• Randnotiz

    Bislang hatte ich ja nur die audio files zur Verfügung von Steve Tibbetts‘ „Close“, was bedeutete, dass ich die Musik auf kleinen Boxen hörte. Das reicht völlig, um Qualität zu beurteilen, aber es ist was anderes, wenn die Cd in den Player einer grossen Anlage geschoben wird, und das war gestern erstmals der Fall. Die Dämmerung draussen passte zur „twilight language“ der Musik.

    In den Klanghorizonten sprach der Mann aus Minneapolis von den 74 Minuten, die das Werk anfangs lang war, und von der Einsicht, es noch einmal verdichten zu müssen. Das ist gelungen, auch wenn ich nicht weiss, wie „Close“ vor den Einschnitten geklungen hat. Jetzt rauschte ich durch das Album hindurch, ohne eine Sekunde der Ermüdung. In meiner Welt (und das Album ist ja jetzt „meins“, um Steve zu zitieren) ist „Close“ ein „instant classic“. Und das „Album des Jahres“.

    Ich werde es so machen wie Jan R. jüngst mit einer Band unserer jungen Jahre, und mir nacheinander alle ECM-Alben von Steve Tibbetts anhören. Ys – Northern Song – Safe Journey – Exploded View – Big Map Idea – The Fall Of Us All – A Man About A Horse – Natural Causes – Life of – Close. Aber bevor ich damit beginne, hat „Close“ Vorrang. In diese Musik mit ihrer besonderen Tracklist einer Reise durch Orte und Zeiten eines Lebens (so unbestimmt in den Worten, so scharf umrissen, voller Atem und Verblüffung in den Klängen), werde ich mich vorerst immer wieder fallen lassen.

    (Auch wenn er noch andere bedeutende Alben ausserhalb des ECM-Universums gemacht hat, sind diese hier wahrscheinlich die perfekte Playlist für mein Steve Tibbetts-Portrait am 22. Januar 2026 um 21.05 Uhr im Deutschlandfunk. 54 Minuten und 38 Sekunden.)

    Zu bestimmten Zeiten des Lebens spielen bestimmte Alben in unser Leben hinein, insofern wir Musik von früh an als Seelennahrung begriffen. Es geht da nicht um den Kanon der Grossartigkeit, sondern um die Schallplatten, die unser Leben mitunter über Nacht veränderten, die Begleiter waren durch Himmel und Hölle. Trost, Medizin, Schutzschild, Selbstverteidigung, Horizont. Manche dieser Alben hatten ihre Zeit, manche verrichten ihr Werk ein Leben lang. In diesem Sinne ist „Close“ das vorläufige Ende einer privaten history of music, die, aus dem Ärmel geschüttelt, eine ganz besondere Perlenschnur freigibt. Die erste Perle trug den Namen Sgt. Pepper.

  • Die Story von „Northern Song“

    Die Anfangsschwierigkeit wirkt erhabenes Gelingen.
    Fördernd durch Beharrlichkeit.
    Man soll nichts unternehmen.
    Fördernd ist es, Gehilfen einzusetzen.

    I Ging, übersetzt von Richard Wilhelm 

    Es war im Jahr 1982, als ich in Bergeinöden erstmals ein Album von Steve Tibbetts bekam. Damals hatte ich auch Scharfgabenstengel, um meinem Unbewussten bei Problemen auf die Sprünge zu helfen. Vor allem in Liebesdingen. Die Musik und das Leben erledigten den Rest. Wenn man der Geschichte und Musik von Steve Tibbetts näher kommen möchte, eignet sich kaum etwas besser wie die Entstehung seines dritten Albums „Northern Song“. In den Nachwehen der Produktion landete Steve sogar eine Woche auf Sylt. Nun, auch da gibt es Stille bis zum Horizont, an den richtigen Stellen. In der folgenden Story wird die Rede sein von jenem Faktor Stille, der auch in seinen wildesten Werken wie „The Fall Of Us All“ oder „A Man About A Horse“ zur Entfaltung kommt. Nicht zuletzt auch auf „Close“, einem Album, das am 17. Okobei bei ECM erscheint, und einen Kulminationspunkt seines Schaffens darstellt. Aber hier ist von den Anfängen die Rede. Den Anfangsschwierigkeiten. Erzählt hat die folgende wahre Geschichte Rob  Caldwell, ziemlich genau vor zehn Jahren. Ich habe etliche Lieblingsalben von Steve Tibbetts. „Northern Song“ ist wunderbar und Nummer 5 oder 6 in dieser Liste. Ausserdem würde das Cover in meiner Sammlung der zehn favourite ECM covers auf jeden Fall auftauchen. Natürlich wird auch die Geschichte des Covers erzählt. Here we go… (m.e.)

