„Medium Cool“ zum Zweiten
Es ist 2025. L.A. hat Besuch bekommen, gegen den Wunsch der Bürgermeisterin (s. Bild 1). 4000 Nationalgardisten und noch mal 700 Marines aus dem in der nahen Mojave-Wüste gelegenen Marine Corps Air Ground Combat Center in Twentynine Palms. Das sind mehr Soldaten, als die Vereinigten Staaten im Moment im Irak und in Syrien stehen haben – zusammengenommen. Dazu kommen dann auch die zwölf Black Hawks, die von einem der 34 Flughäfen des Bezirks Los Angeles operieren. (SZ am Wochenende)

It’s 1968, and the whole world is watching. With the U.S. in social upheaval, famed cinematographer Haskell Wexler decided to make a film about what the hell was going on. Medium Cool, his debut feature, plunges us into the moment. With its mix of fictional storytelling and documentary technique, this depiction of the working world and romantic life of a television cameraman (Robert Forster) is a visceral cinematic snapshot of the era, climaxing with an extended sequence shot right in the middle of the riots surrounding the Democratic National Convention in Chicago. An inventive commentary on the pleasures and dangers of wielding a camera, Medium Cool is as prescient a political film as Hollywood has ever produced. (Criterion)
„Es gibt so viel in diesem erstaunlichen Film zu verarbeiten, dass er sich perfekt für das Zeitalter des Heimkinos eignet, wenn wir ihn mehrmals hintereinander sehen und die vielfältigen Botschaften, die fachmännisch in seinen raffinierten und künstlerisch spannenden Oberflächenteppich eingewoben wurden, entschlüsseln und würdigen können, um dann zurückzugehen und das Gesehene völlig neu zu interpretieren. Jetzt ist es für mich einfacher denn je zu verstehen, warum Medium Cool mich als jungen und eifrigen Filmstudenten so beeindruckt hat. Der Film ist ein Paradebeispiel für das freigeistige und abenteuerliche gesellschaftspolitische Filmemachen der 60er Jahre, und in seiner Verschmelzung von Wahrheit und Fiktion – auf eine Art und Weise, die uns dazu veranlasst, die Art und Weise, wie wir späteres Filmmaterial betrachten, neu zu überdenken – ist er praktisch unvergleichlich. Er ist nach wie vor einer meiner absoluten Lieblingsfilme, der meiner bescheidenen Meinung nach das Prädikat „Meisterwerk“ voll und ganz verdient hat.“ (Slarek)

„Medium Cool ist ein Film, über den man Bücher schreiben könnte, wobei jede Szene ein eigenes, gewichtiges Kapitel verdient. Als ich mir den Film nach mehreren Jahren wieder ansah, war ich besorgt, dass ich ihn in meiner Erinnerung mythologisiert haben könnte, dass seine Qualitäten durch den Einfluss, den er auf mein jüngeres Ich hatte, überhöht wurden. Aber ihn noch einmal zu sehen, war fast genauso aufregend und vielleicht sogar noch aufschlussreicher als beim ersten Mal. All diese Jahre später, nach Tausenden von weiteren Filmvorführungen, erstaunt es mich am meisten, wie frisch, originell und einzigartig der Film immer noch wirkt und wie weitreichend und zielgerichtet sein soziopolitischer Subtext ist. Als junger Kameralehrling war ich so sehr auf das Aussehen des Films konzentriert, dass ich den Einfallsreichtum und den ironischen Witz des Musikeinsatzes sowie die Kreativität und Kraft des Schnitts und des Soundtracks nicht zu schätzen wusste. Aufgrund der Natürlichkeit der Darbietungen ist es stellenweise schwer zu sagen, welche der Darsteller professionelle Schauspieler sind – an einer Stelle wird der Schauspieler Sid McCoy (als Taxifahrer Frank Baker) von einem echten Polizisten ausgefragt, und beide fühlen sich wie echte Schauspieler an, eine von vielen Sequenzen, in denen sich Schauspieler und Laien auf unsichtbare Weise vermischen, was dem Film eine weitere Ebene hinzufügt, in der die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt, oder genauer gesagt, was wir als beides wahrnehmen.“ (Slarek)

