Liebe Villa Sonnenschein!
Ich weiss noch, wie wir vor Monaten zusammensassen bei eurer Hauspizza Neapolitana, und du eine Jugenderinnerung ausgrubst, Tobi, an diesen einen hypermelodischen Song von Velvet Underground, als Assoziation zu „Suddenly“ von Beatie Wolfe und Brian Eno – und tags später erzählte Beatie mit was von genau diesem Lied über einen magischen Sonntagmorgen.
Musik hat nie eine Hauptrolle in eurem Leben gespielt – dabei traf ich genau ins Schwarze, als dir, Ulrike ganz warm uns Herz wurde als ich dir, auch schon wieder länger her, eine Ballade aus John Coltranes „Ballads“ vorspielte.
Hier also eine Art Gebrauchsanweisung meiner gestrigen „Klanghorizonte“. Ich bin zuversichtlich: wenn ihr sie gelesen habt, werdet ihr beim Wiederhören die Musik nicht mehr in melodisch / eingängig und wild / schwierig einorden.
Es begann alles damit, als ich in „Electronic Sounds“ eine kleine Besprechung von Ludwig Bergers „Crying Glacier“ las, und Jan Bang mir Wochen später die erste aus dem Presswerk angekommen Schallplatte seiner neuen Arbeit, „After The Wildfire“, schickte. Es war völlig klar, dass diese beiden Alben den ersten Teil der „Klanghorizonte“ bilden würden.
Ein Unheil nach dem anderen. Die Feuerbrünste in Mazedonien, in Griechenland: als Brian und Roger Eno in der Akropolis spielten, war die Hitze bis zur Bühne hin erlebbar. Jan und Arve befassten sich mit dem Danach, der Trauerarbeit, aber auch mit unbändigem Widerstandsgeist. Die alten Gesänge bleiben unverwüstbar, niemand verlernt das Tanzen auf Dauer. Manchmal, in dem Stück das ich spielte, kracht es kurz, das ist die „Schattengitarre“ von Eivind Aarset.
Mit einem Augenzwinkern könnte man übrigens die „Feldaufnahmen“ aus den Schweizer Alpen für den Soundtrack eines Abenteuerfilms halten: „Indiana Jones im Vadret De Morteratsch“. Aber rasch wird aus humoriger Abwehr ein ungewohnter Ernst. Beim zweiten Hören fremdelt man nicht mehr mit dieser Musik der Natur. Staunen und Erschauern setzen ein.

Und so bekam die Erzählung der Stunde, mit allen ihren „field recordings“, eine klare Form: von dem „weinenden Gletscher hin zu einer anderen grünen Welt“. Es ist das gute alte „Prinzip Hoffnung“ meines deutschen Lieblingsphilosophen des 20. Jahrhunderts Ernst Bloch, das hier im Handlungsgefüge der Klanghorizonte zum Tragen kommt:„Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Hoffen, über dem Fürchten gelegen, ist weder passiv wie dieses, noch gar in ein Nichts gesperrt.“
Lässt man diese Sätze etwas länger auf sich wirken, gewinnen sie an Klarheit. Brian Enos „Another Green World“ bietet solche utopischen Räume, die wir sterblichen Wesen in Angriff nehmen können, die Übergänge zwischen Traum und Wirklichkeit sind fliessender als wir gemeinhin denken.
Und so beginnt der dritte und letzte Teil der Stunde, zwar sehr unheimlich, in einem Niemandsland aus Yorkshire, aber es sind auch solche Randzonen, in denen sich unsere Welt abbildet. Natur und Zivilisation treffen aufeinander, elektronische Sounds grundieren das Gewebe aus Vogelstimmen, Zuggeräuschen und anderen Seltsamkeiten. Im Nachhinein hätte ich vielleicht ein sanfteres Stück aus der Philip Jeck Anthologie nehmen sollen.
Fliessender Übergang in andere Randzone: die Finka von Alfreda Benge und Robert Wyatt, ihr Sommerunterschlupf in den 1980er Jahren: das Album „Dondestan“ ruft diese „thin places“ wach, auch hier öffnen sich Zonen zwischen Traum und Wirklichkeit: ein imaginäres Kinderbuch beschwört ein eigenständiges Palästina, eine Mülltüte fliegt in sanfter Konkurrenz zu einem Zeitungspapier von gestern über den Strand.
Es sind solche Zwischenzonen und Randgebiete, die Jürgen Becker schon früh in seiner Lyrik aufgriff, Orte der Erosion, lange, bevor Die Grünen ihr erstes Grundsatzpapier verfassten.
Hier ein Screenshot der Playlist der Stunde. Im kommenden Jahr plane ich, themenzentriert, Art von Radio, öffentlich aufzuführen. Wie einst bei den „lectures“ in Kristiansand.

