• We Play Church

    Brian Eno passt mit seiner liturgischen Stimme in einen Kirchenraum, ein Konzert mit dem notorischen Gummiball Mick Jagger ist weniger geeignet, Mercedes Sosa würde mit ihrer übergewichtigen Stimme die heiligen Wände zum Wackeln bringen, Joni Mitchell erst gar nicht ein/auftreten.

    Wenn der Soziologe Hartmut Rosa nach Resonanzräumen für Kommunikation sucht, dann hat er mit Akustiktempeln einen Ort gefunden, wo das mit Musik hervorragend gelingen kann.

    Gestern gab es ein Benefizkonzert in der meiner Wohnung gegenüberstehenden Kirche. Ich war neugierig geworden, weil die Tangoklänge einladend herüberwehten. Die Kirche war vollbesetzt mit Musikfreunden. Astor Piazzolla scheint beliebt zu sein, mehrere Musiker (Bratsche, Geige und Klavier) spielten seine Melodien. Schade, dass kein Bandoneon dabei war. Erstaunlich, wie viele talentierte Musiker da aufspielten, auch etwas weltfremd für mich der Anblick der pubertierenden Mädchen, die dem chorerprobten Engländer John Rutter und seinem Song „Look at the world“ die Ehre gaben. Natürlich schmunzelt da unsere Generation, die bei dieser Vorstellung Brian am Kreuz sieht und Eric Idles „Always Look On The Bright Side Of Life“ leise summt.

    Wenn Gott mir drei Wünsche erfüllen würde, dann zu allererst – jeeeezus – Neil Young vorne am Altar mit „Old Man“. Meine zweite Einladung ginge an Patti Smith mit „A Hard Rain’s Gonna Fall“, die Nr 3 wären die Dixie Chicks mit aUnknown Soldiera. Passt doch. But it really fits, when Sam would beam us up, or? You never know!

  • 16 (1971) – „We‘ll talk about it now“

    Vorgestern kam Wolfgang F. aus meine Klasse von 1973 zu Besuch, „der alte Schwede“, und ich erfuhr etwas, was der London-Film unserer Klassenfahrt mit Dr. Egon Werlich (hier seit den Jahren der Manafonisten wiederholt als bester Lehrer meines Lebens geadelt, neben Leonard Cohen), unterschlug. Als ich zu schnell, mit hohem Fieber, zurück in der Heimat war, trieben sich einige de Jungs in der Wardour Street rum, und erlebten Donovan live. Im Marquee Club. Das habe ich dann doch, mit dem Abstand von einigen Dekaden, betrauert. Es sollte genau zehn Jahre dauern, dass ich selbst wieder mal im Marquee auftauchte (nach Stramhammer im Jahre 1971), an einem regnerischen Wintertag. Jah Wobble and The Invaders Of The Heart. Aber Donovan: viele wissen gar nicht, was er für wundervolle Alben gemacht hat, und halten ihn für eine blasse Dylan-Kopie der einen Räucherstäbchen-Hipppe. Ich schweife ab.

    Ein Plattenladen in Paignton. EF-Ferienreisen. Sommer 1971 (ich bin dieweil unglücklich in Regina verliebt, eine Pfarrerstochter aus der Bittermark, und es entsteht, unter englischen Palmen, ein kleines Techtelmechtel mit einer baldigen Hockeyspielerin aus Neuss). Ich erlebe in einer urigen Fish’n’Chips-Bude den Dicken von Hot Chocolate – er scheint mir high zu sein.

    Ich wohne mit einem, der noch längere Haare hat als ich, in einem Zimmer eines sehr alten Hauses im ersten Stock. Sehr sympathische Gastgeber, ohne Groll gegenüber den Nachgeborenen des Zweiten Weltkrieges. Dann also vor diesem Plattenladen, Nase an die Scheibe gedrückt. Da drin, in der Auslage, der Anfang einer sich als sehr stabil erweisenden love affair, After The Goldrush, von Neil Young.

