Die Achtziger
Für eine Musiknerds-Liste („100 Alben der 80er für die Ewigkeit“) in einem Musiknerds-Forum in diesem Internet habe ich zuletzt mal darüber nachgedacht, was denn meine persönlichen „Top 100“-Alben der Achtziger wären. Am Ende hatte ich fast 200 Alben zusammen, die ich wirklich sehr gut finde; zum Teil habe ich sicherheitshalber nochmal reingehört, um zu überprüfen, ob ich das immer noch gut finde oder ob es vielleicht eher doch nicht so der Hammer ist … Point in Case: Phil Collins; fast immer hat der gute Phil ja keinen allzu positiven Ruf (und ich kann ohne Probleme gestehen, dass ich auch nie so wirklich Fan war), allenfalls geht ja sein Debüt Face Value als nicht schlechtes Album durch. Da ich mal für n Appel und n Ei die Komplettbox mit allen acht oder neun Phil-Alben in mein Regal gestellt hab, habe ich da unlängst nochmal reingehört, um zu schauen, wie das eigentlich dem Test of Time standhält und muss sagen (da täuschte mich meine Erinnerung nicht): Den Nachfolger Hello, I Must Be Going! finde ich tatsächlich besser (auf dem Debüt stechen eigentlich nur „In The Air Tonight“ und das lockere „I’m not moving“ heraus). Und wiederum den Megaseller No Jacket Required finde ich ganz gut, aber weitaus stärker finde ich tatsächlich das weithin abgewunkene …But Seriously.
Ich stellte auch mal wieder fest, was für ein fantastisches Album Synchronicity (The Police) ist. Selbstredend hab ich nicht alle 200 Alben jetzt aktuell durchgehört. Zu einigen kehre ich eh oft genug zurück (Patti Smiths Dream of Life etwa, das sicher kaum jemand auf dem Schirm hat, wenn es um die besten LPs der Achtziger geht). Ich teile hier mal die oberen 25 mit euch. Ab dann wird es ein bisschen schwierig zu entscheiden, ob nun Michael Nymans The Cook, the Thief, his Wife & her Lover echt besser ist als Bill Frisells Lookout for Hope oder ob es irgendwie angemessen ist, Actually (Pet Shop Boys) höher zu stellen als irgendwas vom Art Ensemble of Chicago oder Laurie Anderson oder Tom Waits oder Stevie Nicks oder Arthur Russell. Dazu muss man vielleicht auch sagen: Anders als viele hier hab ich die Achtziger ja als Kind erlebt, nicht als ausgewachsener Musikhörer. ECM und The Cure kamen bei mir halt erst viel später überhaupt ins Bewusstsein. „Road to Nowhere“ von den Talking Heads ist in meiner Kindheit weitaus präsenter und prägender gewesen als Remain in Light oder sonstwas von Brian Eno (von dem ich auch eine Handvoll Alben in die Liste genommen habe). 1989 kaufte ich Sleeping with the Past (das m.E. tatsächlich auch heute noch bestehen kann und Elton Johns bestes oder maximal zweitbestes Album der 80er ist) und natürlich nicht Salome Dances for Peace (1989) – das Kronos Quartet spielt Terry Riley, auch wenn ich die beide heute gleichauf nennen würde.
