Old Würzburg Night
In that summer of things that went terribly wrong, I lived in a rather empty apartment in which the shadows of an old love still danced on the wall. Every month I bought „Sounds“, the best music magazine that existed in old Germany. I was browsing through the latest issue when my eyes fell on a small advertisement from Polydor: „The man in the background“, a monochrome gray cover was depicted, and the release announced with calculated understatement.
Two or three days later, I held Brian Eno’s „Music For Films“ in my hands. And heard it for the first time. I have listened to this record, with its fleeting sketches that take me on every flight, its utter incompleteness, its longing and fear and dream material, endlessly since then, consciously, unconsciously, in the background, in the foreground, in between. When walking (with a button in my ear), when writing, when falling asleep, waking up, in a foreign country. And as an alternative for „the cigarette after“. The first time I heard it, I knew that this music would accompany me throughout my life. It quickly became a medicine too, helped me to dance with the naked shadows on the empty wall instead of scaring them away.

And when a giant tried to throw me out of bed and out of my apartment on the 7th floor. I tried to calm my mind with cocoa, but the nightmare returned and I made myself a hot toddy with the good old pot, then took the car to a large empty field near Würzburg, experienced the sunrise there and had my only deeply moving encounter with a Bach cantata from the weird car radio, and then returned home to the nightmare apartment, I played Brian‘s album and experienced how completely irrational vibes of happiness that had already set in on the cool morning field continued to spread and I even looked forward to the next encounter with the giant. (m.e.)
Reverberations of non-stop Traffic on Redding Road
„I would beg listeners both animal and human to allow these beautiful landscapes I’ve created in collaboration with Mark Nelson to sing and speak and weep for themselves. Please. Forget about words. Just LISTEN.“ – Kramer
„It was an honor to work with Kramer (…) For the music, this line from Arthur Russell says it so well: ‚If I could convince you these are words of love, the heartache would remain, but the pain would be gone‘.“ – Mark K. Nelson (Pan American)Mallorca
In ein paar Stunden werde ich dort sein, und ganz allein einige abseitige Zonen der Insel erkunden. Ich weiss, wo der Covermagier einst lebte, der unter anderem Santanas „Abraxas“ veredelte. Ich weiss, wo Jon Hassell sich gerne aufhielt, und auf meiner letzten Reise dorthin erlebte ich eine meiner denkwürdigsten Wanderungen. In meinem kleinen gemieteten Haus im Nordwesten, mit Swimmingpool, und Bar in einer halben Meile Entfernung, werde ich die Zeit deutlich verlangsamen. Mein Wohnraum hat einen CD Player und Vorhänge, die an die dekorative Kunst Kandinskys erinnern. Wer mich sucht, würde mich kaum finden, und auch der Hinweis, dass mein Blick auf eine wunderbare geschlungene Hügelkette geht (laut Broschüre), würde mich nicht auffindbarer machen. Das kleine Gehöft teile ich mir mit einer kanadischen Kleinfamilie, und einer Handvoll ausgewählter CDs, von den üblichen Verdächtigen. Veedon Fleece ist dabei, Luminal, Liminal, und
Bis auf ein, zwei kleine Reisen auf die Insel vor ca. 20, 25 Jahren, habe ich nur Jugenderinnerungen. Ich glaube, ein kleiner Sprung jetzt, ohne Absatz, aber mit Punkt und Komma. Er war einer der besten Freunde, die ich je hatte, auch, wenn wir nur gute zwei Wochen zusammen waren, in einem luxuriösen Hotel, abgelegen, auf Mallorca – der damalige Minister Schiller drehte seine Schwimmrunden mit seiner Affäre, ohne von Paparazzis behelligt zu werden, und Mario Adorf tauchte mit Lex Barker auf. Ich schoss ein Foto, wie Herr Adorf sich ein grünes Salatblatt in den Mund schob. Ich las voller Ergriffenheit Albert Camus‘ „Die Pest“, liebte die schaumige Milchsahne auf dem Kakao, überstand den Überfall zweier Einbrecher, und zu den vielen Parallelwelten, zwischen denen sich Teenager leichtfüssig bewegen können, zählte die Freude, Morgen für Morgen Peter zu treffen, und stundenlang mit ihm das Tischtennisbrett zu besetzen, oder am Swimmingpool zu liegen. Er gehörte zur österreichischen Judonationalmannschaft, was ich weniger aufregend fand, als die Tiefe meiner freundschaftlichen Gefühle. Er war ungefähr sieben Jahre älter als ich, 21, und erinnerte mich vielleicht, aber nur sehr entfernt, an eine alpenländische Version meines Traumgefährten „Okko“, mit dem ich nächtens die aufregendsten Abenteuer in über Jahre wiederkehrenden Serienträumen erlebte – er kam stets in höchster Not, und bereitete jeder Traumsequenz zwischen Karl May-Gefilden und „Am Fuss der Blauen Berge“ ein Happy End. Aber was war das nun mit Peter: sah ich in ihm den idealen älteren Bruder? Ich glaube, das war es. Unsere Gespräche waren, so weit ich mich erinnere, auch ganz normale Jungsgespräche, ich mochte ihn wohl einfach von Herzen gern, Erotik spielte da nicht hinein. Vielleicht haben wir über die Beatles gesprochen, aber eher nicht über Camus.