    Es ist ein kühler, bewölkter Nachmittag Ende Oktober 1981 in Oslo, Norwegen. So nah am Polarkreis werden die Tage mit dem Herannahen des Winters bereits rapide kürzer, und die Sonne verschwindet schon am Nachmittag hinter dem Horizont. In einem abgedunkelten Studio haben sich der Gitarrist Steve Tibbetts, der Percussionist Marc Anderson, der Produzent und Chef von ECM Records, Manfred Eicher, sowie der Toningenieur Jan Erik Kongshaug für zwei Tage einer dreitägigen Aufnahmesession eingeschlossen. Das Team arbeitet konzentriert an den Tracks für Northern Song, Tibbetts‘ erstem Album für das Label. So könnte die Story beginnen. Und so beginnt sie auch.

    (Fortsetzung folgt weiter rechts, im Oktober Archiv der flowflows – passt doch!)

  • Monthly Revelations (October)


    Es geht los mit einigen Screenshots der Besprechung der 30 Lieder von Jeff Tweedy. Wer auf die Vinylversion wartet, hat es nicht mit soviel Kleingedrucktem zu tun, im Begleitheft von „Twilight Override“. Wunderbar, sich in den Texten zu verlieren und Parallelen im eigenen Leben nachzuspüren. Die Lieder schwingen aus. Danach ein sehr persönlicher Text von Ingo über Wim Wenders, anlässlich von zwei Dokus, die man sich derzeit anschauen kann. Ich habe danach Lust bekommen, mal zur Ausstellung nach Bonn zu fahren von Wims Fotos, und mehr. Anlässlich des Todes von Georg Stefan Troller, erinnert Jan an sein Wien-Buch. Noch einen Monat lang ist unter der Rubrik „Talk“ mein kleines Interview mit Beatie Wolfe zu hören, eher ein Solo von Beatie. Drumherum ältere Brian Eno-Besprechungen und mehr, desses spätes Werk keine Verlangsamungen kennt ausser solchen rein musikalischer Natur! Mit Eno-Alben ist es wir mit Bussen, erst kommt lange keiner, dann drei auf einen Schlag. Und so erscheint am 10. Oktober der dritte Streich „Liminal“ des Duos „Eno/Wolfe“. Was diese 11 Stücke mit Maya Derens legendärem Kurzfilm „Meshes Of The Afternoon“ verbindet, schreibe ich vielleicht noch in einer Besprechung. In der Abteilung „Radio“ meine abgespeckte Version der jüngsten Klanghorizonte, auch weil ein guter Teil der dort präsentierten Musik (Eno/Wolfe, Tibbetts, The Necks) erst in diesem Monat erscheint. Wer von früh an ein Faible für Kriminalromane mit Tiefgang hatte, kam evtl. Nur schwer an den Büchern von Tony Hillerman nicht vorbei, die geschichtsbewusst und ohne jede Verharmlosung von indianischem Leben in Reservaten erzählten, in der Tradition grosser amerikanischer Kriminalliteratur. Die beiden Staffeln „Dark Winds“ sind grandios besetzt, ruhig erzählt, und entführen uns in Hillermans Welt, in die frühen Siebziger Jahre. Mancher mag danach Lust haben, nach einem alten rororo-Bändchen zu stöbern. 1971, lange her, springen wor ein Jahrzehnt weiter, 1981, 1982. In Oslo entsteht ein Album, produced by Manfred Eicher: Northern Song, von Steve Tibbetts und Marc Anderson. Eine besondere Story, nachzulesen im „Archive“ rechts! (m.e.)