Es folgt ein Song aus dem dritten Album „Liminal“ von Brian Eno und Beatie Wolfe: gehüllt in pure Traumsphäre, legt der Zeitlupengesang eine ganz andere Ebens frei: unsere Fragilität, die Träume, die zerbrechen. Immer wieder auch ein Memento mori. Dass wir Kinder ohne Sterne seien, verkündet Beatie, und leise gesellt sich Brian Stimme am Ende dazu. Wie war das noch mit den Woodstock-Träumen von Joni Mitchell!?
Sich in die Dunkelheit fallen lassen, ist auch eine Kunst. Music, the doctor, music, the healer! Heilen in kleinen Dosen, keiner wird übertreiben.
Und so bleibt das Zentrum dieser Stunde, die beiden neuen Werke von The Necks und Steve Tibbetts, Stammgäste meiner Ausgaben der Klanghorizonte, in einer Stunde voller Stammgäste! Es gehört zu den schönen Zufällen, dass Enos Another Green World in diesem Herbst 50 Jahre alt wird, und somit, neben den Themen dieser Stunde, allemal ein naheliegendes Finale darstellt.

Wer Steve Tibbetts‘ Werke nicht kennt, wird vielleicht ein zweites, drittes Hören brauchen, bis der berühmte Groschen fällt. Es gibt solche „Kippeffekte“, bei denen etwas, das zuerst seltsam, verstörend, unheimlich wirkt, auf einmal fasziniert und fesselt. Wie bei Bergers Gletschermusik. Das könnte auch für das „warm strömende Sonnenlicht“ der Necks gelten: eine gute Einführung für diese Komposition wäre ein Besuch im Pariser Museum der Impressionisten, und da speziell der Raum mit den riesigen Seerosenbildern von Claude Monet!
Die Stories, die Steve erzählt (und er zählt zu meinen liebsten Interviewpartnern), sind auf eigene Weise spannend, nehmen sie ums doch mit in den kreativen Prozess des Musikmachens – und Musikhörens!
In diesem Sinne hoffe ich auf das eine und andere Aha-Erlebnis bei euren „zweiten Hören“, und auf ein baldiges Wiedersehen in der Villa Sonnenschein oder meiner „elektrischen Höhle“.
In den 80 Welten um den Tag, in welchen wir regelmässig landen, bin ich gerade in jener unterwegs, die mich mit dem Toyota nach Mainz führt, zum Auswärtsspiel des BVB, und zu zwei alten Freunden. Im Gepäck ein alter Lyrikband von Jürgen Becker, „Triple Override“ von Jeff Tweedy, und eine Karte für die Pressetribüne. Thank you, Uli!
P.S. Die kleine Kiwi hatte was!
Gute Reise!
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with The Necks, Steve Tibbetts, Brian Eno, Robert Wyatt a.o.:
Part One – Of Ice and Fire
A form of language
The more he‘s alive, the more he‘s dying
(from Ludwig Berger‘s Crying Glacier) *
Meridian moon
(from Jan Bang / Arve Henriksen: After The Wildfire)* the vinyl runs with 45 rpm

Part Two – Twilight Language
Away 3 (from Steve Tibbetts‘ Close)
We begin 3 (from Steve Tibbetts‘ Close)*
Warm running sunlight (from The Necks‘ Disquiet)
Away 1 (from Steve Tibbetts‘ Close)* „a small concert hall inside…“ – my 2018 interview with Steve Tibbetts