    Es wird meine erste Platte des jungen Young, und einen Tag später kann ich schon mit Neil „Tell Me Why“ im Duett singen, auswendig gelernt vom beiliegenden, krakeligen Textblatt. Die nette Familie stellt uns den Plattenspieler zur Verfügung. Gott, ist „Southern Man“ ein Hammer –  für mich ein antifaschistischer Song –  ich gehe dermassen im Sound auf, dass für Lyrikdeutung keine Zeit bleibt.

    Aber in der Auslage, neben Neil, steht noch ein Album, nur habe ich weder das Taschengeld noch den Übermut, es mir auch noch zuzulegen. Das Cover berührt. Etwas Uraltes, Urenglisches, Dublin 1916, Geschichtsunterricht, und drumherum, um so viel schwarzen Raum, hippie coloured portraits. Daheim in Dortmund schlage ich zu, vielleicht las ich eine begeisterte Besprechung in Sounds. Heute gilt es als Klassiker der englischen „Jazz-Rock-Historie“ (unangefochten meine Nummer 1 dieses Genres, „Third“ von Soft Machine). Vor Ewigkeiten kam mir Nucleus abhanden. Auf gefühlten 12 Umzügen. Haben sie je ein besseres Album gemacht?

    Mehr als ein halbes Leben später habe ich mir, vor einem Jahr, die Platte erneutbzugelegt. Mastered from the original analog tapesWe‘ll talk about it later. Von Nicleus. Und die Scheibe paclt mich immer noch in grossen Teilen. Später, auf mein Mixtape für Regina, kam dann aber nichts von Nucleus – ich versuchte es mit den Kinks, mit Genesis, und Neil Young, nutzte auch nichts – „only love can break your heart“.) 

    Ich war 17, hatte meine Baskenmütze auf dem Kopf, und sass auf einem Pier in Torquay. Ich sah auf die Palmen und hatte bis zu diesem Trip nach England nichts von den Palmen und dem Golfstrom dort gewusst. Vor mir auf der Kai-Mauer lag ein kleines Taschenbuch über das richtige Pfeiferauchen. Ich hatte alles Nötige dabei, und auch den Tabak meiner Wahl. Da es der einzige Tabak ist, den ich je in einer Pfeife rauchte, habe ich ihn nie vergessen: „Mac Baren‘s Mixture Scotish Blend“ verströmte einen süssen Honigduft, das Whisky-Aroma liess sich allenfalls erahnen. Er galt, wie ich las, als zungenfreundlich, ein Tabak, der langsam und kühl abbrennt, wenn er mit Bedacht genossen wird. Ich befolgte die Anweisungen zum Stopfen der Pfeife sorgsam, aber im Endeffekt scheiterte ich, immer wieder ging mir nach wenigen Zügen die Glut aus. Eine klare Niederlage. Wie in der Zeit davor, in der ich mir das Bridgespielen beibrachte, aus dem dann ein Solo für Vier wurde, weil kein Kumpel das Spiel lernen wollte. Ich hatte die Lektion gelernt, und mir später ein Buch mit Patiencen besorgt.

    Das alles kommt mir in den Sinn, weil gerade „Coral Island“ läuft, das neue Doppelalbum von The Coral: und wenn man auch nur das kleinste Faible für englische Küstenkäffer hat, sind bei diesem Album Zeitreisen garantiert. Echos von den Beatles bis Leonard Cohen, von den Small Faces bis zu den Kinks, aber doch eine ganz eigene „Geisterwelt“.