  • my favourite 21 albums from the years 2020 until 2025 (strictly ranked… and personal)

    Not forgetting all things lost
    in the fire of our lives
    (as far as we can remember).
    Sometimes, from a distance, everything
    (losses first, and hands still to hold)
    falls into place. No catchy songs,
    no singalongs, no fairytale parallel worlds,
    no hooks, no future evergreens, oh,
    hold on, in their own peculiar way
    Brian Eno’s modern day lamentations are
    a collection of future „everblues“,
    haunting, uncanny, anti-
    grandiose, epic, enigmatic &
    beautiful in a dark way.
    Foreverandevernomore.

    Eins) Brian Eno: Foreverandavernomore
    Zwei) Steve Tibbetts: Close
    Drei) P.J. Harvey: I Inside The Old Year Dying
    Vier) Beth Gibbons: Lives Outgrown
    Fünf) Lambchop: Showtunes

    Ein Wunderwerk ist das Album „Showtunes“, und wenn ich die gute halbe Stunde höre, etwa auf weissem Vinyl mit 45 Umdrehungen pro Minute, gibt es keinen überflüssigen Moment – all diese Samples, akustischen Vignetten, dunklen Winkel, Midi-Verwandlungen, Murmelmelodien etc. fesseln und entfesseln ohne Ende. Von den lyrics und dem Hund auf dem Cover ganz zu schweigen. Verwegen, wie Kurt Wagner Motive des Erhabenen (Oper, Broadway, Sinatra)  in eine erfüllte Leere laufen lässt. „Maybe I’ll break into the movies / Become a star upon the screen / And blow a kiss to a song.“

    Flüchtig gehört, könnte „Showtunes“ arg fragmentiert wirken (ein wildes Puzzle verlorener Momente aus verlorener Zeit), dabei ist es formvollendet. Man stelle es ins Plattentegal neben „Mark Hollis“, „Trio Tapestry“ (das erste Album), „The Marble Index“,  „Open, to Love“, „Nerve Net“, „I Trawl The Megahertz“, „Paris 1919“, „You Want It Darker“, und Jacques Brels letztem Studioalbum, das mit den Wolken und dem blauen Himmel. In genau diesen Regionen bewegt es sich, und bleibt doch ganz bei sich. „It‘s so hard / the air has second thoughts.“ 

    Sechs) Floating Points w Pharoah Sanders: Promises
    Sieben) Tunng: …presents Dead Club 
    Acht) Fire! Orchestra: Echoes
    Neun) Brian Eno & Beatie Wolfe: Liminal
    Zehn) Mette Henriette: Drifting

    Elf) Anouar Brahem: After The Last Sky 
    Zwölf) Natural Information Society: Since Time Is Gravity
    Dreizehn) Lankum: False Lankum
    Vierzehn) The Necks: Travel 
    Fünfzehn Erik Honoré: Triage

    Sechszehn) The Mouintan Goats: Dark In Here 
    Siebzehn) The Coral: Coral Island 
    Achtzehn) Jeff Tweedy: Twilight Override
    Neunzehn) Palle Mikkelborg / Jakob Bro / Marilyn Mazur: Strands
    Zwanzig) Bill Callahan: Gold
    Einundzwanzig) Oded Tzur: Isabela