Part Three – Shades Of Blue, Shades of Green
Saltmarshe (from the Philip Jeck anthology „rpm“)
Sparrowfall 2 * (from Brian Eno‘s Music For Films, 1978)
The sight of the wind (from Robert Wyatt‘s Dondestan, 1991)
Shallow form (from Eno / Wolfe: Liminal)
Becalmed (from Brian Eno‘s Another Green World, 1975)* click on „Sparrowfall 2“ to listen to Brian Eno‘s memories on „Music For Films“

Auf‘s erste Hinschauen dachte ich an Fotografien von Gregory Crewdson – auch hier scheint vieles bis ins kleinste Detail arrangiert zu sein. Ist der Sternenhimmel überhaupt echt. Ist er! Der Clou ist, dass es sich um einen klassischen Schnappschuss handelt. Ich habe Steve Tibbetts natürlich auch gefragt nach diesem Bild, und ihm geschrieben, ein hinreissenderes Cover sei mir für diese Musik und ihre „twilight language“ kaum vorstellbar. „Fairytale“, „darkness“, „somewhere“, „anywhere“, „noir“, so flogen meine Assoziationen umher, auch, weil ich, neben den Klängen, schon die „tracklist“ kannte, die, nach dem Hören der Musik, für eine Extraportion Gänsehaut sorgten!
In regards to sequencing: 54 minutes and 38 seconds. To stick faithfully to the most rewarding sequence of tracks, i had to leave out pieces from these fantastic albums, old or new: Jeff Tweedy: Twilight Override / Lucrecia Dalt: A Danger to Ourselves / Meredith Monk: On Behalf Of Nature / David Darling: Cello.In regards to Eno / Wolfe (70 seconds of sound / soul / place searching)

In regards to Jeff Tweedy: „It was novelist and critic John Berger who first posited that “calm is a form of resistance”. Who knows if Jeff Tweedy was channelling that sentiment while creating the gentle behemoth that is Twilight Override, but he has certainly responded to the maelstrom of paranoia and inhumanity unleashed by the second Trump term – what the Wilco frontman has dubbed “a bottomless basket of rock bottom” – with disarming composure, and a big batch of tunes for his fifth solo outing.“ (Fiona Shepherd, Uncut)

In regards to Steve Tibbetts:
one) „Steve speaks (1)“ („music philosphy“)
two) „Steve speaks (2)“ („twilight language“)
„At times I miss working in a record store. I miss the camaraderie of sullen, sneering record clerks. I miss hearing all the new releases, right out of the box. Closing up the store and going out to see Prince or Motörhead. Tom Smith was part of our crew working at the Wax Museum record store in Minneapolis. My daughter and I go visit Tom at the Electric Fetus record store at the end of every year. Tom has 10 albums ready that he thinks I will like. Laura Marling’s Once I Was an Eagle was in the stack some years ago. It stayed in my CD player for a long time. One long song. The same key. Repeating motifs and melodies. A trance. I could do that.“ (S.T.)

In regards to Philip Jeck: „Time, and the placement of time, is odd: as I type up this obituary, in a generic chain hotel bedroom, I do so to the sound of the first track from his 2015 album Cardinal album. Titled ‘Fleeing’, it fills the poorly-lit room with colour, anguish, hope and tension. The three minutes and seven seconds of the length feel like they could be both (i) forever and (ii) a mere gust of breeze at the window. On record or in performance, Jeck could juxtapose various emotions and – dare I say it – feelings. I distinctly remember him playing on one occasion and turning to a section which made me think, without warning: “Life can be pretty fucking dark sometimes, huh?” Yet I also recall how I also smiled at how beautiful this passing darkness was.“ (Dale Cornish, taken from his Philip Jeck orbituary, TheQuietus, 2024)