Dies wären aber mit heutigem Stand meine 25 persönlichen Lieblingsalben, die von 1980 bis 1989 veröffentlicht wurden:
- David Bowie: Scary Monsters (And Super Creeps) (1980)
- Sinéad O’Connor: The Lion and the Cobra (1987)
- Dexys Midnight Runners: Don’t stand me down (1986)
- U2: The Joshua Tree (1987)
- Gianna Nannnini: Latin Lover (1982)
- Talk Talk: Spirit of Eden (1988)
- Eurythmics: Savage (1987)
- Joy Division: Closer (1980)
- Einstürzende Neubauten: ½ Mensch (1985)
- Bill Frisell: Rambler (1985)
- The Rolling Stones: Tattoo You (1981)
- The Police: Synchronicity (1983)
- Pulp: Freaks (1987)
- John Cale: Music for A New Society (1982)
- The Cure: Pornography (1982)
- Patti Smith: Dream of Life (1987)
- David Torn: Cloud About Mercury (1986)
- Arvo Pärt: Tabula Rasa (1984)
- New Order: Substance (1987)
- Lou Reed: New York (1989)
- Laurie Spiegel: The Expanding Universe (1980)
- Talking Heads: Remain in Light (1980)
- Grace Jones: Nightclubbing (1981)
- Sonic Youth: Daydream Nation (1987)
- Prince: Sign o’ the Times (1987)
That indigenous Australian expression
“Dreamtime“ was recorded in 1980 at Systems Research Center, Palo Alto, CA. The Dreaming is used Down Under to represent the concept of „time out of time“ or „everywhen“, during which the land was inhabited by ancesteal figures, often of heroic proportions or with supernatural abilities. The piece is taken from the wonderful boxset „Degrees Of Freedom Found“. Imagine Blue Gene Tyranny meeting Bo Hansson!

After my recommendation of the treasure box titled „Degress Of Freedom Found“, Amazon realized people are buying this dust collector again, so now it is no longer cheap as chips, and the price went up 300 %. A friend of mine said, as some old-fashioned vinyl dude I should give this unknown „classic of its own kind“ a spin. Out Of The Blue. Lovely music, from start to end, indeed. Makes sense, the Boomkat review: „Tyranny’s 1978 solo debut ‘Out Of The Blue’ remains a perennial cult favourite, existing on the sweetest, inventive edges of rock, pop and avant-garde composition in a manner that was entirely characteristic of the amazing Lovely Music, Ltd. label, with whom he’s most closely associated. Quite simply, there’s little out there that matches ‘Out of the Blue’ for sheer charm, placing a deep knowledge of experimental and pop music’s internal workings at the service of a ripely melodic and dreamlike suite with results awaiting discovery by new ears.“Die Kunst am Ball
Dass Picasso ein Künstler ist, weiß jeder. Aber wie heißt das neue Genie am Ball? Kann ein Fussballer überhaupt als Künstler durchgehen? Aber ja! Messi, Ronaldo und der kleine Prinz,der jetzt ganz große Kunst zeigt. Er heißt Florian Wirtz. Er hat noch nicht die kroossche Ruhe am Ball, aber das Talent zum Großen zeigt er uns jetzt schon.
Heute Abend wird JoMarie Dominiak irgendwo unter den Schwarz-Gelben weilen. Vielleicht bringt sie Glück. 2009 durfte sie anlässlich der 100 Jahrfeier beim BVB singen. Jetzt beschäftigt sich die mittlerweile 27 Jährige mit dem Thema “ Musikrezeption im Wandel“. Wer sie an der Universität in Münster finden will, achte auf das Türschild : Tage bis zum nächsten Taylor Swift Konzert …Hinter dieser Tür arbeitet sie an ihren Interviews, die sie mit Musikbegeisterten gemacht hat oder sie untersucht die Nutzung von analogen und digitalen Musikmedien im Alltag. Sie hat herausgefunden, dass immer mehr Menschen über Plattenspieler Musik hören. Das sei einfach entspannteres Musik hören. I agree! Jo Marie singt und spielt Gitarre und wird vermutlich heute Abend irgendwo einen Auftritt hinlegen. Wer sich für Kommunikationswissenschaften interessiert, sollte die junge Doktorandin im Auge behalten. Sie weiß selber noch nicht, ob sie am Ende als singende Kommunikationswissenschaftlerin oder als kommunikationswissenschaftliche Sängerin landen wird. Auf jeden Fall wird sie heute mit Stimme und Stimmung dabei sein.