  • The thing with triple albums

    Hier ist eine kurze und höchst unvollständige Liste von Alben mit mehr als 30 Songs: Das White Album der Beatles aus dem Jahr 1968, das genau 30 Songs enthält. Neil Youngs 1977 erschienene Sammlung Decade, die seine bisherige Karriere umfasst und 35 Songs enthält. Das eindringliche, interkulturelle Traumwerk Sandinista! von The Clash aus dem Jahr 1980, das mit 36 Titeln noch einen drauf setzt. Hinzu kommt Jeff Tweedys eigene 30-Song-Hippie-Jazz-Pop-Odyssee Twilight Override, die die verschiedenen Stränge der mittlerweile vier Jahrzehnte langen Karriere eines unserer großartigsten Melodiker zusammenführt. Mit 58 Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Karriere und seiner kreativen Fähigkeiten, bleibt er gleichermaßen irritierend ambivalent, unergründlich, witzig und fesselnd. Wenn man darüber nachdenkt, ähnelt das Album Twilight Override am ehesten Bob Dylans 1970er Doppel-LP Self Portrait, die damals viel verspottet wurde, aber zutiefst komisch, melancholisch und lohnenswert ist und mit 24 Songs zwischen seltsamen neuen Kompositionen und obskuren Coverversionen wandert. Twilight Override besteht nur aus seltsamen, schönen und abgenutzten Originalen, aber das Gefühl glorreicher Selbstverliebtheit ist typisch für Dylan im Jahr 1970. What is this shit? Wie viel Zeit haben Sie? (Elizabeth Nelson, Pitchfork)

  • Popol Vuh

    „Er war zuerst mal Poet und dann erst Musiker, und sein Gefühl für die innere Struktur eines Filmstoffs war unfehlbar“, sagt der Filmemacher Werner Herzog über Florian Fricke (1944 – 2001), und Michael Cretu (Enigma) ergänzt: „Popol Vuh sind die größten Vorbilder,  die ich je hatte und je haben werde.“

    Popol Vuh, von Florian Fricke gegründet 1969, so benannt nach dem heiligen Buch der guatemaltekischen K’iche‘-Maya, gehörte fraglos zu den bemerkenswertesten Erscheinungen der frühen deutschen Rockszene — aber schon da zögert man, denn Rockmusik war das eigentlich nicht, was die Band zu Gehör brachte.

    Was aber war es dann? An genau dieser Frage hangelt sich die jetzt vorgelegte Biografie entlang. Michael Fuchs-Gamböck und Michael Joseph untersuchen „die Klangwelten des Florian Fricke“, wie der Untertitel lautet. Und da gibt es einiges zu entdecken.

    Florian Fricke war der zweite Besitzer eines Moog-Synthesizers in Deutschland nach Eberhard Schoener (der sein Miesbacher Nachbar war) und gilt seit Popol Vuhs Erstling Affenstunde (1970) als Pionier des Elektronik-Rocks. Es wird schnell deutlich, dass er das ohne seinen Mitstreiter, den Musiker und Filmemacher Frank Fiedler, wohl nicht geworden wäre, denn sein Technikverständnis war, sagen wir mal: begrenzt. Und ohne solches spielt der Synthesizer mit dem Musiker, nicht umgekehrt. Insofern war es konsequent, dass Fricke den Moog schon nach dem zweiten Album In den Gärten Pharaos (1971) wieder aufgab (der landete dann bei Klaus Schulze). Da er dafür allerdings eine deutlich durchgeistigtere Begründung angab, hat dieser Schritt seinem Ruf als Pionier nicht geschadet. Erst viel später, als die elektronischen Instrumente deutlich musikerfreundlicher geworden war, kehrte Fricke zu Synthesizern zurück (For You and Me, 1991) und entdeckte mit dem Synclavier auch das Sampling, das dann eine wichtige Rolle in seinen weiteren Werken spielte.

    Einen großen Teil des Buches nimmt selbstverständlich Frickes Zusammenarbeit mit dem Regisseur Werner Herzog ein. In der Tat kann man Fricke wohl als kongenialen Partner bezeichnen; etliche von Herzogs Werken leben von seiner Filmmusik mindestens so stark wie von Herzogs künstlerischer Fantasie. Da hatten sich ganz offenkundig zwei gefunden — ein Glücksfall.

    Ein eigenes Kapitel erhält auch Frank Fiedlers wunderbarer Film „Kailash — Pilgerfahrt zum Thron der Götter“ — eine Art Reisebericht ohne Kommentar, aber natürlich mit der Musik von Florian Fricke, gedreht 1994 auf einer gemeinsamen Reise der beiden nach Tibet. Der Mount Kailash wird als heilig angesehen und darf nur umrundet, aber nicht betreten werden.