„Die Zeit und die Einordnung der Zeit sind seltsam: Während ich diesen Nachruf in einem Zimmer einer gewöhnlichen Hotelkette tippe, höre ich den ersten Titel von Philip Jecks Album Cardinal aus dem Jahr 2015. Der Titel „Fleeing“ erfüllt den schlecht beleuchteten Raum mit Farbe, Angst, Hoffnung und Spannung. Die drei Minuten und sieben Sekunden des Songs fühlen sich an, als könnten sie sowohl (i) ewig dauern als auch (ii) nur ein kurzer Windstoß am Fenster sein. Auf Platte oder bei Live-Auftritten konnte Jeck verschiedene Emotionen und – ich wage es zu sagen – Gefühle nebeneinanderstellen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er einmal spielte und zu einem Abschnitt kam, der mich ohne Vorwarnung denken ließ: „Das Leben kann manchmal verdammt düster sein, oder?“ Aber ich erinnere mich auch daran, wie ich darüber lächelte, wie schön diese vorübergehende Dunkelheit war. (Dale Cornish, übersetzt)

In regards to a certain passage of this hour: „Rejoyce“
Every album from this hour is a treasure trove. In my ears, and for heaven’s sake not in my ears only. Some have made history, some will make history, or do the „buried treasure game“. Much more important are the „stories“ that these albums “tell” us when we listen to them, mostly without words. Words: why words. East of words. The unspeakable comes into play. The storytellers, too. There’s a lot to rummage around here. There’s no replacement for listening. (m.e.)
P.S. In regards to more blue hours:

from left to right: Agharta / Love, Love / Big Map Idea / Ecstasy / Tauhid
Noch mehr Tibbetts
Ich habe die Musik von Steve Tibbetts erst in diesem Jahrzehnt wirklich für mich entdeckt und besitze inzwischen seine fünf auf ECM erschienenen LPs – Platten, die hier immer wieder gerne aufgelegt werden. In letzter Zeit sogar häufiger; sicher auch deshalb, weil Michaels Texte Lust darauf machen. Vor zwei Monaten habe ich außerdem – angestoßen durch eine Begegnung mit der Musik von John Fahey – gefühlt alle Gitarrenalben aus meiner Sammlung hervorgeholt, um mich wieder einmal von diesen Klangkörpern umschließen zu lassen.
Zwar ist über Steve Tibbetts hier in jüngster Zeit schon einiges geschrieben worden; doch gute Musik kann man nicht oft genug preisen. Deshalb nun auch von mir, in loser Folge, ein paar Worte zu seinen fünf auf Vinyl erhältlichen Platten.
Yr ist die älteste Aufnahme und wurde von ECM 1988 wiederveröffentlicht (ursprünglich wurde Yr 1980 veröffentlicht). Alles ist extrem sorgfältig aufgenommen, jeder Ton fein ziseliert. Die Möglichkeiten des Studios werden mit spürbarer Lust ausgereizt: Stereoeffekte, die Dynamik zwischen laut und leise – und vor allem: Klang, jede Menge Klang. Mit dem berühmten ECM-Motto „the most beautiful sound next to silence“ hat das wenig zu tun. Warum nur eine Gitarre aufnehmen, wenn man mehrere Spuren nutzen kann? Dazu kommen Percussion, Synthesizer – doch nie wirkt es überladen. Alles ist wohlabgewogen, wahrscheinlich in mühevoller, zeitintensiver Kleinarbeit erarbeitet. Und die Musik selbst? Vielleicht noch psychedelischer und zugleich zugänglicher als auf den späteren Tibbetts-Alben – trippy, ein smoker’s delight.
Auf Yr gibt es viel zu hören: Klänge und Töne von links und rechts, große Dynamik. Auf dem Nachfolger – zugleich Tibbetts’ ECM-Debüt – Northern Song (1982) wirkt die Musik dagegen über weite Strecken so, als ob Klang und Stille einander gegenseitig konturierten. Sie ist der Stille abgerungen – und umgekehrt. Die Besetzung ist sparsamer: Gitarre, meist akustisch, dazu Percussion. Das Ergebnis ist fast mehr Ambient als Jazz – eine konzentrierte Klangwelt, ein Substrat, eine Essenz. Mehr als Musik.
Block 83
und, als Zugabe: Zeiglers wunderbare Welt des Fussballs – sowie „Schwarzfahrer“

