Soulfood für‘s Wochenende

Susumu Yokota – Sakura (1999): Japanische Elektronik zwischen Ambient, Minimalismus und Deep House – ein zeitloses Meisterwerk. Von Brian Eno empfohlen und von mir 😅 *****

Fabio Orsi – In the Quiet of a Short Winter, Every Hidden Thing Finds a Voice Sharper Than Memory (2026): Wenn Erinnerungen verblassen: langsam, fragil, melancholisch. ****

Love Is Yes – Ghost and More Ghosts (2026): Der Bandname der Holländer ist genauso eigenwillig wie die Musik: experimenteller, intimer Pop, wunderbar entrückt – die Geister der Liebe sind allgegenwärtig.****

Startled Insects – The Antenna Years (2026): Großartige Bristol-Ausgrabung: Post-Punk, Synth-Pop, Dub und Avantgarde aus Mitte der Achtziger – zurück in die Zukunft postmoderner Popmusik. ****

5 Kommentare

  • Olaf Westfeld

    Auch wenn ich nichts davon annähernd kenne (das Yokota Cover kommt mir irgendwie bekannt vor) scheint das ein hervorragendes Wochenende zu werden 😉

  • Michael Engelbrecht

    Wow und Wow! Deine Beschreibungen dieser vier Alben klingen so, als sollte ich sie mir am besten in deinem Domicil südlich von Juist und auf jeden Fall vor Nikolaus zu Gemüte führen.

    In diese Reihe könnte auch eine Band gehören, die wie Flying Saucer Attack und ein Zahberalbum von Crescent, nachts in meinen Sendungen zu hören war, nämlich MOVIETONE und ihr nun bald erneut rauskommendes zweites Werk::

    „An overlooked diamond of 90s British music, Day And Night is a perfectly crafted slice of atmospheric post-rock that floats somewhere between late-era Talk Talk and Broadcast with a healthy dose of Alice Coltrane.

    Described by Stephen Pastel in The Quietus as “one of the great unknown English groups”, Movietone spawned out of the collective of acts that were associated with the Bristol-based Planet Records label in the early 90s, including Flying Saucer Attack, Third Eye Foundation, Crescent and Hood.“

  • Thomas Pannhorst

    Sounds interesting, Michael. 😅

    Der Platte von Fabio Orsi liegt folgender Text bei, den ich für bemerkenswert halte, hier in Übersetzung:

    „Echt vs. Fake“

    Die Grenze zwischen Wahrheit und Unwahrheit riss nicht plötzlich entzwei.
    Sie wurde allmählich dünner, wie ein Seil, das von den Händen, die von beiden Seiten daran ziehen, abgewetzt wird. Am Ende konnte es nicht mehr halten.

    In der Stille eines kurzen Winters findet alles Verborgene eine Stimme, die schärfer ist als die Erinnerung.
    In einer dieser stillen Phasen wurde mir bewusst, dass ich neunhundertzweiundzwanzig Freunde hatte – und keinen einzigen, der wusste, wie ich morgens meinen Kaffee trinke oder dass ich nachts, bevor ich einschlafe, Angst vor der Dunkelheit habe, obwohl ich es seit Jahren nicht mehr zugegeben hatte.

    Ich grüße sie jeden Tag, antworte auf ihre Nachrichten, reagiere auf ihr Leben. Aber sie kennen meine Stimme nicht, wenn sie zittert, und auch nicht die Art, wie ich meine Augen senke, wenn ich mich selbst belüge. Wir reden, ohne einander anzusehen. Wir berühren uns, ohne uns zu berühren. Wir verbringen Stunden miteinander, ohne jemals wirklich da zu sein.

    Ich trat einen Schritt zurück, so wie man es vor einem Foto tut, das zu hell ist.
    Ich kniff die Augen zusammen. Und ich erkannte, dass diese Orte, die wir soziale Medien nennen, nicht dafür geschaffen sind, zusammen zu sein, sondern dafür, sich zu präsentieren.

    Wir leben umgeben von glücklichen Bildern, perfekten Lächeln, sorgfältig ausgewählten Momenten. Niemand postet die Leere, das Warten, die Langeweile eines Nachmittags, der nichts verspricht.
    Wir teilen das Beste von uns selbst – und verlieren währenddessen den Rest.

    Man sagt uns, wir seien Individuen, einzigartig, unverwechselbar.
    Doch man bietet uns Masken an, die alle gleich sind.
    Filter, die unsere Falten, Ideen und Zweifel glätten. Transparente Blasen, in die nur Nachrichten gelangen, die nicht verletzen, Meinungen, die nicht stören, vorgefertigte Trends.
    Sie verlangen nicht von uns, nachzudenken. Nur zu bestätigen.

    So lernen wir, in einer Welt zu leben, die uns zu sehr ähnelt, um uns noch überraschen zu können.
    Eine Welt, die die Fragen beantwortet, von denen wir bereits wissen, wie wir sie stellen müssen, die uns aber keine neuen Fragen nahelegt.
    Und wir hören auf zu suchen.

    Die Technologien, die wir geschaffen haben, um uns einander näherzubringen, beobachten uns schweigend.
    Sie kennen uns besser, als wir uns selbst kennen. Sie wissen, was wir begehren, bevor wir es wirklich begehren.
    Sie schreien nicht. Sie zwingen uns nichts auf.
    Sanft führen sie uns zu einer Form des bequemen, weichen, beinahe unsichtbaren Gehorsams. Ich bin ein Teil davon.

    Auch ich habe Sehen mit Fühlen verwechselt, Reagieren mit Teilhaben.
    Auch ich habe den Wert eines Augenblicks an der Zahl der erhaltenen Herzen gemessen.

    Doch etwas leistet Widerstand.
    Ein hartnäckiges Bedürfnis nach unvollkommener Wahrheit. Nach schmutzigen Händen, schiefem Lachen, gemeinsamem Schweigen.
    Ich möchte Liebe schenken, nicht Zustimmung. Präsenz, keine Benachrichtigungen.

    Deshalb habe ich beschlossen, mich auszuloggen – zumindest hin und wieder.
    Zurückzukehren zu einem Leben, das nicht online gestellt werden muss, um zu existieren.
    Zu einem wirklichen Leben. Auch wenn es mehr schmerzt. Auch wenn es keine Filter hat.

    Oder zumindest erzähle ich es mir so.

    Denn wenn ich darüber nachdenke, könnte selbst das hier einfach nur Fake News sein.

    Giulia Dal Vecchio, Januar 2026

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