    Der komplexen Persönlichkeit Florian Frickes ist nicht leicht beizukommen. In diesem Buch spiegelt sich dies darin, dass die Autoren kapitelweise getrennt vorgehen, wobei jeweils namentlich gekennzeichnet ist, wer gerade spricht. Auch werden verschiedene Darstellungsformen gewählt; essayistische Texte liest man ebenso wie ein langes Gedicht, es gibt einen Ausflug in Frickes Tätigkeit als Kursleiter und Vortragender in Sachen Musik- und Atemtherapie, sehr informativ ist auch ein Gesprächsprotokoll vom Mai 2025 mit Frank Fiedler.

    Mit der Persönlichkeit Frickes gehen die Autoren sehr pfleglich um — kein Wunder, denn sie waren mit ihm befreundet bzw. als Mitmusiker tätig; Frank Fiedler dürfte sogar einer von Frickes engsten Freunden und Mitstreitern gewesen sein. Dass man von anderen, die ihn ebenfalls kannten, durchaus handfestere Aussagen über Frickes Persönlichkeit, insbesondere auch über seinen frühen Tod, zu hören bekommen kann, wird in diesem Buch bestenfalls angedeutet. Das stört aber kaum und wird durch die Vielzahl der Informationen über ihn mehr als aufgewogen.

    Frank Fiedler sagt heute: „Ich bin der große Archivar, wenn man so will. Außerdem waren Florian und ich enge Freunde, wobei wir durchaus mal Streit untereinander hatten. Wie das bei wahren Freunden üblich ist. Wir teilten eine Menge kreativer Ideen, waren ständig im Austausch. Florian und ich wussten voneinander, wie der andere künstlerisch tickt.“ 

    Und Co-Autor Michael Joseph: „Das Thema lässt mich nicht mehr los. Ich werde weiter an der Aufarbeitung dieses Lebens arbeiten, denn die Geschichte von Florian Fricke ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Vielleicht lebt er so in vielen Herzen weiter.“

    In diesem Sinne ist dieses Buch ein guter Anfang. 

    Michael Schmidt-Gamböck und Michael Joseph:
    Popol Vuh — Die Klangwelten des Florian Fricke
    (inklusive Diskografie, Filmografie und Literaturliste)
    edition kopfkiosk im Verlag Andreas Reiffer
    Meine 2025, 188 Seiten, 16 €
    ISBN 978-3-910335-13-4

    Popol Vuh, rechts im Bild Florian Fricke

  • RIP Danny

    Seit neun Jahren habe ich eine Spotify Mitgliedschaft. Meine erste große Entdeckung durch den Algorithmus war die Musik von John Martyn. Ziemlich schnell merkte ich, dass bei den schönsten Aufnahmen von ihm immer Danny Thompson Bass spielte. Den kannte ich auch von „Avocet“ von Bert Jansch, einem anderen Lieblingsalbum, das nur wenig früher entdeckte (Danke, Herr Engelbrecht!). Noch später stellte ich fest, auf wie vielen unglaublichen Aufnahmen er Bass spielte.

    HIER ein sehr schöner Überblick!
    Oder HIER, in fünf Teilen!

    Danny Thompson hat mit 86 Jahren die kosmische Adresse gewechselt.

  • Bericht aus Mainz

    Als ich meine Karte in einer Kneipe in der Nähe des Stadions abholte, wurde klar, dass ich doch nicht auf der Pressetribüne landete, aber einen formidablen Sitzplatz in Höhe des Mittelkreises bekam. Allerbeste Sicht, und kein Sardinendosenbüchsenfeeling wie in der Woche zuvor in der Gelben Wand! Ein grundsolider Auswärtssieg mit magischen Momenten!

    Hier waren keine Klassenunterschiede zu sehen, vielmehr die Kleinigkeiten, die Spiele entscheiden. Ein dezentes Übergewicht individueller Qualität. Nach dem Spiel und nach fünf Spieltagen gibt es nur eine Antwort auf das unausweichliche Thema: es gibt keinen echten „Bayern Jäger“, und spätestens zu Weihnachten wird das Thema ad acta gelegt sein, weil München viel zu souverän agiert, und es bei einem Rennen der üblichen Verdächtigen um die Championleagueplätze 2-4 bleiben wird. Der BVB spielte das Spiel „seriös nach Hause“ mit zwei toll herausgespielten Toren, bei denen mein persönlicher Lieblingsspieler Jule Brandt (grosser Freund von Anime-Filmen und sowieso ein intelligenter Bursche) zu glänzen wusste.