Natürlich ändert sich im Laufe eines Lebens unsere ganz private Liste der „Lieblingsfilme“, ein Ausdruck, der übriges leicht verniedlichend wirken könnte und vielleicht besser durch „most mindblowing movies“ ersetzt werden sollte. Aber auch eine solche Aufzählung würde sich im Laufe der Zeit ändern. Ich habe „Medium Cool“ erst 2015 entdeckt, und anders als viele Filme aus alter Zeit, die keinen so grossen „impact“ mehr haben after all these years, hat dieser Film mich schlicht umgehauen – ergriffen, fasziniert, „reingezogen“. Beim ersten, zweiten, und nun beim dritten Sehen. Meine Masters Of Cinema-Ausgabe enthält den Film gleich zweimal, als DVD und als Blu Ray. Gerne verleihe ich die DVD – man könnte sie kreisen lassen, sie enthält auch, wie die Blu Ray, gelungene Extras. Dass er nun, anno 2025, zu meinen ganz persönlichen, sagen wir, „12 most mindblowing movies“ zählt, daran wird sich nie mehr was ändern! „,Medium Cool“ hat in meiner Welt den gleichen „magischen“ Stellenwert wie Julio Cortazars „Rayuela“ und „My Life In The Bush Of Ghosts“ von Brian Eno und David Byrne. (Michael E.)
1978 – „Party and Politics“

Why José James
is obsessed with the sound
of the music of 1978.Listen HERE!
NPR is under attack
from the neo-fascists
of the Trump government.Go to the source: NPR
The White House is
one step closer to
defunding public radio.„1978: Revenge of the Dragon ist eines der faszinierendsten Alben von José James und ein großartiger Ort, um ihn zum ersten Mal zu entdecken. Es ist nicht kategorisierbar: vier Originalsongs und vier Klassiker von 1978, wobei jeder Coversong von den Bee Gees, den Rolling Stones, Michael Jackson und Herbie Hancock jenseits aller Kategorien liegt. Die Soul- und Hip-Hop-Grooves sind tief, die gummiartigen Basslinien weigern sich, aufzuhören, und die impressionistischen Harmonien stammen direkt von einer modernen Jazz-Aufnahme. In jedem Stück spielt die Stimme des Leaders die Hauptrolle, verführerisch, suchend, quer durch die Jahrzehnte, mit Texten, die Helden von Marvin Gaye über Stevie Wonder bis hin zu Nas erwähnen.“ (Will Layman, Popmatters)
Die Tücke der Tickets, der kleine Hans, der wilde Norden, und eine Kneipe am Ende der Welt (eine Humoreske)
Long live Kevin Kline in Silverado – aber das ist eine andere Story! Es geht weiter mit den Pannen. Da meine Holde nicht nach Düsseldorf kommen kann am 21. Juni, nahm ich die beiden Cat Power-Tickets an mich, und legte sie superclever in einem Buch meiner Wahl ab, mit wunderbarer, mnemotechnisch geschulter, Eselsbrücke. Da hatte ich mich selber ausgetrickst, die Tickets finde ich nicht mehr. Zu jedem dritten Buch könnte ich eine fantasievolle Brücke zu Cat Power herstellen, allein alles Wirbeln durch die Seiten nutzte nichts. Der Kundenservice von Eventim entpuppte sich zudem als Unding. Zur Zeit bin ich der Meister im Verlegen – muss ich mir Sorgen machen, nein! Seit 2005 ungefähr habe ich eine unbändiges Interesse, Cat Power zu interviewen, und zwar as deep as deep can go, und live zu erleben. Aber leider gibt sie seit langem keine Interviews auf Tourneen. Eine gute Stunde suchte ich nun nach den Düsseldorfer Tickets – over and out.

