• Julia, the improvisation, and the flow of ideas (2/5)

    Es ist sehr interessant, Julia Holters Gedanken zu folgen, insbesondere, WEIL sie sich Pausen leisten, Abschweifungen, Innehalten, Korrekturen. Das sind keine auf den Punkt gebrachten Antworten, griffig, pointiert, elaboriert – und darin spiegelt sich auch, wie sehr es in diesem Album um Improvisation geht, um Unvorhersehbares, plötzliche Eingebungen, Verwandlungen, und auch um Brüche, Fragilität, Zäsuren – als Spiegel ihres ganz privaten Ungangs mit „love and loss“, wie sie später noch andeuten wird. Das Arbeiten am Song als Prozess der Selbstentdeckung, der Trauerarbeit, der „Freilegung“. So ungeschnitten, mit allen Momenten der Stille, entsteht eine spezielle Stimmung (und ich sitze ihr ja nicht gegenüber, sie sitzt alleine da, „in her living room, perhaps“, und spricht ins Mikrofon). Meine zweite Frage:

    The album is brimming with ideas, sudden halts, unexpected turns… stretching the song fomat to limits and beyond… how did you look for a balance work between free form and, well, clearly defined structures? For example, in that wild and penultimate song, „Talking To The Whisper“, a journey in itself… Can you tell something about the growing of that piece, the jazz excursions,  the upheaval refelected in words like „love can be shattering….“?

  • Julia, the fluidity, and the power of song (1/5)


    Finally I got the fine double vinyl version of Julia Holter‘s bewitching new album „Something In The Room She Moves“. And I felt confirmed: it‘s a very different experience to listen to this work in its entirety than to splice it up in single pieces (as Olaf and I did when reviewing the tracks one after the other). Finally I could let fall myself into the music, float with it, and go much deeper than the analytic approach allowed me (and us) to do. And finally, Julia answered my questions, and did that not in a hurry, but with a calm flow of thoughts. She takes her time. More will follow, a radio appearance, too, and her first answer may be another invitation for some listeners to dive into the album. My first question was:

    Some moments of the album seem to be influenced, soundwise, by Kate Bush, and, from a distance, mirroring moods of Joni Mitchell‘s HEJIIRA. The Jaco Pastorius bass memories, the fluidity of the atmospheres…. Joni deliberately looked for a special  sound of constant movement as a means for  reflecting a long journey across the U.S.A. Devin Hoff does an excellent job here with the fretless bass.


  • Die sanfte Kraft eines Psychoanalytikers beim Komponieren psychedelischer Frühstücksmusik

    Sam Richards ist ein interessanter Besprecher von Schallplatten. Ich teile nicht durchweg seine Wertungen, obwohl es treffliche Übereinstimmungen gibt. Ich mag erstmal seine „Schreibe“. Er rollt, auf so smarte wie wortgewandte Art, Klänge und Kontexte auf. Interessant, welche Bedeutungserweiterung im folgenden etwa, in der Begegnung mit dem in NYC praktizierenden Analytiker und Klangsucher, das nicht mehr ganz taufrische Wort „psychedelisch“ erhält.

    Sam Richards stellt diese LP auch in den Zusammenhang all der neuen Verbindungen von Ambient, Experimental, New Age, usw. Meine jüngsten Entdeckungen in diesem Terrain waren „The Closest Thing To Silence“, und der frappierend abenteuerliche Sanftmut von Shabakas gesammelten Flötentönen. (Ich möchte an dieser Stelle kurz einwerfen, dass Shabaka meine hohe Wertschätzung der gerne verrissenen Flöten- Und Trommelplatte „Spirits“ von Keith Jarrett teilt.) Und ich gerade wahrlich nicht leichtfertig unter den Bann einer Musik, die mir rosaroten Wallungen, grossen Gongs, und Klangschalengewumm aufwartet.

    Bislang kenne ich nur eine Komposition von Ezra Feinbergs „Soft Power“ und hoffe, dass mir das am 30. Mai erscheinende Album so gut gefällt, dass es in meiner Ausgabe der „Klanghorizonte“ im Juli landet. Ezra Feinberg hält sich auch gerne, und alle Jahre wieder, im Penguin Cafe auf, und wäre bestimmt ein spannender Gesprächspartner. (m.e.)