Von Faust zu Wal
Vor über 15 Jahren drehten wir „Faust“, nach Goethe, als Béla Tarr noch regelmäßig an der DFFB Dozent war. Ich glaube, es muss seine letzte Regiedozentur an der DFFB gewesen sein. Katharina Rivilis war als Margarethe die heimliche Hauptfigur; gerade hat sie als DFFB-Regiestudentin ihren Debütfilm, ihren ersten Langfilm, abgedreht, in New Mexico und Texas, mit Produzent Wim Wenders. Seit Monaten postet sie in sozialen Medien über diese Arbeit. Für den Film hatten sie unglaubliche 52 Drehtage. Für einen Abschlussfilm! Unsere im Winter in München an der Bayrischen Staatsoper gedrehte Produktion (mein ca. zehnter Langfilm), die in ein paar Wochen Premiere hat, hatte 12 Drehtage, darunter auch dokumentarische und improvisierte und aus dem Stegreif geänderte Szenen, für ein Filmprojekt von 90 Minuten. Ich frage mich: Was dreht man 52 Tage lang, und wie bekommt man für einen Abschlussfilm so viel Geld zusammen?
Robert Gwisdek spielte in unserem „Faust“ den Mephisto. Er war Kommilitone von Katharina, als sie Schauspiel studierte, an der HFF Potsdam, damals, 2008. Robert hat gerade seinen ersten eigenen Langfilm als Regisseur veröffentlicht, nach zahlreichen fantasievollen No-Budget-Musikvideos für eigene Musik (und zwei wahnsinnig teuren Musikvideos, die er 2022 für Rammstein als Regisseur und Produzent verantwortete). Seinen Film „Der Junge dem die Welt gehört“ hat er ohne Fördergelder und Fernsehredaktionen aus eigener Tasche finanziert, gedreht mit Geld, das er als Schauspieler und Rammstein-Regisseur verdient hatte. Für seine letzte Rolle in „3 Tage in Quiberon“ war er mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden (das Preisgeld (€10.000) dann vermutlich Startkapital für den eigenen Film), seither war er sechs Jahre lang nicht mehr als Schauspieler in Erscheinung getreten, bis jetzt, in „Sterben“, für den er wieder für den Deutschen Filmpreis nominiert war.
„Der Junge dem die Welt gehört“ entstand als kleine familiäre Produktion in Italien und auf seinem eigenen Dachboden in dem kleinen Dorf in Brandenburg, wo er mit seiner Frau (die den Film produziert hat), deren Tochter Chiara (die einer der Hauptrollen in dem Film spielt) und mehreren (?Stief-)Kindern lebt. Lustigerweise spielt auch Denis Lavant mit, der in dem Film genau so aussieht wie Robert Gwisdek. Und auch so agiert. Ebenso erkennt jeder, der Robert kennt, ihn in der männlichen Hauptfigur wieder, gespielt vom Schweizer Singer-Songwriter Faber. In dem Film wechselt er flüssig zwischen deutsch und italienisch. Und Roberts Mutter Corinna Harfouch spielt auch mit. Chiara spielt gleich vier oder fünf Mal die gleiche Figur in verschiedenen Facetten, sehr Gwisdek-typisch.
Sehe ich Denis Lavant, so denke ich sofort an einen der für mich prägendsten Filme „Mauvais Sang“ von Leos Carax, aus den tiefen Achtzigern. Ein Film, wie es ihn kein zweites Mal gibt, nicht mal von Carax. Er scheint mir überhaupt einige Gemeinsamkeiten mit Robert Gwisdeks Film zu haben. Man müsste die beiden als Double Feature zeigen. Denis Lavant ist heute fast 40 älter als in diesem Film, sieht aus wie ein alter Mann, macht indes allerlei verrückte Sachen, und immer, wenn ich ihn in irgendeinem Film sehe, springt er so jung wie eng und je herum, macht seine Faxen. Denis Lavant und Robert Gwisdek — zwei Brüder im Herzen. Oder im Geiste, je nachdem. Man hätte es sich nicht besser ausdenken können.