Eines meiner herrlichsten Fussballfeste war mein erstes, in Essen bei der Oma vorm Fernseher zu sitzen, wenige Monate vor der Einführung der Bundesliga, und auf der Couch den 3:1 – Sieg des BVB gegen den favorisierten 1. FC Köln zu erleben, mit dem Fernschuss von Hoppy Kurrat als „Dosenöffner“ – „ein Strich von einem Schuss“. Da ich selbst meist Torwart war in der Brüder Grimm-Volksschule in Hombruch, wurde Hans Tilkowski zu meinem grossen Hero zwischen den Pfosten – „Blutsbruder“ Matthias und ich erlebten das unglückselige „Wembley-Tor“ anno 1966 in vorderster Reihe in unserem Wirtschaftswunderwohnzimmer in Kirchhörde.
Die Reihe meiner Lieblingsspieler ist lang, begann mit Tilkowski und Konietzka, führte über Reinhold Wosab über den kürzlich verstorbenen Frank Mill bis hin zu Neven Subotic und, in diesen Tagen, Nico Schlotterbeck. Nach einem halben Jahr Verletzungspause kehrte Schlotti endlich aufs Feld zurück. An meiner Seite in Block 83 mein einstiger Hausarzt Jürgen H, gerade heimgekehrt von einem fünfwöchigen Trip durchs Baltikum, mit Fähre, Fahrrad und Bus. Wir kamen von Hölzchen auf Stöckchen, vor dem Spiel bei Strobels, liessen den unsäglichen Deal mit Rheinmetall einfliessen (Watzke und der Kanzler, das passt leider!), auch die erneut dummen Entgleisungen von Felix Mnecha (zu Charlie Kirk und Frauen, die an den Herd gehören).
Ich war erstaunt, dass Jürgen nie Ronald Rengs Sachbuchschmöker „Spieltage“ gelesen hat, eines der schönsten Fussballbücher, welches 2013 fünfzig Jahre Bundesliga Revue passieren lässt, teilweise aus dem Blickwinkel des Spielers und Trainerfuchses Heinz Höher. Frank Mills Tod ging mir nahe („my generation!!!“), und allzu gerne wäre ich wieder auf einer Zeitreise im Sommer 1989 angekommen, als Frankie eine Sternstunde zelebrierte beim 4:1 gegen Rehhagels Stadtmusikanten!
P.S. „Alles hat ein Ende, nur eine Wurst hat zwei“. Leider moderiert Sascha Staat nicht mehr den RN-Vodcast / Podcast der Ruhrnachrichten. Ich war da eingestiegen – als Zuschauer – ein halbes Jahr vor dem traurigen 2:2 gegen Mainz. Wie kann man einen so gewitzten und klugen Moderator nur vom Feld schicken?! Die Antwort, bei allem Respekt für Hansi Küpper und die talking heads bei Sascha: Mainstream und neue Zielgruppen! Wahrscheinlich ist für RN-Redakteur Kevin Pinnow „Sky 90 – Die Fussballdebatte“ das neue Rollenmodell. Ein Original, und ein Lieblingspodcast weniger!
Red Flag in Sylt