    Jedes Mal kommt ein alternder Agit-Rocker aus der Versenkung gekrochen, um zu beklagen, dass der erbärmliche Zustand unserer Regierungen nicht mit dem angemessenen Zorn der aktuellen Generation von Songwritern beantwortet wird. Wo sind unsere Bob Dylans, unsere Joe Strummers? Offensichtlich ist das ein alter Hut: Pop ist so vielfältig und engagiert wie nie zuvor, mit jungen Musikern an der Spitze von Kampagnen für Rassengleichheit, soziale Gerechtigkeit und den Waffenstillstand in Gaza. Darüber muss man nicht wortwörtlich einen Song schreiben.

    Dieser Ruf nach altmodischem Punk-Dissens übersieht, dass es auch die Aufgabe der Musik ist, Utopien zu schaffen; dass die Suche nach Glückseligkeit auch ein Akt des Widerstands ist. Daher die derzeitige Sehnsucht nach Ambient- und New-Age-Atmosphären, die Musiker aus den Bereichen Jazz, Folk, Electronica, Neo-Klassik und – in diesem Fall – Psychedelic Rock zusammenführt. Dieser massenhafte Rückzug in ruhigere Gefilde ist mehr als bloßer Eskapismus – es ist der Versuch, von einer besseren Welt zu träumen, die auf den Prinzipien des Mitgefühls, der Kontemplation und der Berücksichtigung der Schönheit beruht.

    Wie die meisten Musiker, die sich derzeit in diesem Grenzbereich bewegen, ist auch Ezra Feinberg kein Leichtgewicht; seine beruhigenden Rezepte sind gerade deshalb so wirkungsvoll, weil in ihnen die Weisheit jahrelanger, aufmerksamer musikalischer Studien und Erkundungen steckt. In den 2000er Jahren leitete er die psychedelische Folk-Rock-Band Citay, die in der Bay Area Zeitgenossen von Comets On Fire und Wooden Shjips waren. Seit dem 2018 erschienenen Pentimento And Others haben seine Soloalben das Band-Setup zugunsten einer Reihe intimerer Drone-Folk-Studien aufgegeben.

    Auf Soft Power hat man das Gefühl, dass Feinberg endlich auf die andere Seite durchgebrochen ist, die letzten Reste von Psych-Rock-Fuzz über Bord geworfen hat und mit einer neuen, schimmernden Palette aus E-Piano, Holzbläsern, kosmischen Synthies und einer mit den Fingern gezupften Akustikgitarre aufwartet, die in Abwesenheit traditioneller Rock-Beats oft für den metronomischen Unterton sorgt. Der Opener „Future Sand“ ist auf seine Weise leicht psychedelisch, als würde man nach dem ersten Kaffee des Tages in einen hellen Frühlingsmorgen hinaustreten. 

    „Soft Power“ selbst ist ein perfekter Sonnenuntergang am Strand, mit Zwillingsflöten, die sich zielstrebig aus dem wogenden Dunst erheben. „Flutter Intensity“ (mit wissendem Blick in Richtung Stereolab) ist ein Zuckerwatte-Konfekt aus Vibraphon-Jazz, modularem Synthie-Pop und den leichtesten Yé-Yé-Grooves. Und selbst wenn das motorische Pochen des Album-Mittelstücks „The Big Clock“ ein Gefühl der Dringlichkeit andeutet, wird es nie hastig oder aufdringlich. Dies ist ein Ort, an dem die Zeit angehalten wird, anstatt etwas zu sein, das gezählt oder gejagt werden muss.

    Feinberg lebt jetzt im New Yorker Hudson Valley, aber seine Musik hat sich eine Westküsten-Sensibilität bewahrt, die sie in die Tradition der Beach Boys und des San Francisco Tape Music Center stellt. Man kann sich vorstellen, dass sie in einem minimalistischen Apartment in Malibu mit Blick auf den Ozean spielt, mit einem Sofa von Charles & Ray Eames und einem Gemälde von Richard Diebenkorn an der Wand. Soft Power hat eine unverschämt funktionale Qualität, die Vergleiche mit Brian Enos Ambient-Serie und dem japanischen Genre der kankyō ongaku („Umweltmusik“) nahelegt. Aber wie bei diesen Platten ist es so akribisch und liebevoll gemacht, dass es schnell über die Funktion des Hintergrundhörens hinausgeht und durch die entrückte Betrachtung des Alltäglichen einen Blick auf das Erhabene bietet.