Und wann immer ich Denis Lavant in einem Film gesehen habe, habe ich hinterher David Bowie im Ohr – „Modern Love“. Jeder, der einmal „Mauvais Sang“ gesehen hat, weiß warum. Eine unvergessliche Sequenz. Noah Baumbach hat den Film auch gesehen und in „Frances Ha“ diese geniale Szene schamlos kopiert, mit seiner damals neuen Partnerin Greta Gerwig als Denis-Lavant-Ersatz. Nichts gegen Noah Baumbauch, aber leider ist „Frances Ha“ nicht so eigensinnig und gelungen wie „Mauvais Sang“. Mich ärgert nur, dass er die Hommage nicht kenntlich gemacht hat. Noah Baumbach hat aber auch bessere Filme gemacht, letztens schaute ich seinen Debütfilm „The Squid and the Whale“. Sehr lustig, Jesse Eisenberg in seiner wohl ersten Filmrolle als Teenie-Alter-Ego von Noah Baumbach zu sehen. Und irritierend zu sehen, dass Baumbach in dem Film in vielen Teilen genau die gleiche Geschichte erzählt wie 15 Jahre später wieder in „Marriage Story“ (nur eben aus anderer Perspektive) – dort spielte dann Adam Driver sein Alter Ego. Die Geschichte wiederholt sich; in „The Squid and the Whale“ erzählt er 2004 von der Trennung seiner Eltern 1986 in Brooklyn, aus der Perspektive des Jugendlichen Noah/Jesse/Walt, in „Marriage Story“ 15 Jahre später dann seine eigene Trennungsgeschichte von Jennifer Jason Leigh, die als „Nicole“ von Scarlett Johannsson verkörpert wird. Die Parallelen sind unübersehbar. Mit den Frauenfiguren tut sich Baumbach in seinen Filmen üblicherweise schwerer als mit den Alter Egos. Laura Linney geht aus „The Squid and the Whale“ allerdings als die stärkste Figur hervor. Erstaunlicherweise, muss man fast sagen.
„Weisst du noch, damals, in Warrington und Runcorn…“
Ist es nicht schön verrückt, die „Klanghorizonte“ Ende Juli mit einem brandneuen Album zu beginnen, das sich mit Städteplanung auseinandersetzt, der „New Towns“- Bewegung im alten England der siebziger Jahre?! Das vierte Album der Serie wurde vielfach gefeiert, und in „Electronic Sound“ zum Album des Jahres 2023 gewählt.
„Hub Your Community“, das fünfte Album der Serie des „Warrington-Runcorn New Town Development Plan“ setzt Gordon Chapman-Fox‘ klangliche Erkundung diesér Bewegung fort und zeigt, wie die Probleme, die sie zu lösen versuchte, auch heute noch nachhallen. Das Hauptthema nun: die Gemeinschaft und die Gemeinschaftszentren, die die Ortschaften Warrington und Runcorn bevölkerten, um den Menschen alle Einrichtungen zu bieten, die sie innerhalb von fünf Minuten zu Fuß von ihrem Haus aus erreichen konnten. In den letzten 50 Jahren sind nicht nur diese Gemeinschaftszentren, sondern auch die von ihnen angebotenen Dienstleistungen zurückgegangen – sei es der praktische Zugang zu einem Haus- oder Zahnarzt, zu einem Postamt usw. -, da die aufeinander folgenden Regierungen diese grundlegenden Dienstleistungen untergraben und ausgehöhlt haben.
Die Torys von Mrs. Thatcher gingen da mal wieder federführend voran – fragen Sie mal Robert Wyatt! Die letzten 50 Jahre waren auch einem Rückgang des „geneinschaftlichen Lebens“ geprägt. Thatchers Aussage, „there is no such thing as society“, wurde damals belächelt, aber die nachfolgenden Tory-Regierungen haben sich dies zum Leitbild gemacht und versucht, dem Land so viel Unterstützung und Gemeinschaft wie möglich zu entziehen und jeden sich selbst zu überlassen.