Letztlich schaltete ich einen der besten Promoter ein, die ich kenne, und der ein verdammt kluger Typ ist. Und was bedeutet das, liebe Leser? Das bedeutet: Lukas und ich verstehen uns! Wir haben einen ähnlichen Humor, auch das. Obwohl, was meinen Humor und meinen Witz angeht, gibt es geteilte Meinungen. Neulich, bei einem noch nachzureichenden Bericht über einen kleinen „Aufstand der Analytiker“, fuhr mich der Lebensabschnittsgefährte einer im Bayerische zu verortenden Tiefseelenforscherin mit dem Alias SmallHans auf einem Blog mit folgenden Worten an: „Die seltsame Art des Michael E. etwas „witzig“ zu finden und sich damit gleichermassen wunderbar zu offenbaren, auf der “ … riesigen Spielwiese der Macho-Wettpinkler … “ derjenige zu sein, der am weitesten pinkeln kann, ist auch eine Aussage!“

Das ist etwas halbrecherisch verschwurbelt, und ich hoffe, dass Klein Hans diese hochintellektuelle Gedankenkonstruktion unfallfrei überstanden hat. Ich habe diese Schwanz- Und Pinkelmetaphorik keinesfalls ins Spiel gebracht, und vermute, Frau stand gerade am Herd, beim Porridge, als Klein Hans, erbost vor die Ranch trat und vor seiner Retourkutsche mal seinen eigenen Weitpinkelstatus erhob. Sei‘s drum! Es ging da um Stellungnahmen zum alten Western von John Wayne bis Kevin Costner. Dann kam noch der eine und andere Cowboy dazu, und sie forderten mich auf, richtig zu lesen usw. Das war tatsächlich etwas Stoff zum Kopfschütteln! 😉 Um die Gemüter abzukühlen, empfahl ich den Jungs, sich mal einen meiner Lieblingswestern anzuschauen. War es „Silverado“ oder „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“? Egal.

Ich schweife ab. Innerhalb von drei Stunden bin ich auf der Düsseldorfer Gästeliste für Cat Power gelandet. Sie gehört zu den wunderbaren SängerInnen, die die Lieder von anderen zu ihren eigenen machen können, wie Nina Simone, Johnny Cash auf seinen „American Recordings“, oder Robert Wyatt mit „Shipbuilding“. Hör dir DIESEN nicht ganz unbekannten Song an! Nach dem Flop mit den „Flammenden Lippen“ wollte ich nicht noch mal scheitern, und freue mich riesig auf „Cat Power sings Bob Dylan“. Ich bekam dann noch die Nummern meiner zwei gebuchten Sitzplätze heraus. Bedeutet: wenn ich keinen Topplatz erhalte als Gast des Hauses, husche ich zum Parkett rechts, und kann auf dem Nachbarsitz noch all meine Sachen ablegen, zum Beispiel ein Tonband alter Schule, um, wie in „Diva“, alles mitzuschneiden. I‘m only joking, dear! Und jetzt noch eine kurze Notiz von der Reiseberaterin meines Vertrauens: „Lieber Michael! Du hast mir gesagt, wie gerne du zeitnah zehn Tage in den wilden Norden von Mallorca reisen möchtest (nach deiner Lektüre der letzten SZ am Wochenende) – nun, ich habe dir, noch vor der Saison der Grossen Ferien, ein paar Orte rausgesucht. Melde dich bis morgen Mittag, solange reserviere ich dir alle Optionen.“