    Damals, auf diesem Pier in Torquay, als ich an der Pfeife scheiterte, ist noch etwas passiert, das ich nie vergessen werde. Ein grosser Hund mit Schlappohren, eine Promenadenmischung, kam zu mir angetrottet, kein Besitzer war weit und breit zu sein, und er hockte sich zu mir. Wir erzählten uns ein paar Geschichten, jeder auf seine Art. Er hiess Joe. Irgendwann signalisierte er mir, ihm zu folgen, und über einen Steg gelangte ich auf ein luxuriös augestattetes Boot. Klein, aber oho! Wir machten es uns dort gemütlich, er mit einem, Knochen, ich mit einem Fernrohr, das ich in der Kajüte fand.

    Dann muss ich eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, waren wir auf offener See, und ausser dem Hund und mir war weiterhin niemand an Bord. Ich sah in der Abenddämmerung das Funkeln der Lichter der Küstenpromenade, und pure Freude durchströmte mich. Ich erkannte Fetzen eines Songs, wohl aus einer Jukebox, und aus weiter Ferne, „Mellow Yellow“ von Donovan. Wie kann ein Lied so unbedrängt aufs Meer hinaus fliegen? „…Born-a high forever to fly….A-wind-a velocity nil….Born-a high forever to fly…If you want, your cup I will fill…“ Aus meinem Rucksack holte ich ein Büchlein über das ABC des Bootfahrens. Wir waren gerettet.

  • “every dog has his day, and some even have two“


    In memory of Paul Auster. Ab und zu kommen mir kleine Lese- und Filmempfehlungen zu, von guten Bekannten, die wissen, dass zuweilen ein Liam Neeson-Actionfilm mehr Charme hat als ein zerebraler Problemfilm mit hölzernen Dialogen und dem Gewicht der Welt hinter jeder Gardine. Abends zum Abhängen. Die Kumpels wissen auch, dass kluge Hunde jedem Film förderlich sind. Also, „Honest Thief“ war richtig was fürs Herz, und spannend. Und ein cooler Hund kam auch darin vor, oder, besser, ein empathischer Hund. Am besten sind coole und empathische Hunde. Liam spielt darin den „In & Out“-Banditen, eine gar nicht so schlechte Liebesgeschichte ist auch noch dabei. Nicht so ein Quatsch mit Bindungsängsten. Vielleicht kennt ihr „The Art of Racing In The Rain“. Ein Hunderoman von Garth Stein (s.o.), mit Tiefgang und hohem Flauschfaktor. Die Hauptrolle wird von einem philosophischen Hund besetzt, der manche meiner damals im Proseminar hockenden Kommilitonen ziemlich alt aussehen lassen würde – jedenfalls ein ganz feiner Schmöker. Schon anspruchsvoll, wenn man nicht zu anspruchsvoll ist. Manche Menschen, die sich als sehr anspruchsvoll begreifen, haben einen an der Waffel. Paul Auster hat auch mal einen sehr feinen Hunderoman geschrieben, der kam in der seriösen Literaturkritik nicht so gut an wie bei mir. Paul Auster ist nun auch nicht mehr unter uns, mein liebster Auster-Roman war „Mond über Manhattan“. Ds bin ich wahrlich zwischen den Buchdeckeln verschwunden. Aber ich schweife ab. Es ist mal wieder Zeit für Laurie Andersons bewegenden Hundefilm. Und, keine Frage, der allerbeste Hund, der mir zuletzt begegnet ist, heisst „Wiley“ und begleitet John Sugar durch die Strassen von Los Angeles. In der vierten Folge, das kleine Gespräch von Colin Farrell und Amy Ryan im Auto, über das Traurige im Leben, und was es vielleicht sonst noch gibt – what a nice little dialogue! Ich weiss gar nicht mehr: hat Wiley hinten gesessen und den beiden zugehört? Sorry. Ich bin auch nur ein Mensch, und wie mir mein Sancho damals das Rauchen abgewöhnte, ist immer noch ein ganz herrlich auf den Hund gekommener Klassiker der Kurzzeitpsychotherapie.