Es hat durchweg faszinierend, wie Gordon Chapman-Fox diese alte Welt und ihre Verlustmeldungen klanglich aufleben lässt. Nie berechenbar begegnen sich hier kühle Maschinen-Elektronik und zu Herzen gehende Electronica. Dabei trägt sich die klug und sinnlich komponierte Musik dieses Albums von allein, ohne Gebrauchsanweisung und Sozialkundeunterricht -, und es wäre schön zu lesen, welche anheimelnden und unheimlichen Sphären Jan Reetze hier ausfindig macht, an was ihn diese gesammelten Dystopien und Maschinenträume erinnern.
Der Transfer zu leblosen Sattelitenstädten und gescheiterten Projekten der alten BRD ist wohl eher eine traurig leichte Übung. Unter dem Strich ist es eine tolle Sache, wie hier mit den Mitteln der elektronischen Musik „aural history“ betrieben wird. Irgendwann wird es gewiss eine sehenswerte Dokumentation geben, oder eine Netflix-Serie. Der Soundtrack liegt schon vor.
Die Unschärfe der Porträts, und andere Berichte über Beth
Aus Paris: „Sie macht das Beste aus einer Mischung aus Flüchtigkeit und absoluter Präsenz. Sie hat etwas von Miles Davis‘ kühler Weigerung, für die Galerie zu spielen, und wendet sich am Ende eines Songs oft vom Publikum ab, als ob sie aus der hinteren Reihe ihres Orchesters Kraft schöpfen würde. Dies mag einer der Schlüssel zu ihrer einzigartigen Anziehungskraft sein. All dies ist bei ihrem Auftritt zu erleben, einem Spektakel, das auf mutiger Selbstoffenbarung und selbstverleugnender Zurückhaltung beruhte, mit einem natürlichen Charme, der alle Qualitäten eines echten Zaubers besaß.“
Aus Zürich: „Und stets verzichtet sie auf das Rampenlicht. Ihr zurückhaltendes, schemenhaftes Auftreten erinnert bisweilen an eine Nonne, manchmal gar an einen Zombie. Mit gekrümmten Schultern, von Schatten umfangen, steht sie vor dem Mikrofon, an das sich ihre gefalteten Hände klammern. Die Strähnen fallen ihr so tief ins Gesicht, dass ihre Mimik verborgen bleibt. Nur selten scheint ihr ein Luftzug ein paar Lichtstrahlen ins Gesicht zu wehen, was ihr einen umso gespenstischeren Ausdruck verleiht. Geht das Licht an, am Ende, verwandelt sich die 59-jährige Künstlerin in eine lächelnde Frau, die zwar Bescheidenheit ausstrahlt, aber auch Selbstbewusstsein, und Gelassenheit.“

Aus Brüssel: Das wird spannend, wenn wir auf die Gästeliste kommen. Die wenigen Sätze, die sie über ihr Album preisgab, finden sich alle in der offiziellen Verlautbarung ihres Labels. Der Rest wird, ebendort, von James Ford und Lee Harris beigesteuert, die etwas von dem mitteilen, was Beth während der Produktion, im Studio, gesagt haben soll. Tolle one-liner dabei. Das war brilliante Promotion, eingedenk der Tatsache, dass sie strikt jedes Interview verweigert. Ich werde sie, ohne wie ein Idiot zu wirken, in der Lobby des Hotels ansprechen. Ergibt sich ein richtiges Gespräch, werde ich zwei Alben ins Spiel bringen, die bislang in der Rezeption von „Lives Outgrown“ unerwähnt geblieben sind: „Le mystère des voix bulgares“ und „Wicker Man O.S.T.“ Und die Unschärfe ihrer Porträts in freier Natur. Ansonsten wird es eine Kurzgeschichte.

