsten Stunden Trost bereithalten, der nicht platt ist, Sounds, Gesänge, One-Liner, die vieles in Bewegung bringen können. Das Lösen aus Erstarrungen. Lifers. „I’m porous with travel fever / But you know i′m so glad to be on my own / Still somehow the slightest touch of a stranger / Can set up trembling in my bones (…)“

    Freuen wir uns also auf das, mit leichtem Vorbehalt, was einige unserer LebensbegleiterInnen in den kommenden Monaten bereithalten: Beth Gibbons‘ „Lives Outgrown“ ist da schon mal einsam in meinem Olymp der Nacht angesiedelt, hinreissend, schmerzhaft und unfassbar „beautiful“ – und gespannt sind wir auf das, was Nick Cave im Köcher hat, und auf seine „Wild God“-Tour sowieso. Selbst David Gilmour ist gerüstet für ein Album namens „Luck And Strange“ rund um unser aller Sterblichkeit. Alterswerk – der Begriff ist ohnhein leicht schwammig und dehnbar – es wurde tatsächlich schon Bob Dylans „Time Out Of Mind“ zum definitiven Alterswerk erklärt, arm an tröstlichen Worten, dezent todessehnsüchtelnd, reich an Sollbruch- und Bruchbruchstellten, und dabei war es erst 1998.

    Seien wir ehrlich: manche unserer „old heroes“ machen es sich auf der Veranda gemütlich, und lassen ihre Lieder in den Sonnenuntergang reiten (Neil ist eine rühmliche Ausnahme). Das ist dann oft genug, und egal wie sehr ein „memento mori“ mitschwingt, gepflegte Nostagiemucke, fernab von Erschütterungen, rezeptfrei aus jeder Rockotheke. So im Dunklen will sich nun auch David Gilmour umgetan haben, im Angesicht letzter Grenzen und des „big nowhere“, aber ging nicht auch seinen letzten Soloalben ein wildes, verwittertes Etwas ab – war seine Musik nicht sonderbar hochglänzend und elegisch weichgespült!? Die „American Recordings“ von Johnny Cash legten die Latte hoch.

    Also, schön wachbleiben! Lasst uns bereit sein für Überraschungen und das Feld der Klänge erweitern: lassen wir die Neubauten wieder einstürzen, auch der gern in den Tiefen einer Raga abtauchende Oded Tzur probt eine wilden Abgang aus Paris, auf seinem nöchsten Opus „My Prophet“. In durchaus ätherischem Gewand, zugleich deep and dancing, lockt uns in entlegene Zonen von Trauer, von flüchtigem Glück, Julia Holter auf ihrem fabelaften Doppelalbum „Something In The Room She Moves“ (das mir mit jedem Hören mehr zu Herzen geht). P. J. Harvey erfand schon 2023 ihre Kindheit neu (und entführt sie aus den Zonen des Hundertmal-Erzählten). Verlassen wir wir die Pfade des viel zu enggefassten „confessional songwriting“, die Liste der vertrauten Namen. Der bekannten Formelhaftigkeiten. Das Abenteuer wartet überall, man muss nur rechtzeitig die Kurve kriegen! „Why, why do these old songs live so vividly now?”, fragt Neil Young in den liner notes des jüngsten wilden Streiches von Crazy Horse. “They do to me. I recognize it. Losing it, finding it, losing it…. Take a chance on love. On love, on love.” Tief durchatmen – und jetzt bitte ein Solo für den Leser, auf der Luftgitarre, Alter!

  • Valentine

    It’s the darkest hour, you’re twenty two
    The voice of youth, the hour of dread
    The darkest hour and your voice is new
    Love is lost, lost is love

    Zweifelsohne besitze ich viel zu viele Tonträger. Immer wieder schaffe ich es, mich von welchen zu trennen, aber es sind immer noch exorbitant viele … von denen ich denke, dass sie mir sehr wichtig sind. Wenn ich mit jüngeren Leuten spreche, haben die oftmals gar keine CD- oder DVD-Spieler mehr und finden die Vorstellung, Tonträger zu kaufen, geradezu abwegig. 

    Your country’s new
    Your friends are new
    Your house and even your eyes are new
    Your maid is new and your accent too
    But your fear is as old as the world

    Es gibt Zeiten, da höre ich Bowie länger nicht, aber er bzw. sein Werk ist mir dennoch immer abrufbar im Kopf, unzählige Zeilen aus seinen Songs haben schon den Status „geflügelter Worte“ in der Rock-/Pop-Geschichte, und immer wieder begeistert es mich zu sehen, in welch unerwarteten Kontexten seine Songs oder auch nur Zitate daraus auftauchen. Mit zahlreichen Songs verbinde ich viele Momentaufnahmen in meinem Leben oder erinnere mich an Personen, Filme, Situationen, Liebschaften (auch unerfüllt gebliebene), manchmal steht ein Song in meinem Kopf für eine bestimmte Person oder ein Ereignis oder verbindet sich mit einem Kunstwerk.