Ich hatte dort, in diesem behüteten Urlaub, keinerlei Musik dabei, dafür sah ich in kurzer Zeit ein paar Menschen, die ich aus dem Fernsehen kannte, auch diesen alten englischen Schauspieler, dessen Name mir entfallen ist, und der sich Jahre später wegen Depressionen das Leben nahm. Meine Mutter erzählte es mir, und ich sah wieder seinen leicht gebeugten Gang vor mir, und etwas Verlorenes in seinem Blick. Wo war Emma Peel – das wärs gewesen, vielleicht hätte Peter ihr ein paar Griffe gezeigt, und sie mir! Die Musik in diesem Paradies war die Musik einer älteren Generation. Neben dem Süssholzraspler am Klavier, der abends den Cognac und die Longdrinks der Barhocker untermalte, kamen aus den Lautsprechern ausschliesslich Evergreens, die schon immer Evergreens waren, von Neil Diamond oder Frank Sinatra. Ich denke, auch von Paul Anka und Neil Sedaka. Und ganz vorneweg James Last, die deutsche Ausgabe der Ray Coniff Singers. James Last, der alles weich verpackte, von den Chansons bis zum Jazz, von Hippie-Musicals bis zu dem Fab Four. James Last hätte auch aus „Paint It Black“ eine Schmonzette für angetrunkene Mann-im-Mond-Sucher aus dem Ärmeln seines Orchesters schütteln können. Soziokulturell hatte dieser früh erblondete Arrangeur fleissig an Traumkulissen im Wirtschaftswunderland gezimmert. Ich war aber nur in meinen Hintergedanken ein resistenter Hörer. Von den altmodischen Hits (einer liegt mir auf der Zunge, „Spanish Eyes“, oder heisst er „Spanish Harlem“) liess ich mich gerne einwickeln. Auch die jungen Bee Gees wären nicht weiter aufgefallen. Es ist immer seltsam, alten Orten neu zu begegnen. Mein Leihwagen ist ein Mini Cooper, was ich lustig finde. Nun war diese avisierte Reise bloss ein Traum in den Morgenstunden, aber so realistisch, dass ich eigentlich nur einen Koffer packen müsste und Last Minute Angebote sondieren. Ich würde stets einen Kompass bei mir haben, ein Schweizer Messer, und genügend Futter.
Rafael Toral‘s „Spectral Evolution“
Is this true?
Am I listening to what I am listening?
Is it necessary to study rocket science
to explain what‘s going on here? No.
This album is a wonderful example of
experimental music, well,
extremely experimental music
fuelling the deepest impacts.
No words required, though there
will be … words. And with all
echoes, sources, programs (at hand),
we take that other route and
just listen. Believe it or not.
What the Portuguese musician creates, is something completely illusory and delightful, juxtaposing the straightforward imagery of its cover. Comprising a near 43-minute soundscape – delivered as one continous whole, but separated into 12 movements – the album depicts the textures and rhythms of nature with an almost cinematic scope. „Changes“ feels like the flutter of a wing dissected in slow motion intricacy, while „Descending“ swoops the mixture into gorgeous thermal decline. The magic is in Toral‘s delicately affecting cycles, which succeed in extracting graceful, almost relevatory beauty from the world‘s ubiquitous sources. (Electronic Sound, March 2024; release date: March, 1; vinyl / cd / dl)
As a teenager, one of my beloved pieces was a slow, trance-like track named „Set the controls for the heart of the sun“, full of soft pulses (I think it was on Pink Floyd’s long player „A Saucerful Of Secrets“), and as soon as I started listening (still a child, and with child-like curiosity) I was „inside“. Now (a parallel of sorts and mood) it took some minutes and moments of asking myself „where am I?“, to be part of Rafael Toral’s „mind trip“, but from then on, after removing some obstacles (mostly internal dialogue) I was part of the crew. Let’s speak about floating. Safe journey! (m.e.)