    22. Juli 2015. Vor Langeoog. „People Take Pictures Of Each Other“. Der letzte Song von Seite Zwei, feine Vinylpressung, 2015 neu in Mono aufgelegt. Mono kann so gut klingen. Die Reise beginnt. Zuhause bleibt alles, was mediale Kommunikation ermöglicht. Nur das Handy für Notfälle (verirrt im Watt) – vier Tage, fünf Nächte, ein Buch. Das Auto bleibt auf dem Festland. Sancho und ich. Das Wetter bewegt sich konstant um 20 Grad herum, der Leuchtturm ist nicht so entlegen, wie ich es am liebsten habe, ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahr. Die Insel ist mir vertraut, überall Dejavues mit jüngeren Ausgaben meines Ichs, und all jenen, die lange fort sind, fast aus dem Sinn. Hier ist die Buchhandlung, in der ich Peter Rühmkorffs Gedichtband „Haltbar bis Ende 1999“ kaufte, dort ist das Cafe, deren Tortengrösse sich wohl seit den ersten Wallungen der Wirtschaftswunderzeit nicht verkleinert hat. Rumtorte, riesig, reine Nostalgie. Die Sandorntorte im Leiss. Pflaumenkuchenorgien. „Banana Split“ war in der alten Bundesrepublik mal so exotisch wie ein afrikanischer Klangtraum von Les Baxter in einem lang versunkenen Amerika. Der erste Stau auf der Fahrt in den Norden. Morgen der erste Sprung in die Wellen. Im Auto laufen The Kinks. Sancho liebt das Autofahren. Er träumt, wie ich herausfand, meistens in Farbe. Ein psychedelischer Hund. Ich würde mich jetzt gerne mit Ray Davies unterhalten. Ich bin träumendes Mitglied der „Village Green Preservation Society“. Es gibt einen kleinen Dschungel auf der Insel, mit Teestube. Die Dämmerung der Kindheit darf nicht verloren gehen.

  • Die gute alte Zeit der Doppelalben

    Mit dem Erscheinen der CD ging die Ära der klassischen Doppelalben zuende. Da waren dann andere Zeitformate möglich. Denke ich an die frühen Jahre, als Doppelalben noch Doppelalben waren, zurück, fallen mir meine persönlichen Favoriten ziemlich schnell ein: No. 1 – The Beatles: The Beatles (das „weisse Album“). No. 2 – The Allman Brothers Band Live At Fillmore East. No. 3 – Keith Jarrett: Staircase (am wenigsten bekannt in dieser Runde, aber mein heissgeliebtes Solopianostudiodoppelalbum). No. 4 wäre wohl Miles Davis‘ Bitches Brew (oder vielleicht doch Aghartha). Jedem mit Schallplatten Grossgewordenen fallen eigene favourites ein. Tommy? Miles Of Aisles? Tusk? Blonde On Blonde? Tales from Topographic Oceans? Get Up With It? Gestern hörte ich zum ersten Mal überhaupt ein Doppelalbum, das eigentlich keines ist, es passt locker auf eine CD. Und es stammt aus der Hochzeit dieses Tonträgers. Aber, zum 25-Jährigen, ist es nun eben als „Doppelalbum“ draussen, ein tolle Pressung von Optimum, Deutschland, ein fantastisch klingendes Remaster (vielleicht klang das Original auch schon toll, keine Ahnung), und vor allen Dingen habe ich auf Anhieb einen Narren gefressen an dieser späten Entdeckung! Wie anders ihre Stimme doch damals klang, so viel höher, und doch so ergreifend (auf andere Art) wie auf Beth Gibbons’ bald erscheinendem Soloalbum! Nun denn. Obwohl ich „Dummy“ von Portishead liebte, ging, wohl wegen meiner Skepsis, wenn das Symphonische zur Bearbeitung des eigenen Werkeverzeichnisses herangezogen wird, das Live-Opus „Roseland NYC Live“ (eine Aufzeichnung vom 24. Juli 1997) komplett an mir vorüber. Welch ein Irrtum. Sagenhafte Musik, von vorne bis hinten, ich habe mir sogar gleich die preiswerte DVD des Konzerts bestellt. Für Beth G., die so lange in diesen Songs gelebt hat gehört dieses Opus wohl zu ihren „lives outgrown“, für mich als neu gewonnenen Lauscher dieser facettenreich-alten Klangsprache, gewiss nicht. Wäre dieses Doppelalbum ein echtes Doppelalbum aus alter Zeit, es wäre mir ratzfatz eingefallen, und hätte seinen Platz in meinen Top Ten gefunden!