    Egal, welches Album ich dann und wann herausziehe und von Neuem entdecke — ja, selbst die nicht so gelungenen oder wesentlichen wie Tonight oder Never let me down oder Reality oder die Seltsamkeiten wie das skurrile Debüt von 1967 oder die Lazarus-Musical-Cast-Version seines Lebensendes oder ein Gastauftritt auf einem Goldie-Album — es langweilt mich nie, auch nicht beim tausendsten Mal. Und auch bei diesen genannten Unter-Ferner-Liefen-Sachen denke ich sofort an bestimmte Momente, Personen, Erinnerungen. 

    Heute ging die Berlinale zu Ende, und ich hatte in den letzten zwei Wochen kaum Zeit, Musik zu hören. Fast täglich habe ich in der letzten Woche allerdings The Next Day (komplett oder teilweise oder inkl. Bonus-Disc) gehört, und es ist keine neue Information aus meinem imaginären Mund, dass dieses Album weit besser ist als der Ruf, den es hat (solide, nichts Besonderes, selbstreferenziell, zu lang, zu wenig Wagemut etc). Obwohl: Selbstreferenziell ist es ohne Frage, mehr als wahrscheinlich jedes andere Bowie-Album. Aber auf eine auch sehr sympathische, raffinierte Weise. Die Texte und Textreferenzen sind auf der anderen Seite aber auch einzigartig, mit diesen düsteren Themen, die sich durch das Album ziehen. Am ehesten lässt sich The Next Day thematisch mit Heathen vergleichen, doch ist es darüber hinaus, wie alle Bowie-Werke ein ganz eigenwilliges, persönliches. 

    Say hello to the lunatic men
    Tell them your secrets
    They’re like the grave
    Oh, what have you done?
    Oh, what have you done?
    Love is lost, lost is love

    Durch die Hörerfahrungen der letzten Woche und die Bezüge, die sich hier mit meinem persönlichen Zustand und bestimmten Begegnungen dieser Zeit hergestellt haben, wird The Next Day vermutlich auf Jahrzehnte mit dieser letzten Woche und einer bestimmten Person in meinem Herzen verbunden sein, auch wenn das inhaltlich keineswegs naheliegt. Großartige Songs wie Valentine’s Day, Love is lost oder The Stars are out tonight haben, finde ich, zu Unrecht den Status von Nebenwerken im Bowie-Kosmos. Für mich persönlich ohne Frage eines der wichtigsten Alben der 2010er, nicht zuletzt wegen der Texte und wie er sie interpretiert hat. Das ist keine neue Erkenntnis für mich, aber eine, die ich in dieser Woche mit großer Freude und Leidenschaft wieder gemacht habe. 

    You know so much, it’s making you cry
    You refuse to talk but you think like mad
    You’ve cut out your soul and the face of thought
    Oh, what have you done?
    Oh, what have you done?

    (Textzitate aus Love is Lost; interessante Analysen und Background-Infos dazu in der „Bowie Bible“)

  • Blue Wave Radio

    Nice, i will still be doing radio shows in 2025 at the Deutschlandfunk, two Klanghorizonte hours for sure. Some jazz, too. Not that Im now singing the old Zagger and Evans tune from my imaginary jukebox….“in the year 2525“… for the day today, i follow my weak spot for Grandaddy‘s new album which I really love with all its strange limitations…waltz after waltz after waltz, the softsoftsoft voice of Jason Lytle (one of my five fave singers on the planet) wrapped up in epic cloudwork…. A friend of mine just said… „it‘s okay, but a bit ELO in lofi“… he has a point here, but I don‘t follow his judgement…the lyrics are wonderfully dark and witty, sometimes at the same time… and I take a warm shower in this album everytime it starts sending its shivers down my spine…this is „ambient blue wave with a singer lost“!

  • Thinking about Mr. Hollis in a sentimental mood


    It happened five years ago today.