Und darum geht es nun, liebe Leser! Mallorca Ende Juni – und nach meinen Erfahrungen mit patriarchalisch organisierten Maulhelden aus dem Bayernland, hoffe ich, dass ich nicht von unduldsamen mallorcinis mit der Mistgabel gejagt werde, die seit Jahr und Tag Touristen auf’s Korn nehmen, und ihren Unmut mitunter drastisch zum Ausdruck bringen! Parallel zu diesem noch rein im Konjunktiv befindlichen Inselabenteuer ist das wunderbare Album „Luminal“ von Beatie Wolfe und Brian Eno auf dem Weg nach El Hierro, um dort, mit Lajlas Support, an einem warmen Sommerabend, in einer kleinen Bar, die „kleine Nachtmusik“ zu geben – wunderbar! Kann ich mir einen traumhafteren Ort für „Luminal“ vorstellen? Nein, da kommen nicht mal die „cuevas de los verdes“ auf Lanzarote mit. Vielleicht, lang nach Mitternacht, wird dort, auf der kleinsten aller Kanareninseln, die alte Jukebox angeworfen (sie haben dort, habe ich gehört, eine Wurlitzer 1015, auch „Bubbler“ genannt): HERE we go! An wievielen Orten kann ein Mensch eigenlich gleichzeitig sein?!
Instead of a long story
How I love „Cabinessence“! Or Surf’s Up, Cool Cool Water, Trader, All This Is That, The Lonely Sea, Let The Wind Blow, ’Til I Die, any number of songs… I have periodic Beach Boys obsessions, the current one has been continuing since last summer. A band I have almost infinite patience for, I even enjoy the songs I don’t like (I realise that makes no sense!) It started for me with the Smile sessions, bootleg tapes acquired in the 1980’s. Cabinessence is representative of a large body of work, the structures, edited sections, constructions. Brian Wilson’s description of ‘feels’, song ideas, unfinished sections of songs, works in progress. It’s this idea of ‘feels’ that I personally identify with. (I also love Surfin’ USA, Little Deuce Coupe etc too)
- words by Craven Standers from on Interview for Klanghorizonte and Manafonistas in 2023
Video of the day
a song with a well-known voice, a classic TH vibe, a really good video, upbeat, retro for sure, and elevating in not so great times: HERE we go, here we sing, here we dance!
Die Verweigerung des amerikanischen Traums (Teil 3)
Five Easy Pieces (1970, Regie: Bob Rafelson) Der Filmtitel ist raffiniert, weil er sehr offen wirkt und weil es sein kann, dass man sich am Ende des Films an keine Stelle erinnern kann, in der von „five easy pieces“ die Rede ist; man könnte sich aber an eine Schlüsselszene erinnern, in der diese Worte sinngemäß fielen oder gefallen sein könnten. Es gibt mehrere Filmcover, von denen ich zwei hier untereinander einfüge, auch wenn das nicht so super aussieht. Wenn man die Bilder zusammensetzt, ergeben sie eine ziemlich genaue, aber doch vage Ahnung vom Inhalt des Films. (Natürlich gibt es hier keine Inhaltsangabe.)


Am Notenblatt ist zu erkennen, dass sich die fünf leichten Stücke auf Musiknoten fürs Klavier beziehen, wobei die Stücke durchaus anspruchsvoll sind. Jack Nicholson vor einem Ölbohrturm und sitzend an einem Klavier, das auf einem Transporter steht. Auf dem dritten Cover (ohne Abbildung) steht: „He rode the fast lane on the road to nowhere.“ In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Plot und vor allem die Figur, die Jack Nicholson mit der gewohnt beeindruckenden schauspielerischen Leistung verkörpert.
In der deutschen Fassung wurde der Filmtitel wieder einmal ruiniert. Hier heißt es platt: „Ein Mann sucht sich selbst.“ Es ist vor allem der Charakter der Hauptfigur, die die Handlung bestimmt. An zwei Stellen wird über seine Persönlichkeit reflektiert. Einmal erklärt er sich so: „My life, I mean, most of it, doesn’t add up to much that I could relate as a way of life that you’d approve of. I move around a lot. Not because I’m looking for anything, really, but because I’m getting away from things that get bad if I stay.“ Sein Gegenüber versteht jedoch nichts von diesem Bekenntnis; es ist sein Vater, von zwei schweren Schlaganfällen gezeichnet. Die zweite Charakterisierung erfährt Dupea von einer Frau, die ihn zwar gerade erst kennengelernt hat, ihn aber nach einigen intensiven Begegnungen zu erkennen meint.
Five Easy Pieces hat auch einen Roadmovieanteil und wie in Two-Lane Blacktop werden Tramper mitgenommen; hier sind es zwei Frauen, die nach Alaska auswandern wollen, weil sie der Meinung sind, sie könnten dort dem Schmutz und dem Konsumterror der USA entkommen. An dieser Stelle des Films hätte man ein paar Minuten kürzen können; das ist überdehnt.
Das Verhalten der Hauptfigur, seine Persönlichkeitsstruktur, das hat etwas Zeitloses, was der Film wunderbar in zeitgemäße Bilder übersetzt. Die Schlussszene an einer Tankstelle im Bundesstaat Washington beendet den Film konsequent, würdevoll und erschütternd. Die nicht gezeigte Fortsetzung, die man erahnt, hallt nach.
Die Verweigerung des amerikanischen Traums (Teil 2)
„More than any other American film of that time, Medium Cool learned from John-Luc Godard how to blur the line between fact and fiction and how to interrogate the film-making process in the course of making a movie, though Wexler, in his commentary, cites Peter Watkins’s Punishment Park as a potent influence.“ (P. French, The Guardian)