    Zum Aktuellen Sportstudio war ich zurück und bekam unterwegs noch die Radioreportage von dem verrückten 4:6 von Gladbach gegen Frankfurt mit. Ich freue mich natürlich, wenn ein Dortmunder im Sportstudio gastiert, aber das Interview von Katrin Müller-Hohenstein mit Sebastian Kehl hätte ich auch vorher schriftlich „erfinden“ können, so vorhersehbar und hübsch nichtssagend war es. Ein typisches Kehl-Interview im Manager-Sprech: der gute Sebastian ist stets kontrolliert, lässt sich nicht locken, und die gute Katrin ist die personifizierte Gute-Laune-Korrektheit ohne Überraschungswert. Sind ja auch landesübliche alte Hüte, die da Woche für Woche verbraten werden, wie die Frage – gähn, gähn! – nach dem „Bayern-Jäger“.

    Bei dem Spiel gestern kam es nur zu Kurzeinsätzen der Neuen. Ich habe, vom Gefühl her, grosse Hoffnungen, was Fabio Silva angeht, der viel von Europa gesehen hat als Leihspieler der „Wolves“, und zuletzt bei Mallorca seine spielerische Klasse bewies, mit Toren und technischer Rafinesse. Vielleicht wird er bei „uns“ endlich heimisch. Anselmino zwickt es noch in der Wade, und auch bei diesem Neuen mache ich mir keine Sorgen. Er zeigte bei seinem bislang einzigen Auftritt allerfeinste Grätschen, wie man sie von ambitionierten argentinischen Innenverteidigern kennt. Leider ist seine Leihe am Ende der Saison beendet, und er wird zu Chelseas Spielerbasar zurückkehren.

    Chukwuemeka hat alles drauf, was ihn in meinen Augen zu meinem nächsten „favourite player“ machen könnte: einen Blick für die Tiefe des Raumes, spieltaktisches Knowhow und geniale Einfälle. Leider ist seine Vita von permanenten Verletzungen begleitet, deren Ursache man im weiten Feld von „Wachstumsstörungen“ ausmachte. In seinen wenigen Einsätzen konnte man ahnen – und sehen, was in ihm steckt.

    Geduld ist das Zauberwort bei Jobe Bellingham. In einer souveränen Pressekonferenz vor Saisonbeginn zeigte er sich so klug wie selbstbewusst und tat kund, er wolle einer der besten Mittelfeldspieler Europas werden. Derzeit kommt er nicht einmal an Sabitzer und dem leider politisch komplett verpeilten Mnecha vorbei. „Erst kürzlich war der 24-Jährige auf einem Tiktok-Video mit einem Buch vor sich zu sehen, in dem ein evangelikalen Prediger über die Rolle der Frau, wie sie Gott ihr angeblich zugedacht hat, schreibt. Es ist – wenig überraschend – eine untergeordnete Rolle“ (taz)- Frau Hohenstein, da hätten sie mal nachharken können! Ich schweife ab: Jobe und Jude. Ich bezweifle, dass Jobe wie Bruder Jude beim BVB gross Geschichte schreiben wird (und das war ja auch nur eine Kurzgeschichte). Im Moment sehe ich in ihm das Potential eines guten Box-To-Box-Spielers, der in diesem Jahr wohl kein einziges Mal eine 1 oder 1,5 vom „Kicker“ bekommen wird.