  • You never know

    You could make gray, call it gold
    Let it fool your eyes
    You could make rain and let it have your life
    Being green grass, any little wind
    Begs you for a dance
    You could say love ‚til it lasts

    You could make good, there’s a lot of ways
    With nowhere left to go
    Let it be the song on your little radio
    You could make light, be the silly word
    Sitting on a tongue
    You could make nice or beat a drum

    Don’t you wanna know how far you’re gonna go
    Fickle as tomorrow talking to a wind chime
    Folding your hands, empty as glass
    Waiting to break

    Don’t you wanna know how close you’re gonna get
    Kissing like people stepping on flowers
    Wishing on the stars empty as glass
    Waiting to break

    You could have a heart ‚til it’s pouring out
    If it’s in your blood
    You could make waves and then you better run
    Being black cloud, there’s a lot to say
    And so much room to grow
    You could make rain, you never know

    You could make gray, call it gold
    Let it fool your eyes
    Follow any wave crashing down to size
    You could be wrong, don’t you wanna know
    Deep into the night
    Like a little stone thrown across ice

    Mit diesen Versen beginnt der erste Song der exzellenten neuen Lp / Cd „Light Verse“ von Iron and Wine alias Sam Beam. Grosse Musik durchweg, grosse lyrics. Enchanted listening. The dark comes with a breeze. Ein melodischer Songzyklus mit dezenten Folklelementen (eine Zither!) und symphonischen Beimischungen – Sam Beams Stimme reist durch zurückliegende Lebensabschnitte, notiert die Wunden, die Gelassenheiten, wundert sich über vieles, und über manches gar nicht mehr. (m.e.)

    You Never Know“ (lyric video)

    Another little introduction

    „Fashioned as an album that should be taken as a whole, it sounds lovingly handmade and self-assured as a secret handshake. Track by track, its equal parts elegy, kaleidoscope, truth, and dare.“

  • Projekt Fa Fa Fa qu’est-ce que c’est?

    If they give you ruled paper write the other way

    Wer ein anstrengendes Projekt vor sich hat, gehe davor in den Film STOP MAKING SENSE. Dort überträgt David Byrne seine unglaubliche Energie auf euch.

    Mein Übergang ins neue Haus gestaltete sich dadurch erleichternd. So ein Mehrgenerationenhaus ist ein Kosmos für sich. Man geht unbedarft in den Lift und schon hat man die Mutter von Goretzka (Bayern-Spieler) kennengelernt. Auf der noch nicht sonnigen Dachterrasse probt ein Tänzer für seinen Auftritt in der Philharmonie im Herbst, im hauseigenen Musikkeller singen Mitbewohner 70er Jahre Songs.

    I‘ m looking for a Home where Home comes to life from Out of the blue

    Der Einzug in ein Mehrgenerationenhaus ist eine soziale Neugier,die ich mir sechs Monate stille. Es sieht noch nicht nach einem garantierten Lebensabendprojekt aus, die Insel zieht noch mit magischen Kräften zurück. Ich bin nicht auf der Suche nach dem wahren Leben. Ich fühle mich im Jetzt wie das KI, das im neuen Buch von Werner Herzog über Wahrheit dichtet :

    I am a sesamoid bone,
    fit only for kissing,
    I am a Baby bird just hatched from its egg