„Medium Cool“, dachte ich anfangs, vor Jahren, nie gehört, mal sehen, und dann: reines Staunen! Die grosse Leinwand bietet auch beim zweiten Sehen einen Film, bei dem es mir nicht leicht fällt, eine sachdienliche Distanz zu wahren.Medium Cool“ ist für mich einer der ganz grossen Filme jener Ära des sog. „New Hollywood“. Und überhaupt. Mich packt er ein ums andere Mal, und ich bedaure, ihn nicht schon damals, 1969, als Teenager gesehen, besser, erlebt zu haben.
So was von fesselnd, zum Nachdenken anregend sowieso, und vor allem eine einzigartige Aufzeichnung eines wichtigen Ortes und einer wichtigen Zeit!
Es ist 1968, ein Kongress der Demokraten. USA. Eine harte politische Zeit im Land. Für einige, die diesen Film nicht kennen, könnte er eine Art Offenbarung sein, wie die Jahre der Gegenkultur in Szene gesetzt wird.
Zunächst einmal ist es eine ziemlich gute, wenn auch etwas unzusammenhängende Geschichte: zwei „weltgewandte“ Nachrichtenreporter aus der Mittelschicht werden geschickt, um den Parteitag der Demokraten in Chicago zu filmen und werden unwissentlich in die politischen Demonstrationen, und die innerstädtischen Probleme, die sie ausgelöst haben, verwickelt, obendrein noch in das Leben einer alleinerziehenden Mutter und ihres kleinen Sohnes in dieser rauen, verwirrenden und stark unterprivilegierten Welt!

Die schauspielerischen Leistungen sind hervorragend und manchmal so wirkungsvoll, dass es schwerfällt, sich bewusst zu machen, dass es sich um keine Sozialdokumentation handelt. Darüber hinaus wird der Film, mit seinen atemberaubenden Bildsequenzen, von einem perfekt abgestimmten Soundtrack aus den späten 60er Jahren untermalt. Die Psychedelik ist ein Teil davon und enthüllt einen weiteren Subtext dieser Ära.
So weit so gut, aber das ist nur der Anfang. Hinzu kommen die umfangreichen Live-Aufnahmen von den Straßen Chicagos, während sich die Unruhen entwickeln, die von dem Kamerateam des Films gemacht wurden, als sie selbst in ein sehr „echtes“ politisches Drama verwickelt waren.
Was für eine bedrohliche Abfolge der Ereignisse, von einem lustigen „Tag im Park“ für die Hippies bis hin zu ernsthafter „Polizeistaats“-Gewalt! Dann sind da, ich komme schon beim Nacherzählen aussser Atem, die ebenso beunruhigenden Bilder dessen, was in der Kongresshalle vor sich ging, alles parallel – und dann noch die klugen und beunruhigenden Szenen der verzweifelten Suche der Mutter nach ihrem verlorenen Sohn, während Wexler sie inmitten der zunehmend anarchischen Menge von Demonstranten und Truppen filmt, die sich zu dieser Zeit tatsächlich auf den Straßen befanden, und schon hat man, wie kann ich es sagen, etwas ganz Besonderes. Ein wahrlich atemraubender, tief berührender und erschütternder Film!
Nachklapp 1: Der Idiotenpräsident befiehtl im Juni 2025 die Nationalgarde nach Los Angeles. Eine brutale, menschenverachtende Ausweisungspolitik wird durchgezogen. Ich sehe Nachrichten. Einzelne Szenen erinern mich an „Medium Cool“. Wieviel hässlicher kann es noch werden!?
Nachklapp 2: Update, 9.30 Uhr: Der australische Premierminister Anthony Albanese hat mit der US-Regierung über die bei den Protesten in Los Angeles von der Polizei verletzte Journalistin Lauren Tomasi gesprochen. Das berichtete die New York Times. Auf einer Videoaufnahme ist zu sehen, wie ein Polizist auf die Journalisten zielt und Tomasi mit einem Gummigeschoss am Bein trifft. Albanese habe den Vorfall auf einer Pressekonferenz als „schrecklich“ bezeichnet. Er habe hinzugefügt: „Wir finden das nicht akzeptabel.“
Die Flaming Lips in Hamburg
Samstag Abend: Eine Band auf dem Höhepunkt ihres Tiefs. Der Gesang war fast durchweg Playback (nur bei „Race for the Prize“ nicht, dem letzten Stück). Und die „Band“ waren offenbar von Wayne Coyne zusammengecastete Statisten (Michael Ivins und Steven Drozd fehlten), die (auch wieder mithilfe von Playbacks) performte, als würde sie alles spielen. Taten sie aber nicht. Das war eine unspontane und sehr uninspirierte Vorstellung, man hatte immer das Gefühl, man steht vor eine Glasscheibe und hört einer Konserve zu. Echt krass. Da lebte nichts. Wayne nahm zudem mit seinen endlosen Ansagen der Sache die letzte Magie. Dass der optische Mummenschanz normalerweise geil ist, steht außer Frage, aber ein Live-Konzert war das sicher nicht.