    Wer Arps großartiges Album Zebra aus dem Jahr 2018 mochte, auf dem Feinberg neben mehreren anderen Musikern, die hier wieder mitwirken, auch Gitarre und Marimba spielte, wird dieses Album sicher mögen. John Thayer fungierte auf Soft Power als Feinbergs primärer kreativer Gegenspieler, der seine Basistracks mit ähnlichen Synthesizer- und Drum-Patterns versorgte. David Lackner fügte dann die entscheidenden Flöten- und Klarinettenparts hinzu, und Jefre Cantu-Ledesma versprühte seine charakteristische Synthesizer-Magie über ein paar Tracks.

    Weitere sorgfältig ausgewählte Gäste sind David Moore von Bing & Ruth an den Tasten, der ähnliche himmlische Bögen spannt wie auf der letztjährigen Steve Gunn-Kollaboration Let The Moon Be A Planet, und die Harfenistin Mary Lattimore, deren Anwesenheit fast immer ein Indikator für geschmackvolle Ruhe ist. Auf dem ironisch betitelten Albumschlussstück Get Some Rest“ antwortet sie auf Lackners rätselhafte Flötenmotive mit beruhigenden, gerollten Akkorden und vertagt jegliche Unruhe auf einen anderen Tag. Das Gefühl der Zurückhaltung ist genauso stark, wie es gewesen wäre, wenn Feinberg diese 40 Minuten damit verbracht hätte, auf einen Stratocaster einzudreschen oder wild gegen die Maschine zu wüten. Sanftheit ist seine Superkraft.

    (Sam Richards, Uncut, June 2024, mit freundlicher Gemehmigung)

    Your previous work has tended towards the psychedelic, but Soft Power seems more rooted in the everyday… 

    Well, I think the everyday is psychedelic! It’s just a matter of framing. When I think of music that’s almost self-consciously quotidian, I think of the Penguin Cafe Orchestra, but they’re absolutely psychedelic, because they reframe the everyday as anything but. And I’d say the same about a lot of German kosmische. Early Popol Vuh or the first Kraftwerk experiments are not made for maximum impact in the way that you think of psychedelic rock, but they are deeply psychedelic. And let’s be honest, maybe all music is psychedelic.

  • Alte-Männer-Musik

    Letztens hab ich mir endlich die neuste Scheibe von der ältesten Rockband gekauft und muss sagen: Richtig tolle Platte. Bin ja irgendwie junger und „alter Fan“ der Band gleichzeitig; irgendwie lustig, wenn man eine Band schon sein Leben lang hört (bin ja durch meine Eltern mit der Rockmusik der Sechziger erzogen worden und kannte schon als Kind alle Beatles-Lieder auswendig) und dennoch erst dazu stieß, als die Gruppe schon den Status der „Rock-Opas“ hatte, die mehrfach von jungen Generationen von Rockbands aufs Abstellgleis geschickt wurde (von denen die allermeisten längst nicht mehr existieren)… Ein wenig lustig auch, wenn man bedenkt, dass mein Vater die Stones schon als Teenager in den Sechzigern live im Konzert gesehen hat, ich dann als Teenager Anfang der 90er… und jetzt, wo meine Tochter 15 ist, sind die Rolling Stones (wenn auch ein klein wenig dezimiert) immer noch jung und bringen starke Rock’n’Roll-Platten raus und gehen auf Tour…

    Auf Hackney Diamonds sind Sachen drauf, die eigentlich niemand 80-Jährigen zutrauen würde; Bite my Head off (übrigens mit Paul McCartney am Bass) ist vielleicht ein Remake von Hold on to your Hat von 1989, klingt aber kein Stück nach einer 35 Jahre älteren (jüngeren?) Band. Dreamy Skies mutet an wie No Expectations – das nochmal mehr als 20 Jahre früher, 1968! Rolling Stone Blues zahlt ja sowieso auf die alte Blues-Schiene ein, die die Jungs immer wieder gleichzeitig alt und jung wirken ließ. Whole Wide World wiederum hat was vom Drive einer zeitlosen, mitreißenden New-Wave-Rocknummer, die man so von den Stones auch noch nicht gehört hat, und auch Mess it up geht sofort ins Ohr. Und besonders schön finde ich, dass sie es für einen der beiden verbliebenden Charlie-Watts-Songs, Live by the Sword, geschafft haben, Bill Wyman nach 30 Jahren nochmal aus dem Ruhestand zu holen, und dann sitzt bei der Nummer auch noch Elton John am Honky-Tonk-Piano. Klasse. Und jetzt hab ich noch gar nicht das ausufernde Stück mit Lady Gaga und Stevie Wonder erwähnt, das ich „auf dem Papier“ total stulle fände, aber trotz Gaga total gut ist. Ich muss das Album nachträglich zu meinen Top Ten des letzten Jahres zählen.