Kleiner Anhang: Es ist interessant, wie KünstlerInnen zu Proktionsflächen werden, und umso mehr noch, wenn sie sehr zurückhaltend sind, keine Interviews geben. Dann mischen sich Fantasien / Zuschreibungen selbst in den Versuch von möglichst sachlichen Besprechungen. Ein Zombie? Eine Nonne? Was da alles so an Bildern ins Kraut schiesst! Zudem wird bei Beth Gibbons gerne diskutiert, ob sie an Depressionen leide, oder eine depressive Grundstruktur habe. Wenn jemand depressiv ist, sind Konzerte wie die, die sie in der Gegenwart abgliefert, gar nicht möglich. Dieser „élan vital“ würde ihr komplett abgehen.
Seit ich mich mit „Lives Outgrown“ befasse (der Titel selbst wie die Musik selbst, sprechen für gelungene, mitunter schmerzhafte Metamorphosen), habe ich ein paar alte Stories gesichtet, und vor allem die Fotografien genau angeschaut, die im Umlauf sind, von ganz frühen Jahren bis heute, und auch die Konzertaufzeichnung aus Roseland, NYC, der wir ein beeindruckendes Portishead-Album verdanken. Egal, wie dunkel viele ihrer neuen Lieder sind, ihnen ist dermassen viel Kraft zueigen, dass es eher eine Frage des Mutes ist, wie sehr man in sie eintaucht. Oder es bei hünschen sanften Schauern belässt. Ich bin ganz sicher, in einem Gespräch würde sie kein besonderes Image von sich mühevoll transportieren. Allürenfrei ist das Wort. Sie wäre auf natürliche Weise nachdenklich, klar, ohne selbstverliebten Schnickschnack. Eine normale Person mit aussergewöhnlichen Gaben. Einmalig wie wir alle. Raucht sie eigentlich noch? Wenn Lukas von Domino mir zwei Pressekarten besorgt für Brüssel, werde ich das natürlich rausfinden.
Lovers Rock, and other healing music
It is a very good blog, and Stephan Kunze’s „Zen Sounds“ delivers in the same way as we deliver when something hits us deep. You just have to pay. Being hit deep, that happened lately, when Stephan listened to the new album „Soft Power“ by Ezra Feinberg, a Jewish psychoanalyst, living in Brooklyn. Like Stephan and me, Ezra, too, fell in love withe Steve McQueen’s fabulous film Lovers Rock. Mr. Feinberg sees one scene particularly before his eyes that inspired the musician and composer. A quote from Stephan Kunze‘s text:
“It’s at this London soundsystem party in the late 70s, an incredible long shot of people dancing and singing at the top of their lungs, just this ecstatic release. We would have these reggae dance parties in our apartment, just my wife and I and our two little kids, listening to the song ‘Silly Games’ from that scene in the film. It was a way to keep joy alive.” While those living-room parties inspired the vibe of Feinberg‘s Soft Power, it’s clearly not a reggae or dub record. “The influence is not on the musical surface”, he nods, “but the spirit is very much there.” While those living-room parties inspired the vibe of Feinberg‘s Soft Power, it’s clearly not a reggae or dub record. “The influence is not on the musical surface”, Ezra nods, “but the spirit is very much there.” Soft Power is an irresistibly joyous album but difficult to categorize – somewhere between ambient, jazz, minimal music, krautrock and outsider pop, its rich sound palette mainly derived from analog synths, organs, acoustic guitars and wind instruments.“
(Meanwhile I do have the audio files at my place, and a quiet hour soon will decide, if Ezra‘s music is just nice or interesting, or if it hits me that deep, that it will find its place into the Klanghorizonte at the end of July.)
Sequencing an hour of jazz & improvised music

When the Punktfestival, Kristiansand, will open its gates in early September, this album is about to be released. And what an album it is (that I can say after a first listening session some hours ago)! Two months earlier this work, simply named „Punkt Live Remixes, Vol. 2“ (by Sidsel Endresen, Jan Bang and Erik Honore), will be one album (and a central one) in my edition of „JazzFacts“ at Deutschlandfunk radio, 9.05 p.m. July 4th.