Soweit der Bericht eines gewissen Gereon Klug. Ich war mit Ischisas lahmgelegt, aber offensichtlich muss ich es nicht weiter bedauern, da nicht dabei gewesen zu sein. Meine bisherigen drei Lips-Konzerte, 2003, 2005, und 2016 waren „real“! Wer in die Welt von Yoshimi eintauchen möchte, dem empfehle ich die Platte, die Cd, die Surroundausgabe mit fantastischem 5:1-Mix, und die „Yoshimi-Schatzkiste“! (s. Foto) (m.e.)
Annie and the Caldwells (Finale)
Vorspiele mit Tanzboden und Weihrauch„Wow, man, this 10-minute, tension-building gospel declaration in “Can’t Lose My Soul.” The way it’s drawn out is powerful, capturing resilience in faith and morals gorgeously. Apparently, I can listen to the refrain “can’t lose my (soul)” for 10 minutes straight and not grow tired of it.“

Als Kind war ich kurze Zeit Messdiener, hatte brav die lateinischen Texte für die Prüfung gelernt, und schwitzte ganz schön, als ich mit ungelenken Bewegungen den alten Priester Dechant mit dem Weihrauchspender auf dem Kreuzgang begleitete. Der alte Katechismus hatte Schreckensbilder verbreitet, und ich ahnte oder hoffte doch, das sei ja wohl alles ein bisschen übertrieben.
Sweet Sixteen, und andere Wallungen
Zu der Zeit, als ich zwar noch der Parapsychologie und fernöstlichen Meditationslehren vertraute (aus Büchern eines Freiburger Esoterik-Verlages, in den mittleren Teenagerjahren), aber der Kirche immer weniger, betraten die Beatles und die schönsten Girls von Dortmund meine Träume, und alles änderte sich. Ich ging nie mehr in die Kirche und wurde mit ca. 17 zum Agnostiker und Gelegenheitsmystiker (nie von Baghwan und Co. eingefangen, worauf ich stolz bin, dafür liess ich mich einmal, peinlich, vom Wanderprediger Bill Graham in der Westfalenhalle segnen. Damals kam HAIR gross raus, JESUS CHRIST SUPERSTAR, aber das fand ich doch reichlich kitschig und verschwärmt, etwa so over the top wie alttestamentarische Drohszenarien im Kindheitskatechismus.
In der Hölle brennt kein Feuer, ich war raus aus dem Club, und deshalb nie wirklich offen für die Ergriffenheitsgesänge des Gospel, was hier und da auch auf mein Erleben von Soul abfärbte.
STRANGE THINGS HAPPEN EVERY DAY
Jahrzehnte später erzählte mir Brian Eno, ein erklärter Atheist, wie sehr er Gospel liebe. Das sprach sich sowieso rum, und kurz bevor ein gewisser Paul Simon nach London fuhr, um von Brian ein Album produzieren zu lassen, mit dem ich nie richtig warm geworden bnin, schickte Paul Brian eine neu erschienen riesige Gospel-Box. Das verändert meine Gospel-Abstinenz kein bisschen, mit einer Ausnahme.
In dem tollen Film der Coen-Brüder, O Brother Where Art Thou, da hatte von Blues bis Gospel diese Musik für mich einen atemraubend gefilmten Rahmen gefunden! Da hörte ich hingebungsvoll und lustvoll zu. Normalerweise meide ich auch jedes Opernhaus der Welt – aber als ich einst die Stimme der Callas hörte in dem berühmten französischen Neo Noir Thriller mit einem „Touch of Zen“ , namens DIVA, konnte ich sogar eine Arie wertschätzen. Der Kontext, der Kontext! Das andere Mal, das mir eine Opernarie sehr, sehr gefiel, war in einem Film von Werner Schroeter, auf einer unendlich langsamen Kamerafahrt entlang einer Münchner Aller der Bordsteinschwalben – pure Magie!

