Heart of the Sun, Pulsing of Blood
Keine Ahnung wie viele Menschen am 23. März 1974 den Weg zur Penny Station in Griessem gefunden haben. Immerhin war es ein Samstag, aber ob sich in der Nähe von Bad Pyrmont und Hameln viele für ein Konzert von Harmonia interessiert haben?
Jedenfalls kann man jenen Abend auf dem Album „Harmonia Live 1974“ nachhören und die Musik klingt auch im Juli 2026 noch zeitlos, frisch und trippy. Bei „Über Ottenstein“ flimmert das Sonnenlicht über die dahinfließende Weser. Hans-Joachim Roedelius, Dieter Moebius und Michael Rother rühren einen Zaubertrank an, aus dem später Bands von Sonic Youth über Stereolab bis Tortoise schöpfen.
Wo Harmonia Wiederholung in Weite verwandeln, nutzt Linton Kwesi Johnson sie auf „Bass Culture“ als ein politisches Werkzeug Harmonia setzen im ländlichen Weserbergland ihren Kurs auf das Herz der Sonne, Johnson streift durch die Straßen Londons, arbeitet, geht in Bibliotheken, besucht Menschen und protokolliert, was er sieht, hört und liest. „It is di beat of di heart/this pulsing of blood/that is a bubblin bass/a bad bad beat/pushin gainst di wall/whe bar black blood.“ “Inglan is a bitch.“ Er spricht in seinem british-jamaican Patois mit grollender Stimme. Die Musik ist „rhythm of a tropical electrical storm / (cooled doun to the pace of the struggle)”, “thunda from a bass drum sounding / lightening from a trumpet and a organ.” Echos durchziehen die Musik; in den Texten hallen politisches Geschehen und geschichtliche Erfahrungen nach. Und dann ist da noch „Loraine“, ein Liebeslied zwischen Nostalgie, Zärtlichkeit und Unsicherheit, das nicht nur die politische Dringlichkeit des Albums für einen Moment anhält, sondern auch die Zeit stillstehen lässt.
10 Kommentare
flowworker
Bis heute kann ich BASS CULTURE von Anfang bis Ende hören, ohne eine Sekunde NICHT in der Musik zu sein. Und Harmonia und Cluster entdeckte ich erst, nachdem die fantastischen Alben Cluster & Eno sowie After The Heat von Eno / Moebius / Roedelius auf Sky Records erschienen waren. Diese Livedokument ist free improv kraut music, und ich wäre gern dorthin gefahren mit meinem atlasweissen Käfer. Aber ich war ahnungslos. Dabei las ich die Sounds, und war bereit, viele Spuren aufzunehmen. 1974 war das Jahr, oder war es doch 1975, da sah ich in Münster Im Landesmuseum das Jan Garbarek- Bobo Stenson Quartet sowie Oregon … und es war die reine Magie. (m.e.)
Heite hörte ich die brandneue VinylReissie IN PAS(S)ING von Mick Goodrick. Aus jenem Jahrzehnt. Aus der Vinylreihe von ECM? ich dachte, das wäre damals nicht so meins gewesen, dieses Quartett mit John Surman, Eddie Gomez und Jack DeJohnette. Um so schöner, HEUTE war es meins. Sicher von der Klasse her auf einem Niveau mit dem meinerseits immergeliebten OF MIST AND MELTING von Bill Connors (siehe meine Plattenlritik in der Kolumne ARCHIVE).
m.e.
flowworker
P.S. if ECM HQ would give me the permission to curate seven ECM’s for 2027 from the 1970’s with a minimal overlap to the 1980’s they would be these ones:
Keith Jarrett and Jack DeJohnette: Ruta and Daitya (mit dem alten Cover)
Edward Vesala: Nan Madol
Mal Waldron / Jimmy Jackson / Eberhard Weber / Fred Braceful
Ralph Towner: Diary
Eberhard Weber: Chorus
Don Cherry / Ed Blackwell: El Corazon
Terje Rypdal: Three Day Moon
m.e.
Olaf Westfeld
Harmonia hab ich erst entdeckt, als vor 10 Jahren oder so diese Box rauskam.
In pas(s)ing mag ich ja sehr. Wunderbares Album, beiläufig. Und dann noch dieses herrliche Foto auf der Rrückseite – ich bekomme gleich Lust wieder zu rauchen.
Mit Of Mist & Melting bin ich noch nicht so warm geworden, habe meine Platte aber noch mal rausgestellt. Ich glaube nur, dass die leider sehr gebraucht ist.
Merke, dass ich zu Bass Culture gar nicht alles los geworden bin, muss morgen noch mal hier etwas drunter tippen.
und ach so & dauerbrenner: die beiden Jon Hassell Alben auf ECM würden ein Reissue vertragen. (Genau so wie das Album Fascinoma von Hassell, ist aber nicht auf ECM erschienen).