    Es hatte jedenfalls riesig Spass gemacht, mal wieder bei einem BVB-Spiel auswärts dabei zu sein. Auf der Rückfahrt, nach gewohnt langer Stauzeit bei solchen „events“ , lief neben den Live-Schaltungen aus Gladbach auch die dritte der drei CDs von Jeff Tweedys zauberhaftem „Twilight Override“. Dreissig Songs – nur einer gefällt mir gar nicht, mit einer kleinen Überdosis Chorgesang. Selten höre ich in Stadien gute Musik – da gibt die übliche Folklore den Ton der „Stimmungsmusik“ an. Unvergesslich jene fünf Minuten vor Jahrzehnten, in denen einst im Westfalenstadion ein Song erschallte, der uns allen etwas über das Leben mitteilt, und damals dermassen in die Bein ging, dass ich nur zu gern dazu getanzt hätte: „Road To Nowhere“ von den Talking Heads. Jetzt gegen Bilbao und Leipzig zwei anspruchsvolle Heimspiele, und dann zu den Bayern. Danach ist wohl erst mal Schluss mit dem „Jägerlatein“ – leider, sagt der Fan in mir!


  • Georg Stefan Troller 1921 – 2025

    Der Journalist, Filmemacher, Schriftsteller und Kenner der klassischen Wiener Kaffeehauskultur hat heute im gesegneten Alter von 103 Jahren seine Adresse von Paris ins Kosmische gewechselt. Wenn das kein Verlust für die Welt ist, dann weiß ich nicht, was einer ist.

    Gerade noch im März dieses Jahres habe ich in diesem Blog an eines seiner Bücher erinnert. 

    The journalist, filmmaker, writer, and connoisseur of classic Viennese coffee house culture has changed his address from Paris to the cosmos today at the blessed age of 103. If that isn’t a loss for the world, I don’t know what is.

    Just last March, I remembered one of his books in this blog.

  • Saving Grace

    Gestern habe ich mir mal ein paar – zumindest für mich – ganz neue Neuerscheinungen aus dem (auf den ersten Blick) Classic-Rock-Segment zugelegt: neben dem Tweedy-Dreier-Album die toll kuratierte 2-CD-Kompilation mit 38 Songs aus 60 Berufsjahren Ronnie Woods, die von einer Wood-Komposition der Birds 1965 bis zu vier bislang unveröffentlichten Stücken reicht – Fearless: Anthology 1965-2025 – mit einigem ziemlich Bekanntem (’ne Handvoll Faces-Klassiker, ’ne Handvoll Stones-„Deep Cuts“ mit Wood-Co-Writing-Credit, die Jeff Beck Group, drei klasse Rod-Stewart-Perlen usw.) und einigem weniger Bekanntem, bspw. einem Duett mit Mick Jagger aus dem Jahr 1974, also vor Ronnies Zeit bei den Stones (von seiner ersten Solo-Scheibe I’ve Got My Own Album To Do) und einigen weiteren Stücken von seinen Solo-LPs, darunter auch Dylans Seven Days).

    Vor allem aber die neue LP von Robert Plant: Saving Grace – und die ist fantastisch. Sehr intensiv, sehr eigen, sehr berührend, bin begeistert, wird garantiert in meiner Jahres-Top10 auftauchen. Schade, dass Plant nur noch so selten neue Platten macht – aber wie toll, dass die dann zuverlässig so große Klasse sind.

    Plants letztes Soloalbum war Carry Fire, und dass das bereits 2017 war, überraschte mich selbst gerade. Für manche Leute sind acht Jahre ja ein kompletter Karrieren-Zeitraum. Auf Saving Grace widmet sich Plant weiter seinem Herzensprojekt seiner späteren Jahre, die Traditionen US-amerikanischer Musik auf raffinierte, berührende Weise in die Gegenwart zu holen. Vielleicht nur Dylan gelangen vergleichbar zeitlos klingende Neuaufnahmen uralter Songs jenseits von Folk und Gospel. Dass neben Memphis Minnie (die älteren von uns erinnern sich an When The Levee Breaks vom vierten Zeppelin-Album) und Blind Willie Johnson auch mal wieder eine Nummer von des (mittlerweile nicht mehr existenten) Duos Low aus Dylans Heimatstadt Duluth, Minnesota, dabei ist, fällt einem erst einmal gar nicht auf. Zehn meisterlich arrangierte Stücke, die gewissermaßen eine intensive Reise durch ein Jahrhundert US-Roots-Musikgeschichte bieten und Türen in alle möglichen Richtungen öffnen.