    The guy from „Zen Sounds“ is strolling through Mark Hollis‘ life, and time‘s rush (and the coffee I am drinking some miles before Bremen) is now filled with sugar and sadness. By chance, I made one of the two last interviews he ever did, in 1998, in Hamburg, before the release of „Mark Hollis“. And I was meeting him before In 1991 or 1990. In that week when the huge cover of Talk Talk‘s „Laughing Stock“ circled on the roof of Polydor Records‘ skyscraper, I sat in his little appartment near „Angel Station“, with Markus Müller (who is now the CEO of the Monschau Jazz Festival, remember his FMP book, or the ECM exhibition in München…), and we listened to his stories, for example about Mark’s neverending love for that first Duke Ellington piece of his only album with John Coltrane… „listen, these first moments of Elvin Jones there“, and whenever I come across the name of that Underground station, it hurts. „Angel Station“. For fuck’s sake. When meeting him again in the big Hamburg hotel, there was (really strange, and unexpected) this joy, unfiltered, similar to seeing an old friend again, a big smile on his side, on my side then, too. In those two hours, while drinking tea, there was a very kind, heartfelt connection. If I now think back to that scene, after all those years, it brings a tear to my eyes. I’m NOT „romanticizing“ this. All these special moments in life, you don’t return to them necessarily in your last moments, on the deathbed, you can bring them up – en passant, and they can serve. Everything wounded will flow. Little helpers on the way. The elevation of a (sudden) melancholic vibe. Mark Hollis never released any more offical recordings after his solo work. In 2001, he produced two songs for jazz saxophonist Jan Garbarek’s daughter Anja on her album Smiling & Waving. And, there I was, sitting in Anja‘s living room in Notting Hill – on her wall the magnified cover of Brian Eno‘s „On Land“, Anja talking about her album, and about the last appearance of Mr. Hollis in a record studio. Circles closing. We should have been writing oldfashioned letters. The following lines now from Stephan Kunze, the man behind „Zen Sounds“:

    Researching his biography, “Mark Hollis: A Perfect Silence”, music journalist Ben Wardle found out that the introverted songwriter spent the last 20 years of his life mainly playing golf, riding motorcycles and collecting rare instruments. When his kids had grown up, he moved back to the countryside with his wife, this time to Sussex. He died from cancer on February 25, 2019, aged 64.

  • Ich bin Lisa (Neues aus der Blow-Away-Zone)


    Drei Monate in die Haut von Lisa Poschmann schlüpfen, auf einer kleinen Tour mlt dem Amanset durch Kalifornien. Anno 1998. Alles zwischen Santa Monica und Titisee. Hör dir die ersten drei Platten der Gruppe an, und wenn du der dort verströmten Magie erliegst, bist du im Fanclub willkommen. Ernsthaft. Die Musik erweitert dein Geduldsspektrum mit einem Honigkuchenpferdgrinsen und versetzt dich in hundertundeine Gedankenwelt – in einer davon sitzt du auf dem Rücksitz eures alten Familienmercedes auf den Weg in den Schwarzwald, du liest Jerry Cotton (was für Erleuchtungen es da gab im Bastei-Verlag!), während im Radio auf einmal David Bowie und  Lou Reed laufen, In the year 2525, Amen Corner und Donovan. Und Penny Lane. „Deepest coffeeshopmusic ever“. Gute Freunde von euch sind extrem begabte Musiker, die Musik von ganzem Herzen lieben und deren Lieblingsbeschäftigung im ganzen Universum darin besteht, einfach loszulegen und Musik zu machen, die angenehm zu hören, schön zum Entspannen, sowie verrückt zum Tanzen ist, und sich nur zu gerne im Kreis bewegt. Genau das sind wir. Wild as the wind, aber eine ohne einen Hauch von Nina Simone. Gitarrenmusik mit viel Luft drumherun, und seltsamen, aber unaufdringlichen Instrumenten, gerne auch mal rückwärts. Ich empfehle es, wenn ich gerade nicht Lisa Poschmann bin, Leuten, die gitarrenbasierte Nicht-Pop-Musik mögen. Friends of Eno and Young Marble Giants. Am anderen Ende des Spektrums dann harter Gitarren-Folk. The Fun of Watching Fireworks. Nein, so obskur sind Amanset nicht. Und doch. Es gibt keine Riffs, die für sich alleine stehen, aber alles zusammen, und ich habe nur ein paar Mosaiksteinchen zusammengekehrt, ergibt Lisas Milchmädchenrechnung für die Unendlichkeit. Pure Brillanz im Timing & subtil verwobene Melodien. Karge Gerüste, lusvolles IKEA-Dream-Vokabular. Auf einer einfachen Ebene ist es einfach verdammt scharfes Chillen und, und das Rauschen der Zwischentöne unwiderstehlich. Natürlich lösen sich diese Zeilen innerhalb von wenigen Tagen in Luft auf.