Ingo J. Biermann
Ah, interessant, dass Harmonia gerade Thema sind. Es ist ein großer Zufall, dass bei mir gerade ein Aölbum von Harmonia läuft, „Deluxe“, aus der Komplett-Box der Band. Grund ist, dass ich heute nachmittag via E-Infomail von CTM erfahren habe, dass Michael Rother in drei Wochen quasi nebenan auftritt, im „Garten“ der Neuen Nationalgalerie. Sein letztes Berlin-Konzert (im Silent Green) hatte ich, wohl aus Abwesenheitsgründen, nicht besuchen können. Zum Zufall gehört auch, dass ich am Freitag im Arsenal-Kino war, um den japanischen Film „1/2 Mensch“ mit und über die Einstürzenden Neubauten 1985 zu schauen, eine Vorstellung, zu der Blixa Bargeld als Gesprächsgast angekündigt war – und dann war unangekündigt auch N.U. Unruh (Andrew) im Publikum anwesend, neben Blixa das einzige Gründungsmitglied, das noch in der Band ist, und nach der Vorstellung habe ich ziemlich lange mit Andrew vor dem Kino gesprochen (oder vielmehr er mit mir), und unter vielen anderen Infos sagte er mit einigem Respekt auch, dass die Band von Michael Rother die alten NEU!-Stücke sehr gut spielen würde, der Schlagzeuger den Geist von Klaus Dinger sehr gut verkörpern würde, und dann dachte bzw. sagte ich, dass ich das dann doch hoffentlich mal zu sehen bzw. hören bekomme. Und, schwupps: Heute die Ankündigung fürss Konzert, fünf MInuten entfernt. Gleich die Karte gekauft und die Rother- und Harmonia-CD-Boxen aus dem Regal geholt, weil das Konzertprogramm lautet: Michael Rother plays NEU!, Harmonia & Solo Works .
https://www.ctm-festival.de/events/event-detail/sound-in-the-garden-michael-rother-plays-neu-harmonia-solo-works-live
Ingo J. Biermann
Zum Foto auf der Rückseite von“In Pas(s)ing“. Das konnt ja auch in meinem Porträtfilm über Roberto Masotti vor; er hält es im Preview-Standbild in der Hand: https://vimeo.com/587872439
flowworker
Es war einmal, in Forst und um Forst herum
https://flowworker.org/2025/03/18/elektronisches-deutschland/#comments
flowworker
Manafonistas, April 2016
This album is a stone cold classic of Reggae’s history. Almost everything about it is just right. Dennis Bovell’s band is tight yet melodic throughout. The production is spare, giving the rhythms and vocals space in which to reverb and resonate in a typical pared down late 70s dub-style. Even the artwork, with its monochrome precision and clear allusions to the original ska period, helps capture the mood of a lost time when music really mattered. And, of course, LKJ is simply magnificent. His dub poetry is delivered with swagger, soul and elegance. He is deftly sensitive to, but never dominated by, the pulsating rhythms of his band. His abiding mood is one of cold, considered fury at the injustice he sees around him. His lyrics are rich, impassioned and often elegiac, simultaneously articulating a profound rootedness in „Bass Culture“ (the sub-cultures of reggae, radicalism and poetry) and a pained sense of alienation. It is a testament to his supreme skills that „Street 66“ stills sounds as fresh, radical and dangerous as ever. By the way, he didn’t buy the whole Rastafarian mythology. An independant spirit.
Olaf Westfeld
Oh, Michael Rother in der Nationalgalerie?! Ich bin neidisch und freue mich über einen kurzen Bericht und atmosphärischen Fotos!
Und ja, Bass Culture (und auch Dub Poet and the Roots und Forces Of Victory) beeindruckt durch seine Modernität. Keine Kiffer Folklore (so sehr ich die schätze). Everything’s tight and razor sharp. Deep Stuff. Timeless.
Ich hörte Bass Culture und Forces of Victory das erste Mal im Herbst 1993. Ich war gerade von Zuhause aus und nach Potsdam in eine WG gezogen. Meine beiden Mitbewohnerinnen hatten sehr überschaubare CD Sammlungen; eine von beiden hatte ein paar Reggae CDs, die beiden Klassiker von LKJohnson waren dabei. Solche Musik war für mich – ich war damals 19 – eher negativ behaftet. Ich kannte so etwas wie Red Red Wine und Kingston Town von UB40 oder die Hits von Inner Circle (A la la la la long); Bob Marley war mir von Ferne bekannt, aber durch die Omnipräsenz von vor allem No Woman, No Cry in der Kleinstadtdisco und auf Studentenparties etwas verleidet.
Kurz und gut, ich dachte Reggae ist eher was für Leute wie Rebecca & Svenja: https://www.youtube.com/watch?v=zzTmgyGf0mo&list=RDzzTmgyGf0mo&start_radio=1 (kam dann etwas später).
Linton Kwesi Johnson war mir aber aus der Spex bekannt, ich kannte ihn von Fotos. Eine ehrfurchtsgebietende Erscheinung – und cool wie Sau. Ich probierte also die beiden CDs aus und bekam dann allmählich einen Zugang. Ein Jahr später lief dann Dub Reggae bei mir rauf und runter. Keith Hudson, Prince Far I, Dub Syndicate – so etwas.
In dieser Zeit (10/1993) gab es auch ein Dub Special in der Spex, verfasst von Marcel Beyer. Falls mir jemand das besorgen kann, als Kopie, als Scan, … ich wäre sehr dankbar.
Michael
Die ersten 20 Minuten der Klanghorizonte mit Niklas von gestern Abend sollte niemand verpassen!!!
Wg der Referenzen zu Cluster Eno Tortoiwe etc
Die ersten zwei Alben waren mir neu und sehr beeindruckend 🌈🌈🌈🌈
Michael Engelbrecht
Grüsse wechselten zwischen Bremerhaven, wo ich derzeit weile, und Berlin. Ich schickte Niklas Wandt zwei Links, in denen es um seine Klanghorizonte / Jazzfacts Stunde ging, die man noch fünf Tage nachhören kann. Und er antwortete:
„Wunderbar. Grüße zurück aus dem sommerlich, wenngleich gerade frisch eingeregneten Berlin, großer Meister!
Auf bald!
Niklas“
Er beherrscht den angemessenen Umgnagston 😉🎩