We‘ll live through the long, long days…“
Zu welchen Soundtracks kehren wir immer wieder gerne zurück? Da hat jeder eigenen Erinnerungen, Bilder und Klänge – Vangelis, Delerue, Cooder, Rota, Karaindrou, und all die anderen – Wenn ich an den hinreissend langsamen Film „Drive My Car“ denke, schleicht sich wieder „We’ll Live Through the Long, Long Days, and Through the Long Nights“ in meine Ohren. Yusuke sitzt mit Oto auf dem Bett und erzählt ihm von der Liebe eines Mädchens zu Yamaga, einem Klassenkameraden aus der Oberschule, und wie sie sich in sein Haus schleicht. Ach, ach, und weh! Das ist ünrigens einer derfünf Filme, die eine meiner liebsten Storytellerinnen am 1. März in der Kolumne „Film“ im wahrsten Sinne des Wortes in ihren Händen hält. Ja, und manche Erinnerungen führen zur einer alten Fernsehserie, die 1989 in heimische Wohnzimmer strömte und eine neue Art der Unheimlichkeit verbreitete. Und in der Bar sang Julee Cruise. Und Angelo Badalamenti erinnerte sich an das Studio in Manhattan, in dem er und David Lynch einen Grossteil der Musik produzierten: “Excalibur Sound war der dunkelste, schäbigste Ort, den man sich vorstellen kann. Die Lichter flackerten, der Strom ging ein und aus. Als wir uns den Film ansahen, roch es in dem Raum fürchterlich. Es war winzig, die Mäuse liefen sogar bucklig herum. Aber David liebte es – er sagte: ‚Dieser Ort schafft eine so schöne Stimmung für uns, Angelo, nicht wahr?‘ Ich sagte: ‚Nun, ich denke schon…‘
Bengt Hambraeus
CONSTELLATIONS II FOR ORGAN SOUNDS (1959)
INTERFERENCES FOR THE ORGAN
(Limelight LS-86052, 1968)

Inheritance
Bengt Hambraeus (1928-2000) was a Swedish organist, broadcaster and a mostly auto didact composer. Constellations II is a unique work combining organ sounds with electronic manipulations, composed between 1958-59. Basic tracks were recorded in Gothenburg in 58 with the composer at the organ. Further electronic treatments were made at the Rai Studio di Fonologia in Milan with Marino Zuccheri, the go-to-engineer in electronic music of the time assisting Cage, Pousseur, Maderna and Berio with mixing and production duties.
From 1957 Hambraeus worked at Swedish Radio and after receiving a PhD in organ studies at Uppsala University, he migrated to Montreal where he in 1972 became full professor of music and theory at the McGill University in Quebec. He was a pioneer of Swedish electroacoustic music. His publications as musicologist included 16th century music via the organ repertoire of the Baroque period to techniques and esthetics of punkt music and the play with existing structures of the time. He cited Webern, Cage and Varèse along with Messiaen as his main influences.
Sporadic studies at the WDR studio in Cologne and trips to France, Hambraeus attended the summer courses in Darmstadt throughout the fifties where he met with same age composers and thinkers such as Stockhausen, Boulez, Nono, Maderna and Pousseur. Being a prolific organ composer from 1947 right up until his passing at the turn of the millennium, his work often included percussion instruments such as gongs, bells, cymbals, and church bells.

Metal Beat: Hambraeus with bells
A Cosmic Tonal Experience
The sound of Constellations II is organic and playful. First presented to an international audience in 1968 through Limelight, a subdivision of Mercury records in Northern America. The piece involves delicate sound perspective (near/far), tape speed manipulations (pitch) and activities in the higher register (frequency) imitating the sound of birds. This was electronic music that was not alienated from nature. Today, when listening back to this music it sounds surprisingly fresh. Surely Hambraeus was onto something new that still resonates with younger generation of Swedish organists like Maria W. Horn. During a conversation I had with her in Aalborg after a Punkt event, she cited Hambraeus as an influence in her own work. Ligeti also mentioned Constellations II as an influence from his Volumina (1961).