Und nun also die erste Gospelplatte meines Lebens, die es annähernd schafft, „on high rotation“ zu sein! Als ich sie das erste Mal hörte, wusste ich noch nichts von der Verbindung zu David Byrne. Tatsächlich erinnerten mich da die Wechselgesänge der Band von Annie an bestimmte „cross singings“ von „Remain In Light“. Und dann eben, dass die Caldwells den dancefloor zuliessen! Und dass ich in dem Sound der Band aufging, bei voller Lautstärke – und sebst die „vocals“ auf einmal „sculpted sound“ waren! Ich schliesse mich den finalen Worten von Alex Petridis an:
„… their message is ultimately one of hope. You don’t need to share the Caldwells’ faith to find something powerful and inspiring in that, particularly given the current climate, which can easily incline you towards hopelessness; something steeped in tradition seems apropos right now. You should listen to Can’t Lose My (Soul) purely on musical terms. Moreover, it’s an album you might need.“

Nachklapp 1: „The world has changed, of course, and not everyone will seek reassurance in the Caldwells’ beliefs. But the message of suffering and survival on the road to salvation may just get you through any darkness looming on the horizon… or simply get you dancing. Strange things still happen every day; just ask Sister Rosetta.“ (David Hutcheon, Mojo)
Nachklapp 2 aus meinem Interview mit Brian Eno aus dem Jahre 2005: „Dieses Bekenntnis ist ein wenig peinlich, aber: bei einigen dieser Songs von „Another Day On Earth“ kamen mir Tränen, als ich sie sang – da gab es Bewegungen in der Stimme, die – jedenfalls für mich – übermächtig waren. Das geht auf die Erfahrung zurück, als ich zum ersten Mal eine Gospelkirche besucht habe. Das war 1978, in den USA. Eine kleine Kirche. Und es war ein Kindergottesdienst. Ungefähr vierzig Kinder waren da, und sechs oder acht Mütter passten auf sie auf; dann dieser Priester, ein sehr großer dicker Mensch, und zwei Kids an den Instrumenten: ein neunjähriger Schlagzeuger und ein zwölfjähriger Organist. Und sie begannen diesen Gospel zu singen. Und es gab einen Moment in der Melodie, die sich in einem fort um sich selbst drehte, einen Moment, der so emotional bewegend war, daß ich ihn nicht singen konnte – es war für mich zu überwältigend! Diese Erfahrung ist bei mir geblieben; und ich dachte, wenn Musik nicht so machtvoll ist, dann möchte ich sie nicht spielen – wenn Musik nicht fähig ist, einen solchen emotionalen Effekt auf mich auszuüben – und mir ist es egal, wie clever sie ist, wie hip oder modern – wenn sie mich nicht dermaßen bewegt, dann will sie nicht machen!“
Nachklapp 3: a very handsome chap is telling about travels to Bratislavs with Hejira in his 20‘s, and about the album Brian did with Paul Simon: just click HERE! Ich hatte SURPRISE ewig nicht gehört, und jetzt höre ich hier HOW CAN YOU LIVE IN THE NORTHEAST, und auch WARTIME PRAYERS, und die Songs berühren mich. Ich sollte SURPRISE eine neue Chance geben. Ich mag es, wenn die eigene Wahrnehmung „kippt“!