    Letzte Woche habe ich dann, inspiriert von diesem Album, mal wieder einige ältere Alben von den alten Herren aus dem Regal geholt – und sogar zwei Live-Alben gekauft. Bei der Unmenge an (teils sehr guten, aber teils auch zum Verwechseln ähnlichen) existierenden Live-Alben muss man echt schauen, was man sich da noch ins Haus holt. [Empfehlungen: Stripped (1995), Sticky Fingers Live (2016), Live at the Marquee Club 1971, Flashpoint (1991) ist auch noch immer sehr gut … wobei, vielleicht tut’s alternativ auch die Tokyo Dome, weil ungekürzt … und die Live-Platte der „40th Anniversary Edition“ von Tattoo You (Still Life – Wembley Stadium 1982) war, glaub ich, ebenfalls very good].

    El Mocambo 1977: Die Stones spielten zwei „Secret Gigs“ vor 300 Zuschauern unter dem Pseudonym „The Cockroaches“, aber das resultierende Live-Dokument ist mehr als ein zu vernachlässigender Spaß, eine echt tolle Mischung aus alten und neuen Deep Cuts (Dance Little Sister) und Hits der zweiten Reihe (Let’s Spend the Night Together), damals aktuellen Songs, die z.T. besser sind als die Studioversionen (Hot Stuff, Luxury, Hand of Fate) und einer Handvoll Covers (Worried Life Blues, Crackin‘ up). Und Worried About You ist auch dabei, was ja erst vier Jahre später auf dem drittnächsten Studioalbum Tattoo You auftauchte (für Black and Blue wurde es 1976 in die Schublade gelegt). Kaum zu glauben, dass es mal Konzerte gab, bevor Stones-Schlager wie Start me up oder Miss You zum Standardprogramm zählten. Hier kann man die Rolling Stones noch als raue, unangepasste Rock’n’Roll-Band hören, mit fast punkiger Energie, und der Sound ist auch cool.

    Live at the Wiltern: 2002 aufgenommen, auch ein eher kleines Konzert, zwischen der Stadiontour zum 40. Jubiläum (Forty Licks) vor 1200 Zuschauern in L.A. aufgenommen. Ebenfalls starke, kantige Atmosphäre mit vielen guten Songs, darunter einigen, die man nicht immer live hört – Stray Cat Blues, Neighbours, Dance Part 1, No Expectations, zehn Minuten Can’t you hear me knocking und einer guten Handvoll Covers wie Everybody needs somebody to love mit Solomon Burke.

    Auch wiedergehört hab ich nach einiger Zeit Steel Wheels (1989) – und war echt überrascht, wie unglaublich gut das Album ist, entgegen des allgemeinen Rufs der Mittelmäßigkeit. Vor allem ist es sehr rockig und hat nicht so viele Pop-Schnulzen wie befürchtet – eigentlich nur Almost Hear You Sigh (auf nachfolgenden Alben klingen die z.T. immer gleich und ich kann da manchmal nicht auseinanderhalten, von welchem Album (oder Jahrzehnt) die Nummern waren. z.B. Always Suffering, Already over me, Blinded by Rainbows, Streets of Love…). Das Album ist sicher nicht schlechter als Hackney Diamonds. 1989 hat man(ch einer) offenbar noch immer was Innovatives erwartet; anders kann ich mir nicht erklären, dass Steel Wheels einen so viel schlechteren Stempel und Ruf weg hat als Hackney Diamonds. Wenn man das mit ordentlicher Lautstärke hört, ist das eine echt tolle Platte; ich mag total gerne Terrifying, das kleine Break the Spell, das flotte Hold on to your Hat, straighten Rock mit Rock and a Hard Place, die Gitarren in Hearts for Sale und das etwas irre Continental Drift, aber auch die Popnummer Mixed Emotions und Keiths charmantes Can’t be seen gehen immer noch. Und Keiths Abschluss mit Slipping away ist auch gut wie eh und je.

