• Die Lust an der Liste (1)

    Top 10 Electronic (IDM, Ambient Techno) Alben der Neunziger Jahre

    In den Neunziger begann meine musikalische Sozialisation, stark beeinflusst durch einen Studienfreund in Münster, Kinoerfahrungen und vor allem Michaels Klanghorizonten. Davor war alles willkürlich, zufällig. Im Wesentlichen hörte ich ECM, Krautrock, klassischen Vocal Jazz und Brian Eno & Friends. Unberührt blieb ich lange Zeit von den großen Erneuerungen, Weiterentwicklungen und Erfolgen im Pop und Rock des Jahrzehnts: Hip Hop, Grunge/ Alternative Rock, Britpop und Techno. Europop war für mich genauso schlimm wie die europäischen Großproduktionen im Kino dieser Tage. Dabei hat dieses Jahrzehnt so viel an guter Musik zu bieten, insbesondere in der Electronic. Die digitale Revolution machte es möglich: immer mehr kreative Leute konnten ohne großartige musikalische Ausbildung oder Produktionsaufwand Ihre Visionen umsetzen.

    Vor wenigen Tagen besuchte ich im 7. Bezirk Wiens einen kleinen Plattenladen, der sich auf elektronische Musik spezialisiert hat. Der sympathische Inhaber fragte mich nach meinen musikalischen Interessen und schwupp konnte ich mich durch zwei Dutzend LPs durchhören. Dabei kam mir die Idee, eine Liste meiner 10 liebsten Electronic Alben der 90er zu erstellen. Reine Ambient Alben habe ich nicht aufgeführt, hier wäre eine eigene Liste fällig.

    Aphex Twin – Selected Ambient Works Volume II (1994)

    Autechre – Incunabula (1993)

    Boards of Canada – Music Has The Right To Children (1998)

    Bowery Electric – Beat (1996)

    The Fires of Ork – The Fires of Ork (1993)

    Gas – Königsforst (1998)

    Robert Leiner – Visions of the Past (1994)

    LFO – Frequencies (1991)

    Peace Orchestra – Peace Orchestra (1999)

    Seefeel – Quique (1993)

    P.S. Drei Stücke haben es mir besonders angetan: Simon from Sydney (LFO), #7 (Aphex Twin) und 444 (Autechre).

  • Wien, Ida Lupino und Hermann Nitsch

    Wien ist ein Sehnsuchtsort. Ich kehre immer wieder in diese Stadt zurück – seit fast zwei Jahrzehnten.

    Das Provinzielle trifft auf das Erhabene, die Prunkbauten der Donaumonarchie auf die Mietskasernen, die nach dem Krieg entstanden sind, Geschichte auf Postmoderne, die steinerne Großstadt auf die naturbelassenen Donau-Auen oder die Weinberge oberhalb der Stadt.

    Hinter dem offensichtlichen K.u.K. Glamour und der Beschwingtheit des Walzerkönigs verbirgt sich ein Subtext des Geheimnisvollen, Morbiden, Verdrängten und Untergründigen. Nur folgerichtig, dass Freud in Wien die Psychoanalyse entwickelte. Oder dass Harry Lime in der beklemmenden Kanalisation verfolgt wurde.

    Wien ist eine Film- und Kinostadt. Klar, „The Third Man“ oder „Before Sunrise“ sind kulturelles Allgemeingut. Mein Wienfilm ist „Bad Timing“ von Nicolas Roeg, „der Vertigo des englischen Kinos“ (Joseph Lanza). Art Gartfunkel und Theresa Russell geraten in die Abgründe von Liebe, Leid und Leidenschaft in den düsteren, tristen Kulissen der Stadt um 1980 herum. Roeg ist sicherlich ein Vorbild von Julio Medem, über den hier zuletzt viel geschrieben wurde.

    Mit dem Filmmuseum hat Wien eine filmhistorische Institution, die in der Amtszeit von Alexander Horwath einen Reigen an sensationellen Werkschauen veranstaltete, derer ich regelmäßig Zeuge werden konnte.

    Filmmuseum Wien

    Zum Ethos des Filmmuseums gehört die Präsentation von analogen Originalfassungen in bestmöglicher Qualität. In 2013 sah ich dort in Anwesenheit der Regisseure Retrospektiven über Dominik Graf (er zeigte auch eine Handvoll seiner Lieblingsfilme wie Rohmers „Die Sammlerin“) und Joe Dante (ein überbordender Erzähler aus Hollywood) sowie eine Reihe über The Real Eighties (ich erinnere „At Close Range“ und „Something Wild“).

    Das Film Archiv Austria mit dem Metro Kinokulturhaus wenige hundert Meter weiter ist die andere Filminstitution, nicht minder aufregend.

    Film Archiv

    Ich sah dort in den letzten Tagen „They Drive by Night“ (1940) von Raoul Walsh mit George Raft, Humphrey Bogart und der im Mittelpunkt der Filmreihe „Filmgeschichte ist weiblich“ stehenden Schauspielerin Ida Lupino. Sie spielt in ihrer ersten Hauptrolle eine Verlorene zwischen dem Wunsch nach Reichtum, der sie nicht glücklich macht an der Seite ihres vulgären Mannes (Alan Hale) und dem sexuellen Verlangen nach dem geradlinigen Joe Fabrini (George Raft), der eine andere Frau (Ann Sheridan) liebt. Der erste Teil des Films ist ein Sozialdrama, das von der Mühsal der beiden Brüder Joe und Paul (Bogart) im harten Fernfahrer Geschäft handelt. Im plot point verliert Bogart seinen Arm nach einem Unfall. Danach setzt der Psychotriller ein. Lupino ist eine Getriebene, die alles versucht, um die Liebe von Raft zu erobern…

    Die Solidarität der Fernfahrer und deren Trotz gegen die widrigen Arbeitsbedingungen bleiben mir in Erinnerung. Und das facettenreiche Spiel von Ida Lupino. Das Wechselbad der Gefühle in Ihrem Gesicht in der Gerichtsszene ist meisterlich.

    Hermann Nitsch ist von anderem Schlag. Gegen den Wiener Aktionskünstler nehmen sich die Vorläufer des amerikanischen Action Painting wie Mürbchen aus. Nitsch ist neben Otto Muehl einer der bekanntesten Vertreter dieser eindringlichen Form von Live Art Performance, die radikal aufräumt mit der etablierten Kunst, der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus. Aktuell ist sein Frühwerk im Wiener Aktionismus Museum (WAM) zu sehen, welches jüngst ausgebaut wurde.

    WAM

    Im Mittelpunkt der Ausstellung steht sein übergroßes „Blutorgelbild“ von 1962. Es gehe bei Nitsch „um die sich niemals schließende Wunde Mensch“, sagt der WAM Direktor. Die Tabubrüche des Aktionskünstlers muss nicht nicht mögen oder schön finden. Als Ausdruck der Kampfes gegen alles Etablierte bleiben sie in Erinnerung.

    Nitsch hat später zu seinen Installationen auch Musik komponiert zwischen Klassik und Avantgarde. Die seltenen Tonträger sind mittlerweile hochpreisige Sammlerstücke.

    Das Bindeglied zwischen Wien, Ida Lupino und Hermann Nitsch scheint mir Siegmund Freud zu sein…der nächste Aufenthalt im Wiener Sommer wird andere Assoziationen hervorrufen.