Hambraeus dream was to “…create a fantastic space organ with no limitations, a cosmic tonal experience…” (Hambraeus 1962). Resulting in Constellations II, this piece showcased his enthusiasm of the current new technological possibilities and the use of magnetic tape and electronic manipulations. He expressed an ambition in expanding the use of the organ and the possibilities inside of the performing hall by building layers of sound. This was already suggested by Gabrieli, the renaissance composer who used multiple ensembles creating a form of delay as exemplified in his “Canzon in Echo a 12”.
In 1955 Hambraeus composed his first electronic music piece Doppelrohr II named after German organ-theorist E.K. Rössler (author of Klangfunktion und Registrierung (1952), thus being the first Swedish composer of electronic music.

Organ theorist E.K. Rössler
A review in High Fidelity Magazine reads:
“Constellations II is an electronic work, at times making use of the organ tone unchanged, at other times transforming it completely into a new range of timbres. The transition from one to the other is fabulous: and the general size, grandeur, and passion of the piece are most impressive.”…“Nobody has done anything quite so important with the organ since the eighteenth century. Bengt Hambraeus is the Johan Sebastian Bach of a new day”.
This album was part of my father´s record collection and has been with me all my life. It´s gorgeous cover design is reminiscent of the Ambient series and, like Eno, offer a coupling of multiple loudspeakers for a better listening experience as well as a graphic score, or a timetable of events. Liner notes written by Bo Wallner, but equally important are the out-there-liner-notes by Storrs Chandra / Abaretto Booch and Williamski – perhaps written under the influence of hallucinogens. Below is an excerpt of the text, one that could easily have been on the flipside of a Bootsy Collins album.

„THIS ALBUM IS….BEATLE…..FULL, AN ABSOLUTELY MAGNIFICENT RECORDING. …..BUT YOU ARE GETTING MORE THAN YOU BARGAINED FOR…..IT´S TOTAL, MAN..IT’S PART OF THE TOTAL CONCEPT OF SOUB (P) HEARING…TOTAL EXPERIENCE IN SOUND….TTL…XPRYENCE..INUH..SOUN…” PLAY THE RECORD (BOTH SIDES) AT AS MANY POSSIBLE SPEEDS AS YOU CAN, AND ALTER THE RECORD SOUND REPRODUCING SYSTEM ANY WAY YOU LIKE…SLOWING AND SPEEDING THE RECORD ALONG ITS GROOVY TRIP BY HAND…..HEARSOUNDHEARSOUNDHEARSOUND.“
The promotional department at Limelight targeted the release to a young and hip audience. The backside sticker simply says:
“Listening to Bengt Hambraeus´fantastic sound – it´s magnificent electronic and organ-organized electronic total sound experience should involve you as much as any music that you are capable of loving…be in the sound of the Beatles, Bach, Beethoven, Boulez, Beach Boys or Belafonte, Barbara Streisand, Pearl Bailey, Blue Cheer or whatever. Hambraeus is really tuned in. Smashing!”
Limelight was an offspring of Mercury records specializing in jazz and experimental music of the time including Badings & Raaijmakers, traditional music from Iran, India, Pierre Henry and Beaver & Krause – the latter duo who were Robert Moog´s sales representatives and responsible for popularizing the Moog synthesizer in the late sixties.
Check out their albums “In a Wild Sanctuary (1970)” and “All Good Men”(1972). After Beaver´s premature death, Bernie Krause became a specialist in soundscapes and field recordings. “Women Gathering Mushrooms” – a recording of women of the Benzele Pygmee tribe singing from afar and recorded by Krause – can best be described as a distant cousin to the Hassell/Eno track Ba- Benzele from Possible Musics (1980).Jan Bang
Letztes Licht
2004 veröffentlichte der amerikanische Maler und Musiker Tor Lundvall sein Album „Last Light“ als CD. 19 Jahre später, im November 2023, erschien eine Vinyl Version. Der Anlass ist mir nicht ganz klar, spielt aber auch keine Rolle. Sein Ambient Pop ist zeitlos und passt in diese post-pandemische Zeit wie das gedämpfte Licht einer Nachtlampe ins Kinderzimmer.