  • Mrs Vandebilt und ich (1/5)

    „When your light is on the blink,
    you never think of worrying
    What’s the use of worrying?“

    (Paul McCartney)

    Es war zwischen den Jahren, und es ist ein wenig verrückt und unergründlich traurig gewesen. Das Abitur hatte ich schon ein Jahr in der Tasche, und in einer sehr warmen Frühlingswoche fuhr ein dafür komplett ungeeignetes Trio zur holländischen Nordsee. Ich muss mich ein wenig sammeln, beim Nacherzählen, und wohl den Teil mit „Eric Rohmer ab 18“ weglassen. Gestern sah ich eine Zeichnung von Walla (der Name ist erfunden) im Netz. Wenn Walla das hier lesen würde, hätte ich wahrscheinlich gleich einen säuerlichen Anruf zu erwarten. Ich glaube, wir waren uns von Anfang an nicht sonderlich sympathisch, und heiss war ich auf Walla auch nicht. Und umgekehrt war es genauso. Und dann war da noch Lore (der Name ist natürlich auch erfunden), und das machte die Reise rückblickend noch um einiges komplizierter. Die Blonde und die Brünette – und die von mir damals Angehimmelte sass in ihrem Dachgeschoss, und hatte mir nur einmal fünf Minuten Knutschen gestattet und sich von einem Idioten, der muskulös den Frauenkenner raushängen liess, und manches Girl mit einer erstklassigen Raubpressung von „Leonard Cohen live in Essen“ zu einem Kaffee in seine vier Wände gelotst hatte, durchvögeln lassen. Das war hart genug für mich zerfliessenden Romantiker. Und nun fuhr ich mit zwei leicht anstrengenden Mädels Richtung Scheveningen, für mindestens eine Woche. Das Beste an der Hinfahrt waren die zwei Platten von J. J. Cale, die als Kassette im Käfer liefen, wieder und wieder, „Naturally“ und „Really“, oder eine von den beiden. Wir waren anfangs schon guter Laune, von wegen Urlaubsstimmung, Holland, das Meer. „Wir sind Hippies!“ Knapp eine Woche später sass ich einer trostlos leeren Disco in Scheveningen, und ich erinnere mich daran, dass „You‘re So Vain“ und „Band On The Run“ zu hören waren. Ich trank zwei Bier, sah mein langes braunes Haar im Spiegel, und dachte an die sieben vergangenen Tage. Ein Highlight war, dass ich am Strand einen heissen Kakao mit Sahne bestellt hatte und dann feststellte, dass das, was sich Sahne nannte, hart und verklumpt war. Vor einem keinswegs amüsierten Publikum spuckte ich das schreckliche Zeug in einem Schwall aus. Es war also ein Frühjahrsabend in einer Disco, nichts passierte, ich träumte so vor mich hin, und dann passierte es doch, das grosse Abenteuer, wenn man das so nennen will.

  • Oregon Treffpunkt Jazz 1990

    Oregon’s newly released live album,  Treffpunkt Jazz, Oregon Ludwigsburg 1990, is the only official Oregon live album that features Trilok Gurtu on tablas and percussion. Like many Oregon fans, I am a diehard appreciator of the early Oregon albums with Colin Walcott on percussion. Nonetheless, I also have a great appreciation for the work that Trilok did during his time with the band. Gurtu is a powerhouse. His tabla playing is hard to beat, although he is perhaps not quite the master of colors that Colin was, who was a poet in his intuitive sensibilities; he always seem to know just the right thing to play at the right moment. That being said, Trilok is no slouch on his extended percussion setup. 

    The repertoire on this album ranges from the early Silence of a Candle, through classic Oregon standbys such as the Jim Pepper peyote chant inspired Wichi-Tai-To (first recorded on Winter Light and several times afterwards,) and June Bug (Roots in the Sky,) and extends through the album 45th Parallel, with the marvelous Towner compositions Les Douzilles and Hand in Hand. My favorite performance thus far from this sprawling two CD set is Yet to Be, originally recorded on Northwest Passage – it’s a joyful romp, performed with great aplomb and enthusiasm. Also, Waterwheel (Out of the Woods,) is superbly presented here. Tempos on both of these tunes are brisk, and the performances are inspired and adventurous, yet tight and precise.

    Note, this album is from 1990 and thus, Ralph Towner’s fascination with synthesizers is on full display here. Some people objected to the addition of electronic textures to the band’s signature acoustic sound. This may put off the fans of earlier Oregon albums. However, in this listener’s opinion, for the most part, the synths are deployed tastefully and generally do not dominate, nor do they detract.