Ich erinnere mich an einen kleinen Reiseessay in der „Zeit“, in dem ein bekannter Feuilletonist, auf dessen Namen ich gerade nicht komme, zwischen den Jahren ein paar Wochen auf Amrum verweilte. Ist schon ziemlich lange her. Und er überschrieb seinen Text „Stille bis zum Horizont“. Auf Sylt habe ich selbst mal eine ganz besondere „Stille bis zum Horizont“ erlebt, in Coronazeiten. Frühmorgens, in den Dämmerungen, ist das selbst in der Hochsaison möglich, auf Sylt, auf Amrum sowieso.
Und welche Musik ist ideal für solche stillen Räume? Das ist eine persönliche Sache. Mir fallen Bands ein wie Múm oder Sigur Rós. Die Island-Fraktion der ätherischen Epiker, zwischen Transzendenz und Zerbrechlichkeit, zwischen Horizont und Holzspielzeug. Da waren jeweils die ersten Werke umwerfend, aber mit der Zeit versandeten beide Gruppen in ihren mehr und mehr in Formeln erstarrenden Einzigartigkeiten. Schöne Langeweile.Unso erfreulicher, dass Múm nun wieder nach über zehn Jahre Pause ein rundum faszinierendes Album vorlegen. Eine lesenswerte Besprechung in Popmatters, und Frank Sawatzki hat diesen Beitrag hier für den DLF gemacht. Er hat einen feinen Sprachstil, den ich von seinen Rezensionen im Musikexpress kannte. Aber die Hauptsache: Múm sind wieder da!
Nach der Produktion von „Northern Song“ verbrachte übrigens Steve Tibbetts einige Tage auf Sylt, und sein erstes Album für ECM könnte allemal beitragen zu einer „history of silence“. „Eine lange Radionacht der Stille“ wäre sowieso ein schönes Thema für den Deutschlandfunk. Und als die Manafonisten 2014 ein Treffen auf der Insel planten, hätte ich beinah „The Sheriffs of Nothingness“ eingeladen, vorm Meer vorzuspielen, vor einer komplett imaginären Stille bis zum Horizont! Places you wanna like to be…!
Twilight Override
„Twilight Override” is a triple album of songs centered on themes of time, aging, fear, and “making peace with something ending.” “If we’re looking at the word ‘override,’ what am I overriding?” Tweedy says. “I mean, twilight’s beautiful . . . but you need to override your fear of it.” (New Yorker)
I love this album from start to end. In these times of democracy dying in darkness and Israel‘s terrible war crimes we have a voice here that never fails. I am careful with phrases pointing to „the healing power of music“, but these songs offer some sort of consolation and elan vital, in spite of everything. There are some echoes from The Beatles to the Velvets, but the music is never bathing in nostalgia or escapism. Deep stuff, fine lyrics, songs to dive into again and again. Twilight Override will rank among my favourite song albums of 2025, along with Luminal by Brian Eno and Beatie Wolfe, Lucrecia Dalt, Jonathan Richman and few others. Don‘t forget to dance! (m.e.)
What a psychedelic sunday!
1:0 gegen Wolfsburg. Überraschende Mails von Beatie Wolfe und Sascha Staat 🎡🎶🥁… Und ein Arbeitssieg mit magischen Momenten! Mit Sascha, dem besten BVB Podcaster ever, treffe ich mich über kurz oder lang in Dortmund. Und Beatie (Eno’s companion in sound & vision) fragte an, ob wir uns vielleicht in Berlin im November treffen können. Mit meinem einstigen Hausarzt Jürgen H war ich erst bei Strobels und dann in der subtropischen „gelben Wand“. Er erinnerte mich noch mal daran, wie ich einst seine Lust an der Literatur neu entfacht hätte, mit Per Olov Enquists „Besuch des Leibarztes“. Und er erzählte von seinen fünf Wochen mit Fähre und Fahrrad im Baltikum. Yep – fantastische Stimmung beim Comeback von Schlotterbeck, der schon einen gefühlvollen Hummels-Gedächtnis-Aussenristpass im Repertoire hatte. Ansatzweise. Das war ein volles Programm heute – Flutlichtspiele liebe ich sowieso. Im Toyota lief tagsüber und abends zweimal ein Konzert der „Phaedra-Tour“ von Tangerine Dream aus dem Sommer 1974. What a psychedelic Sunday!“part of us“
Können wir wissen,
was es bedeutet, frei zu sein?
Dort, im ersten Teil von mirSteck es weg,
du primitives Tier.
Nichts zu Wildes.