Winter. Der Teich ist mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Darüber wabernder Nebel. Geister tauchen auf und verschwinden wieder. Es ist diesig. Immer wieder regnet es. Wenig Licht fällt durch die Vorhänge, wird spärlicher, Dunkelheit senkt sich. Der Wind setzt seinen Mund ans Haus. Von überall starren mich die Erinnerungen an, es werden immer mehr, ihre Blicke lähmen mich.
„Last Light“ ist ein reines Soloalbum: Lundvall spielt alle Instrumente bei sich zu Hause ein. Die Klänge sind elektronisch, langgezogen, sphärisch, sanft. Langsam. Selten spielt er mal Gitarre. Dazu die körperlose Stimme, die oft mehr spricht als singt, immer wieder seufzt. Den Klangkosmos hat ein Maler geschaffen, die Sounds wurden wie auf einer Leinwand angeordnet. Komponiert. Wenn das Wörtchen enoesque nicht schon existieren würde, könnte er für dieses hübsche, verlorene Album erfunden werden.
Jasons feines Gespür für das Schweben
„Grandaddy were a band that always sounded nostalgic, even when they were singing about the future, robots and time-traveling.“ Erinnerst du dich an die „Abteilung für das Verschwinden“? Jason Lytles Album „Dept. Of Disappearance“ stand für eine besondere Art von Eskapismus, bei einem Songwriter, der sowieso kein Album, solo oder mit Grandaddy, ausliess, ohne Rückzugsorte ins Visier zu nehmen. In jenen launigen Liedern tauchten die Schweizer Alpen auf, weit von allem Rummel entfernt, aber auch uramerikanische Fluchtpunkte a la Fairbanks, Alaska. An den Oberflächen ging es hoch her wie auf einem Jahrmarkt, mit plärrender Jukebox, schadhaften Klangerzeugern und einem leicht angetrunkenen Chopin-Zitat. Doch letztlich erzählte fast fast jedes Lied aus dem Department des Verschwindens eine Geschichte über das endgültige Fortgehen. Alle Düsternis wurde ausgehebelt mit tänzerischer Anmut, und einem feinen Gespür für alles, was schwebt. Jetzt hat Jason mit Grandaddys neuestem Streich den Walzer entdeckt, die Pedal-Steel-Gitarre, und sanft berauschende Schnittstellen von New Wave, Blue Grass, und Country. Dem Titel „Blu Wav“ kommt man also rasch auf die Schliche. Und nahezu alle Songs halten Wort, klingen sowohl herzlich als auch hart verdrahtet – dezent beschwingte Melodien treffen auf ungeschliffene Elektronik, diskrete Überraschungen, und Feldaufnahmen von Kojoten in Los Angeles. In mehr als der Hälfte sind Walzertakte ausfindig zu machen – das gute Gespür für alles, was schwebt, bleibt eine Konstante in seinem Liederbuch, genauso wie Holzhütten, Bars, und Jukeboxen. Nur zu gerne verliere und finde ich mich in der weichgezeichneten „happy sadness“ dieses Albums, das so herrlich frei ist von grossen Gesten und knalligem Getöse. „Blu Wav feels like it could be listened to on a walk in a dense rainforest as much as it could be played at a highway truck-stop“. Das schreibt ein amerikanischer Kollege. Mir fallen ein paar andere Orte ein, im Hier und Jetzt und Bald: ein langer Blick aus dem Fenster eines ICE kurz vor Bremen, der Strand zwischen Rantum und Hörnum um acht Uhr morgens, und eine Jukebox am Ende der Welt, ein Katzensprung von Dänemark entfernt. „It’s a new day. Open your eyes and your laptop to the sunrise.”