By the way, and in regards to depth and flow and sensuality, these „live remixes“ of Sidsel, Erik and Jan certainly belong to the „class A“ works of explorative „song worlds“ from Beth Gibbons‘, Norma Winstone‘s, Jessica Pratt‘s and Julia Holter‘s 2024 records – with the small difference that Sidsel‘s vocal journeys are strictly stepping back from „words with meaning“. And it will be a special pleasure – within my jazz hour – to compare the albums of Sidsel and Norma in regards to their very different approach to language.
Monthly Revelations (June 2024)
ALBUM – Warrington Runcorn New Town Development Plan: Your Community Hub FILM – Das leere Grab (von Agnes Lisa Wegner & Cecile Mlay) PROSE – Nils Jockel: Kellertänzer TALK – „Der mit den Tönen tanzt“ (Jan Bang) POETRY – „Wenn der Ostwind weht“ (Cornelia Schleime) BINGE – „The Return Of Twin Peaks“ (David Lynch) ARCHIVE – Jonny Trunk: Audio Erotica (Hi-Fi Brochures 1950s – 1980s)Unter Kraftwerks Einfluss
Vor einigen Wochen habe ich in einer „Elektro Beats“-Sendung des RBB im Gespräch mit Olaf Zimmermann gesagt, der Einfluss Kraftwerks auf die amerikanische Musikszene werde in Deutschland gern ein bisschen überschätzt. Das führte zu einem spürbar aufgeregten Protest eines Hörers und einem daraus folgenden kleinen Email-Pingpong. Meine (leicht nachbearbeitete) Antwort auf seine letzte Message stelle ich nun auch hier in den Blog, just for fun — vielleicht interessiert sie ja jemanden.
Lieber M., ich bitte Dich, bei dem zu bleiben, was ich in der Sendung gesagt habe: dass man in Deutschland den Einfluss Kraftwerks auf die amerikanische Musikszene gern ein bisschen überschätzt. Nicht mehr und nicht weniger.
Wenn Du ein paar Jahre hier in den USA lebst, dann merkst Du, dass es hier keine Rolle spielt, was in Deutschland passiert oder was Deutschland zu irgendeiner Angelegenheit meint. Wie oft lese ich in der deutschen Presse oder in deutschen FB-Kommentaren, „das Ausland“ würde sich mal wieder über diese bekloppten Deutschen kaputtlachen oder nur noch den Kopf schütteln — die Wahrheit ist aber, dass Deutschland in der New York Times mit viel Glück auf Seite 5 in einer viertel Randspalte vorkommt. Wenn Du hier irgendwen auf der Straße fragst, wer der deutsche Bundeskanzler ist, wird das der eine oder andere mal gehört haben, aber wer die deutsche Außenministerin ist, weiß hier kein Mensch. Mit Kraftwerk ist das nicht anders. Eher kennen die Leute Giorgio Moroder oder Hans Zimmer, aber die leben ja hier.
Dieser Spruch „More influential than the Beatles“, auf den Du mich hinweist, ist erstens uralt, stammt, glaube ich, aus der Los Angeles Times, und war zweitens schon immer unsinnig. Woran wird denn das gemessen? Der Spruch vergleicht in geradezu klassischer Weise Äpfel mit Birnen, ohne dass es irgendeine empirische Möglichkeit gibt, den Einfluss zu messen. Was, konkret, soll es denn gewesen sein, das Kraftwerk in die amerikanische Musikszene eingebracht hat, das es nicht zumindest im Entwicklungsstadium hier schon gab? Also lass uns das mal unter PR abheften.