Besser zurückziehen.Rufe die Götter an.
Heulend wie Messer.
Kein Lebewesen
wird es überleben.Und wir wissen,
was es bedeutet, Staub zu sein.
Beobachte ihn schlafen,
im letzten Teil von uns.„Wie eine Totenwache“ (von Shaad D‘Souza) –
Die Musikindustrie hat eine gemischte Bilanz, wenn es um Altruismus geht: Für jedes „Concert for Bangladesh“, ein durchdachtes und zeitgemäßes Projekt, das als epochales Kunstwerk Bestand hat, gibt es ein „Do They Know It’s Christmas?“, ein Lied, das von einer Handvoll reicher weißer Musiker konzipiert wurde, die offenbar davon ausgingen, dass die mehrheitlich christliche Bevölkerung Äthiopiens den wichtigsten christlichen Feiertag nicht kannte.
Ich befürchtete, dass „Together for Palestine“, eine große Wohltätigkeitsveranstaltung in der 12.500 Zuschauer fassenden Wembley Arena in London, organisiert von Brian Eno, Khaled Ziada, Khalid Abdalla und Tracey Seaward, in die letztere Kategorie fallen würde: Israel führt seit fast zwei Jahren einen umfassenden Angriff auf den Gazastreifen, und während der größten Teil dieser Zeit hat sich die Führungsriege der Musikindustrie weitgehend zurückgehalten. Viele der Musiker und Redner, die ursprünglich auf dem Programm standen, hatten in den ersten Monaten der Belagerung Israels und der unverhältnismäßig gewaltsamen Reaktion auf die Angriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 kaum ein Wort über Palästina verloren. Dass diese berühmten Namen fast zwei Jahre später Zeit und Energie für diese Sache aufbrachten, empfand ich als einen armseligen Versuch, das zu korrigieren, was sich wie eine Ewigkeit verdammten, verstörenden Schweigens anfühlte.
Das mag bis zu einem gewissen Grad stimmen – ich finde es immer noch beunruhigend, dass so viele, die die Macht haben, große Gruppen von Menschen zu mobilisieren, diese Macht nicht genutzt haben, bis selbst die einst so gefühllosen israelischen Falken begannen, anzuerkennen, dass die Aktionen des Landes in Gaza unmenschlich sind –, aber Together for Palestine war nicht nur eine milde Übung darin, „Liebe in die Welt zu senden” oder in Zeiten sozialer Unruhen apolitische Einheit zu predigen.
Stattdessen fühlte es sich wie eine Totenwache für die mehr als 65.000 Palästinenser an, die von Israel getötet wurden. Trotz der besten Versuche der Musiker auf der Bühne, fröhliche und beschwingte Songs zu spielen – wie zum Beispiel, als Hot Chip, Ibibio Sound Machine und der Trans Voices Chor bei ihrem gemeinsamen Auftritt auf hymnischen Diva House zurückgriffen –, war die Stimmung in der Wembley Arena zutiefst gedrückt. Jeder tapfere, erfolgreiche Versuch, das Publikum zu begeistern und uns daran zu erinnern, wie viel Macht normale Menschen haben, um Regierungen zu beeinflussen und Veränderungen zu bewirken, wurde durch die Erinnerung daran konterkariert, wie wenig Menschen im Westen, von Politikern über Journalisten bis hin zu Zivilisten, getan haben, um Palästina zu unterstützen.

In einer wohltuenden Abwechslung zu den üblichen Benefizveranstaltungen mit Staraufgebot wurde kein Versuch unternommen, so zu tun, als würden wir nicht in trostlosen Zeiten leben.
Die 25-jährige palästinensische Journalistin Yara Eid sprach über den Tod ihres „Seelenverwandten” und Kollegen Ibrahim, bevor sie eine Videomontage vorstellte, die allen palästinensischen Journalisten gewidmet war, die von israelischen Streitkräften in Palästina getötet wurden. Zeichnungen jedes Journalisten sowie Details darüber, wie und wann sie getötet wurden – oft zusammen mit Familienangehörigen oder während ihrer Berichterstattung – wurden in immer schnellerer Folge eingeblendet, bis so viele Verstorbene auf dem Bildschirm zu sehen waren, dass alles statisch wurde. Wie der Experte Mehdi Hasan uns kurz zuvor in Erinnerung gerufen hatte, zeigen Studien, dass während dieses Konflikts mehr palästinensische Journalisten getötet wurden als in Vietnam, Jugoslawien, Afghanistan und beiden Weltkriegen zusammen.
Fortsetzung und kompletter Text HIER (Pitchfork)