    I feel this album is very representative of the sound of the band in the early 90s, and rather than just being an interesting oddity, primarily targeting Oregon diehards desperate for anything new from the band, I consider it a wonderful addition to the Oregon catalog and an essential gift to any fan.

    The recording quality here is nothing short of stellar. In my opinion, this is one of the best Oregon live albums ever released. Perhaps only the earlier In Concert comes close in terms of overall performance and audio fidelity, although I honestly prefer the sound of this recording over any of their previous live releases.

  • „April Revelations“

    Unsere „Enthüllungen“ für den Monat April liegen nun vor. Von Ingos Reise durch diverse, von Charles Lloyd befeuerte, Jazzhorizonte, über Martinas „in depth“-Besprechung von Daniel Clowes‘ jüngster „graphic novel“, bis hin zu Jan R.‘s Zeitreise zu einem Pariser Konzert der Gruppe Can anno 1973. Wir erinnern in diesen „seitlichen“ Kolumnen gerne auch an alte Texte, alte Interviews, alte Hüte und Schätze, und versuchen das möglichst vielstimmig anzulegen. Wer so einen Monat voller „revelations“ mal im Alleingang aufbereiten möchte – einfach melden! So bietet ein älteres Gedicht von Rick Holland die Gelegenheit, an seine diverse Zusammenarbeiten mit Brian Eno zu erinnern. Es gibt auch Neues von Rick – dazu im April dann mehr.

    Es wird an den Klassiker „L.A. Confidential“ erinnert (in einem Atemzug mit dem mich stets auf Neue begeisternden Western „Silverado“, den ich seit er in die Kinos kam, gewiss fünfmal sah), an die Doku „The Greatest Night In Pop“ (Netflix) – in der Abteilung „Binge“ nicht ganz sachgerecht untergebracht. Wer dort eine neue tolle Serie vorstellen möchte, darf jederzeit meinen Binge-Text ersetzen, der ja sowieso im Blog Diary vorliegt. Es gab ja ein paar Serien, die einigen von uns zuletzt Deepness, Freude, Flow und Gänsehaut in unterschiedlichen Kombinationen bereiten konnten, ob True Detective‘s „Night Country“ oder die zwei Staffeln von „The Bear“, whatever…

    Als ich Jans „Liebeserklärung an ein 50 Jahre altes Album“ las, ist mir nochmal sehr bewusst geworden, wie anders man ab einem gewissen Alter solche Alben hört, die zum „Soundtrack unseres Lebens“ geworden sind. Sie dann immer noch als Abenteuer zu erleben, anti-nostalgisch, nicht rein historisch, ist nicht so leicht und hat einen besonderen Reiz. Witzig wird es, wenn man feststellt, so ein halbes Jahrhundert altes Teil komplett verpasst zu haben, und das ist mir so ergangen mit der Wiederveröffentlichung von „Band On The Run“ (die Edition mit den zwei CDs ; das Album kam raus am 5. Dezember 1973). Zwar kannte ich natürlich „Jet“ und Titelsong, aber dass die ganze Scheibe mich so von vorne bis hinten packt (ich meine so richtig packt, unabhängig von der unglaublichen Entstehungsgeschichte des Werkes, über die man zuletzt viel lesen konnte), hätte ich nicht gedacht.

    Und mit ist dabei eine Reise mit zwei Mädels eingefallen, nach Scheveningen, 1974, im Frühling, in meinem ersten Käfer, und ich sehe die Pommesbude vor mir, aus der, aus einem schräpigen Transistorradio, „Jet“ ertönte, und was in der Disco passierte, und wie wir uns Charles Bukowski vorlasen. Das ist eine leicht melancholische Story, mit verpasster Magie, dezenter Tragikomik, anstrengender Sprachlosigkeit, dass man daraus auch einen Eric Rohmer Film (aber ab 18!) hätte machen können, mit „real life camera“ – „dogma style“. Die Story wird wohl erzählt werden, demnächst. Und, übrigens, als ich unlängst, wieder und wieder und immer im Dunklen, und laut sowieso, „Band On The Run“ auflegte, las ich auch von einer anderen Schallplatte von Paul und Linda (vielgerühmt), und die ich, einmal mehr, überhaupt nicht kenne, ausser vom Namen und Cover, „Ram“. Das Teil wurde vor Jahren neu remastert in den Abbey Road Studios, und irgendwann nach den JazzFacts vom 4. April (Deutschlandfunk, 21.05 Uhr), werde ich „Ram“ in aller Ruhe hören… for the first time in my life. The first cut is the deepest.