    In dem neuen Nest lebt es sich komfortabel.Die Wohnungen sind durchökonomisiert, dementsprechend gewöhnungsbedürftig für einen Kanarenankömmling. Die Atmosphäre des Hauses ist warm und inspirierend. Ich würde gerne einen kleinen Film ùber die zweiunddreissigErwachsenen mit zwölf Kindern drehen. Immer begegne ich Generationen und rätsele, wie alt die wohl sind, was die wohl machen, ob die hier glücklich sind. Manchmal komme ich mir vor wie Montag in Fahrenheit 451, wenn ganze Trupps an mir vorbeiziehen. Gehen die ins Bücherzimmer, in den Multifunktionsraum, oder haben die eine Besprechung im Home Office? Ständig bekomme ich Nachrichten über Signal, ich schaue sie mir sporadisch an. Ich denke über Wahrheitsfindung nach, über „fake“, und träume von Brian Jones (nein das ist Tina Weymouth) und summe…

    This must be the place: Home is where I want to be.

    HEAVEN.

  • Sheltering Skies (2 – short review of double vinyl)

    27. Juli 1982 an der Cote d‘Azur. King Crimson touren mit dem neu formierten Quartett (Fripp, Belew, Bruford, Levin) durch Europa, meist zusammen mit Roxy Music, und machen Station in Fréjus. Wenn Platten besprochen werden, besteht ein wiederkehrendes Lieblingsmotiv der Musikkritk in dem Ausdruck „dead quiet vinyl“. Nun, diese 200 Gramm-Pressung kommt dem nahe – die komplette Aufnahme ist von roher Direktheit, hyperrealistisch fast, und wer die studiotechnischen Brillianz und Balance der drei Platten des Quartetts kennt, nimmt hier erst mal Adrian Belews Härte 10 auf der elektrischen Gitarre zur Kenntnis, in den ersten dissonanzfreudigen Minuten dieses Doppelalbums. Das klingt und ist knallhart, kein Schmeichler zum Auftakt, und kein Röhrenverstärker würde für mildernde Umstände sorgen. Aber die Ohren adaptieren die Wucht. Das Quartett belegt mit diesem Aufritt einmal mehr, dass King Crimson wohl die einzige Gruppe aus der Ära des Progressiven Rock war, die sich vom Punkvirus äusserst kreativ inspirieren liess. Obwohl Robert Fripps neue Kompositionen einmal mehr ausgeklügelt, detailversessen und anspruchsvoll sind, wird hier rein gar nichts notengetreu abgeliefert. Oder makellos reproduziert. Alles kann jederzeit Feuer fangen. Und fängt Feuer. Deswegen macht hier auch eine andere Lieblingsformel der Musikkritik Sinn: play it loud!

  • Marlen

    »Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.« (Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein) „I can still see the fire burning“ (Ron Wood und ich, 1974)

    Bevor ich von Münster nach Würzburg umzog, also von den Philosophen und Germanisten zu den Psychologen wechselte, waren ein paar musikalische Erdbeben schon hinter mir, und ein paar Verliebtheiten. Bis zu meinem 21. Jahr machte ich niemals Fotos von den Mädels, die ich umwarb, mit denen ich ging, oder die mich im Regen stehen liessen. Und spöter auch so gut wie nie. Wäre ich zu Gast in einem Marcel Proust-Seminar, ich würde 25 kleingeschriebene Din A4-Seiten über „Marlen and me“ zuwegebringen, ohne Erfindungen. Ein kleiner Roman hätte es schon werden können.



