Periódico de Ayer ist kein Schnee von gestern

Mexiko-Stadt ist eine krasse Metropole. Sie liegt in einem Hochtal auf rund 2.200 Metern, die Metropolregion zählt mehr als 20 Millionen Menschen. Durch die besondere Lage, den dichten Verkehr und Millionen Autos liegt oft eine Smogglocke über der Stadt. Der Verkehr nervt.

Doch anders als Monterrey, wo wir zuvor waren, ist Mexiko-Stadt voller schöner Viertel, kulturell unglaublich abwechslungsreich und charaktervoll.

Und wirklich überall schallt uns Musik entgegen: Straßenmusiker spielen in Cafés bereits zum Frühstück, Mariachi-Kapellen auf den Trajineras, den bunten Flachbooten auf den Kanälen von Xochimilco. Aus Bars und Restaurants strömt unentwegt Latin-Musik.

Nie zuvor habe ich so viel Salsa, Merengue, Cumbia, Bachata und natürlich Mariachi gehört. Ich hatte keine Ahnung, wie schön diese Musik ist und wie sehr sie diesen Teil der Welt prägt.

Mexiko erscheint mir wie ein musikalischer Schmelztiegel, in dem Einflüsse aus Kuba, Puerto Rico, der Dominikanischen Republik und Kolumbien auf die vielfältigen eigenen Traditionen des Landes treffen.

Ich liebe es, Großstädte abseits der Touristenmeilen zu erkunden.

Roma Norte, ein Viertel mit vielen Parks und von Bäumen gesäumten Straßen, die Schatten spenden und zumindest ein wenig gegen Hitze und schlechte Luft helfen, erinnert mich an die ruhigeren, grünen Ecken Barcelonas.

Hier suche ich zwischen hübschen Geschäften zwei Record Stores auf: kleine Oasen für die Entdeckung verborgener Schätze. Im Gespräch mit den Inhabern erfahre ich einiges über Tropical Music – und nehme natürlich ein paar Platten mit.

Eine besonders schöne Empfehlung ist der Mexikaner Gerardo Bátiz, Multiinstrumentalist, Komponist und Arrangeur. In der mexikanischen Jazz- und Fusion-Szene ist er eine Institution, in Europa dagegen kaum bekannt.

Bátiz’ Album Arlequín von 1982 ist ein Meisterwerk, das Stück Amarillo ein Weltmusik-Juwel.

Es erinnert mich entfernt an die Grooves des Brasilianers Naná Vasconcelos. Die Bandbreite des Albums ist enorm: Piano- und Flötenmelodien von Bátiz, die wie ein Instrument eingesetzte Stimme von Cecilia Engelhart und das Schlagwerk von Fernando Toussaint. Das reicht von Latin Jazz über ECM-verwandte Weltmusik bis zu kammermusikalischen Passagen.

Einige Straßen weiter genieße ich Tacos mit den verschiedensten Zutaten. Es gibt kaum etwas, was nicht als Füllung verwertet wird. Mein Highlight: blaue Maistortillas mit Spareribs.

In dem Restaurant höre ich zum ersten Mal den Salsa-Klassiker Periódico de Ayer von Héctor Lavoe, dem El Cantante de los Cantantes. Seitdem bin ich on fire. Den Titel hat er sich verdient.

Lavoe nahm diesen großartigen Feger 1976 für sein zweites Soloalbum De Ti Depende auf. Geschrieben wurde der Song von Tite Curet Alonso, arrangiert von Willie Colón – jenem Posaunisten, Komponisten und Arrangeur, mit dem Lavoe zuvor den New Yorker Salsa der Siebziger entscheidend geprägt hatte.

Eine Jahrhundertverbindung wie Nelson Riddle und Frank Sinatra.

Periódico de Ayer ist jedenfalls kein Schnee von gestern: Selten habe ich eine schönere Verbindung von Trompeten, Streichern, Percussion und Gesang gehört.

Die musikalischen Entdeckungen von Gerardo Bátiz und Héctor Lavoe gehören für mich zu den Highlights von Mexiko-Stadt – genauso wie der Besuch im Blauen Haus, dem ehemaligen Wohnhaus der Künstlerin Frida Kahlo.

Ihre bewegte Lebensgeschichte wird in diesem Idyll der Kontemplation beinahe greifbar. Die üppige Vegetation und die Intensität der Farben sind überwältigend. Überhaupt scheint Farbe in Mexiko allgegenwärtig zu sein: in der Musik, im Tanz, im Essen, an den Häusern und auf den Märkten. Manchmal habe ich das Gefühl, das ganze Land drehe die Sättigung ein paar Stufen höher.

Wer mehr über das Leben von Frida Kahlo und ihrem Lebenspartner Diego Rivera erfahren möchte, dem empfehle ich den Spielfilm Frida (2002) mit Salma Hayek und Alfred Molina.

Zum Abschluss ein Besuch im beeindruckenden Palacio de Bellas Artes.

Wir schauen uns das Ballet Folklórico de México de Amalia Hernández an.

Was soll ich sagen? Das Ensemble verfügt über ein Repertoire von mehr als 120 Originalchoreographien, in denen mexikanische Volkskultur monumental und hochprofessionell auf die Bühne gebracht wird. Kostüme, Tänze und Musik sind ein Rausch für die Sinne.

Als hätten Vincente Minnelli und Baz Luhrmann gemeinsam Regie geführt.

Nach diesem kulturellen Feuerwerk entschwinden wir Richtung Cancún – und springen in die Karibik.

Ein Kommentar

  • Lajla

    Danke für die tolle periódico de ayer ( die Zeitung von gestern). Hector mit seinen Salsa Symphonien, unschlagbar.
    Auf deinen Bericht aus Cancún bin ich sehr gespannt, wollte immer schon dahin.

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