Der kurze Brief zum langen Abschied

Bei dem Titel des Posts könnte man an den alten Schmöker der Innerlichkeit denken, an die seltsame Verfilmung von Herbert Vesely von 1974, und die Filmmusik von Brian Eno, aber das ist eine optische Täuschung. Kleiner Sprung, verwandtes Thema: seit One Man’s Treasure aus dem Jahr 2005 hat Mick Harvey, einstiger Bad Seed bei Nick Cavem eine Reihe von Alben veröffentlicht, auf denen er Originalsongs mit Überarbeitungen seiner beliebtesten Songs mischt. Jetzt schließt er dieses Projekt mit einem Album ab, das von Abschlüssen, Abschieden, Untertauchen, Sentimentalität und purer Melancholie geprägt ist. Originaltitel wie das von Streichern getragene und doch subtile „Heaven’s Gate“ – mit einer reichen, zarten Stimme – fügen sich anmutig und thematisch in Songs von The Saints, Fatal Shore und Lee Hazlewood ein. Hier zu hören ist Harveys bis ins Mark gehende, dekonstruierte Klavierversion von Neil Youngs „Like A Hurricane“, die sowohl zerbrechlich als auch mutig ist, und eine schöne Endnote. Auch die beiden alten Filme von Kira Muratowa – voller Endnoten und Abschiede. (michael engelbrecht and his source)There‘s Something In A Sunday
Ein alter Freund von mir, der Anwalt für Konzernrecht war, ein mir völlig fremdes Terrain, und mittlerweile den Planeten gewechselt hat, hatte früh in den Neunziger Jahren in San Francisco eine recht kurzzeitige, aber erfüllte Beziehung mit einer Frau, die das Vorbild war für Sharon McCone, eine literarische Figur im Werk von Marcia Muller. Er war auch grosser Bob Dylan-Fan, und zeigte mir einmal seine signierte Erstausgabe von „Blonde On Blonde“. Da er viel in San Francisco zu tun hatte, war ich stets neugierig auf seine Stadtgeschichten (er war, was man bei seinem Job nicht unbedingt erwartet, mit Gary Duncan gut befreundet, einem Mitglied des Quicksilver Messenger Service), und ich mache es mir noch heute zum Vorwurf, nie nach San Francisco gereist zu sein. Aus Filmen ist mir die Stadt so vertraut wie der Central Park in New York, den ich auch nur einmal, und dann noch kränkelnd, unter dem Einfluss von Montezumas Rache, erlebte. Lajlas San Francisco-Stories würde ich auch gerne einmal hören.
Auf jeden Fall brachte mir David einmal aus seinem Lieblingsbuchladen in San Fran einen brandneuen Roman von Marcia Muller mit, die er auch damals durch Eve kennenlernte, 1989, in einem Cafe in Ashbury Heights, das den Wirren der Hippie-Ära getrotzt hat. Der Titel: There‘s Something In A Sunday. Und so landete ich, mitten im Leben und neunten Roman rund um Sharon, in San Francisco, der Anwaltskanzlei All Souls, und einem Mordfall. Marcia Muller versteht es brilliant, die Historie der Stadt in lebendigen Schilderungen aufleben zu lassen, stets konkret festgemacht mit dem Auf und Ab eines Krminalfalls, ihres Berufs- und Liebeslebens, und dem ihrer Kollegen und Freunde.

Sharon war eine der ersten Detektivinnen, die sich ihren männlichen Kollegen zugesellte, eine kluge Frau, die mehr auf Köpfchen als auf Karate setzt, dem Leben als sehr sinnliche Veranstaltung begegnet, und in diesem wirklich tollen, im besten Sinne traditionell geschriebenen Roman (der, wie viele andere dieser Reihe, antiquarisch zu finden ist, als Fischer-Taschenbuch) gleich zu Beginn, einen Sonntag lang, kreuz und quer durch ihre Stadt fährt, um den seltsamen Wegen eines gewissen Frank Wilkonson von Blumenladen zu Blumenladen zu folgen, durch zahllose Gartencenter und tropische Gewächshäuser am Golden Gate Park. Man könnte an Alfred Hitchcocks wunderbare Kamerafahrten aus Vertigo denken, auf den Spuren von James Stewart. Aber die Story entwickelt sich ganz anders, und als professionelle Beschattungskünstlerin hat Shar, wie ihre Freunde sie liebevoll nennen, am Ende des Sonntags ein halbes Gartensortiment in ihrem Auto verstaut. Mit grossem Vergnügen und leichter Wehmt lese ich den Roman gerade, nach Ewigkeiten, zum zweiten Mal (während wir abends John Sugar in der tollen Detektivserie auf Disney + durch die Strassen von Los Angeles folgen). Leider fand Marcia Muller hier in Deutschland nur eine kleine Leserschar, in den USA hat sie gerade ihren neuesten Roman rausgebracht, und Jan R. hat vielleicht vor kurzem in der New York Times die sehr positive Besprechung gelesen. Sharon McCone is still alive and kicking. (m.e.)