    Umso verblüffender, dass ich nun in einer Dokumentenkiste, versteckt in einem Diogenes-Krimi (in genialem Schwarzgelb) meine einzige, viel zu kurze, Liebe aus Münster fand. Ihr Antlitz. Sie war superintelligent, superheiss, und hatte super Humor. Sie war drei Jahre älter, meine erste Fesselkünstlerin nach Emma Peel, und ausserhalb besass sie eine Schlagfertigkeit, die ich mir erst später zueigen machte. Achachach – ihre sanfte Dominanz ein Märchen aus 1001 Nacht. Leider war sexuelle Treue nicht ihr Leitmotiv, und Ich habe sie nie wieder gesehen. Dieser Schnappschuss lockt viele Momente vom Februar und März 1974 hervor, bunte Puzzleteilchen, ich sehe ihr Treppenhaus vor mir, ihr Badezimmer, ihre Räucherkammer, ihre Leonard Cohen-Platten (sie kam unmittelbar aus einem seiner Songs) – und ihre perfekten langen Beine, die mich in der Unendlichkeit berührten, zumindest zuweilen. Thank you for the nights! Erstmals war ich ein vorübergehend glücklicher Brötchenholer am Morgen, ein leicht liebestrunkener Jean Pierre Leaud. Und mir selbst ganz nah.

  • Stiff

    I wanna be thin
    I wanna be small
    I wanna be pinned up high and studied on the wall

    I wanna be sold
    I wanna be fit
    I wanna be there.

    I wanna be hooked
    I wanna be base
    I wanna be served up lightly dressed and on a plate

    I wanna be cut
    I wanna be dried
    I wanna be there.

    I wanna be changed
    I wanna be rode
    I wanna be made to handle very heavy loads

    I wanna be his
    I wanna be hers
    I wanna be theirs
    Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
    Ooh ooh ooh ooh ooh ooh.

    I wanna be held
    I wanna be schooled
    I wanna have every plea for mercy overruled

    I wanna be milled
    I wanna be rolled
    I wanna be there.
    Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
    I wanna be there.
    Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
    I wanna be there.
    Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
    I wanna be there.
    Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
    I wanna be there.
    Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
    I wanna be there.
    Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
    I wanna be there.

  • Magic and Trance

    Gestern hatte ich nicht nur das große Vergnügen The Necks im gut gefüllten Heimathafen Neukölln zu erleben, sondern konnte dort auch erstmals fellow blogger (oder Bloggenossen?!) Ingo kennen lernen. Da mein Freund M auch dabei war, ich hatte ihm die Karte zu einem runden Geburtstag geschenkt, die Band war ihm allerdings unbekannt, war die Zeit vor und nach den Auftritten mit anregenden Gesprächen sehr gut gefüllt.

    Die Musik, die uns ja zusammengebracht hat, war hypnotisch. Es gab zwei Sets, unterbrochen von einer kurzen Pause. Der erste Abschnitt war etwas kürzer; ich würde schätzen, dass die drei Musiker ungefähr 45 Minuten auf der Bühne standen, aber Zeit spielte nach wenigen Tönen keine Rolle mehr. Klangwellen türmten sich übereinander, kleine Nuancen veränderten die Strömung, irgendwann brachen die Wellen, liefen aus um von den nächsten abgelöst zu werden; ein wahnsinnig spannendes und intensives Miteinander im Zusammenspiel. Nach einer kurzen Pause kamen die drei wieder auf die Bühne, um noch einmal zu spielen, dieses Mal etwas länger (vielleicht 60 Minuten). Es begann mit wenigen, sehr melodiösen Basstönen, zu denen sich Klavier und die swingenden Becken des Schlagzeugs gesellten, grundiert von einem Schaben auf der Snare. Zum Ende der 60 Minuten wurde diese Atmosphäre wieder aufgenommen, dazwischen lagen Klangcluster, Wiederholungen, Höhepunkte – ein ocean of sound. Es hat nicht nur uns dreien sehr gut gefallen, es gab standing ovations und lang anhaltenden Applaus.

    Insofern kann ich nur allen Mitlesenden empfehlen, sich The Necks anzuschauen, wenn sie gerade mal in der Gegend sind. Im Idealfall in netter Gesellschaft, dann macht das gleich viel mehr Spaß. Im November scheinen sie noch einmal in Berlin zu spielen.