Aber wenn Du mir nicht glaubst, dann lass mich auf zwei Bücher hinweisen, die Du vielleicht glaubwürdiger findest. Das erste ist von Will Hermes und heißt „Love Goes to Buildings on Fire“ (ich nehme an, Du kannst den Titel einordnen). Hermes schildert die Entwicklung der New Yorker Musikszene vom Punk bis zum HipHop, und das sehr kompetent, detailliert und liebevoll. Kraftwerk kommt darin genau zweimal vor, die Nennungen beziehen sich auf Trans Europe Express, und auch da nur auf das Titelstück, nicht auf den Rest des Albums. Der DJ Afrika Bambaataa hat das Stück für sich entdeckt, weil es sich exzellent in das einfügen ließ, was er und andere bereits machten (die Wurzeln dessen habe ich Dir früher schon genannt — u.a. den Motown- und Stax-Soul und den elektrischen Miles Davis). Dadurch wurde das Stück eine Zeitlang zu einer Art „Dance Music Template“ bei New Yorker DJs, die das Stück, besonders den „Metall auf Metall“-Teil immer wieder spielten. Grandmaster Flash zum Beispiel hat das Stück fest in seine Shows eingebaut, aber unverändert und ohne DJ-technisch irgendwas damit anzustellen. Von da aus ging es dann u.a. nach Detroit. Blondie, die Du erwähnst, haben es live auch eine Zeitlang in ihre Shows eingebaut als eine Art Teppich, auf dem sie eigene Sachen spielten.
Das war’s aber dann im wesentlichen. Es haben sich einfach Wege zu einem bestimmten Zeitpunkt überkreuzt. Kraftwerk ist danach seinen Weg weitergegangen, und die HipHop/House-Szenen sind ihren Weg ebenso weitergegangen. Die letztere war dabei vorrangig angetrieben durch die ständigen neuen Produkte der Musikelektronikindustrie. Schon Kraftwerks auf TEE folgendes Mensch-Maschine-Album war ja ein völlig anderes Ding, auch wenn die Kraftwerker so clever waren, die Platte von Leanard Jackson, dem Assistenten des alten Motown-Veteranen Norman Whitfield, abmischen zu lassen (wobei ich dessen Einfluss nicht wirklich heraushöre).
Und nochmal: Ich rede von den USA, nicht von England — da sah es anders aus mit Kraftwerks Einfluss.
Das zweite Buch hast Du ja vielleicht schon selbst entdeckt, das Kraftwerk-Buch von Carsten Brocker. Das ist eine Dissertation, sie zu lesen ist harte Arbeit. Lohnt sich aber in unserem Zusammenhang, denn Carsten ist selbst Musiker (er spielt bei Alphaville) und analysiert gründlich und bis in kleinste Details hinein, was von Kraftwerk sowohl technisch wie musikalisch und zeitlich in die House- und HipHop-Szene eingegangen ist. Er kommt nach vielen Seiten und Exkursen letztlich zu dem selben Schluss wie ich, nämlich dass das alles so gewaltig nicht war.
Jetzt kannst Du Dir noch den Spaß gönnen, den ich mir gerade gegönnt habe, nämlich mal das Web zu durchforsten, welches eigentlich die meistgesampelten Platten in House und HipHop sind. So leid es mir tut, Kraftwerk taucht erst unter ferner liefen auf.
Und nun nochmal, damit es klar ist: Das alles heißt nicht, das Kraftwerk hier in den USA nicht seine Fans hat. Ich würde auch jedem, der sie noch nicht gesehen hat, empfehlen, sie sich nicht entgehen zu lassen. Kraftwerk ist ein absolut solitäres Projekt. Aber was man wirklich von ihnen hier in Erinnerung hat, sind die Roboter in den roten Hemden und schwarzen Krawatten. Die bekommen bei ihrem Erscheinen auf der Bühne noch immer mehr Beifall als die eigentlichen Musiker.
Damit dann auch schöne Grüße an den von Dir wegen seiner Bundestagsrede erwähnten König Charles, der Kraftwerk offenkundig auch kennt. Aber klar, er ist ja Engländer.