Die Mutter und die Hure

Vor ein paar Tagen schickte mir Thomas P. die Ankündigung eines Boxsets mit den Filmen von Jean Eustache, und dann fiel es mir wieder ein. Als ich mich neulich an die Story erinnerte, dass Brian Eno nur einmal das erste oder zweite Album der Velvet Underground gehört hat, und davon so ergriffen war, dass er die Wucht dieses Erlebnisses nicht durch weiteres Hören schmälern wollte. Mir fiel nämlich kein Album ein, mit dem ich je vergleichbar umgegangen bin, aber ich bin ja auch kein Musiker. Aber mir fiel ein Film ein, den ich damals, 1973 oder 1974, im Fernsehen sah, und der mich wohl tatsächlich ähnlich umhaute, und den ich danach bewusst oder unbewusst nie wieder sah. „Die Mutter und die Hure“. Was für ein langer Nachhall! Ich sehe den alten Fernseher vor mir, in meinem „Kinderzimmer“, ich hatte mich in die Bettdecke eingekuschelt, und den Rücken an die Backsteintapete gelehnt. Direkt neben dem Bett der Plattenspieler, das Cover von Jan Garbareks „Sart“. Oder war es „Ruta and Daitya“ von Keith Jarrett und Jack DeJohnette? Ein Film, in dem ich viel von mir wiederfand, ein Film, der mich dermassen berührte, dass die vielen Gespräche darin und die Caféhausszenen wie im Fluge vergingen. Ich bin gespannt. Und Thomas P.s Besprechung eines „Meilensteins des feministischen Kinos“ ist nun auch pünktlich zur Monatswende in unseren „revelations“ gelandet.

Der Text zur Box liest sich so: „Vom Arbeiterkind aus der Provinz zum radikalen Provokateur in Paris: Jean Eustache ist der ungeschliffene Diamant des französischen Kinos, der Regisseure wie Jim Jarmusch, Hong Sang-soo und Claire Denis bis heute prägt. Als „Ethnologe der eigenen Realität“ sprengte der Working-Class-Regisseur jede Grenze zwischen Fiktion und nackter Wahrheit, um die emotionale Leere der Post-68er-Generation schonungslos offenzulegen. (Aber, „emotionale Leere“, das lasse ich nicht so stehen!😉; Anm. von M.E.) Seine Filme sind keine bloßen Erzählungen, sondern visuelle Sezierungen menschlicher Abgründe und gesellschaftlicher Rituale, die durch ihre raue, fast klinische Ehrlichkeit eine unerreichte Intensität entwickeln. Lange Zeit unter Verschluss und nur als Mythos unter Cineasten bekannt, kehrt sein Werk nun in einer aufwendig restaurierten Box zurück. Ein absolutes Muss für alle, die das widerspenstige und radikale Filmemachen suchen. Enthält folgende Filme und Dokumentationen: La Rosière de Pessac (1968 & 1979) Du côté de Robinson (1964) Le Père Noël a les yeux bleus (1967) Numéro zero (1971) La Maman et la Putain (1973) Mes petites amoureuses (1974) Une sale histoire (1977) Les Photos d’Alix (1982)“

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