  • This thing with „spirituality“


    As time goes by … „Soundtrack“ war meine erste Platte von Charles Lloyd, noch in Schulzeiten. Womit ich nicht sagen will, was für „smarte greenhorns“ einige von uns damals waren. Vielmehr ist es eine Tatsache, dass die Musik, die Menschen in verdammt jungen Jahren der Unerfahrenheit erreicht, oft etwas „Tiefes“ in Schwingung versetzt, mit lang anhaltenden Nachwirkungen. (Der grosse Philosoph Immanuel Kant irrte ganz und gar, als er die Welt der Musik als „oberflächliche Gemütsreizung“ abkanzelte.) Charles Lloyds Jazz war lässig, entspannt, auf fröhliche Weise exstatisch (im Hippieslang hiess das „groovy“), und voller Klanghorizonte! Those were the days, my friend! Und trotzdem kein Grund, das alles in pure Nostalgie zu verwandeln. Die JazzFacts Im Deutschlandfunk (4. April, 21.05 Uhr) schlagen so manchen Bogen zwischen der Musik von damals und der Gegenwart. Nicht nur wegen der Wiederbelebung des Labels Impulse Records. Nicht nur, weil auf ECM immer noch fantastische Solopianoalben erscheinen (was die „nächtlichen“ Sphären von Fred Herschs „Silent, Listening“ angeht, fühle ich mich an Paul Bleys „Open, To Love“ erinnert).


    Kahil El‘ Zabar‘s Ethnic Heritage Ensemble: Open Me, … 
    Fred Hersch: Silent, Listening  
    Beitrag 1 von Michael Rüsenberg („Destination Unknown“)
    A. Kalma
    , J. Chiu, M.S. Honer: The Closest Thing To Silence  
    Live At Carnegie Hall (1971) – Impulse (A. Coltrane)
    Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowledge Its Grace 
    Beitrag 2 von Karl Lippegaus  (Jason Weiss: Listenings)
    Fred Hersch: Silent, Listening  
    Charles Lloyd: The Sky Will Be There Tomorrow

  • Gaza ist ein Friedhof

    Es gibt überhaupt keinen Grund, Künstlern Antisemitismus und Israelhass zu unterstellen, die gegen die schweren Kriegsverbrechen der Israeli in Gaza protestieren. Ob Brian Eno, Julia Holter, Susan Sarandon, Jonathan Glazer. Um nur ein paar zu nennen. 2/3 der unschuldigen Opfer, zigtausende (!), sind Kinder und Frauen. Wer das mit unvermeidlichen Kollateralschäden rechtfertigt, verrät nur seinen eigenen Menschen verachtenden Zynismus  Widerlich das rücksichtslose Töten der israelischen Kriegsführung, so widerlich wie das entsetzliche Gemetzel der Hamas. Ich bin erschüttert von dem fortgesetztem Waffentransport nach Israel aus Deutschland. Gaza war ein Gefängnis, jetzt ist Gaza ein Friedhof. Eine Zwei-Staaten-Lösung ist die einzige produktive Lösung, Netanjahu und seine Rachepolitik versucht das mit aller mörderischen Macht zu verhindern. 

    There is absolutely no reason to accuse artists of anti-Semitism and hatred of Israel who protest against the serious war crimes committed by the Israelis in Gaza. Whether Brian Eno, Julia Holter, Susan Sarandon or Jonathan Glazer. Just to name a few. 2/3 of the innocent victims, tens of thousands (!), are children and women. Those who justify this with unavoidable collateral damage only betray their own contemptuous cynicism. Disgusting the ruthless killing of Israeli warfare, as disgusting as the horrific carnage of Hamas. I am shocked by the continued transport of weapons to Israel from Germany. Gaza was a prison, now Gaza is a cemetery. The two states solution is the only productive solution, Netanyahu and his revenge politics are trying to prevent that with all their murderous might.

    (Dear Lukas, please send this to Julia Holter)

    (Am 19. März sind in Utrecht Tausende Kinderschuhe aufgestellt worden, um auf die getöteten Kinder im Gazastreifen aufmerksam zu machen.)